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Die Melodie gehört zu einer Familie von Kanons, die weit älter ist als der deutsche Text. In der Recherche führt die Spur nach England, zu Rundgesängen der Frühen Neuzeit. Es ist also eine dieser Melodien, die schon unterwegs waren, bevor jemand glaubte, sie gehörten einem bestimmten Schulbuch. ↩
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Die Protestfassung “Wehrt euch, leistet Widerstand” wurde besonders mit der westdeutschen Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre verbunden, unter anderem im Umfeld von Wyhl, Brokdorf, Grohnde und Gorleben. Wie bei vielen Demonstrationsliedern ist die genaue Urheberschaft schwer zu greifen. Das passt leider gut zu Liedern, die plötzlich allen gehören. ↩
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Die Melodie blieb auch nach der Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung politisch verwendbar. Aus dem Atomkraftwerk konnten andere Bedrohungen werden: Raketen, Rassismus, Faschismus, Milliardengräber. Der Kanon ist dabei weniger wählerisch als die Geschichte, was nicht unbedingt ein Trost ist. ↩
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Der deutsche Erntetext “Hejo, spann den Wagen an” ist quellenkritisch nicht so alt, wie er oft wirkt. Sichere Belege führen in die späten 1930er Jahre, unter anderem in Liederbücher aus dem Umfeld von Reichsarbeitsdienst, Arbeitsmaiden und Frauengruppen. Daraus folgt nicht, dass jede spätere Verwendung verdächtig wäre. Aber es folgt, dass Harmlosigkeit hier kein Naturzustand ist. ↩
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Die Ernteszene erzählt nicht vom Säen, nicht vom Wachsen und auch nicht vom Fest nach getaner Arbeit. Sie setzt genau in dem Moment ein, in dem das Gewachsene noch verloren gehen kann. Die Garben sind gebunden, aber noch nicht geborgen. Ein Lied über Sicherung also. Das klingt weniger romantisch, ist aber vermutlich wahrer. ↩
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Die englische Fassung “Hey ho, nobody home” ist mit der Tradition der Catches und Heischelieder verbunden. Der Text handelt von Mangel: kein Fleisch, kein Getränk, kein Geld. Der Gesang ist hier nicht Dekoration, sondern Bitte. Oder, weniger freundlich gesagt: eine musikalisch anständige Art, Hunger mitzuteilen. ↩
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“Rose, Rose” gilt als spätere, geglättete englische Variante derselben Melodiefamilie. Wo vorher Mangel, Trinken, Geld und soziale Bedürftigkeit hörbar waren, erscheint nun eine bürgerlichere, sauberere Szene. Kulturgeschichte hat gelegentlich die Angewohnheit, erst aufzuräumen und dann zu behaupten, es sei immer so ordentlich gewesen. ↩
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“Vent frais, vent du matin” ist die französische Variante, in der der Wind nicht als Bedrohung erscheint, sondern als frische, fast heitere Naturerfahrung. Im Deutschen treibt der Wind Regen über das Land. Im Französischen weht er durch große Kiefern. Man muss Nationen nicht aus Liedern erklären. Aber manchmal drängen sie sich ein wenig auf. ↩
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Ein Quodlibet verbindet verschiedene Melodien oder Texte, die gleichzeitig gesungen werden können. Bei dieser Melodiefamilie liegt das nahe, weil mehrere Fassungen strukturell verwandt sind. Im Wald ist das natürlich etwas riskanter, weil Krähen selten auf Einsatzzeichen achten. ↩
Faulmann und der Wagen unter Wetterdruck

Captain Faulmann kam aus der Stadt zurück, als der Nachmittag schon etwas ausgefranst war.
Sein Fahrrad knirschte über den schmalen Weg zum Waldtisch. Im Flaschenhalter hing eine halb leere Wasserflasche. Auf ihr klebte noch ein Rest Papier. Irgendetwas mit Demokratie. Man konnte es nicht mehr ganz lesen, was vermutlich kein gutes Zeichen war, aber auch kein völlig überaschendes.
Faulmann stellte das Rad an die Buche, nahm die Mütze ab und pfiff.
Nur die Melodie. Keinen Text. Eine alte, dunkle kleine Linie, die man sofort kannte, ohne gleich zu wissen, woher. Sie kam in Bögen, kehrte zurück, ließ Platz für andere Stimmen.1
Dachsbert fuhr hoch.
“Wehrt euch, leistet Widerstand!”, sang er, erstaunlich inbrünstig für jemanden, der kurz zuvor noch so ausgesehen hatte, als sortiere er bloß Zettel.
Die Krähen auf der Fichte schwiegen erschrocken. Das taten sie selten. Es war ihnen unangenehm.
Dachsbert sang nicht schön, aber mit einer Überzeugung, die Schönheit in diesem Moment auch etwas kleinlich wirken ließ. Er setzte noch einmal an, stärker, als stünde hinter dem Waldtisch ein Bauzaun, ein Wasserwerfer oder wenigstens ein sehr selbstzufriedener Pressesprecher.2
Faulmann sah ihn an.
“Das kam schnell.”
“Das sitzt noch”, sagte Dachsbert und räusperte sich. “Manche Dinge vergisst der Körper nicht. Sitzblockaden. Kalte Füße. Vollkornbrot von politisch zuverlässiger, aber kulinarisch schwieriger Herkunft.”
Liora legte den Kopf schräg.
“Das wundert mich jetzt gar nicht.”
“Was genau?”
“Alles daran.”
Dachsbert nahm das als Anerkennung. Oder als etwas, das nahe genug daran lag.
“Wyhl”, sagte er dann. “Brokdorf. Später die Friedensbewegung. Irgendwann sang man diese Melodie, und plötzlich war ein neuer Text da. Niemand hatte ihn beschlossen. Kein Antrag, keine Tagesordnung, kein Ausschuss für gemeinschaftliches Singen. Einer fing an, dann mehrere, dann alle.”
