Faulmann und die Elektrokutsche nach Stolberg

    2026-04-19 00:00:00 +0200

    Ein leicht melancholisches, gemaltes Bild: Ein ruhiger Bär mit Schiebermütze steht neben einem kleinen Fahrrad und blickt zu einer mittelalterlichen Burg hinauf, die auf einem Felsen über einer stillen Stadt liegt. Die Farben sind gedämpft, das Licht weich, die Szene wirkt ruhig und nachdenklich.

    Am Morgen nahm Faulmann die neue Elektrokutsche.

    So nannte er das Fahrzeug inzwischen, nicht weil es besonders poetisch gewesen wäre, sondern weil “neues Auto” nach zu viel Prospekt klang und “Elektroauto” immer so sprach, als wolle es gleich noch etwas über Ladeleistung erzählen. Sie fuhr sehr ordentlich, sehr leise und mit jener unaufdringlichen Selbstzufriedenheit, die neue Dinge oft haben, bevor der Alltag beginnt. Und sie fuhr fast von alleine - wie eine Kutsche eben.

    Es war früh, die Straßen noch Wege und keine Blechflüsse, und das Ziel Stolberg lag in dieser Entfernung, die für einen Ausflug gerade richtig ist: weit genug, dass man das Haus verlässt, und nah genug, dass man nicht gleich sein ganzes Leben mitnehmen muss.

    Das Rad lag hinten drin.

    Faulmann freute sich auf diesen Moment des Auspackens. Man kommt irgendwo an, klappt etwas auseinander, zieht Gurte los, richtet Lenker und Taschen - und plötzlich verwandelt sich Anfahrt in Bewegung. Das hat etwas Beruhigendes. Als müsste man sich vor Ort erst auf die richtige Größe bringen.

    Stolberg empfing ihn mit Frühlingsgrün, Hängen, Gassen, Stein, einer Burg oben und dem Gefühl, dass hier einmal vieles sehr pittoresk und davor sehr strukturiert gewesen sein muss: Wer oben sitzt, wer unten arbeitet, wer den Bach braucht, wer das Metall, wer den Handel. Die Burg steht auf einem Kalkfelsen über dem Vichtbachtal, eine dieser Anlagen, bei denen Geologie und Herrschaft sich offenbar vor langer Zeit auf eine Zusammenarbeit geeinigt haben. Später wurde sie zerstört, wieder aufgebaut, umgeformt und schließlich von einem Industriellen im Historismus noch einmal zu einer Art Mittelalter mit sehr langem Atem gemacht.

    Faulmann hielt unten kurz an, sah hinauf und dachte, dass Burgen oft ein wenig unverschämt wirken. Jahrhunderte lang oben stehen und so tun, als sei das alles selbstverständlich.

    Dann fuhr er weiter.

    Ein paar Gassen hinauf, ein paar wieder hinunter. Nicht sportlich. So, wie man in fremden Orten fährt, wenn man nichts beweisen muss und einfach aufnehmen mag. Man schaut nach Schildern, nach Fenstern, nach Mauern, nach den Stellen, an denen etwas restauriert wurde, und nach den Stellen, an denen jemand offenbar irgendwann sagte: “Lassen wir das erst mal so.”

    Die Altstadt wirkte schön und zugleich merkwürdig leise. Nicht tot. Aber auch nicht ganz wach. Als hätte sie beschlossen, noch zu überlegen, ob sich eine Rückkehr lohne. Stolberg leidet offensichtlich nach der Flut von 2021 noch immer sichtbar unter Schäden, Leerstand und langem Wiederaufbau. Das merkte man. Manche Häuser standen da wie nach einem zu langen Satz ohne Punkt. Andere wirkten, als hätten einige Mutige mit viel Geduld und wahrscheinlich zu wenig Budget wieder angefangen, an sie zu glauben.

    Die letzten Meter zur Burg schob er das Rad ein Stück die Steigung hinauf. Nicht jede Höhe muss fahrend erledigt werden. Manchmal ist Schieben die passendere Form von Würde.

    Oben war alles so, wie Burgen eben sind, wenn sie lange genug stehen durften: Mauern, Ausblicke, ein gewisser Ernst im Gestein, etwas eigensinniges Grün in den Mauerritzen und dazwischen der stille Verdacht, dass hier über Jahrhunderte hinweg Menschen sehr überzeugt von sich gewesen sein müssen. Faulmann fand das architektonisch interessant und charakterlich anstrengend.

