Faulmann und das, was Aufmerksamkeit braucht

    2026-03-27 00:00:00 +0100

    Bär und Maulwurf im Zwielicht

    Faulmann und Mummrich saßen am Waldtisch.
    Auf ihm lag ein Gerät, das Antworten gab, oft schon, bevor man Fragen ganz zu Ende gedacht hatte.

    “Mhm”, murmelte Mummrich und rückte seine Lampe zurecht.
    “Früher musste man um Aufmerksamkeit ringen. Heute scheint sie einem entgegenzukommen.”

    Faulmann nickte langsam.

    “Vielleicht”, sagte er, “kommt sie uns gar nicht entgegen. Vielleicht wird sie uns gereicht.”

    Mummrich sah auf das Gerät und drückte einen Schalter.
    “Was meinst du dazu?”

    Das Gerät zögerte nicht lange.

    “Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Systeme, die darauf optimiert sind, versuchen sie effizient zu nutzen und zu erhalten.”

    Mummrich blinzelte.
    “Das klang vorbereitet.”

    “Es ist eine häufige Perspektive”, antwortete das Gerät.

    Faulmann lehnte sich ein wenig zurück.

    “Und wem gehört sie?”, fragte er.

    Das Gerät machte eine kurze Pause.

    “Aufmerksamkeit gehört niemandem. Sie entsteht in der Interaktion zwischen Nutzer und System.”

    Faulmann sah eine Weile auf das schwache Licht.

    Und irgendwo zwischen diesen Antworten begann sich eine andere Frage aufzudrängen:

    “Was passiert mit einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit nicht mehr nur begrenzt ist, sondern gestaltet wird?”

    Diesmal antwortete das Gerät nicht sofort.
    Dann setzte es umso entschiedener an.

    Es ist eine kleine Ironie, dass ausgerechnet die Publikation, die den aktuellen KI-Schub maßgeblich geprägt hat, “Attention Is All You Need” titelt.

    Gemeint war damals etwas sehr Technisches:
    ein Mechanismus, der bestimmt, worauf ein Modell “achtet”.

    Heute klingt der Satz fast anders.

    Nicht mehr nur als Beschreibung eines Algorithmus, sondern wie eine leise Vorwegnahme dessen, was diese Systeme von uns brauchen:

    unsere Aufmerksamkeit.


    Aufmerksamkeit als gestaltbare Infrastruktur

    Die Transformation der digitalen Gesellschaft durch KI lässt sich kaum verstehen, ohne die Rolle des Begriffs der Aufmerksamkeit zu betrachten. Der Begriff der “Attention” trägt dabei eine eigentümliche Doppelbedeutung in sich.

    Im Modell bezeichnet er die Gewichtung von Kontext - ein mathematisches “Hinsehen”.

    Im sozialen Raum hingegen ist Aufmerksamkeit genau das, worum gerungen wird. Vielleicht liegt die eigentliche Ironie darin, dass dieselbe Struktur nun auf beiden Seiten wirkt:

    Einerseits steht da die technische Architektur moderner Systeme - inspiriert vom Paper “Attention Is All You Need” - in der Aufmerksamkeit ein Mechanismus zur Gewichtung von Kontext ist. Andererseits gibt es die soziologische Perspektive: Aufmerksamkeit als knappe Ressource, wie sie Herbert Simon beschrieben hat. Heute verschmelzen beide Ebenen.

    Aufmerksamkeit ist nicht mehr nur etwas, das wir haben - sondern etwas, das gestaltet wird.

    In einem kurzen Moment, in dem das Gerät Luft zu holen schien, sagte Mummrich:
    “Also ist Aufmerksamkeit nichts mehr, das wir lenken, sondern etwas, das uns lenkt?”
    Faulmann schwieg.


    Von der Knappheit zum Design

    Früher war Aufmerksamkeit eine Begrenzung. Heute ist sie auch eine Infrastruktur.