Er sah auf den Tisch, als läge dort noch die nasse Wiese von damals.
“Das war das Merkwürdige. Eine Melodie, die alle aus der Schule kannten, stand plötzlich am Bauzaun.”
“Heute habe ich einen anderen Text gehört”, sagte Faulmann.
Dachsbert sah auf.
“Wieder Protest?”
“Ja. Gegen Faschismus. Dieselbe Melodie. Andere Bedrohung. Andere Plakate. Ähnliche Gesichter, nur mit besseren Regenjacken.”3
“Die Melodie hat Ausdauer”, sagte Dachsbert.
“Mehr als manche politische Bildung”, sagte Liora.
Mummrich, der neben dem Tisch aus einem Maulwurfshügel ragte und dadurch wieder wirkte, als habe ihn jemand halb in eine Fußnote gesteckt, öffnete sein Notizbuch.
“Man sollte allerdings vorsichtig sein”, sagte er. “Der deutsche Text mit Wagen, Regen und goldenen Garben hat nicht gerade demokratische Wurzeln.”
Dachsbert seufzte.
“Ich ahnte, dass der Nachmittag noch schwierig wird.”
“Nur präzise”, sagte Mummrich. “Schwierig ist eine Nebenwirkung.”
Er rückte seine Brille zurecht.
“Die Melodie ist viel älter als der deutsche Erntetext. Aber dieser Text - Wagen anspannen, Regen, Garben holen - wird, soweit man ihn greifen kann, erst spät sichtbar. Ende der dreißiger Jahre. Arbeitsdienst, Arbeitsmaiden, Frauengruppen. Kein unbelasteter Acker.”4
Faulmann sah auf die Tischplatte.
“Also hat das Lied Gepäck.”
“Mit Wagen”, sagte Liora.
Mummrich nickte ernst.
“Und genau deshalb ist es interessant. Die Szene wirkt harmlos: Ernte, Wetter, Land. Aber eigentlich ist sie ein Kommando. Etwas ist gewachsen, aber noch nicht sicher. Der Wind treibt Regen heran. Jetzt muss gehandelt werden.”
Dachsbert murmelte den alten Erntetext an. Nur ein Stück. Genug, um den Wagen zu hören. Nicht genug, um so zu tun, als sei alles einfach.
“Das ist kein Idyll”, sagte Liora. “Das ist Logistik unter Wetterdruck.”5
“Ein sehr deutsches Genre”, sagte Dachsbert.
Faulmann lächelte schwach.
“Vielleicht deshalb die Beliebtheit.”
Liora hatte einen kleinen Zweig vom Tisch genommen und drehte ihn zwischen den Fingern. Nun legte sie ihn wieder hin.
“Und wenn man weiter zurückgeht”, sagte sie, “wird es nicht harmloser. Eher hungriger.”
“Hungriger?”, fragte Dachsbert.
“Die englische Fassung. ‘Hey ho, nobody home’. Frühe Neuzeit. Kanontradition. Da geht es nicht um Garben, sondern um Mangel. Kein Fleisch, kein Getränk, kein Geld. Ein Lied, das an Türen klopft.”6
Faulmann schwieg kurz.
“Also stand am Anfang nicht die Ernte.”
“Am Anfang stand ein leerer Topf”, sagte Liora.
Das blieb auf dem Waldtisch liegen.
Mummrich nickte anerkennend.
“Eine knappe, aber tragfähige Zusammenfassung.”
“Ich bemühe mich.”
“Erfolgreich.”
Dachsbert kratzte mit einer Kralle über das Holz.
“Das macht die Garben nicht weniger politisch.”
“Nein”, sagte Liora. “Eher mehr. Die deutsche Fassung verschiebt den Hunger nur. Nicht: Wir haben nichts. Sondern: Wir könnten etwas haben, wenn wir es rechtzeitig retten.”
Faulmann sah zum Himmel. Es war kein Regen zu sehen. Aber das bedeutete im Wald bekanntlich wenig.
“Und dann wurde aus dem Hunger noch eine Rose”, sagte Liora.
Dachsbert blinzelte.
“Wie bitte?”
“‘Rose, Rose’”, sagte sie. “Eine geglättete englische Variante. Plötzlich ist der leere Topf verschwunden, und es bleibt eine saubere kleine Melodie über Rose, Heirat und bürgerliche Harmlosigkeit.”7
“Ich misstraue allem, was zu sauber aus der Kulturgeschichte kommt”, sagte Dachsbert.
“Das ist einer deiner vernünftigeren Grundsätze”, sagte Liora.
“Also”, sagte Faulmann langsam, “erst Hunger. Dann Rose. Dann Garben. Dann Arbeitsdienst. Dann Schule. Dann Protest.”
“Und zwischendurch vermutlich viele Leute, die dachten, es sei einfach nur ein Lied”, sagte Mummrich.
“Das sind oft die gefährlichsten Lieder”, sagte Dachsbert. “Die einfachen.”
Faulmann pfiff die Melodie wieder an. Diesmal wurde sie nach einigen Takten heller, luftiger, fast französisch.
“Vent frais”, sagte er.
Liora lächelte sofort.
“Vent du matin.”
“Da ist derselbe Wind plötzlich freundlich”, sagte Faulmann. “Kühler Wind, Morgenwind, große Kiefern. Kein Regen, keine Garben, kein Wagen. Man geht hinaus und findet die Welt kurz vor dem Frühstück erfreulich.”
“Französisch kann selbst Zugluft besser anziehen”, sagte Dachsbert.
“Im Französischen ist der Wind Einladung”, sagte Liora. “Im Deutschen ist er Warnung. Im Englischen klopft jemand hungrig an. In der Rose-Fassung wird alles geglättet. Und im Protest wird daraus ein Ruf, zusammenzubleiben.”8
“Eine ziemlich beschäftigte Melodie”, sagte Faulmann.
