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Die alten “Runzen” im Zartener Becken waren künstliche Bewässerungskanäle. Sie dienten nicht nur der Wiesenbewässerung, sondern auch dem Betrieb von Mühlen. Einige Wehre und Stellfallen blieben als technische Denkmale erhalten. Solche Systeme zeigen, wie stark vormoderne Landschaften bereits gestaltet waren. Was heute natürlich wirkt, war oft eine präzise Alltagsmaschine aus Wasser, Holz, Erde und Gewohnheit. ↩
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Dachsbert würde vermutlich fragen, ob “kleine Schwester” nicht auch gereicht hätte. Mummrich würde antworten: “Nicht in den Registern.” ↩
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Otto Winterer (1846-1915) war Verwaltungsjurist und zunächst Oberbürgermeister von Konstanz, bevor er 1888 nach Freiburg wechselte. Als er 1913 nach 25 Jahren aus dem Amt schied, galt er vielen als eine Art “zweiter Gründer” der Stadt: In seiner Amtszeit wuchsen Bevölkerung und Gebäudebestand stark, neue Stadtteile wurden erschlossen, Schulen, Wasserversorgung, Kanalisation, Elektrizitätswerk und Straßenbahn ausgebaut, außerdem Stadttheater, Neues Rathaus und neue Universitätsgebäude vorangetrieben. Winterer erkannte auch früh den touristischen Wert Freiburgs und ließ Wege, Aussichtspunkte und Erholungsräume im Stadtwald erschließen. Besonders hübsch - und sehr freiburgisch - ist die Geschichte der Stadttore: Als Ende des 19. Jahrhunderts Teile der Bürgerschaft Martins- und Schwabentor wegen des modernen Verkehrs und der neuen Straßenbahn abreißen lassen wollten, setzte Winterer sich für ihren Erhalt ein. Sein zugespitztes Motto lautete sinngemäß: “Das Dorf hat Dächer - die Stadt hat Türme.” Er bewahrte die Tore allerdings nicht einfach museal, sondern ließ sie im Geschmack der Zeit deutlich erhöhen und ausgestalten. Das Martinstor wuchs dabei von etwa 22 auf über 60 Meter. Freiburg rettete seine mittelalterlichen Tore also, indem es sie zugleich ein wenig neu erfand. Das ist keine schlechte Methode, wenn man ohnehin schon Freiburg ist. ↩
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Die Reutebachkirche ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich große religiöse Umbrüche in kleinen Landschaften niederschlagen. Nach der Reformation verlief die konfessionelle Grenze nicht abstrakt durch Europa, sondern sehr konkret zwischen Dörfern, Wegen, Familien und Kirchspielen. Dass heute vor allem Flurnamen an diese Kirche erinnern, macht den Ort nicht bedeutungslos. Es zeigt nur, dass Erinnerung manchmal in die Sprache ausweicht, wenn Gebäude verschwinden. ↩
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Hinter dem Namen Fauler steckt in Freiburg gleich ein ganzes kleines Industrie- und Stadtgeschichtskapitel. Philipp Anton Fauler erwarb 1838 ein Eisenwerk in Falkensteig; die Firma Ph. Ant. Fauler wurde später von seinen Söhnen Eduard und Hermann weitergeführt. 1864/65 wurde die Eisengießerei nach Freiburg verlegt, in den Bereich zwischen der späteren Faulerstraße und dem Weg “Alte Gießerei”. Dort entstanden unter anderem Gusswaren, Portale, Laternen, Bänke - und eben auch Stahlkonstruktionen wie der Rosskopfturm von 1889. Eduard Fauler war zugleich von 1859 bis 1871 Bürgermeister von Freiburg. In seine Amtszeit fiel die Errichtung der ersten Badeanstalt an der Dreisam, die später nach ihm benannt wurde. Diese Flussbadeanstalt wurde 1869 eröffnet und mit Dreisamwasser gespeist. Das alte Faulerbad musste 1972 dem Zubringer Mitte weichen; 1983 entstand das heutige Hallenbad. Freiburg hat den Namen Fauler also an Eisen, Aussicht, Wasser, Kommunalpolitik und Verkehr gebunden. Das muss man auch erst einmal schaffen. ↩
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St. Ottilien ist deshalb so stark, weil dort Legende, Wasser und bürgerschaftlicher Widerstand zusammenkommen. Die Odilienquelle war nicht nur ein frommes Motiv, sondern ein konkreter Ort körperlicher Hoffnung, besonders bei Augenleiden. Als die Kapelle im Josephinismus und später unter badischer Regierung geschlossen werden sollte, verteidigten Freiburger Bürger diesen Ort. Man könnte sagen: Nicht die Quelle war stur. Die Menschen waren es. ↩
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Das Rieselfeld zeigt eine eigentümliche Freiburger Dialektik: Aus einer Abwasserlandschaft wurde ein Naturschutzgebiet und daneben ein Modellstadtteil. Der neue Stadtteil entstand ab den 1990er Jahren mit Niedrigenergie-Bauweise, guter Straßenbahnanbindung und begrenzter Bauträgerdominanz. Gleichzeitig bewahrte das Naturschutzgebiet alte Gräben, Offenland und Feuchtbereiche. Die Geschichte ist also weder reine ökologische Erfolgserzählung noch reine Planungserzählung. Eher eine vorsichtige Umnutzung dessen, was schon da war. ↩
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Der Tuniberg ist als Kulturlandschaft stark überformt. Themenwege wie Burgunderpfad und Eidechsenpfad erklären Weinbau, Geologie und Landschaftsgeschichte. Gerade der Eidechsenpfad erinnert daran, dass die heutige Ordnung der Rebflächen nicht einfach gewachsen ist, sondern durch Flurbereinigung entstand. Viele Hohlwege und Kleinterrassen verschwanden. Was maschinengerecht wurde, wurde nicht automatisch menschenfreundlicher. Aber es wurde übersichtlicher. Das ist oft der Anfang des Problems. ↩
Faulmann in der alten Heimat
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Faulmann kam in Freiburg an, wie man in einer alten Heimat ankommt: nicht ganz als Besucher, nicht mehr ganz als Einheimischer, und mit dem leisen Verdacht, dass die Stadt in der Zwischenzeit ohne Rücksprache weitergemacht hatte. Das ist ihr gutes Recht. Städte fragen selten nach…
Am ersten Tag fuhr er durch Freiburg, um in Kirchzarten ein Leihrad abzuholen. Nicht für sich, sondern für seine Schwester, die er dort treffen wollte. Das war ein schöner, sachlicher Auftrag. Ein Rad holen. Eine Schwester treffen. Durch Freiburg fahren. Mehr braucht ein Tag zunächst nicht, um später etwas anderes zu werden.
Was auffiel, war der Radverkehr.
Er war überall.
Nicht nur als Verkehrsmittel, sondern als Faszinosum. Fahrräder kamen von links, von rechts, aus Einmündungen, über Brücken, an Ampeln vorbei, mit Kindern, Taschen, Helmen, Körben, Anhängern, Eile, Gelassenheit und jener Freiburger Selbstverständlichkeit, mit der man offenbar inzwischen auch nebeneinander, gegeneinander und gelegentlich durcheinander fährt.
Faulmann erinnerte sich an ein anderes Freiburg. An eines, in dem es auch schon Fahrräder gab, viele sogar, aber noch nicht diesen fast organischen Pulsschlag auf zwei Rädern.
“Früher war nicht alles besser”, dachte er.
Dann musste er bremsen, weil jemand mit einem Lastenrad entschlossen aus einer Seitenstraße kam.
“Nur übersichtlicher war manches”, ergänzte er innerlich.
Er fuhr entlang der Dreisam, hinaus Richtung Osten, dorthin, wo die Stadt langsam ausläuft und das Zartener Becken beginnt. Dort wird die Landschaft weiter. Die Berge treten nicht zurück, aber sie stellen sich anders auf. Nicht mehr als Kulisse, eher als Erinnerung daran, dass Freiburg nie ganz Stadt war. Immer auch Talrand. Immer auch Übergang.
Das Zartener Becken, geografisch auch Dreisamtal genannt, ist eine tektonische Einbruchszone am Westrand des Schwarzwalds. Seine flache, breite Form verdankt es nicht nur der Geduld der Zeit, sondern auch den eiszeitlichen Gletscherbächen, die im Pleistozän große Mengen Schwarzwaldgeröll in diese Senke schoben. Im Westen verengt sich das Becken zur Freiburger Enge, jener Passage zwischen dem Südhang des Rosskopfs und dem Nordhang des Brombergkopfs, durch die sich Landschaft und Verkehr gleichermaßen in Richtung Stadt schieben.
Faulmann fand, dass “Freiburger Enge” ein ehrlicher Name war. Nicht dramatisch. Nur zutreffend.
Die Dreisam selbst entsteht östlich von Kirchzarten aus dem Rotbach, der auch Höllenbach genannt wird, und dem Wagensteigbach, der kurz zuvor noch den Ibenbach aufgenommen hat. Man kann das als hydrologische Ménage à trois beschreiben. Man kann aber auch sagen: Mehrere Bäche einigen sich darauf, ab hier gemeinsam Dreisam zu werden.
