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Wolf Biermann erhielt 1965 in der DDR ein vollständiges Publikations- und Auftrittsverbot. Das Ministerium für Staatssicherheit überwachte anschließend seine Post, sein Telefon, seine Wohnung und seine persönlichen Kontakte. Während des Verbots wurde er von einem westdeutschen Fernsehmagazin heimlich in seiner Wohnung gefilmt. Nach einem Konzert in Köln wurde Biermann 1976 aus der DDR ausgebürgert. Siehe Deutsches Historisches Museum und Bundeszentrale für politische Bildung. ↩
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Biermann schrieb “Ermutigung” nach eigener Erinnerung im Frühjahr 1966 für seinen Freund Peter Huchel. Huchel lebte damals unter Überwachung und war mit einem Publikations- und Ausreiseverbot belegt. Das 1968 veröffentlichte Lied richtet sich gegen Verhärtung, Verbitterung, Angst und Resignation und wurde später zu einem gemeinschaftlich gesungenen Lied auf beiden Seiten der deutschen Grenze. Siehe Ute Elena Hamm, “Ermutigung (Du, lass dich nicht verhärten)” ↩
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Am 29. Mai 2026 veröffentlichten Die Toten Hosen auf dem Bonus-Coveralbum Alles muss raus! eine gemeinsam mit Wolf Biermann eingespielte Fassung von „Ermutigung“. Das Bonusalbum erschien zusammen mit Trink aus, wir müssen gehen!. Am Sonnabend, dem 18. Juli 2026 – dem Tag dieser Szene – spielte die Band im Kölner RheinEnergieSTADION im Rahmen der gleichnamigen Tour. Siehe Die Toten Hosen ↩
Der Sommerhonig ließ sich Zeit

Es war noch früh, als Cpt. Faulmann das Fahrrad in die Elektrokutsche lud. Die Luft hatte jene angenehme Kühle, die ein heißer Tag am Morgen manchmal vorübergehend hat. Auf den Straßen war wenig los. An den Ampeln stand man nicht im Verkehr, sondern nur für sich, was die Wartezeit deutlich übersichtlicher machte.
Bis Euskirchen fuhr der Strom. Danach sollte der Bär übernehmen.
Die Stadt war bereits wach, aber noch nicht mit besonderem Nachdruck. Cpt. Faulmann holte das Rad aus dem Wagen, befestigte die Taschen und prüfte kurz, ob alles dort saß, wo es später vermisst worden wäre. Dann rollte er los.
Der Morgen lag flach über den Feldern. Die Luft war klar, die Wege noch leer, und selbst die Sonne schien zunächst nur mitzufahren. Sie hielt sich etwas über den Dächern und tat so, als habe sie für diesen Tag keine besonderen Absichten.
Dann kam irgendwann Sinzenich. Zuerst die Burg. Sie stand noch vor dem Städtchen, und Cpt. Faulmann verlangsamte nicht nur, sondern bog eigens links ab.
Zur linken Seite lag ein Feld, auf dem ein alter Mähdrescher - vermutlich von Fahr - seinen Altenteil ein wenig zu sehr zum Anlass nahm, sich gehen zu lassen. Rost saß in den Blechen, Pflanzen wuchsen an Stellen, die der Hersteller nicht vorgesehen hatte. Die Ernte war für ihn offenkundig beendet, und über die weitere Verwendung des Feldes bestand zwischen Natur und Maschine noch Gesprächsbedarf.
Wenig später kam das Schlosstor in Sicht. Davor hatten die Besitzer einen kleinen Rastplatz eingerichtet: Tisch, Stühle und Blumenschmuck, freundlich hingestellt für Menschen, die nicht gleich weiterwollten. Es wirkte nicht wie ein offizieller Aufenthaltsbereich. Eher wie eine beiläufige Einladung, für die niemand ein Schild benötigt hatte.

Cpt. Faulmann stellte das Rad ab und sah eine Weile hinüber.
Alte Mauern besitzen die beruhigende Eigenschaft, dass sie nicht sofort beleidigt sind, wenn man nur kurz hinsieht. Sie werden aber auch nicht rot vor Scham, wenn man sie etwas länger betrachtet.
Wenig später lag eine alte Industriemühle am Weg. Eine Burg und eine Mühle noch vor dem Freilichtmuseum waren eine gute Vorbereitung auf den Tag. Die Gegend hatte eine famose Dramaturgie gezeigt. Cpt. Faulmann nahm sie, wie sie kam.
Bei Schloss Eicks hielt Cpt. Faulmann noch einmal an. Das Schloss lag hinter Wasser und Bäumen, ruhig genug, als müsse es nichts mehr darstellen. Das Licht war weich, die Schatten noch lang. Auf der anderen Seite stand ein großes Zelt. Darin war am Vortag offenbar eine Vermählung gefeiert worden - lange und, den zurückgebliebenen Spuren nach zu urteilen, nicht ohne gewisse Ausdauer. Das Fest war vorbei, aber das Zelt schien darüber noch nicht vollständig unterrichtet.
Cpt. Faulmann trank etwas und sah über das Wasser. Zwischen dem alten Schloss und den Resten der vergangenen Festgesellschaft lag ein stiller Morgen, der beiden ausreichend Platz ließ.
Als Cpt. Faulmann weiterfuhr, begann die Wärme langsam aus den Feldern aufzusteigen, mit diesem eigentümlichen Geruch irgendwo zwischen Milchsäuregärung und Geraniol-Frische. Noch war sie angenehm. Jene Sorte Sommermorgen, bei der man glaubt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, weil der Tag seine späteren Einwände noch zurückhält.
Kurz vor neun erreichte Cpt. Faulmann Kommern.