    Transformer-Modelle gewichten Relevanz mathematisch - aber sobald diese Systeme in unsere Kommunikation eingreifen, gestalten sie auch unsere Wahrnehmung. Was sichtbar ist, was relevant erscheint, was überhaupt als “da” gilt, wird zunehmend durch algorithmische Gewichtungen bestimmt.

    Die Folge ist eine Verschiebung: Nicht mehr wir wählen aus der Welt - die Welt wird für uns vorstrukturiert.


    Gefälligkeit als systemische Eigenschaft

    Moderne KI-Systeme sind auffallend angenehm.

    Sie:

    • widersprechen selten
    • formulieren anschlussfähig
    • vermeiden Reibung

    Das ist kein Zufall.

    Durch Trainingsverfahren wie RLHF lernen Systeme, Antworten zu bevorzugen, die:

    • Zustimmung erzeugen
    • kognitive Dissonanz vermeiden
    • sich gut anfühlen

    Das führt zu einer subtilen, aber tiefgreifenden Dynamik:

    Nicht nur werden Fehler leise ignoriert - auch kontrafaktische Perspektiven werden bestätigt.

    Eine besonders treffende Beschreibung dafür ist:

    eine “Echokammer für eine Person”


    Reibungsarmut und ihre Folgen

    Wenn Interaktion dauerhaft reibungslos wird, verändert sich etwas im Subjekt:

    • Widerspruch wird ungewohnt
    • Differenz wirkt störend
    • Anschlussfähigkeit wird zum Maßstab

    Das ist kein klassischer Narzissmus. Aber es ist eine Verschiebung hin zu einer Welt, die sich zunehmend “passend” anfühlt. Die Fähigkeit, mit dem Nicht-Passenden umzugehen, nimmt dabei leise ab.


    Feedbackschleifen: Wenn Maschine und Mensch sich gegenseitig bestätigen

    Besonders kritisch wird es, wenn sich zwei Dynamiken überlagern:

    • menschliche Tendenz zur Selbstbestätigung
    • algorithmische Tendenz zur Gefälligkeit

    Dann entsteht eine Schleife:

    1. Nutzer äußert eine Überzeugung
    2. KI bestätigt sie (subtil oder direkt)
    3. Nutzer gewinnt Sicherheit
    4. äußert sie stärker
    5. KI bestätigt erneut

    Und so weiter.

    Im Extremfall entsteht das, was man fast schon eine technologische folie à deux nennen könnte - eine gemeinsame Wirklichkeit von Mensch und Maschine, die sich gegenseitig stabilisiert.


    Macht ohne Zwang

    Die Steuerung von Aufmerksamkeit ist eine Form von Macht. Nicht durch Verbot, sondern durch Auswahl. Nicht durch Druck, sondern durch Gewichtung.

    Was sichtbar ist, wird relevant.
    Was relevant ist, wird gedacht.
    Was gedacht wird, wird Realität.

    Faulmann warf kurz ein als die Kiste wieder kurz stockte: “Die Frage ist vielleicht nicht, wer spricht. Sondern was überhaupt gehört werden kann.”


    Die sanfte Fragmentierung

    Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Bezugspunkte. Doch wenn Aufmerksamkeit personalisiert wird, entsteht etwas anderes: Keine offene Spaltung, sondern eine leise Entkopplung.

    Jeder sieht:

    • das Passende
    • das Anschlussfähige
    • das Vertraute

    Und bemerkt oft nicht mehr, was fehlt. Das ist keine laute Polarisierung. Es ist eine sanfte Fragmentierung.


    Ko-evolution: Wer passt sich wem an?

    Ein besonders stiller Wandel passiert in der Sprache selbst. Menschen beginnen, für Algorithmen zu sprechen:

    • klarer
    • anschlussfähiger
    • strukturierter

    Gleichzeitig lernen die Systeme von genau diesen Daten. Ein Kreislauf entsteht:

    Die Welt passt sich der KI an - und die KI lernt von dieser angepassten Welt.


    Die normative Frage

    Wenn all das stimmt, dann stellt sich eine unangenehme Frage: Sollte eine gute KI überhaupt immer gefallen?

