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Fehlende Netzschlüsse sind keine bergische Spezialität, auch wenn das Bergische sie mit einer gewissen landschaftlichen Überzeugungskraft vorträgt. Verkehrsgeschichte ist voll von Linien, die auf Karten sauber ineinandergriffen und in der Wirklichkeit an Geld, Grenzen, Kriegen, Bergen, Zuständigkeiten oder schlicht nachlassender Begeisterung scheiterten. Kanäle, Bahnstrecken, Autobahnen, Brücken, Tunnel - überall gibt es diese weißen Stellen zwischen zwei vernünftigen Enden. Manchmal nennt man sie “missing links”. Das klingt technischer, als es ist. Eigentlich sind es angefangene Sätze aus Beton, Stahl und Planungspapier. Denkt man den Gedanken einen Schritt weiter, gilt das nicht nur für Verkehrswege. Auch anderes endet gelegentlich als Sackgasse, cul-de-sac oder Holzweg. Letzterer hat bei Heidegger immerhin den Vorteil, dass er nicht bloß falsch ist, sondern im Wald verschwindet und dort noch etwas vom Ursprung ahnen lässt. Für Verkehrsplanung bleibt das ein, sagen wir, gemischtes Qualitätsmerkmal. ↩
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Der Name Tuffi führt, wie es sich für diese Gegend gehört, nicht einfach zu Milch, sondern zunächst nach Wuppertal, zur Schwebebahn und zu einer Elefantenkuh. Tuffi war jener junge Zirkuselefant, der 1950 während einer Werbeaktion aus der fahrenden Schwebebahn in die Wupper sprang und den Sturz erstaunlich glimpflich überstand. Später wurde aus dem Namen ein Markenzeichen der Wuppertaler Milchverarbeitung. Das Wort “Elefantenkuh” bleibt dabei eine kleine sprachliche Zumutung. Sachlich ist es korrekt: Eine Kuh ist auch bei Elefanten das weibliche Tier. Im Zusammenhang mit Milchprodukten klingt es trotzdem, als habe die Sprache kurz unbeaufsichtigt im Kühlregal gestanden. ↩
Faulmann und das Fabel-Kastell
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Faulmann kam am späten Nachmittag von der Radtour zurück.
Er schob das Rad die letzten Meter bis zum Waldtisch, als hätte es unterwegs mehr gesehen als er selbst und müsse nun mit besonderer Rücksicht behandelt werden. Am Hinterrad klebte etwas Schlamm. An der Trinkflasche klebte etwas, das vielleicht Schlamm war, vielleicht aber auch eine Entscheidung gegen nähere Untersuchung.
Dachsbert sah auf.
“Und wo ging es hin?”
“Naafbachtal”, sagte Faulmann.
Dachsbert nickte.
“Und?”
“Schön”, sagte Faulmann.
Das war bei ihm kein kleines Wort.
Es war tatsächlich eine sehr gelungene Tour gewesen. Der Weg, der Bach, die alte Mühle, das ruhige Ineinander von Straße, Hang und Wasser. Auch das Rad hatte sich ordentlich benommen, was Faulmann nicht selbstverständlich fand.
Aber “schön” war als Beschreibung zu knapp. Es deckte die landschaftliche Ästhetik und die sportliche Zufriedenheit ab, ließ aber zugleich ahnen, dass da noch etwas anderes gewesen war.
Etwas, das nicht einfach am Wegesrand geblieben war.
Dachsbert wusste das und ließ die Stille arbeiten. Sie war dafür besser geeignet als die meisten Nachfragen.
Faulmann brühte sich einen Kaffee, setzte sich und wartete, bis auch der erste Schluck etwas gesagt hatte.
“Bei Kreuznaaf”, sagte er dann langsam, “steht doch dieses große Haus.”
“Das Schloss, das keins ist”, sagte Liora, die bisher schweigend am Waldtisch gesessen hatte.
“Genau.”
“Castell irgendwas”, sagte Dachsbert. “Oder Kastell. Oder Sonneck. Oder Steineck. Oder Geisterhaus. Ein Gebäude mit mehr Namen als gesunden Balken.”
Faulmann sah auf seine Hände.
“Ich kann mich irren”, sagte er. “Aber ich glaube, das Haus war letztes Jahr noch anders kaputt.”
Für einen Moment wurde es wieder still.
Das war im Faulwald nicht ungewöhnlich. Stille kam dort öfter vorbei und setzte sich ungefragt dazu. Meistens benahm sie sich besser als manche Gäste.
“Anders kaputt?”, fragte Mummrich.
“Ja”, sagte Faulmann. “Nicht nur verfallener. Offener. Schwarzer. Zerbrochene Scheiben. Als hätte jemand dem Haus eine letzte Ausrede genommen.”
Dachsbert verzog das Gesicht.
“Das klingt nach Feuer.”
“Das dachte ich auch.”
“Vielleicht”, sagte Faulmann, “habe ich letztes Jahr auch nicht richtig hingesehen.”
Liora blickte zu ihm.
Das tat sie manchmal, wenn ein Satz nicht sofort weitergeschoben werden sollte.
“Es gibt Gebäude”, sagte Faulmann, “die man nicht besucht. Man legt sie nur im Vorbeifahren irgendwo in sich ab. Und wenn man sie später wieder sieht, merkt man, dass das Bild dort drin inzwischen nicht mehr stimmt.”
Mummrich legte seine Zettel beiseite.
“Wir sollten das nachsehen.”
Dachsbert stöhnte.
“Natürlich sollten wir das. Ein Haus kann bei euch ja nicht einfach kaputt sein. Es muss sofort in Schichten, Phasen und Bedeutungsreste zerlegt werden.”
“Du könntest mit den Leuten reden”, sagte Faulmann.
Dachsbert richtete sich auf.
“Mit welchen Leuten?”
“Mit denen, die sagen: ‘Das weiß hier doch jeder’, und dann drei verschiedene Geschichten erzählen.”
Dachsbert nickte langsam.
“Das sind meine Leute.”
Mummrich klopfte sich Erde von den Pfoten.
“Ich gehe ins Tiefenarchiv.”
“Wie tief?”, fragte Dachsbert.
“So tief, bis die Quellen anfangen, sich gegenseitig zu widersprechen.”
“Also normal tief.”
Dachsbert stand ebenfalls auf.
“Ich könnte auch noch hinfahren”, sagte er. “Mir das mal aus der Nähe ansehen. Man muss ja wissen, worüber man redet.”
Liora, die bisher geschwiegen hatte, hob den Blick.
“Nein”, sagte sie.
Dachsbert blieb stehen.
“Nein?”
“Nicht hingehen.”
“Warum nicht?”
“Weil es vermutlich gefährlich ist. Und weil Ruinen nicht dadurch ehrlicher werden, dass man in sie hineinklettert.”
“Ich wollte nicht hineinklettern”, sagte Dachsbert.
Liora sah ihn an.
“Du wolltest ‘aus der Nähe ansehen’. Bei Dachsen ist das ein dehnbarer Begriff.”
Mummrich nickte, als habe er dafür schon Unterlagen gesehen.
Dachsbert setzte sich wieder halb hin, ohne sich ganz geschlagen zu geben.
“Also gar nicht?”
“Nicht so”, sagte Liora. “Nicht als Besichtigung.”
“Aus Vorsicht?”
“Auch.”
“Und sonst?”
“Aus Höflichkeit.”
Dachsbert sah sie an, als hätte Höflichkeit gerade unerlaubt ein technisches Problem geschaffen.
“Eine Brandruine braucht Höflichkeit?”
“Vielleicht gerade die”, sagte Liora. “Ruinen werden leicht besichtigt, als hätten sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt.”
Sie schwieg einen Moment.
“Außerdem habe ich von dem Haus früher schon gehört. Nicht hier. Anderswo. Von Leuten, die davon gesprochen haben, als sei es ein Ort, über den man lieber nur nebenbei spricht.”
Mummrich hob den Kopf.
“Aus welcher Quelle?”
“Keine, die du ordentlich abheften würdest.”
“Also eine gute”, sagte Dachsbert.
Liora lächelte schelmisch.
“Leute haben von Partys dort oben gesprochen. Rave-Partys, manchmal. Musik im verlassenen Haus, Licht in leeren Fenstern, solche Sachen. Vielleicht war vieles nur Gerede. Vielleicht auch nicht.”
“Warst du da?”, fragte Dachsbert.
Liora sah ihn an.
“Ich sagte: Leute haben davon gesprochen.”
“Das ist keine Antwort.”
“Doch”, sagte Liora. “Nur keine, die dir gehört.”
Faulmann betrachtete sie kurz und fragte nicht weiter.
Mummrich machte eine kleine Notiz.
“Gerüchte über nächtliche Nutzung”, murmelte er.
“Schreib nicht nur Gerüchte”, sagte Liora. “Schreib: Sehnsucht nach Orten, an denen niemand fragt, was man dort sucht.”
Dachsbert verzog den Mund.
“Das ist aber lang für eine Aktennotiz.”
“Für manche Dinge sind Akten zu kurz”, sagte Liora.
Danach war das Hingehen fürs Erste vom Tisch.
Nicht endgültig, natürlich. Bei Dachsbert war kaum etwas endgültig. Aber anders als vorher. Nicht mehr als Ausflug. Nicht mehr als Besichtigung.
Mummrich ging ins Archiv.