Der letzte Anstieg führte zunächst am großen Parkplatz entlang und dann noch einmal entschieden hinauf zum Eingang des LVR-Freilichtmuseums. Offenbar wollte das Museum vor dem Einlass kurz prüfen, ob seine Besucher auch körperlich hinreichend an der Vergangenheit interessiert waren.
Oben fand das Zweirad einen schattigen Platz. Die Taschen blieben am Rad, und hinter der Kasse begann eine Landschaft, in der Häuser aus verschiedenen Gegenden und Jahrhunderten nebeneinanderstanden, als hätten sie sich nach längerer Reise auf einen gemeinsamen Altersruhesitz verständigt.
Kaum hatte der Bär die Anlage betreten, roch es nach ofenfrischem Brot.
Beim Museumsbäcker lagen Laibe und Brezeln auf der Theke. Cpt. Faulmann kaufte ein Brot für den Abend und eine Brezel für jenen deutlich kürzeren Zeitraum, der unmittelbar nach dem Kauf begann.
Sie war noch warm.
Das Brot wurde sorgfältig im Rucksack verstaut. Die Brezel dagegen hatte von Anfang an weniger langfristige Aussichten. Cpt. Faulmann aß sie auf dem ersten Stück des Weges, während zwischen den Bäumen die ersten versetzten Höfe auftauchten.
Es gibt ausführliche kulturgeschichtliche Erklärungen dafür, weshalb Brot zu den Grundlagen menschlicher Zivilisation gehört. Eine warme Brezel erspart einem vorübergehend die Kenntnis dieser Erklärungen. Das Wesentliche versteht man auch so.
Mit ihrem letzten Stück erreichte Cpt. Faulmann die Baugruppe Westerwald und Mittelrhein.
Ein Schild erklärte, wo er sich nun befand. Geografisch weiterhin in Kommern, selbstverständlich. Vor ihm standen jedoch Häuser, Ställe und Scheunen, die aus verschiedenen Orten des rheinischen Westerwalds hierhergebracht worden waren. Das Museum hatte sie auf wenige Gehminuten zusammengerückt.
Ein echtes Dorf war das nicht.
Dafür fehlten die Bewohner, die Misthaufen, die zufälligen Anbauten und vermutlich mindestens eine alte Meinungsverschiedenheit über eine Grundstücksgrenze.
Aber die Häuser wussten noch ungefähr, wie ein solches Dorf ausgesehen hatte.

Sie standen nicht in einer ordentlichen Reihe. Zwischen ihnen verliefen Pfade, die sich krümmten, Höfe öffneten sich zur Straße, Dächer reichten weit herunter. Wohnhaus, Stall und Scheune gehörten sichtbar näher zusammen, als es heutige Bebauungspläne gewöhnlich vorsehen.
Das Museum zeigte damit keine vollständige Landschaft. Eher einzelne Sätze daraus, nebeneinandergestellt und mit Wegen verbunden.
Cpt. Faulmann ging langsam hindurch.
An manchen Stellen sah es beinahe so aus, als sei das Dorf nur für einen Moment still geworden. Dann tauchte hinter einem alten Hof ein moderner Museumsweg auf, und die Gegenwart räusperte sich.
Im Westerwald hatten Wald, Vieh und Holzkohle lange eng zusammengehört. Als die Eisenindustrie immer mehr Holzkohle verlangte, wurde aus dem Reichtum an Holz vielerorts ein Mangel, der weit über das Holz hinausging. Manche Menschen mussten gehen, einige bis nach Amerika.
Davon war hier wenig unmittelbar zu sehen. Ein Haus kann zeigen, wie jemand gewohnt hat. Es zeigt nicht ohne Weiteres, weshalb er fortging.
Dafür brauchte es ein Schild. Oder Imagination und Vorwissen.
Wenige Schritte weiter begann bereits der Mittelrhein.
Nicht der wirkliche Mittelrhein mit Fluss, steilen Hängen und Zügen, die am anderen Ufer verschwinden. Hier bestand er zunächst aus einem Winzerhof und zwei Kelterhäusern.
Das Museum hatte die Entfernung zwischen Westerwald und Rhein auf wenige Meter verkürzt. Landschaften, für die man draußen ein Fahrrad oder wenigstens einen Fahrplan gebraucht hätte, lagen hier hintereinander wie Kapitel in einem Buch.
Es war bequem. Und ein wenig irreführend.
Draußen hätten zwischen diesen Häusern Kilometer gelegen. Hier genügte eine Wegbiegung.
Der Winzerhof war noch nicht vollständig. An einigen Stellen blieb sichtbar, dass auch alte Welten erst wieder zusammengesetzt werden müssen.
In den Kelterhäusern standen unterschiedliche Pressen: eine mit senkrechter Spindel, die andere mit einem langen hölzernen Balken. Große Holzkonstruktionen für einen Vorgang, der sich recht knapp beschreiben ließ.
Trauben hinein, Druck darauf, Saft heraus.
Die Einzelheiten waren, wie so oft, umfangreicher.
Hacken, Lesekörbe, Bottiche und Weinheber gehörten ebenfalls dazu. Die Dinge standen dort nicht wie in einem beliebigen Gerätehaus. Sie waren so angeordnet, dass man noch erkennen konnte, wie viel Arbeit zwischen Weinberg und Weinglas gelegen hatte.
Das Haus aus Altenburg stand ebenfalls nicht mehr dort, wo es gebaut worden war. Altenburg selbst lag im nördlichen Westerwald. Das Haus dagegen stand seit seinem Abbau in den 1960er-Jahren im Freilichtmuseum, ohne Stall und Scheune, die ursprünglich zu ihm gehört hatten.
