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Fehlende Netzschlüsse sind keine bergische Spezialität, auch wenn das Bergische sie mit einer gewissen landschaftlichen Überzeugungskraft vorträgt. Verkehrsgeschichte ist voll von Linien, die auf Karten sauber ineinandergriffen und in der Wirklichkeit an Geld, Grenzen, Kriegen, Bergen, Zuständigkeiten oder schlicht nachlassender Begeisterung scheiterten. Kanäle, Bahnstrecken, Autobahnen, Brücken, Tunnel - überall gibt es diese weißen Stellen zwischen zwei vernünftigen Enden. Manchmal nennt man sie “missing links”. Das klingt technischer, als es ist. Eigentlich sind es angefangene Sätze aus Beton, Stahl und Planungspapier. Denkt man den Gedanken einen Schritt weiter, gilt das nicht nur für Verkehrswege. Auch anderes endet gelegentlich als Sackgasse, cul-de-sac oder Holzweg. Letzterer hat bei Heidegger immerhin den Vorteil, dass er nicht bloß falsch ist, sondern im Wald verschwindet und dort noch etwas vom Ursprung ahnen lässt. Für Verkehrsplanung bleibt das ein, sagen wir, gemischtes Qualitätsmerkmal. ↩
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Der Name Tuffi führt, wie es sich für diese Gegend gehört, nicht einfach zu Milch, sondern zunächst nach Wuppertal, zur Schwebebahn und zu einer Elefantenkuh. Tuffi war jener junge Zirkuselefant, der 1950 während einer Werbeaktion aus der fahrenden Schwebebahn in die Wupper sprang und den Sturz erstaunlich glimpflich überstand. Später wurde aus dem Namen ein Markenzeichen der Wuppertaler Milchverarbeitung. Das Wort “Elefantenkuh” bleibt dabei eine kleine sprachliche Zumutung. Sachlich ist es korrekt: Eine Kuh ist auch bei Elefanten das weibliche Tier. Im Zusammenhang mit Milchprodukten klingt es trotzdem, als habe die Sprache kurz unbeaufsichtigt im Kühlregal gestanden. ↩
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Die alten “Runzen” im Zartener Becken waren künstliche Bewässerungskanäle. Sie dienten nicht nur der Wiesenbewässerung, sondern auch dem Betrieb von Mühlen. Einige Wehre und Stellfallen blieben als technische Denkmale erhalten. Solche Systeme zeigen, wie stark vormoderne Landschaften bereits gestaltet waren. Was heute natürlich wirkt, war oft eine präzise Alltagsmaschine aus Wasser, Holz, Erde und Gewohnheit. ↩
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Dachsbert würde vermutlich fragen, ob “kleine Schwester” nicht auch gereicht hätte. Mummrich würde antworten: “Nicht in den Registern.” ↩
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Otto Winterer (1846-1915) war Verwaltungsjurist und zunächst Oberbürgermeister von Konstanz, bevor er 1888 nach Freiburg wechselte. Als er 1913 nach 25 Jahren aus dem Amt schied, galt er vielen als eine Art “zweiter Gründer” der Stadt: In seiner Amtszeit wuchsen Bevölkerung und Gebäudebestand stark, neue Stadtteile wurden erschlossen, Schulen, Wasserversorgung, Kanalisation, Elektrizitätswerk und Straßenbahn ausgebaut, außerdem Stadttheater, Neues Rathaus und neue Universitätsgebäude vorangetrieben. Winterer erkannte auch früh den touristischen Wert Freiburgs und ließ Wege, Aussichtspunkte und Erholungsräume im Stadtwald erschließen. Besonders hübsch - und sehr freiburgisch - ist die Geschichte der Stadttore: Als Ende des 19. Jahrhunderts Teile der Bürgerschaft Martins- und Schwabentor wegen des modernen Verkehrs und der neuen Straßenbahn abreißen lassen wollten, setzte Winterer sich für ihren Erhalt ein. Sein zugespitztes Motto lautete sinngemäß: “Das Dorf hat Dächer - die Stadt hat Türme.” Er bewahrte die Tore allerdings nicht einfach museal, sondern ließ sie im Geschmack der Zeit deutlich erhöhen und ausgestalten. Das Martinstor wuchs dabei von etwa 22 auf über 60 Meter. Freiburg rettete seine mittelalterlichen Tore also, indem es sie zugleich ein wenig neu erfand. Das ist keine schlechte Methode, wenn man ohnehin schon Freiburg ist. ↩
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Die Reutebachkirche ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich große religiöse Umbrüche in kleinen Landschaften niederschlagen. Nach der Reformation verlief die konfessionelle Grenze nicht abstrakt durch Europa, sondern sehr konkret zwischen Dörfern, Wegen, Familien und Kirchspielen. Dass heute vor allem Flurnamen an diese Kirche erinnern, macht den Ort nicht bedeutungslos. Es zeigt nur, dass Erinnerung manchmal in die Sprache ausweicht, wenn Gebäude verschwinden. ↩
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Hinter dem Namen Fauler steckt in Freiburg gleich ein ganzes kleines Industrie- und Stadtgeschichtskapitel. Philipp Anton Fauler erwarb 1838 ein Eisenwerk in Falkensteig; die Firma Ph. Ant. Fauler wurde später von seinen Söhnen Eduard und Hermann weitergeführt. 1864/65 wurde die Eisengießerei nach Freiburg verlegt, in den Bereich zwischen der späteren Faulerstraße und dem Weg “Alte Gießerei”. Dort entstanden unter anderem Gusswaren, Portale, Laternen, Bänke - und eben auch Stahlkonstruktionen wie der Rosskopfturm von 1889. Eduard Fauler war zugleich von 1859 bis 1871 Bürgermeister von Freiburg. In seine Amtszeit fiel die Errichtung der ersten Badeanstalt an der Dreisam, die später nach ihm benannt wurde. Diese Flussbadeanstalt wurde 1869 eröffnet und mit Dreisamwasser gespeist. Das alte Faulerbad musste 1972 dem Zubringer Mitte weichen; 1983 entstand das heutige Hallenbad. Freiburg hat den Namen Fauler also an Eisen, Aussicht, Wasser, Kommunalpolitik und Verkehr gebunden. Das muss man auch erst einmal schaffen. ↩
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St. Ottilien ist deshalb so stark, weil dort Legende, Wasser und bürgerschaftlicher Widerstand zusammenkommen. Die Odilienquelle war nicht nur ein frommes Motiv, sondern ein konkreter Ort körperlicher Hoffnung, besonders bei Augenleiden. Als die Kapelle im Josephinismus und später unter badischer Regierung geschlossen werden sollte, verteidigten Freiburger Bürger diesen Ort. Man könnte sagen: Nicht die Quelle war stur. Die Menschen waren es. ↩
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Das Rieselfeld zeigt eine eigentümliche Freiburger Dialektik: Aus einer Abwasserlandschaft wurde ein Naturschutzgebiet und daneben ein Modellstadtteil. Der neue Stadtteil entstand ab den 1990er Jahren mit Niedrigenergie-Bauweise, guter Straßenbahnanbindung und begrenzter Bauträgerdominanz. Gleichzeitig bewahrte das Naturschutzgebiet alte Gräben, Offenland und Feuchtbereiche. Die Geschichte ist also weder reine ökologische Erfolgserzählung noch reine Planungserzählung. Eher eine vorsichtige Umnutzung dessen, was schon da war. ↩
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Der Tuniberg ist als Kulturlandschaft stark überformt. Themenwege wie Burgunderpfad und Eidechsenpfad erklären Weinbau, Geologie und Landschaftsgeschichte. Gerade der Eidechsenpfad erinnert daran, dass die heutige Ordnung der Rebflächen nicht einfach gewachsen ist, sondern durch Flurbereinigung entstand. Viele Hohlwege und Kleinterrassen verschwanden. Was maschinengerecht wurde, wurde nicht automatisch menschenfreundlicher. Aber es wurde übersichtlicher. Das ist oft der Anfang des Problems. ↩
Faulmann und der Weg, der einmal Schiene war
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Bis Lindlar hatte Captain Faulmann an diesem Tag bereits einige Höhenmeter hinter sich. Das Bergische Land hatte dabei erneut bewiesen, dass es Entfernungsangaben eher als Vorschlag denn als Versprechen versteht. Hinter jeder Kuppe wartete noch eine weitere Kuppe, die offenbar nicht informiert worden war, dass ihre Vorgängerin bereits als letzte angekündigt worden war.
Ganz unbekannt war ihm die Gegend nicht. Faulmann war schon früher hier entlanggefahren. Er wusste, dass der Radweg auf der alten Trasse der Sülztalbahn lag. Man kann so etwas wissen, ohne es jedes Mal zu spüren. Wissen ist gelegentlich ein ziemlich trockenes Möbelstück. Es steht herum, bis man sich wieder daran stößt.
In Lindlar gönnte er sich zunächst eine Pause. Es gab Streuselkuchen mit Sahneeis und dazu einen doppelten Espresso. Über die ernährungswissenschaftlichen Zusammenhänge dieser Kombination wurde an diesem Tag bewusst nicht nachgedacht. Manche Entscheidungen möchte man genießen, bevor man sie versteht.
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Gestärkt trat Faulmann wieder in die Pedale, bis ihm eine Informationstafel zur Sülztalbahn auffiel. Ein paar Fotos, ein paar Jahreszahlen, Streckenabschnitte und Stilllegungen. Nichts besonders Dramatisches. Und doch rückte die alte Strecke dadurch wieder näher. Nicht als neue Entdeckung, eher als Erinnerung daran, dass dieser Weg mehr zu berichten hatte, als er auf den ersten Blick zeigte.
Faulmann setzte sich wieder aufs Rad. Dann begann der Weg zu fallen. Nicht steil, nicht so, dass man stark bremsen musste, eher so, dass das Rad plötzlich verstand, was zu tun war. Faulmann trat kaum noch. Er ließ rollen.
Das Bergische Land, das sich bis Lindlar noch als gewissenhafter Verwalter unnötiger Höhenmeter gezeigt hatte, wurde auf einmal erstaunlich entgegenkommend. Das machte ihn nachdenklich. Denn im Bergischen bekommt man Gefälle selten geschenkt. Meistens wird es irgendwo später in Rechnung gestellt, gerne hinter einer Kurve, die vorher harmlos aussah.
Aber hier blieb der Weg ruhig. Weite Bögen, gleichmäßige Neigung, breite Trasse, Dämme, Einschnitte, Brücken. Alles wirkte zu vernünftig für einen gewöhnlichen Radweg. Und genau darin lag die Erinnerung. Natürlich war dieser Weg nicht ursprünglich für Radfahrer gebaut worden. Er war gebaut worden für Züge, für Menschen, für Waren, für Stein, Holz, Milch und jene alltäglichen Bewegungen, aus denen eine Gegend besteht, bevor sie Ausflugsziel wird.
Faulmann wusste allerdings auch, dass die Sülztalbahn vielleicht weniger eine Bahnstrecke gewesen war als eine Pechstrecke mit Gleisanschluss. Nicht im großen dramatischen Sinn. Eher im bergischen Sinn. Also gründlich.
Fast rechtzeitig gebaut: Schon in den 1870er Jahren hatte man vom Bahnanschluss geträumt. Dann kam der Deutsch-Französische Krieg, Kautionen verfielen, Pläne blieben liegen, und das Tal wartete weiter. Warten ist hier keine Ausnahme. Es wirkt hier manchmal wie eine regionale Verwaltungstechnik.
