Faulmann zum Mondjahr des Pferdes

    2026-05-16 00:00:00 +0200

    Der Regen hatte bereits begonnen, bevor Faulmann überhaupt richtig beschlossen hatte, ins Museum zu gehen. Nicht entschlossener Regen. Eher so ein feines, dauerbeleidigtes Nieseln, das Köln manchmal entwickelt, wenn die Stadt selbst nicht genau weiß, ob sie heute melancholisch oder einfach nur feucht sein möchte.

    Faulmann war gerade auf dem Weg zum Museum, als der Verkehr auf der Universitätsstraße plötzlich stockte. Nicht wegen eines Unfalls. Nicht wegen einer Baustelle. Nicht einmal wegen eines dieser Lieferwagen, die grundsätzlich dort halten, wo Verkehrsplanung eher als philosophischer Vorschlag verstanden wird. Sondern wegen einer Gans.

    Sie schritt mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit über die mehrspurige Straße, langsam genug, um Autorität auszustrahlen, aber schnell genug, um keinen echten Zweifel an ihren Absichten aufkommen zu lassen. Autos standen. Ein Bus wartete. Ein Fahrradkurier fluchte leise, aber respektvoll. Die Gans hingegen wirkte vollkommen unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie gerade kurzfristig eine der zentraleren Verkehrsadern Kölns kontrollierte.

    Faulmann blieb am Straßenrand stehen und beobachtete das Schauspiel. Es hatte etwas Erstaunliches. Diese völlige Abwesenheit von Rechtfertigungsbedarf. Die Gans sah nicht aus, als blockiere sie den Verkehr. Der Verkehr sah eher aus, als störe er kurz ihren Spaziergang.

    Neben ihm trat Lioba unter ihren Regenschirm. “Ah”, sagte sie ruhig. “Die Stadtverwaltung ist wieder unterwegs.”

    Faulmann musste lachen. Die Gans blieb mitten auf der Fahrbahn kurz stehen, drehte den Kopf und betrachtete einen SUV mit der ernsten Skepsis eines Wesens, das sehr sicher war, evolutionär die vernünftigere Entscheidung getroffen zu haben. Dann ging sie weiter. Der gesamte Verkehr wartete. Und wartete erstaunlich widerspruchslos.

    “Interessant eigentlich”, sagte Faulmann langsam. “Menschen akzeptieren erstaunlich schnell neue Machtverhältnisse, solange sie ausreichend entschlossen auftreten.”

    Lioba nickte. “Vor allem, wenn sie Schnäbel haben.”

    Die Gans erreichte schließlich die andere Straßenseite, ohne auch nur ansatzweise Eile entwickelt zu haben. Für einen kurzen Moment blieb sie auf dem Bordstein stehen wie eine Politikerin nach erfolgreicher Infrastrukturmaßnahme. Dann verschwand sie Richtung Grünstreifen. Der Verkehr setzte sich wieder in Bewegung. Hupte kurz. Tat so, als sei nichts passiert.

    Faulmann sah der Gans noch hinterher. “Weißt du”, sagte er schließlich, “ich glaube, genau so haben früher manche Religionen angefangen.”

    Lioba sah ihn von der Seite an. “Wegen einer dominanten Wasservogelpersönlichkeit?”

    “Nein”, sagte Faulmann. “Wegen der seltenen Erfahrung, dass plötzlich alle gleichzeitig bereit sind anzuhalten.”

    Lioba lächelte leicht. “Dann war das hier streng genommen bereits der erste Teil der Ausstellung.”

    Sie gingen weiter. Lioba stand schließlich unter dem Vordach des Museum für ostasiatische Kunst und schüttelte langsam den Regenschirm aus. “Du siehst aus, als hättest du den Wetterbericht persönlich genommen.”

    Faulmann betrachtete seinen leicht nassen Mantel. “Ich hatte auf Optimismus gesetzt.”

    “Mutig.”

    Sie gingen hinein. Sofort entstand diese typische Museumsstille - jenes gedämpfte Klima aus Stoffschuhen, kontrollierter Begeisterung und Menschen, die plötzlich beginnen, mit gefalteten Händen zu denken. Faulmann mochte Museen. Nicht wegen der Kunst allein. Sondern weil Museen zu den letzten Orten gehörten, an denen Menschen kollektiv akzeptierten, dass man eine Sache länger als acht Sekunden ansehen darf.

    Sie gelangten in den Sonderausstellungsraum über das Sujet des Pferdes in der ostasiatischen Kunst. Und dort waren Pferde. Überall Pferde. Gemalt, beschrieben, geschnitzt, mythologisiert.

    Lioba blieb vor der ersten Tafel stehen. “DAS PFERD IN DER CHINESISCHEN KUNST”, las sie halblaut.

    Faulmann nickte langsam. “Das klingt nach einem Thema, das völlig harmlos beginnt und plötzlich in Religion, Macht und Weltordnung endet.”

    “Also exakt dein Beuteschema.”

    Sie lasen über Himmelspferde, Seidenstraßenhandel, Herrschergräber und Pferde als Macht- und Statussymbole. Lioba betrachtete eine besonders elegante Darstellung eines Tang-Pferdes.

    “Interessant eigentlich”, sagte sie. “Die Tiere sehen nie einfach nur wie Tiere aus.”

    Faulmann nickte. “Ja. Sie sehen aus wie politische Vorstellungen mit Fell.”

    Lioba lachte leise. Je länger sie durch die Texte gingen, desto deutlicher wurde, dass Pferde in China weit mehr gewesen waren als Fortbewegungsmittel. Sie verbanden Städte, Armeen, Handelswege und Dynastien. Mit ihnen kamen Ideen. Religionen. Technologien. Vielleicht sogar neue Arten zu denken.

    “Eigentlich”, murmelte Faulmann, “sind Pferde frühe Infrastruktur.”

    Lioba sah ihn an. “Du hast eindeutig zu viel Zeit mit Mummrich verbracht.”

    Sie gingen weiter. Eine andere Tafel beschrieb, dass Pferde früher gemeinsam mit Herrschern begraben wurden. Später ersetzte man die Tiere durch Skulpturen.

    Faulmann blieb kurz stehen. “Das ist interessant.”

    “Was genau?”

    “Der Moment, in dem Symbolik beginnt, Realität zu ersetzen.”

    Lioba dachte darüber nach. “Also der Moment, in dem Menschen merken, dass vielleicht auch Darstellung genügt?”