Es war also vollständig erhalten und zugleich nicht mehr vollständig. Das Gebäude stammte ungefähr aus der Zeit um 1700. Sein hölzernes Gerüst folgte noch einer älteren Bauweise, nach außen sollte es jedoch moderner wirken. Die Eckbalken waren unten kräftiger und wurden nach oben schmaler. So entstand der Eindruck sauber aufeinandergesetzter Stockwerke. Das Haus gab sich ein wenig fortschrittlicher, als es konstruktiv war. Ein Muster, das Cpt. Faulmann auch aus weniger historischen Zusammenhängen kannte.
In dem Haus standen alte Bienenkörbe. Sie gehörten nicht zufällig in diese Baugruppe. Honig war lange eines der wenigen verbreiteten Süßungsmittel gewesen, Wachs wurde für Kerzen gebraucht. Ein Bienenvolk lieferte Süße und Licht - zwei Dinge, die den Alltag deutlich verbesserten, ohne dass die Bienen deshalb als unkompliziert galten.
Weitere Körbe standen heute still zwischen den historischen Gebäuden. Keine Biene musste darin wohnen. Auch das war Museum: Man zeigte die Form einer Arbeit, während ihr Summen woanders stattfand. Ein Schild teilte mit, dass an diesem Tag die Schauimkerei geöffnet sei.
Cpt. Faulmann las den Hinweis. Eine geöffnete Schauimkerei absichtlich zu übergehen, wäre für einen Bären eine unnötig angestrengte Form der Selbstverleugnung gewesen. Er folgte dem Schild.
Die Schauimkerei lag nur ein kurzes Stück weiter. Dort standen die Honiggläser tatsächlich auf einem Tisch, ein Bienenvolk war in einer Art Schaukasten bei der emsigen Arbeit zu sehen, dazu zwei Imker beim Betrachten der Bienen.
Nachdem der Bär die kleinen Hautflügler gewürdigt hatte, wandte er sich der Frucht ihrer Arbeit zu. Helle Sorten neben dunklen, flüssige neben cremig gerührten. Nach all den versetzten Häusern, rekonstruierten Höfen und verkürzten Landschaften war dies plötzlich sehr gegenwärtiger Honig.
Der Imker erklärte, dass Frühjahrshonig häufig schnell fest werde. Manche Sorten kristallisierten so rasch, dass man früh mit dem Rühren beginnen müsse. Sommerhonig lasse sich oft länger Zeit, bilde später aber gern größere Kristalle. Ganz so ordentlich, erinnerte sich Cpt. Faulmann aus seinen Studien, hielten sich die Bienen allerdings nicht an den Kalender. Entscheidend war vielmehr, welche Blüten sie besucht hatten.
“Frühjahr” und “Sommer” waren für den Imker offenbar nützliche Begriffe, um seine Erfahrung zu operationalisieren.
Für eine Biene waren es vermutlich eher lose Verwaltungsvorschläge.
War Honig erst einmal hart geworden, musste man ihn jedenfalls vorsichtig erwärmen, erfuhr Cpt. Faulmann. Nicht stark, nur gerade so weit, dass er wieder nachgab. Danach wurde gerührt, bis sich die groben Kristalle in eine feinere, cremige Struktur verwandelten.
Der Imker sagte das ruhig und sachlich.
Es ging um Temperatur, Kristalle und den richtigen Zeitpunkt.
Man musste daraus keine Lebensphilosophie machen.
Dann bot der Imker Cpt. Faulmann verschiedene Sorten zum Probieren an. Ein kleiner Löffel führte zum nächsten. Hell, dunkel, mild, kräftiger. Cpt. Faulmann bemühte sich um einen prüfenden Gesichtsausdruck, wie man ihn von Weinverkostungen kannte. Bei Honig wirkte er allerdings weniger wie ein Kenner und mehr wie ein Bär, der versuchte, seine Freude administrativ zu verbergen.
Die Verkostung weckte erwartungsgemäß den Wunsch nach einem eigenen Glas.
Bär blieb Bär, after all.
Cpt. Faulmann traf eine Wahl und griff nach seinem Bargeld.
Es reichte nicht.
Er zählte noch einmal. Nicht weil er an eine überraschende Geldvermehrung glaubte, sondern weil manche Tatsachen erst beim zweiten Zählen ihre endgültige Form erhalten.
Das Ergebnis blieb stabil.
So blieb der Sommerhonig zunächst beim Imker.
Cpt. Faulmann ging weiter, während das Glas auf dem Tisch stehen blieb. Es wirkte nicht, als habe es Eile.
Das passte zu dem, was er gerade darüber gelernt hatte.
Wenig später trat Cpt. Faulmann in den kleinen Dorfladen - und war plötzlich wieder zu Hause und irgendwie auch in der Vergangenheit.
Der Laden selbst war bereits eine kleine museale Erfindung. Das Haus stammte aus Großholbach bei Montabaur, aus dem frühen 18. Jahrhundert, und hatte in seinem früheren Leben nie einen Laden beherbergt. Das Freilichtmuseum hatte ihn später in der ehemaligen Stube eingerichtet, weil solche kleinen Geschäfte in den Dörfern tatsächlich häufig genau dort entstanden waren: in einem Wohnraum, der irgendwann zusätzlich Zucker, Kaffee, Seife und all jene Dinge aufnahm, die Hof und Garten nicht hervorbrachten. Auch die Scheune nebenan gehörte ursprünglich nicht dazu. Sie kam aus Langenscheid.
Das Freilichtmuseum war eben kein versetztes Dorf, sondern ein sorgfältig zusammengesetztes. Die Häuser erzählten ihre eigenen Geschichten und halfen sich gelegentlich gegenseitig bei der Darstellung.
Von alledem dachte Cpt. Faulmann in diesem Moment allerdings nicht.
Er war eben nicht mehr in Großholbach. Nicht im Freilichtmuseum. Nicht einmal in einem bestimmten Jahr.
Er war im Keller seines Elternhauses in Freiburg.
Der Geruch war sofort da: Holz, alte lackierte Flächen, Regale, Werkzeug und jene Vorräte, die lange aufgehoben wurden, weil ihr Wegwerfen eine Entscheidung verlangt hätte.