Erst Jahrzehnte später kam die Bahn Schritt für Schritt näher. Bergisch Gladbach, Bensberg, Hoffnungsthal, Immekeppel und schließlich, 1912, Lindlar. Das war für eine Eisenbahn, die Zukunft sein wollte, schon ein nachdenkliches Datum.
Fast sinnvoll vernetzt: Eigentlich hätte sie weiterfahren sollen. Richtung Wipperfürth, hinein in ein größeres Netz. Auf Karten sieht so etwas immer vernünftig aus. Karten haben den Vorteil, dass sie keine Kriege kennen, keine Kassen, keine Zuständigkeiten und keine Leute, die sagen: “Dafür ist jetzt leider kein Geld mehr da.”1
Dann kam der Erste Weltkrieg. Und manche Lücken bleiben, wenn sie einmal nicht geschlossen werden, erstaunlich lange offen. So wurde Lindlar endgültig Endpunkt.
Auch im Kleinen war diese Bahn nicht frei von eigentümlichen Entscheidungen. Der Bahnhof Immekeppel wurde nicht dort angelegt, wo er für den Ort am praktischsten gewesen wäre, sondern gegenüber der Immekeppeler Hütte. Nicht etwa, weil Züge eine besondere Vorliebe für Hütten hätten. Sondern weil man verhindern wollte, dass die einheimischen Arbeiter allzu bequem nach Köln-Kalk oder Köln-Mülheim pendelten.
Faulmann blieb an diesem Gedanken hängen.
Eine Bahn, die gebaut wurde, damit Dinge in Bewegung geraten.
Und dann ein Bahnhof, der so liegen sollte, dass bestimmte Menschen nicht zu leicht in Bewegung gerieten.
Man wollte Anschluss, aber nicht Abwanderung. Fortschritt, aber bitte mit Haken. Mobilität, aber nur in der Richtung, die der örtlichen Ordnung nützte.
Es war eine jener Ideen, die erst absurd wirken und dann leider ziemlich logisch werden.
Die Bahn sollte Waren transportieren, Rohstoffe, Milch, vielleicht auch Sonntagsausflügler mit ordentlicher Rückfahrkarte. Aber Arbeiter, die morgens in Richtung Köln fuhren und abends mit Ideen im Kopf zurückkamen - das war offenbar eine weniger erwünschte Form von Verkehr.
Faulmann fand das bemerkenswert. Man baute eine Verbindung und versuchte zugleich, ihre verbindende Wirkung zu dosieren. Es war ungefähr so, als würde man eine Tür einbauen, sie feierlich einweihen und den Schlüssel vorsichtshalber beim Hausmeister lassen. Der war dann aber leider meistens gerade nicht da. Hausmeister sind in solchen Momenten selten da.
Vielleicht lag darin schon ein Teil des Pechs dieser Strecke. Sie sollte öffnen, aber nicht zu weit. Sie sollte verbinden, aber nicht zu frei. Sie sollte Zukunft bringen, aber möglichst ohne die Unruhe, die Zukunft gelegentlich mitbringt.
Eine Bahn als Fortschritt, aber bitte nicht so fortschrittlich, dass die Leute damit wegfahren.
Fast wirtschaftlich tragfähig: Ganz einfach war die alte Bahn nie gewesen. Zwischen Linde und Lindlar hatte sie sich mit dem Gelände schwergetan. Dort war die Steigung so ernst gemeint, dass Güterzüge manchmal eine zweite Lok brauchten, die von hinten schob. Eine Schiebelokomotive.
Faulmann mochte dieses Wort. Es klang nach diskreter Hilfe, nach jemandem, der nicht vorne steht, aber trotzdem dafür sorgt, dass etwas den Berg hinaufkommt. Vielleicht hätte man für manche Tage im Leben ebenfalls eine Schiebelokomotive beantragen sollen. Vermutlich wäre das Formular allerdings länger gewesen als der Anstieg.
Die Sülztalbahn war also nie nur romantisch. Sie war Arbeit, Kohle, Rauch, Fahrpläne, Ladungen, Verspätungen, Unterbau, Wartung. Eine Bahnstrecke ist schließlich keine Sehnsucht mit Schienen. Sie ist auch Kiesbett, Personal, Kostenstelle und gelegentlich eine ziemlich schlechte Steigung.
Trotzdem muss sie für das Tal etwas bedeutet haben. Menschen konnten hinaus. Waren konnten hinein. Steine, Holz, Milch, Dinge des täglichen Lebens. Die Bahn war eine Verbindung, bevor sie ein Erinnerungsort wurde.
Je länger Faulmann der alten Trasse folgte, desto häufiger wurden die Spuren wieder lesbar. Ein Gebäude, das irgendwie noch Bahnhof spielte. Eine Brücke, die für ihren heutigen Zweck zu groß wirkte. Ein Geländeeinschnitt, der sich nicht recht erklären ließ. Ein Damm, der zu gerade durch die Landschaft lief, um zufällig zu sein.
Nichts davon drängte sich auf. Die Landschaft hatte die Bahn nicht vergessen. Sie hatte sie lediglich eingewachsen. Das war vielleicht die höflichste Form, etwas verschwinden zu lassen.
An manchen Stellen war die alte Strecke noch deutlich zu lesen. An anderen hatte die Gegenwart, so erinnerte Faulmann, gründlich aufgeräumt. In Untereschbach war das Bahnhofsgebäude verschwunden. Bei Lehmbach blieben nur Widerlager zurück, als hätte eine Brücke irgendwann beschlossen, den mittleren Teil ihres Gedankens nicht mehr auszuführen. Bei Bilstein stand noch ein Brückenbogen am Hang, funktionslos und doch erstaunlich aufrecht. In Hommerich war der Bahndamm abgetragen worden, damit ein Milchwerk wachsen konnte.
Anderswo wurden Gleisfelder zu Lagerplätzen, Bahnhöfe zu Wohnhäusern, Trassen zu Grundstücksgrenzen. So verschwindet Infrastruktur selten auf einmal. Sie wird umgenutzt, zugeschüttet, eingehegt, übersehen. Und eines Tages fragt jemand auf einem Fahrrad, warum der Weg hier eigentlich so vernünftig verläuft.
In den 1960er Jahren war Schluss gewesen. Erst verschwand der Personenverkehr, dann der Güterverkehr. Danach begannen jene Jahre, in denen Bahnstrecken nicht einfach stillgelegt, sondern nach und nach aus der Wirklichkeit herausgenommen wurden. Schienen wurden abgebaut, Gebäude verloren ihre Aufgabe, Brücken standen plötzlich herum, als seien sie zu früh zu einem Treffen erschienen, das sowieso abgesagt worden war.
Fast gerettet: In Linde hatte man später noch einmal von Eisenbahngeschichte geträumt. Ein Museum, eine Museumsbahn, ein paar hundert Meter Gleis, eine Dampflok als Erinnerung daran, dass es einmal anders klang. Aber auch diese Pläne blieben stecken. Zu teuer, zu kompliziert, zu viele Genehmigungen. Die Vergangenheit ist manchmal nicht weniger bürokratisch als die Gegenwart.
Und doch steht dort noch immer eine alte Lokomotive. Eine Baureihe 50, halb Ausstellungsstück, halb Waldbewohnerin. Sie steht nicht majestätisch in einer großen Bahnhofshalle, sondern eher so, als habe jemand ein Stück Eisenbahngeschichte im Grünen abgestellt und dann vergessen, die Fortsetzung dazuzulegen.
Faulmann mochte das sofort.
Eine Dampflok im Wald ist kein Denkmal im üblichen Sinn. Dafür fehlt ihr der erhobene Zeigefinger. Sie wirkt eher wie ein sehr schwerer Gedanke, der nicht mehr weiterfahren kann, aber auch nicht verschwinden möchte.
Daneben ein paar Gleisreste, ein Radsatz, Spuren einer Museumsbahn, die es fast gegeben hätte. Wieder dieses Wort: fast. Fast gerettet. Fast wiederbelebt. Fast noch einmal zum Klingen gebracht.
Aber eben nur fast.
Faulmann mochte auch das. Diese Unordnung zwischen Erinnerung und Nutzung. Sie war ehrlicher als ein Denkmal. Ein Denkmal sagt: “Schau her, ich bin Geschichte.” Ein alter Bahndamm sagt gar nichts. Er liegt nur da und lässt einen leichter treten.
Die eigentümliche Wendung war: Die Ingenieure hatten die Strecke gebaut, um schneller durch das Tal zu kommen. Heute schätzten die Menschen denselben Verlauf, weil er ihnen erlaubte, langsam hindurchzufahren. Die Geschwindigkeit war verschwunden. Die Linie war geblieben.

Schließlich erreichte Faulmann Hommerich. Dort lag das ehemalige Tuffi-Milchwerk.
Milchwerke gehörten zu den Orten, über die man selten nachdenkt, solange sie funktionieren. Milch erscheint morgens im Kühlschrank ungefähr so selbstverständlich wie eine Regenrinne am Dach. Man bemerkt beides meist erst, wenn etwas fehlt. Man weiß, dass sie irgendwo herkommen muss. Aber das Woher ist eine Frage für Erwachsene, Logistiker oder Kühe.
Tuffi jedenfalls war für Faulmann eine dieser Marken, die einmal ganz unauffällig zum Ankommen in Köln gehörten.2 Als er 2018 in die Stadt kam, gehörte Tuffi zu den ersten lokalen Marken, die er bewusst kaufte. Nicht aus großer Heimatkunde, sondern aus einem sehr einfachen Grund: Es gab Tuffi-Buttermilch im 1-Liter-Pack.
Das war praktisch, gut, irgendwie bodenständig - und es fühlte sich an wie ein kleines Alltagsbekenntnis zur neuen Stadt. Heute scheint gerade dieses Produkt verschwunden zu sein. Die Marke ist noch da, aber sie ist leiser geworden.
Vielleicht passte das zu den Spuren entlang der alten Sülztalbahn. Man sieht sie noch, wenn man weiß, worauf man achten muss. Aber sie treten nicht mehr von selbst hervor.
Fast ein durchgehend gelungener Bahnradweg: Vor dem ehemaligen Milchwerk endete für Faulmann an diesem Tag nicht nur ein Stück alter Bahn, sondern auch der überzeugende Teil ihrer Nachgeschichte. Bis hierher hatte der Radweg getan, was man sich von einer ehemaligen Trasse erhofft: Er rollte, bog sich vernünftig durch die Landschaft und ließ einen glauben, die Gegenwart habe ausnahmsweise verstanden, was die Vergangenheit ihr überlassen hatte.
Hinter Hommerich wurde auch diese Erzählung brüchiger. Beim Golfplatz verlor die alte Trasse ihre Selbstverständlichkeit. Was in Prospekten gern als durchgehender Bahnradweg auftritt, wurde in der Wirklichkeit stellenweise zu einer Folge aus Feinsplitt, feuchtem Untergrund, Ausweichstrecken und jenen kleinen Entscheidungen, bei denen man auf dem Rad kurz anhält und denkt: “Das ist jetzt also der offizielle Weg.”