Dachsbert machte sich auf den Weg zu den Menschen. Nicht nach Kreuznaaf, jedenfalls nicht sofort. Dachsbert kannte Leute, die Leute kannten, die wieder andere Leute kannten. Das war zwar keine wissenschaftliche Methode, hatte aber den Vorteil, dass sie im Rheinland erstaunlich oft funktionierte.
“Man darf Leute nicht fragen, was sie wissen”, hatte er einmal erklärt. “Dann werden sie vorsichtig. Man muss einfach etwas Falsches behaupten. Dann erzählen sie, was sie nicht wissen.”
Liora blieb am Waldtisch.
Sie sagte nichts mehr über das Haus. Das war keine Zustimmung und kein Rückzug. Eher eine Art, dem Thema nicht gleich wieder die Hand auf die Schulter zu legen.
In den nächsten Tagen verschwand das Haus nicht.
Es stand nicht im Faulwald, natürlich. Es stand bei Kreuznaaf, am Hang, über der alten Mühle und nahe dem Punkt, an dem der Naafbach aus seinem Tal tritt. Aber manche Orte haben die unangenehme Angewohnheit, nachzureisen. Sie kommen nicht mit dem Gepäck. Sie sitzen schon da, wenn man heimkommt.
Faulmann dachte beim Kaffeekochen daran.
Einmal beim Flicken eines Schlauchs.
Einmal, als er am Waldtisch saß und sich fragte, ob Schlamm eigentlich eine Meinung habe oder nur eine sehr überzeugende Textur.
Mummrich ließ sich nicht blicken. Das konnte bedeuten, dass er nichts fand. Es konnte aber auch bedeuten, dass er zu viel fand. Bei Maulwürfen war beides äußerlich schwer zu unterscheiden.
Dachsbert kam zweimal vorbei, sagte aber jedes Mal nur: “Ich sammle noch.”
Beim ersten Mal roch er nach Regen und Bahnhofskiosk.
Beim zweiten Mal nach fremdem Kaffee und der leichten Zufriedenheit eines Tieres, dem jemand gerade ungefragt eine sehr unsichere Wahrheit anvertraut hatte.
Liora sagte wenig.
Nur einmal, als Faulmann fragte, ob sie glaube, dass an den Rave-Geschichten etwas dran sei, sah sie kurz auf.
“Es reicht manchmal”, sagte sie, “dass Leute glauben, ein Ort könne so etwas gewesen sein.”
“Warum?”
“Weil sie dann wissen, was sie selbst dort gesucht hätten.”
Mehr sagte sie nicht.
Am dritten Abend tauchte Mummrich aus dem Boden auf, was bei ihm nie ganz so dramatisch aussah, wie es klang. Man sah nur kurz seine Brille blitzen, dann war da ein kleiner Hügel, der so tat, als sei er schon immer dort gewesen.
Kurz darauf kam Dachsbert den Weg herauf.
Er setzte sich, ohne zu fragen, ob schon begonnen worden war. Das tat er immer dann, wenn er der Meinung war, dass seine Anwesenheit den Beginn ausreichend definiere.
“Also”, sagte Faulmann.
Mummrich roch nach feuchtem Papier, Erde und jener leichten Überlegenheit, die Maulwürfe entwickeln, wenn sie etwas in Archiven gefunden haben.
Dachsbert roch nach Gesprächen.
Das war kein eindeutig angenehmer Geruch, aber ein informativer.
“Es ist kompliziert”, sagte Mummrich.
“Das sagen Archive immer”, sagte Dachsbert. “Damit man sie ernst nimmt.”
Mummrich ignorierte das.
“Das Gebäude hieß wohl ursprünglich Kastell Steineck. Oder Castell Steineck. Die Schreibweise ist schon der erste Hinweis, dass Ordnung hier nur als Empfehlung galt.”
“Sehr sympathisch”, sagte Dachsbert.
“Es begann wohl in den 1930er Jahren als privates Wohnhaus am Hang. Später wurde daraus eine Lederwaren-Manufaktur. Ab 1943.”
“Lederwaren”, sagte Faulmann.
“Ja. Aber nicht Faber-Castell.”
Dachsbert hob den Kopf.
“Moment. Ich habe mindestens zweimal gehört, das sei Faber-Castell gewesen.”
“Das ist das Problem mit mindestens zweimal”, sagte Mummrich. “Es klingt schnell wie ein Beleg.”
Er zog einen Zettel hervor.
“Die Spur ist verführerisch. Castell. Lederwaren. Etuis. Schreibmappen. Ein Name, der nach Graf, Bleistift und gutem Schreibtisch riecht. Aber die Recherche spricht eher dagegen. Es scheint lokale Mythenbildung zu sein.”
Dachsbert sah ein wenig beleidigt aus.
“Ich habe also Mythen gesammelt.”
“Das ist auch Arbeit”, sagte Faulmann.
“Nicht sehr angesehene.”
“Doch”, sagte Liora. “Man muss nur wissen, dass es Mythen sind.”
Mummrich nickte.
“Das Problem”, sagte er, “ist, dass die falsche Geschichte leider die bessere Überschrift hat.”
Dachsbert lachte.
“Das ist bei Geschichten häufig so.”
“Ja”, sagte Mummrich. “Deshalb sind Archive so müde.”
Er blätterte weiter.
“Nach der Lederwarenphase kamen wohl Ford-Schulungen. Ein Schulungs- und Tagungszentrum, in den fünfziger und sechziger Jahren. Danach, ab 1967, ein Tagungshotel.”
Dachsbert seufzte.
“Seminarorte.”
“Du kennst welche?”, fragte Faulmann.
“Ich kenne den Typus”, sagte Dachsbert. “Zu viele Kaffeekannen, zu wenig Fenster, durch die man unauffällig verschwinden kann.”
“Später”, sagte Mummrich, “von 1989 bis 1992, wurde der Komplex als Übergangsheim genutzt. Für DDR-Übersiedler, Aussiedler und Asylbewerber.”
Da sagte für einen Moment niemand etwas.
Liora drehte ein kleines trockenes Blatt zwischen den Pfoten. Es war unklar, wann sie es aufgehoben hatte. Vielleicht vorher. Vielleicht gerade eben. Manche Dinge erscheinen bei Liora einfach, wenn sie gebraucht werden.
“Übergangsheim”, sagte sie. “Das klingt, als wäre der Ort selbst unwichtig. Als müsste man nur hindurch.”
Mummrich sah von seinen Notizen auf.
“Ja.”
“Aber Übergänge sind oft die Stellen, an denen ein Leben am wenigsten Kulisse ist.”
Faulmann sah zum Rand des Tisches.
“Für manche war das kein Geisterhaus”, sagte Liora. “Sondern ein Zimmer. Einer dieser Orte, an denen das Gestern noch nicht vorbei ist und das Morgen noch keinen Namen hat.”
Dachsbert schob seine Teetasse ein Stück von sich weg.
“Das macht die Geschichte komplizierter.”
“Nein”, sagte Liora. “Nur weniger bequem.”
Mummrich nickte, und diesmal schrieb er nichts auf.
Das war bei ihm eine Form von Respekt.
“Und dann?”, fragte Faulmann.
“Dann Leerstand”, sagte Mummrich. “Und Pläne. Viele Pläne.”
Dachsbert rieb sich die Stirn.
“Pläne sind für alte Gebäude fast so gefährlich wie Regen.”
“1996”, sagte Mummrich, “kaufte ein Dachdecker das Anwesen bei einer Zwangsversteigerung.”
“Ein Dachdecker ist für ein Haus doch erst einmal eine gute Nachricht”, sagte Dachsbert.
“Nur teilweise. Er sanierte Dächer und veränderte das Erscheinungsbild. Diese schloss- oder burgähnlichen Anteile, die heute so ins Auge fallen - Türmchen, Schmuck, Sonnenzeichen, das ganze Castell-Sonneck-Gewand - stammen offenbar wesentlich aus dieser nachträglichen Umgestaltung.”
Faulmann sah auf.
“Also war das Schloss gar nicht immer das Schloss?”
“Nein”, sagte Mummrich. “Das Haus wurde nachträglich in Richtung Schloss erzählt.”
Dachsbert lehnte sich zurück.
“Das ist schon bemerkenswert”, sagte er. “Er kam wegen des Dachs und brachte Türmchen mit.”
“Ein Gebäude”, sagte Faulmann, “das sich verkleidet hat?”
“Oder verkleidet wurde”, sagte Liora.
“Das ist schlimmer”, sagte Dachsbert. “Ich kann mich selbst wenigstens günstig schlecht ankleiden. Wenn andere das tun, wird es meistens teuer.”
Es sah nicht aus wie ein Schloss. Eher wie ein Gebäude, dem jemand später eingeredet hatte, es könne eines werden. Das Burgartige war nicht Ursprung, sondern Nachrede aus Dach, Schmuck und Hoffnung.
Mummrich schob den Zettel weiter.
“Nach dem Dachdecker kamen weitere Eigentümerwechsel, Sanierungsversuche, Investorenprojekte, Luxuswohnungspläne. Sechzehn Wohnungen. Castello Kreuznaaf. Contemporary Country and Automotive Living.”
Dachsbert schloss kurz die Augen.
“Das hat wirklich jemand gesagt?”
“Offenbar.”
“Freiwillig?”
“Vermutlich sogar beruflich.”