Früher hatten die Bauern im Becken ein ganzes System künstlicher Bewässerungskanäle angelegt, sogenannte Runzen. Mit Wehren und Stellfallen wurde Wasser auf Wiesen verteilt und für Mühlen genutzt. Wasser war hier nie nur Natur. Es war Arbeit, Technik, Absprache, Streit und Ertrag. Ein wenig wie Familie, nur mit besser dokumentierter Fließrichtung.1
In Kirchzarten wartete das Leihrad. Und Laboria.
Offizieller, sofern im Faulmann-Wald überhaupt etwas offiziell ist: Soror Faulmannia Minor Laboriosa2. Faulmanns kleine Schwester, Alchemistin im weiteren Sinne und daher vermutlich die Einzige, die eine gemeinsame Radtour zugleich als Bindung, Reaktion und gelegentliche Belastungsprobe betrachten konnte.
Man traf sich, wie Geschwister sich treffen, wenn die gemeinsame Herkunft nicht extra erklärt werden muss. Es gibt ein paar Sätze, ein paar praktische Dinge, eine kurze Prüfung von Sattel, Bremsen, Schaltung, und darunter liegt etwas, das nicht ausgesprochen werden muss, weil es sonst sofort zu groß würde.
Kirchzarten selbst lag dabei nicht einfach zufällig am Weg. Es ist einer dieser Orte, die mehr in sich tragen, als der erste Blick vermuten lässt: die barocke St. Gallus-Kirche, die Talvogtei als ehemaliges Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert, die historische Kienzlerschmiede, der Giersberg mit seiner Wallfahrtskapelle von 1737 und dem Kreuzweg aus rotem Buntsandstein. Das klingt nach Reiseführer, aber vor Ort ist es eher ein leises Nebeneinander. Man holt ein Leihrad ab, und ein paar hundert Jahre Ortsgeschichte warten höflich am Rand.
Die Rückfahrt führte wieder durch Freiburg. Gemeinsam nun. Laboria auf dem Leihrad, Faulmann daneben, beide durch den Betrieb, durch Kreuzungen, über Wege, an denen früher anderes war oder vielleicht auch nur anders geschaut wurde.
Später ging es zu zweit bergan.
Die Wintererstraße zieht sich über der Stadt entlang, nicht dramatisch, aber bestimmt. Herdern war einmal ein einfaches Winzerdorf und wurde im 19. Jahrhundert in Teilen zu jenem Villenviertel am Hang, in dem Gärten, Jugendstilfassaden, Mammutbäume und Aussicht eine auffällig gute Zusammenarbeit eingingen. Oberbürgermeister Otto Winterer, der Freiburg von 1888 bis 1913 prägte, ist dort nicht nur als Straßenname unterwegs.3 Winterer war überhaupt einer, der Freiburg nicht nur verwaltete, sondern in die Höhe und in die Breite dachte. In solchen Vierteln merkt man, wie Stadtentwicklung manchmal auch eine soziale Topografie bekommt.
Man wohnt nicht einfach höher. Man fühlt sich auch erhaben. Das ist nicht dasselbe, wird aber gern verwechselt.
Unterhalb des Jägerhäusle, beim heutigen Panorama Hotel, hielt man an und sah hinunter. Freiburg lag da, im Licht, in der Bewegung, in jener eigenartigen Mischung aus Vertrautheit und Entfernung. Laboria sah hinunter auf die Stadt. “Von hier oben sieht es geordneter aus”, sagte sie. Faulmann nickte. Das war vermutlich der Grund, warum Menschen so gern Aussicht hatten.
Es gibt Ausblicke, die zeigen einem nicht nur eine Stadt, sondern auch die Stellen, an denen man früher in ihr vorkam.

Das ist unpraktisch. Für eine genaue Orientierung taugt es wenig. Aber man weiß plötzlich wieder, wo innen früher außen war, und umgekehrt.
Am zweiten Tag ging es für Faulmann und Laboria höher hinauf. Der Rosskopf stand auf dem Plan, und Pläne sind beim Radfahren bekanntlich nur eine höfliche Annäherung an das, was der Weg später mit einem macht.
Der Anstieg begann über die Pochgasse, dann weiter am Reutebach entlang. Es war ein Freiburger Aufstieg im besten Sinne: erst noch Häuser, Mauern, Gärten, dann mehr Grün, mehr Steigung, mehr Atem, und irgendwann merkt man, dass die Stadt zurückbleibt, ohne sich wirklich zu verabschieden.
Der Weg wurde ruhiger, waldiger, entschiedener. Er führte durch ein Gebiet, in dem Landschaft nicht nur aus Bäumen besteht, sondern aus verschwundenen Kirchen, alten Streitigkeiten, Konfessionsgrenzen, Wasserläufen, Besitzwechseln und Namen, die an Dingen hängen bleiben, nachdem die Dinge selbst gegangen sind.
Im Reutebachtal stand einmal die Kirche “Zum heiligen Kreuz”, erstmals 1275 erwähnt. Sie war Pfarrkirche für Gundelfingen, Wildtal, Heuweiler und Zähringen. Dann kam die Reformation, und auch diese kleine Talordnung bekam Risse. Gundelfingen und Wildtal wurden unter badischer Herrschaft protestantisch, Zähringen blieb unter der katholischen Ortsherrschaft der Familie Schnewlin von Landeck römisch-katholisch. 1561 wurde Zähringen endgültig von der evangelisch gewordenen Pfarrei Reutebach getrennt. Die alte Kirche verlor ihre Aufgabe, verfiel und wurde abgetragen.
Heute erinnern nur noch Flurnamen wie Kirchenhölzle und Hinterkirch an sie.
Man fährt daran vorbei und merkt nichts.
Das ist vielleicht das Erstaunlichste an Kulturlandschaften: Sie behalten sehr viel, ohne sich wichtig zu machen.4
Bei der sogenannten Zähringer Burg öffnete sich der Blick ins Wildtal.
Die Ruine selbst tat, was Ruinen tun: Sie stand da und ließ sich anschauen. Ruinen sind in dieser Hinsicht geduldig. Sie erklären nicht viel. Sie tun ihre Pflicht, indem sie nicht ganz verschwunden sind.
Dabei ist dieser Ort älter, als der runde Bergfried zunächst vermuten lässt. Der Burgberg war schon in der Jungsteinzeit besiedelt, später in der Hallstattzeit befestigt und in der Spätantike wohl Standort einer alemannischen Höhensiedlung. Die mittelalterliche Steinburg entstand vor 1100 unter Berthold II., der sich fortan Graf von Zähringen nannte und später Herzog von Zähringen wurde. Die Burg wurde damit zum namensgebenden Stammsitz eines mächtigen Geschlechts.

Dann geschah, was mit Stammsitzen offenbar manchmal geschieht: Sie wurden wichtig, dann weniger wichtig, dann Symbol, dann Ruine.
Berthold II. begann bereits 1091 mit dem Bau der Burg Freiburg auf dem Schlossberg. Die lag günstiger für Handel, Stadtgründung und die Kontrolle der Silberreviere im Schwarzwald. Die Zähringer Burg verlor also früh ihre Hauptrolle, blieb aber als Außenposten bestehen. Nach dem Aussterben der Zähringer Hauptlinie 1218 wechselten Besitz, Funktion und Zerstörungsgrad mehrfach. 1525 wurde sie im Bauernkrieg endgültig gestürmt, geplündert und niedergebrannt.
Heute steht vor allem der runde Bergfried aus dem 13. Jahrhundert. Achtzehn Meter hoch, acht Meter Durchmesser, anderthalb Meter Wandstärke. Der Zinnenkranz und die Außentreppe kamen erst im 19. Jahrhundert hinzu, als man Ruinen gern ein wenig ruiniger aussehen ließ, als sie es von selbst geschafft hatten. “Auch Erinnerungen bekommen manchmal Zinnen”, dachte Faulmann. Das war nicht sein schlechtester Satz an diesem Vormittag.
Von der Zähringer Burg ging es weiter. Bergan mit Kurs auf die alte Linde an der Rottecksruhe.
Karl von Rotteck war Freiburger Staatsrechtler, Historiker, Professor und liberaler Politiker des Vormärz. Er setzte sich für Pressefreiheit und gegen feudale Lasten ein, blieb aber zugleich ein Mensch seiner widersprüchlichen Zeit, etwa in den badischen Judendebatten der 1830er Jahre, in denen er sich gegen die vollständige staatsbürgerliche Gleichstellung der jüdischen Minderheit stellte. Auch Denkmäler haben Schatten. Vielleicht sollte man gerade deshalb nicht so tun, als seien sie Lampen.