Über den weiteren Verlauf wurden, wie es sich für eine Pechstrecke gehört, nicht nur freundliche Dinge berichtet. Von schlammigen Passagen war die Rede, von schmalen Reifen, die dort wenig Freude entwickelten, von fehlenden Querungen, von Umwegen über Wiesenpfade und Straßen, von gesperrten alten Bauwerken, die noch da waren, aber nicht mehr betreten werden wollten. Auch Brücken können offenbar in einen Zustand geraten, in dem sie hauptsächlich Erinnerung sind.

Faulmann fand das nicht überraschend. Eine Strecke, die schon als Bahn zu spät kam, zu steil war, zu schlecht vernetzt blieb, ihre Verlängerung verpasste, ihre Museumsbahn nicht bekam und ihre Bauwerke nach und nach verlor, würde nicht plötzlich nur deshalb vollkommen gelingen, weil man Fahrräder darauf schickte.
Das wäre auch etwas viel verlangt gewesen.
Faulmann sah auf den Weg, dann Richtung Bärbroich. Das war natürlich bergauf. Es war sogar ziemlich deutlich bergauf. Aber immerhin war es ehrlich.
Die alte Bahn hatte an diesem Tag genug gezeigt: wie man Zukunft plant, wie man sie verpasst, wie man sie abträgt und später als Freizeitweg neu beschildert. Faulmann fand, dass man einer Strecke nicht alles zumuten sollte. Nicht einmal das vollständige Gelingen.
Also verließ er nach dem Golfplatz den Bahnweg und bog Richtung Bärbroich ab. Das Bergische Land nahm diese Entscheidung ohne sichtbare Überraschung zur Kenntnis und stellte ihm unverzüglich einen Anstieg zur Verfügung.
Der Heimweg wartete noch. Vor allem wartete Bärbroich. Das Bergische Land besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, selbst nach einer langen Abfahrt noch einen Anstieg für einen übrig zu haben.
Faulmann stieg wieder aufs Rad. Hinter ihm lagen eine verschwundene Bahnstrecke, ein ehemaliges Milchwerk und eine Pechstrecke, die selbst als Radweg nicht ganz aus ihrer Geschichte herauskam. Vor ihm lag ein Berg.
Es erschien ihm angemessen, mit dem Gegenwärtigen zu beginnen.
Faulmann und die andere Seite des Bergkamms
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Seit Wochen roch der Wald manchmal nach Feuer.
Nicht immer. Nicht so, dass man hätte sagen können: Dort brennt es. Oder: Jetzt müssen wir laufen. Es war eher ein unregelmäßiger Geruch, der morgens zwischen den Farnen hing, abends im Moos stand oder sich in Faulmanns Mantel setzte, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.
Die Tiere hatten zuerst so getan, als bemerkten sie es nicht.
Das ist im Wald eine verbreitete Form der Höflichkeit.
Dann hatte Dachsbert eines Morgens am Waldtisch geschnuppert, die Nase gerümpft und gesagt: “Das ist kein Ofenrauch.”
Mummrich, der gerade eine sehr kleine Notiz in ein sehr großes Heft schrieb, hatte gefragt: “Woran erkennst du das?”
“Am Ofen”, sagte Dachsbert.
Danach war eine Weile nichts gesagt worden.
An diesem Nachmittag kam Faulmann spät zurück. Er schob sein Rad neben sich her. Die Reifen waren staubig vom Kammweg, und in seinem Fell lag jener Geruch, den inzwischen alle kannten und keiner mochte.
Liora war die erste, die aufsah.
“Du warst oben?”
Faulmann nickte.
“Bis zum alten Aussichtsturm”, sagte er.
Dachsbert, der am Tisch saß und ein Stück trockenes Brot in sehr entschlossene Krümel zerlegte, kniff die Augen zusammen.
“Und?”
Faulmann stellte das Rad an die Buche. Er nahm die Mütze ab, klopfte Staub aus dem Rand und sah über die Lichtung, als müsse er erst prüfen, ob die Worte hier landen konnten.
“Man sieht es jetzt”, sagte er.
Mummrich hob den Kopf. “Das Feuer?”
“Nein”, sagte Faulmann. “Nicht das Feuer. Aber den Himmel darüber.”
Liora schwieg.
Dachsbert sagte: “Das reicht meistens.”
Der Wind ging durch die oberen Zweige. Weit entfernt rief ein Eichelhäher etwas, das wie eine falsche Nachricht klang.
“Im Dorf reden sie auch davon”, sagte Dachsbert.
“Sie haben es gesehen?”, fragte Mummrich.
“Die Dorfleute sehen selten etwas direkt”, sagte Dachsbert. “Aber sie haben eine Zeitung. Und eine Bäckerei. Und eine Bushaltestelle. Das reicht meistens.”
Faulmann setzte sich.
“Was schreibt die Zeitung?”
Dachsbert zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Jackentasche. Es war an den Rändern fettig und roch nach Mohnschnecke.
“Dass auf der anderen Seite des Berges kontrolliert gebrannt werde”, sagte er. “Dass die Lage schwierig, aber beherrschbar sei. Dass man die Sorgen der Bevölkerung ernst nehme. Und dass niemand einen Zusammenhang zwischen den zugeschütteten Brunnen und dem Wassermangel herstellen solle, bevor nicht alle zuständigen Stellen Gelegenheit zur Stellungnahme hatten.”
Mummrich blinzelte.
“Das klingt nicht beruhigend.”
“Nein”, sagte Dachsbert. “Aber es klingt gedruckt.”
Liora sah zum Bergkamm hinüber. Dort war nichts zu sehen außer Wald, Himmel und dieser alte, breite Rücken aus Stein, der schon immer so getan hatte, als ginge ihn die Welt dahinter nichts an.
“Sind dort Tiere?”, fragte sie.
Dachsbert sah sie einen Moment zu lange an. “Natürlich sind dort Tiere”, sagte sie leiser. “Es ist ja ein Wald.”
Dachsbert nickte langsam.
“Genau das steht nie in der Zeitung. Da steht nur: Der Brand liegt auf der anderen Seite des Bergkamms. Als ob ein Bergkamm eine moralische Zuständigkeitsgrenze wäre.”
Mummrich legte den Stift hin.
“Vielleicht”, sagte er vorsichtig, “müssen wir unterscheiden. Es gibt den Brand. Es gibt die Berichte über den Brand. Es gibt den Geruch des Brandes. Und es gibt die politische Wirkung der bloßen Möglichkeit, dass der Brand näherkommt.”
“Ah”, sagte Dachsbert. “Jetzt kommt der Maulwurf aus dem Begriffsschacht.”
“Ich versuche nur”, sagte Mummrich, “eine gewisse Ordnung in die Sache zu bringen.”
“Ordnung”, brummte Dachsbert. “Das sagen sie im Dorf auch. Ordnung muss sein. Erst machen sie die Brunnen dicht, dann sparen sie bei den Eimern, dann schließen sie die kleine Löschwache, weil sie angeblich nicht effizient genug brennt - pardon: löscht - und wenn einer mit dem Flammenwerfer winkt, nennen sie es ein überraschendes Signal aus der Bevölkerung.”
Faulmann sah auf.
“Mit dem Flammenwerfer?”
Dachsbert schob ihm das Zeitungsblatt hin. Unten rechts war eine Anzeige. Sie zeigte ein glänzendes Gerät mit Schulterriemen, Messingdüse und einem freundlichen Rabattstern.
PRIVATE BRANDSCHUTZINITIATIVE, stand darüber.
Darunter: ENDLICH SELBST ETWAS TUN.
Faulmann las die Zeile zweimal.
Liora zog die Stirn zusammen. “Das ist doch kein Brandschutz.”
“Nein”, sagte Dachsbert. “Aber es ist ein Angebot.”
Mummrich nahm das Blatt, rückte seine Brille zurecht und betrachtete die Anzeige sehr genau.
“Interessant”, sagte er.
“Nein”, sagte Dachsbert. “Gefährlich.”
“Das eine schließt das andere nicht aus.”
Liora faltete die Hände um ihre Tasse. “Warum sollte jemand so etwas kaufen?”
Dachsbert lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen.
“Weil man halt irgendwann genug davon hat, dass andere erklären, warum Wasser gerade nicht verfügbar ist.”
“Das wäre aber ein Irrtum über die Funktion des Geräts”, sagte Mummrich.
Faulmann, der bisher geschwiegen hatte, sah wieder zum Bergkamm.
“Vielleicht nicht”, sagte er.
Mummrich wartete.
“Vielleicht ist die Wahl des Flammenwerfers nicht unbedingt ein Irrtum über seine Funktion”, sagte Faulmann langsam. “Vielleicht entsteht sie gerade aus dem Wissen, dass er nicht löscht.”
Dachsbert hörte auf, das Brot zu zerkrümeln.
Faulmann sprach weiter, als taste er mit jedem Satz über eine dünne Eisfläche.
“In einer Welt, in der der Feuerwehrbär nie kommt, wird Zerstörung zur letzten beweisbaren Handlung.”
Am Waldtisch wurde es still.
Selbst der Eichelhäher schwieg. Oder er hatte nur kurz keinen Empfang.
Mummrich sah auf die Anzeige, dann zu Faulmann.
“Nicht obwohl er nicht löscht”, sagte er leise. “Sondern weil er nicht löscht.”
Dachsbert nickte kaum merklich.
“Das ist der Teil, den man nicht gerne ausspricht”, sagte er. “Der Flammenwerfer ist nicht die falsche Antwort auf die Frage nach Wasser. Er ist die Antwort auf eine ganz andere Frage.”
“Welche?”, fragte Liora.
Dachsbert sah zum Bergkamm.
“Ob man noch irgendetwas tun kann, das Spuren hinterlässt.”
Liora sah Faulmann an. “Das ist ein schrecklicher Satz.”
“Ja”, sagte Faulmann.
“Und ein wahrer?”
“Ich fürchte, er beschreibt etwas Wahres. Nicht alles. Aber etwas.”
Mummrich rückte näher an den Tisch.
“Man könnte sagen”, begann er, “dass der Flammenwerfer hier eine Form negativer Selbstwirksamkeit darstellt. Wer nicht mehr glaubt, die Welt gestalten zu können, erlebt wenigstens noch, dass er sie beschädigen kann.”
Dachsbert zog die Augenbrauen hoch.
“Das ist die vornehme Variante von: Wenn ich schon kein Haus bekomme, dann halt auch sonst keiner?”
“Ungefähr”, sagte Mummrich. “Nur politischer. Und gefährlicher. Es geht nicht immer darum, dass Tiere glauben, der Flammenwerfer sei ein Löschgerät. Manchmal sehen sie sehr genau, was er tut. Gerade das macht ihn attraktiv.”
Liora schüttelte den Kopf. “Aber warum sollte das attraktiv sein?”
“Weil es wirkt”, sagte Dachsbert.
Mummrich nickte widerwillig. “Ja. Das ist der unangenehme Teil.”
Dachsbert beugte sich vor. “Die bloße Drohung mit dem Ding verändert doch schon alles. Plötzlich reden alle über Feuer. Über Brandschutz. Über die Tiere, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Über die berechtigten Sorgen derer, die mit Zündmitteln herumwedeln. Und währenddessen fragt keiner mehr, warum die Brunnen zugeschüttet wurden.”
“Manche fragen schon”, sagte Liora.
“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber leiser.”
Faulmann nahm die Anzeige wieder in die Hand. Das Gerät sah auf dem Bild fast elegant aus. Der Flammenwerfer war in einem warmen Gelb gezeichnet, darunter standen kleine Sätze in vertrauensbildender Schrift.
