Faulmann und die Kugeln, die schon alles wussten

    2026-04-15 00:00:00 +0200

    Der erste Versuch war gescheitert. Zu viel Betrieb, zu wenig Blick. Also ein zweiter Anlauf. Diesmal mit etwas Puffer im System. Ein Kaffee im “Kopenhagen”, ein Hefeteilchen mit Topping, das mehr versprach als es halten musste. Man sitzt dort, schaut kurz auf die eigenen Hände, auf andere Tische, auf diese kleinen, unaufgeregten Szenen, die sich nicht anbieten, sondern einfach da sind. Vielleicht ist das schon eine Art Vorbereitung. Nicht auf die Kunst. Eher auf das, was sie einem später zurückgibt.

    Dann hinein. Und gleich am Anfang liegen sie da.

    Die Kugeln, die nichts erklären

    Ganz schlicht. Keine große Inszenierung. Keine dramatische Geste. Kugeln auf dem Boden. Man könnte fast darüber hinwegsehen, wenn sie nicht sofort anfangen würden, zurückzuschauen.

    Und gleichzeitig haben sie etwas Merkwürdiges. Man möchte sie fast ein kleines bisschen anstoßen. So wie einen Luftballon. Nur ganz leicht. Einfach, um zu sehen, was passiert. Man macht es natürlich nicht.

    Es ist die Arbeit von Yayoi Kusama, aber sie tritt nicht als Werk auf. Eher als Zustand. Etwas, das passiert, sobald man in ihre Nähe kommt.

    Man tritt einen Schritt heran und ist schon drin. Nicht metaphorisch. Ganz praktisch. Das eigene Bild taucht auf. Klein, rund, leicht verschoben. Nicht besonders schmeichelhaft, aber auch nicht aggressiv. Eher gleichgültig. Und gerade das macht es präzise.

    Diese Kugeln tun nicht viel. Und gerade dadurch treffen sie ziemlich genau. Sie zeigen einen, ohne sich Mühe zu geben. Keine Perspektive, die man wählen kann. Kein Licht, das man optimiert. Keine Version, die man später noch einmal überprüft. Man ist einfach da.

    Und dann sieht man sich. Und sieht sich noch einmal.

    Es ist fast irritierend, wie wenig man hinzufügen muss, um darin die Gegenwart zu erkennen. Oder vielleicht auch nicht erkennen – eher wiederfinden.

    Kusama hat das nicht illustriert. Sie hat es 1966 einfach hingestellt 1. Und es funktioniert.

    1500 kleine Wiederholungen

    Man sieht sich nicht nur einmal. Sondern mehrfach. Gleichzeitig. In leicht unterschiedlichen Varianten. Mal weiter hinten, mal am Rand, mal halb verschwunden. Das eigene Bild verliert ziemlich schnell die Eigenschaft, etwas Besonderes zu sein. Es wird ein Element unter vielen.

    Und irgendwie kommt einem das bekannt vor. Nicht, weil man es schon einmal genau so gesehen hätte. Sondern eher als Gefühl. Diese Wiederholung, dieses leichte Verschieben, dieses Aufgehen in einer Fläche – das hat etwas, das man aus anderen Zusammenhängen kennt, ohne es genau festmachen zu können.

    Man steht davor und denkt kurz, dass das eigentlich schon reicht.

    Viele bleiben stehen. Viele schauen. Einige heben sofort das Telefon - fast wie eine zweite Reflexbewegung.

    Man darf die Kunstwerke nicht berühren. Das scheint hier nicht in beide Richtungen zu gelten.

    Narzissmus ohne Pose

    Der klassische Narziss steht allein an einer Quelle 2. Hier sind es viele Kugeln. Und plötzlich ist das kein individueller Zustand mehr, sondern etwas, das sich verteilt. Jeder sieht sich. Und gleichzeitig ist man nicht allein damit.

    Das Ganze kippt leicht. Das eigene Bild ist da, aber es gehört einem nicht mehr ganz 3.

    Der Narzissmus hier wirkt weniger wie Eitelkeit. Eher wie eine Eigenschaft der Situation. Etwas, das passiert, sobald eine Oberfläche beginnt, Dinge zurückzugeben.

    Die Kugel ist dabei erstaunlich gleichgültig. Das Selfie ist höflicher. Und vielleicht ist genau diese Höflichkeit das eigentliche Problem.

