Am Rand

    2026-01-21 00:00:00 +0100

    Faulmann sah das Plakat an einem Tag, der nichts Besonderes vorhatte.
    Bahnhaltestelle, grauer Himmel, dieses kurze Stehen zwischen Liniennetz und Abfahrtszeiten. Sonderausstellung. Ein neu erworbenes Brevarium. Psalter und Stundengebet. Nordfrankreich, um 1300. Und ein Titel, der sich nicht wichtig machte: Glaube mit Humor.

    Er ging weiter.

    Aber der Gedanke blieb, wie ein lose hingelegtes Lesezeichen. Manche Einladungen wirken nicht sofort. Sie gehen erst ein paar Tage mit, ohne dass man es merkt.

    An einem spaeteren Morgen machte er sich dann auf den Weg. Nicht aus Dringlichkeit, eher aus diesem sanften Zug, den Dinge entwickeln, wenn sie einen im richtigen Moment wieder einholen. Das Schnuetgen kannte er schon, war erst im fruehen Herbst dort gewesen. Den Ton des Hauses. Diese Ruhe, die nicht leer ist, sondern gesammelt.

    Beim letzten Besuch hatte er Glas gesehen. Licht, Durchlaessigkeit. Und ploetzlich Freiburg, obwohl es nicht Teil der Ausstellung war. Ein Ort, der sich hineingeschoben hatte, weil Geschichten manchmal ihre eigenen Wege nehmen. Und dieses Wunder, das es nie gab, das trotzdem kurz im Raum stand. Nicht als Ereignis, sondern als Moeglichkeit. Als zweite Erzaehlung, die sich nicht durchsetzt, aber auch nicht verschwindet.

    Diesmal fuehrte der Weg tiefer hinein, in einen Kirchenraum. Nicht einfach Ausstellung, eher Unterbringung. Als haette das Buch, um das es ging, einen Ort bekommen, der wusste, wie man ausstellt. In einer Vitrine lag das Brevarium aufgeschlagen. Pergament, Hand, Zeit. Psalmen und Gebete, gesetzt fast wie ein Terminkalender1.

    Ein Psalter-Brevaium, las Faulmann, ist kein Buch fuer besondere Anlaesse. Es ist ein Buch fuer den Tag. Fuer Stunden. Fuer Wiederholung. Psalmen zum Lesen, Gebete, die den Rhythmus ordnen. Kein Anfang, kein Ende. Eher ein Kreis, in den man immer wieder eintritt2.

    Neben der Vitrine konnte man ds Werk auf einem Touchscreen digital durchblaettern. Seite um Seite, ohne Glas dazwischen. Fast intim. Fast so, als duerfte man fuer ein paar Minuten in eine Rolle schluepfen, die aus Wiederholung besteht. Lesen, schauen, weiter, zurueck. Ein Moenchs Rollenspiel ohne Punkte und ohne Ziel. Nur diese stille Arbeit, sich Zeit zu lassen3.

    Das Zentrum war klar, ordnend, fast streng in seiner Selbstverstaendlichkeit.

    Und dann wanderte der Blick.

    Nicht abrupt. Eher so, als wuerde etwas am Rand leicht ziehen. Als haette das Buch dort eine zweite Stimme, die nicht laut werden musste, um gehoert zu werden. Pflanzliche Ranken, die aus Initialen herauswuchsen, und in diesen Ranken: Welt. Nicht das Heilige, sondern das, was es zwischen Himmel und Erde noch so gibt.

    Faulmann sah Tiere, die menschliche Dinge taten, als sei das die normalste Form von Kommentar. Ein Musikant, der nicht in den Chor passte. Ein Affe mit Dudelsack, der genau die Sorte Laerm in den Raum bringt, die man eigentlich draussen lassen will. Und gerade deshalb wirkte es so stark. Weil es nicht wie Spott daherkam, eher wie ein Ventil. Als duerfte man kurz ausatmen.

    Dann wieder etwas ganz Einfaches. Haende im Teig. Brot, nicht als Symbol, sondern als Arbeit. Ein Ofen. Eine Bewegung, die man auch heute noch kennt, wenn man einmal in einer Kueche gestanden hat.

    Dann, ein Spiel. Ein Ball. Koerper, die sich drehen, werfen, laufen. Ein Moment von Freizeit, so klein gemalt, als koenne er sich gleich wieder verstecken. Und doch war er da. Nicht am Rand der Welt, sondern am Rand eines Psalms.

    Und Mischwesen. Halb Tier, halb Mensch, halb Fantasie. Nicht schoen im gefaelligen Sinn, eher frei. Als haette der Illuminator hier ausprobiert, wie weit man gehen darf, bevor die Ordnung protestiert. Vielleicht auch, um sich selbst zu erinnern, dass Ordnung nicht alles ist.