FÜR ALLE, DIE NICHT LÄNGER WARTEN WOLLEN.
“Das ist das Böse daran”, sagte Mummrich. “Es verkauft sich nicht als Zerstörung. Es verkauft sich als Handlungsfähigkeit.”
“Und als Ehrlichkeit”, sagte Faulmann.
Mummrich sah ihn an.
“Die anderen versprechen Wasser”, sagte Faulmann. “Der Flammenwerfer verspricht Feuer. Und Feuer liefert er.”
Er strich mit der Pfote über die gedruckte Düse.
“Der Flammenwerfer war keine missverstandene Pumpe”, sagte er. “Er war ein Versprechen, dass wenigstens etwas sichtbar kaputtgehen würde.”
Liora sah auf das Bild, als könne es plötzlich heiß werden.
“Das ist furchtbar”, sagte sie.
“Ja”, sagte Faulmann. “Aber es ist eine furchtbare Form von Verlässlichkeit.”
“Zynische Authentizität”, murmelte Mummrich. “Ein hässlicher Begriff. Leider brauchbar.”
Dachsbert stöhnte. “Schon wieder so ein Begriff, der klingt, als hätte jemand einen Brandsatz im Seminarraum gezündet.”
“Er passt aber”, sagte Mummrich. “Wenn alle offiziellen Stimmen als verlogen gelten, kann offene Rücksichtslosigkeit ehrlicher wirken als vorsichtige Vernunft. Der Lügner wird nicht trotz der Lüge glaubwürdig, sondern wegen ihr; weil seine Lüge zeigt, dass er die Regeln der vermeintlich heuchlerischen Ordnung verachtet.”
Dachsbert schwieg einen Moment.
Dann sagte er: “Früher hätten wir dazu gesagt: Der Typ ist ein Arschloch, aber er sagt es wenigstens laut.”
“Das ist kürzer”, sagte Mummrich.
“Und besser plakatierbar.”
Dachsbert zog noch einmal das Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt.
“Da steht noch etwas”, sagte er.
Mummrich beugte sich vor. “Noch eine Anzeige?”
“Nein. Ein Bericht aus dem Dorf hinter dem Steinbruch. Da tragen jetzt einige so graue Schutzmäntel. Dicke Dinger. Hart wie alter Lehm. Angeblich gegen Funkenflug.”
Liora runzelte die Stirn. “Gegen Funkenflug?”
“Steht da. Praktisch, robust, zeitgemäß. Anfangs haben alle gelacht, weil man sich darin kaum noch umdrehen kann. Jetzt schreiben sie, es sehe entschlossen aus.”
“Entschlossen”, wiederholte Faulmann.
“Ja”, sagte Dachsbert. “Früher hätte man gesagt: plump. Jetzt sagt man: widerstandsfähig. Früher hätte man gesagt: trampelt alles nieder. Jetzt sagt man: setzt sich endlich durch.”
Mummrich wurde still.
“Das ist eine gefährliche Verschiebung”, sagte er dann. “Wenn das Monströse erst lächerlich wirkt, dann kraftvoll, dann notwendig, ist der Weg zur Gewöhnung nicht mehr weit.”
“Im Dorf sagen sie”, sagte Dachsbert, “man müsse die neuen Panzerträger verstehen. Sie hätten eben genug vom weichen Reden.”
“Und was zertrampeln sie?”, fragte Liora.
Dachsbert sah sie an.
“Was im Weg ist.”
Liora legte beide Hände um ihre Tasse. “Das ist keine Antwort.”
“Doch”, sagte Dachsbert. “Nur keine gute.”
Faulmann dachte an den Himmel über dem Kamm. An das Licht, das kein Abendlicht war. An die Anzeige mit dem Flammenwerfer. An die grauen Mäntel.
“Vielleicht”, sagte er, “ist das Schlimme nicht, dass manche sich verändern.”
“Was dann?”, fragte Mummrich.
“Dass die anderen anfangen, die Veränderung für Normalität zu halten.”
Dachsbert nickte. “Oder für Charakterstärke.”
Eine Weile schwieg der Tisch.
Dann sagte Mummrich: “Es gibt noch etwas. Feuer breitet sich nicht nur aus, weil es brennt. Es breitet sich auch aus, weil jemand trockenes Holz zusammenträgt.”
“Du meinst, jemand legt Holz nach?”, fragte Liora.
“Nicht immer mit den Pfoten”, sagte Mummrich. “Manchmal mit Zetteln, Gerüchten und sehr entschlossenen Halbsätzen. Und das ist nicht alles. Es gibt immer jene, die vom Brand leben, bevor er sie selbst erreicht. Sie erzählen im Dorf, der Kamm sei längst verloren. Sie hängen Zettel an Brunnen: Wasser ist eine Lüge. Sie flüstern, die Löschwache habe heimlich Öl bestellt. Sie behaupten, wer keinen Flammenwerfer habe, wolle nur, dass andere hilflos bleiben.”
“Gerüchte”, sagte Faulmann.
“Mehr als Gerüchte”, sagte Mummrich. “Legenden. Kleine, nützliche Legenden. Sie müssen nicht wahr sein. Sie müssen nur den Wald so weit verwirren, dass niemand mehr weiß, welchem Eimer er trauen soll.”
Dachsbert verzog das Gesicht. “Also nicht einfach Wut von unten.”
“Nein”, sagte Mummrich. “Auch Organisation. Auch kalter Wille. Auch die, die das Durcheinander nicht erleiden, sondern herstellen.”
“Und wozu?”, fragte Liora.
Mummrich sah zum Bergkamm.
“Damit am Ende alle sagen: So kann es nicht weitergehen. Irgendwer muss jetzt durchgreifen.”
Dachsbert schlug mit der flachen Pfote auf den Tisch. Nicht laut, aber entschieden.
“Das ist der Punkt. Erst machen sie den Wald unbewohnbar, dann verkaufen sie Ordnung.”
Faulmann sah ihn an. “Und das kaufen die Tiere?”
“Manche”, sagte Dachsbert. “Manche aus Angst. Manche aus Wut. Manche, weil sie wirklich glauben, dass ein harter Panzer besser ist als ein verletzliches Fell.”
“Und manche”, sagte Liora leise, “weil sie wollen, dass etwas anderes auch verletzt wird.”
Alle sahen sie an.
Liora sprach nicht lauter, aber deutlicher.
“Nicht nur: Ich habe Angst. Nicht nur: Mir fehlt etwas. Sondern: Warum soll das Nest dort drüben noch heil sein, wenn meines schon nass und kalt ist? Warum soll der Garten am Bach grün bleiben, wenn ich keinen Platz darin habe? Warum soll jemand singen, wenn ich seit Jahren nur Rauch rieche?”
Dachsbert schwieg.
“Das ist Ressentiment”, sagte Mummrich vorsichtig.
“Nein”, sagte Liora. “Das ist erst einmal ein trauriger Satz in einem Tier. Ressentiment wird es, wenn jemand kommt und sagt:
Du musst nicht mehr traurig sein. Du darfst jetzt hassen.”
Faulmann senkte den Blick.
“Und dann?”, fragte er.
“Dann wird aus dem Mangel eine Berechtigung”, sagte Liora. “Aus der Kränkung ein Auftrag. Aus dem Schmerz wird raffinierter Brennstoff.”
Dachsbert atmete schwer aus.
“Früher”, sagte er, “hätten wir dazu gesagt: Die falschen Leute zünden die richtigen Wunden an.”
Mummrich sah auf. “Das ist sehr gut.”
“Nicht mitschreiben.”
“Zu spät.”
Liora sah zum Bergkamm.
“Ich will nur nicht”, sagte sie, “dass wir die Tiere, die wütend sind, so lange erklären, bis die Tiere, die sie verbrennen wollen, aus dem Bild verschwinden.”
Faulmann nickte.
“Verstehen ohne Entschuldigen”, sagte er.
“Und schützen ohne Verachten”, sagte Liora.
Dachsbert brummte. “Und Brunnen öffnen, bevor einer behauptet, Feuer sei das ehrlichere Wasser.”
Liora sah zwischen beiden hin und her. “Aber damit erklärt ihr immer noch nicht die, die darunter leiden werden.”
“Doch”, sagte Dachsbert leise. “Genau die meine ich.”
Liora wartete.
Dachsbert kratzte mit der Kralle über den Tisch.
“Im Dorf haben sie vor zwei Jahren den alten Brunnen zugemacht. Zu teuer. Dann wurde der Bus am Abend gestrichen. Zu wenig Nachfrage. Dann hieß es, die Löschwache müsse zusammengelegt werden, wegen Effizienz. Die alte Frau Fink läuft jetzt eine Stunde länger zur Apotheke, wenn ihr Enkel nicht kann. Die Miete für die Maushöhlen am Bach ist gestiegen, weil irgendein Investor Waldnähe entdeckt hat. Und dann kommt einer mit einem Flammenwerfer und sagt: Die da oben haben euch vergessen.”
“Und dann glauben sie ihm?”, fragte Liora.
“Einige glauben ihm. Andere nicht. Aber viele hören zum ersten Mal seit Langem einen Satz, in dem sie vorkommen.”
Mummrich nickte langsam. “Das ist wichtig. Aber es wäre zu bequem, den Flammenwerfer nur bei den armen Tieren zu suchen.”
Dachsbert sah auf.
“Wie meinst du das?”
“Es gibt auch viele mit trockenen Höhlen, vollen Vorratskammern und sehr gutem Ausblick auf den Brand”, sagte Mummrich. “Sie kaufen den Flammenwerfer nicht, weil ihnen Wasser fehlt. Sie kaufen ihn, weil sie fürchten, dass ihr Vorsprung kleiner wird.”
Liora sah ihn an.
“Sie würden den eigenen Wald anzünden?”
“Wenn sie glauben, dass danach wenigstens niemand anderes näher an ihre Lichtung heranrückt”, sagte Mummrich.
Dachsbert atmete durch die Nase aus.
“Das sind mir die liebsten”, sagte er. “Sitzen im Trockenen und erklären, sie seien die eigentlichen Opfer der Feuchtigkeit. Was sie vergessen: Ein trockenes Heim brennt besonders gut.”
Mummrich nickte. “Manche wollen nicht brennen, weil sie frieren. Manche wollen Feuer sehen, weil sie Angst haben, dass andere irgendwann auch am Feuer sitzen.”
“Und die reden dann besonders gern von Ordnung”, sagte Liora.
Dachsbert nickte. “Von Ordnung, Leistung und Verantwortung. Meistens kurz nachdem jemand vorgeschlagen hat, ihre Holzvorräte mitzuzählen.”
Faulmann sah zur Anzeige.
“Dann ist der Flammenwerfer nicht nur ein Gerät der Verzweifelten”, sagte er.
“Nein”, sagte Mummrich. “Auch ein Gerät der Besitzenden. Der Gekränkten. Derer, die lieber den eigenen Wald riskieren, als den Abstand zu den anderen kleiner werden zu lassen - oder den eigenen Wohlstand erklären zu müssen.”
“Das ist fast schlimmer”, sagte Liora.
“Nicht fast”, sagte Dachsbert.
Mummrich nickte langsam. “Nicht jeder Griff zum Flammenwerfer ist Nihilismus. Manche wollen keinen Weltbrand. Manche wollen ein Zeichen setzen. Manche wollen, dass die Feuerwehr endlich kommt. Manche stimmen in bestimmten Fragen tatsächlich mit dem Flammenwerferverkäufer überein. Und manche sind einfach wütend genug, um die Folgen nicht mehr sauber zu trennen.”