“Man könnte sie zusammen singen”, sagte Liora.
Dachsbert sah misstrauisch auf.
“Was heißt zusammen?”
“Deutsch, französisch, englisch. Vielleicht ein Stück Rose. Ein Quodlibet. Keine Vorführung. Eher eine Waldprobe. Jede Stimme trägt eine andere Erinnerung derselben Melodie.”9
“International”, sagte Faulmann.
“Unübersichtlich”, sagte Dachsbert.
“Also international”, sagte Mummrich.
Ein Eichelhäher landete auf einem Ast über ihnen und machte ein Geräusch, das nicht Zustimmung bedeutete, aber auch nicht das Gegenteil. Bei Eichelhähern war das oft die genaueste Form von Teilnahme.
Die Krähen rückten auf der Fichte näher zusammen.
“Ich übernehme nicht Rose”, sagte Dachsbert.
“Niemand hat dich gebeten”, sagte Liora.
“Ich wollte nur frühzeitig klare Verhältnisse schaffen.”
Faulmann pfiff den Anfang.
Dachsbert fiel sofort wieder mit dem alten Protesttext ein, diesmal etwas leiser, aber immer noch mit jener Inbrunst, die irgendwo zwischen Bauzaun und schlechtem Vollkornbrot wohnte.
Liora setzte den Morgenwind dagegen, hell und ruhig.
Mummrich suchte die englische Hungerzeile, fand sie beim zweiten Versuch und war darüber sichtbar erleichtert.
Der Eichelhäher warf eine schräge, glänzende Stimme darüber. Die Krähen kamen einen Takt zu spät, aber mit großem Ernst. Es klang, als hätten sie die Molltonart erfunden und seien enttäuscht, dass andere sie auch benutzten.
Für einen Moment war es kein Lied mehr aus einer Zeit.
Es war ein kleines Durcheinander aus Hunger, Ernte, Rose, Regen, Widerstand und Wind. Nicht schön im üblichen Sinn. Eher brauchbar. Wie ein alter Wagen, der noch einmal anrollt, obwohl niemand ihm das ganz zugetraut hätte.
Dann verstummten sie.
Der Wald hörte noch ein wenig weiter.
Dachsbert sah auf seine Zettel. Auf einem stand “Rauch”. Auf einem stand “Windrichtung”. Auf einem stand nur “hm”.
“Man sollte”, sagte er, “die Vögel beim nächsten Mal vorher einweisen.”
“Nein”, sagte Liora.
Faulmann setzte die Mütze wieder auf.
Irgendwo jenseits des Bergkamms war der Rauch noch nicht ganz verschwunden. Aber für einen Augenblick hatte er Gegenwind bekommen.
Faulmann und die Hasen-Kannon

Sie waren nicht zum ersten Mal dort.
Das machte den Besuch leichter. Beim ersten Mal hatte Faulmann noch das Gefühl gehabt, sich im Museum für Ostasiatische Kunst ordentlich benehmen zu müssen, als könne irgendwo zwischen Keramik, Tusche und stillen Vitrinen ein kleines Schild auftauchen: “Bitte nicht zu deutlich denken.”
Beim zweiten Mal trafen sie sich einfach auf einen Kaffee.
Liora war schon da, als Faulmann kam. Sie saß im Lichthof, eine Tasse vor sich, den Blick auf den japanischen Garten gerichtet. Der Garten tat, was japanische Gärten in Museen tun: Er war still, ohne beleidigt zu wirken, und bestand aus wenigen Dingen, die offensichtlich genug waren, um übersehen zu werden.
Steine. Pflanzen. Wasser. Zwischenräume.
Faulmann stellte seinen Kaffee ab und ließ sich in einen der Sitzsäcke sinken. Das gelang ihm mit jener Würde, die entsteht, wenn ein Bär beschlossen hat, für kurze Zeit ein Möbelproblem zu sein.
“Schön hier”, sagte er.
Liora nickte. “Ja.”
Eine Weile sagten sie nichts. Das war angenehm. Museen verlangen oft zu früh Sätze von einem. Als müsste jedes Bild sofort in Sprache umgetauscht werden, bevor es ungültig wird.
Faulmann sah hinüber zur Hasen-Kannon.
“Sie steht immer noch da”, sagte er.
“Das tun Skulpturen gelegentlich”, sagte Liora.
“Nein”, sagte Faulmann. “Ich meine: anders. Beim ersten Mal stand sie vor mir. Jetzt steht sie irgendwie mit im Raum.”
Liora sah ihn an. “Das ist eine ziemlich gute Beobachtung.”
Faulmann nahm einen Schluck Kaffee.
“Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich mich an sie gewöhnt habe.”
“Das ist nicht dasselbe”, sagte Liora. “An manche Dinge gewöhnt man sich nicht. Man hört nur auf, sich gegen sie zu verteidigen.”
Faulmann schwieg kurz. “Die Pfoten”, sagte er dann.
Liora lächelte kaum sichtbar. “Ja. Die Pfoten.”
“Nicht segnend.”
“Nein.”
“Nicht bittend.”
“Auch nicht ganz.”
“Eher, als würde sie etwas zusammenhalten.”
Liora stellte ihre Tasse ab. “Vielleicht hält sie genau das zusammen, was bei dieser Figur auseinanderfallen müsste.”
Faulmann drehte den Kopf zu ihr.
“Jetzt kommt der Teil, in dem du mehr weißt.”
“Ich fürchte ja”, sagte Liora. “Aber ich bemühe mich, nicht unangenehm zu werden.”
“Das wäre neu.”
“Für uns beide.”
Sie sah wieder zur Figur.
“Usagi heißt Hase. Kannon ist die japanische Form von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Also steht da, sehr knapp gesagt, eine Hasenform des Mitgefühls.”
“Ein zuständiger Hase”, sagte Faulmann.