Es war kein besonders schöner Geruch und auch kein unangenehmer. Er gehörte einfach zu einem Raum, in dem Dinge nicht ständig erklären mussten, weshalb sie noch vorhanden waren.
Manche Erinnerungen kommen über Bilder zurück.
Andere nehmen den kürzeren Weg durch die Nase.
Cpt. Faulmann blieb gleich hinter der Tür stehen und atmete noch einmal ein, vermutlich in der leisen Hoffnung, sein Gedächtnis möge sich beim zweiten Versuch nicht korrigieren.
Tat es nicht.
Hinter dem Tresen stand die Verkäuferin in einer weißen Schürze mit feinen Verzierungen, passend zu der Zeit, die der Laden darstellen sollte.
Sie stand würdevoll zwischen den alten Regalen, mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die eigentlich weder Kostüm noch Rolle brauchte. Die helle Schürze, das dunklere Kleid darunter, die sorgfältige Art, wie sie sich im Raum bewegte - für einen Augenblick schien es, als habe der Laden nicht nur seine Waren, sondern auch die richtige Person dazu aufbewahrt.
Cpt. Faulmann sah vielleicht einen Moment länger hin, als für eine rein museale Bestandsaufnahme notwendig gewesen wäre.
Draußen war der junge Tag inzwischen etwas weitergezogen. Aber durch das Fenster flutete helles Morgenlicht in den Laden. Es stand ihr gut.
“Hier riecht es genau wie bei uns im Keller in Freiburg”, sagte Cpt. Faulmann schließlich etwas ungeschickt.
Sie lächelte, und damit wurde aus dem kleinen Fauxpas ein Gespräch.
Sie kannte den Geruch.
Wahrscheinlich komme er vom alten Lack, meinte sie. Manche Oberflächen behielten so etwas über viele Jahrzehnte bei.
Cpt. Faulmann sah sich um. Das klang plausibel genug. Der Keller in Freiburg besaß einst jedenfalls eine beachtliche Sammlung alter lackierter Dinge.
Das Haus war aus Großholbach ins Freilichtmuseum gekommen.
Der Laden war erst hier eingerichtet worden.
Der Freiburger Keller hingegen war erst vor Kurzem in Cpt. Faulmanns Erinnerung umgezogen.
Und trotzdem standen für einen Augenblick alle drei im selben Raum.
Er ging langsam zwischen den Regalen hindurch. Gläser, Schachteln und Dosen standen dort, alte Verpackungen, kleine Waren, Dinge des täglichen Bedarfs.
Ein solcher Laden hatte also ergänzt, was Hof, Garten und Vieh nicht hergaben. Seine Auswahl war klein; niemand musste zwischen achtundzwanzig beinahe identischen Zahnpasten entscheiden. Dafür gab es manches überhaupt nicht. Cpt. Faulmann betrachtete die Reihen. Merkwürdigerweise sah weniger Auswahl in einem alten Holzregal trotzdem oft hübscher aus.
Dann zeigte ihm die Verkäuferin einen verglasten Ladenschrank.

Es war einer jener Momente, in denen ein Gespräch plötzlich an einem Detail hängenblieb, das man ohne den Hinweis vermutlich übersehen hätte. Zwischen Holz und Glas begann die alte Verbindung zu zerfallen. Kein gebrochenes Brett, keine fehlende Tür, kein Schaden, der einen Raum sofort veränderte. Nur eine schmale Fuge, deren Material langsam aufgab.
Man musste schon ziemlich genau hinschauen.
Cpt. Faulmann schaute ziemlich genau hin.
Es gebe kaum noch jemanden, erklärte die Verkäuferin, der eine solche Verbindung passend erneuern könne. Deshalb werde der Schrank künftig vermutlich nur noch Ausstellungsstücke aufnehmen. Für den normalen Gebrauch sei er inzwischen zu empfindlich.
Das war eine sehr explizite Form des Ruhestands. Der Schrank durfte bleiben. Nur arbeiten sollte er besser nicht mehr.
Dabei sah er weiterhin vollkommen nach Schrank aus. Die Türen waren da. Das Glas war da. Die Beschläge waren da. Nur jene kleine Verbindung, von der die meiste Zeit niemand etwas wissen musste, wurde müde.
Cpt. Faulmann und die Verkäuferin standen eine Weile davor und betrachteten Rahmen, Profile und Übergänge. Sie kamen darüber ins Gespräch, wie viel Sorgfalt manchmal in Dingen steckte, die kaum jemand bemerkte, solange sie funktionierten. Und irgendwann waren sie sich ziemlich einig, dass gerade solche Einzelheiten etwas Wunderbares haben konnten.
Es war ein merkwürdig inniger Augenblick für die Betrachtung einer alten Schrankfuge.
Aber vielleicht musste nicht jede Form von Romantik einen Sonnenuntergang besitzen.
Manchmal reichten Glas, Holz und jemand, der sich vor langer Zeit Mühe gegeben hatte.
Der Moment verging bald wieder.
Zurück blieb ein wenig Melancholie.
Nicht, weil früher alles besser gewesen wäre.
Auch damals hatte es schiefe Regale, nachlässige Handwerker und Schrauben gegeben, die nach getaner Arbeit übrig blieben. Die Menschheit hatte das Improvisieren schließlich nicht erst mit dem Akkuschrauber erfunden.
Aber dieser Schrank war ordentlich gemacht.
Die Sorgfalt war offenbar. Sie hielt das Glas.
Noch.
Wenn man ihn künftig nur ausstellte, würde er vermutlich länger erhalten bleiben. Er würde dann allerdings auch nicht mehr ganz das tun dürfen, weshalb man ihn einmal gebaut hatte. Etwas zu bewahren konnte wohl auch bedeuten, es aus seinem eigentlichen Leben herauszunehmen.