“Das ist mir zu sauber”, sagte Liora.
“Was?”
“Diese Unterscheidungen. Protest, Ressentiment, Zynismus, soziale Not, kulturelle Kränkung. Das mag alles stimmen. Aber wenn es brennt, brennt es für alle gemeinsam.”
Dachsbert sah sie an und nickte.
“Ja”, sagte er. “Und genau deshalb darf man den Flammenwerfer nicht romantisieren.”
“Wer romantisiert ihn denn?”, fragte Mummrich.
“Alle, die ihn nur als Symptom besprechen”, sagte Liora. “Als Zeichen. Als Botschaft. Als Hilferuf. Vielleicht ist er das alles. Aber er bleibt ein Gerät, mit dem man andere verbrennt.”
Da knarzte die alte Linde am Rand der Lichtung.
Nicht laut. Nur einmal, tief im Stamm, als habe sie den Satz nicht kommentiert, sondern behalten.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Faulmann legte die Anzeige auf den Tisch, als sei sie ein kleines totes Tier.
“Liora hat recht”, sagte er.
“Wenn wir nur verstehen wollen, warum jemand den Flammenwerfer wählt, und dabei vergessen, wen er trifft, haben wir schon zu viel Rauch eingeatmet.”
Dachsbert lächelte müde. “Das ist ein Satz, reserviert für die besseren Flugblätter.”
“Hattest du mal Flugblätter?”, fragte Liora.
“Ich hatte sogar Sicherheitsnadeln”, sagte Dachsbert. “Und eine Jacke, die mehr Meinung als Stoff war.”
Liora lächelte zum ersten Mal an diesem Nachmittag.
“Jetzt verstehe ich deine Haltung zu ordentlichen Aushängen etwas besser”, sagte sie.
Dachsbert sah sie kurz an.
“Ordentliche Aushänge sind in Ordnung”, sagte er. “Solange sie nicht so tun, als wäre Ordnung schon Gerechtigkeit.”
Dann zog er die Jacke zurecht.
“Und der Dachspunk”, sagte er, “kam später. Ich war nur ungeduldig und schon schlecht gelaunt.”
Mummrich notierte sich das.
“Nicht mitschreiben”, sagte Dachsbert.
“Zu spät.”
Der Wind drehte. Für einen Moment kam der Rauchgeruch deutlicher über den Kamm. Er war nicht stark. Aber er war da. Er legte sich über den Waldtisch, vermischte sich mit Kaffee, Brot und nasser Rinde.
Faulmann dachte an den alten Aussichtsturm. An die letzte Kehre, an der er abgestiegen war, weil der Weg zu steil wurde. An das Knacken der trockenen Zweige unter den Reifen. An den Blick über den Bergkamm. Man sah von dort oben nicht das Feuer selbst. Man sah nur die Verfärbung des Himmels, als hätte jemand hinter der Landschaft ein schlechtes Versprechen angezündet.
“Vielleicht”, sagte Faulmann, “ist das Problem auch, dass die üblichen Mittel nicht mehr so wirken, wie sie gemeint sind.”
Mummrich sah interessiert auf.
“Wasser?”, fragte Dachsbert.
“Ja. Wasser. Worte. Sparmaßnahmen. Notbremsen. Beruhigungssätze.”
Liora nickte langsam.
“Manchmal ist ein Feuer so heiß, dass Wasser nicht mehr als Wasser ankommt”, sagte Faulmann. “Nicht im normalen Sinn. Nicht beim Küchenbrand. Aber als Bild. Das Mittel, das löschen soll, wird Teil der Reaktion.”
“Und manchmal”, sagte Mummrich, “ist ein System so überhitzt, dass selbst eine Notbremse nicht mehr bremst, sondern ruckartig alles nach vorn reißt.”
Dachsbert verzog das Gesicht.
“Eine Notbremse, die anschiebt?”
“Nur wenn vorher sehr viel falsch gebaut wurde”, sagte Mummrich.
“Das klingt nach einer Konstruktion, bei der man nicht danebenstehen möchte”, sagte Dachsbert.
“Nein”, sagte Mummrich. “Und schon gar nicht mit einem Eimer.”
“Es geht also nicht nur um die Maßnahme”, sagte Faulmann.
Mummrich nickte. “Sondern um den Zustand des Systems, in das sie fällt.”
“Dünnes Eis”, sagte Dachsbert.
“Ja”, sagte Mummrich. “Aber darunter liegt etwas.” Faulmann nahm den Gedanken auf.
“In einem vertrauensvollen Wald kann Sparsamkeit als Vorsicht gelten, sogar als notwendig”, sagte Faulmann. “In einem erschöpften Wald kann sie klingen wie: Für eure Eimer reicht es nicht mehr.”
“Und wenn gleichzeitig neue Schilder aufgestellt werden”, sagte Dachsbert, “auf denen steht: Der Brandschutz ist gesichert, dann braucht man sich über schlechte Laune nicht wundern.”
“Schlechte Laune ist nicht das Problem”, sagte Liora. “Die Flammen sind es.”
“Ja”, sagte Mummrich. “Aber man darf nicht unterschätzen, was falsch verstandene Steuerung in einem überhitzten System anrichten kann. Man zieht an einem Hebel, auf dem notwendige Sicherung steht, und merkt zu spät, dass man nicht gebremst, sondern eine Kettenreaktion bestellt hat.”
Dachsbert sah ihn an.
“Bestellt”, sagte er. “Sehr schön. Dann kommt sie vermutlich auch noch mit Lieferschein.”
Faulmann nickte langsam.
“Dann kann eine Maßnahme, die das System retten soll, das System zum Einsturz bringen.”
“Also”, sagte Dachsbert, “man spart bei den Eimern, um den Wald zu retten, und wundert sich, dass die Tiere anfangen, Zündhölzer zu zählen.”
“Nicht nur zu zählen”, sagte Liora.
Dachsbert schwieg.
“Ja”, sagte er dann. “Nicht nur zu zählen.”
Eine Weile sahen sie alle auf die Anzeige.
“Das ist der Vorteil des Flammenwerfers”, sagte Dachsbert schließlich. “Er muss nicht recht haben. Er muss nicht bauen. Er muss nicht halten, was andere versprechen. Er muss nur zeigen, dass nach ihm etwas anders aussieht. Und das kann er.”
“Deshalb reicht es nicht”, sagte Mummrich, “ihm zu widersprechen.”
Faulmann nickte langsam. Mehr sagte er nicht. Vielleicht war es einer dieser Sätze, die erst später eine Antwort suchen.
Später, als der Kaffee kalt geworden war und niemand mehr so recht wusste, ob noch etwas zu sagen war, stand Dachsbert auf.
“Ich brauche einen Verdauungsgang”, sagte er.
“Du hast kaum gegessen”, sagte Mummrich.
“Ich verdaue nicht nur Brot”, sagte Dachsbert.
Das war schwer zu widerlegen.
Also gingen sie los. Nicht weit. Nur den schmalen Pfad entlang, der hinter der Gemeinschaftshütte begann, an den alten Farnen vorbei und dann ein Stück in Richtung Kammweg führte.
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Faulmann schob sein Rad neben sich her. Es klickte leise im Freilauf, obwohl es gar nicht frei lief. Dachsbert ging mit den Händen in den Jackentaschen voran. Mummrich trug sein Heft, als könne es unterwegs etwas verlieren. Liora ging langsam und blieb manchmal stehen, wenn ein Ast zu trocken knackte.
Sie sprachen wenig.
Der Rauchgeruch war nicht stärker geworden. Aber nach dem Gespräch roch er anders.
Am Rand der Lichtung kamen sie am Williamshügel vorbei.
Oder an ihm entlang.
Oder durch jene Gegend, in der William lag, stand oder einfach schon länger war, als die Unterscheidung hilfreich gewesen wäre.
Er sah aus wie ein moosiger Hügel, der irgendwann einmal beschlossen hatte, die Form eines Schildkrötenpanzers anzudeuten, ohne sich damit unnötig festzulegen. Niemand wusste, ob darunter wirklich eine sehr alte Schildkröte hibernierte oder ob der Wald nur an dieser Stelle besonders nachdenklich gewachsen war.
Dachsbert blieb kurz stehen.
“Na”, sagte er.
Der Hügel sagte nichts.
“Auch eine Position”, sagte Dachsbert.
Dann gingen sie weiter.
Der Weg machte eine kleine Schleife durch den unteren Buchenhang und führte sie schließlich wieder zurück zur Lichtung. Der Waldtisch stand noch da, mit den kalten Tassen, der gefalteten Zeitung und der Anzeige mit der gedruckten Düse. Alles sah ein wenig so aus, als habe es in ihrer Abwesenheit weiter nachgedacht.
Sie setzten sich nicht sofort.
Faulmann blieb neben seinem Rad stehen.
Mummrich schlug sein Heft auf, aber schrieb nichts.
Liora sah auf die Anzeige.
Dachsbert kratzte sich hinter dem Ohr.
“Komisch”, sagte er.
“Was?”, fragte Mummrich.
“Ich bin mit keiner Frage losgegangen.”
“Und?”
“Jetzt habe ich eine.”
Liora nickte langsam. “Ich auch.”
Faulmann nahm seine Mütze ab und fuhr mit der Pfote über den Rand.
“Ich glaube”, sagte er, “sie war schon unterwegs da. Ich habe sie nur nicht gleich erkannt.”
Mummrich hob den Stift.
“Welche Frage?”, fragte er.
Faulmann sah auf die Zeitung, dann auf die Anzeige, dann zum Kamm.
“Was wäre eine Handlung, die beweist, dass Reparatur stärker ist als Zerstörung?”
Mummrich schrieb den Satz auf, sehr langsam.
Dachsbert verschränkte die Arme. “Das ist eine gemeine Frage.”
“Eine gute?”, fragte Liora.
“Meistens sind die gemeinen die guten.”
Mummrich sah auf seine Notiz. “Selbstevidente Reparatur”, sagte er leise.
Dachsbert verzog das Gesicht. “Ein Wort, das erst einen Maulwurf braucht, um schön gefunden zu werden.”
“Wirksame Reparatur”, sagte Liora.
Dachsbert nickte. “Etwas, das man nicht glauben muss, weil es da ist.”
“Mehr als sichtbar”, sagte Faulmann. “Etwas, das nicht erst erklärt werden muss, bevor man merkt, dass es trägt.”
Dachsbert sah zum Bergkamm.
“Also kein Plakat über Wasser”, sagte er. “Wasser.”
“Brunnen öffnen”, sagte Liora.
“Bus fahren lassen”, sagte Dachsbert.
“Löschwache nicht schließen”, sagte Faulmann.
“Und keine Rabatte auf Flammenwerfer”, sagte Mummrich.
“Auch das”, sagte Dachsbert. “Eine wehrhafte Brandschutzordnung hat noch keinem Wald geschadet.”
Faulmann sah wieder zum Kamm.
Der Rauch war dünner geworden. Oder der Wind hatte nur gedreht. Das war schwer zu sagen.
“Vielleicht”, sagte er, “besteht Hoffnung nicht darin, dass der Feuerwehrbär endlich kommt.”
Dachsbert sah ihn an. “Sondern?”
Faulmann nahm seine Mütze wieder in beide Pfoten.