    Auf einem Wehrgang kreisten drei Kinder um das Zentralgestirn, ihre sichtbar leicht genervte Mutter.

    Sie standen kurz an der Mauer, dann wieder ein paar Schritte weiter, dann doch wieder zurück. Der eine zeigte auf einen Turm und fragte, ob da früher Ritter gekämpft hätten.

    “Ja, bestimmt”, sagte die Mutter, ohne ganz hinzusehen.

    Der Junge sah noch einen Moment zur Burg, dann drehte er sich zu Faulmann.

    “Stimmt das?”

    Faulmann war verwirrt, war er gemeint? Er sah erst zur Mauer und dann in die Luft, als läge die Antwort vielleicht irgendwo dazwischen, und begann zu reden, bevor er ganz wusste, was.

    “Vermutlich nicht so oft”, sagte er schließlich. “Die haben wahrscheinlich eher gewartet.”

    “Gewartet?”

    “Und gefroren”, sagte Faulmann. “Und schlecht gegessen. Das Kämpfen war vermutlich nur der unangenehmste Teil.”

    Faulmann fand, er machte es mit jedem Wort schlimmer.

    Der Junge nickte, als sei das eine durchaus denkbare Enttäuschung.

    “Und dann gekämpft?”, fragte er.

    “Bestimmt auch”, sagte Faulmann. “Wäre ja sonst auch komisch.”

    Damit schien die Sache für einen Moment geklärt.

    Kurz darauf fragte eines der anderen Kinder, ob Ritter auch schlafen mussten.

    Faulmann antwortete, ein wenig aus Verlegenheit. Offenbar war er vorübergehend zuständig.

    Die Mutter sah kurz zu ihm herüber - ein Blick, der seine Zuständigkeit bestätigte und sich gleichzeitig ein wenig entschuldigte.

    So ging das noch eine Weile hin und her.

    Von dort oben jedenfalls sah Stolberg fast geordnet aus.

    Unten am Fluss aber zeigte sich wieder dieses eigentümlich historisch Komplexe. Industriegeschichte, Kupfer, Messing, Zink, Fabriken, Flussläufe, Flutschäden, Wiederaufbau - eine Gegend, in der Stoffe und Zeiten sich gegenseitig nie ganz in Ruhe lassen. Selbst das Museum Zinkhütter Hof 1, auf einer Anhöhe gegenüber der Burg, erzählt die Genese der Region als eine Geschichte von Material, Arbeit und Bewegung. Das passte gut dazu, dass Faulmann ausgerechnet mit dem Rad unterwegs war. Manche Gegenden versteht man besser, wenn man sie nicht nur besichtigt, sondern mit eigener kleiner Mechanik durchquert.

    Irgendwann war es Zeit für Kaffee.

    Wieder in Stolberg saß er dann bei “OH SVENI YEAH”, was nach einem Namen klingt, der beschlossen hat, lieber erst einmal auffällig zu sein und sich später um Seriosität zu kümmern. Faulmann mochte das. Nicht alles muss ehrwürdig heißen. Sonst endet man noch in einem Café namens “Manufaktur Genusswerk”, und dort ist die Nussecke am Ende rechteckig und kostet sieben Euro zwanzig. Nach so viel Stein war ein Ort mit diesem Namen fast schon eine Form von Gegenwart.

    Hier gab es Kaffee. Die sehr ausgewählt gekleidete Verkäuferin sagte, heute gebe es statt der auf dem Schild angepriesenen Auswahl zwischen Hefeschnecke, Muffin, diversen Macarons und weißer Nussecke nur Nussecke.

    “Wunderbar”, sagte Faulmann. “Dann muss ich mich schon nicht entscheiden.”

    Beides war sehr gut. Der Kaffee machte, was Kaffee morgens oder gegen Mittag in fremden Städten tun soll: Er brachte die inneren Möbel kurz wieder in Linie. Die Nussecke dagegen war von der etwas stilleren Sorte. Kein Backwerk, das Eindruck schinden wollte. Eher eines, das sagte: “Ich bin da. Das reicht.”

    Faulmann saß vor dem Fenster auf einer gemütlichen Bank und sah umher.

    Ein paar Leute gingen vorbei, einige zielstrebig, andere mit diesem leicht suchenden Gang, den Innenstädte hervorrufen, wenn sie einmal Einkaufsort waren und jetzt noch nicht entschieden haben, was sie stattdessen sein möchten. In diversen Texten über Stolberg war von Leerstand die Rede, aber auch von Förderprogrammen, Begrünung, Radwegen und dem Versuch, das Ganze nicht einfach aufzugeben. Das klang vernünftig. Städte müssen nicht glänzen. Aber sie sollten wenigstens den Eindruck machen, dass noch jemand mit ihnen rechnet. Hier jedenfalls schienen manche Kaufleute sehr engagiert. Ehrenwert und vorbildlich, dachte Faulmann.