Auf dem Nordwesthang des Rosskopfs besaß Rotteck das Gut Schönehof. Es war ein Rückzugsort und Gesprächsort liberaler Kreise, abseits der stärker überwachten städtischen Räume. Nach Rottecks Tod im Jahr 1840 kaufte der reaktionäre badische Staat das Hofgut gezielt auf und ließ die Gebäude abreißen. Man wollte verhindern, dass dort im Wald eine demokratische Erinnerungsstätte entstand.
Der Wald nahm es zur Kenntnis. Er ist nicht vergesslich, nur langsam. 1878 wurde an der Stelle trotzdem ein Gedenkstein errichtet. Die Rottecksruhe wurde zu einem Kreuzungspunkt historischer Waldwege: Reutebachweg, Rosskopfweg, Martinsfelsenweg, Uhlbergweg. Ein Ort, der beweist, dass man Erinnerung manchmal gerade dadurch befestigt, dass man sie tilgen will.
Faulmann setzte sich kurz. Es ist eigenartig, wie oft Politik dort deutlich wird, wo nichts mehr steht.
Weiter ging es zum finalen Anstieg.
Der Rosskopf ist 736,9 Meter hoch und liegt an der Schnittstelle von Freiburg, Gundelfingen und Ebnet. Verwaltungstechnisch ist er also schon von Natur aus ein wenig streitbar. Geologisch gehört er zu jenem Kamm, der vom Freiburger Schlossberg nordöstlich Richtung St. Peter zieht. Seine Hänge sind tief eingeschnitten: Der Michelbach entwässert zur Glotter, der St.-Ottilien-Tobel zur Dreisam, der Glasbach speist das Kanalsystem des östlichen Freiburger Stadtgebiets, und der Altbach oder Reutebach bildet den Hauptquellarm des Zähringer Dorfbachs.
Auch der Rosskopf-Name ist weniger eindeutig, als er zunächst tut. Kurz fragte sich Faulmann, ob “Rosskopf” nicht einfach eine dunkle Kuppe meinen könne, einen schwarzen Kopf im Wald. Schön wäre es gewesen. Dinge sollten öfter so aussehen, wie sie heißen. Aber sie sind darin nicht besonders zuverlässig.
Naheliegend ist zunächst das Ross, also das Pferd: alte Waldweiden, Arbeitstiere, vielleicht auch jene geschnitzten Pferdeköpfe, die an manchen Bauernhäusern angebracht wurden, als Schutzzeichen, Besitzzeichen oder einfach, weil Menschen ihre Häuser selten ganz schmucklos lassen. Eine andere Spur führt zum keltischen “ros”, also zu einem vorspringenden Bergsporn oder einer bewaldeten Höhe. Das passte dem Rosskopf ebenfalls gut. Er stand ja nicht einfach herum, sondern schob sich als Rücken, Kamm und Ausläufer in die Landschaft.
In der Bergnamenforschung taucht “ross” außerdem auch mit Bedeutungen wie Wasserlauf, Wildbach oder Wassertümpel auf. Das fügte sich überraschend gut in diesen Berg ein, der seine Hänge und sein Wasser in verschiedene Richtungen schickt. Ein Rosskopf also vielleicht nicht nur als Pferdekopf oder Bergsporn, sondern auch als Kopf über Wasserläufen. Das klingt etwas weniger stolz, aber dafür nasser.
Und dann gibt es noch die schönere, weil etwas glitschige Option: Im alemannischen und schweizerdeutschen Sprachraum konnten “Roßkopf” oder “Roßnegel” auch Kaulquappen meinen, jene dunklen kleinen Körper mit schmalem Anhang, die gerade erst beschlossen haben, irgendwann vielleicht Frosch zu werden.
Das war keine ganz abwegige Nebenbedeutung. Beim Vorbeifahren sahen Faulmann und Laboria in mehreren Tümpeln genau solche Kaulquappen. Kleine schwarze Satzzeichen im Wasser. Noch fast eine art Fischtier, nicht mehr bloß Laich, und vom Frosch nur eine Absichtserklärung entfernt.
Faulmann fand das für einen Bergnamen ziemlich angemessen, denn auch der Rosskopf wirkte stellenweise wie etwas, das noch nicht ganz entschieden hatte, ob es Rücken, Kopf, Sporn, Wasserstelle, Pferd oder Erinnerung sein wollte.
Oben auf dem Gipfel steht der Rosskopfturm, offiziell Friedrichsturm. Er wurde 1889 vom Schwarzwaldverein errichtet, ist 34,4 Meter hoch und gilt als einer der ältesten erhaltenen Stahlfachwerktürme Deutschlands. Ausgeführt wurde die Konstruktion von der Freiburger Gießerei Ph. Ant. Fauler.5
Faulmann blieb einen Moment bei diesem Namen hängen. Fauler. Nah genug, um sich persönlich gemeint zu fühlen.

Die 137 Stufen führen über die Baumwipfel hinaus. Bei günstigen Bedingungen reicht der Blick bis zu den Schweizer Alpen, über die Rheinebene und den Kaiserstuhl bis zu den Vogesen. Faulmann zählte die Stufen nicht. Er hatte Vertrauen in die Zahl und Misstrauen gegen seine Oberschenkel.
Auf dem Kamm standen auch die Spuren einer anderen Gegenwart. Der Rosskopf ist nicht nur ein Berg für Burgen, Legenden und Waldwege. Er ist auch ein Ort der Energiewende. 2003 wurden dort vier Windkraftanlagen des Typs Enercon E66 errichtet, damals ein Pionierstandort im süddeutschen Raum. Nach gut zwanzig Jahren wurden sie durch zwei größere Anlagen ersetzt. Die neuen Anlagen sind höher, leistungsfähiger, sichtbarer. Der Höhenrücken erzählt damit auch vom Übergang alter Ressourcennutzung zu neuer: früher Silber im Schwarzwald, heute Luftströme über dem Kamm.
Das klingt sauberer, als es sich vor Ort anfühlt. Denn auch erneuerbare Energie braucht Fundamente, Wege, Rodungen, Schwertransporte und Kompromisse.
Danach ging es hinab nach St. Ottilien. Dort gab es Schnitzel mit Spätzle, Kuchen und Espresso. Man wollte eigentlich nur ein Stück Kuchen zum Teilen. Der Wunsch war bescheiden, fast vorbildlich. Aber die Wirklichkeit war viel freundlicher als bestellt: Es kam netterweise noch ein zusätzliches Stück dazu.
Faulmann nahm das als Zeichen. Nicht als großes. Eher als gastronomisches. Solche Zeichen sind oft die zuverlässigeren.
Nach dem Essen besichtigten sie die Ottilienkapelle. Die kleine Kirche liegt hier im oberen St.-Ottilien-Dobel, das historisch auch Musbachtal genannt wurde, an den südlichen Hängen des Rosskopfs, etwa 480 Meter hoch. Sie wirkt nicht so, als sei sie gebaut worden, um Eindruck zu machen. Eher, als habe sie sich mit dem Hang geeinigt.
St. Ottilien gilt als eine der ältesten Wallfahrtsstätten Deutschlands. An diesem Ort verbinden sich Wald, Wasser, Legende, Augenleiden und barocke Frömmigkeit zu einer jener Mischungen, die man nicht zu schnell ordnen sollte.
Die Legende erzählt von Odilia, der blinden Tochter des elsässischen Herzogs Etticho. Bei ihrer Taufe, so heißt es, erhielt sie auf wundersame Weise das Augenlicht. Als ihr Vater sie später gegen ihren Willen verheiraten wollte, floh sie über den Rhein bis in das Musbachtal am Rosskopf.
Als der Vater ihr folgte, soll Odilia ebenhier gebetet haben. Da öffnete sich der Fels und bot ihr Schutz. An dieser Stelle entsprang eine Quelle, deren Wasser später besonders bei Augen-, Kopf- und Ohrenleiden als heilkräftig galt. Der Vater, geläutert durch dieses Ereignis, überließ ihr schließlich die Hohenburg im Elsass, wo sie ein Kloster gründete.
Der Rosskopf hatte also nicht nur Tümpel für Kaulquappen und Tobel für Bäche. Er hatte auch eine Quelle, der man zutraute, mehr zu können als nur bergab zu laufen.
Faulmann stand in der Grotte und dachte, dass Legenden oft dort entstehen, wo ein Mensch nicht mehr weiterkann und die Landschaft trotzdem eine Öffnung behält. Das ist wahrscheinlich nicht historisch. Aber manchmal ist das Historische nicht die einzige Form, in der ein Ort recht hat.
Besonders an St. Ottilien ist, dass die Quelle nicht einfach Quelle blieb. Nach Zerstörungen durch französische Truppen im Jahr 1713 wurde die Kapelle wiederaufgebaut und barock erweitert. Dabei wurde die ehemals freistehende Odilienquelle direkt in den Kirchenbau integriert. Man betritt heute also nicht erst eine Kapelle und danach eine Quelle, sondern auch einen gefassten Ursprung: eine Grotte im Kirchenraum, schwach radonhaltiges Wasser, Stein, Stille, ein Ort für Hände, Augen und alte Hoffnungen.