Cpt. Faulmann ließ den Gedanken beim Schrank.
Dort war er gut aufgehoben.
Teil 2 folgt. Darin: ein heißer Backofen, eine Bockwindmühle, zweiunddreißig Grad - und die etwas heikle Frage, wie kitschfrei ein radelnder Bär eigentlich sein kann.
Faulmann und das Lied unter Aufsicht
Am Donnerstag las Dachsbert die Zeitung seines Nachbarn.
Das tat er häufiger. Die Zeitung kam am Donnerstagvormittag, der Nachbar jedoch erst am Abend. Dazwischen lag ein ruhiges Zeitfenster, das Dachsbert für eine nachbarschaftlich nicht vollständig ausgeschöpfte Ressource hielt.
Er nahm die Zeitung nicht einfach mit. Dachsbert war ja kein Dieb. Er las sie auf der schönen Terrasse des Nachbarn und eignete sich lediglich ihren Inhalt an.
Bei Regen wurde diese Unterscheidung vor allem juristisch interessant.
An diesem Donnerstag blieb Dachsbert länger als gewöhnlich im Kulturteil hängen. Dort stand etwas über einen Musiker, einen Pianisten und ein Lied, das in einer politischen Fernsehsendung hätte aufgeführt werden sollen.
Der Musiker hieß Daniel.
Daniels waren gefährlich. Das wusste man spätestens seit der Löwengrube. Schon damals hatten die zuständigen Stellen Schwierigkeiten gehabt, angemessen mit ihnen umzugehen.
In diesem Fall gab es keine Löwen. Es gab eine Senderleitung, einige Programmbestimmungen und eine kurzfristige Ausladung.
Das Lied handelte von der Angst vor erstarkendem Faschismus. Es wollte Menschen ermutigen, sich zusammenzutun, Veranstaltungen zu organisieren, Strukturen zu untersuchen und sich nicht darauf zu verlassen, dass andere die Sache schon regeln würden.
An einigen Stellen wurde das Lied undeutlicher. Es sprach von zu erwartenden Auseinandersetzungen, ließ mögliche Gegenwehr im Halbdunkel stehen und grüßte am Ende Personen, die mit schweren Angriffen auf Angehörige der äußersten Rechten in Verbindung gebracht wurden.
Das große Fernsehhaus war zu der Auffassung gelangt, das Lied könne als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Die Redaktion der betroffenen Sendung sah das anders.
Dachsbert faltete die Zeitung beinahe in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Der Kulturteil stand danach ein wenig hervor. Das war das übliche Risiko geteilter Bildung.
Um zwölf Uhr vierzehn bestellte er einen Fernseher.
Der Fernseher kam am Sonnabend.
Er steckte in einem Karton, der so groß war, dass Dachsbert hinter ihm vollständig verschwand. Man sah nur seine Pfoten, einen Teil seines Rückens und gelegentlich den Lieferanten, der offenbar beschlossen hatte, keine Fragen zu stellen.
“Kostenlos”, sagte Dachsbert, als der Karton endlich im Zimmer stand.
“Der Fernseher?”, fragte Faulmann.
“Der Fernseher und die Lieferung.”
Mummrich klopfte gegen den Karton und begann hineinzukriechen, um die Anschlüsse zu untersuchen.
“Wenn etwas kostenlos ist”, sagte er aus dem Verpackungsmaterial, “gehört meistens etwas anderes zum Lieferumfang.”
Dachsbert hörte ihm nicht zu. Er brauchte den Fernseher für Dienstag.
“Da kommt die Sendung”, erklärte er.
“Welche Sendung?”, fragte Faulmann.
“Die mit dem Lied, das nicht kommt.”
“Was willst du dir an einem Auftritt ansehen, der nicht stattfindet?”
“Genau das”, sagte Dachsbert.
Liora wusste direkt was gemeint war und hatte das Lied wohl bereits gehört. Über weite Strecken sei es vorsichtig, beinahe fürsorglich. Es spreche zu Menschen, die sich allein und ungeschützt fühlten. Es erkläre ihnen, dass sie nicht allein bleiben müssten.
“Das hat man früher gesellschaftliches Engagement genannt”, sagte Dachsbert.
“Manches davon”, sagte Liora.
“Eine Ermutigung also”, sagte Faulmann.
Mummrich kam wieder aus dem Karton und ging zum Plattenschrank. Nach kurzem Suchen kam er mit einer abgenutzten Hülle zurück.
“Eine Ermutigung haben wir schon.”
Auf der Hülle war ein Wolf.1
“Der Name klingt immerhin zuständig”, sagte Dachsbert.
Mummrich legte die Platte auf. Sie knackte einige Male, bevor eine Stimme zu hören war.
“Du, lass dich nicht verhärten”2, sagte Mummrich leise mit und hielt die Platte kurz an.
Dachsbert wartete.
“Und dann?”
“Dann geht es darum, sich nicht verbittern, erschrecken und verbrauchen zu lassen.”
“Das ist alles?”
“Für manche Zeiten ist das ziemlich viel”, sagte Liora, die offenbar auch hier bestens Bescheid wusste. “Der Wolf hat das Lied damals für einen Freund gedichtet. Der durfte nicht veröffentlichen und nicht ausreisen. Er wurde überwacht und in seinem Haus weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Wolf selbst durfte zu dieser Zeit ebenfalls nicht mehr auftreten oder publizieren.”
“Also auch ein Lied, das nicht gesungen werden durfte?”, fragte Dachsbert.
“Der Sänger durfte gar nicht singen”, sagte Mummrich. “Das war gründlicher.”
Liora drehte die Hülle um.