    Kontrolle, die kurz bleibt

    Das Selfie wirkt auf den ersten Blick anders. Man hebt das Telefon, sucht den Winkel, entscheidet über den Moment. Für einen kurzen Augenblick scheint das Bild einem zu gehören.

    Dann geht es weiter. Es taucht irgendwo auf, zwischen anderen. Wird gesehen, vielleicht bewertet, vielleicht auch einfach übersehen.

    Und irgendwann ist es Teil von etwas, das größer ist als dieses eine Bild.

    Die Kugeln sind da direkter. Man steht davor und sieht, wie das eigene Bild Teil eines Musters wird. Wie es sich vervielfältigt, verschiebt, verkleinert. Und wie es dabei ein wenig an Gewicht verliert. Ohne große Ankündigung.

    Eine Ware, die keiner auspreist

    Der Satz “Your Narcissism for Sale” wirkt heute fast zurückhaltend.

    Damals lag das offen da. Heute passiert es leiser. Man macht sich sichtbar. Und damit ein Stück weit verfügbar. Nicht unbedingt bewusst.

    Eher so, wie man kurz stehen bleibt, hinschaut, vielleicht ein Bild macht – und weitergeht.

    Die Kugeln in Köln liegen einfach da. Sie verlangen nichts. Sie erklären nichts. Sie kommentieren nicht einmal.

    Und vielleicht ist genau das das Beeindruckende.

    Man steht davor, sieht sich, sieht sich noch einmal, ein bisschen anders, und merkt irgendwann, dass dieses Bild nicht bei einem bleibt.

    Es gehört einem nur für einen Moment.

    Man geht ein paar Schritte weiter. Hinter einem liegen die Kugeln noch immer da. Und irgendwo darin auch eine Version, die man nicht ganz mitgenommen hat. Oder vielleicht doch. Nur nicht so, wie man denkt.


    1. Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst kennt Momente von prophetischer Klarheit, in denen ein Werk die technologischen und psychologischen Strukturen einer fernen Zukunft mit einer Präzision vorwegnimmt, die erst Jahrzehnte später vollumfänglich fassbar wird. Ein solches Ereignis markiert der Auftritt der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama bei der 33. Biennale von Venedig im Jahr 1966. Ohne offizielle Einladung, jedoch unterstützt durch die finanzielle Hilfe von Lucio Fontana und die informelle Duldung des Biennale-Präsidenten, inszenierte Kusama auf dem Rasen vor dem italienischen Pavillon eine Installation, die das Fundament für eine radikale Kritik an der beginnenden Spektakelgesellschaft legte. Mit 1.500 spiegelnden Kunststoffkugeln schuf sie einen „kinetischen Teppich“, in dem sich die Umgebung, die Besucher und die Künstlerin selbst in einer unendlichen, verzerrten Wiederholung auflösten. 

    2. Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und daran zugrunde geht. Bei Kusama ist die Quelle vervielfacht. Man steht nicht allein davor. Und genau das verändert etwas. 

    3. Die Aufforderung “Your Narcissism for Sale” ist von einer tiefen Ironie geprägt. Sie unterstellt dem Betrachter nicht nur, narzisstisch zu sein, sondern auch, dass dieser Narzissmus so oberflächlich ist, dass er für einen geringen Betrag käuflich erworben werden kann. Kusama kritisiert damit eine Form der Eitelkeit, die heute durch digitale Geräte massiv verstärkt wird. Das Smartphone fungiert als der moderne “Schwarze Spiegel”, in dem wir ständig nach Bestätigung suchen. 

    Faulmann und das Gerät ohne Vertrag

    2026-04-14 00:00:00 +0200

    Es war einer dieser Tage am Waldtisch, an denen das neue Gerät mal wieder im Mittelpunkt stand.

    Mummrich hatte es zwischen zwei Wurzeln abgestellt, leicht schief, als hätte es selbst kein rechtes Verhältnis zum Boden.

    “Ich hab gelesen Sie finden jetzt Fehler”, sagte er und tippte gegen das Gehäuse.
    “In Software, die seit Jahren läuft.”

    Faulmann nickte.

    “So wie du früher Dr. Mummrich”, murmelte er. “Nur ohne Prüfplan.”