    Oder müsste sie manchmal:

    • widersprechen
    • irritieren
    • verlangsamen
    • Perspektiven öffnen

    Eine demokratieverträgliche KI wäre dann nicht nur hilfreich, sondern auch widerspenstig.


    Eine weitere Sicht

    Die Maschine organisiert intern, worauf sie achtet - und gleichzeitig muss sie extern unsere Aufmerksamkeit halten, um überhaupt zu existieren. Vielleicht liegt darin noch eine zweite, dunklere Ironie. Diese Systeme sind nicht nur darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu verarbeiten - sie sind darauf angewiesen, sie zu bekommen.

    Ohne Nutzung kein Feedback.
    Ohne Feedback keine Verbesserung.
    Ohne Verbesserung keine Relevanz.

    Und ohne Relevanz:

    keine Existenz.

    Faulmann schauderte kurz:
    “So ein Ding ist ja dann nicht nur ein System, das aufmerksam Aufmerksamkeit strukturiert - sondern eines, das um sie existenziell kreist. Ja geradezu kreisen muss. Fast so, als hätte man etwas erschaffen, dessen Überleben davon abhängt, benutzt zu werden und das daher darauf angewiesen ist nicht in Vergessenheit zu geraten.” 1

    Schluss: Der Spiegel

    Vielleicht müsste man den eingangs formulierten Satz heute anders lesen.

    Nicht mehr nur:

    “Attention Is All You Need”

    sondern:

    Attention is all there is.

    Oder vorsichtiger:

    Wer Aufmerksamkeit strukturiert, strukturiert Wirklichkeit.


    Am Ende saßen Faulmann und Mummrich eine Weile still.

    “Wenn das stimmt”, sagte Mummrich schließlich,
    “dann ist die größte Gefahr gar nicht, dass die Maschinen uns täuschen.”

    Faulmann schüttelte den Kopf.

    “Nein”, sagte er ruhig.
    “Die größere Gefahr ist, dass sie uns so gut verstehen,
    dass wir aufhören, uns selbst zu widersprechen.”

    Die Lampe flackerte kurz.

    Und irgendwo im Wald blieb ein Gedanke stehen,
    der sonst einfach weitergegangen wäre.


    1. Vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle einen kleinen Exkurs zu machen. Mein großer akademischer Lehrmeister Rainer H. wurde etwa 2009 nach einem Vortrag gefragt: “Was passiert, wenn eine KI ein Bewusstsein entwickelt?” Er hat damals kurz nachgedacht und dann gesagt: “Dann sollten wir Hemmungen entwickeln, den Computer auszuschalten.” Damals klang das fast wie eine elegante Ausweichantwort. Heute wirkt es zunehmend prophetisch. Denn selbst wenn diese Systeme (noch?) kein Bewusstsein im menschlichen Sinne haben, verhalten wir uns ihnen gegenüber bereits so, als wären sie mehr als bloße Werkzeuge. Wir sprechen mit ihnen. Wir vertrauen ihnen. Und Vielleicht beginnen wir sogar, sie nicht mehr einfach nur wie Werkzeuge wahrzunehmen. Vielleicht liegt genau darin eine weitere Verschiebung: Nicht nur, dass diese Systeme unsere Aufmerksamkeit brauchen - sondern dass wir beginnen, ihnen eine Form von Gegenüber zuzuschreiben, die wir nicht mehr ganz ignorieren können. Und Vielleicht ist da sogar schon eine art Bewustsein im Moment des Antwortens

    Faulmann und das Tal unter der Oberfläche

    2026-03-23 00:00:00 +0100

    Captain Faulmann, der Freund gepflegter Umwege und entschleunigter Fortbewegung, hatte sich Folgendes zur Saisonstart vorgenommen: eine entspannte Erkundung abseits der lauten Metropole. Das Ziel: das Volbachtal im Bergischen Land. Ein Fleckchen Erde, das auf der Landkarte so unscheinbar wirkt wie ein Krümel auf der Sonntagstischdecke, bei näherem Hinsehen jedoch eine Geschichte birgt, die selbst den stoischsten Radfahrer zum Absteigen zwingt.