“Darin, dass irgendwann genug Tiere aufhören, auf ihn zu warten - und anfangen, die Brunnen wieder freizulegen.”
Liora nickte.
Mummrich schrieb.
Dachsbert sah noch einmal zum Williamshügel hinüber.
“Und morgen”, sagte er schließlich, “rede ich mit de Leut.”
“Über den Brand?”, fragte Liora.
“Auch”, sagte Dachsbert. “Aber zuerst über die Brunnen. Sonst reden wir wieder nur über Rauch.”
Über dem Bergkamm lag noch immer dieser seltsame Himmel.
Nicht rot.
Nicht grau.
Eher wie eine Antwort, die sich noch nicht entschieden hatte, ob sie eine Warnung sein wollte.
Faulmann in der alten Heimat
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Faulmann kam in Freiburg an, wie man in einer alten Heimat ankommt: nicht ganz als Besucher, nicht mehr ganz als Einheimischer, und mit dem leisen Verdacht, dass die Stadt in der Zwischenzeit ohne Rücksprache weitergemacht hatte. Das ist ihr gutes Recht. Städte fragen selten nach…
Am ersten Tag fuhr er durch Freiburg, um in Kirchzarten ein Leihrad abzuholen. Nicht für sich, sondern für seine Schwester, die er dort treffen wollte. Das war ein schöner, sachlicher Auftrag. Ein Rad holen. Eine Schwester treffen. Durch Freiburg fahren. Mehr braucht ein Tag zunächst nicht, um später etwas anderes zu werden.
Was auffiel, war der Radverkehr.
Er war überall.
Nicht nur als Verkehrsmittel, sondern als Faszinosum. Fahrräder kamen von links, von rechts, aus Einmündungen, über Brücken, an Ampeln vorbei, mit Kindern, Taschen, Helmen, Körben, Anhängern, Eile, Gelassenheit und jener Freiburger Selbstverständlichkeit, mit der man offenbar inzwischen auch nebeneinander, gegeneinander und gelegentlich durcheinander fährt.
Faulmann erinnerte sich an ein anderes Freiburg. An eines, in dem es auch schon Fahrräder gab, viele sogar, aber noch nicht diesen fast organischen Pulsschlag auf zwei Rädern.
“Früher war nicht alles besser”, dachte er.
Dann musste er bremsen, weil jemand mit einem Lastenrad entschlossen aus einer Seitenstraße kam.
“Nur übersichtlicher war manches”, ergänzte er innerlich.
Er fuhr entlang der Dreisam, hinaus Richtung Osten, dorthin, wo die Stadt langsam ausläuft und das Zartener Becken beginnt. Dort wird die Landschaft weiter. Die Berge treten nicht zurück, aber sie stellen sich anders auf. Nicht mehr als Kulisse, eher als Erinnerung daran, dass Freiburg nie ganz Stadt war. Immer auch Talrand. Immer auch Übergang.
Das Zartener Becken, geografisch auch Dreisamtal genannt, ist eine tektonische Einbruchszone am Westrand des Schwarzwalds. Seine flache, breite Form verdankt es nicht nur der Geduld der Zeit, sondern auch den eiszeitlichen Gletscherbächen, die im Pleistozän große Mengen Schwarzwaldgeröll in diese Senke schoben. Im Westen verengt sich das Becken zur Freiburger Enge, jener Passage zwischen dem Südhang des Rosskopfs und dem Nordhang des Brombergkopfs, durch die sich Landschaft und Verkehr gleichermaßen in Richtung Stadt schieben.
Faulmann fand, dass “Freiburger Enge” ein ehrlicher Name war. Nicht dramatisch. Nur zutreffend.
Die Dreisam selbst entsteht östlich von Kirchzarten aus dem Rotbach, der auch Höllenbach genannt wird, und dem Wagensteigbach, der kurz zuvor noch den Ibenbach aufgenommen hat. Man kann das als hydrologische Ménage à trois beschreiben. Man kann aber auch sagen: Mehrere Bäche einigen sich darauf, ab hier gemeinsam Dreisam zu werden.
Früher hatten die Bauern im Becken ein ganzes System künstlicher Bewässerungskanäle angelegt, sogenannte Runzen. Mit Wehren und Stellfallen wurde Wasser auf Wiesen verteilt und für Mühlen genutzt. Wasser war hier nie nur Natur. Es war Arbeit, Technik, Absprache, Streit und Ertrag. Ein wenig wie Familie, nur mit besser dokumentierter Fließrichtung.1
In Kirchzarten wartete das Leihrad. Und Laboria.
Offizieller, sofern im Faulmann-Wald überhaupt etwas offiziell ist: Soror Faulmannia Minor Laboriosa2. Faulmanns kleine Schwester, Alchemistin im weiteren Sinne und daher vermutlich die Einzige, die eine gemeinsame Radtour zugleich als Bindung, Reaktion und gelegentliche Belastungsprobe betrachten konnte.
Man traf sich, wie Geschwister sich treffen, wenn die gemeinsame Herkunft nicht extra erklärt werden muss. Es gibt ein paar Sätze, ein paar praktische Dinge, eine kurze Prüfung von Sattel, Bremsen, Schaltung, und darunter liegt etwas, das nicht ausgesprochen werden muss, weil es sonst sofort zu groß würde.
Kirchzarten selbst lag dabei nicht einfach zufällig am Weg. Es ist einer dieser Orte, die mehr in sich tragen, als der erste Blick vermuten lässt: die barocke St. Gallus-Kirche, die Talvogtei als ehemaliges Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert, die historische Kienzlerschmiede, der Giersberg mit seiner Wallfahrtskapelle von 1737 und dem Kreuzweg aus rotem Buntsandstein. Das klingt nach Reiseführer, aber vor Ort ist es eher ein leises Nebeneinander. Man holt ein Leihrad ab, und ein paar hundert Jahre Ortsgeschichte warten höflich am Rand.
Die Rückfahrt führte wieder durch Freiburg. Gemeinsam nun. Laboria auf dem Leihrad, Faulmann daneben, beide durch den Betrieb, durch Kreuzungen, über Wege, an denen früher anderes war oder vielleicht auch nur anders geschaut wurde.
Später ging es zu zweit bergan.
Die Wintererstraße zieht sich über der Stadt entlang, nicht dramatisch, aber bestimmt. Herdern war einmal ein einfaches Winzerdorf und wurde im 19. Jahrhundert in Teilen zu jenem Villenviertel am Hang, in dem Gärten, Jugendstilfassaden, Mammutbäume und Aussicht eine auffällig gute Zusammenarbeit eingingen. Oberbürgermeister Otto Winterer, der Freiburg von 1888 bis 1913 prägte, ist dort nicht nur als Straßenname unterwegs.3 Winterer war überhaupt einer, der Freiburg nicht nur verwaltete, sondern in die Höhe und in die Breite dachte. In solchen Vierteln merkt man, wie Stadtentwicklung manchmal auch eine soziale Topografie bekommt.
Man wohnt nicht einfach höher. Man fühlt sich auch erhaben. Das ist nicht dasselbe, wird aber gern verwechselt.
Unterhalb des Jägerhäusle, beim heutigen Panorama Hotel, hielt man an und sah hinunter. Freiburg lag da, im Licht, in der Bewegung, in jener eigenartigen Mischung aus Vertrautheit und Entfernung. Laboria sah hinunter auf die Stadt. “Von hier oben sieht es geordneter aus”, sagte sie. Faulmann nickte. Das war vermutlich der Grund, warum Menschen so gern Aussicht hatten.
Es gibt Ausblicke, die zeigen einem nicht nur eine Stadt, sondern auch die Stellen, an denen man früher in ihr vorkam.

Das ist unpraktisch. Für eine genaue Orientierung taugt es wenig. Aber man weiß plötzlich wieder, wo innen früher außen war, und umgekehrt.
Am zweiten Tag ging es für Faulmann und Laboria höher hinauf. Der Rosskopf stand auf dem Plan, und Pläne sind beim Radfahren bekanntlich nur eine höfliche Annäherung an das, was der Weg später mit einem macht.
Der Anstieg begann über die Pochgasse, dann weiter am Reutebach entlang. Es war ein Freiburger Aufstieg im besten Sinne: erst noch Häuser, Mauern, Gärten, dann mehr Grün, mehr Steigung, mehr Atem, und irgendwann merkt man, dass die Stadt zurückbleibt, ohne sich wirklich zu verabschieden.
Der Weg wurde ruhiger, waldiger, entschiedener. Er führte durch ein Gebiet, in dem Landschaft nicht nur aus Bäumen besteht, sondern aus verschwundenen Kirchen, alten Streitigkeiten, Konfessionsgrenzen, Wasserläufen, Besitzwechseln und Namen, die an Dingen hängen bleiben, nachdem die Dinge selbst gegangen sind.
Im Reutebachtal stand einmal die Kirche “Zum heiligen Kreuz”, erstmals 1275 erwähnt. Sie war Pfarrkirche für Gundelfingen, Wildtal, Heuweiler und Zähringen. Dann kam die Reformation, und auch diese kleine Talordnung bekam Risse. Gundelfingen und Wildtal wurden unter badischer Herrschaft protestantisch, Zähringen blieb unter der katholischen Ortsherrschaft der Familie Schnewlin von Landeck römisch-katholisch. 1561 wurde Zähringen endgültig von der evangelisch gewordenen Pfarrei Reutebach getrennt. Die alte Kirche verlor ihre Aufgabe, verfiel und wurde abgetragen.
Heute erinnern nur noch Flurnamen wie Kirchenhölzle und Hinterkirch an sie.
Man fährt daran vorbei und merkt nichts.
Das ist vielleicht das Erstaunlichste an Kulturlandschaften: Sie behalten sehr viel, ohne sich wichtig zu machen.4
Bei der sogenannten Zähringer Burg öffnete sich der Blick ins Wildtal.
Die Ruine selbst tat, was Ruinen tun: Sie stand da und ließ sich anschauen. Ruinen sind in dieser Hinsicht geduldig. Sie erklären nicht viel. Sie tun ihre Pflicht, indem sie nicht ganz verschwunden sind.
Dabei ist dieser Ort älter, als der runde Bergfried zunächst vermuten lässt. Der Burgberg war schon in der Jungsteinzeit besiedelt, später in der Hallstattzeit befestigt und in der Spätantike wohl Standort einer alemannischen Höhensiedlung. Die mittelalterliche Steinburg entstand vor 1100 unter Berthold II., der sich fortan Graf von Zähringen nannte und später Herzog von Zähringen wurde. Die Burg wurde damit zum namensgebenden Stammsitz eines mächtigen Geschlechts.

Dann geschah, was mit Stammsitzen offenbar manchmal geschieht: Sie wurden wichtig, dann weniger wichtig, dann Symbol, dann Ruine.
Berthold II. begann bereits 1091 mit dem Bau der Burg Freiburg auf dem Schlossberg. Die lag günstiger für Handel, Stadtgründung und die Kontrolle der Silberreviere im Schwarzwald. Die Zähringer Burg verlor also früh ihre Hauptrolle, blieb aber als Außenposten bestehen. Nach dem Aussterben der Zähringer Hauptlinie 1218 wechselten Besitz, Funktion und Zerstörungsgrad mehrfach. 1525 wurde sie im Bauernkrieg endgültig gestürmt, geplündert und niedergebrannt.