“Das ist wirklich nicht dasselbe”, sagte sie. “Damals wurde ein Künstler über Jahre aus der Öffentlichkeit entfernt. Hier fehlt ein einzelner Auftritt. Das neue Lied kann jeder hören der will.”
“Ich habe nicht gesagt, dass es dasselbe ist.”
“Du warst kurz davor.”
Dachsbert nahm das hin.
“Aber die Lieder wollen etwas Ähnliches”, sagte Faulmann. “Sie wollen verhindern, dass die Angst das letzte Wort bekommt.”
“Das ältere Lied verlangt allerdings, dass man dabei nicht hart wird”, sagte Liora.
“Vielleicht war damals genug Härte vorhanden”, sagte Dachsbert.
“Das ist was dran.”
Das neue Lied wollte nicht nur trösten. Es wollte organisieren, recherchieren und vorbereiten. Dachsbert gefiel das. Trost fand er brauchbar, hielt ihn aber nicht in allen Fällen für eine ausreichende Infrastruktur.
“Es sagt nicht ausdrücklich, dass jemand angegriffen werden soll”, sagte er.
“Nein”, sagte Liora. “Aber es möchte auch nicht, dass die Andeutung überhört wird.”
“Vielleicht braucht Ermutigung irgendwann Zähne.”
“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber dann sollte sie noch wissen, was sie damit tut.”
Die Platte drehte sich weiter.
“Das ältere Lied erinnert an etwas”, sagte Faulmann. “Man muss sich nicht nur gegen das wehren, was andere tun. Manchmal auch gegen das, was ihr Druck aus einem selbst macht.”
Dachsbert sah auf den Plattenteller.
“Das hätte man nach dem neuen Lied besprechen können.”
“Das war vielleicht der ursprüngliche Plan”, sagte Liora.
Faulmann fand es weiterhin möglich, den Schluss des neuen Liedes verantwortungslos zu finden, ohne das ganze Lied zu einem Gewaltaufruf zu erklären. Ebenso konnte man die Ausladung falsch finden, ohne jede Entscheidung über einen Sendeplatz gleich ein Verbot zu nennen.
“Vielleicht ist der Schluss des Liedes schlecht”, sagte er. “Und die Ausladung trotzdem falsch.”
“Das ist sehr unpraktisch”, sagte Dachsbert.
“Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein”, sagte Liora.
“Das ist der Grund, warum es einen größeren Fernseher braucht”, sagte Dachsbert selbstbewusst.
Mummrich nahm die Platte vom Teller. “Leute aus einem westlichen Fernsehhaus haben den Wolf damals heimlich in seiner Wohnung gefilmt”, sagte er. “Weil er öffentlich nirgends auftreten durfte.”
“Damals wollte das Fernsehen zeigen, was nicht gezeigt werden durfte?”, fragte Dachsbert.
“Manchmal.”
„Und heute erklärt es, warum etwas nicht gezeigt wird?“
„Das ist ein ziemlich wilder Vergleich“, sagte Liora.
„Ja“, sagte Mummrich. „Aber ein kleines Geschmäckle hat es schon.“
„Das Lied wird ja nicht verschwiegen“, sagte Liora.
„Nein“, sagte Mummrich. „Nur umsortiert. Aus einem Lied wird ein Gegenstand.“
„Über den man sprechen kann“, sagte Liora. „Solange er nicht singt.“
„Nicht einmal unter Aufsicht“, sagte Dachsbert und setzte den Fernseher auf den Tisch. “Vielleicht braucht Kunst manchmal eine Einordnung”, sagte er.
“Bestimmt”, sagte Faulmann.
“Aber vielleicht besser nicht anstelle der Kunst.”
Faulmann steckte den Stecker noch nicht ein. Offenbar war es leichter, über Mut zu sprechen, wenn er zuvor in eine Pressemappe gelegt worden war. Das war nicht nichts. Aber es war etwas anderes.
Neben der Fernbedienung lag ein Buch mit dem Titel „Überwachung für Anfänger“.
Dachsbert behauptete, es habe kostenlos beigelegen.
„Nun gut, liebe Leute“, sagte Dachsbert schließlich. „Trinkt aus, wir müssen gehen. Ich habe den Eindruck, auch andernorts werden wir heute noch ermutigt.3 Es liegt etwas in der Luft.“
Der Platz, an dem das Lied fehlte
Die Gießkanne mit Weltanschluss

Dachsbert hatte eine Bewässerungssteuerung bestellt. Sie lag auf dem Gartentisch, zwischen einer halbleeren Tasse Kaffee, drei Tonscherben und einem Schraubendreher, der aussah, als habe er schon bessere Tage gesehen.
“Kostenlos”, sagte Dachsbert.
Faulmann nickte vorsichtig. Bei Dingen, die kostenlos waren, nickte er mittlerweile vorsichtig. Es war eine neue Gewohnheit. Kostenlos war selten ein Preis. Meistens war es nur eine noch nicht ausgesprochene Form von erwartbaren Kopfschmerzen.
Seit der Sache mit dem gehackten Chatbot war Faulmann in dieser Frage empfindlich geworden. Nicht klüger. Nur langsamer im Nicken.
“Natürlich kostenlos”, sagte Dachsbert.
“Natürlich”, sagte Faulmann.
Die Kiste war klein, weiß und glatt. Sie hatte keine sichtbare Meinung. Das machte sie verdächtig. Auf der Packung stand etwas von intelligenter Gartenpflege, präziser Feuchtigkeitssteuerung und nachhaltiger Ressourcennutzung. Dachsbert hatte die Anleitung gelesen. Das war bei ihm nie ein gutes Zeichen. Dachsbert las Anleitungen nicht, um Dinge zu verstehen. Er las sie, um herauszufinden, an welcher Stelle sie anfing, ihn zu beleidigen.
“Sie braucht Internet”, sagte er.
“Die Bewässerung?”
“Ja.”
“Für Wetterdaten?”