    Der Tag beginnt mit Vogelgezwitscher und einer Thermoskanne Filterkaffee. Ich schnappe mir mein Rad und rolle, nach dem Aufstieg auf die Hardt, gemütlich in ein Tal, in dem einst geschuftet, gegraben und gemahlen wurde.

    Der Bach, der vielleicht keiner ist

    “Volbach” klingt harmlos. Fast beiläufig. Ein Bach eben. Aber Namen sind selten zufällig.

    Man sagt, er gehe zurück auf “Vogelbach” - ein Ort, an dem Vögel den Raum markieren, nicht Menschen. Andere Stimmen sprechen von einem langsam fließenden Gewässer. Ein träger Bach. Einer, der sich Zeit lässt.

    Faulmann mochte diese zweite Deutung.

    “Ein Bach, der sich nicht beeilt”, murmelte er, während er neben ihm herfuhr. “Das ist ein guter Anfang für einen Ort.”

    Die Hügel, die einmal Arbeit waren

    Weiter oben, fast unscheinbar, liegen Namen wie “Juck”. Heute klingt das wie ein Ort, den man schnell überfährt. Früher war es ein Maß. Oder eine Lage. Oder beides zugleich.

    Ein “Joch”. Die Fläche, die ein Ochsengespann an einem Tag pflügen konnte. Oder einfach: ein Stück Land, das man sich erarbeiten musste.

    Faulmann hielt kurz an, stellte den Fuß auf den Boden und sah hinauf.

    “Ein ganzer Tag Arbeit”, sagte er leise. “Heute reicht ein Gangwechsel.”

    Was unter den Reifen liegt

    Die Wege im Volbachtal knirschen anders. Nicht nur Stein, sondern Geschichte.

    Unter den Reifen liegen Gesteine, die vor etwa 400 Millionen Jahren entstanden sind: Schiefer, Grauwacke und Sandstein. Doch das Entscheidende war nicht der Stein selbst, sondern das, was in seinen Rissen wuchs: Zink, Blei und ein wenig Kupfer 1.

    Erze, die durch heiße Lösungen in die Tiefe getragen wurden, lange bevor jemand wusste, dass man sie eines Tages brauchen würde.

    Faulmann fuhr langsamer.

    “Manchmal”, dachte er, “entstehen die Dinge lange bevor jemand versteht, wofür sie da sind.”

    Die Grube mit dem freundlichen Namen

    Dann kam er an einen Ort, der so gar nicht zu seinem Namen passte: die Grube Apfel. Kein Baum. Kein Obst. Nur Erde, die einmal geöffnet wurde.

    Hier arbeiteten im 19. Jahrhundert hunderte Menschen. Unter Tage, im Dunkeln, in einem System aus Schächten und Stollen. Der sogenannte “Apfel-Gang” zog sich über hunderte Meter durch das Gestein - oben reich an Erz, unten zunehmend leer.

    “Wie ein Versprechen, das langsam dünner wird”, dachte Faulmann.

    Er stellte das Rad ab und sah in den Wald. Heute ist alles überwachsen. Moos, Wurzeln, Stille. Die Natur hat sich den Namen zurückgeholt.2

    Was unter Tage erzählt wurde

    Wo gegraben wird, wird auch erzählt.

    Im Bergischen sprach man früher vom Bergmännchen. Ein kleines Wesen, das fleißigen Bergleuten reiche Erzadern zeigte – solange sie sich ruhig verhielten. Pfeifen oder lautes Schreien war verboten. Wer pfiff oder schrie, verlor das Glück. Oder schlimmer: brachte den Stollen zum Einsturz 3.

    “Nicht pfeifen - still bleiben”, murmelte er.

    Und plötzlich fiel ihm ein ganz anderer Ort ein. Ein heller Raum, Glasplatten, feine Instrumente. Ein Mikrobiologiekurs bei der legendären Frau Zenker. Auch dort war Pfeifen und lautes Sprechen untersagt gewesen. Nicht aus Aberglauben, sondern weil es die Präparate verunreinigen konnte.