    “Genau.”

    Sie gingen langsam weiter. Im nächsten Raum warteten koreanischen Texte. Weiße Pferde. Fliegende Pferde. Pferde als Vermittler zwischen Himmel und Erde.

    Lioba blieb vor einer Wandmalerei stehen. “Die wirken viel mystischer.”

    Faulmann nickte. “Ja. Weniger Besitz. Mehr Übergang.”

    Er dachte kurz an William am Rand der Lichtung. An diesen moosigen Schildkrötenhügel, bei dem niemand wusste, ob er ein Tier, ein Ort oder eine sehr langsame Form von Weisheit war.

    “Eigentlich”, sagte Faulmann langsam, “brauchen Kulturen solche Wesen.”

    “Welche?”

    “Dinge zwischen den Kategorien.”

    Lioba lächelte leicht. “Menschen mögen Zwischenräume nicht besonders.”

    “Und gleichzeitig erfinden sie ständig neue.”

    Das Licht im Raum war weich und ruhig. Irgendwo raschelte Papier. Eine ältere Besucherin las eine Tafel mit jener ernsten Konzentration, die Menschen entwickeln, wenn sie das Gefühl haben, etwas sehr Altes dürfe auf keinen Fall falsch verstanden werden.

    Sie gingen weiter nach Japan. Dort wurden Pferde plötzlich göttlich. Reittiere der kami. Weiße Tempelpferde. Rituelle Opfergaben. Und irgendwann: ema. Kleine Holztafeln mit gemalten Pferden als symbolischer Ersatz für echte Tiere.

    Lioba betrachtete die Beschreibung. “Das ist eigentlich ziemlich menschlich.”

    Faulmann nickte sofort. “Ja.”

    “Man ersetzt das Reale langsam durch Zeichen.”

    “Und irgendwann funktionieren die Zeichen fast genauso gut.”

    “Bis niemand mehr weiß, wo genau der Übergang war.”

    Faulmann lächelte. “Willkommen in praktisch jeder Kulturgeschichte.”

    Sie blieben vor einer Vitrine mit Netsuke stehen. Kleine geschnitzte Figuren. Winzige Objekte voller Aufmerksamkeit. Lioba beugte sich leicht vor.

    “Es ist seltsam”, sagte sie leise. “Je älter Kunst wird, desto mehr merkt man, dass Menschen sich eigentlich nie vollständig verändern.”

    Faulmann sah weiter auf die Figuren. “Vielleicht ändern sich Werkzeuge schneller als Sehnsüchte.”

    Sie gingen schweigend weiter in den Bereich der Dauerausstellung. Im buddhistischen Teil wurde es stiller. Nicht akustisch. Innerlich. Texte über Rituale. Über Sutren. Über Weihrauch. Über Wiederholung.

    Faulmann setzte sich auf eine Bank. Lioba blieb neben ihm stehen.

    “Du magst das hier.”

    Es war keine Frage.

    “Ja.”

    “Warum?”

    Faulmann dachte kurz nach. “Weil sich das hier erstaunlich echt anfühlt.”

    Lioba setzte sich neben ihn. Vor ihnen standen buddhistische Figuren in diesem gedämpften Museumslicht, das nicht einfach nur beleuchtet, sondern die Dinge fast vorsichtig aus der Dunkelheit hebt. Faulmann betrachtete die ruhigen Gesichter. Die leicht geneigten Haltungen. Die Hände, die keine Bewegung machten und trotzdem nicht passiv wirkten.

    “Das erinnert mich sehr an Japan”, sagte er.

    Lioba sah ihn an. “An Kyoto?”

    “Auch. Aber gerade mehr an Nara.”

    Er lächelte leicht. “Eigentlich wären wir damals fast gar nicht ins Nara National Museum gegangen.”

    “Dann wart ihr trotzdem dort.”

    “Nur weil ein Mitarbeiter im Nara Visitor Center praktisch darauf bestanden hat.”

    Lioba grinste. “Also eine kulturelle Intervention.”

    “Eine sehr höfliche”, sagte Faulmann. “Aber mit erstaunlicher Entschlossenheit.”

    Er erinnerte sich noch genau an den Mann hinter dem Empfangstresen. Freundlich, aufmerksam, mit jener Mischung aus Höflichkeit und unbeirrbarer Sachkenntnis, die man manchmal in Japan erlebt, wenn jemand nicht einfach eine Empfehlung ausspricht, sondern eine kleine Verantwortung übernimmt. Es war kein Verkaufsgespräch gewesen. Kein “Sie könnten vielleicht auch noch”. Eher ein ruhiges: Wenn Sie schon hier sind, dann müssen Sie dorthin.

    Faulmann hatte damals zuerst nur genickt, wie man eben nickt, wenn Menschen im Ausland freundlich und sehr bestimmt werden. Danach waren sie hingegangen. Und der Mann hatte recht behalten.

    Das Nara National Museum hatte diese eigentümliche Stille besessen, die nicht leer ist. Eher gesammelt. Eine Stille, in der die Räume selbst zu wissen scheinen, dass sie nicht im Mittelpunkt stehen sollten. Faulmann erinnerte sich an das langsame Gehen dort. An gedämpftes Licht. An Vitrinen, die nicht nach Aufmerksamkeit riefen. An Holz, Lack, Bronze, Papier. An Dinge, die sehr alt waren und trotzdem nicht vergangen wirkten.

    Vor allem aber erinnerte er sich an die Standing Bodhisattva. Sie hatte dort gestanden - ruhig, aufrecht, leicht entrückt und zugleich vollkommen gegenwärtig. Nicht monumental. Nicht einschüchternd. Eher so, als müsse sie niemanden überzeugen.

    Faulmann hatte damals länger vor ihr gestanden, als er geplant hatte. Was in Museen häufig vorkommt, wenn ein Objekt sehr genau weiß, dass man eigentlich weitergehen wollte.

    “Manche Kunstwerke”, sagte Faulmann langsam, “fühlen sich weniger wie Objekte an.”

    “Sondern?”

    “Wie Zustände.”

    Lioba schwieg kurz. Das Licht spiegelte sich schwach im Glas der Vitrine.

    “Und das hier erinnert dich daran?”

    Faulmann nickte. “Ja. Nicht eins zu eins. Aber im Gefühl.”

    Er sah sich im Raum um. “Das Museum hier hat etwas davon. Diese Art, die Dinge nicht zu laut zu erklären. Man steht davor, liest ein paar Sätze, und dann merkt man, dass die eigentliche Bewegung nicht im Raum passiert.”