“Ein sehr zuständiger Hase”, sagte Liora. “Aber nicht niedlich. Oder jedenfalls nicht nur. Der Hase bringt vieles mit. Verletzlichkeit. Fruchtbarkeit. Fluchtbereitschaft. Wiederkehr. Und bei Ikemura, nach Fukushima, auch Versehrtheit.”
Faulmann sah zur Bronze hinüber. “Er sieht aus, als hätte er zu viel gehört.”
“Vielleicht ist das bei großen Ohren unvermeidlich”, sagte Liora. “Aber ja. Diese Figur hört nicht nur. Sie trägt etwas nach.”
Im Lichthof klirrte irgendwo eine Tasse. Ein Besucher ging sehr langsam an einer Vitrine vorbei, mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gerade versuchte, achthundert Jahre alte Keramik durch konzentriertes Nicken zu verstehen.
Faulmann mochte ihn sofort.
“Und dann kommt noch Maria dazu”, sagte Liora.
Faulmann sah sie vorsichtig an. “Maria?”
“Schutzmantelmadonna”, sagte Liora. “Eine Figur, unter deren Mantel man Zuflucht findet. In der europäischen Kunst gibt es diese Vorstellung sehr lange. Menschen stehen unter dem Mantel der Mutter, der Fürsprecherin, der Schützenden. Bei Ikemura wird dieser Mantel zu einem begehbaren Rock. Oder zu einer Höhle. Oder zu einem Schrein. Man sieht den Schutz nicht nur. Man kann unter ihn treten.”
Faulmann räusperte sich. “Das ist im Deutschen nicht ganz ungefährlich.”
“Nein”, sagte Liora. “Sobald man unter einem Rock steht, steht unsere Sprache daneben und grinst.”
“Rockzipfel”, sagte Faulmann.
“Genau.”
Liora nahm ihre Tasse wieder auf, trank aber nicht. “Das ist die europäische Peinlichkeit an der Sache. Schutz wird schnell als Abhängigkeit gelesen. Geborgenheit als Unmündigkeit. Trost als etwas, wofür man sich besser entschuldigt.”
Faulmann sah zur Hasen-Kannon.
“Und sie steht einfach da.”
“Ja”, sagte Liora. “Sie steht einfach da und macht aus dieser Peinlichkeit einen Raum.”
Das fand Faulmann sehr ordentlich formuliert. Er sagte es aber nicht, weil Liora bei zu viel Zustimmung manchmal aussah, als müsse sie ihre eigene Klugheit wieder einfangen.
“Und der Angsthase?”, fragte er.
Liora legte den Kopf leicht schief. “Das ist vielleicht die schönste deutsche Fehlleistung. Der Hase als Spottfigur der Angst. Aber hier wird daraus fast das Gegenteil. Diese Kannon schützt nicht, weil sie angstfrei wäre. Sie schützt, weil sie Angst kennt.”
Faulmann sah auf seine eigenen Pfoten.
“Also kein Denkmal gegen die Angst.”
“Nein.”
“Eher eines dafür, dass Angst einen Ort braucht.”
“Und nicht ausgelacht werden sollte”, sagte Liora.
Im Lichthof bewegte sich kaum etwas. Der Garten schwieg weiter in seiner höflichen Weise. Ein paar Blätter lagen so genau an der richtigen Stelle, dass man nicht wusste, ob sie gefallen oder arrangiert worden waren. Das ist bei japanischen Gärten manchmal die Grundfrage. Bei manchen Menschen übrigens auch.
Faulmann blickte wieder zur Figur.
“Im asiatischen Kontext wäre die Ironie anders, oder?”, fragte er.
“Ja”, sagte Liora. “Kannon ist ohnehin wandelbar. Sie kann viele Formen annehmen. Ein Hasenwesen ist dort vielleicht weniger absurd als für einen europäischen Museumsbesucher. Aber die Ambivalenz bleibt. Nur anders. Der Hase ist Mondtier, Opferwesen, Fruchtbarkeitssymbol. Und nach Fukushima wird auch diese Symbolik beschädigt. Dann erscheint Mitgefühl nicht rein und unversehrt. Sondern als verletzter Schutzkörper.”
Faulmann nickte langsam. “Also überall schwierig. Nur unterschiedlich schwierig.”
“Das ist meistens die beste Sorte schwierig”, sagte Liora.
Sie tranken ihren Kaffee aus. Danach blieben sie noch sitzen, weil niemand sie aufforderte, den Lichthof sinnvoller zu nutzen.
Faulmann dachte an die dunkle Öffnung im Körper der Figur. An diesen Raum unter ihr, der zugleich Mantel, Rock, Höhle und Zuflucht war. Man konnte hineingehen. Man konnte sich darunter stellen. Man konnte auch davor stehen bleiben und so tun, als sei man nur kunsthistorisch interessiert.
Das Museum ließ beides zu. Das war vielleicht seine Freundlichkeit.
“Man wird beim Anschauen ein bisschen erwischt”, sagte Faulmann.
“Wobei?”
“Dabei, Schutz zu brauchen.”
Liora sah ihn an. “Ja”, sagte sie. “Vielleicht ist das der unangenehme Teil.”
“Ich dachte, der unangenehme Teil sei der Sitzsack.”
“Der auch.”
Faulmann versuchte, sich würdevoll etwas aufzurichten. Der Sitzsack nahm das zur Kenntnis und blieb unbeeindruckt.
Später, zurück im Wald, sahen sie tatsächlich einen Hasen.
Er saß am Rand des Weges zwischen Farn und altem Laub. Die Ohren aufgerichtet, die Vorderpfoten dicht an den Körper gezogen. Er sah nicht feige aus. Nur sehr genau informiert über die Welt.
Faulmann blieb stehen. “Da ist sie wieder”, sagte er leise.
Liora antwortete nicht sofort.