Faulmann fand das überzeugend. Nicht weil er plötzlich frömmer geworden wäre. Sondern weil manche Dinge besser werden, wenn man sie nicht trennt: Stein, Wasser, Angst, Hoffnung, Müdigkeit, Dankbarkeit, Espresso.
Der heutige Kirchenbau geht außerdem im Kern auf eine Stiftung des Freiburger Ratsherrn Peter Sprung und seiner Frau Elisabeth Zehenderin aus dem Jahr 1503 zurück. In der Kirche finden sich drei Barockaltäre aus den Jahren 1663/64, eine historische Bronzeglocke von 1892 und Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert, die bei Restaurierungsarbeiten 1966/67 freigelegt wurden. Sie zeigen unter anderem Odilia, Lucia und Jodokus.
Auch Heilige stehen also manchmal eine Weile unter Putz und warten auf günstigere Zeiten.
Im Josephinismus sollte St. Ottilien geschlossen werden. Kaiser Joseph II. ließ Eremitagen und Waldkapellen aufheben, die keine regulären Pfarrkirchen waren. 1788 sollten die beweglichen Güter der Kapelle an die Pfarrei Horben abgegeben werden. Doch die Freiburger Bürgerschaft protestierte so entschieden, dass die Kapelle 1791 wieder geöffnet werden durfte. Auch ein badischer Schließungsversuch von 1807 scheiterte am Widerstand der Bevölkerung.

Faulmann stellte sich das vor: Freiburger Bürger, die einer Waldkapelle beistehen. Nicht, weil sie dringend noch eine Kapelle brauchten. Sondern weil man manche Orte nicht einfach aus der Landschaft herausverwaltet.6
Das war insgesamt vielleicht die schönste Stelle des Tages. Oder das zweite Stück Kuchen. Die Reihenfolge ließ sich schwer bestimmen.
Später führte der Weg noch zum Hauptfriedhof. Friedhöfe in der alten Heimat sind eigene Archive. Sie ordnen Namen, Jahreszahlen, Familienlinien, Nachbarschaften und Zufälle. Man geht an Gräbern vorbei und merkt, dass Erinnerung nicht nur im Kopf wohnt. Sie sitzt vor allem auch in Wegen, Bäumen, Steinplatten, alten Friedhofsmauern und in der Art, wie man plötzlich langsamer geht.
Danach fuhren sie wieder zurück nach Kirchzarten, auf den Freiburger Fahrradautobahnen, die diesen Namen nicht ganz ohne Selbstbewusstsein tragen. Breite Wege, zügiger Verkehr, klare Richtungen. Der Schwarzwald zur Seite, die Stadt im Rücken oder vor einem, je nachdem, wie man gerade sortieren möchte.
In Kirchzarten endete der gemeinsame Radteil des Tages. Faulmann fuhr allein zurück ins alte Familienhaus. Laboria kam später mit dem ÖPNV nach, was weniger landschaftlich, aber vermutlich vernünftiger war.
Am Abend waren sie wieder beide dort. Das Haus stand da. Natürlich stand es da. Häuser sind darin manchmal sehr unbeeindruckt von allem, was in ihnen einmal stattgefunden hat.
Man schließt auf, tritt ein, stellt etwas ab, hört den Raum antworten, ohne dass ein Geräusch entsteht. Es riecht vielleicht nicht mehr ganz wie früher, aber auch nicht ganz anders. Die Treppe weiß noch, wo man früher auftrat. Die Türen kennen ihre eigenen kleinen Widerstände. Ein Zimmer kann leer sein und trotzdem nicht unbesetzt.
Als Laboria ankam, stand sie einen Moment im Flur. Dann sagte sie: “Es riecht noch nach früher. Aber nicht zuverlässig.”
Faulmann fand, dass das vermutlich die genaueste Beschreibung des Hauses war.
Mit Laboria im Haus wurde diese Stille nicht kleiner. Nur anders verteilt. Faulmann machte nicht viel. Das war vielleicht das Richtige.
Am nächsten Tag war Pause.
Auch Pausen gehören zu Reisen, obwohl man sie später schwerer erzählen kann. Man kann nicht gut schreiben: “Heute geschah wenig, und das war nötig.” Dabei wäre es oft der ehrlichste Satz.
Am nächsten Morgen reiste Laboria ab. Mit dem ÖPNV, wie es sich für eine Person gehört, die Reaktionen nicht unnötig beschleunigt.
Der letzte Fahrtag führte Faulmann wieder allein hinaus, diesmal über den Seepark, Lehen und den Mundenhof zum Tuniberg-Höhenradweg.
Der Seepark lag da wie eine städtische Erinnerung an Freizeit. Menschen gingen, saßen, schoben Kinderwagen, trugen Kaffee, redeten über Dinge, die von außen alltäglich klangen und vermutlich innen komplizierter waren. So ist das meistens.
Weiter ging es über Lehen, dann am Mundenhof vorbei, wo die Stadt endgültig weicher wird. Nicht ländlich im romantischen Sinn, eher durchlässiger. Die Ränder werden breiter. Felder, Wege, Tiere, Höfe, kleine Kurven. Freiburg tut dort so, als sei es nur zufällig eine Stadt geworden.
Der Mundenhof ist dabei selbst eine dieser Freiburger Zwischenformen. Er wurde bereits 864 als “Muntichova” erwähnt, als der Priester Rumolt das Gut dem Kloster St. Gallen schenkte. Später gehörte er über Jahrhunderte zum Kloster Günterstal, dann zum badischen Staat. 1892 kaufte die Stadt Freiburg das rund 500 Hektar große Gelände. Das hing mit dem starken Bevölkerungswachstum und einer sehr praktischen städtischen Frage zusammen: Wohin mit dem Abwasser?
Das ist kein eleganter Gedanke. Aber Städte bestehen nicht nur aus Münster, Bächle und Licht. Sie bestehen auch aus Abwasserlogistik.
Auf den nährstoffreichen Rieselflächen betrieb der Mundenhof Milchwirtschaft und Getreideanbau. Um 1920 gehörte er zu den größten landwirtschaftlichen Betrieben des heutigen Baden-Württembergs. Später, 1968, wurde dort das Tiergehege eröffnet, aus dem der heutige Tier-Natur-Erlebnispark wurde. Heute leben dort unter anderem Gibbons, Javaneraffen, Emus, Strauße, Alpakas, Yaks, Lamas und Kamele.
Der letzte Mundenhof-Bär, Joschi, wurde 2015 wegen schwerer Krankheit eingeschläfert. Faulmann nahm diese Nachricht still zur Kenntnis. Er erinnerte sich an das alte Bärengehege. Wenn man ehrlich war, war es weniger ein Gehege als ein Betonloch mit Bären darin. Ein Ort, der vermutlich einmal als zweckmäßig gegolten hatte, wie vieles, was später beschämend aussieht, ohne dass es damals schon allen beschämend vorkam.
Joschi hatte dort gelebt. Oder zumindest dort seine Zeit verbracht. Das ist nicht ganz dasselbe. Faulmann blieb einen Moment bei diesem Unterschied hängen. Manchmal merkt man erst viel später, dass ein Tier, das man als Kind oder Jugendlicher gesehen hat, nicht einfach “da” war, sondern irgendwo festsaß. Der Mundenhof war freundlich gewesen, ein Ausflugsort, ein Stück Freiburger Kindheitslandschaft. Aber Freundlichkeit verteilt sich nicht automatisch bis in jede Ecke.
Es ist immer etwas heikel, wenn ein Bär an einem Ort vorbeifährt, an dem der letzte Bär fehlt. Noch heikler ist es, wenn er ahnt, dass dem letzten Bären dort vielleicht nicht besonders gut gewesen war. Man möchte nicht sofort symbolisch werden. Aber man wird es trotzdem ein wenig.
Hinter dem Mundenhof liegt das Rieselfeld, und auch das ist eine Landschaft, die mehr weiß, als man ihr ansieht. Ab 1891 wurde auch hier Freiburger Abwasser über Gräben, Schleusen und abgegrenzte Flurstücke auf durchlässige Böden verrieselt. Dort wurde es mechanisch und mikrobiell gereinigt, bevor es über Drainagen in Richtung Dreisam abfloss. 1985 endete auch hier diese Form der Abwasserbehandlung.
Später entstand auf einem Teil des Geländes der neue Stadtteil Rieselfeld. Ein anderer Teil wurde Naturschutzgebiet, später auch Vogelschutzgebiet. Heute leben dort Feldlerchen, Neuntöter, Dorngrasmücken, Schwarzkehlchen, Spechte, Pirol, Libellen und viele andere Arten. Seit 2018 helfen Wasserbüffel, die Flächen offenzuhalten, indem sie mit ihrem Tritt und Fraß flache Schlammmulden schaffen. Faulmann musste daran denken, dass manche Orte erst dann ökologisch interessant werden, wenn sie vorher sehr praktisch missbraucht wurden.