    “Sondern?”

    “In einem selbst. Leider etwas unpraktisch für Museumspläne.”

    Lioba lächelte. “Innenarchitektur des Nachdenkens.”

    “Ungefähr.”

    Er dachte auch an das Hyogo Prefectural Museum of History. An diesen wundervollen Besuch dort. An die stille Sorgfalt, mit der Geschichte nicht als große Geste präsentiert wurde, sondern als Ablagerung von Leben. An Modelle, Alltagsdinge, alte Stadtansichten, Rüstungen, Werkzeuge, kleine Gegenstände, die nicht behaupteten, wichtig zu sein, und es gerade dadurch wurden.

    “Himeji war anders”, sagte Faulmann. “Weniger religiös. Mehr Geschichte. Aber auch dort hatte ich dieses Gefühl, dass ein Museum nicht unbedingt beeindrucken muss.”

    “Was dann?”

    “Es kann die Dinge so hinstellen, dass man ihnen nicht sofort mit seiner eigenen Meinung im Weg steht.”

    Lioba sah auf die Figuren. “Das klingt selten.”

    “Ist es auch.”

    Eine Weile saßen sie still da. Neben ihnen blieb jemand kurz stehen, las eine Tafel, ging weiter. Schritte entfernten sich. Irgendwo schloss sich leise eine Tür.

    Faulmann dachte, dass gute Museen vielleicht nicht nur Wissen ordnen. Sie ordnen auch Geschwindigkeit. Draußen hatte eben noch eine Gans den Verkehr auf der Universitätsstraße angehalten. Drinnen standen nun Bodhisattvas, Sutren und Ritualobjekte in einer Ruhe, gegen die selbst Kölner Regen beinahe hektisch wirkte.

    “Vielleicht”, sagte er, “erinnern mich diese Räume deshalb an Japan. Nicht weil sie Japan nachahmen. Sondern weil sie etwas von dieser Achtung haben.”

    “Vor den Dingen?”

    “Vor den Dingen. Und vor der Zeit, die sie brauchen.”

    Lioba nickte langsam. “Das ist eigentlich eine schöne Museumsdefinition.”

    Faulmann betrachtete die Vitrine. “Ja. Leider passt sie auf kein Hinweisschild.”

    Vor ihnen hing eine Beschreibung über Gebetsmühlen und das Rezitieren heiliger Texte.

    “Eigentlich interessant”, sagte sie. “Menschen drehen seit Jahrhunderten Dinge im Kreis, sprechen Worte wieder und wieder, zünden Kerzen an und hoffen, dass dadurch etwas ruhiger wird.”

    Faulmann nickte langsam. “Und heute aktualisieren wir im Minutentakt Apps.”

    Lioba grinste. “Moderne Gebetsmühlen.”

    “Mit schlechterem Weihrauch.”

    Sie saßen eine Weile still da. Dann gingen sie weiter zur Dämonenmutter Hariti.

    Lioba las zuerst. “Ehemals kinderfressende Dämonin. Später Schutzgöttin für Familien und Kinder.”

    Sie hob die Augenbrauen. “Das ist eine ziemlich drastische berufliche Neuorientierung.”

    Faulmann musste lachen. Aber dann wurde er wieder ruhig.

    “Eigentlich ist das eine wunderschöne Idee.”

    “Welche davon?”

    “Dass man dunkle Dinge nicht immer vernichten muss.”

    Lioba sah weiter auf das Bild. Hariti saß dort mit Kindern und einem Granatapfel in der Hand. Bedrohlich und freundlich zugleich.

    “Du meinst Umdeutung?”

    “Vielleicht eher Umleitung.”

    Lioba dachte darüber nach. “Also dass dieselbe Kraft etwas anderes werden kann?”

    Faulmann nickte. “Wut kann Schutz werden. Angst kann Vorsicht werden. Einsamkeit kann Empathie werden.”

    Lioba schwieg kurz. “Dann wäre Reife vielleicht gar nicht das Verschwinden schwieriger Seiten.”

    “Sondern deren bessere Verwendung.”

    Es entstand diese angenehme Art von Stille, die nur entsteht, wenn zwei Menschen denselben Gedanken gerade unterschiedlich betrachten. Irgendwo knarrte der Boden. Ein Kind fragte zu laut, ob Dämonen auch Hausaufgaben machen müssten. Der Vater antwortete mit jener erschöpften Würde, die Eltern in Museen entwickeln.

    Später saßen sie noch im neuen Museumscafe Ume. Draußen hing der Regen weiterhin halb entschlossen über der Stadt, während drinnen leise Gespräche, Keramikklappern und Kaffeeduft ineinanderliefen.

    Lioba betrachtete ihren vietnamesischen salted cream Kaffee skeptisch. “Eigentlich”, sagte sie nach dem ersten Schluck, “schmeckt das ein bisschen so, als hätten Dessert und Espresso beschlossen, ihre Differenzen diplomatisch beizulegen.”

    Faulmann nickte anerkennend. “Sehr gute Lösung bislang.”

    Zwischen ihnen standen eine kleine Portion Gyoza und ein Stück Käsekuchen, das sie sich teilten, weil beide zunächst behauptet hatten, eigentlich gar keinen Hunger zu haben. Was erwartbar gelogen gewesen war.

    Lioba schob eine Gyoza durch die Soße. “Schon interessant”, sagte sie. “Erst betrachtet man stundenlang religiöse Symbolik und alte Rituale - und danach sitzt man plötzlich hier und dippt Teigtaschen in Soße.”

    Faulmann sah kurz in sein Kaffeeglas, wo die gesalzene Creme langsam in dunklen Wirbeln versank. “Vielleicht ist das ebenfalls Ritual.”

    Lioba lächelte. “Der Käsekuchen als spirituelle Praxis?”

    “Nein”, sagte Faulmann ernst. “Aber das gemeinsame Sitzen danach vielleicht schon.”

    Für einen Moment schwiegen beide. Menschen kamen herein, schüttelten Regentropfen von Jacken, rückten Stühle zurecht, beugten sich über Tabletts und Gespräche. Alles wirkte ruhig. Fast vorsichtig.

    “Eigentlich seltsam”, sagte Lioba irgendwann. “Museen zeigen einem ständig Dinge, die Jahrhunderte alt sind. Und trotzdem denkt man danach meistens über das eigene Leben nach.”