    Collage aus drei Motiven: Links ein großer Baum, der zwischen alten Burgmauern in den Himmel wächst, unten Wurzeln im Stein. Oben rechts ein Tablett mit Kaffee, Nussecke und kleinem Glas, auf einem Tisch in einer ruhigen Altstadt. Unten rechts ein Turm der Burg Stolberg vor blauem Himmel. Drei ruhige Szenen zwischen Stein, Alltag und einem kurzen Moment Pause.

    Er trank aus, aß den letzten Rest Nussecke und dachte, dass Orte manchmal genau dann interessant werden, wenn sie nicht rund sind.

    Stolberg war nicht rund.

    Zu viel Vergangenheit für reine Gegenwart. Zu viel Beschädigung für Postkartenidylle. Zu viel Beharrlichkeit für Untergang. Es gibt Städte, die präsentieren sich. Und es gibt Städte, die sitzen einfach da und lassen einen selbst sehen.

    Dann stand er auf, ging wieder zur Elektrokutsche, verstaute das Rad und fuhr zurück.

    Hinter ihm blieb die Burg auf ihrem Felsen, die Stadt darunter und irgendwo zwischen Gassen, Baustellen, Kaffee und Familiengespräch dieser seltsame Rest, den man von Ausflügen manchmal mitnimmt.

    Nicht als Erkenntnis.

    Eher als leise Unordnung. Als hätten Vergangenheit und Gegenwart dort kurz vergessen, Abstand zu halten.

    1. Das Museum Zinkhütter Hof ist angenehm konkret. Es erklärt die Region nicht über große Behauptungen, sondern über das, was dort hergestellt, verarbeitet, bewegt und verdient wurde. Gezeigt werden vor allem vier Dinge: erstens Messing, das sogenannte “Stolberger Gold”, mit dem die Kupfermeister über lange Zeit den Wohlstand der Gegend prägten; zweitens Zink, also Verhüttung und Verarbeitung, bis hin zu Alltagsgegenständen aus gewalztem Zinkblech wie Gießkannen oder Badewannen; drittens die “Aachener Nadel”2, deren Produktion im 19. Jahrhundert mit 42 Fabriken und fast 5.000 Arbeitern eine weltweite Vormachtstellung erreichte; und viertens Mobilität - von der Erfindung des Sicherheitsfahrrads bis zu frühen Motorfahrzeugen der Firmen Cudell und Fafnir. Untergebracht ist das Ganze in einem Gebäudeensemble aus den 1830er Jahren, ursprünglich eine Glashütte für Tafelglas, also selbst schon Teil jener industriellen Geschichte, die es heute erklärt. Draußen steht zudem ein Schwungrad von über zehn Metern Durchmesser und rund 50 Tonnen Gewicht, was sehr zuverlässig daran erinnert, dass “Industriekultur” nicht nur ein Wort für Broschüren ist. Für Kinder gibt es außerdem den Museumszwerg Galminus, der Rohstoffe wie Galmei und Zinkerz etwas spielerischer einführt, als es die Chemie allein vermutlich leisten würde. 

    2. Für das maschinelle Nähen war eine kleine Verschiebung entscheidend: die Öse wanderte von hinten an die Spitze der Nadel. Erst dadurch ließ sich der Faden so führen, dass die Maschine überhaupt nähen konnte. Faulmann mochte solche Details. Sie tun wenig Aufhebens um sich und verändern trotzdem alles. 

    Faulmann und die Kugeln, die schon alles wussten

    2026-04-15 00:00:00 +0200

    Der erste Versuch war gescheitert. Zu viel Betrieb, zu wenig Blick. Also ein zweiter Anlauf. Diesmal mit etwas Puffer im System. Ein Kaffee im “Kopenhagen”, ein Hefeteilchen mit Topping, das mehr versprach als es halten musste. Man sitzt dort, schaut kurz auf die eigenen Hände, auf andere Tische, auf diese kleinen, unaufgeregten Szenen, die sich nicht anbieten, sondern einfach da sind. Vielleicht ist das schon eine Art Vorbereitung. Nicht auf die Kunst. Eher auf das, was sie einem später zurückgibt.