Dachsbert nahm seine Teetasse.
“Ich finde, man sollte manche Gebäude schon aus sprachlichen Gründen nicht umbauen dürfen.”
Faulmann lächelte.
“Automotive Living”, sagte er. “Vielleicht Wohnen mit Parkplatzgefühlen.”
“Das erklärt einiges”, sagte Dachsbert. “Aber nicht genug.”
Liora sah in die Mitte des Tisches.
“Und dann kam das Feuer.”
Mummrich schob einen anderen Zettel nach vorn.
“Am 3. September 2025. Großbrand. Mehrere Brandherde, soweit berichtet wurde. Die Feuerwehr war mit vielen Kräften vor Ort. Es gab Nachlöscharbeiten. Verdacht auf Brandstiftung.”
Faulmann nickte langsam.
“Das erklärt, warum es anders aussah.”
“Nicht ganz”, sagte Liora.
Alle sahen sie an.
“Es erklärt, was passiert ist. Nicht, warum es anders wirkte.”
Dachsbert stellte die Tasse wieder ab.
“Das ist jetzt wieder sehr Füchsin.”
“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber vorher war es ein verfallenes Haus, in das Geschichten hineingerieten. Nach dem Feuer sieht man, dass auch Geschichten brennen können. Oder wenigstens die Orte, an denen sie sich verstecken.”
Mummrich notierte nichts.
Schon wieder.
“Die Feuerwehr hatte dort übrigens schon 2024 geübt”, sagte er nach einer Weile. “Ein Szenario mit illegalem Rave, Brand, Verletzten, schwieriger Rettung am Hang.”
Liora sah auf.
“Rave?”
“Ja.”
“Das passt”, sagte sie leise.
“Zu deinem Gerede?”
“Zu dem, was Leute aus leeren Häusern machen, wenn sie sonst keinen Ort finden.”
“Musik?”, fragte Dachsbert.
“Auch.”
“Und?”
Liora zuckte kaum merklich mit den Schultern.
“Unzuständigkeit. Ein paar Stunden lang.”
Faulmann ließ den Satz liegen.
Das war meistens besser.
“Eine Übung”, sagte er nach einer Weile.
“Ja”, sagte Mummrich.
“Und ein Jahr später brannte es.”
“Nicht ganz ein Jahr später. Im September 2025.”
“Das macht es nicht besser.”
“Nein.”
Liora sah auf das Blatt zwischen ihren Pfoten.
“Manchmal probt ein Ort seine Zukunft”, sagte sie. “Und alle hoffen, es bleibt bei der Probe.”
Der Waldtisch wurde stiller.
Die alte Mühle unten bei Kreuznaaf war einfacher zu verstehen. Wasser, Rad, Welle, Stein, Brot. Später Turbine. Dann Stillstand. Auch das war traurig genug, aber wenigstens geradlinig.
Das Haus am Hang war weniger freundlich zur Erzählung.
Es war kein Schloss, aber es sah irgendwann so aus.
Es war keine Faber-Castell-Geschichte, aber klang fast so.
Es war ein Wohnhaus, eine Manufaktur, eine Schulungsstätte, ein Hotel, ein Übergangsheim, ein Spekulationsobjekt, ein Geisterhaus, ein Gerücht und schließlich eine Brandruine.
Die Mühle unten war aus der Kraft des Wassers entstanden.
Das Haus oben aus der Kraft wechselnder Absichten.
“Lost Place”, sagte Liora. “Das klingt immer, als sei nur der Ort verloren gegangen.”
Dachsbert sah sie an.
“Und?”
“Vielleicht gehen dort auch andere Dinge verloren. Zuständigkeit. Erinnerung. Vorsicht. Manchmal Respekt.”
“Das ist wieder sehr lang für ein Ortsschild”, sagte Dachsbert.
“Darum steht es auch auf keinem”, sagte Liora.
“Fabel-Kastell”, sagte Dachsbert plötzlich.
Faulmann sah ihn an.
“Was?”
“So müsste man es nennen. Nicht Faber-Castell. Fabel-Kastell. Weil jeder etwas hineinlegt und dann behauptet, es sei schon vorher drin gewesen.”
Mummrich zog die Stirn kraus.
“Das ist etymologisch unzulässig.”
“Dann passt es ja”, sagte Liora.
Dachsbert zeigte erfreut auf sie.
“Genau.”
Mummrich sah zwischen beiden hin und her.
“Ich möchte festhalten, dass ich dagegen bin.”
“Festhalten darfst du”, sagte Dachsbert. “Verhindern nicht.”
“Fabeln sind nicht immer falsch”, sagte Liora. “Sie sagen nur selten genau das, was passiert ist.”
“Sehr gut”, sagte Dachsbert. “Dann kann ich ja doch recht gehabt haben.”
“Nein”, sagte Mummrich.
“Schade.”
Faulmann sah zum Weg, der aus dem Wald hinausführte, ohne deshalb schon irgendwo Bestimmtes anzukommen.
Er dachte an die Stelle bei Kreuznaaf. An den Beginn des Naafbachtals. An den Bach unten. An den Hang. An das Haus, das ihm früher nur nebenbei bewusst gewesen war.
Man kann lange an etwas vorbeikommen und es nicht sehen.
Dann fehlt plötzlich ein Dach, eine Wand ist schwarz, ein Fenster blickt anders zurück, und der Ort tritt aus dem Hintergrund.
Vielleicht ist Erinnerung manchmal nur das nachträgliche Erschrecken darüber, dass etwas schon die ganze Zeit da war.
“Man müsste noch einmal hin”, sagte Mummrich.
“Nicht hinein”, sagte Liora.
“Nein”, sagte Faulmann. “Nicht hinein.”
Dachsbert nickte.
“Von außen reicht. Innen ist bei solchen Häusern meistens sowieso zu viel Innen.”
Der Abend wurde kühler.
Am Waldtisch blieben die Zettel liegen, die Gerüchte, das trockene Blatt und ein wenig Schlamm von Faulmanns Radschuhen.
Unten bei Kreuznaaf lief der Bach weiter.
Das Haus blieb am Hang.
Mehr war an diesem Abend nicht zu ordnen.
Faulmann und der Weg, der einmal Schiene war
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Bis Lindlar hatte Captain Faulmann an diesem Tag bereits einige Höhenmeter hinter sich. Das Bergische Land hatte dabei erneut bewiesen, dass es Entfernungsangaben eher als Vorschlag denn als Versprechen versteht. Hinter jeder Kuppe wartete noch eine weitere Kuppe, die offenbar nicht informiert worden war, dass ihre Vorgängerin bereits als letzte angekündigt worden war.
Ganz unbekannt war ihm die Gegend nicht. Faulmann war schon früher hier entlanggefahren. Er wusste, dass der Radweg auf der alten Trasse der Sülztalbahn lag. Man kann so etwas wissen, ohne es jedes Mal zu spüren. Wissen ist gelegentlich ein ziemlich trockenes Möbelstück. Es steht herum, bis man sich wieder daran stößt.
In Lindlar gönnte er sich zunächst eine Pause. Es gab Streuselkuchen mit Sahneeis und dazu einen doppelten Espresso. Über die ernährungswissenschaftlichen Zusammenhänge dieser Kombination wurde an diesem Tag bewusst nicht nachgedacht. Manche Entscheidungen möchte man genießen, bevor man sie versteht.
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Gestärkt trat Faulmann wieder in die Pedale, bis ihm eine Informationstafel zur Sülztalbahn auffiel. Ein paar Fotos, ein paar Jahreszahlen, Streckenabschnitte und Stilllegungen. Nichts besonders Dramatisches. Und doch rückte die alte Strecke dadurch wieder näher. Nicht als neue Entdeckung, eher als Erinnerung daran, dass dieser Weg mehr zu berichten hatte, als er auf den ersten Blick zeigte.
Faulmann setzte sich wieder aufs Rad. Dann begann der Weg zu fallen. Nicht steil, nicht so, dass man stark bremsen musste, eher so, dass das Rad plötzlich verstand, was zu tun war. Faulmann trat kaum noch. Er ließ rollen.
Das Bergische Land, das sich bis Lindlar noch als gewissenhafter Verwalter unnötiger Höhenmeter gezeigt hatte, wurde auf einmal erstaunlich entgegenkommend. Das machte ihn nachdenklich. Denn im Bergischen bekommt man Gefälle selten geschenkt. Meistens wird es irgendwo später in Rechnung gestellt, gerne hinter einer Kurve, die vorher harmlos aussah.
Aber hier blieb der Weg ruhig. Weite Bögen, gleichmäßige Neigung, breite Trasse, Dämme, Einschnitte, Brücken. Alles wirkte zu vernünftig für einen gewöhnlichen Radweg. Und genau darin lag die Erinnerung. Natürlich war dieser Weg nicht ursprünglich für Radfahrer gebaut worden. Er war gebaut worden für Züge, für Menschen, für Waren, für Stein, Holz, Milch und jene alltäglichen Bewegungen, aus denen eine Gegend besteht, bevor sie Ausflugsziel wird.
Faulmann wusste allerdings auch, dass die Sülztalbahn vielleicht weniger eine Bahnstrecke gewesen war als eine Pechstrecke mit Gleisanschluss. Nicht im großen dramatischen Sinn. Eher im bergischen Sinn. Also gründlich.