Das ist kein Vorwurf. Nur eine Beobachtung.7
Dann der Tuniberg. Der Höhenradweg machte keine große Szene, aber er hielt, was er versprach. Man fuhr oben entlang, mit Blicken in die Freiburger und Breisgauer Bucht. Die Landschaft lag weit und warm unter dem blauen Himmel, mit Orten, Feldern, Rebflächen und diesem südlichen Licht, das manchmal so tut, als sei es eigens für Rückblicke erfunden worden.
Der Tuniberg ist keine kleine Kopie des nahen Kaiserstuhls. Er ist geologisch anders. Während der Kaiserstuhl vulkanisch geprägt ist, besteht der Tuniberg aus Jura-Kalksteinen und ragt als tektonische Bruchscholle aus dem südlichen Oberrheingraben. Darüber liegen mächtige Lössschichten, die Feuchtigkeit speichern und mineralreiche Böden bilden. Zusammen mit dem warmen, fast mediterran begünstigten Klima erklärt das den Weinbau.
Weinbau ist hier sehr alt. Die älteste überlieferte Urkunde zum Weinbau am Tuniberg stammt aus dem Jahr 888. In Gottenheim ist Weinbau seit 1086 belegt. Heute gilt der Tuniberg als “Burgunderoase”, weil viele Flächen mit Burgundersorten bestockt sind.

Faulmann fand das Wort “Burgunderoase” ein wenig gefährlich. Es klingt nach Prospektständer. Aber der Boden kann nichts dafür.
Der Burgunderpfad zieht über den Höhenrücken, von der March im Norden über Gottenheim bis nach Munzingen. In Opfingen erinnert der Eidechsenpfad an die Flurbereinigungen der 1950er und 1960er Jahre, als viele alte Hohlwege und Kleinterrassen zugunsten maschinengerechter Großflächen verschwanden. Auch das sieht man nicht sofort, wenn man einfach nur durch eine schöne Landschaft fährt. Aber die Schönheit ist sortiert worden. Manchmal sogar mit Planierraupe.8
Faulmann fuhr langsam. Nicht aus Schwäche. Aus Gründen. Man muss nicht immer schneller werden, nur weil ein Weg gut ausgebaut ist.
Der Blick reichte weit über die Ebene. Irgendwo dort lagen alte Wege, alte Besuche, alte Gespräche. Nicht alle waren noch zugänglich. Manche waren nur noch als Richtung vorhanden. Das genügte vielleicht.
Die Rückfahrt führte über Weingarten zurück zum Haus.
Es waren viele alte Namen gewesen, die früher anders klangen. Oder die man anders hörte. Rieselfeld, Mundenhof, Seepark, Weingarten - Stadtteile, Landschaftsreste, Planungen, Alltage. Freiburg hatte sich ausgedehnt, verdichtet, sortiert, beschleunigt.
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Und doch war da immer noch dieses Licht am Nachmittag, die Nähe der Berge, die Dreisam, der Geruch von warmem Asphalt und Schatten unter Platanen. Alte Heimat ist kein Ort, der wartet.
Das wäre zu einfach.
Sie ist eher ein Ort, der weiterlebt, während man selbst woanders weiterlebt. Wenn man zurückkommt, treffen sich zwei Bewegungen für ein paar Tage. Man fährt nebeneinander her, erkennt sich stellenweise wieder, verwechselt manchmal Erinnerung mit Orientierung und Orientierung mit Besitz.
Manches war nicht mehr das, was es gewesen war. Manches war noch nicht fertig. Und einiges schwamm irgendwo dazwischen herum, als hätte es noch nicht entschieden, welche Gestalt es annehmen wollte.
Dann steht man abends im alten Haus, das nicht fragt, was aus einem geworden ist.
Es lässt einen nur hinein.
Das ist vielleicht schon ziemlich viel.
Faulmann zum Mondjahr des Pferdes
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Der Regen hatte bereits begonnen, bevor Faulmann überhaupt richtig beschlossen hatte, ins Museum zu gehen. Nicht entschlossener Regen. Eher so ein feines, dauerbeleidigtes Nieseln, das Köln manchmal entwickelt, wenn die Stadt selbst nicht genau weiß, ob sie heute melancholisch oder einfach nur feucht sein möchte.
Faulmann war gerade auf dem Weg zum Museum, als der Verkehr auf der Universitätsstraße plötzlich stockte. Nicht wegen eines Unfalls. Nicht wegen einer Baustelle. Nicht einmal wegen eines dieser Lieferwagen, die grundsätzlich dort halten, wo Verkehrsplanung eher als philosophischer Vorschlag verstanden wird. Sondern wegen einer Gans.
Sie schritt mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit über die mehrspurige Straße, langsam genug, um Autorität auszustrahlen, aber schnell genug, um keinen echten Zweifel an ihren Absichten aufkommen zu lassen. Autos standen. Ein Bus wartete. Ein Fahrradkurier fluchte leise, aber respektvoll. Die Gans hingegen wirkte vollkommen unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie gerade kurzfristig eine der zentraleren Verkehrsadern Kölns kontrollierte.
Faulmann blieb am Straßenrand stehen und beobachtete das Schauspiel. Es hatte etwas Erstaunliches. Diese völlige Abwesenheit von Rechtfertigungsbedarf. Die Gans sah nicht aus, als blockiere sie den Verkehr. Der Verkehr sah eher aus, als störe er kurz ihren Spaziergang.
Neben ihm trat Lioba unter ihren Regenschirm. “Ah”, sagte sie ruhig. “Die Stadtverwaltung ist wieder unterwegs.”
Faulmann musste lachen. Die Gans blieb mitten auf der Fahrbahn kurz stehen, drehte den Kopf und betrachtete einen SUV mit der ernsten Skepsis eines Wesens, das sehr sicher war, evolutionär die vernünftigere Entscheidung getroffen zu haben. Dann ging sie weiter. Der gesamte Verkehr wartete. Und wartete erstaunlich widerspruchslos.
“Interessant eigentlich”, sagte Faulmann langsam. “Menschen akzeptieren erstaunlich schnell neue Machtverhältnisse, solange sie ausreichend entschlossen auftreten.”
Lioba nickte. “Vor allem, wenn sie Schnäbel haben.”
Die Gans erreichte schließlich die andere Straßenseite, ohne auch nur ansatzweise Eile entwickelt zu haben. Für einen kurzen Moment blieb sie auf dem Bordstein stehen wie eine Politikerin nach erfolgreicher Infrastrukturmaßnahme. Dann verschwand sie Richtung Grünstreifen. Der Verkehr setzte sich wieder in Bewegung. Hupte kurz. Tat so, als sei nichts passiert.
Faulmann sah der Gans noch hinterher. “Weißt du”, sagte er schließlich, “ich glaube, genau so haben früher manche Religionen angefangen.”
Lioba sah ihn von der Seite an. “Wegen einer dominanten Wasservogelpersönlichkeit?”
“Nein”, sagte Faulmann. “Wegen der seltenen Erfahrung, dass plötzlich alle gleichzeitig bereit sind anzuhalten.”
Lioba lächelte leicht. “Dann war das hier streng genommen bereits der erste Teil der Ausstellung.”
Sie gingen weiter. Lioba stand schließlich unter dem Vordach des Museum für ostasiatische Kunst und schüttelte langsam den Regenschirm aus. “Du siehst aus, als hättest du den Wetterbericht persönlich genommen.”
Faulmann betrachtete seinen leicht nassen Mantel. “Ich hatte auf Optimismus gesetzt.”
“Mutig.”
Sie gingen hinein. Sofort entstand diese typische Museumsstille - jenes gedämpfte Klima aus Stoffschuhen, kontrollierter Begeisterung und Menschen, die plötzlich beginnen, mit gefalteten Händen zu denken. Faulmann mochte Museen. Nicht wegen der Kunst allein. Sondern weil Museen zu den letzten Orten gehörten, an denen Menschen kollektiv akzeptierten, dass man eine Sache länger als acht Sekunden ansehen darf.
Sie gelangten in den Sonderausstellungsraum über das Sujet des Pferdes in der ostasiatischen Kunst. Und dort waren Pferde. Überall Pferde. Gemalt, beschrieben, geschnitzt, mythologisiert.
Lioba blieb vor der ersten Tafel stehen. “DAS PFERD IN DER CHINESISCHEN KUNST”, las sie halblaut.
Faulmann nickte langsam. “Das klingt nach einem Thema, das völlig harmlos beginnt und plötzlich in Religion, Macht und Weltordnung endet.”
“Also exakt dein Beuteschema.”
Sie lasen über Himmelspferde, Seidenstraßenhandel, Herrschergräber und Pferde als Macht- und Statussymbole. Lioba betrachtete eine besonders elegante Darstellung eines Tang-Pferdes.
“Interessant eigentlich”, sagte sie. “Die Tiere sehen nie einfach nur wie Tiere aus.”
Faulmann nickte. “Ja. Sie sehen aus wie politische Vorstellungen mit Fell.”
Lioba lachte leise. Je länger sie durch die Texte gingen, desto deutlicher wurde, dass Pferde in China weit mehr gewesen waren als Fortbewegungsmittel. Sie verbanden Städte, Armeen, Handelswege und Dynastien. Mit ihnen kamen Ideen. Religionen. Technologien. Vielleicht sogar neue Arten zu denken.