    Dann hinein. Und gleich am Anfang liegen sie da.

    Die Kugeln, die nichts erklären

    Ganz schlicht. Keine große Inszenierung. Keine dramatische Geste. Kugeln auf dem Boden. Man könnte fast darüber hinwegsehen, wenn sie nicht sofort anfangen würden, zurückzuschauen.

    Und gleichzeitig haben sie etwas Merkwürdiges. Man möchte sie fast ein kleines bisschen anstoßen. So wie einen Luftballon. Nur ganz leicht. Einfach, um zu sehen, was passiert. Man macht es natürlich nicht.

    Es ist die Arbeit von Yayoi Kusama, aber sie tritt nicht als Werk auf. Eher als Zustand. Etwas, das passiert, sobald man in ihre Nähe kommt.

    Man tritt einen Schritt heran und ist schon drin. Nicht metaphorisch. Ganz praktisch. Das eigene Bild taucht auf. Klein, rund, leicht verschoben. Nicht besonders schmeichelhaft, aber auch nicht aggressiv. Eher gleichgültig. Und gerade das macht es präzise.

    Diese Kugeln tun nicht viel. Und gerade dadurch treffen sie ziemlich genau. Sie zeigen einen, ohne sich Mühe zu geben. Keine Perspektive, die man wählen kann. Kein Licht, das man optimiert. Keine Version, die man später noch einmal überprüft. Man ist einfach da.

    Und dann sieht man sich. Und sieht sich noch einmal.

    Es ist fast irritierend, wie wenig man hinzufügen muss, um darin die Gegenwart zu erkennen. Oder vielleicht auch nicht erkennen – eher wiederfinden.

    Kusama hat das nicht illustriert. Sie hat es 1966 einfach hingestellt 1. Und es funktioniert.

    1500 kleine Wiederholungen

    Man sieht sich nicht nur einmal. Sondern mehrfach. Gleichzeitig. In leicht unterschiedlichen Varianten. Mal weiter hinten, mal am Rand, mal halb verschwunden. Das eigene Bild verliert ziemlich schnell die Eigenschaft, etwas Besonderes zu sein. Es wird ein Element unter vielen.

    Und irgendwie kommt einem das bekannt vor. Nicht, weil man es schon einmal genau so gesehen hätte. Sondern eher als Gefühl. Diese Wiederholung, dieses leichte Verschieben, dieses Aufgehen in einer Fläche – das hat etwas, das man aus anderen Zusammenhängen kennt, ohne es genau festmachen zu können.

    Man steht davor und denkt kurz, dass das eigentlich schon reicht.

    Viele bleiben stehen. Viele schauen. Einige heben sofort das Telefon - fast wie eine zweite Reflexbewegung.

    Man darf die Kunstwerke nicht berühren. Das scheint hier nicht in beide Richtungen zu gelten.

    Narzissmus ohne Pose

    Der klassische Narziss steht allein an einer Quelle 2. Hier sind es viele Kugeln. Und plötzlich ist das kein individueller Zustand mehr, sondern etwas, das sich verteilt. Jeder sieht sich. Und gleichzeitig ist man nicht allein damit.

    Das Ganze kippt leicht. Das eigene Bild ist da, aber es gehört einem nicht mehr ganz 3.

    Der Narzissmus hier wirkt weniger wie Eitelkeit. Eher wie eine Eigenschaft der Situation. Etwas, das passiert, sobald eine Oberfläche beginnt, Dinge zurückzugeben.

    Die Kugel ist dabei erstaunlich gleichgültig. Das Selfie ist höflicher. Und vielleicht ist genau diese Höflichkeit das eigentliche Problem.

    Kontrolle, die kurz bleibt

    Das Selfie wirkt auf den ersten Blick anders. Man hebt das Telefon, sucht den Winkel, entscheidet über den Moment. Für einen kurzen Augenblick scheint das Bild einem zu gehören.

    Dann geht es weiter. Es taucht irgendwo auf, zwischen anderen. Wird gesehen, vielleicht bewertet, vielleicht auch einfach übersehen.

    Und irgendwann ist es Teil von etwas, das größer ist als dieses eine Bild.

    Die Kugeln sind da direkter. Man steht davor und sieht, wie das eigene Bild Teil eines Musters wird. Wie es sich vervielfältigt, verschiebt, verkleinert. Und wie es dabei ein wenig an Gewicht verliert. Ohne große Ankündigung.

    Eine Ware, die keiner auspreist

    Der Satz “Your Narcissism for Sale” wirkt heute fast zurückhaltend.