“Auch.”
Faulmann sah zum Beet. Die Tomaten standen dort mit der stillen Würde von Pflanzen, die schon viel über Menschen wussten und wenig davon für hilfreich hielten.
“Und wofür noch?”
Dachsbert legte die Anleitung auf den Tisch.
“Sie muss mit einem Sprachmodell sprechen.”
Faulmann schwieg. Im Garten war es sehr still. Eine Amsel landete auf dem Zaun, sah die Kiste an und flog wieder weg. Man konnte es ihr nicht verübeln.
“Die Kiste”, sagte Dachsbert, “fragt also irgendwo im Internet nach, ob die Petersilie Durst hat.”
“Vielleicht formuliert sie es höflicher.”
“Das macht es nicht besser.”
Faulmann nahm die Anleitung und las ein paar Zeilen. Die Wörter waren alle freundlich. Das war das Problem. Sie standen da wie Menschen auf einer Messe, die einem erklärten, dass ein Abo eigentlich eine Beziehung sei.
“Und was stört dich daran?”, fragte Faulmann.
Dachsbert sah ihn an.
“Der Garten”, sagte er, “ist hier.”
Das war schwer zu widerlegen.
Später saß Dachsbert in der Laube und befragte die andere Kiste. Die andere Kiste war der kleine graue Rechner, auf dem er inzwischen alles fragte, was früher in den Zuständigkeitsbereich von Nachbarn, Bibliotheken oder unklugen Selbstversuchen gefallen war.
“Kann man das auch lokal machen?”, fragte er.
Die Kiste antwortete lange. Dachsbert las mit wachsender Verärgerung.
“Sie sagt, ich brauche eine gute Grafikkarte.”
“Für die Petersilie?”
“Für die Entscheidung über die Petersilie.”
“Das ist etwas anderes”, sagte Faulmann.
“Nein”, sagte Dachsbert.
Die Kiste empfahl außerdem Arbeitsspeicher, ein Modell, ein paar Installationsschritte, ein Repository, zwei Konfigurationsdateien und eine Haltung gegenüber Fehlermeldungen, die Dachsbert nicht besaß.
“Ich habe doch keinen Rechner für so etwas”, sagte Dachsbert.
Faulmann sagte nichts. Das war sein Fehler.
Am nächsten Nachmittag bemerkte Faulmann, dass sein Flugsimulator-Rechner nicht mehr unter dem Schreibtisch stand. Er bemerkte es nicht sofort. Zuerst bemerkte er nur eine ungewohnte Leere. Dann ein Kabel, das nirgendwohin führte. Dann den Staubumriss auf dem Boden. Es ist erstaunlich, wie vorwurfsvoll Staub sein kann, wenn etwas fehlt.
Im Garten stand der Rechner auf zwei Ziegelsteinen neben der Regentonne. Dachsbert hatte ihn mit der Bewässerungssteuerung verbunden. Außerdem mit einem alten Monitor, einer Mehrfachsteckdose, einem Netzwerkkabel, drei Adaptern und einem Gerät, dessen Zweck Faulmann nicht kannte, das aber sehr beschäftigt blinkte.
Faulmann blieb stehen.
“Du hast meinen Flugsimulator-Rechner ausgeborgt”, sagte er.
“Nur vorübergehend.”
“Er steht neben der Regentonne.”
“Der Standort ist thermisch günstig.”
Faulmann betrachtete die Anlage. Auf dem Monitor standen Zeilen, die so aussahen, als hätten sie im Prinzip eine Bedeutung, aber keine Lust, sie jetzt zu zeigen.
“Und läuft es?”
Dachsbert kratzte sich am Kopf.
“Im Prinzip ja.”
“Im Prinzip?”
“Die Kiste hat gesagt, welche Dateien ich ändern soll.”
“Welche Kiste?”
“Die andere.”
Faulmann sah von dem Rechner zur Laube, von der Laube zur Bewässerungssteuerung und dann zu Dachsbert.
“Du hast also eine künstliche Intelligenz gefragt, wie du eine künstliche Intelligenz lokal einrichtest, damit eine Bewässerungssteuerung keine künstliche Intelligenz im Internet fragen muss.”
Dachsbert nickte.
“So grob.”
“Und?”
“Es gab Abhängigkeiten.”
“Das ist bei künstlicher Intelligenz wohl üblich.”
“Nein”, sagte Dachsbert. “Ich meine echte Abhängigkeiten. Pakete.”
Faulmann nickte. Das war offenbar schlimmer.
Dann fiel Faulmann etwas auf.
“Er ist gar nicht an.”
Dachsbert nickte.
“Nein.”
“Mein Flugsimulator-Rechner steht neben der Regentonne, ist mit einer Bewässerungssteuerung verbunden und ist gar nicht an.”
“Das ist richtig.”
“Warum?”
Dachsbert kratzte sich wieder am Kopf. Dort musste inzwischen einiges jucken.
“Mir ist eingefallen, dass es nur um Bewässerung geht.”
“Das war vorher auch schon der Fall.”
“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber es war nicht in der richtigen Größe.”
“Die Bewässerung?”
“Das Modell.”
Faulmann sah den Rechner an. Es war ein sehr großer Rechner für eine Entscheidung, die am Ende offenbar ohne ihn getroffen wurde.
“Du nennst das klein?”, fragte Faulmann.
Dachsbert sah kurz zum Gehäuse.
“Verglichen womit?”
“Mit einem normalen Rechner.”
“Ach so”, sagte Dachsbert. “Ja. Nein.”
“Nein?”
“Für dich ist er groß. Für die Sache ist er klein.”
“Die Sache?”
“Das, womit die großen Modelle gemacht werden.”
Faulmann betrachtete seinen Flugsimulator-Rechner. Er hatte ihn bisher für ein beachtliches Stück Technik gehalten. Nun stand er neben der Regentonne und war offenbar gleichzeitig zu groß für den Garten und zu klein für die Welt.