    Faulmann nickte langsam. “Weil gute Kunst selten nur Vergangenheit zeigt.”

    “Was dann?”

    “Wie Menschen versuchen, mit der Welt klarzukommen.”

    Lioba nahm noch einen Schluck Kaffee. “Und? Gelungen?”

    Faulmann dachte kurz nach. Dann sah er auf die halb leere Gyoza-Schale, den angeschnittenen Käsekuchen und den Regen hinter der Scheibe.

    “Zumindest stellen sie zwischendurch ganz gute Pausenräume dafür bereit.”

    Als sie das Museum später schließlich wirklich verließen, hatte der Regen aufgehört. Die Straßen glänzten noch. Köln rauschte langsam weiter.

    Lioba zog den Mantel enger. “Weißt du”, sagte sie, “eigentlich ging es in der ganzen Ausstellung kaum um Pferde.”

    Faulmann nickte. “Nein.”

    “Worum dann?”

    Er dachte kurz nach. Menschen liefen an ihnen vorbei. Eine Straßenbahn quietschte um die Kurve. Jemand balancierte einen viel zu optimistischen Coffee-to-go-Becher über Kopfsteinpflaster.

    “Dass Menschen ständig versuchen, Bedeutung zwischen sich und die Welt zu legen.”

    Lioba lächelte leicht. “Das klingt ziemlich faulmanesk.”

    Faulmann betrachtete den Himmel. “Vielleicht ist Kultur am Ende einfach das.”

    “Was genau?”

    “Der Versuch, aus Vergänglichkeit trotzdem irgendetwas Bewohnbares zu bauen.”

    Faulmann und der Europatag im Verpackungsmaterial

    2026-05-10 00:00:00 +0200

    Illustration einer Frühstücksszene im Wald: An einem rustikalen Holztisch sitzen mehrere anthropomorphe Waldtiere. Links hält Captain Faulmann, ein erwachsener Bär mit Schiebermütze und Mantel, eine Tasse Kaffee. In der Mitte liest Dachsbert, ein Dachs im Jackett, ein zerknülltes Zeitungspapier mit der Überschrift "Heute: Europatag". Daneben sitzt Mummrich, ein Maulwurf mit runder Brille, nachdenklich am Tisch. Rechts sitzt Lioba, eine fein gezeichnete weibliche Waldtierfigur mit Schal und Tasse. Auf dem Tisch stehen Brot, Butter, Marmelade, Beeren, Kaffeekanne und mehrere Tassen. Ein Eichelhäher steht auf dem Tisch, als würde er sich ins Gespräch einmischen. Oben rechts beobachtet eine Krähe die Szene von einem Ast. Im Hintergrund liegt am Rand der Lichtung ein moosiger Hügel, der leicht an einen alten Schildkrötenpanzer erinnert: William. Die Stimmung ist ruhig, warm und leicht melancholisch.

    Dachsbert bemerkte den Europatag eher zufällig.

    Er hatte am Morgen eine weitere kostenlose Lieferung erhalten - angeblich ein “multifunktionales Komfortsitzkissen für draußen”, wobei sich nach dem Auspacken herausstellte, dass es hauptsächlich ein gewöhnliches Kissen war, nur mit ungewöhnlich viel Selbstbewusstsein im Werbetext.

    Das eigentliche Produkt interessierte ihn nach kurzer Zeit kaum noch.

    Interessanter war das zerknüllte Zeitungspapier, das als Füllmaterial gedient hatte.

    Zwischen Gartengeräten, einer halb zerrissenen Wetterkarte und dem Gesicht eines erstaunlich optimistischen Regionalpolitikers stand dort:

    “Heute: Europatag.”

    Dachsbert hielt inne.

    “Komisch eigentlich”, sagte er.
    “Dass sowas einfach vorbeigeht.”

    Faulmann sah von seinem Kaffee auf.

    “Was genau?”

    “Na Europa eben. Offenbar wichtig genug für einen Gedenktag. Aber niemand scheint wirklich zu wissen, wie man dazu fühlt.”

    Mummrich rückte seine Brille zurecht.

    “Vielleicht ist das normal”, meinte er.
    “Die wichtigsten Dinge wirken oft selbstverständlich, solange sie funktionieren.”

    “Wie Kanalisation”, sagte Faulmann.

    “Oder DNS”, ergänzte Mummrich.

    Lioba dachte kurz nach.

    “Europa klingt immer ein bisschen wie ein Verwaltungsgebäude”, sagte sie.
    “Nicht wie etwas, das man liebt.”

    “Niemand hat emotionale Nähe zum Binnenmarkt”, murmelte Dachsbert.

    “Und trotzdem ist es angenehm, in Belgien einfach dieselbe Karte ans Lesegerät zu halten.”

    Faulmann lächelte leicht.

    “Eigentlich ist das Ganze ziemlich unwahrscheinlich.”

    Jetzt hörten die anderen genauer zu.

    Faulmann lehnte sich zurück.

    “Man vergisst leicht, wie normal Krieg in Europa über sehr lange Zeit eigentlich war. Jahrhunderte lang haben sich hier Königreiche, Staaten, Fürstentümer und Imperien in wechselnden Kombinationen gegenseitig zerlegt. Eigentlich fast die gesamte Geschichte.”

    “Europa war historisch betrachtet hauptsächlich ein Kontinent mit sehr guten Archiven für gegenseitige Katastrophen”, sagte Mummrich.

    Lioba nickte langsam.

    “Und dann kommen irgendwann Leute auf die Idee, dass man Kohle und Stahl vielleicht lieber gemeinsam verwaltet, statt sich damit weiter zu beschießen.”

    Dachsbert sah auf den Zeitungsschnipsel.

    “Schon seltsam, dass sowas überhaupt funktioniert hat.”

    “Vor allem weil es mit einzelnen Leuten anfing”, sagte Faulmann. “Mit ziemlich eigensinnigen Leuten sogar.”

    Darauf wurde es kurz still.

    Dann landete ein Eichelhäher auf dem Waldtisch und blickte mit jener nervösen Würde in die Runde, die Eichelhäher für staatsmännisch halten.

    Offenbar hatten die Eichelhäher das Gespräch bereits eine ganze Weile mitgehört.
    Wie meistens im Wald, wenn irgendwo gleichzeitig Geschichte, Brot und leicht erhitzte Meinungen vorkamen.

    Der Vogel legte den Kopf schief.