    Faulmann merkte, dass er laenger bei diesen Dingen blieb als beim Zentrum. Das Zentrum verlangte Ehrfurcht. Der Rand verlangte Aufmerksamkeit. Und etwas anderes: eine Art Zustimmung dazu, dass Andacht nicht steril sein muss. Dass man beten kann und trotzdem weiss, wie ein Dudelsack klingt. Dass man Psalmen liest und trotzdem Hunger hat. Dass man die Welt nicht abschneiden kann, ohne sich selbst mit abzuschneiden, auch oder vielleicht gerade im Mittelalter4.

    Zwischen den Gebeten tauchten immer wieder diese Randwelten auf. Humor, Alltag, Uebertreibung. Sie machten das Zentrum nicht kleiner. Eher menschlicher. Als wuesste das Buch selbst, dass Andacht Luft braucht. Dass man sie sonst nicht lange (er)traegt5.

    Faulmann kam dabei ein Gedanke. Kein fertiger, eher einer, der sich langsam formte:

    Vielleicht wird am Rand ehrlicher gedacht als im Zentrum - weil der Rand die Mitte nicht nur schmueckt, sondern aufschliesst, verschiebt, widerspricht und damit erst lesbar macht.

    Als er den Kirchenraum verliess, war scheinbar wenig geschehen. Aber etwas war mitgegangen. Eine Art Erkenntnis, dass man Einladungen nicht sofort folgen muss. Manche brauchen Randzeit. So wie dieses Buch sie sich genommen hat.

    Draussen war es Winterlicht, kuehl und klar.
    Faulmann zog die Muetze tiefer und ging noch nicht nach Hause.
    Sein Magen grummelte.
    Der Wald wuerde warten muessen.
    Denn ohne dass er es wusste, lag die naechste Einladung bereits direkt vor ihm.

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    Fussnoten

    .

    1. Im Kalenderteil des Buches gibt es ein Tier, das dort eigentlich nicht hingehoert. Dezember, Steinbock – und doch etwas anderes. Ein Detail, das zu gross ist fuer eine Fussnote und spaeter einen eigenen Weg bekommt. 

    2. Ein Psalter-Brevaium ist kein Buch fuer besondere Tage. Es ist ein Arbeitsbuch der Zeit. Psalmen, Lesungen und Gebete strukturieren den Tag der Chorherren Stunde fuer Stunde. Man liest nicht von vorne nach hinten, sondern kehrt immer wieder ein. Ein Kreis, kein Weg. Dieses Brevarium entstand um 1300 in Nordfrankreich, in der Abtei St. Martin in Laon. Diese Region praegte auch die Koelner Kunst jener Zeit. Der Blick nach Paris war keine Abkehr, sondern eine Erweiterung 

    3. Dass man das Arenberg-Psalter-Brevier heute digital durchblaettern kann, ist kein Widerspruch zur Handschrift. Es ist fast eine zeitgemaesse Form des Wiederholens. Seite um Seite. Lesen, schauen, zurueck. 

    4. Der Rand mittelalterlicher Handschriften ist kein leerer Raum. Er ist Denkraum. Dort darf auftauchen, was im Zentrum keinen Platz hat: Spiel, Witz, Uebertreibung, Zweifel. Kunsthistorisch nennt man diese Figuren Drolerien. 

    5. Humor im mittelalterlichen Glauben ist kein Bruch mit der Andacht. Er ist ihre Entlastung. Lachen am Rand ist kein Spott, sondern Atem. 

    Was der Wald gehört hat - Darf sie das

    2026-01-11 00:00:00 +0100

    Der Zug war mit Faulmann (oder Faulmann mit dem Zug) schon auf dem Rückweg, dieser leicht ermüdete Zustand zwischen Ankommen und Noch-nicht-zu-Hause. Faulmann saß am Fenster, der Rucksack sicher verstaut, den ganzen Wagen für sich. Einer dieser Abende, an denen fast niemand sonst noch fährt. Es gibt vielleicht 2-3 dieser Abende im Jahr, und jedes Mal wirken sie wie ein kleines Versehen im Fahrplan der Welt.

    Draußen zogen Bahnsteige vorbei wie halbfertige Gedanken.

    Auf den Ohren lief so eine Art kennst du schon Playlist. Nichts Dramatisches. Eher Musik als Geländer, damit die eigenen Gedanken nicht so leicht von der Treppe fallen. Und dann begann eines der Lieder sich einzumischen. Nicht laut, nicht sofort. Erst wie ein Tonfall, der anders ist als der Rest, dann wie ein Satz, der nicht nur vorbei will.

    Paula Carolina, Darf sie das.

    Faulmann merkte schnell, warum etwas blieb. Resonanz. Denn der Bär mag sowas. Er lässt sich gern von Dingen erzählen, die es gar nicht gibt. Von Zuständen, die noch nicht beschlossen wurden. Von Welten, die für drei Minuten so tun, als hätten sie einen anderen Grundriss. Und wenn das dann auch noch auf einem fetzigen Beat passiert, umso besser. Der Wald ist nicht gegen Tanzbarkeit. Im Gegenteil, er ist gegen falschen Ernst und liebt es, wenn man seine Tatzen freudig mitwackeln lässt.