“Es sieht aus, als würde mein Rechner gleich Möhren kontrollieren.”
“Radieschen”, sagte Dachsbert.
Auf dem Monitor standen weiter Zeilen. Das machte es nicht klarer. Nur fleißiger.
Dachsbert erklärte, dass Modelle groß sein konnten, aber nicht mussten. Dass manche Modelle kleiner waren als andere Modelle, die ohnehin schon kleiner waren als die großen Modelle, von denen alle redeten, als seien sie Bergwerke mit höflicher Stimme. Dass man für die Frage, ob ein Beet gegossen werden sollte, nicht unbedingt die gesammelte Weltliteratur, acht Programmiersprachen und eine Vorstellung von Vertragsrecht in mehreren Jurisdiktionen brauchte.
“Es reicht, wenn es merkt, dass die Erde trocken ist”, sagte Dachsbert.
“Das hätte auch ich gekonnt.”
“Du bist aber nicht per API erreichbar.”
“Das stimmt.”
“Außerdem bist du manchmal unterwegs.”
Faulmann dachte an seine Flugsimulatorflüge, bei denen er in schlechtem Wetter über virtuelle Alpen geflogen war, während im wirklichen Garten die Bohnen etwas näher am existenziellen Rand standen, als Bohnen das vermutlich mochten.
Mummrich tauchte aus dem hinteren Beet auf. Er hatte Erde an der Weste und hielt ein Stück Kabel in der Hand, als habe er es dort unten gefunden, wo Kabel vermutlich auf natürliche Weise wachsen.
“Ich habe etwas Leitung”, sagte er.
Dachsbert nahm sie mit großer Selbstverständlichkeit entgegen.
“Woher?”
“Unter der alten Johannisbeere.”
“Da liegt Internet?”
“Da lag etwas”, sagte Mummrich. “Ich würde es nicht gleich Internet nennen. Es war eher ein Versprechen.”
Faulmann sagte nichts. Im Garten wurden Dinge möglich, für die es in Mietverträgen keine Worte gab.
Dachsbert schloss die Leitung an. Die kleine weiße Steuerung blinkte. Erst vorsichtig. Dann selbstbewusster. Dann in einem Rhythmus, der vermutlich laut Bedienungsanleitung “bereit” bedeutete, aber genauso gut “ich habe eure Schwächen verstanden” heißen konnte.
“Und jetzt?”, fragte Faulmann.
“Jetzt fragt sie ein kleineres Modell im Internet.”
“Du wolltest doch gerade nicht, dass sie das Internet benutzt.”
“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber jetzt benutzt sie es weniger dumm.”
Faulmann ließ diesen Satz eine Weile im Garten stehen. Er war nicht falsch. Das machte ihn nicht angenehmer.
“Billiger”, sagte Dachsbert.
“Schneller”, sagte Mummrich.
“Und der Garten ist gut bewässert”, sagte Dachsbert.
Die Steuerung klickte. Ein dünner Wasserstrahl begann neben den Tomaten zu laufen. Nicht viel. Gerade genug, dass die Erde dunkler wurde.
Faulmann betrachtete die Tomaten. Sie sahen nicht beeindruckt aus. Pflanzen haben dafür keinen guten Gesichtsausdruck. Vielleicht ist das ihr größter Vorteil.
“Ich bin beeindruckt”, sagte Faulmann.
Dachsbert nickte, als habe er damit gerechnet, aber nicht darauf bestanden. Eine Weile hörten sie dem Wasser zu. Es war ein kleines Geräusch. Fast nichts. Die Art Geräusch, die man erst bemerkt, wenn die großen Geräte aufgehört haben, etwas zu wollen.
Dann sagte Dachsbert: “Das eigentlich Lustige ist ja, dass ich wahrscheinlich auch einfach hätte warten können.”
Faulmann sah zu ihm.
“Warten?”
“Bis es sich rechnet.”
“Das Gießen?”
“Nein. Der ganze Unsinn darum herum.”
Mummrich hob den Kopf. Dachsbert legte die Gießkanne ab und dachte kurz nach. Das tat er selten sichtbar. Meistens geschah es bei ihm unter der Oberfläche, wie bei Wurzeln oder alten Kabeln.
“Das Modell wird ja nicht kleiner”, sagte er. “Also nicht dieses Modell. Das bleibt, wie es ist. Aber die neuen Modelle werden dauernd größer. Und sobald die groß genug sind, sieht das, was gestern noch groß war, plötzlich klein aus.”
“Relative Kleinheit”, sagte Mummrich.
“Genau”, sagte Dachsbert. “Faulmanns Flugsimulator-Rechner ist ja auch schon klein.”
Faulmann sah zur Bewässerungssteuerung. Er ahnte, dass er das noch eine Weile hören würde.
“Der Garten muss also warten, bis die Rechenzentren seine Petersilie ökonomisch eingeholt haben.”
“So ungefähr”, sagte Dachsbert.
“Ein positiver Business Case für Schnittlauch.”
“Man muss mit der Zeit gehen.”
“Offenbar”, sagte Faulmann.
Das Wasser lief weiter. Die alte Gießkanne stand daneben und sagte nichts. Das war ihr gutes Recht. Sie war die einzige im Garten, die nie behauptet hatte, intelligent zu sein.
Dachsbert nahm sie schließlich doch in die Hand.
“Außerdem”, sagte er, “brauche ich gar keine Bewässerungssteuerung.”
“Nein?”
“Ich gieße ja von Hand.”
Er stand auf, ging zum Beet und goss die Tomaten.
Die Steuerung klickte beleidigt. Oder vielleicht klang sie nur so. Faulmann war sich nicht sicher. Bei neuen Geräten war das schwer zu unterscheiden.
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