“Eigentlich”, murmelte Faulmann, “sind Pferde frühe Infrastruktur.”
Lioba sah ihn an. “Du hast eindeutig zu viel Zeit mit Mummrich verbracht.”
Sie gingen weiter. Eine andere Tafel beschrieb, dass Pferde früher gemeinsam mit Herrschern begraben wurden. Später ersetzte man die Tiere durch Skulpturen.
Faulmann blieb kurz stehen. “Das ist interessant.”
“Was genau?”
“Der Moment, in dem Symbolik beginnt, Realität zu ersetzen.”
Lioba dachte darüber nach. “Also der Moment, in dem Menschen merken, dass vielleicht auch Darstellung genügt?”
“Genau.”
Sie gingen langsam weiter. Im nächsten Raum warteten koreanischen Texte. Weiße Pferde. Fliegende Pferde. Pferde als Vermittler zwischen Himmel und Erde.
Lioba blieb vor einer Wandmalerei stehen. “Die wirken viel mystischer.”
Faulmann nickte. “Ja. Weniger Besitz. Mehr Übergang.”
Er dachte kurz an William am Rand der Lichtung. An diesen moosigen Schildkrötenhügel, bei dem niemand wusste, ob er ein Tier, ein Ort oder eine sehr langsame Form von Weisheit war.
“Eigentlich”, sagte Faulmann langsam, “brauchen Kulturen solche Wesen.”
“Welche?”
“Dinge zwischen den Kategorien.”
Lioba lächelte leicht. “Menschen mögen Zwischenräume nicht besonders.”
“Und gleichzeitig erfinden sie ständig neue.”
Das Licht im Raum war weich und ruhig. Irgendwo raschelte Papier. Eine ältere Besucherin las eine Tafel mit jener ernsten Konzentration, die Menschen entwickeln, wenn sie das Gefühl haben, etwas sehr Altes dürfe auf keinen Fall falsch verstanden werden.
Sie gingen weiter nach Japan. Dort wurden Pferde plötzlich göttlich. Reittiere der kami. Weiße Tempelpferde. Rituelle Opfergaben. Und irgendwann: ema. Kleine Holztafeln mit gemalten Pferden als symbolischer Ersatz für echte Tiere.
Lioba betrachtete die Beschreibung. “Das ist eigentlich ziemlich menschlich.”
Faulmann nickte sofort. “Ja.”
“Man ersetzt das Reale langsam durch Zeichen.”
“Und irgendwann funktionieren die Zeichen fast genauso gut.”
“Bis niemand mehr weiß, wo genau der Übergang war.”
Faulmann lächelte. “Willkommen in praktisch jeder Kulturgeschichte.”
Sie blieben vor einer Vitrine mit Netsuke stehen. Kleine geschnitzte Figuren. Winzige Objekte voller Aufmerksamkeit. Lioba beugte sich leicht vor.
“Es ist seltsam”, sagte sie leise. “Je älter Kunst wird, desto mehr merkt man, dass Menschen sich eigentlich nie vollständig verändern.”
Faulmann sah weiter auf die Figuren. “Vielleicht ändern sich Werkzeuge schneller als Sehnsüchte.”
Sie gingen schweigend weiter in den Bereich der Dauerausstellung. Im buddhistischen Teil wurde es stiller. Nicht akustisch. Innerlich. Texte über Rituale. Über Sutren. Über Weihrauch. Über Wiederholung.
Faulmann setzte sich auf eine Bank. Lioba blieb neben ihm stehen.
“Du magst das hier.”
Es war keine Frage.
“Ja.”
“Warum?”
Faulmann dachte kurz nach. “Weil sich das hier erstaunlich echt anfühlt.”
Lioba setzte sich neben ihn. Vor ihnen standen buddhistische Figuren in diesem gedämpften Museumslicht, das nicht einfach nur beleuchtet, sondern die Dinge fast vorsichtig aus der Dunkelheit hebt. Faulmann betrachtete die ruhigen Gesichter. Die leicht geneigten Haltungen. Die Hände, die keine Bewegung machten und trotzdem nicht passiv wirkten.
“Das erinnert mich sehr an Japan”, sagte er.
Lioba sah ihn an. “An Kyoto?”
“Auch. Aber gerade mehr an Nara.”
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Er lächelte leicht. “Eigentlich wären wir damals fast gar nicht ins Nara National Museum gegangen.”
“Dann wart ihr trotzdem dort.”
“Nur weil ein Mitarbeiter im Nara Visitor Center praktisch darauf bestanden hat.”
Lioba grinste. “Also eine kulturelle Intervention.”
“Eine sehr höfliche”, sagte Faulmann. “Aber mit erstaunlicher Entschlossenheit.”
Er erinnerte sich noch genau an den Mann hinter dem Empfangstresen. Freundlich, aufmerksam, mit jener Mischung aus Höflichkeit und unbeirrbarer Sachkenntnis, die man manchmal in Japan erlebt, wenn jemand nicht einfach eine Empfehlung ausspricht, sondern eine kleine Verantwortung übernimmt. Es war kein Verkaufsgespräch gewesen. Kein “Sie könnten vielleicht auch noch”. Eher ein ruhiges: Wenn Sie schon hier sind, dann müssen Sie dorthin.
Faulmann hatte damals zuerst nur genickt, wie man eben nickt, wenn Menschen im Ausland freundlich und sehr bestimmt werden. Danach waren sie hingegangen. Und der Mann hatte recht behalten.
Das Nara National Museum hatte diese eigentümliche Stille besessen, die nicht leer ist. Eher gesammelt. Eine Stille, in der die Räume selbst zu wissen scheinen, dass sie nicht im Mittelpunkt stehen sollten. Faulmann erinnerte sich an das langsame Gehen dort. An gedämpftes Licht. An Vitrinen, die nicht nach Aufmerksamkeit riefen. An Holz, Lack, Bronze, Papier. An Dinge, die sehr alt waren und trotzdem nicht vergangen wirkten.
Vor allem aber erinnerte er sich an die Standing Bodhisattva. Sie hatte dort gestanden - ruhig, aufrecht, leicht entrückt und zugleich vollkommen gegenwärtig. Nicht monumental. Nicht einschüchternd. Eher so, als müsse sie niemanden überzeugen.
Faulmann hatte damals länger vor ihr gestanden, als er geplant hatte. Was in Museen häufig vorkommt, wenn ein Objekt sehr genau weiß, dass man eigentlich weitergehen wollte.
“Manche Kunstwerke”, sagte Faulmann langsam, “fühlen sich weniger wie Objekte an.”
“Sondern?”
“Wie Zustände.”
Lioba schwieg kurz. Das Licht spiegelte sich schwach im Glas der Vitrine.
“Und das hier erinnert dich daran?”
Faulmann nickte. “Ja. Nicht eins zu eins. Aber im Gefühl.”
Er sah sich im Raum um. “Das Museum hier hat etwas davon. Diese Art, die Dinge nicht zu laut zu erklären. Man steht davor, liest ein paar Sätze, und dann merkt man, dass die eigentliche Bewegung nicht im Raum passiert.”
“Sondern?”
“In einem selbst. Leider etwas unpraktisch für Museumspläne.”
Lioba lächelte. “Innenarchitektur des Nachdenkens.”
“Ungefähr.”
Er dachte auch an das Hyogo Prefectural Museum of History. An diesen wundervollen Besuch dort. An die stille Sorgfalt, mit der Geschichte nicht als große Geste präsentiert wurde, sondern als Ablagerung von Leben. An Modelle, Alltagsdinge, alte Stadtansichten, Rüstungen, Werkzeuge, kleine Gegenstände, die nicht behaupteten, wichtig zu sein, und es gerade dadurch wurden.
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“Himeji war anders”, sagte Faulmann. “Weniger religiös. Mehr Geschichte. Aber auch dort hatte ich dieses Gefühl, dass ein Museum nicht unbedingt beeindrucken muss.”
“Was dann?”
“Es kann die Dinge so hinstellen, dass man ihnen nicht sofort mit seiner eigenen Meinung im Weg steht.”
Lioba sah auf die Figuren. “Das klingt selten.”
“Ist es auch.”
Eine Weile saßen sie still da. Neben ihnen blieb jemand kurz stehen, las eine Tafel, ging weiter. Schritte entfernten sich. Irgendwo schloss sich leise eine Tür.
Faulmann dachte, dass gute Museen vielleicht nicht nur Wissen ordnen. Sie ordnen auch Geschwindigkeit. Draußen hatte eben noch eine Gans den Verkehr auf der Universitätsstraße angehalten. Drinnen standen nun Bodhisattvas, Sutren und Ritualobjekte in einer Ruhe, gegen die selbst Kölner Regen beinahe hektisch wirkte.
“Vielleicht”, sagte er, “erinnern mich diese Räume deshalb an Japan. Nicht weil sie Japan nachahmen. Sondern weil sie etwas von dieser Achtung haben.”