Der Hase sah sie an. Dann verschwand er mit einem kleinen Satz im Unterholz, als habe er beschlossen, dass Mitgefühl gut sei, Abstand aber ebenfalls.
Faulmann sah ihm nach.
“Ein Angsthase”, sagte er.
“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber einer mit sehr guten Gründen.”
Sie gingen weiter. Der Wald war nicht stiller als sonst, aber Faulmann hörte ihn anders. Vielleicht lag das an der Hasen-Kannon. Vielleicht am Kaffee. Vielleicht auch nur daran, dass manche Figuren nicht im Museum bleiben, wenn man nach Hause geht.
Eine stand nun irgendwo in ihm. Mit großen Ohren. Mit kleinen Pfoten. Und mit einem Raum darunter, in den man sich stellen konnte, ohne gleich erklären zu müssen, warum.
Faulmann und das Fabel-Kastell

Faulmann kam am späten Nachmittag von der Radtour zurück.
Er schob das Rad die letzten Meter bis zum Waldtisch, als hätte es unterwegs mehr gesehen als er selbst und müsse nun mit besonderer Rücksicht behandelt werden. Am Hinterrad klebte etwas Schlamm. An der Trinkflasche klebte etwas, das vielleicht Schlamm war, vielleicht aber auch eine Entscheidung gegen nähere Untersuchung.
Dachsbert sah auf. “Und wo ging es hin?”
“Naafbachtal”, sagte Faulmann.
Dachsbert nickte. “Und?”
“Schön”, sagte Faulmann.
Das war bei ihm kein kleines Wort. Es war tatsächlich eine sehr gelungene Tour gewesen. Der Weg, der Bach, die alte Mühle, das ruhige Ineinander von Straße, Hang und Wasser. Auch das Rad hatte sich ordentlich benommen, was Faulmann nicht selbstverständlich fand.
Aber “schön” war als Beschreibung zu knapp. Es deckte die landschaftliche Ästhetik und die sportliche Zufriedenheit ab, ließ aber zugleich ahnen, dass da noch etwas anderes gewesen war. Etwas, das nicht einfach am Wegesrand geblieben war.
Dachsbert wusste das und ließ die Stille arbeiten. Sie war dafür besser geeignet als die meisten Nachfragen. Faulmann brühte sich einen Kaffee, setzte sich und wartete, bis auch der erste Schluck etwas gesagt hatte.
“Bei Kreuznaaf”, sagte er dann langsam, “steht doch dieses große Haus.”
“Das Schloss, das keins ist”, sagte Liora, die bisher schweigend am Waldtisch gesessen hatte.
“Genau.”
“Castell irgendwas”, sagte Dachsbert. “Oder Kastell. Oder Sonneck. Oder Steineck. Oder Geisterhaus. Ein Gebäude mit mehr Namen als gesunden Balken.”
Faulmann sah auf seine Hände. “Ich kann mich irren”, sagte er. “Aber ich glaube, das Haus war letztes Jahr noch anders kaputt.”
Für einen Moment wurde es wieder still. Das war im Faulwald nicht ungewöhnlich. Stille kam dort öfter vorbei und setzte sich ungefragt dazu. Meistens benahm sie sich besser als manche Gäste.
“Anders kaputt?”, fragte Mummrich.
“Ja”, sagte Faulmann. “Nicht nur verfallener. Offener. Schwarzer. Zerbrochene Scheiben. Als hätte jemand dem Haus eine letzte Ausrede genommen.”
Dachsbert verzog das Gesicht. “Das klingt nach Feuer.”
“Das dachte ich auch.”
“Vielleicht”, sagte Faulmann, “habe ich letztes Jahr auch nicht richtig hingesehen.”
Liora blickte zu ihm. Das tat sie manchmal, wenn ein Satz nicht sofort weitergeschoben werden sollte.
“Es gibt Gebäude”, sagte Faulmann, “die man nicht besucht. Man legt sie nur im Vorbeifahren irgendwo in sich ab. Und wenn man sie später wieder sieht, merkt man, dass das Bild dort drin inzwischen nicht mehr stimmt.”
Mummrich legte seine Zettel beiseite. “Wir sollten das nachsehen.”
Dachsbert stöhnte. “Natürlich sollten wir das. Ein Haus kann bei euch ja nicht einfach kaputt sein. Es muss sofort in Schichten, Phasen und Bedeutungsreste zerlegt werden.”
“Du könntest mit den Leuten reden”, sagte Faulmann.
Dachsbert richtete sich auf. “Mit welchen Leuten?”
“Mit denen, die sagen: ‘Das weiß hier doch jeder’, und dann drei verschiedene Geschichten erzählen.”
Dachsbert nickte langsam. “Das sind meine Leute.”
Mummrich klopfte sich Erde von den Pfoten. “Ich gehe ins Tiefenarchiv.”
“Wie tief?”, fragte Dachsbert.
“So tief, bis die Quellen anfangen, sich gegenseitig zu widersprechen.”
“Also normal tief.”
Dachsbert stand ebenfalls auf. “Ich könnte auch noch hinfahren”, sagte er. “Mir das mal aus der Nähe ansehen. Man muss ja wissen, worüber man redet.”
Liora, die bisher geschwiegen hatte, hob den Blick. “Nein”, sagte sie.
Dachsbert blieb stehen. “Nein?”
“Nicht hingehen.”
“Warum nicht?”
“Weil es vermutlich gefährlich ist. Und weil Ruinen nicht dadurch ehrlicher werden, dass man in sie hineinklettert.”
“Ich wollte nicht hineinklettern”, sagte Dachsbert.
Liora sah ihn an. “Du wolltest ‘aus der Nähe ansehen’. Bei Dachsen ist das ein dehnbarer Begriff.”
Mummrich nickte, als habe er dafür schon Unterlagen gesehen.
Dachsbert setzte sich wieder halb hin, ohne sich ganz geschlagen zu geben. “Also gar nicht?”