Fast rechtzeitig gebaut: Schon in den 1870er Jahren hatte man vom Bahnanschluss geträumt. Dann kam der Deutsch-Französische Krieg, Kautionen verfielen, Pläne blieben liegen, und das Tal wartete weiter. Warten ist hier keine Ausnahme. Es wirkt hier manchmal wie eine regionale Verwaltungstechnik.
Erst Jahrzehnte später kam die Bahn Schritt für Schritt näher. Bergisch Gladbach, Bensberg, Hoffnungsthal, Immekeppel und schließlich, 1912, Lindlar. Das war für eine Eisenbahn, die Zukunft sein wollte, schon ein nachdenkliches Datum.
Fast sinnvoll vernetzt: Eigentlich hätte sie weiterfahren sollen. Richtung Wipperfürth, hinein in ein größeres Netz. Auf Karten sieht so etwas immer vernünftig aus. Karten haben den Vorteil, dass sie keine Kriege kennen, keine Kassen, keine Zuständigkeiten und keine Leute, die sagen: “Dafür ist jetzt leider kein Geld mehr da.”1
Dann kam der Erste Weltkrieg. Und manche Lücken bleiben, wenn sie einmal nicht geschlossen werden, erstaunlich lange offen. So wurde Lindlar endgültig Endpunkt.
Auch im Kleinen war diese Bahn nicht frei von eigentümlichen Entscheidungen. Der Bahnhof Immekeppel wurde nicht dort angelegt, wo er für den Ort am praktischsten gewesen wäre, sondern gegenüber der Immekeppeler Hütte. Nicht etwa, weil Züge eine besondere Vorliebe für Hütten hätten. Sondern weil man verhindern wollte, dass die einheimischen Arbeiter allzu bequem nach Köln-Kalk oder Köln-Mülheim pendelten.
Faulmann blieb an diesem Gedanken hängen.
Eine Bahn, die gebaut wurde, damit Dinge in Bewegung geraten.
Und dann ein Bahnhof, der so liegen sollte, dass bestimmte Menschen nicht zu leicht in Bewegung gerieten.
Man wollte Anschluss, aber nicht Abwanderung. Fortschritt, aber bitte mit Haken. Mobilität, aber nur in der Richtung, die der örtlichen Ordnung nützte.
Es war eine jener Ideen, die erst absurd wirken und dann leider ziemlich logisch werden.
Die Bahn sollte Waren transportieren, Rohstoffe, Milch, vielleicht auch Sonntagsausflügler mit ordentlicher Rückfahrkarte. Aber Arbeiter, die morgens in Richtung Köln fuhren und abends mit Ideen im Kopf zurückkamen - das war offenbar eine weniger erwünschte Form von Verkehr.
Faulmann fand das bemerkenswert. Man baute eine Verbindung und versuchte zugleich, ihre verbindende Wirkung zu dosieren. Es war ungefähr so, als würde man eine Tür einbauen, sie feierlich einweihen und den Schlüssel vorsichtshalber beim Hausmeister lassen. Der war dann aber leider meistens gerade nicht da. Hausmeister sind in solchen Momenten selten da.
Vielleicht lag darin schon ein Teil des Pechs dieser Strecke. Sie sollte öffnen, aber nicht zu weit. Sie sollte verbinden, aber nicht zu frei. Sie sollte Zukunft bringen, aber möglichst ohne die Unruhe, die Zukunft gelegentlich mitbringt.
Eine Bahn als Fortschritt, aber bitte nicht so fortschrittlich, dass die Leute damit wegfahren.
Fast wirtschaftlich tragfähig: Ganz einfach war die alte Bahn nie gewesen. Zwischen Linde und Lindlar hatte sie sich mit dem Gelände schwergetan. Dort war die Steigung so ernst gemeint, dass Güterzüge manchmal eine zweite Lok brauchten, die von hinten schob. Eine Schiebelokomotive.
Faulmann mochte dieses Wort. Es klang nach diskreter Hilfe, nach jemandem, der nicht vorne steht, aber trotzdem dafür sorgt, dass etwas den Berg hinaufkommt. Vielleicht hätte man für manche Tage im Leben ebenfalls eine Schiebelokomotive beantragen sollen. Vermutlich wäre das Formular allerdings länger gewesen als der Anstieg.
Die Sülztalbahn war also nie nur romantisch. Sie war Arbeit, Kohle, Rauch, Fahrpläne, Ladungen, Verspätungen, Unterbau, Wartung. Eine Bahnstrecke ist schließlich keine Sehnsucht mit Schienen. Sie ist auch Kiesbett, Personal, Kostenstelle und gelegentlich eine ziemlich schlechte Steigung.
Trotzdem muss sie für das Tal etwas bedeutet haben. Menschen konnten hinaus. Waren konnten hinein. Steine, Holz, Milch, Dinge des täglichen Lebens. Die Bahn war eine Verbindung, bevor sie ein Erinnerungsort wurde.
Je länger Faulmann der alten Trasse folgte, desto häufiger wurden die Spuren wieder lesbar. Ein Gebäude, das irgendwie noch Bahnhof spielte. Eine Brücke, die für ihren heutigen Zweck zu groß wirkte. Ein Geländeeinschnitt, der sich nicht recht erklären ließ. Ein Damm, der zu gerade durch die Landschaft lief, um zufällig zu sein.
Nichts davon drängte sich auf. Die Landschaft hatte die Bahn nicht vergessen. Sie hatte sie lediglich eingewachsen. Das war vielleicht die höflichste Form, etwas verschwinden zu lassen.
An manchen Stellen war die alte Strecke noch deutlich zu lesen. An anderen hatte die Gegenwart, so erinnerte Faulmann, gründlich aufgeräumt. In Untereschbach war das Bahnhofsgebäude verschwunden. Bei Lehmbach blieben nur Widerlager zurück, als hätte eine Brücke irgendwann beschlossen, den mittleren Teil ihres Gedankens nicht mehr auszuführen. Bei Bilstein stand noch ein Brückenbogen am Hang, funktionslos und doch erstaunlich aufrecht. In Hommerich war der Bahndamm abgetragen worden, damit ein Milchwerk wachsen konnte.
Anderswo wurden Gleisfelder zu Lagerplätzen, Bahnhöfe zu Wohnhäusern, Trassen zu Grundstücksgrenzen. So verschwindet Infrastruktur selten auf einmal. Sie wird umgenutzt, zugeschüttet, eingehegt, übersehen. Und eines Tages fragt jemand auf einem Fahrrad, warum der Weg hier eigentlich so vernünftig verläuft.
In den 1960er Jahren war Schluss gewesen. Erst verschwand der Personenverkehr, dann der Güterverkehr. Danach begannen jene Jahre, in denen Bahnstrecken nicht einfach stillgelegt, sondern nach und nach aus der Wirklichkeit herausgenommen wurden. Schienen wurden abgebaut, Gebäude verloren ihre Aufgabe, Brücken standen plötzlich herum, als seien sie zu früh zu einem Treffen erschienen, das sowieso abgesagt worden war.
Fast gerettet: In Linde hatte man später noch einmal von Eisenbahngeschichte geträumt. Ein Museum, eine Museumsbahn, ein paar hundert Meter Gleis, eine Dampflok als Erinnerung daran, dass es einmal anders klang. Aber auch diese Pläne blieben stecken. Zu teuer, zu kompliziert, zu viele Genehmigungen. Die Vergangenheit ist manchmal nicht weniger bürokratisch als die Gegenwart.
Und doch steht dort noch immer eine alte Lokomotive. Eine Baureihe 50, halb Ausstellungsstück, halb Waldbewohnerin. Sie steht nicht majestätisch in einer großen Bahnhofshalle, sondern eher so, als habe jemand ein Stück Eisenbahngeschichte im Grünen abgestellt und dann vergessen, die Fortsetzung dazuzulegen.
Faulmann mochte das sofort.
Eine Dampflok im Wald ist kein Denkmal im üblichen Sinn. Dafür fehlt ihr der erhobene Zeigefinger. Sie wirkt eher wie ein sehr schwerer Gedanke, der nicht mehr weiterfahren kann, aber auch nicht verschwinden möchte.
Daneben ein paar Gleisreste, ein Radsatz, Spuren einer Museumsbahn, die es fast gegeben hätte. Wieder dieses Wort: fast. Fast gerettet. Fast wiederbelebt. Fast noch einmal zum Klingen gebracht.
Aber eben nur fast.
Faulmann mochte auch das. Diese Unordnung zwischen Erinnerung und Nutzung. Sie war ehrlicher als ein Denkmal. Ein Denkmal sagt: “Schau her, ich bin Geschichte.” Ein alter Bahndamm sagt gar nichts. Er liegt nur da und lässt einen leichter treten.
Die eigentümliche Wendung war: Die Ingenieure hatten die Strecke gebaut, um schneller durch das Tal zu kommen. Heute schätzten die Menschen denselben Verlauf, weil er ihnen erlaubte, langsam hindurchzufahren. Die Geschwindigkeit war verschwunden. Die Linie war geblieben.

Schließlich erreichte Faulmann Hommerich. Dort lag das ehemalige Tuffi-Milchwerk.
Milchwerke gehörten zu den Orten, über die man selten nachdenkt, solange sie funktionieren. Milch erscheint morgens im Kühlschrank ungefähr so selbstverständlich wie eine Regenrinne am Dach. Man bemerkt beides meist erst, wenn etwas fehlt. Man weiß, dass sie irgendwo herkommen muss. Aber das Woher ist eine Frage für Erwachsene, Logistiker oder Kühe.