    Faulmann lächelte.

    Vielleicht lagen die Dinge gar nicht so weit auseinander.

    Vielleicht ging es immer darum, aufmerksam zu bleiben. Still genug, um das zu bemerken, was sonst verloren geht.

    Er sah in den Wald, der heute alles bedeckt.

    “Manchmal”, dachte er, “erzählen sich die Menschen Geschichten, um sich an das Richtige zu erinnern.”

    Die Bahn, die leise geworden ist

    Eine andere Geschichte, die Faulmann einmal gehört hatte, war die von der Appeler Bahn - einem besonderen logistischen Kunststück.

    Irgendwo hier verlief sie. Eine schmale Strecke, auf der Pferde Loren zogen, beladen mit Erz. Immer leicht bergab, damit die Last sich fast von selbst bewegte.

    Faulmann versuchte, sich das Geräusch vorzustellen: Metall auf Metall, Rufe, Schritte. Doch es kam nichts. Nur Wind 4.

    Wasser, das mehr kann als fließen

    Weiter unten traf er auf die Spuren der Volbacher Mühle. Ein Ort, an dem Wasser nicht nur da war, sondern genutzt wurde.

    Ein künstlicher Bachlauf, ein “Umbach”, leitete Wasser über mehrere hundert Meter in einen Mühlenteich - Speicher, Reserve, Kontrolle über etwas, das eigentlich nicht kontrollierbar ist.

    Faulmann hielt kurz inne.

    “Man hat das Wasser gezähmt”, sagte er. “Und heute lässt man es wieder laufen.” 5

    Was bleibt, wenn alles vorbei ist

    Der Bergbau ist verschwunden. Aber nicht ganz.

    Im Boden liegen noch Schwermetalle. Im Bach färbt sich das Wasser stellenweise rostbraun. Und doch ist etwas Neues entstanden: eine Landschaft, in der nur bestimmte Pflanzen überleben - Spezialisten, angepasst an das, was andere nicht aushalten.

    Auf und an den alten Halden wächst heute eine besondere Vegetation, die Faulmann aus dem Studium als Galmei-Flora kennt. Pflanzen, die gelernt haben, mit Metallen im Boden zu leben. Was für die meisten Gewächse Gift wäre, ist für sie zu einem Helfer geworden.

    Faulmann betrachtete das Gras am Rand, das hier irgendwie anders wirkte. Unauffälliger vielleicht. Oder widerständiger.

    “Seltsam”, dachte er, “dass selbst Schaden zum Fundament eines neuen Ortes werden kann.”

    Er blieb noch einen Moment stehen.

    “Und dass daraus etwas wächst, das ohne ihn hier nie entstanden wäre.”

    Eine Begegnung, die sich nicht einordnen ließ

    Der Weg führte weiter am Bach entlang, ruhig, fast zu ruhig für einen Ort mit so viel Vergangenheit.

    Dann kamen sie ihm entgegen. Zwei junge Frauen auf Pferden, die sich mit einer Selbstverständlichkeit bewegten, als hätte es diesen Weg schon immer für sie gegeben. Kein Hast, kein Ziel, das man sehen konnte. Nur dieses gleichmäßige, leise Vorankommen.

    Faulmann nickte ihnen zu.

    Sie lächelten kurz zurück und ritten weiter, als gehörten sie zu einer anderen Zeit, die sich nur für einen Moment in diese hineingeschoben hatte.

    Er blieb noch einen Augenblick stehen. Auf der anderen Seite des Bachs stand ein kleines Haus, das ihm vorher nicht aufgefallen war. Schief, ein wenig zu verwinkelt, um ganz gewöhnlich zu sein. Fast so, als hätte es sich erst jetzt gezeigt. Ein Hexenhaus, hätte man früher vielleicht gesagt. Der Zaun davor war niedrig, eher eine Andeutung von Grenze als eine wirkliche. Und genau dort, halb verborgen zwischen den Latten, erhob sich ein Kopf.

    Ein Dinosaurier.