    “Wir spielen jetzt etwas”, erklärte er.
    “Jeder nennt seinen Lieblingseuropäer. Oder noch besser ein europäisches Politikerpaar.”

    “Warum klingt das bei dir sofort wie ein schlecht organisierter Podcast?”, murmelte Dachsbert.

    Der Eichelhäher ignorierte ihn souverän.

    “Ich beginne”, sagte er.
    “Monnet und Schuman. Ganz klar.”

    Niemand hatte widersprochen, aber der Eichelhäher wirkte trotzdem zufrieden, als hätte er eine schwierige Debatte gewonnen.

    “Warum die?”, meinte Lioba.

    “Weil sie verstanden haben, dass Frieden nicht aus schönen Reden entsteht”, sagte der Eichelhäher.
    “Sondern daraus, dass Frankreich und Deutschland ihre Kohle- und Stahlproduktion gemeinsam kontrollieren. Die gesamte frühe Montanunion war im Grunde der Versuch, Krieg organisatorisch unpraktisch zu machen.”

    Mummrich nickte langsam.

    “Das Faszinierende ist ja”, sagte er, “dass Monnet eigentlich nie der große Wahlpolitiker war. Mehr Netzwerker. Mehr Architekt. Er dachte in Institutionen. Schuman dagegen war derjenige, der die Idee öffentlich aussprach.”

    “Wie bei vielen guten Dingen”, murmelte Faulmann.
    “Einer denkt sie lange. Ein anderer spricht sie aus.”

    Von oben kam ein Krächzen.

    Die Krähe saß wieder auf ihrem Ast. Wie meistens, wenn Eichelhäher politische Meinungen entwickelten.

    “Adenauer und de Gaulle”, sagte sie.
    “Viel besser.”

    “Natürlich”, seufzte der Eichelhäher.
    “Jetzt kommt wieder große Symbolpolitik.”

    “Zu Recht”, erwiderte die Krähe.
    “Die beiden waren alte Männer aus Ländern, die sich jahrhundertelang gegenseitig verwüstet hatten. Und trotzdem beschlossen sie irgendwann: Jetzt reicht es.”

    Sie spreizte leicht die Flügel.

    “De Gaulle war stolz, schwierig und sehr französisch. Adenauer war stur, katholisch und ebenfalls schwierig. Eigentlich ideale Voraussetzungen für jahrzehntelange Feindschaft.”

    “Und stattdessen entstand der Élysée-Vertrag”, sagte Lioba leise.

    Die Krähe nickte zufrieden.

    “Genau. Manchmal verändert ein gemeinsames Mittagessen die Welt mehr als eine Schlacht.”

    Dachsbert dachte kurz nach.

    “Ich nehme Schmidt und Giscard d’Estaing.”

    Alle blickten ihn überrascht an.

    “Was denn?”, sagte Dachsbert.
    “Die beiden hatten etwas angenehm Sachliches. Zwei Männer, die nachts wahrscheinlich freiwillig Haushaltszahlen gelesen haben.”

    “Sie haben die europäische Zusammenarbeit wirtschaftlich enorm vertieft”, sagte Mummrich.
    “Währungssysteme stabilisiert, regelmäßige Gipfeltreffen etabliert. Vieles davon wirkt heute langweilig.”

    “Was meistens bedeutet, dass es funktioniert hat”, meinte Faulmann.

    Dachsbert dachte noch kurz weiter nach.

    “Und Schäuble eigentlich auch”, sagte er dann.
    “Nicht besonders poetisch vielleicht. Aber vermutlich einer der Leute, die Europa selbst dann noch verwaltet hätten, wenn ringsum schon alles leicht brennt.”

    Die Krähe nickte langsam.

    “Sehr deutsch”, sagte sie.

    “Vor allem aber”, sagte Mummrich, “gehörte er zu jener Generation deutscher Politiker, die nach der Wiedervereinigung verstanden hatten, dass ein größeres Deutschland nur dann dauerhaft akzeptiert würde, wenn es sich noch stärker europäisch einbindet.”

    Faulmann nickte.

    “Deshalb auch dieses ganze Kerneuropa-Denken damals. Schäuble und Lamers. Die Idee, dass einige Länder vielleicht enger zusammenarbeiten müssen, damit das Ganze stabil bleibt.”

    “Im Grunde ziemlich unromantisch”, murmelte Lioba.

    “Ja”, sagte Faulmann.
    “Aber Europa wurde erstaunlich oft von Leuten zusammengehalten, die lieber Akten ordneten als Fahnen schwangen.”

    “Was vermutlich ohnehin die friedlichere Form von Patriotismus ist”, murmelte Mummrich.

    Lioba strich mit dem Finger über den Tassenrand.

    “Ich glaube, ich nehme Mitterrand und Kohl.”

    Jetzt wurde es ruhiger.

    “Weil die beiden eigentlich aus völlig unterschiedlichen politischen Traditionen kamen”, sagte sie.
    “Und trotzdem dieses Bewusstsein hatten, dass Europa ohne deutsch-französische Verständigung wieder gefährlich werden könnte.”

    “Verdun”, murmelte Faulmann.

    Lioba nickte.

    “Genau. Dieses Bild der beiden vor dem Beinhaus. Eigentlich nur zwei ältere Männer, die sich an den Händen halten. Aber hinter ihnen lagen Jahrhunderte europäischer Kriege.”

    Selbst die Krähe schwieg kurz.

    Mummrich rückte seine Brille zurecht.

    “Ich nehme Delors und Veil”, sagte er schließlich.

    Der Eichelhäher sah überrascht aus.

    “Interessante Kombination.”

    “Delors verstand, dass Europa mehr sein musste als nur ein Markt”, sagte Mummrich.
    “Und Simone Veil erinnerte ständig daran, warum das alles überhaupt notwendig geworden war.”

    Er schwieg kurz.

    “Sie hatte Auschwitz überlebt. Das verändert vermutlich den Blick auf Nationalismus dauerhaft.”

    Lioba sah eine Weile in den Wald.

    “Und dann kamen irgendwann Länder dazu, die Europa nicht aus Überzeugung romantisch fanden”, sagte sie leise.
    “Sondern weil sie wussten, wie die Alternative aussieht.”

    Der Wald wurde stiller.

    Man hörte nur das leise Knacken des Holzes im Morgenwind.

    Der Eichelhäher räusperte sich wichtig.

    “Man darf außerdem Spinelli nicht vergessen.”

    “Oh Gott”, murmelte die Krähe.
    “Jetzt wird es föderalistisch.”

