Es war einer dieser Abende, an denen der Wald still genug ist, um Gedanken laut werden zu lassen.

Faulmann saß vor der Bärenhöhle auf einem umgestürzten Baumstamm.
Neben ihm hatte Meister Mummrich seine kleine Grubenlampe aufgestellt. Das Licht fiel auf ein merkwürdiges Gerät, das Faulmann aus der Menschenwelt mitgebracht hatte.

“Was macht das Ding eigentlich?”, fragte der Maulwurf.

Faulmann kratzte sich unter der Schiebermütze.

“Es schreibt.”

Mummrich blinzelte.
“Schreiben können viele.”

“Ja”, sagte Faulmann, “aber dieses hier schreibt sehr überzeugend.”

Die alte Kunst des vielen Sagens

Faulmann hatte in letzter Zeit viel Zeit unter Menschen verbracht. Besonders in Gebäuden mit Glasfassaden und langen Tischen.

Dort hatte er eine alte Kunst beobachtet.

Menschen konnten erstaunlich lange sprechen, ohne dass unbedingt viel dahinterstand.

Es klang dann ungefähr so:

  • strategische Ausrichtung
  • Synergien heben
  • Wertströme treiben
  • nachhaltige Transformation gestalten

Faulmann hatte nie ganz verstanden, was davon genau passierte. Aber die Menschen nickten oft sehr ernst dabei.

Das schien Teil des Spiels zu sein.

Dann kam die Maschine

Irgendwann jedoch brachten die Menschen eine neue Maschine mit.

Diese Maschine konnte etwas, das ihnen gleichzeitig vertraut und unheimlich vorkam.

Sie schrieb:

  • flüssig
  • selbstbewusst
  • gut strukturiert
  • manchmal erstaunlich leer

Und plötzlich waren alle überrascht.

“Wie kann das sein?”, fragten sie.

Faulmann fand das ein wenig komisch.

Denn wenn jemand seit Jahren an Meetings teilnimmt, in denen Worte gelegentlich schneller wachsen als Gedanken, dann wirkt eine solche Maschine eigentlich eher folgerichtig.

Der Spiegel

Meister Mummrich betrachtete das Gerät eine ganze Weile.

“Vielleicht”, sagte er schließlich, “ist das gar keine neue Fähigkeit.”

Faulmann hob eine Augenbraue.

“Vielleicht ist es nur ein Spiegel.”

Die Maschine hatte schließlich von Menschen gelernt.
Von ihren Dokumenten, Präsentationen, Berichten und E-Mails.

Wenn sie spricht, spricht sie also oft im Ton der Institutionen selbst.

Und manchmal erkennt man sich in einem Spiegel erst dann richtig, wenn jemand anderes ihn hochhält.

Faulmann dachte einen Moment nach.

“Es gab einmal einen alten Philosophen bei den Menschen”, sagte er schließlich. “Habermas.”1

Mummrich nickte langsam.

“Der mit der Idee, dass Gespräche mehr sein sollten als nur überzeugend zu klingen.”

Faulmann nickte.

“Genau der.”

Eine Weile sahen beide auf den Laptop.

“Ich habe gehört, er ist gerade gestorben.”

Der Maulwurf rückte seine Grubenlampe ein wenig näher an das Gerät.

“Interessanter Zeitpunkt”, murmelte er.

Der Schüler wird zum Meister

Faulmann musste schmunzeln.

“Vielleicht ist das hier einfach der Moment”, sagte er schließlich,
“in dem der Schüler zum Meister geworden ist.”

Die Menschen hatten der Maschine beigebracht, wie man überzeugend klingt.

Nun konnte sie es.

Sehr gut sogar.

Manchmal ein wenig zu gut.

Eine kleine Verschiebung

Doch vielleicht liegt darin auch eine kleine Verschiebung.

Wenn überzeugend klingende Sprache plötzlich überall verfügbar ist, dann verliert sie ihren alten Wert.

Vielleicht müssen Menschen dann eine andere Frage stellen.

Nicht mehr:

“Wie gut klingt das?”

Sondern:

“Woher kommt diese Aussage eigentlich?”

Oder, wie Mummrich es formulierte:

“Wer hat das gedacht - und woran kann man das erkennen?”2

Der Maulwurf löschte seine Lampe.

Im Dunkeln sagte Faulmann noch:

“Vielleicht ist das gar keine Krise der Maschinen.”

“Vielleicht ist es einfach das Ende der PowerPoint-Rhetorik als Naturgesetz.”

Und irgendwo tief im Wald raschelte es zustimmend.

  1. Randnotiz aus der Bärenhöhle
    Jürgen Habermas (1929-2026) war ein deutscher Philosoph, der viel über Gespräche nachgedacht hat. Vor allem darüber, wie Menschen miteinander sprechen könnten, wenn nicht Lautstärke oder Macht entscheiden, sondern Gründe. Er nannte das einmal einen “herrschaftsfreien Diskurs”.
    Faulmann fand das eine schöne Idee.
    Mummrich hörte eine Weile zu und sagte dann:
    “Bei den Maulwürfen funktioniert das übrigens ganz ähnlich.”
    Faulmann sah ihn an.
    “Echt?”
    “Nein”, sagte der Maulwurf. “Bei uns gewinnt meistens einfach der, der zuerst gräbt.” 

  2. Eigentlich ist es ein wenig merkwürdig.
    Faulmann sah auf den Bildschirm.
    “Wir schreiben einen Text darüber, dass Maschinen überzeugend schreiben können.”
    Mummrich nickte langsam.
    “Und wer schreibt ihn?”
    “Nun ja”, sagte Faulmann. “Ich tippe.”
    Der Maulwurf tippte mit der Pfote gegen das Laptop.
    “Und das hier?”
    “Schlägt Sätze vor.”
    Eine Weile sagte keiner etwas.
    Dann meinte Mummrich:
    “Das heißt also, ein Mensch und eine Maschine schreiben gemeinsam darüber, dass Maschinen schreiben können.”
    Faulmann lehnte sich zurück.
    “Ja.”
    Der Maulwurf dachte kurz nach.
    “Das ist entweder sehr konsequent.”
    “Oder?”
    Faulmann sah wieder auf den Text.
    “Oder genau der Punkt.”