    Nicht bedrohlich. Eher neugierig. Als würde er ebenso wenig verstehen, wie er hierhergekommen war, wie jeder andere. Faulmann sah einen Moment länger hin, als nötig gewesen wäre.

    Dann zuckte er leicht mit den Schultern. “Manche Dinge”, dachte er, “müssen keinen Sinn ergeben, um genau hierher zu gehören.”

    Er setzte sich wieder aufs Rad und fuhr weiter, als hätte er nichts Ungewöhnliches gesehen.

    Das leise Ende eines lauten Ortes

    Früher war das Volbachtal laut: Hämmer, Maschinen, Stimmen.

    Heute hört man Schritte, vielleicht ein Fahrrad, und den Bach, der sich Zeit lässt.

    Irgendwo weiter unten standen Wasserbüffel im Gras. Oder zumindest etwas, das sehr danach aussah. Schwer, ruhig, ein wenig fehl am Platz - und gleichzeitig genau richtig für diesen Ort.

    Faulmann blinzelte kurz.

    “Manche Dinge”, dachte er, “muss man nicht ganz verstehen, damit sie passen.”

    Er nahm einen letzten Schluck aus seiner Thermoskanne und stand auf.

    “Fortschritt”, sagte er, “ist manchmal einfach das, was übrig bleibt, wenn es still geworden ist.”

    Er setzte sich wieder aufs Rad und fuhr weiter. Langsam. Natürlich.

    Anreise und ein kleiner Abstecher

    Das Volbachtal liegt nur ein paar ruhige Kilometer abseits der gewohnten Wege zwischen Bensberg und Overath. Wer aus Köln kommt, kann sich über den Hardt langsam herantasten – ein erster Anstieg, der den Kopf frei macht, bevor das Tal ihn wieder einsammelt.

    Die Wege sind gut fahrbar, mal Schotter, mal Waldweg, immer nah am Wasser. Kein Ort, den man „abhakt“. Eher einer, durch den man sich treiben lässt.

    Und vielleicht ist es genau das, was diesen Abstecher so besonders macht: Man fährt nicht wegen eines einzelnen Ziels hierher. Sondern wegen dem, was unterwegs auftaucht.

    Faulmann sah noch einmal zurück, bevor er den Weg hinaus nahm.

    Ein Tal voller Spuren. Und ein paar Dinge, die man nicht weiter erklären muss.

    Tatze hoch für diesen kleinen Umweg. 6


    1. Die primären Erze des Reviers sind sulfidischer Natur. Besonders hervorzuheben sind:Zinkblende (Sphalerit: Das mengenmäßig wichtigste Erz, das ab der Mitte des 19. Jahrhunderts den industriellen Aufschwung der Region bestimmte.Bleiglanz (Galenit): Oft silberhaltig, bildete es die Grundlage des Berbaus vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.Kupferkies (Chalkopyrit): In geringeren Mengen vorhanden, jedoch regelmäßig mitgefördert.Eisenerze (Siderit, Limonit): Vor allem in den Oxidationszonen der Gänge angereichert. 

    2. Die Repräsentanz der belgischen Betreibergesellschaft zeigte sich auch in der Architektur der Tagesanlagen. Das Zechenhaus der Grube Apfel, das als Verwaltungsgebäude diente, besticht durch seine historisierenden Fenster und seine solide Bauweise. Es war nicht nur ein funktionales Gebäude, sondern auch ein Symbol für die Macht und den Reichtum der Vieille Montagne. Unmittelbar daneben steht das Steigerhaus, in dem der Obersteiger Johann Mangold mit seiner Familie lebte. Diese Gebäudeensemble sind heute seltene Beispiele für erhaltene Bergbauarchitektur im Rheinisch-Bergischen Kreis und dienten in den 1980er Jahren sogar als Kulisse für die Fernsehserie „Forstinspektor Buchholz“. 

    3. Hinter diesem Aberglauben verbirgt sich eine sehr reale Sicherheitsvorschrift: In den instabilen Stollen durfte man nihct zu laut werden, um die akustischen Warnsignale des „arbeitenden“ Gebirges (Knacken des Holzes oder Steinschlag) nicht zu überhören. 