Tuffi jedenfalls war für Faulmann eine dieser Marken, die einmal ganz unauffällig zum Ankommen in Köln gehörten.2 Als er 2018 in die Stadt kam, gehörte Tuffi zu den ersten lokalen Marken, die er bewusst kaufte. Nicht aus großer Heimatkunde, sondern aus einem sehr einfachen Grund: Es gab Tuffi-Buttermilch im 1-Liter-Pack.
Das war praktisch, gut, irgendwie bodenständig - und es fühlte sich an wie ein kleines Alltagsbekenntnis zur neuen Stadt. Heute scheint gerade dieses Produkt verschwunden zu sein. Die Marke ist noch da, aber sie ist leiser geworden.
Vielleicht passte das zu den Spuren entlang der alten Sülztalbahn. Man sieht sie noch, wenn man weiß, worauf man achten muss. Aber sie treten nicht mehr von selbst hervor.
Fast ein durchgehend gelungener Bahnradweg: Vor dem ehemaligen Milchwerk endete für Faulmann an diesem Tag nicht nur ein Stück alter Bahn, sondern auch der überzeugende Teil ihrer Nachgeschichte. Bis hierher hatte der Radweg getan, was man sich von einer ehemaligen Trasse erhofft: Er rollte, bog sich vernünftig durch die Landschaft und ließ einen glauben, die Gegenwart habe ausnahmsweise verstanden, was die Vergangenheit ihr überlassen hatte.
Hinter Hommerich wurde auch diese Erzählung brüchiger. Beim Golfplatz verlor die alte Trasse ihre Selbstverständlichkeit. Was in Prospekten gern als durchgehender Bahnradweg auftritt, wurde in der Wirklichkeit stellenweise zu einer Folge aus Feinsplitt, feuchtem Untergrund, Ausweichstrecken und jenen kleinen Entscheidungen, bei denen man auf dem Rad kurz anhält und denkt: “Das ist jetzt also der offizielle Weg.”
Über den weiteren Verlauf wurden, wie es sich für eine Pechstrecke gehört, nicht nur freundliche Dinge berichtet. Von schlammigen Passagen war die Rede, von schmalen Reifen, die dort wenig Freude entwickelten, von fehlenden Querungen, von Umwegen über Wiesenpfade und Straßen, von gesperrten alten Bauwerken, die noch da waren, aber nicht mehr betreten werden wollten. Auch Brücken können offenbar in einen Zustand geraten, in dem sie hauptsächlich Erinnerung sind.

Faulmann fand das nicht überraschend. Eine Strecke, die schon als Bahn zu spät kam, zu steil war, zu schlecht vernetzt blieb, ihre Verlängerung verpasste, ihre Museumsbahn nicht bekam und ihre Bauwerke nach und nach verlor, würde nicht plötzlich nur deshalb vollkommen gelingen, weil man Fahrräder darauf schickte.
Das wäre auch etwas viel verlangt gewesen.
Faulmann sah auf den Weg, dann Richtung Bärbroich. Das war natürlich bergauf. Es war sogar ziemlich deutlich bergauf. Aber immerhin war es ehrlich.
Die alte Bahn hatte an diesem Tag genug gezeigt: wie man Zukunft plant, wie man sie verpasst, wie man sie abträgt und später als Freizeitweg neu beschildert. Faulmann fand, dass man einer Strecke nicht alles zumuten sollte. Nicht einmal das vollständige Gelingen.
Also verließ er nach dem Golfplatz den Bahnweg und bog Richtung Bärbroich ab. Das Bergische Land nahm diese Entscheidung ohne sichtbare Überraschung zur Kenntnis und stellte ihm unverzüglich einen Anstieg zur Verfügung.
Der Heimweg wartete noch. Vor allem wartete Bärbroich. Das Bergische Land besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, selbst nach einer langen Abfahrt noch einen Anstieg für einen übrig zu haben.
Faulmann stieg wieder aufs Rad. Hinter ihm lagen eine verschwundene Bahnstrecke, ein ehemaliges Milchwerk und eine Pechstrecke, die selbst als Radweg nicht ganz aus ihrer Geschichte herauskam. Vor ihm lag ein Berg.
Es erschien ihm angemessen, mit dem Gegenwärtigen zu beginnen.
Faulmann und die andere Seite des Bergkamms
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Seit Wochen roch der Wald manchmal nach Feuer.
Nicht immer. Nicht so, dass man hätte sagen können: Dort brennt es. Oder: Jetzt müssen wir laufen. Es war eher ein unregelmäßiger Geruch, der morgens zwischen den Farnen hing, abends im Moos stand oder sich in Faulmanns Mantel setzte, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.
Die Tiere hatten zuerst so getan, als bemerkten sie es nicht.
Das ist im Wald eine verbreitete Form der Höflichkeit.
Dann hatte Dachsbert eines Morgens am Waldtisch geschnuppert, die Nase gerümpft und gesagt: “Das ist kein Ofenrauch.”
Mummrich, der gerade eine sehr kleine Notiz in ein sehr großes Heft schrieb, hatte gefragt: “Woran erkennst du das?”
“Am Ofen”, sagte Dachsbert.
Danach war eine Weile nichts gesagt worden.
An diesem Nachmittag kam Faulmann spät zurück. Er schob sein Rad neben sich her. Die Reifen waren staubig vom Kammweg, und in seinem Fell lag jener Geruch, den inzwischen alle kannten und keiner mochte.
Liora war die erste, die aufsah.
“Du warst oben?”
Faulmann nickte.
“Bis zum alten Aussichtsturm”, sagte er.
Dachsbert, der am Tisch saß und ein Stück trockenes Brot in sehr entschlossene Krümel zerlegte, kniff die Augen zusammen.
“Und?”
Faulmann stellte das Rad an die Buche. Er nahm die Mütze ab, klopfte Staub aus dem Rand und sah über die Lichtung, als müsse er erst prüfen, ob die Worte hier landen konnten.
“Man sieht es jetzt”, sagte er.
Mummrich hob den Kopf. “Das Feuer?”
“Nein”, sagte Faulmann. “Nicht das Feuer. Aber den Himmel darüber.”
Liora schwieg.
Dachsbert sagte: “Das reicht meistens.”
Der Wind ging durch die oberen Zweige. Weit entfernt rief ein Eichelhäher etwas, das wie eine falsche Nachricht klang.
“Im Dorf reden sie auch davon”, sagte Dachsbert.
“Sie haben es gesehen?”, fragte Mummrich.
“Die Dorfleute sehen selten etwas direkt”, sagte Dachsbert. “Aber sie haben eine Zeitung. Und eine Bäckerei. Und eine Bushaltestelle. Das reicht meistens.”
Faulmann setzte sich.
“Was schreibt die Zeitung?”
Dachsbert zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Jackentasche. Es war an den Rändern fettig und roch nach Mohnschnecke.
“Dass auf der anderen Seite des Berges kontrolliert gebrannt werde”, sagte er. “Dass die Lage schwierig, aber beherrschbar sei. Dass man die Sorgen der Bevölkerung ernst nehme. Und dass niemand einen Zusammenhang zwischen den zugeschütteten Brunnen und dem Wassermangel herstellen solle, bevor nicht alle zuständigen Stellen Gelegenheit zur Stellungnahme hatten.”
Mummrich blinzelte.
“Das klingt nicht beruhigend.”
“Nein”, sagte Dachsbert. “Aber es klingt gedruckt.”
Liora sah zum Bergkamm hinüber. Dort war nichts zu sehen außer Wald, Himmel und dieser alte, breite Rücken aus Stein, der schon immer so getan hatte, als ginge ihn die Welt dahinter nichts an.
“Sind dort Tiere?”, fragte sie.
Dachsbert sah sie einen Moment zu lange an. “Natürlich sind dort Tiere”, sagte sie leiser. “Es ist ja ein Wald.”
Dachsbert nickte langsam.
“Genau das steht nie in der Zeitung. Da steht nur: Der Brand liegt auf der anderen Seite des Bergkamms. Als ob ein Bergkamm eine moralische Zuständigkeitsgrenze wäre.”
Mummrich legte den Stift hin.
“Vielleicht”, sagte er vorsichtig, “müssen wir unterscheiden. Es gibt den Brand. Es gibt die Berichte über den Brand. Es gibt den Geruch des Brandes. Und es gibt die politische Wirkung der bloßen Möglichkeit, dass der Brand näherkommt.”
“Ah”, sagte Dachsbert. “Jetzt kommt der Maulwurf aus dem Begriffsschacht.”
“Ich versuche nur”, sagte Mummrich, “eine gewisse Ordnung in die Sache zu bringen.”
“Ordnung”, brummte Dachsbert. “Das sagen sie im Dorf auch. Ordnung muss sein. Erst machen sie die Brunnen dicht, dann sparen sie bei den Eimern, dann schließen sie die kleine Löschwache, weil sie angeblich nicht effizient genug brennt - pardon: löscht - und wenn einer mit dem Flammenwerfer winkt, nennen sie es ein überraschendes Signal aus der Bevölkerung.”
Faulmann sah auf.
“Mit dem Flammenwerfer?”