    Damals lag das offen da. Heute passiert es leiser. Man macht sich sichtbar. Und damit ein Stück weit verfügbar. Nicht unbedingt bewusst.

    Eher so, wie man kurz stehen bleibt, hinschaut, vielleicht ein Bild macht – und weitergeht.

    Die Kugeln in Köln liegen einfach da. Sie verlangen nichts. Sie erklären nichts. Sie kommentieren nicht einmal.

    Und vielleicht ist genau das das Beeindruckende.

    Man steht davor, sieht sich, sieht sich noch einmal, ein bisschen anders, und merkt irgendwann, dass dieses Bild nicht bei einem bleibt.

    Es gehört einem nur für einen Moment.

    Man geht ein paar Schritte weiter. Hinter einem liegen die Kugeln noch immer da. Und irgendwo darin auch eine Version, die man nicht ganz mitgenommen hat. Oder vielleicht doch. Nur nicht so, wie man denkt.


    1. Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst kennt Momente von prophetischer Klarheit, in denen ein Werk die technologischen und psychologischen Strukturen einer fernen Zukunft mit einer Präzision vorwegnimmt, die erst Jahrzehnte später vollumfänglich fassbar wird. Ein solches Ereignis markiert der Auftritt der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama bei der 33. Biennale von Venedig im Jahr 1966. Ohne offizielle Einladung, jedoch unterstützt durch die finanzielle Hilfe von Lucio Fontana und die informelle Duldung des Biennale-Präsidenten, inszenierte Kusama auf dem Rasen vor dem italienischen Pavillon eine Installation, die das Fundament für eine radikale Kritik an der beginnenden Spektakelgesellschaft legte. Mit 1.500 spiegelnden Kunststoffkugeln schuf sie einen „kinetischen Teppich“, in dem sich die Umgebung, die Besucher und die Künstlerin selbst in einer unendlichen, verzerrten Wiederholung auflösten. 

    2. Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und daran zugrunde geht. Bei Kusama ist die Quelle vervielfacht. Man steht nicht allein davor. Und genau das verändert etwas. 

    3. Die Aufforderung “Your Narcissism for Sale” ist von einer tiefen Ironie geprägt. Sie unterstellt dem Betrachter nicht nur, narzisstisch zu sein, sondern auch, dass dieser Narzissmus so oberflächlich ist, dass er für einen geringen Betrag käuflich erworben werden kann. Kusama kritisiert damit eine Form der Eitelkeit, die heute durch digitale Geräte massiv verstärkt wird. Das Smartphone fungiert als der moderne “Schwarze Spiegel”, in dem wir ständig nach Bestätigung suchen. 

    Faulmann und das Gerät ohne Vertrag

    2026-04-14 00:00:00 +0200

    Es war einer dieser Tage am Waldtisch, an denen das neue Gerät mal wieder im Mittelpunkt stand.

    Mummrich hatte es zwischen zwei Wurzeln abgestellt, leicht schief, als hätte es selbst kein rechtes Verhältnis zum Boden.

    “Ich hab gelesen Sie finden jetzt Fehler”, sagte er und tippte gegen das Gehäuse.
    “In Software, die seit Jahren läuft.”

    Faulmann nickte.

    “So wie du früher Dr. Mummrich”, murmelte er. “Nur ohne Prüfplan.”

    Eine Weile sagte keiner etwas.
    Im Hintergrund knackte Holz. Oder vielleicht war es nur die Leitung.

    “Es hat schon etwas”, sagte Mummrich schließlich, “dass ausgerechnet Systeme, deren Verhalten man nicht vollständig vorhersagen kann, dabei helfen, andere Systeme berechenbarer zu machen.”

    Faulmann sah auf das Gerät, dann wieder in den Wald.

    “Fast so, als würde man jemanden fragen, der nicht sehr ordentlich ist, ob er einem beim Aufräumen hilft.”

    “Und?”

    “Manchmal sieht er Dinge, die man selbst schon lange übersieht.”

    Mummrich schob die Lampe ein wenig näher heran.

    “Im Grunde ist es wie ein Code Audit ohne Kontext”, sagte er. “Kein Regelwerk, kein vollständiges Modell - aber eine Art Gespür für semantische Bruchstellen.”

    Faulmann zuckte leicht mit den Schultern.

    “Vielleicht ist genau das der Punkt. Klassische Software scheitert oft an den Stellen, an denen jemand oder sogar viele zu sicher waren.”