“Vor den Dingen?”
“Vor den Dingen. Und vor der Zeit, die sie brauchen.”
Lioba nickte langsam. “Das ist eigentlich eine schöne Museumsdefinition.”
Faulmann betrachtete die Vitrine. “Ja. Leider passt sie auf kein Hinweisschild.”
Vor ihnen hing eine Beschreibung über Gebetsmühlen und das Rezitieren heiliger Texte.
“Eigentlich interessant”, sagte sie. “Menschen drehen seit Jahrhunderten Dinge im Kreis, sprechen Worte wieder und wieder, zünden Kerzen an und hoffen, dass dadurch etwas ruhiger wird.”
Faulmann nickte langsam. “Und heute aktualisieren wir im Minutentakt Apps.”
Lioba grinste. “Moderne Gebetsmühlen.”
“Mit schlechterem Weihrauch.”
Sie saßen eine Weile still da. Dann gingen sie weiter zur Dämonenmutter Hariti.
Lioba las zuerst. “Ehemals kinderfressende Dämonin. Später Schutzgöttin für Familien und Kinder.”
Sie hob die Augenbrauen. “Das ist eine ziemlich drastische berufliche Neuorientierung.”
Faulmann musste lachen. Aber dann wurde er wieder ruhig.
“Eigentlich ist das eine wunderschöne Idee.”
“Welche davon?”
“Dass man dunkle Dinge nicht immer vernichten muss.”
Lioba sah weiter auf das Bild. Hariti saß dort mit Kindern und einem Granatapfel in der Hand. Bedrohlich und freundlich zugleich.
“Du meinst Umdeutung?”
“Vielleicht eher Umleitung.”
Lioba dachte darüber nach. “Also dass dieselbe Kraft etwas anderes werden kann?”
Faulmann nickte. “Wut kann Schutz werden. Angst kann Vorsicht werden. Einsamkeit kann Empathie werden.”
Lioba schwieg kurz. “Dann wäre Reife vielleicht gar nicht das Verschwinden schwieriger Seiten.”
“Sondern deren bessere Verwendung.”
Es entstand diese angenehme Art von Stille, die nur entsteht, wenn zwei Menschen denselben Gedanken gerade unterschiedlich betrachten. Irgendwo knarrte der Boden. Ein Kind fragte zu laut, ob Dämonen auch Hausaufgaben machen müssten. Der Vater antwortete mit jener erschöpften Würde, die Eltern in Museen entwickeln.
Später saßen sie noch im neuen Museumscafe Ume. Draußen hing der Regen weiterhin halb entschlossen über der Stadt, während drinnen leise Gespräche, Keramikklappern und Kaffeeduft ineinanderliefen.
Lioba betrachtete ihren vietnamesischen salted cream Kaffee skeptisch. “Eigentlich”, sagte sie nach dem ersten Schluck, “schmeckt das ein bisschen so, als hätten Dessert und Espresso beschlossen, ihre Differenzen diplomatisch beizulegen.”
Faulmann nickte anerkennend. “Sehr gute Lösung bislang.”
Zwischen ihnen standen eine kleine Portion Gyoza und ein Stück Käsekuchen, das sie sich teilten, weil beide zunächst behauptet hatten, eigentlich gar keinen Hunger zu haben. Was erwartbar gelogen gewesen war.
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Lioba schob eine Gyoza durch die Soße. “Schon interessant”, sagte sie. “Erst betrachtet man stundenlang religiöse Symbolik und alte Rituale - und danach sitzt man plötzlich hier und dippt Teigtaschen in Soße.”
Faulmann sah kurz in sein Kaffeeglas, wo die gesalzene Creme langsam in dunklen Wirbeln versank. “Vielleicht ist das ebenfalls Ritual.”
Lioba lächelte. “Der Käsekuchen als spirituelle Praxis?”
“Nein”, sagte Faulmann ernst. “Aber das gemeinsame Sitzen danach vielleicht schon.”
Für einen Moment schwiegen beide. Menschen kamen herein, schüttelten Regentropfen von Jacken, rückten Stühle zurecht, beugten sich über Tabletts und Gespräche. Alles wirkte ruhig. Fast vorsichtig.
“Eigentlich seltsam”, sagte Lioba irgendwann. “Museen zeigen einem ständig Dinge, die Jahrhunderte alt sind. Und trotzdem denkt man danach meistens über das eigene Leben nach.”
Faulmann nickte langsam. “Weil gute Kunst selten nur Vergangenheit zeigt.”
“Was dann?”
“Wie Menschen versuchen, mit der Welt klarzukommen.”
Lioba nahm noch einen Schluck Kaffee. “Und? Gelungen?”
Faulmann dachte kurz nach. Dann sah er auf die halb leere Gyoza-Schale, den angeschnittenen Käsekuchen und den Regen hinter der Scheibe.
“Zumindest stellen sie zwischendurch ganz gute Pausenräume dafür bereit.”
Als sie das Museum später schließlich wirklich verließen, hatte der Regen aufgehört. Die Straßen glänzten noch. Köln rauschte langsam weiter.
Lioba zog den Mantel enger. “Weißt du”, sagte sie, “eigentlich ging es in der ganzen Ausstellung kaum um Pferde.”
Faulmann nickte. “Nein.”
“Worum dann?”
Er dachte kurz nach. Menschen liefen an ihnen vorbei. Eine Straßenbahn quietschte um die Kurve. Jemand balancierte einen viel zu optimistischen Coffee-to-go-Becher über Kopfsteinpflaster.
“Dass Menschen ständig versuchen, Bedeutung zwischen sich und die Welt zu legen.”
Lioba lächelte leicht. “Das klingt ziemlich faulmanesk.”
Faulmann betrachtete den Himmel. “Vielleicht ist Kultur am Ende einfach das.”
“Was genau?”
“Der Versuch, aus Vergänglichkeit trotzdem irgendetwas Bewohnbares zu bauen.”
Faulmann und der Europatag im Verpackungsmaterial
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Dachsbert bemerkte den Europatag eher zufällig.
Er hatte am Morgen eine weitere kostenlose Lieferung erhalten - angeblich ein “multifunktionales Komfortsitzkissen für draußen”, wobei sich nach dem Auspacken herausstellte, dass es hauptsächlich ein gewöhnliches Kissen war, nur mit ungewöhnlich viel Selbstbewusstsein im Werbetext.
Das eigentliche Produkt interessierte ihn nach kurzer Zeit kaum noch.
Interessanter war das zerknüllte Zeitungspapier, das als Füllmaterial gedient hatte.
Zwischen Gartengeräten, einer halb zerrissenen Wetterkarte und dem Gesicht eines erstaunlich optimistischen Regionalpolitikers stand dort:
“Heute: Europatag.”
Dachsbert hielt inne.
“Komisch eigentlich”, sagte er.
“Dass sowas einfach vorbeigeht.”
Faulmann sah von seinem Kaffee auf.
“Was genau?”
“Na Europa eben. Offenbar wichtig genug für einen Gedenktag. Aber niemand scheint wirklich zu wissen, wie man dazu fühlt.”
Mummrich rückte seine Brille zurecht.
“Vielleicht ist das normal”, meinte er.
“Die wichtigsten Dinge wirken oft selbstverständlich, solange sie funktionieren.”
“Wie Kanalisation”, sagte Faulmann.
“Oder DNS”, ergänzte Mummrich.
Lioba dachte kurz nach.
“Europa klingt immer ein bisschen wie ein Verwaltungsgebäude”, sagte sie.
“Nicht wie etwas, das man liebt.”
“Niemand hat emotionale Nähe zum Binnenmarkt”, murmelte Dachsbert.
“Und trotzdem ist es angenehm, in Belgien einfach dieselbe Karte ans Lesegerät zu halten.”
Faulmann lächelte leicht.
“Eigentlich ist das Ganze ziemlich unwahrscheinlich.”
Jetzt hörten die anderen genauer zu.
Faulmann lehnte sich zurück.
“Man vergisst leicht, wie normal Krieg in Europa über sehr lange Zeit eigentlich war. Jahrhunderte lang haben sich hier Königreiche, Staaten, Fürstentümer und Imperien in wechselnden Kombinationen gegenseitig zerlegt. Eigentlich fast die gesamte Geschichte.”
“Europa war historisch betrachtet hauptsächlich ein Kontinent mit sehr guten Archiven für gegenseitige Katastrophen”, sagte Mummrich.
Lioba nickte langsam.
“Und dann kommen irgendwann Leute auf die Idee, dass man Kohle und Stahl vielleicht lieber gemeinsam verwaltet, statt sich damit weiter zu beschießen.”
Dachsbert sah auf den Zeitungsschnipsel.
“Schon seltsam, dass sowas überhaupt funktioniert hat.”
“Vor allem weil es mit einzelnen Leuten anfing”, sagte Faulmann. “Mit ziemlich eigensinnigen Leuten sogar.”
Darauf wurde es kurz still.