Dachsbert schob ihm das Zeitungsblatt hin. Unten rechts war eine Anzeige. Sie zeigte ein glänzendes Gerät mit Schulterriemen, Messingdüse und einem freundlichen Rabattstern.
PRIVATE BRANDSCHUTZINITIATIVE, stand darüber.
Darunter: ENDLICH SELBST ETWAS TUN.
Faulmann las die Zeile zweimal.
Liora zog die Stirn zusammen. “Das ist doch kein Brandschutz.”
“Nein”, sagte Dachsbert. “Aber es ist ein Angebot.”
Mummrich nahm das Blatt, rückte seine Brille zurecht und betrachtete die Anzeige sehr genau.
“Interessant”, sagte er.
“Nein”, sagte Dachsbert. “Gefährlich.”
“Das eine schließt das andere nicht aus.”
Liora faltete die Hände um ihre Tasse. “Warum sollte jemand so etwas kaufen?”
Dachsbert lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen.
“Weil man halt irgendwann genug davon hat, dass andere erklären, warum Wasser gerade nicht verfügbar ist.”
“Das wäre aber ein Irrtum über die Funktion des Geräts”, sagte Mummrich.
Faulmann, der bisher geschwiegen hatte, sah wieder zum Bergkamm.
“Vielleicht nicht”, sagte er.
Mummrich wartete.
“Vielleicht ist die Wahl des Flammenwerfers nicht unbedingt ein Irrtum über seine Funktion”, sagte Faulmann langsam. “Vielleicht entsteht sie gerade aus dem Wissen, dass er nicht löscht.”
Dachsbert hörte auf, das Brot zu zerkrümeln.
Faulmann sprach weiter, als taste er mit jedem Satz über eine dünne Eisfläche.
“In einer Welt, in der der Feuerwehrbär nie kommt, wird Zerstörung zur letzten beweisbaren Handlung.”
Am Waldtisch wurde es still.
Selbst der Eichelhäher schwieg. Oder er hatte nur kurz keinen Empfang.
Mummrich sah auf die Anzeige, dann zu Faulmann.
“Nicht obwohl er nicht löscht”, sagte er leise. “Sondern weil er nicht löscht.”
Dachsbert nickte kaum merklich.
“Das ist der Teil, den man nicht gerne ausspricht”, sagte er. “Der Flammenwerfer ist nicht die falsche Antwort auf die Frage nach Wasser. Er ist die Antwort auf eine ganz andere Frage.”
“Welche?”, fragte Liora.
Dachsbert sah zum Bergkamm.
“Ob man noch irgendetwas tun kann, das Spuren hinterlässt.”
Liora sah Faulmann an. “Das ist ein schrecklicher Satz.”
“Ja”, sagte Faulmann.
“Und ein wahrer?”
“Ich fürchte, er beschreibt etwas Wahres. Nicht alles. Aber etwas.”
Mummrich rückte näher an den Tisch.
“Man könnte sagen”, begann er, “dass der Flammenwerfer hier eine Form negativer Selbstwirksamkeit darstellt. Wer nicht mehr glaubt, die Welt gestalten zu können, erlebt wenigstens noch, dass er sie beschädigen kann.”
Dachsbert zog die Augenbrauen hoch.
“Das ist die vornehme Variante von: Wenn ich schon kein Haus bekomme, dann halt auch sonst keiner?”
“Ungefähr”, sagte Mummrich. “Nur politischer. Und gefährlicher. Es geht nicht immer darum, dass Tiere glauben, der Flammenwerfer sei ein Löschgerät. Manchmal sehen sie sehr genau, was er tut. Gerade das macht ihn attraktiv.”
Liora schüttelte den Kopf. “Aber warum sollte das attraktiv sein?”
“Weil es wirkt”, sagte Dachsbert.
Mummrich nickte widerwillig. “Ja. Das ist der unangenehme Teil.”
Dachsbert beugte sich vor. “Die bloße Drohung mit dem Ding verändert doch schon alles. Plötzlich reden alle über Feuer. Über Brandschutz. Über die Tiere, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Über die berechtigten Sorgen derer, die mit Zündmitteln herumwedeln. Und währenddessen fragt keiner mehr, warum die Brunnen zugeschüttet wurden.”
“Manche fragen schon”, sagte Liora.
“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber leiser.”
Faulmann nahm die Anzeige wieder in die Hand. Das Gerät sah auf dem Bild fast elegant aus. Der Flammenwerfer war in einem warmen Gelb gezeichnet, darunter standen kleine Sätze in vertrauensbildender Schrift.
FÜR ALLE, DIE NICHT LÄNGER WARTEN WOLLEN.
“Das ist das Böse daran”, sagte Mummrich. “Es verkauft sich nicht als Zerstörung. Es verkauft sich als Handlungsfähigkeit.”
“Und als Ehrlichkeit”, sagte Faulmann.
Mummrich sah ihn an.
“Die anderen versprechen Wasser”, sagte Faulmann. “Der Flammenwerfer verspricht Feuer. Und Feuer liefert er.”
Er strich mit der Pfote über die gedruckte Düse.
“Der Flammenwerfer war keine missverstandene Pumpe”, sagte er. “Er war ein Versprechen, dass wenigstens etwas sichtbar kaputtgehen würde.”
Liora sah auf das Bild, als könne es plötzlich heiß werden.
“Das ist furchtbar”, sagte sie.
“Ja”, sagte Faulmann. “Aber es ist eine furchtbare Form von Verlässlichkeit.”
“Zynische Authentizität”, murmelte Mummrich. “Ein hässlicher Begriff. Leider brauchbar.”
Dachsbert stöhnte. “Schon wieder so ein Begriff, der klingt, als hätte jemand einen Brandsatz im Seminarraum gezündet.”
“Er passt aber”, sagte Mummrich. “Wenn alle offiziellen Stimmen als verlogen gelten, kann offene Rücksichtslosigkeit ehrlicher wirken als vorsichtige Vernunft. Der Lügner wird nicht trotz der Lüge glaubwürdig, sondern wegen ihr; weil seine Lüge zeigt, dass er die Regeln der vermeintlich heuchlerischen Ordnung verachtet.”
Dachsbert schwieg einen Moment.
Dann sagte er: “Früher hätten wir dazu gesagt: Der Typ ist ein Arschloch, aber er sagt es wenigstens laut.”
“Das ist kürzer”, sagte Mummrich.
“Und besser plakatierbar.”
Dachsbert zog noch einmal das Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt.
“Da steht noch etwas”, sagte er.
Mummrich beugte sich vor. “Noch eine Anzeige?”
“Nein. Ein Bericht aus dem Dorf hinter dem Steinbruch. Da tragen jetzt einige so graue Schutzmäntel. Dicke Dinger. Hart wie alter Lehm. Angeblich gegen Funkenflug.”
Liora runzelte die Stirn. “Gegen Funkenflug?”
“Steht da. Praktisch, robust, zeitgemäß. Anfangs haben alle gelacht, weil man sich darin kaum noch umdrehen kann. Jetzt schreiben sie, es sehe entschlossen aus.”
“Entschlossen”, wiederholte Faulmann.
“Ja”, sagte Dachsbert. “Früher hätte man gesagt: plump. Jetzt sagt man: widerstandsfähig. Früher hätte man gesagt: trampelt alles nieder. Jetzt sagt man: setzt sich endlich durch.”
Mummrich wurde still.
“Das ist eine gefährliche Verschiebung”, sagte er dann. “Wenn das Monströse erst lächerlich wirkt, dann kraftvoll, dann notwendig, ist der Weg zur Gewöhnung nicht mehr weit.”
“Im Dorf sagen sie”, sagte Dachsbert, “man müsse die neuen Panzerträger verstehen. Sie hätten eben genug vom weichen Reden.”
“Und was zertrampeln sie?”, fragte Liora.
Dachsbert sah sie an.
“Was im Weg ist.”
Liora legte beide Hände um ihre Tasse. “Das ist keine Antwort.”
“Doch”, sagte Dachsbert. “Nur keine gute.”
Faulmann dachte an den Himmel über dem Kamm. An das Licht, das kein Abendlicht war. An die Anzeige mit dem Flammenwerfer. An die grauen Mäntel.
“Vielleicht”, sagte er, “ist das Schlimme nicht, dass manche sich verändern.”
“Was dann?”, fragte Mummrich.
“Dass die anderen anfangen, die Veränderung für Normalität zu halten.”
Dachsbert nickte. “Oder für Charakterstärke.”
Eine Weile schwieg der Tisch.
Dann sagte Mummrich: “Es gibt noch etwas. Feuer breitet sich nicht nur aus, weil es brennt. Es breitet sich auch aus, weil jemand trockenes Holz zusammenträgt.”
“Du meinst, jemand legt Holz nach?”, fragte Liora.
“Nicht immer mit den Pfoten”, sagte Mummrich. “Manchmal mit Zetteln, Gerüchten und sehr entschlossenen Halbsätzen. Und das ist nicht alles. Es gibt immer jene, die vom Brand leben, bevor er sie selbst erreicht. Sie erzählen im Dorf, der Kamm sei längst verloren. Sie hängen Zettel an Brunnen: Wasser ist eine Lüge. Sie flüstern, die Löschwache habe heimlich Öl bestellt. Sie behaupten, wer keinen Flammenwerfer habe, wolle nur, dass andere hilflos bleiben.”
“Gerüchte”, sagte Faulmann.