    “Zu Recht”, sagte der Eichelhäher streng.
    “Spinelli schrieb das Ventotene-Manifest im faschistischen Exil. Während Europa sich selbst zerstörte, dachte er bereits darüber nach, wie man Nationalismus dauerhaft einhegen könnte.”

    “Und Ursula Hirschmann schmuggelte das Manuskript”, ergänzte Lioba.

    Mummrich nickte.

    “Das vergisst man oft. Europa wurde nicht nur von Staatsmännern gebaut. Sondern auch von Leuten, die Texte versteckten, Netzwerke knüpften und Ideen am Leben hielten.”

    Danach verlief das Gespräch langsam im Waldwind.

    Nicht beendet.
    Nur größer geworden.

    Nach dem Frühstück machten sie einen kleinen Spaziergang über die Waldwege.

    Das Licht hing kühl zwischen den Bäumen.

    Am Rand der Lichtung kamen sie an William vorbei.

    Oder an dem, was alle schon immer so genannt hatten.

    Ein großer moosiger Hügel, der manche an eine eingewachsene Schildkröte erinnerte.

    Niemand wusste genau, ob William hügelte, schlief oder einfach nur sehr lange dachte.

    Hier war es still. Wie immer.

    Niemand sagte etwas.

    Faulmann nickte nur leicht in die Richtung. Mummrich zog kurz die Mütze. Dachsbert blieb einen Moment stehen, als hätte er beinahe eine Frage gestellt.

    Dann gingen sie weiter.

    Erst beim Mittagessen fiel es auf.

    Faulmann schnitt gerade Brot, als er sagte:

    “Komisch eigentlich. Europa merkt man vermutlich erst, wenn es fehlt.”

    Mummrich sah sofort auf.

    “Genau das habe ich vorhin auch gedacht.”

    Lioba legte langsam die Gabel hin.

    “Ich auch.”

    Dachsbert runzelte die Stirn.

    “Wie Luft”, sagte er leise.
    “Ich musste die ganze Zeit an Luft denken.”

    Dann wurde es still.

    Nicht erschrocken.

    Eher dieses vorsichtige Schweigen, das entsteht, wenn mehrere plötzlich merken, dass ein Gedanke vielleicht nicht ganz ihnen allein gehört.

    Faulmann blickte hinaus zur Lichtung.

    William lag dort unverändert im Moos.

    Unbeweglich.
    Schweigend.
    Als hätte er mit all dem nichts zu tun.

    Faulmann und die Leitung unter der Landschaft

    2026-04-26 00:00:00 +0200

    Alt-Text: Captain Faulmann steht mit Fahrrad und Schiebermütze an einer gesperrten Radstrecke am Rand des Rheinischen Reviers. Im diesigen Morgenlicht blickt er über eine weite, vom Tagebau und Bauarbeiten geprägte Landschaft. Im Hintergrund sind Wald, Rohrleitungen, Maschinen und ferne technische Anlagen zu sehen. Links steht seine Elektrokutsche, rechts weisen Baustellenbarrieren und Umleitungsschilder auf den gesperrten Speedway hin.

    Terra Nova.

    Das klang zunächst größer, als es war. Terra Nova. Neue Erde. Neuer Blick. Neue Landschaft. In Wirklichkeit war es vor allem aer frigidus. Also sehr kalt. Latein half hier nur begrenzt.

    Die Elektrokutsche stand am Aussichtspunkt, als hätte sie selbst nicht ganz verstanden, weshalb man sich schon so früh losbegeben hatte. Über dem Tagebau lag ein graues Licht. Nicht dramatisch. Eher dieses rheinische Übergangsgrau, das nicht weiß, ob es Wetter oder Verwaltungsvorgang sein möchte.

    Von Sonne war kaum etwas zu sehen.

    Faulmann stieg aus, betrachtete den Himmel, zog den Kragen höher und tat, was man in solchen Situationen tun muss, wenn man nicht unnötig tapfer erscheinen möchte.

    Er stieg wieder ein.

    Dann fuhr er den Sitz zurück, holte den Tippkasten hervor und schrieb ein wenig.

    Das ist einer der Vorteile moderner Fahrzeuge: Sie können nicht nur fahren, sondern auch als kleine Schreibstube dienen. Früher hätte man dafür ein Gasthaus gebraucht, einen Ofen und vielleicht einen Wirt, der missbilligend auf Radschuhe blickt. Heute reicht ein Akku, ein Lenkrad und die stille Übereinkunft, dass man erst losfährt, wenn die Welt etwas freundlicher aussieht.

    Nach einer Weile wurde es freundlicher, und blauer Himmel lugte vorsichtig hervor.

    Man konnte nicht sagen, dass es warm war. Das wäre übertrieben. Aber Terra Nova hörte auf, so zu tun, als wolle sie den ganzen Tag beleidigt bleiben.

    Faulmann packte den Tippkasten ein, holte das Rad heraus und rollte los.

    Der Nordrandweg empfing ihn mit dieser eigentümlichen Mischung aus Weite und Zweckmäßigkeit, die das Rheinische Revier so gut beherrscht. Links Abgrund, rechts Landschaft. Aber Landschaft, der man ansieht, dass sie schon mehrfach umsortiert wurde. Nichts hier ist einfach nur da. Alles hat eine Akte, eine Vorgeschichte, eine Nachnutzung.

    Man fährt durch Gegenwart, aber unter den Reifen knirscht Planung.

    Eigentlich wollte Faulmann ein Stück über den bekannten Speedway fahren. Der Speedway :terra nova war für ihn bisher eine dieser Strecken gewesen, auf denen das Rad plötzlich selbst zu wissen schien, was es wollte. Geradeaus, leicht erhöht, mit genug Raum für Geschwindigkeit und für Gedanken, die sich bei 30 Stundenkilometern für besonders klar halten.

    Doch diesmal stand dort eine Sperrung.

    Bauzaun. Schild. Erde. Maschinenruhe.

    Der Weg war zu.

    Faulmann blieb stehen.

    “Hm”, sagte er.

    Der Speedway, diese alte schnelle Verbindung auf der Trasse der früheren Bandanlage, war gesperrt. Wohl nicht aus Laune, sondern weil hier nun an der großen Rheinwassertransportleitung gearbeitet wurde, verkündete ein Schild. Wasser aus dem Rhein soll eines Tages in die Restlöcher fließen, damit aus dem Tagebau Hambach langsam ein See wird. Zwei Rohre, große Durchmesser, schwere Bauteile, lange Bauzeit. Eine Leitung unter der Landschaft, damit die Landschaft später so tun kann, als sei sie von selbst anders geworden.1

    Faulmann betrachtete den Bauzaun.