Heute steht vor allem der runde Bergfried aus dem 13. Jahrhundert. Achtzehn Meter hoch, acht Meter Durchmesser, anderthalb Meter Wandstärke. Der Zinnenkranz und die Außentreppe kamen erst im 19. Jahrhundert hinzu, als man Ruinen gern ein wenig ruiniger aussehen ließ, als sie es von selbst geschafft hatten. “Auch Erinnerungen bekommen manchmal Zinnen”, dachte Faulmann. Das war nicht sein schlechtester Satz an diesem Vormittag.
Von der Zähringer Burg ging es weiter. Bergan mit Kurs auf die alte Linde an der Rottecksruhe.
Karl von Rotteck war Freiburger Staatsrechtler, Historiker, Professor und liberaler Politiker des Vormärz. Er setzte sich für Pressefreiheit und gegen feudale Lasten ein, blieb aber zugleich ein Mensch seiner widersprüchlichen Zeit, etwa in den badischen Judendebatten der 1830er Jahre, in denen er sich gegen die vollständige staatsbürgerliche Gleichstellung der jüdischen Minderheit stellte. Auch Denkmäler haben Schatten. Vielleicht sollte man gerade deshalb nicht so tun, als seien sie Lampen.
Auf dem Nordwesthang des Rosskopfs besaß Rotteck das Gut Schönehof. Es war ein Rückzugsort und Gesprächsort liberaler Kreise, abseits der stärker überwachten städtischen Räume. Nach Rottecks Tod im Jahr 1840 kaufte der reaktionäre badische Staat das Hofgut gezielt auf und ließ die Gebäude abreißen. Man wollte verhindern, dass dort im Wald eine demokratische Erinnerungsstätte entstand.
Der Wald nahm es zur Kenntnis. Er ist nicht vergesslich, nur langsam. 1878 wurde an der Stelle trotzdem ein Gedenkstein errichtet. Die Rottecksruhe wurde zu einem Kreuzungspunkt historischer Waldwege: Reutebachweg, Rosskopfweg, Martinsfelsenweg, Uhlbergweg. Ein Ort, der beweist, dass man Erinnerung manchmal gerade dadurch befestigt, dass man sie tilgen will.
Faulmann setzte sich kurz. Es ist eigenartig, wie oft Politik dort deutlich wird, wo nichts mehr steht.
Weiter ging es zum finalen Anstieg.
Der Rosskopf ist 736,9 Meter hoch und liegt an der Schnittstelle von Freiburg, Gundelfingen und Ebnet. Verwaltungstechnisch ist er also schon von Natur aus ein wenig streitbar. Geologisch gehört er zu jenem Kamm, der vom Freiburger Schlossberg nordöstlich Richtung St. Peter zieht. Seine Hänge sind tief eingeschnitten: Der Michelbach entwässert zur Glotter, der St.-Ottilien-Tobel zur Dreisam, der Glasbach speist das Kanalsystem des östlichen Freiburger Stadtgebiets, und der Altbach oder Reutebach bildet den Hauptquellarm des Zähringer Dorfbachs.
Auch der Rosskopf-Name ist weniger eindeutig, als er zunächst tut. Kurz fragte sich Faulmann, ob “Rosskopf” nicht einfach eine dunkle Kuppe meinen könne, einen schwarzen Kopf im Wald. Schön wäre es gewesen. Dinge sollten öfter so aussehen, wie sie heißen. Aber sie sind darin nicht besonders zuverlässig.
Naheliegend ist zunächst das Ross, also das Pferd: alte Waldweiden, Arbeitstiere, vielleicht auch jene geschnitzten Pferdeköpfe, die an manchen Bauernhäusern angebracht wurden, als Schutzzeichen, Besitzzeichen oder einfach, weil Menschen ihre Häuser selten ganz schmucklos lassen. Eine andere Spur führt zum keltischen “ros”, also zu einem vorspringenden Bergsporn oder einer bewaldeten Höhe. Das passte dem Rosskopf ebenfalls gut. Er stand ja nicht einfach herum, sondern schob sich als Rücken, Kamm und Ausläufer in die Landschaft.
In der Bergnamenforschung taucht “ross” außerdem auch mit Bedeutungen wie Wasserlauf, Wildbach oder Wassertümpel auf. Das fügte sich überraschend gut in diesen Berg ein, der seine Hänge und sein Wasser in verschiedene Richtungen schickt. Ein Rosskopf also vielleicht nicht nur als Pferdekopf oder Bergsporn, sondern auch als Kopf über Wasserläufen. Das klingt etwas weniger stolz, aber dafür nasser.
Und dann gibt es noch die schönere, weil etwas glitschige Option: Im alemannischen und schweizerdeutschen Sprachraum konnten “Roßkopf” oder “Roßnegel” auch Kaulquappen meinen, jene dunklen kleinen Körper mit schmalem Anhang, die gerade erst beschlossen haben, irgendwann vielleicht Frosch zu werden.
Das war keine ganz abwegige Nebenbedeutung. Beim Vorbeifahren sahen Faulmann und Laboria in mehreren Tümpeln genau solche Kaulquappen. Kleine schwarze Satzzeichen im Wasser. Noch fast eine art Fischtier, nicht mehr bloß Laich, und vom Frosch nur eine Absichtserklärung entfernt.
Faulmann fand das für einen Bergnamen ziemlich angemessen, denn auch der Rosskopf wirkte stellenweise wie etwas, das noch nicht ganz entschieden hatte, ob es Rücken, Kopf, Sporn, Wasserstelle, Pferd oder Erinnerung sein wollte.
Oben auf dem Gipfel steht der Rosskopfturm, offiziell Friedrichsturm. Er wurde 1889 vom Schwarzwaldverein errichtet, ist 34,4 Meter hoch und gilt als einer der ältesten erhaltenen Stahlfachwerktürme Deutschlands. Ausgeführt wurde die Konstruktion von der Freiburger Gießerei Ph. Ant. Fauler.5
Faulmann blieb einen Moment bei diesem Namen hängen. Fauler. Nah genug, um sich persönlich gemeint zu fühlen.

Die 137 Stufen führen über die Baumwipfel hinaus. Bei günstigen Bedingungen reicht der Blick bis zu den Schweizer Alpen, über die Rheinebene und den Kaiserstuhl bis zu den Vogesen. Faulmann zählte die Stufen nicht. Er hatte Vertrauen in die Zahl und Misstrauen gegen seine Oberschenkel.
Auf dem Kamm standen auch die Spuren einer anderen Gegenwart. Der Rosskopf ist nicht nur ein Berg für Burgen, Legenden und Waldwege. Er ist auch ein Ort der Energiewende. 2003 wurden dort vier Windkraftanlagen des Typs Enercon E66 errichtet, damals ein Pionierstandort im süddeutschen Raum. Nach gut zwanzig Jahren wurden sie durch zwei größere Anlagen ersetzt. Die neuen Anlagen sind höher, leistungsfähiger, sichtbarer. Der Höhenrücken erzählt damit auch vom Übergang alter Ressourcennutzung zu neuer: früher Silber im Schwarzwald, heute Luftströme über dem Kamm.
Das klingt sauberer, als es sich vor Ort anfühlt. Denn auch erneuerbare Energie braucht Fundamente, Wege, Rodungen, Schwertransporte und Kompromisse.
Danach ging es hinab nach St. Ottilien. Dort gab es Schnitzel mit Spätzle, Kuchen und Espresso. Man wollte eigentlich nur ein Stück Kuchen zum Teilen. Der Wunsch war bescheiden, fast vorbildlich. Aber die Wirklichkeit war viel freundlicher als bestellt: Es kam netterweise noch ein zusätzliches Stück dazu.
Faulmann nahm das als Zeichen. Nicht als großes. Eher als gastronomisches. Solche Zeichen sind oft die zuverlässigeren.
Nach dem Essen besichtigten sie die Ottilienkapelle. Die kleine Kirche liegt hier im oberen St.-Ottilien-Dobel, das historisch auch Musbachtal genannt wurde, an den südlichen Hängen des Rosskopfs, etwa 480 Meter hoch. Sie wirkt nicht so, als sei sie gebaut worden, um Eindruck zu machen. Eher, als habe sie sich mit dem Hang geeinigt.
St. Ottilien gilt als eine der ältesten Wallfahrtsstätten Deutschlands. An diesem Ort verbinden sich Wald, Wasser, Legende, Augenleiden und barocke Frömmigkeit zu einer jener Mischungen, die man nicht zu schnell ordnen sollte.
Die Legende erzählt von Odilia, der blinden Tochter des elsässischen Herzogs Etticho. Bei ihrer Taufe, so heißt es, erhielt sie auf wundersame Weise das Augenlicht. Als ihr Vater sie später gegen ihren Willen verheiraten wollte, floh sie über den Rhein bis in das Musbachtal am Rosskopf.
Als der Vater ihr folgte, soll Odilia ebenhier gebetet haben. Da öffnete sich der Fels und bot ihr Schutz. An dieser Stelle entsprang eine Quelle, deren Wasser später besonders bei Augen-, Kopf- und Ohrenleiden als heilkräftig galt. Der Vater, geläutert durch dieses Ereignis, überließ ihr schließlich die Hohenburg im Elsass, wo sie ein Kloster gründete.
Der Rosskopf hatte also nicht nur Tümpel für Kaulquappen und Tobel für Bäche. Er hatte auch eine Quelle, der man zutraute, mehr zu können als nur bergab zu laufen.
Faulmann stand in der Grotte und dachte, dass Legenden oft dort entstehen, wo ein Mensch nicht mehr weiterkann und die Landschaft trotzdem eine Öffnung behält. Das ist wahrscheinlich nicht historisch. Aber manchmal ist das Historische nicht die einzige Form, in der ein Ort recht hat.
Besonders an St. Ottilien ist, dass die Quelle nicht einfach Quelle blieb. Nach Zerstörungen durch französische Truppen im Jahr 1713 wurde die Kapelle wiederaufgebaut und barock erweitert. Dabei wurde die ehemals freistehende Odilienquelle direkt in den Kirchenbau integriert. Man betritt heute also nicht erst eine Kapelle und danach eine Quelle, sondern auch einen gefassten Ursprung: eine Grotte im Kirchenraum, schwach radonhaltiges Wasser, Stein, Stille, ein Ort für Hände, Augen und alte Hoffnungen.

Faulmann fand das überzeugend. Nicht weil er plötzlich frömmer geworden wäre. Sondern weil manche Dinge besser werden, wenn man sie nicht trennt: Stein, Wasser, Angst, Hoffnung, Müdigkeit, Dankbarkeit, Espresso.
Der heutige Kirchenbau geht außerdem im Kern auf eine Stiftung des Freiburger Ratsherrn Peter Sprung und seiner Frau Elisabeth Zehenderin aus dem Jahr 1503 zurück. In der Kirche finden sich drei Barockaltäre aus den Jahren 1663/64, eine historische Bronzeglocke von 1892 und Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert, die bei Restaurierungsarbeiten 1966/67 freigelegt wurden. Sie zeigen unter anderem Odilia, Lucia und Jodokus.
Auch Heilige stehen also manchmal eine Weile unter Putz und warten auf günstigere Zeiten.
Im Josephinismus sollte St. Ottilien geschlossen werden. Kaiser Joseph II. ließ Eremitagen und Waldkapellen aufheben, die keine regulären Pfarrkirchen waren. 1788 sollten die beweglichen Güter der Kapelle an die Pfarrei Horben abgegeben werden. Doch die Freiburger Bürgerschaft protestierte so entschieden, dass die Kapelle 1791 wieder geöffnet werden durfte. Auch ein badischer Schließungsversuch von 1807 scheiterte am Widerstand der Bevölkerung.