“Nicht so”, sagte Liora. “Nicht als Besichtigung.”
“Aus Vorsicht?”
“Auch.”
“Und sonst?”
“Aus Höflichkeit.”
Dachsbert sah sie an, als hätte Höflichkeit gerade unerlaubt ein technisches Problem geschaffen. “Eine Brandruine braucht Höflichkeit?”
“Vielleicht gerade die”, sagte Liora. “Ruinen werden leicht besichtigt, als hätten sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt.”
Sie schwieg einen Moment.
“Außerdem habe ich von dem Haus früher schon gehört. Nicht hier. Anderswo. Von Leuten, die davon gesprochen haben, als sei es ein Ort, über den man lieber nur nebenbei spricht.”
Mummrich hob den Kopf. “Aus welcher Quelle?”
“Keine, die du ordentlich abheften würdest.”
“Also eine gute”, sagte Dachsbert.
Liora lächelte schelmisch. “Leute haben von Partys dort oben gesprochen. Rave-Partys, manchmal. Musik im verlassenen Haus, Licht in leeren Fenstern, solche Sachen. Vielleicht war vieles nur Gerede. Vielleicht auch nicht.”
“Warst du da?”, fragte Dachsbert.
Liora sah ihn an. “Ich sagte: Leute haben davon gesprochen.”
“Das ist keine Antwort.”
“Doch”, sagte Liora. “Nur keine, die dir gehört.”
Faulmann betrachtete sie kurz und fragte nicht weiter. Mummrich machte eine kleine Notiz.
“Gerüchte über nächtliche Nutzung”, murmelte er.
“Schreib nicht nur Gerüchte”, sagte Liora. “Schreib: Sehnsucht nach Orten, an denen niemand fragt, was man dort sucht.”
Dachsbert verzog den Mund. “Das ist aber lang für eine Aktennotiz.”
“Für manche Dinge sind Akten zu kurz”, sagte Liora.
Danach war das Hingehen fürs Erste vom Tisch. Nicht endgültig, natürlich. Bei Dachsbert war kaum etwas endgültig. Aber anders als vorher. Nicht mehr als Ausflug. Nicht mehr als Besichtigung.
Mummrich ging ins Archiv. Dachsbert machte sich auf den Weg zu den Menschen. Nicht nach Kreuznaaf, jedenfalls nicht sofort. Dachsbert kannte Leute, die Leute kannten, die wieder andere Leute kannten. Das war zwar keine wissenschaftliche Methode, hatte aber den Vorteil, dass sie im Rheinland erstaunlich oft funktionierte.
“Man darf Leute nicht fragen, was sie wissen”, hatte er einmal erklärt. “Dann werden sie vorsichtig. Man muss einfach etwas Falsches behaupten. Dann erzählen sie, was sie nicht wissen.”
Liora blieb am Waldtisch. Sie sagte nichts mehr über das Haus. Das war keine Zustimmung und kein Rückzug. Eher eine Art, dem Thema nicht gleich wieder die Hand auf die Schulter zu legen.
In den nächsten Tagen verschwand das Haus nicht.
Es stand nicht im Faulwald, natürlich. Es stand bei Kreuznaaf, am Hang, über der alten Mühle und nahe dem Punkt, an dem der Naafbach aus seinem Tal tritt. Aber manche Orte haben die unangenehme Angewohnheit, nachzureisen. Sie kommen nicht mit dem Gepäck. Sie sitzen schon da, wenn man heimkommt.
Faulmann dachte beim Kaffeekochen daran. Einmal beim Flicken eines Schlauchs. Einmal, als er am Waldtisch saß und sich fragte, ob Schlamm eigentlich eine Meinung habe oder nur eine sehr überzeugende Textur.
Mummrich ließ sich nicht blicken. Das konnte bedeuten, dass er nichts fand. Es konnte aber auch bedeuten, dass er zu viel fand. Bei Maulwürfen war beides äußerlich schwer zu unterscheiden.
Dachsbert kam zweimal vorbei, sagte aber jedes Mal nur: “Ich sammle noch.” Beim ersten Mal roch er nach Regen und Bahnhofskiosk. Beim zweiten Mal nach fremdem Kaffee und der leichten Zufriedenheit eines Tieres, dem jemand gerade ungefragt eine sehr unsichere Wahrheit anvertraut hatte.
Liora sagte wenig. Nur einmal, als Faulmann fragte, ob sie glaube, dass an den Rave-Geschichten etwas dran sei, sah sie kurz auf.
“Es reicht manchmal”, sagte sie, “dass Leute glauben, ein Ort könne so etwas gewesen sein.”
“Warum?”
“Weil sie dann wissen, was sie selbst dort gesucht hätten.”
Mehr sagte sie nicht.
Am dritten Abend tauchte Mummrich aus dem Boden auf, was bei ihm nie ganz so dramatisch aussah, wie es klang. Man sah nur kurz seine Brille blitzen, dann war da ein kleiner Hügel, der so tat, als sei er schon immer dort gewesen. Kurz darauf kam Dachsbert den Weg herauf.
Er setzte sich, ohne zu fragen, ob schon begonnen worden war. Das tat er immer dann, wenn er der Meinung war, dass seine Anwesenheit den Beginn ausreichend definiere.
“Also”, sagte Faulmann.
Mummrich roch nach feuchtem Papier, Erde und jener leichten Überlegenheit, die Maulwürfe entwickeln, wenn sie etwas in Archiven gefunden haben. Dachsbert roch nach Gesprächen. Das war kein eindeutig angenehmer Geruch, aber ein informativer.
“Es ist kompliziert”, sagte Mummrich.
“Das sagen Archive immer”, sagte Dachsbert. “Damit man sie ernst nimmt.”
Mummrich ignorierte das.