    Es gibt Sperrungen, die wirken wie Unfälle. Diese hier wirkte wie ein Kapitelwechsel.

    Ein Mann mit Hund kam vorbei. Der Hund sah so aus, als kenne er die Umleitung bereits und halte sie für zumutbar. Der Mann nickte.

    “Da kommen Sie nicht durch”, sagte er.

    “Das ahnte ich”, sagte Faulmann.

    “Am besten Sie fahren über Tollhausen.”

    Faulmann hob leicht den Kopf.

    “Tollhausen?”

    “Ja.”

    Der Hund sah Faulmann an, als müsse er jetzt bitte nicht noch einen Witz machen.

    Faulmann machte keinen Witz. Er dachte ihn nur. Das war für alle Beteiligten besser.

    Tollhausen also.

    Es gibt Ortsnamen, die wirken wie kleine Geschenke am Wegesrand. Tollhausen gehört dazu. Man fährt hinein und erwartet nicht viel. Vielleicht eine Bushaltestelle, ein paar Dächer, einen Vorgarten, in dem jemand sehr ernsthaft Kies verteilt hat. Aber der Name bleibt. Tollhausen. Als hätte jemand im Amtsdeutsch kurz die Kontrolle verloren und aus Versehen etwas Heiteres eingetragen.

    Die Umleitung war nicht besonders elegant, aber sie funktionierte. Das ist bei Umleitungen schon fast Luxus.

    Bald begann der Aufstieg zur Sophienhöhe.

    Auch sie ist so ein Wort, das etwas Sanftes behauptet. Sophienhöhe. Das klingt nach Ausflug, nach Wald, nach Aussicht, nach einem Namen aus einer älteren Zeit. Tatsächlich ist sie eine der größten künstlichen Erhebungen der Region, aufgeschüttet aus dem Abraum des Tagebaus Hambach. Über zwei Milliarden Kubikmeter Erde, Sand, Kies, Geschichte. Eine Landschaft, die nicht gewachsen ist, sondern angelegt wurde. Später kamen Bäume, Wege, Tiere, Bänke und Wanderkarten hinzu.

    Der Mensch braucht offenbar nur lange genug, dann nennt er sogar seine Folgen irgendwann Natur.

    Faulmann musste an den Schwarzwald denken, an seine heimatlichen Höhen, an dunkle Tannen, feuchte Wege und dieses tiefe Grün, das immer so tat, als sei es schon vor allem anderen dagewesen. Dabei war auch der Schwarzwald nicht einfach nur Ursprung. Der alte Wald war längst zu Balken, Schiffen und anderem brauchbaren Holz geworden, manches davon bis nach Amsterdam geflößt. Was heute so selbstverständlich dunkel wirkt, ist oft genug wieder aufgeforstet, geplant, gepflegt und nachträglich romantisiert.

    Viele andere “natürliche” Landschaften sind es auch. Nur mit besserem Image und mehr Moos auf der Geschichte.

    Faulmann fuhr langsam hinauf.

    Der Wald auf der Sophienhöhe war still. Nicht altstill, eher jungstill. Ein Wald, der sich Mühe gibt. Stieleichen, Hainbuchen, Winterlinden. Rekultivierung nennt man das. Ein sachliches Wort für den Versuch, der Erde nachträglich wieder Benehmen beizubringen.

    An manchen Stellen gelang das erstaunlich gut.

    An anderen Stellen sah man noch, dass hier nichts zufällig war. Der Weg, die Pflanzung, die Geländekante, die Senke. Alles hatte eine Absicht. Aber vielleicht ist das bei alten Landschaften nur besser versteckt.

    Faulmann dachte an Mummrich, der bei solchen Fragen vermutlich mit der Lampe gewackelt und gesagt hätte: “Auch ein Maulwurfsgang ist künstlich. Nur nennt ihn keiner Infrastruktur.”

    Das stimmte natürlich.

    Leider war es oben immer noch diesig.

    Der Blick blieb mittelgut.

    Das ist eine besondere Form der Enttäuschung: Man steigt auf eine Höhe, die eigens aus der Tiefe geschaffen wurde, und bekommt dann oben eine Aussicht, die sich bedeckt hält. Der Tagebau lag irgendwo hinter Grau.

    Der Römerturm stand da, aber auch er schien heute nicht recht zuständig. Verwachsen, etwas verschluckt vom Grün, mehr Erinnerung an Aussicht als Aussicht selbst.

    Faulmann blieb trotzdem stehen.

    Man muss nicht alles sofort sehen, damit es da ist.

    Das Forschungszentrum Jülich lag auch im Dunst. Nicht weit weg, aber doch so, wie manche Orte im eigenen Leben liegen: ständig erwähnt, häufig gemeint, nie betreten.

    Faulmann musste daran denken, dass Jülich während seiner Universitätstage einer der verlässlichsten Kooperationspartner gewesen war. Es gab gemeinsame Projekte, Austauschformate, Protokolle, Besprechungen, Namen auf Papieren und diese eigentümliche Form akademischer Nähe, bei der man einen Ort fast besser über seine Menschen kennt als über seine Gebäude.

    Kolleginnen und Kollegen aus Jülich hatte er überall getroffen. In Konferenzräumen, in Zugabteilen, in stickigen Seminarräumen mit zu schwachem Kaffee, auf Tagungen, deren Namensschilder nach zwei Stunden schief hingen. In München, in Leuven, einmal vielleicht sogar in einem dieser Hotels, die auf der ganzen Welt gleich riechen: Teppichboden, Klimaanlage, leise Müdigkeit.

    Jülich war immer da gewesen. Nur Faulmann war nie dort gewesen. Das fiel ihm erst jetzt wieder richtig auf, oben auf der Sophienhöhe, mit dem Rad neben sich und dem Forschungszentrum als grauer Andeutung am Horizont.

    Manchmal, dachte er, bestehen Orte nicht aus Wegen, sondern aus Begegnungen, die von ihnen herkommen. Man trägt sie mit sich herum, ohne je den Eingang gesehen zu haben.

    Das ist natürlich unpraktisch für die Wegbeschreibung. Aber für Erinnerungen reicht es erstaunlich gut.