“Mehr als Gerüchte”, sagte Mummrich. “Legenden. Kleine, nützliche Legenden. Sie müssen nicht wahr sein. Sie müssen nur den Wald so weit verwirren, dass niemand mehr weiß, welchem Eimer er trauen soll.”
Dachsbert verzog das Gesicht. “Also nicht einfach Wut von unten.”
“Nein”, sagte Mummrich. “Auch Organisation. Auch kalter Wille. Auch die, die das Durcheinander nicht erleiden, sondern herstellen.”
“Und wozu?”, fragte Liora.
Mummrich sah zum Bergkamm.
“Damit am Ende alle sagen: So kann es nicht weitergehen. Irgendwer muss jetzt durchgreifen.”
Dachsbert schlug mit der flachen Pfote auf den Tisch. Nicht laut, aber entschieden.
“Das ist der Punkt. Erst machen sie den Wald unbewohnbar, dann verkaufen sie Ordnung.”
Faulmann sah ihn an. “Und das kaufen die Tiere?”
“Manche”, sagte Dachsbert. “Manche aus Angst. Manche aus Wut. Manche, weil sie wirklich glauben, dass ein harter Panzer besser ist als ein verletzliches Fell.”
“Und manche”, sagte Liora leise, “weil sie wollen, dass etwas anderes auch verletzt wird.”
Alle sahen sie an.
Liora sprach nicht lauter, aber deutlicher.
“Nicht nur: Ich habe Angst. Nicht nur: Mir fehlt etwas. Sondern: Warum soll das Nest dort drüben noch heil sein, wenn meines schon nass und kalt ist? Warum soll der Garten am Bach grün bleiben, wenn ich keinen Platz darin habe? Warum soll jemand singen, wenn ich seit Jahren nur Rauch rieche?”
Dachsbert schwieg.
“Das ist Ressentiment”, sagte Mummrich vorsichtig.
“Nein”, sagte Liora. “Das ist erst einmal ein trauriger Satz in einem Tier. Ressentiment wird es, wenn jemand kommt und sagt:
Du musst nicht mehr traurig sein. Du darfst jetzt hassen.”
Faulmann senkte den Blick.
“Und dann?”, fragte er.
“Dann wird aus dem Mangel eine Berechtigung”, sagte Liora. “Aus der Kränkung ein Auftrag. Aus dem Schmerz wird raffinierter Brennstoff.”
Dachsbert atmete schwer aus.
“Früher”, sagte er, “hätten wir dazu gesagt: Die falschen Leute zünden die richtigen Wunden an.”
Mummrich sah auf. “Das ist sehr gut.”
“Nicht mitschreiben.”
“Zu spät.”
Liora sah zum Bergkamm.
“Ich will nur nicht”, sagte sie, “dass wir die Tiere, die wütend sind, so lange erklären, bis die Tiere, die sie verbrennen wollen, aus dem Bild verschwinden.”
Faulmann nickte.
“Verstehen ohne Entschuldigen”, sagte er.
“Und schützen ohne Verachten”, sagte Liora.
Dachsbert brummte. “Und Brunnen öffnen, bevor einer behauptet, Feuer sei das ehrlichere Wasser.”
Liora sah zwischen beiden hin und her. “Aber damit erklärt ihr immer noch nicht die, die darunter leiden werden.”
“Doch”, sagte Dachsbert leise. “Genau die meine ich.”
Liora wartete.
Dachsbert kratzte mit der Kralle über den Tisch.
“Im Dorf haben sie vor zwei Jahren den alten Brunnen zugemacht. Zu teuer. Dann wurde der Bus am Abend gestrichen. Zu wenig Nachfrage. Dann hieß es, die Löschwache müsse zusammengelegt werden, wegen Effizienz. Die alte Frau Fink läuft jetzt eine Stunde länger zur Apotheke, wenn ihr Enkel nicht kann. Die Miete für die Maushöhlen am Bach ist gestiegen, weil irgendein Investor Waldnähe entdeckt hat. Und dann kommt einer mit einem Flammenwerfer und sagt: Die da oben haben euch vergessen.”
“Und dann glauben sie ihm?”, fragte Liora.
“Einige glauben ihm. Andere nicht. Aber viele hören zum ersten Mal seit Langem einen Satz, in dem sie vorkommen.”
Mummrich nickte langsam. “Das ist wichtig. Aber es wäre zu bequem, den Flammenwerfer nur bei den armen Tieren zu suchen.”
Dachsbert sah auf.
“Wie meinst du das?”
“Es gibt auch viele mit trockenen Höhlen, vollen Vorratskammern und sehr gutem Ausblick auf den Brand”, sagte Mummrich. “Sie kaufen den Flammenwerfer nicht, weil ihnen Wasser fehlt. Sie kaufen ihn, weil sie fürchten, dass ihr Vorsprung kleiner wird.”
Liora sah ihn an.
“Sie würden den eigenen Wald anzünden?”
“Wenn sie glauben, dass danach wenigstens niemand anderes näher an ihre Lichtung heranrückt”, sagte Mummrich.
Dachsbert atmete durch die Nase aus.
“Das sind mir die liebsten”, sagte er. “Sitzen im Trockenen und erklären, sie seien die eigentlichen Opfer der Feuchtigkeit. Was sie vergessen: Ein trockenes Heim brennt besonders gut.”
Mummrich nickte. “Manche wollen nicht brennen, weil sie frieren. Manche wollen Feuer sehen, weil sie Angst haben, dass andere irgendwann auch am Feuer sitzen.”
“Und die reden dann besonders gern von Ordnung”, sagte Liora.
Dachsbert nickte. “Von Ordnung, Leistung und Verantwortung. Meistens kurz nachdem jemand vorgeschlagen hat, ihre Holzvorräte mitzuzählen.”
Faulmann sah zur Anzeige.
“Dann ist der Flammenwerfer nicht nur ein Gerät der Verzweifelten”, sagte er.
“Nein”, sagte Mummrich. “Auch ein Gerät der Besitzenden. Der Gekränkten. Derer, die lieber den eigenen Wald riskieren, als den Abstand zu den anderen kleiner werden zu lassen - oder den eigenen Wohlstand erklären zu müssen.”
“Das ist fast schlimmer”, sagte Liora.
“Nicht fast”, sagte Dachsbert.
Mummrich nickte langsam. “Nicht jeder Griff zum Flammenwerfer ist Nihilismus. Manche wollen keinen Weltbrand. Manche wollen ein Zeichen setzen. Manche wollen, dass die Feuerwehr endlich kommt. Manche stimmen in bestimmten Fragen tatsächlich mit dem Flammenwerferverkäufer überein. Und manche sind einfach wütend genug, um die Folgen nicht mehr sauber zu trennen.”
“Das ist mir zu sauber”, sagte Liora.
“Was?”
“Diese Unterscheidungen. Protest, Ressentiment, Zynismus, soziale Not, kulturelle Kränkung. Das mag alles stimmen. Aber wenn es brennt, brennt es für alle gemeinsam.”
Dachsbert sah sie an und nickte.
“Ja”, sagte er. “Und genau deshalb darf man den Flammenwerfer nicht romantisieren.”
“Wer romantisiert ihn denn?”, fragte Mummrich.
“Alle, die ihn nur als Symptom besprechen”, sagte Liora. “Als Zeichen. Als Botschaft. Als Hilferuf. Vielleicht ist er das alles. Aber er bleibt ein Gerät, mit dem man andere verbrennt.”
Da knarzte die alte Linde am Rand der Lichtung.
Nicht laut. Nur einmal, tief im Stamm, als habe sie den Satz nicht kommentiert, sondern behalten.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Faulmann legte die Anzeige auf den Tisch, als sei sie ein kleines totes Tier.
“Liora hat recht”, sagte er.
“Wenn wir nur verstehen wollen, warum jemand den Flammenwerfer wählt, und dabei vergessen, wen er trifft, haben wir schon zu viel Rauch eingeatmet.”
Dachsbert lächelte müde. “Das ist ein Satz, reserviert für die besseren Flugblätter.”
“Hattest du mal Flugblätter?”, fragte Liora.
“Ich hatte sogar Sicherheitsnadeln”, sagte Dachsbert. “Und eine Jacke, die mehr Meinung als Stoff war.”
Liora lächelte zum ersten Mal an diesem Nachmittag.
“Jetzt verstehe ich deine Haltung zu ordentlichen Aushängen etwas besser”, sagte sie.
Dachsbert sah sie kurz an.
“Ordentliche Aushänge sind in Ordnung”, sagte er. “Solange sie nicht so tun, als wäre Ordnung schon Gerechtigkeit.”
Dann zog er die Jacke zurecht.
“Und der Dachspunk”, sagte er, “kam später. Ich war nur ungeduldig und schon schlecht gelaunt.”
Mummrich notierte sich das.
“Nicht mitschreiben”, sagte Dachsbert.
“Zu spät.”
Der Wind drehte. Für einen Moment kam der Rauchgeruch deutlicher über den Kamm. Er war nicht stark. Aber er war da. Er legte sich über den Waldtisch, vermischte sich mit Kaffee, Brot und nasser Rinde.
Faulmann dachte an den alten Aussichtsturm. An die letzte Kehre, an der er abgestiegen war, weil der Weg zu steil wurde. An das Knacken der trockenen Zweige unter den Reifen. An den Blick über den Bergkamm. Man sah von dort oben nicht das Feuer selbst. Man sah nur die Verfärbung des Himmels, als hätte jemand hinter der Landschaft ein schlechtes Versprechen angezündet.