    Eine Weile sagte keiner etwas.
    Im Hintergrund knackte Holz. Oder vielleicht war es nur die Leitung.

    “Es hat schon etwas”, sagte Mummrich schließlich, “dass ausgerechnet Systeme, deren Verhalten man nicht vollständig vorhersagen kann, dabei helfen, andere Systeme berechenbarer zu machen.”

    Faulmann sah auf das Gerät, dann wieder in den Wald.

    “Fast so, als würde man jemanden fragen, der nicht sehr ordentlich ist, ob er einem beim Aufräumen hilft.”

    “Und?”

    “Manchmal sieht er Dinge, die man selbst schon lange übersieht.”

    Mummrich schob die Lampe ein wenig näher heran.

    “Im Grunde ist es wie ein Code Audit ohne Kontext”, sagte er. “Kein Regelwerk, kein vollständiges Modell - aber eine Art Gespür für semantische Bruchstellen.”

    Faulmann zuckte leicht mit den Schultern.

    “Vielleicht ist genau das der Punkt. Klassische Software scheitert oft an den Stellen, an denen jemand oder sogar viele zu sicher waren.”

    Ein kurzer Wind ging durch die Blätter.

    “Und die Kiste”, sagte Mummrich langsam, “ist sich nie ganz sicher, was sie annehmen soll.”

    Faulmann lächelte kaum sichtbar.

    “Es produziert Wahrscheinlichkeiten”, sagte er. “Und findet dabei Stellen, an denen jemand früher so getan hat, als gäbe es keine.”

    Wieder Stille.

    Irgendwo im Gerät lief ein Prozess weiter.
    Oder mehrere. Man konnte es nicht genau sagen.

    “Eigentlich interessant”, sagte Mummrich schließlich.
    “Niemand hat je behauptet, dass es deterministisch ist.”

    Faulmann nickte.

    “Nein”, sagte er. “Das hat nie jemand zugesichert.”

    Ein leises Rascheln ging durch die Blätter.

    “Und trotzdem behandeln wir es oft so, als hätte es genau diesen Vertrag unterschrieben.”

    Mummrich schob ein paar Krümel beiseite, die nicht wirklich da waren.

    “Vielleicht, weil wir es gewohnt sind”, sagte er.
    “Bei klassischer Software ist das ja anders. Da ist Determinismus keine merkwürdige Annahme, sondern eine stillschweigende Erwartung - fast schon eine Abmachung.”

    Faulmann lehnte sich ein wenig zurück.

    “Wie bei einer Brücke”, murmelte er.
    “Man geht nicht jeden Tag hin und prüft neu, ob sie trägt.”

    “Und wenn sie es einmal nicht tut, ist es ein Fehler.”

    Faulmann sah kurz zu dem Gerät.

    “Hier ist es umgekehrt”, sagte er.
    “Es gibt keinen solchen Vertrag. Kein Versprechen auf Gleichheit. Und doch entsteht Irritation, weil wir es trotzdem erwarten.”

    Ein leises Klicken aus dem Inneren des Geräts.
    Oder Einbildung.

    “Und dann wird es zum Vorwurf”, sagte Mummrich.
    “Nicht deterministisch.”

    Faulmann strich mit der Pfote über den Tisch, als würde er eine unsichtbare Linie nachziehen.

    “Was ja stimmt”, sagte er. “Nur ist es eben kein gebrochener Vertrag.”

    Eine Pause.

    “Vielleicht eher ein falsch gelesener.”

    Der Wind ging einmal durch die Zweige und ließ etwas fallen, das man nicht mehr genau zuordnen konnte.

    “Und gleichzeitig”, sagte Mummrich langsam, “finden sie Dinge, die lange übersehen wurden.”

    Faulmann sah kurz auf.

    “Nicht, weil sie es besser wissen”, sagte er.
    “Sondern weil sie viel schauen. Und schnell. Und vielleicht auch Dinge, die sonst niemand prüft.”

    Mummrich nickte kaum merklich.

    “Und weil sie keine starken Annahmen mitbringen, die früh alles in eine Richtung zwingen.”

    Faulmann zog eine kleine Linie in den Staub, die gleich wieder verschwand.

    “Sie prüfen nicht tiefer”, murmelte er.
    “Sie prüfen breiter, wilder.”

    Eine Pause.

    “Und stolpern dabei über Dinge, an denen andere immer vorbeigelaufen sind.”