    Auf einer Bank saß ein alter Mann. Neben ihm lag ein Spazierstock. An seinen Schuhen klebte trockene Erde, als sei er schon länger unterwegs oder schon länger hier. Er blickte ebenfalls in Richtung Forschungszentrum.

    “Da drüben”, sagte er nach einer Weile, ohne Faulmann anzusehen, “da geht jetzt auch wieder einiges weg.”

    Faulmann nickte, obwohl er noch nicht wusste, was genau gemeint war.

    “Die Castoren”, sagte der Mann. “Nach Ahaus.”

    Dann schwieg er.

    Es war kein Gespräch, das eine lange Einleitung brauchte. Manche Themen liegen hier in der Landschaft wie alte Kabel im Boden. Man muss nur an der richtigen Stelle stehen, und jemand zeigt mit dem Finger.

    Der Versuchsreaktor in Jülich, der Kugelhaufen, die Brennelemente, die Zwischenlager, die Transporte. Ein technisches Erbe, das nicht verschwindet, nur weil eine Epoche endet. Es wird verpackt, gesichert, verladen, begleitet, bewacht und an einen anderen Ort gebracht, wo es weiterhin rumliegt.2

    Der alte Mann erzählte ruhig. Nicht empört. Eher müde informiert. Als habe er diese Dinge zu lange begleitet, um noch überrascht zu sein.

    “Früher war das alles Zukunft”, sagte er.

    Faulmann sah hinüber.

    “Das passiert öfter”, sagte er.

    Der Mann lächelte kurz.

    “Ja. Zukunft altert auch.”

    Dann saßen sie eine Weile nebeneinander und blickten auf das, was man durch den Dunst sehen konnte. Es war nicht viel.

    Beim Hinabfahren wurde es etwas heller. Nicht schön. Aber brauchbar.

    Faulmann rollte durch den Wald, vorbei an Wegen, die so ordentlich wirkten, als hätten sie selbst an einer Bürgerbeteiligung teilgenommen. Unten hielt er kurz am Inselsee.

    Inselsee.

    Er mochte diesen Namen sofort und misstraute ihm zugleich.

    Ein See ist schon Wasser. Eine Insel ist Land im Wasser. Ein Inselsee ist also ein Gewässer, das seine eigene Unterbrechung gleich mitdenkt. Vielleicht passte der Name deshalb hierher.

    In dieser Gegend war fast alles zugleich das eine und sein Gegenteil: Natur und Planung, Erinnerung und Neubau, Loch und künftiger See, Abraum und Aussichtspunkt.

    Der Inselsee lag still da und tat, als habe er mit alldem nichts zu tun. Das war sein gutes Recht.

    Weiter ging es Richtung Rurradweg. Die Landschaft wurde offener. Faulmann streifte Düren, ohne richtig anzukommen. Manche Städte kann man am Rand berühren, wie man im Vorbeigehen an eine Tischkante stößt. Kurz spürt man sie, dann ist man schon wieder weiter.

    Neben der neuen ICE-Strecke zog sich die Fahrt zurück in Richtung Ausgangspunkt. Schienen, Leitungen, Wege, Felder. Alles parallel, alles in Bewegung, alles auf seine Weise geführt.

    Irgendwo dort lag auch Manheim.

    Nicht das neue Manheim, sondern das alte. Oder das, was von ihm geblieben war. Faulmann war vor Jahren einmal dort gewesen, der alten A4 folgend, als solche Orte noch nach verbotenem Abzweig, nach Umweg und nach einer seltsamen Freiheit aussahen.

    Damals hatte Alt-Manheim diesen Lost-Places-Vibe gehabt, den man nur genießen kann, wenn man nicht selbst dort gewohnt hat. Leere Häuser, stille Straßen, Vorgärten ohne Bewohner. Alles wirkte, als sei der Ort schon fort, nur die Mauern hatten die Nachricht noch nicht bekommen.

    Damals war noch vieles nicht entschieden.

    Vielleicht passte der Ort deshalb so gut dazu.

    Diesmal ließ Faulmann Manheim links liegen.

    Nicht aus Abneigung. Eher aus Vorsicht.

    Manches bleibt besser so, wie es war. Oder genauer: wie man es erinnert. Alt-Manheim steht noch immer da. Es musste dem Tagebau nicht mehr weichen. Und trotzdem ist es leer geworden.

    Gerettet, aber nicht zurückgekehrt.

    Auch das ist eine Art von Verlust.

    Nur mit anderer Beschilderung.

    Faulmann dachte an das Wasser, das einmal vom Rhein hierherkommen soll. An Rohre unter Wegen. An einen See, der noch keiner ist. An einen Berg, der aus einem Loch geboren wurde. An Transporte, die von Zukunft erzählen sollten und nun Vergangenheit verwalten.

    Vielleicht ist Strukturwandel gar kein großes Wort.

    Vielleicht ist es eher dieser Moment, in dem ein bekannter Radweg plötzlich gesperrt ist und ein Mann mit Hund sagt: “Fahren Sie über Tollhausen.”

    Und man fährt. Nicht, weil man die Richtung verstanden hat. Sondern weil es weitergehen muss, irgendwie.

    Am Ende stand die Elektrokutsche wieder am Aussichtspunkt. Der Himmel war heller geworden, ohne sich festzulegen. Faulmann verstaute das Rad, setzte sich hinein und blieb noch einen Moment sitzen.

    Auf dem Display stand irgendein Verbrauchswert.

    Draußen lag Terra Nova.

    Neue Erde.

    Noch ziemlich unfertig.

    Das konnte man ihr nicht vorwerfen.

    Es war schließlich früh am Tag - für Sie.

    1. Die Rheinwassertransportleitung soll Wasser aus dem Rhein in die Tagebaue Hambach und Garzweiler bringen. Der Speedway :terra nova ist seit März 2026 für die Bauarbeiten gesperrt; die Trasse dient unter anderem als Baustraße für große Rohrsegmente. Man könnte sagen: Erst fuhr hier die Kohle entlang, dann die Radfahrer, nun die Rohre. Landschaften wechseln ihre Nutzer offenbar nicht weniger häufig als Bahnsteige ihre Durchsage. 

    2. Gemeint sind die Castor-Transporte mit Brennelementen aus dem ehemaligen AVR Jülich nach Ahaus. Solche Transporte lösen das Endlagerproblem nicht, sie verlagern zunächst die Zwischenlagerung. Das ist technisch vermutlich korrekt, erzählerisch aber eher unbefriedigend.