“Das Gebäude hieß wohl ursprünglich Kastell Steineck. Oder Castell Steineck. Die Schreibweise ist schon der erste Hinweis, dass Ordnung hier nur als Empfehlung galt.”
“Sehr sympathisch”, sagte Dachsbert.
“Es begann wohl in den 1930er Jahren als privates Wohnhaus am Hang. Später wurde daraus eine Lederwaren-Manufaktur. Ab 1943.”
“Lederwaren”, sagte Faulmann.
“Ja. Aber nicht Faber-Castell.”
Dachsbert hob den Kopf. “Moment. Ich habe mindestens zweimal gehört, das sei Faber-Castell gewesen.”
“Das ist das Problem mit mindestens zweimal”, sagte Mummrich. “Es klingt schnell wie ein Beleg.”
Er zog einen Zettel hervor. “Die Spur ist verführerisch. Castell. Lederwaren. Etuis. Schreibmappen. Ein Name, der nach Graf, Bleistift und gutem Schreibtisch riecht. Aber die Recherche spricht eher dagegen. Es scheint lokale Mythenbildung zu sein.”
Dachsbert sah ein wenig beleidigt aus. “Ich habe also Mythen gesammelt.”
“Das ist auch Arbeit”, sagte Faulmann.
“Nicht sehr angesehene.”
“Doch”, sagte Liora. “Man muss nur wissen, dass es Mythen sind.”
Mummrich nickte.
“Das Problem”, sagte er, “ist, dass die falsche Geschichte leider die bessere Überschrift hat.”
Dachsbert lachte. “Das ist bei Geschichten häufig so.”
“Ja”, sagte Mummrich. “Deshalb sind Archive so müde.”
Er blätterte weiter. “Nach der Lederwarenphase kamen wohl Ford-Schulungen. Ein Schulungs- und Tagungszentrum, in den fünfziger und sechziger Jahren. Danach, ab 1967, ein Tagungshotel.”
Dachsbert seufzte. “Seminarorte.”
“Du kennst welche?”, fragte Faulmann.
“Ich kenne den Typus”, sagte Dachsbert. “Zu viele Kaffeekannen, zu wenig Fenster, durch die man unauffällig verschwinden kann.”
“Später”, sagte Mummrich, “von 1989 bis 1992, wurde der Komplex als Übergangsheim genutzt. Für DDR-Übersiedler, Aussiedler und Asylbewerber.”
Da sagte für einen Moment niemand etwas.
Liora drehte ein kleines trockenes Blatt zwischen den Pfoten. Es war unklar, wann sie es aufgehoben hatte. Vielleicht vorher. Vielleicht gerade eben. Manche Dinge erscheinen bei Liora einfach, wenn sie gebraucht werden.
“Übergangsheim”, sagte sie. “Das klingt, als wäre der Ort selbst unwichtig. Als müsste man nur hindurch.”
Mummrich sah von seinen Notizen auf. “Ja.”
“Aber Übergänge sind oft die Stellen, an denen ein Leben am wenigsten Kulisse ist.”
Faulmann sah zum Rand des Tisches.
“Für manche war das kein Geisterhaus”, sagte Liora. “Sondern ein Zimmer. Einer dieser Orte, an denen das Gestern noch nicht vorbei ist und das Morgen noch keinen Namen hat.”
Dachsbert schob seine Teetasse ein Stück von sich weg. “Das macht die Geschichte komplizierter.”
“Nein”, sagte Liora. “Nur weniger bequem.”
Mummrich nickte, und diesmal schrieb er nichts auf. Das war bei ihm eine Form von Respekt.
“Und dann?”, fragte Faulmann.
“Dann Leerstand”, sagte Mummrich. “Und Pläne. Viele Pläne.”
Dachsbert rieb sich die Stirn. “Pläne sind für alte Gebäude fast so gefährlich wie Regen.”
“1996”, sagte Mummrich, “kaufte ein Dachdecker das Anwesen bei einer Zwangsversteigerung.”
“Ein Dachdecker ist für ein Haus doch erst einmal eine gute Nachricht”, sagte Dachsbert.
“Nur teilweise. Er sanierte Dächer und veränderte das Erscheinungsbild. Diese schloss- oder burgähnlichen Anteile, die heute so ins Auge fallen - Türmchen, Schmuck, Sonnenzeichen, das ganze Castell-Sonneck-Gewand - stammen offenbar wesentlich aus dieser nachträglichen Umgestaltung.”
Faulmann sah auf. “Also war das Schloss gar nicht immer das Schloss?”
“Nein”, sagte Mummrich. “Das Haus wurde nachträglich in Richtung Schloss erzählt.”
Dachsbert lehnte sich zurück. “Das ist schon bemerkenswert”, sagte er. “Er kam wegen des Dachs und brachte Türmchen mit.”
“Ein Gebäude”, sagte Faulmann, “das sich verkleidet hat?”
“Oder verkleidet wurde”, sagte Liora.
“Das ist schlimmer”, sagte Dachsbert. “Ich kann mich selbst wenigstens günstig schlecht ankleiden. Wenn andere das tun, wird es meistens teuer.”
Es sah nicht aus wie ein Schloss. Eher wie ein Gebäude, dem jemand später eingeredet hatte, es könne eines werden. Das Burgartige war nicht Ursprung, sondern Nachrede aus Dach, Schmuck und Hoffnung.
Mummrich schob den Zettel weiter. “Nach dem Dachdecker kamen weitere Eigentümerwechsel, Sanierungsversuche, Investorenprojekte, Luxuswohnungspläne. Sechzehn Wohnungen. Castello Kreuznaaf. Contemporary Country and Automotive Living.”
Dachsbert schloss kurz die Augen. “Das hat wirklich jemand gesagt?”
“Offenbar.”
“Freiwillig?”
“Vermutlich sogar beruflich.”
Dachsbert nahm seine Teetasse. “Ich finde, man sollte manche Gebäude schon aus sprachlichen Gründen nicht umbauen dürfen.”