Dann landete ein Eichelhäher auf dem Waldtisch und blickte mit jener nervösen Würde in die Runde, die Eichelhäher für staatsmännisch halten.
Offenbar hatten die Eichelhäher das Gespräch bereits eine ganze Weile mitgehört.
Wie meistens im Wald, wenn irgendwo gleichzeitig Geschichte, Brot und leicht erhitzte Meinungen vorkamen.
Der Vogel legte den Kopf schief.
“Wir spielen jetzt etwas”, erklärte er.
“Jeder nennt seinen Lieblingseuropäer. Oder noch besser ein europäisches Politikerpaar.”
“Warum klingt das bei dir sofort wie ein schlecht organisierter Podcast?”, murmelte Dachsbert.
Der Eichelhäher ignorierte ihn souverän.
“Ich beginne”, sagte er.
“Monnet und Schuman. Ganz klar.”
Niemand hatte widersprochen, aber der Eichelhäher wirkte trotzdem zufrieden, als hätte er eine schwierige Debatte gewonnen.
“Warum die?”, meinte Lioba.
“Weil sie verstanden haben, dass Frieden nicht aus schönen Reden entsteht”, sagte der Eichelhäher.
“Sondern daraus, dass Frankreich und Deutschland ihre Kohle- und Stahlproduktion gemeinsam kontrollieren. Die gesamte frühe Montanunion war im Grunde der Versuch, Krieg organisatorisch unpraktisch zu machen.”
Mummrich nickte langsam.
“Das Faszinierende ist ja”, sagte er, “dass Monnet eigentlich nie der große Wahlpolitiker war. Mehr Netzwerker. Mehr Architekt. Er dachte in Institutionen. Schuman dagegen war derjenige, der die Idee öffentlich aussprach.”
“Wie bei vielen guten Dingen”, murmelte Faulmann.
“Einer denkt sie lange. Ein anderer spricht sie aus.”
Von oben kam ein Krächzen.
Die Krähe saß wieder auf ihrem Ast. Wie meistens, wenn Eichelhäher politische Meinungen entwickelten.
“Adenauer und de Gaulle”, sagte sie.
“Viel besser.”
“Natürlich”, seufzte der Eichelhäher.
“Jetzt kommt wieder große Symbolpolitik.”
“Zu Recht”, erwiderte die Krähe.
“Die beiden waren alte Männer aus Ländern, die sich jahrhundertelang gegenseitig verwüstet hatten. Und trotzdem beschlossen sie irgendwann: Jetzt reicht es.”
Sie spreizte leicht die Flügel.
“De Gaulle war stolz, schwierig und sehr französisch. Adenauer war stur, katholisch und ebenfalls schwierig. Eigentlich ideale Voraussetzungen für jahrzehntelange Feindschaft.”
“Und stattdessen entstand der Élysée-Vertrag”, sagte Lioba leise.
Die Krähe nickte zufrieden.
“Genau. Manchmal verändert ein gemeinsames Mittagessen die Welt mehr als eine Schlacht.”
Dachsbert dachte kurz nach.
“Ich nehme Schmidt und Giscard d’Estaing.”
Alle blickten ihn überrascht an.
“Was denn?”, sagte Dachsbert.
“Die beiden hatten etwas angenehm Sachliches. Zwei Männer, die nachts wahrscheinlich freiwillig Haushaltszahlen gelesen haben.”
“Sie haben die europäische Zusammenarbeit wirtschaftlich enorm vertieft”, sagte Mummrich.
“Währungssysteme stabilisiert, regelmäßige Gipfeltreffen etabliert. Vieles davon wirkt heute langweilig.”
“Was meistens bedeutet, dass es funktioniert hat”, meinte Faulmann.
Dachsbert dachte noch kurz weiter nach.
“Und Schäuble eigentlich auch”, sagte er dann.
“Nicht besonders poetisch vielleicht. Aber vermutlich einer der Leute, die Europa selbst dann noch verwaltet hätten, wenn ringsum schon alles leicht brennt.”
Die Krähe nickte langsam.
“Sehr deutsch”, sagte sie.
“Vor allem aber”, sagte Mummrich, “gehörte er zu jener Generation deutscher Politiker, die nach der Wiedervereinigung verstanden hatten, dass ein größeres Deutschland nur dann dauerhaft akzeptiert würde, wenn es sich noch stärker europäisch einbindet.”
Faulmann nickte.
“Deshalb auch dieses ganze Kerneuropa-Denken damals. Schäuble und Lamers. Die Idee, dass einige Länder vielleicht enger zusammenarbeiten müssen, damit das Ganze stabil bleibt.”
“Im Grunde ziemlich unromantisch”, murmelte Lioba.
“Ja”, sagte Faulmann.
“Aber Europa wurde erstaunlich oft von Leuten zusammengehalten, die lieber Akten ordneten als Fahnen schwangen.”
“Was vermutlich ohnehin die friedlichere Form von Patriotismus ist”, murmelte Mummrich.
Lioba strich mit dem Finger über den Tassenrand.
“Ich glaube, ich nehme Mitterrand und Kohl.”
Jetzt wurde es ruhiger.
“Weil die beiden eigentlich aus völlig unterschiedlichen politischen Traditionen kamen”, sagte sie.
“Und trotzdem dieses Bewusstsein hatten, dass Europa ohne deutsch-französische Verständigung wieder gefährlich werden könnte.”
“Verdun”, murmelte Faulmann.
Lioba nickte.
“Genau. Dieses Bild der beiden vor dem Beinhaus. Eigentlich nur zwei ältere Männer, die sich an den Händen halten. Aber hinter ihnen lagen Jahrhunderte europäischer Kriege.”
Selbst die Krähe schwieg kurz.
Mummrich rückte seine Brille zurecht.
“Ich nehme Delors und Veil”, sagte er schließlich.
Der Eichelhäher sah überrascht aus.
“Interessante Kombination.”
“Delors verstand, dass Europa mehr sein musste als nur ein Markt”, sagte Mummrich.
“Und Simone Veil erinnerte ständig daran, warum das alles überhaupt notwendig geworden war.”
Er schwieg kurz.
“Sie hatte Auschwitz überlebt. Das verändert vermutlich den Blick auf Nationalismus dauerhaft.”
Lioba sah eine Weile in den Wald.
“Und dann kamen irgendwann Länder dazu, die Europa nicht aus Überzeugung romantisch fanden”, sagte sie leise.
“Sondern weil sie wussten, wie die Alternative aussieht.”
Der Wald wurde stiller.
Man hörte nur das leise Knacken des Holzes im Morgenwind.
Der Eichelhäher räusperte sich wichtig.
“Man darf außerdem Spinelli nicht vergessen.”
“Oh Gott”, murmelte die Krähe.
“Jetzt wird es föderalistisch.”
“Zu Recht”, sagte der Eichelhäher streng.
“Spinelli schrieb das Ventotene-Manifest im faschistischen Exil. Während Europa sich selbst zerstörte, dachte er bereits darüber nach, wie man Nationalismus dauerhaft einhegen könnte.”
“Und Ursula Hirschmann schmuggelte das Manuskript”, ergänzte Lioba.
Mummrich nickte.
“Das vergisst man oft. Europa wurde nicht nur von Staatsmännern gebaut. Sondern auch von Leuten, die Texte versteckten, Netzwerke knüpften und Ideen am Leben hielten.”
Danach verlief das Gespräch langsam im Waldwind.
Nicht beendet.
Nur größer geworden.
Nach dem Frühstück machten sie einen kleinen Spaziergang über die Waldwege.
Das Licht hing kühl zwischen den Bäumen.
Am Rand der Lichtung kamen sie an William vorbei.
Oder an dem, was alle schon immer so genannt hatten.
Ein großer moosiger Hügel, der manche an eine eingewachsene Schildkröte erinnerte.
Niemand wusste genau, ob William hügelte, schlief oder einfach nur sehr lange dachte.
Hier war es still. Wie immer.
Niemand sagte etwas.
Faulmann nickte nur leicht in die Richtung. Mummrich zog kurz die Mütze. Dachsbert blieb einen Moment stehen, als hätte er beinahe eine Frage gestellt.
Dann gingen sie weiter.
Erst beim Mittagessen fiel es auf.
Faulmann schnitt gerade Brot, als er sagte:
“Komisch eigentlich. Europa merkt man vermutlich erst, wenn es fehlt.”
Mummrich sah sofort auf.
“Genau das habe ich vorhin auch gedacht.”
Lioba legte langsam die Gabel hin.
“Ich auch.”
Dachsbert runzelte die Stirn.
“Wie Luft”, sagte er leise.
“Ich musste die ganze Zeit an Luft denken.”
Dann wurde es still.
Nicht erschrocken.
Eher dieses vorsichtige Schweigen, das entsteht, wenn mehrere plötzlich merken, dass ein Gedanke vielleicht nicht ganz ihnen allein gehört.
Faulmann blickte hinaus zur Lichtung.
William lag dort unverändert im Moos.
Unbeweglich.
Schweigend.
Als hätte er mit all dem nichts zu tun.
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