    Die Utopie kam ohne Tarnung. Bezahlbare Wohnungen, kein Hass, kein Erklärenmüssen. Menschen, die morgens aufwachen, ohne schon müde zu sein von der Welt. Das alles nicht als Forderung, sondern als freche Behauptung. Als würde jemand sagen: Stell dir vor, das hier wäre normal. Nur kurz.

    Der Refrain übertrieb so sehr, dass er sich schon wieder ehrlich macht. Dieses grelle Glück, bei dem man automatisch misstrauisch wird. Und sofort stellte sich die Frage, die sich immer stellt, wenn jemand zu sichtbar Freude hat: Darf sie das?

    Der Wald kennt diese Frage gut. Er hört sie oft. Meist leise, meist mit gesenktem Blick. Aber hier kam die Antwort ohne Begründung. Ja. Ich habe Spaß. Punkt. Keine Fußnote, kein Anhang.

    Faulmann lehnte den Kopf ans Fenster. Der Wagen war still, die Schienen machten ihr endloses Ja-ja-ja, und draußen flackerte Nacht über Industrie und Felder. Der Song machte die Welt nicht besser. Aber er zeigte, dass sie für einen Moment anders klingen kann.

    Für Paula Carolina jedenfalls Tatzen hoch: eine Künstlerin, die sicher krass weiß, wie man ausgibt, du, da fällt dir nix mehr ein!

    Der Wald hat das gehört.

    Und er hat genickt.

    Der Bär empfiehlt - eine Stelle, die blieb: NaiNai Bao

    2025-12-29 00:00:00 +0100

    Faulmann kam aus dem Rautenstrauch-Joest.
    Nicht im Sinne von “fertig”, sondern in diesem Zustand, in dem der Kopf noch voll ist von Blicken, Geschichten, Entdeckungen. Dinge, die nicht einfach Dinge sind. Herkunft, Deutung, Kontext. Die leise Spannung zwischen Vitrine und Welt.

    Im Josef-Haubrich-Hof blieb er kurz stehen. Wind. Beton. Menschen in Übergangsbewegung. Und dann: NaiNai Bao. Kein großes Aufheben, kein Konzept-Schwurbel sondern ein sehr klares Signal: Hier weiss jemand, was er tut. Teig. Füllung. Handgriff. Und sehr freundliches, zuvorkommendes Personal - nicht aufgesetzt, sondern aufmerksam auf die gute, ruhige Art, die einem erlaubt, noch einen Moment Bär zu sein, bevor man bestellt.¹

    Das fühlte sich für Faulmann wie eine logische Fortsetzung an.
    Im Museum schaut man auf Dinge im Kontext - Herkunft, Blick, Deutung, manchmal auch auf das Unbehagen, das bleibt. Und hier bekommt man etwas, das nicht ausgestellt wird, sondern passiert: warm und unmittelbar. Essen als Gegenwart.

    Faulmann bestellte Pork Jiaozi mit Erdnusssauce. 16 Stück.
    Saftig, ordentlich gefüllt, guter Biss. Die Sorte Jiaozi, bei der man merkt, dass jemand ein Verhältnis zum Teig hat. Und die Erdnusssauce erst. Nicht Beiwerk, sondern Plotrelevant: nussig, rund, leicht süßlich, aber mit genug Wumms, um klarzumachen, dass hier niemand “nur” nett sein will.²

    Nach Nummer 8 dachte Faulmann kurz: “ok, jetzt nur noch aus Prinzip”.
    Bei Nummer 16 wusste er: Prinzip kann hervorragend schmecken. Der Bär hält das für eine wichtige Einsicht.

    Dazu Milky Oolong Tee. Weich, duftig, beruhigend.
    Wie die letzte Vitrine im Museum, bei der man nicht mehr liest, sondern einfach nickt.³

    Faulmann mag Orte, die kein großes Narrativ aufmachen, sondern eines einlösen. Kein Erzählen, sondern Tun. Handwerk ohne Pathos. Und ja: Das ist dann plötzlich doch wieder ethnologisch - nur nicht als Ausstellung, sondern als Praxis.

    Fazit des Bären:
    Sehr empfehlenswert. 5/5 Teigtaschen ;–)


    ¹ Freundlichkeit ohne Theater ist eine unterschätzte Kulturtechnik. Der Bär merkt sich sowas.
    ² Faulmann unterscheidet zwischen Sauce als Dekoration und Sauce als Argument. Dies hier eindeutig Kategorie 2.
    ³ “Milky” ist ein riskantes Wort. Hier meint es nicht Dessert, sondern Gelassenheit.
    ⁴ Der Josef-Haubrich-Hof ist ein Ort des Durchzugs. Gerade deshalb eignet er sich für einen sehr konkreten Halt.