Faulmann stellte sich das vor: Freiburger Bürger, die einer Waldkapelle beistehen. Nicht, weil sie dringend noch eine Kapelle brauchten. Sondern weil man manche Orte nicht einfach aus der Landschaft herausverwaltet.6
Das war insgesamt vielleicht die schönste Stelle des Tages. Oder das zweite Stück Kuchen. Die Reihenfolge ließ sich schwer bestimmen.
Später führte der Weg noch zum Hauptfriedhof. Friedhöfe in der alten Heimat sind eigene Archive. Sie ordnen Namen, Jahreszahlen, Familienlinien, Nachbarschaften und Zufälle. Man geht an Gräbern vorbei und merkt, dass Erinnerung nicht nur im Kopf wohnt. Sie sitzt vor allem auch in Wegen, Bäumen, Steinplatten, alten Friedhofsmauern und in der Art, wie man plötzlich langsamer geht.
Danach fuhren sie wieder zurück nach Kirchzarten, auf den Freiburger Fahrradautobahnen, die diesen Namen nicht ganz ohne Selbstbewusstsein tragen. Breite Wege, zügiger Verkehr, klare Richtungen. Der Schwarzwald zur Seite, die Stadt im Rücken oder vor einem, je nachdem, wie man gerade sortieren möchte.
In Kirchzarten endete der gemeinsame Radteil des Tages. Faulmann fuhr allein zurück ins alte Familienhaus. Laboria kam später mit dem ÖPNV nach, was weniger landschaftlich, aber vermutlich vernünftiger war.
Am Abend waren sie wieder beide dort. Das Haus stand da. Natürlich stand es da. Häuser sind darin manchmal sehr unbeeindruckt von allem, was in ihnen einmal stattgefunden hat.
Man schließt auf, tritt ein, stellt etwas ab, hört den Raum antworten, ohne dass ein Geräusch entsteht. Es riecht vielleicht nicht mehr ganz wie früher, aber auch nicht ganz anders. Die Treppe weiß noch, wo man früher auftrat. Die Türen kennen ihre eigenen kleinen Widerstände. Ein Zimmer kann leer sein und trotzdem nicht unbesetzt.
Als Laboria ankam, stand sie einen Moment im Flur. Dann sagte sie: “Es riecht noch nach früher. Aber nicht zuverlässig.”
Faulmann fand, dass das vermutlich die genaueste Beschreibung des Hauses war.
Mit Laboria im Haus wurde diese Stille nicht kleiner. Nur anders verteilt. Faulmann machte nicht viel. Das war vielleicht das Richtige.
Am nächsten Tag war Pause.
Auch Pausen gehören zu Reisen, obwohl man sie später schwerer erzählen kann. Man kann nicht gut schreiben: “Heute geschah wenig, und das war nötig.” Dabei wäre es oft der ehrlichste Satz.
Am nächsten Morgen reiste Laboria ab. Mit dem ÖPNV, wie es sich für eine Person gehört, die Reaktionen nicht unnötig beschleunigt.
Der letzte Fahrtag führte Faulmann wieder allein hinaus, diesmal über den Seepark, Lehen und den Mundenhof zum Tuniberg-Höhenradweg.
Der Seepark lag da wie eine städtische Erinnerung an Freizeit. Menschen gingen, saßen, schoben Kinderwagen, trugen Kaffee, redeten über Dinge, die von außen alltäglich klangen und vermutlich innen komplizierter waren. So ist das meistens.
Weiter ging es über Lehen, dann am Mundenhof vorbei, wo die Stadt endgültig weicher wird. Nicht ländlich im romantischen Sinn, eher durchlässiger. Die Ränder werden breiter. Felder, Wege, Tiere, Höfe, kleine Kurven. Freiburg tut dort so, als sei es nur zufällig eine Stadt geworden.
Der Mundenhof ist dabei selbst eine dieser Freiburger Zwischenformen. Er wurde bereits 864 als “Muntichova” erwähnt, als der Priester Rumolt das Gut dem Kloster St. Gallen schenkte. Später gehörte er über Jahrhunderte zum Kloster Günterstal, dann zum badischen Staat. 1892 kaufte die Stadt Freiburg das rund 500 Hektar große Gelände. Das hing mit dem starken Bevölkerungswachstum und einer sehr praktischen städtischen Frage zusammen: Wohin mit dem Abwasser?
Das ist kein eleganter Gedanke. Aber Städte bestehen nicht nur aus Münster, Bächle und Licht. Sie bestehen auch aus Abwasserlogistik.
Auf den nährstoffreichen Rieselflächen betrieb der Mundenhof Milchwirtschaft und Getreideanbau. Um 1920 gehörte er zu den größten landwirtschaftlichen Betrieben des heutigen Baden-Württembergs. Später, 1968, wurde dort das Tiergehege eröffnet, aus dem der heutige Tier-Natur-Erlebnispark wurde. Heute leben dort unter anderem Gibbons, Javaneraffen, Emus, Strauße, Alpakas, Yaks, Lamas und Kamele.
Der letzte Mundenhof-Bär, Joschi, wurde 2015 wegen schwerer Krankheit eingeschläfert. Faulmann nahm diese Nachricht still zur Kenntnis. Er erinnerte sich an das alte Bärengehege. Wenn man ehrlich war, war es weniger ein Gehege als ein Betonloch mit Bären darin. Ein Ort, der vermutlich einmal als zweckmäßig gegolten hatte, wie vieles, was später beschämend aussieht, ohne dass es damals schon allen beschämend vorkam.
Joschi hatte dort gelebt. Oder zumindest dort seine Zeit verbracht. Das ist nicht ganz dasselbe. Faulmann blieb einen Moment bei diesem Unterschied hängen. Manchmal merkt man erst viel später, dass ein Tier, das man als Kind oder Jugendlicher gesehen hat, nicht einfach “da” war, sondern irgendwo festsaß. Der Mundenhof war freundlich gewesen, ein Ausflugsort, ein Stück Freiburger Kindheitslandschaft. Aber Freundlichkeit verteilt sich nicht automatisch bis in jede Ecke.
Es ist immer etwas heikel, wenn ein Bär an einem Ort vorbeifährt, an dem der letzte Bär fehlt. Noch heikler ist es, wenn er ahnt, dass dem letzten Bären dort vielleicht nicht besonders gut gewesen war. Man möchte nicht sofort symbolisch werden. Aber man wird es trotzdem ein wenig.
Hinter dem Mundenhof liegt das Rieselfeld, und auch das ist eine Landschaft, die mehr weiß, als man ihr ansieht. Ab 1891 wurde auch hier Freiburger Abwasser über Gräben, Schleusen und abgegrenzte Flurstücke auf durchlässige Böden verrieselt. Dort wurde es mechanisch und mikrobiell gereinigt, bevor es über Drainagen in Richtung Dreisam abfloss. 1985 endete auch hier diese Form der Abwasserbehandlung.
Später entstand auf einem Teil des Geländes der neue Stadtteil Rieselfeld. Ein anderer Teil wurde Naturschutzgebiet, später auch Vogelschutzgebiet. Heute leben dort Feldlerchen, Neuntöter, Dorngrasmücken, Schwarzkehlchen, Spechte, Pirol, Libellen und viele andere Arten. Seit 2018 helfen Wasserbüffel, die Flächen offenzuhalten, indem sie mit ihrem Tritt und Fraß flache Schlammmulden schaffen. Faulmann musste daran denken, dass manche Orte erst dann ökologisch interessant werden, wenn sie vorher sehr praktisch missbraucht wurden.
Das ist kein Vorwurf. Nur eine Beobachtung.7
Dann der Tuniberg. Der Höhenradweg machte keine große Szene, aber er hielt, was er versprach. Man fuhr oben entlang, mit Blicken in die Freiburger und Breisgauer Bucht. Die Landschaft lag weit und warm unter dem blauen Himmel, mit Orten, Feldern, Rebflächen und diesem südlichen Licht, das manchmal so tut, als sei es eigens für Rückblicke erfunden worden.
Der Tuniberg ist keine kleine Kopie des nahen Kaiserstuhls. Er ist geologisch anders. Während der Kaiserstuhl vulkanisch geprägt ist, besteht der Tuniberg aus Jura-Kalksteinen und ragt als tektonische Bruchscholle aus dem südlichen Oberrheingraben. Darüber liegen mächtige Lössschichten, die Feuchtigkeit speichern und mineralreiche Böden bilden. Zusammen mit dem warmen, fast mediterran begünstigten Klima erklärt das den Weinbau.
Weinbau ist hier sehr alt. Die älteste überlieferte Urkunde zum Weinbau am Tuniberg stammt aus dem Jahr 888. In Gottenheim ist Weinbau seit 1086 belegt. Heute gilt der Tuniberg als “Burgunderoase”, weil viele Flächen mit Burgundersorten bestockt sind.

Faulmann fand das Wort “Burgunderoase” ein wenig gefährlich. Es klingt nach Prospektständer. Aber der Boden kann nichts dafür.
Der Burgunderpfad zieht über den Höhenrücken, von der March im Norden über Gottenheim bis nach Munzingen. In Opfingen erinnert der Eidechsenpfad an die Flurbereinigungen der 1950er und 1960er Jahre, als viele alte Hohlwege und Kleinterrassen zugunsten maschinengerechter Großflächen verschwanden. Auch das sieht man nicht sofort, wenn man einfach nur durch eine schöne Landschaft fährt. Aber die Schönheit ist sortiert worden. Manchmal sogar mit Planierraupe.8
Faulmann fuhr langsam. Nicht aus Schwäche. Aus Gründen. Man muss nicht immer schneller werden, nur weil ein Weg gut ausgebaut ist.
Der Blick reichte weit über die Ebene. Irgendwo dort lagen alte Wege, alte Besuche, alte Gespräche. Nicht alle waren noch zugänglich. Manche waren nur noch als Richtung vorhanden. Das genügte vielleicht.
Die Rückfahrt führte über Weingarten zurück zum Haus.
Es waren viele alte Namen gewesen, die früher anders klangen. Oder die man anders hörte. Rieselfeld, Mundenhof, Seepark, Weingarten - Stadtteile, Landschaftsreste, Planungen, Alltage. Freiburg hatte sich ausgedehnt, verdichtet, sortiert, beschleunigt.
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Und doch war da immer noch dieses Licht am Nachmittag, die Nähe der Berge, die Dreisam, der Geruch von warmem Asphalt und Schatten unter Platanen. Alte Heimat ist kein Ort, der wartet.
Das wäre zu einfach.
Sie ist eher ein Ort, der weiterlebt, während man selbst woanders weiterlebt. Wenn man zurückkommt, treffen sich zwei Bewegungen für ein paar Tage. Man fährt nebeneinander her, erkennt sich stellenweise wieder, verwechselt manchmal Erinnerung mit Orientierung und Orientierung mit Besitz.
Manches war nicht mehr das, was es gewesen war. Manches war noch nicht fertig. Und einiges schwamm irgendwo dazwischen herum, als hätte es noch nicht entschieden, welche Gestalt es annehmen wollte.
Dann steht man abends im alten Haus, das nicht fragt, was aus einem geworden ist.
Es lässt einen nur hinein.
Das ist vielleicht schon ziemlich viel.
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