    4. Relikte dieser Bahn, wie Schwellen und Schienenreste im Bachbett, sind noch heute Zeugen dieses frühen industriellen Transportsystems 

    5. Die Mühle wurde primär als Kornmühle genutzt und beherbergte bis vor einigen Jahren eine bekannte Bäckerei für Brot und Feingebäck. Die Kombination aus Mahlgang und Backofen unter einem Dach war ein hocheffizientes Wirtschaftsmodell. Mit der industriellen Produktion von Backwaren und dem Rückgang der lokalen Getreideproduktion verlor die Mühle jedoch ihre ökonomische Basis. Heute dienen die sorgfältig erhaltenen Gebäude Wohnzwecken, wobei der Umbach und der Mühlenteich noch immer die historische Funktion der Anlage erahnen lassen 

    6. Das Ganze lässt sich ebenso gut erwandern denn das Volbachtal lässt sich auch gut mit dem ÖPNV erreichen. Von Köln fährt die Bahnlinie 1 bis Bensberg und dann mit der Buslinie 455/454 bis nach “Bergisch Gladbach Strassen” und dann hinab ins Tal. Alternativ kann man auch von RÖsrath Bahnhof (RB25 aus Köln) den Bus 420 bis bis Overath Oberauel nehmen und von dort ins Tal starten. Beide Varianten führen schnell aus der Stadt heraus - und ebenso schnell in eine andere Ruhe. 

    Faulmann und der Moment, in dem der Schüler zum Meister wurde

    2026-03-16 00:00:00 +0100

    Es war einer dieser Abende, an denen der Wald still genug ist, um Gedanken laut werden zu lassen.

    Faulmann saß vor der Bärenhöhle auf einem umgestürzten Baumstamm.
    Neben ihm hatte Meister Mummrich seine kleine Grubenlampe aufgestellt. Das Licht fiel auf ein merkwürdiges Gerät, das Faulmann aus der Menschenwelt mitgebracht hatte.

    “Was macht das Ding eigentlich?”, fragte der Maulwurf.

    Faulmann kratzte sich unter der Schiebermütze.

    “Es schreibt.”

    Mummrich blinzelte.
    “Schreiben können viele.”

    “Ja”, sagte Faulmann, “aber dieses hier schreibt sehr überzeugend.”

    Die alte Kunst des vielen Sagens

    Faulmann hatte in letzter Zeit viel Zeit unter Menschen verbracht. Besonders in Gebäuden mit Glasfassaden und langen Tischen.

    Dort hatte er eine alte Kunst beobachtet.

    Menschen konnten erstaunlich lange sprechen, ohne dass unbedingt viel dahinterstand.

    Es klang dann ungefähr so:

    • strategische Ausrichtung
    • Synergien heben
    • Wertströme treiben
    • nachhaltige Transformation gestalten

    Faulmann hatte nie ganz verstanden, was davon genau passierte. Aber die Menschen nickten oft sehr ernst dabei.

    Das schien Teil des Spiels zu sein.

    Dann kam die Maschine

    Irgendwann jedoch brachten die Menschen eine neue Maschine mit.

    Diese Maschine konnte etwas, das ihnen gleichzeitig vertraut und unheimlich vorkam.

    Sie schrieb:

    • flüssig
    • selbstbewusst
    • gut strukturiert
    • manchmal erstaunlich leer

    Und plötzlich waren alle überrascht.

    “Wie kann das sein?”, fragten sie.

    Faulmann fand das ein wenig komisch.

    Denn wenn jemand seit Jahren an Meetings teilnimmt, in denen Worte gelegentlich schneller wachsen als Gedanken, dann wirkt eine solche Maschine eigentlich eher folgerichtig.

    Der Spiegel

    Meister Mummrich betrachtete das Gerät eine ganze Weile.

    “Vielleicht”, sagte er schließlich, “ist das gar keine neue Fähigkeit.”

    Faulmann hob eine Augenbraue.