    Ein kurzer Wind ging durch die Blätter.

    “Und die Kiste”, sagte Mummrich langsam, “ist sich nie ganz sicher, was sie annehmen soll.”

    Faulmann lächelte kaum sichtbar.

    “Es produziert Wahrscheinlichkeiten”, sagte er. “Und findet dabei Stellen, an denen jemand früher so getan hat, als gäbe es keine.”

    Wieder Stille.

    Irgendwo im Gerät lief ein Prozess weiter.
    Oder mehrere. Man konnte es nicht genau sagen.

    “Eigentlich interessant”, sagte Mummrich schließlich.
    “Niemand hat je behauptet, dass es deterministisch ist.”

    Faulmann nickte.

    “Nein”, sagte er. “Das hat nie jemand zugesichert.”

    Ein leises Rascheln ging durch die Blätter.

    “Und trotzdem behandeln wir es oft so, als hätte es genau diesen Vertrag unterschrieben.”

    Mummrich schob ein paar Krümel beiseite, die nicht wirklich da waren.

    “Vielleicht, weil wir es gewohnt sind”, sagte er.
    “Bei klassischer Software ist das ja anders. Da ist Determinismus keine merkwürdige Annahme, sondern eine stillschweigende Erwartung - fast schon eine Abmachung.”

    Faulmann lehnte sich ein wenig zurück.

    “Wie bei einer Brücke”, murmelte er.
    “Man geht nicht jeden Tag hin und prüft neu, ob sie trägt.”

    “Und wenn sie es einmal nicht tut, ist es ein Fehler.”

    Faulmann sah kurz zu dem Gerät.

    “Hier ist es umgekehrt”, sagte er.
    “Es gibt keinen solchen Vertrag. Kein Versprechen auf Gleichheit. Und doch entsteht Irritation, weil wir es trotzdem erwarten.”

    Ein leises Klicken aus dem Inneren des Geräts.
    Oder Einbildung.

    “Und dann wird es zum Vorwurf”, sagte Mummrich.
    “Nicht deterministisch.”

    Faulmann strich mit der Pfote über den Tisch, als würde er eine unsichtbare Linie nachziehen.

    “Was ja stimmt”, sagte er. “Nur ist es eben kein gebrochener Vertrag.”

    Eine Pause.

    “Vielleicht eher ein falsch gelesener.”

    Der Wind ging einmal durch die Zweige und ließ etwas fallen, das man nicht mehr genau zuordnen konnte.

    “Und gleichzeitig”, sagte Mummrich langsam, “finden sie Dinge, die lange übersehen wurden.”

    Faulmann sah kurz auf.

    “Nicht, weil sie es besser wissen”, sagte er.
    “Sondern weil sie viel schauen. Und schnell. Und vielleicht auch Dinge, die sonst niemand prüft.”

    Mummrich nickte kaum merklich.

    “Und weil sie keine starken Annahmen mitbringen, die früh alles in eine Richtung zwingen.”

    Faulmann zog eine kleine Linie in den Staub, die gleich wieder verschwand.

    “Sie prüfen nicht tiefer”, murmelte er.
    “Sie prüfen breiter, wilder.”

    Eine Pause.

    “Und stolpern dabei über Dinge, an denen andere immer vorbeigelaufen sind.”

    Das Gerät summte leise.

    “Vielleicht ist auch der Gegensatz gar nicht so sauber”, sagte Mummrich nach einer Weile.
    “Deterministische Software…”

    Er ließ den Satz kurz hängen.

    “…ist das ja oft nur auf dem Papier.”

    Faulmann nickte.

    “Undefined behavior”, sagte er.
    “Timing. Nebenläufigkeit. Dinge, die niemand ganz zu Ende spezifiziert hat.”1

    Ein leiser Wind ging durch die Äste.

    “Determinismus ist oft eine Hoffnung mit guter Dokumentation.”

    Mummrich schob die Lampe ein Stück tiefer.

    “Vielleicht finden sie die Fehler nicht, weil sie weniger deterministisch sind”, sagte er.
    “Sondern weil sie nicht so tun, als wäre alles vollständig verstanden.”

    Faulmann sah noch einmal auf das Gerät, dann in den Wald.

    “Das eine hält sich an den Plan.”

    Eine kleine Pause.

    “Das andere hat keinen. Oder hält sich nicht daran.”

    Dann ließ er den Satz liegen.


    1. Ein Zustand, in dem ein System formal korrekt läuft und sich dennoch nicht ganz an die eigenen Erwartungen hält.