Faulmann lächelte.
“Automotive Living”, sagte er. “Vielleicht Wohnen mit Parkplatzgefühlen.”
“Das erklärt einiges”, sagte Dachsbert. “Aber nicht genug.”
Liora sah in die Mitte des Tisches. “Und dann kam das Feuer.”
Mummrich schob einen anderen Zettel nach vorn.
“Am 3. September 2025. Großbrand. Mehrere Brandherde, soweit berichtet wurde. Die Feuerwehr war mit vielen Kräften vor Ort. Es gab Nachlöscharbeiten. Verdacht auf Brandstiftung.”
Faulmann nickte langsam. “Das erklärt, warum es anders aussah.”
“Nicht ganz”, sagte Liora.
Alle sahen sie an.
“Es erklärt, was passiert ist. Nicht, warum es anders wirkte.”
Dachsbert stellte die Tasse wieder ab. “Das ist jetzt wieder sehr Füchsin.”
“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber vorher war es ein verfallenes Haus, in das Geschichten hineingerieten. Nach dem Feuer sieht man, dass auch Geschichten brennen können. Oder wenigstens die Orte, an denen sie sich verstecken.”
Mummrich notierte nichts. Schon wieder.
“Die Feuerwehr hatte dort übrigens schon 2024 geübt”, sagte er nach einer Weile. “Ein Szenario mit illegalem Rave, Brand, Verletzten, schwieriger Rettung am Hang.”
Liora sah auf. “Rave?”
“Ja.”
“Das passt”, sagte sie leise.
“Zu deinem Gerede?”
“Zu dem, was Leute aus leeren Häusern machen, wenn sie sonst keinen Ort finden.”
“Musik?”, fragte Dachsbert.
“Auch.”
“Und?”
Liora zuckte kaum merklich mit den Schultern. “Unzuständigkeit. Ein paar Stunden lang.”
Faulmann ließ den Satz liegen. Das war meistens besser.
“Eine Übung”, sagte er nach einer Weile.
“Ja”, sagte Mummrich.
“Und ein Jahr später brannte es.”
“Nicht ganz ein Jahr später. Im September 2025.”
“Das macht es nicht besser.”
“Nein.”
Liora sah auf das Blatt zwischen ihren Pfoten.
“Manchmal probt ein Ort seine Zukunft”, sagte sie. “Und alle hoffen, es bleibt bei der Probe.”
Der Waldtisch wurde stiller.
Die alte Mühle unten bei Kreuznaaf war einfacher zu verstehen. Wasser, Rad, Welle, Stein, Brot. Später Turbine. Dann Stillstand. Auch das war traurig genug, aber wenigstens geradlinig.
Das Haus am Hang war weniger freundlich zur Erzählung. Es war kein Schloss, aber es sah irgendwann so aus. Es war keine Faber-Castell-Geschichte, aber klang fast so. Es war ein Wohnhaus, eine Manufaktur, eine Schulungsstätte, ein Hotel, ein Übergangsheim, ein Spekulationsobjekt, ein Geisterhaus, ein Gerücht und schließlich eine Brandruine.
Die Mühle unten war aus der Kraft des Wassers entstanden. Das Haus oben aus der Kraft wechselnder Absichten.
“Lost Place”, sagte Liora. “Das klingt immer, als sei nur der Ort verloren gegangen.”
Dachsbert sah sie an. “Und?”
“Vielleicht gehen dort auch andere Dinge verloren. Zuständigkeit. Erinnerung. Vorsicht. Manchmal Respekt.”
“Das ist wieder sehr lang für ein Ortsschild”, sagte Dachsbert.
“Darum steht es auch auf keinem”, sagte Liora.
“Fabel-Kastell”, sagte Dachsbert plötzlich.
Faulmann sah ihn an. “Was?”
“So müsste man es nennen. Nicht Faber-Castell. Fabel-Kastell. Weil jeder etwas hineinlegt und dann behauptet, es sei schon vorher drin gewesen.”
Mummrich zog die Stirn kraus. “Das ist etymologisch unzulässig.”
“Dann passt es ja”, sagte Liora.
Dachsbert zeigte erfreut auf sie. “Genau.”
Mummrich sah zwischen beiden hin und her. “Ich möchte festhalten, dass ich dagegen bin.”
“Festhalten darfst du”, sagte Dachsbert. “Verhindern nicht.”
“Fabeln sind nicht immer falsch”, sagte Liora. “Sie sagen nur selten genau das, was passiert ist.”
“Sehr gut”, sagte Dachsbert. “Dann kann ich ja doch recht gehabt haben.”
“Nein”, sagte Mummrich.
“Schade.”
Faulmann sah zum Weg, der aus dem Wald hinausführte, ohne deshalb schon irgendwo Bestimmtes anzukommen. Er dachte an die Stelle bei Kreuznaaf. An den Beginn des Naafbachtals. An den Bach unten. An den Hang. An das Haus, das ihm früher nur nebenbei bewusst gewesen war.
Man kann lange an etwas vorbeikommen und es nicht sehen. Dann fehlt plötzlich ein Dach, eine Wand ist schwarz, ein Fenster blickt anders zurück, und der Ort tritt aus dem Hintergrund. Vielleicht ist Erinnerung manchmal nur das nachträgliche Erschrecken darüber, dass etwas schon die ganze Zeit da war.
“Man müsste noch einmal hin”, sagte Mummrich.
“Nicht hinein”, sagte Liora.
“Nein”, sagte Faulmann. “Nicht hinein.”
Dachsbert nickte. “Von außen reicht. Innen ist bei solchen Häusern meistens sowieso zu viel Innen.”
Der Abend wurde kühler. Am Waldtisch blieben die Zettel liegen, die Gerüchte, das trockene Blatt und ein wenig Schlamm von Faulmanns Radschuhen.
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