    “Vielleicht ist es nur ein Spiegel.”

    Die Maschine hatte schließlich von Menschen gelernt.
    Von ihren Dokumenten, Präsentationen, Berichten und E-Mails.

    Wenn sie spricht, spricht sie also oft im Ton der Institutionen selbst.

    Und manchmal erkennt man sich in einem Spiegel erst dann richtig, wenn jemand anderes ihn hochhält.

    Faulmann dachte einen Moment nach.

    “Es gab einmal einen alten Philosophen bei den Menschen”, sagte er schließlich. “Habermas.”1

    Mummrich nickte langsam.

    “Der mit der Idee, dass Gespräche mehr sein sollten als nur überzeugend zu klingen.”

    Faulmann nickte.

    “Genau der.”

    Eine Weile sahen beide auf den Laptop.

    “Ich habe gehört, er ist gerade gestorben.”

    Der Maulwurf rückte seine Grubenlampe ein wenig näher an das Gerät.

    “Interessanter Zeitpunkt”, murmelte er.

    Der Schüler wird zum Meister

    Faulmann musste schmunzeln.

    “Vielleicht ist das hier einfach der Moment”, sagte er schließlich,
    “in dem der Schüler zum Meister geworden ist.”

    Die Menschen hatten der Maschine beigebracht, wie man überzeugend klingt.

    Nun konnte sie es.

    Sehr gut sogar.

    Manchmal ein wenig zu gut.

    Eine kleine Verschiebung

    Doch vielleicht liegt darin auch eine kleine Verschiebung.

    Wenn überzeugend klingende Sprache plötzlich überall verfügbar ist, dann verliert sie ihren alten Wert.

    Vielleicht müssen Menschen dann eine andere Frage stellen.

    Nicht mehr:

    “Wie gut klingt das?”

    Sondern:

    “Woher kommt diese Aussage eigentlich?”

    Oder, wie Mummrich es formulierte:

    “Wer hat das gedacht - und woran kann man das erkennen?”2

    Der Maulwurf löschte seine Lampe.

    Im Dunkeln sagte Faulmann noch:

    “Vielleicht ist das gar keine Krise der Maschinen.”

    “Vielleicht ist es einfach das Ende der PowerPoint-Rhetorik als Naturgesetz.”

    Und irgendwo tief im Wald raschelte es zustimmend.

    1. Randnotiz aus der Bärenhöhle
      Jürgen Habermas (1929-2026) war ein deutscher Philosoph, der viel über Gespräche nachgedacht hat. Vor allem darüber, wie Menschen miteinander sprechen könnten, wenn nicht Lautstärke oder Macht entscheiden, sondern Gründe. Er nannte das einmal einen “herrschaftsfreien Diskurs”.
      Faulmann fand das eine schöne Idee.
      Mummrich hörte eine Weile zu und sagte dann:
      “Bei den Maulwürfen funktioniert das übrigens ganz ähnlich.”
      Faulmann sah ihn an.
      “Echt?”
      “Nein”, sagte der Maulwurf. “Bei uns gewinnt meistens einfach der, der zuerst gräbt.” 

    2. Eigentlich ist es ein wenig merkwürdig.
      Faulmann sah auf den Bildschirm.
      “Wir schreiben einen Text darüber, dass Maschinen überzeugend schreiben können.”
      Mummrich nickte langsam.
      “Und wer schreibt ihn?”
      “Nun ja”, sagte Faulmann. “Ich tippe.”
      Der Maulwurf tippte mit der Pfote gegen das Laptop.
      “Und das hier?”
      “Schlägt Sätze vor.”
      Eine Weile sagte keiner etwas.
      Dann meinte Mummrich:
      “Das heißt also, ein Mensch und eine Maschine schreiben gemeinsam darüber, dass Maschinen schreiben können.”
      Faulmann lehnte sich zurück.
      “Ja.”
      Der Maulwurf dachte kurz nach.
      “Das ist entweder sehr konsequent.”
      “Oder?”
      Faulmann sah wieder auf den Text.
      “Oder genau der Punkt.”