“Vielleicht”, sagte Faulmann, “ist das Problem auch, dass die üblichen Mittel nicht mehr so wirken, wie sie gemeint sind.”
Mummrich sah interessiert auf.
“Wasser?”, fragte Dachsbert.
“Ja. Wasser. Worte. Sparmaßnahmen. Notbremsen. Beruhigungssätze.”
Liora nickte langsam.
“Manchmal ist ein Feuer so heiß, dass Wasser nicht mehr als Wasser ankommt”, sagte Faulmann. “Nicht im normalen Sinn. Nicht beim Küchenbrand. Aber als Bild. Das Mittel, das löschen soll, wird Teil der Reaktion.”
“Und manchmal”, sagte Mummrich, “ist ein System so überhitzt, dass selbst eine Notbremse nicht mehr bremst, sondern ruckartig alles nach vorn reißt.”
Dachsbert verzog das Gesicht.
“Eine Notbremse, die anschiebt?”
“Nur wenn vorher sehr viel falsch gebaut wurde”, sagte Mummrich.
“Das klingt nach einer Konstruktion, bei der man nicht danebenstehen möchte”, sagte Dachsbert.
“Nein”, sagte Mummrich. “Und schon gar nicht mit einem Eimer.”
“Es geht also nicht nur um die Maßnahme”, sagte Faulmann.
Mummrich nickte. “Sondern um den Zustand des Systems, in das sie fällt.”
“Dünnes Eis”, sagte Dachsbert.
“Ja”, sagte Mummrich. “Aber darunter liegt etwas.” Faulmann nahm den Gedanken auf.
“In einem vertrauensvollen Wald kann Sparsamkeit als Vorsicht gelten, sogar als notwendig”, sagte Faulmann. “In einem erschöpften Wald kann sie klingen wie: Für eure Eimer reicht es nicht mehr.”
“Und wenn gleichzeitig neue Schilder aufgestellt werden”, sagte Dachsbert, “auf denen steht: Der Brandschutz ist gesichert, dann braucht man sich über schlechte Laune nicht wundern.”
“Schlechte Laune ist nicht das Problem”, sagte Liora. “Die Flammen sind es.”
“Ja”, sagte Mummrich. “Aber man darf nicht unterschätzen, was falsch verstandene Steuerung in einem überhitzten System anrichten kann. Man zieht an einem Hebel, auf dem notwendige Sicherung steht, und merkt zu spät, dass man nicht gebremst, sondern eine Kettenreaktion bestellt hat.”
Dachsbert sah ihn an.
“Bestellt”, sagte er. “Sehr schön. Dann kommt sie vermutlich auch noch mit Lieferschein.”
Faulmann nickte langsam.
“Dann kann eine Maßnahme, die das System retten soll, das System zum Einsturz bringen.”
“Also”, sagte Dachsbert, “man spart bei den Eimern, um den Wald zu retten, und wundert sich, dass die Tiere anfangen, Zündhölzer zu zählen.”
“Nicht nur zu zählen”, sagte Liora.
Dachsbert schwieg.
“Ja”, sagte er dann. “Nicht nur zu zählen.”
Eine Weile sahen sie alle auf die Anzeige.
“Das ist der Vorteil des Flammenwerfers”, sagte Dachsbert schließlich. “Er muss nicht recht haben. Er muss nicht bauen. Er muss nicht halten, was andere versprechen. Er muss nur zeigen, dass nach ihm etwas anders aussieht. Und das kann er.”
“Deshalb reicht es nicht”, sagte Mummrich, “ihm zu widersprechen.”
Faulmann nickte langsam. Mehr sagte er nicht. Vielleicht war es einer dieser Sätze, die erst später eine Antwort suchen.
Später, als der Kaffee kalt geworden war und niemand mehr so recht wusste, ob noch etwas zu sagen war, stand Dachsbert auf.
“Ich brauche einen Verdauungsgang”, sagte er.
“Du hast kaum gegessen”, sagte Mummrich.
“Ich verdaue nicht nur Brot”, sagte Dachsbert.
Das war schwer zu widerlegen.
Also gingen sie los. Nicht weit. Nur den schmalen Pfad entlang, der hinter der Gemeinschaftshütte begann, an den alten Farnen vorbei und dann ein Stück in Richtung Kammweg führte.
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Faulmann schob sein Rad neben sich her. Es klickte leise im Freilauf, obwohl es gar nicht frei lief. Dachsbert ging mit den Händen in den Jackentaschen voran. Mummrich trug sein Heft, als könne es unterwegs etwas verlieren. Liora ging langsam und blieb manchmal stehen, wenn ein Ast zu trocken knackte.
Sie sprachen wenig.
Der Rauchgeruch war nicht stärker geworden. Aber nach dem Gespräch roch er anders.
Am Rand der Lichtung kamen sie am Williamshügel vorbei.
Oder an ihm entlang.
Oder durch jene Gegend, in der William lag, stand oder einfach schon länger war, als die Unterscheidung hilfreich gewesen wäre.
Er sah aus wie ein moosiger Hügel, der irgendwann einmal beschlossen hatte, die Form eines Schildkrötenpanzers anzudeuten, ohne sich damit unnötig festzulegen. Niemand wusste, ob darunter wirklich eine sehr alte Schildkröte hibernierte oder ob der Wald nur an dieser Stelle besonders nachdenklich gewachsen war.
Dachsbert blieb kurz stehen.
“Na”, sagte er.
Der Hügel sagte nichts.
“Auch eine Position”, sagte Dachsbert.
Dann gingen sie weiter.
Der Weg machte eine kleine Schleife durch den unteren Buchenhang und führte sie schließlich wieder zurück zur Lichtung. Der Waldtisch stand noch da, mit den kalten Tassen, der gefalteten Zeitung und der Anzeige mit der gedruckten Düse. Alles sah ein wenig so aus, als habe es in ihrer Abwesenheit weiter nachgedacht.
Sie setzten sich nicht sofort.
Faulmann blieb neben seinem Rad stehen.
Mummrich schlug sein Heft auf, aber schrieb nichts.
Liora sah auf die Anzeige.
Dachsbert kratzte sich hinter dem Ohr.
“Komisch”, sagte er.
“Was?”, fragte Mummrich.
“Ich bin mit keiner Frage losgegangen.”
“Und?”
“Jetzt habe ich eine.”
Liora nickte langsam. “Ich auch.”
Faulmann nahm seine Mütze ab und fuhr mit der Pfote über den Rand.
“Ich glaube”, sagte er, “sie war schon unterwegs da. Ich habe sie nur nicht gleich erkannt.”
Mummrich hob den Stift.
“Welche Frage?”, fragte er.
Faulmann sah auf die Zeitung, dann auf die Anzeige, dann zum Kamm.
“Was wäre eine Handlung, die beweist, dass Reparatur stärker ist als Zerstörung?”
Mummrich schrieb den Satz auf, sehr langsam.
Dachsbert verschränkte die Arme. “Das ist eine gemeine Frage.”
“Eine gute?”, fragte Liora.
“Meistens sind die gemeinen die guten.”
Mummrich sah auf seine Notiz. “Selbstevidente Reparatur”, sagte er leise.
Dachsbert verzog das Gesicht. “Ein Wort, das erst einen Maulwurf braucht, um schön gefunden zu werden.”
“Wirksame Reparatur”, sagte Liora.
Dachsbert nickte. “Etwas, das man nicht glauben muss, weil es da ist.”
“Mehr als sichtbar”, sagte Faulmann. “Etwas, das nicht erst erklärt werden muss, bevor man merkt, dass es trägt.”
Dachsbert sah zum Bergkamm.
“Also kein Plakat über Wasser”, sagte er. “Wasser.”
“Brunnen öffnen”, sagte Liora.
“Bus fahren lassen”, sagte Dachsbert.
“Löschwache nicht schließen”, sagte Faulmann.
“Und keine Rabatte auf Flammenwerfer”, sagte Mummrich.
“Auch das”, sagte Dachsbert. “Eine wehrhafte Brandschutzordnung hat noch keinem Wald geschadet.”
Faulmann sah wieder zum Kamm.
Der Rauch war dünner geworden. Oder der Wind hatte nur gedreht. Das war schwer zu sagen.
“Vielleicht”, sagte er, “besteht Hoffnung nicht darin, dass der Feuerwehrbär endlich kommt.”
Dachsbert sah ihn an. “Sondern?”
Faulmann nahm seine Mütze wieder in beide Pfoten.
“Darin, dass irgendwann genug Tiere aufhören, auf ihn zu warten - und anfangen, die Brunnen wieder freizulegen.”
Liora nickte.
Mummrich schrieb.
Dachsbert sah noch einmal zum Williamshügel hinüber.
“Und morgen”, sagte er schließlich, “rede ich mit de Leut.”
“Über den Brand?”, fragte Liora.
“Auch”, sagte Dachsbert. “Aber zuerst über die Brunnen. Sonst reden wir wieder nur über Rauch.”
Über dem Bergkamm lag noch immer dieser seltsame Himmel.
Nicht rot.
Nicht grau.
Eher wie eine Antwort, die sich noch nicht entschieden hatte, ob sie eine Warnung sein wollte.
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