    Das Gerät summte leise.

    “Vielleicht ist auch der Gegensatz gar nicht so sauber”, sagte Mummrich nach einer Weile.
    “Deterministische Software…”

    Er ließ den Satz kurz hängen.

    “…ist das ja oft nur auf dem Papier.”

    Faulmann nickte.

    “Undefined behavior”, sagte er.
    “Timing. Nebenläufigkeit. Dinge, die niemand ganz zu Ende spezifiziert hat.”1

    Ein leiser Wind ging durch die Äste.

    “Determinismus ist oft eine Hoffnung mit guter Dokumentation.”

    Mummrich schob die Lampe ein Stück tiefer.

    “Vielleicht finden sie die Fehler nicht, weil sie weniger deterministisch sind”, sagte er.
    “Sondern weil sie nicht so tun, als wäre alles vollständig verstanden.”

    Faulmann sah noch einmal auf das Gerät, dann in den Wald.

    “Das eine hält sich an den Plan.”

    Eine kleine Pause.

    “Das andere hat keinen. Oder hält sich nicht daran.”

    Dann ließ er den Satz liegen.


    1. Ein Zustand, in dem ein System formal korrekt läuft und sich dennoch nicht ganz an die eigenen Erwartungen hält. 

    Faulmann und die verflixte 19

    2026-04-11 00:00:00 +0200

    Der Wald war still genug, dass man das Knistern hören konnte, lange bevor man den Ofen sah.

    Dachsberts neuer Lehmofen stand etwas schief am Rand der Lichtung.
    Er hatte ihn sich schicken lassen. Kostenlos, wie er betonte. Seitdem wurde darin gebacken, was sich fand.

    Faulmann saß am Tisch, die Pfoten um eine Tasse gelegt, die schon eine Weile leer war.
    Neben ihm lag die Packung. Offen.

    “Die 19 kleinen Pizzabrötchen sind ideal zum Teilen.”

    Er hatte den Satz einmal gelesen.
    Und dann noch einmal.

    Jetzt lag der Teller vor ihm.

    Gezählt war bereits.

    “Neunzehn”, sagte er leise.

    Mummrich rückte seine Lampe ein Stück näher.

    “Das ist… unpraktisch.”

    Faulmann nickte langsam.

    “Sie sagen, es sei zum Teilen gemacht.”

    Ein Rascheln im Laub.
    Lioba trat aus dem Dunkel.
    Sie sah auf den Teller, als wäre dort nichts Neues zu entdecken.

    “Neunzehn ist eine Primzahl”, sagte sie.

    Mummrich blinzelte kurz.

    “Also…?”

    Lioba nahm einen kleinen Stock und zog eine Linie in den Boden.
    Dann eine zweite.
    Dann eine dritte.

    Keine passte.

    “Man kann sie nicht gleichmäßig aufteilen.
    Nicht, ohne etwas übrig zu lassen.
    Oder jemanden.”

    Sie hielt kurz inne.

    “Es ist mathematisch maximal unsozial.”

    Faulmann betrachtete den Teller.

    “Man hat sie zum Teilen gemacht”, sagte er nach einer Weile.
    “Aber nicht zum gerechten Teilen.”

    Mummrich sah zwischen ihm und dem Teller hin und her.

    “Vielleicht ist das der Trick.”

    “Welcher Trick?”

    “Zu sagen, es sei fürs Teilen.
    Und dann zuzusehen, was passiert.”

    Lioba zog eine weitere Linie, die nirgends anschloss.

    “Mathematik beschreibt nur die Möglichkeiten.
    Was ihr daraus macht, ist nicht mehr mein Fach.”

    Eine Weile sagte niemand etwas.

    Dann nahm Faulmann eines der Brötchen.
    Zögerte.
    Legte es wieder zurück.

    “Man könnte es auch einfach liegen lassen.”

    Mummrich nickte langsam.

    “Bis es kalt wird.”

    Lioba strich mit dem Fuß durch die Linien im Staub.

    “Auch das ist eine Form von Gleichheit.”

    Der Ofen knackte leise.

    Von der Seite hörte man Dachsbert etwas sagen,
    das klang wie: “Die Hitze hält gut.”

    Niemand antwortete.

    Auf dem Teller lag noch immer die gleiche Zahl.