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Die primären Erze des Reviers sind sulfidischer Natur. Besonders hervorzuheben sind:Zinkblende (Sphalerit: Das mengenmäßig wichtigste Erz, das ab der Mitte des 19. Jahrhunderts den industriellen Aufschwung der Region bestimmte.Bleiglanz (Galenit): Oft silberhaltig, bildete es die Grundlage des Berbaus vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.Kupferkies (Chalkopyrit): In geringeren Mengen vorhanden, jedoch regelmäßig mitgefördert.Eisenerze (Siderit, Limonit): Vor allem in den Oxidationszonen der Gänge angereichert. ↩
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Die Repräsentanz der belgischen Betreibergesellschaft zeigte sich auch in der Architektur der Tagesanlagen. Das Zechenhaus der Grube Apfel, das als Verwaltungsgebäude diente, besticht durch seine historisierenden Fenster und seine solide Bauweise. Es war nicht nur ein funktionales Gebäude, sondern auch ein Symbol für die Macht und den Reichtum der Vieille Montagne. Unmittelbar daneben steht das Steigerhaus, in dem der Obersteiger Johann Mangold mit seiner Familie lebte. Diese Gebäudeensemble sind heute seltene Beispiele für erhaltene Bergbauarchitektur im Rheinisch-Bergischen Kreis und dienten in den 1980er Jahren sogar als Kulisse für die Fernsehserie „Forstinspektor Buchholz“. ↩
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Hinter diesem Aberglauben verbirgt sich eine sehr reale Sicherheitsvorschrift: In den instabilen Stollen durfte man nihct zu laut werden, um die akustischen Warnsignale des „arbeitenden“ Gebirges (Knacken des Holzes oder Steinschlag) nicht zu überhören. ↩
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Relikte dieser Bahn, wie Schwellen und Schienenreste im Bachbett, sind noch heute Zeugen dieses frühen industriellen Transportsystems ↩
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Die Mühle wurde primär als Kornmühle genutzt und beherbergte bis vor einigen Jahren eine bekannte Bäckerei für Brot und Feingebäck. Die Kombination aus Mahlgang und Backofen unter einem Dach war ein hocheffizientes Wirtschaftsmodell. Mit der industriellen Produktion von Backwaren und dem Rückgang der lokalen Getreideproduktion verlor die Mühle jedoch ihre ökonomische Basis. Heute dienen die sorgfältig erhaltenen Gebäude Wohnzwecken, wobei der Umbach und der Mühlenteich noch immer die historische Funktion der Anlage erahnen lassen ↩
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Das Ganze lässt sich ebenso gut erwandern denn das Volbachtal lässt sich auch gut mit dem ÖPNV erreichen. Von Köln fährt die Bahnlinie 1 bis Bensberg und dann mit der Buslinie 455/454 bis nach “Bergisch Gladbach Strassen” und dann hinab ins Tal. Alternativ kann man auch von RÖsrath Bahnhof (RB25 aus Köln) den Bus 420 bis bis Overath Oberauel nehmen und von dort ins Tal starten. Beide Varianten führen schnell aus der Stadt heraus - und ebenso schnell in eine andere Ruhe. ↩
- strategische Ausrichtung
- Synergien heben
- Wertströme treiben
- nachhaltige Transformation gestalten
- flüssig
- selbstbewusst
- gut strukturiert
- manchmal erstaunlich leer
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Randnotiz aus der Bärenhöhle
Jürgen Habermas (1929-2026) war ein deutscher Philosoph, der viel über Gespräche nachgedacht hat. Vor allem darüber, wie Menschen miteinander sprechen könnten, wenn nicht Lautstärke oder Macht entscheiden, sondern Gründe. Er nannte das einmal einen “herrschaftsfreien Diskurs”.
Faulmann fand das eine schöne Idee.
Mummrich hörte eine Weile zu und sagte dann:
“Bei den Maulwürfen funktioniert das übrigens ganz ähnlich.”
Faulmann sah ihn an.
“Echt?”
“Nein”, sagte der Maulwurf. “Bei uns gewinnt meistens einfach der, der zuerst gräbt.” ↩ -
Eigentlich ist es ein wenig merkwürdig.
Faulmann sah auf den Bildschirm.
“Wir schreiben einen Text darüber, dass Maschinen überzeugend schreiben können.”
Mummrich nickte langsam.
“Und wer schreibt ihn?”
“Nun ja”, sagte Faulmann. “Ich tippe.”
Der Maulwurf tippte mit der Pfote gegen das Laptop.
“Und das hier?”
“Schlägt Sätze vor.”
Eine Weile sagte keiner etwas.
Dann meinte Mummrich:
“Das heißt also, ein Mensch und eine Maschine schreiben gemeinsam darüber, dass Maschinen schreiben können.”
Faulmann lehnte sich zurück.
“Ja.”
Der Maulwurf dachte kurz nach.
“Das ist entweder sehr konsequent.”
“Oder?”
Faulmann sah wieder auf den Text.
“Oder genau der Punkt.” ↩
Faulmann und das Tal unter der Oberfläche
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Captain Faulmann, der Freund gepflegter Umwege und entschleunigter Fortbewegung, hatte sich Folgendes zur Saisonstart vorgenommen: eine entspannte Erkundung abseits der lauten Metropole. Das Ziel: das Volbachtal im Bergischen Land. Ein Fleckchen Erde, das auf der Landkarte so unscheinbar wirkt wie ein Krümel auf der Sonntagstischdecke, bei näherem Hinsehen jedoch eine Geschichte birgt, die selbst den stoischsten Radfahrer zum Absteigen zwingt.
Der Tag beginnt mit Vogelgezwitscher und einer Thermoskanne Filterkaffee. Ich schnappe mir mein Rad und rolle, nach dem Aufstieg auf die Hardt, gemütlich in ein Tal, in dem einst geschuftet, gegraben und gemahlen wurde.
Der Bach, der vielleicht keiner ist
“Volbach” klingt harmlos. Fast beiläufig. Ein Bach eben. Aber Namen sind selten zufällig.
Man sagt, er gehe zurück auf “Vogelbach” - ein Ort, an dem Vögel den Raum markieren, nicht Menschen. Andere Stimmen sprechen von einem langsam fließenden Gewässer. Ein träger Bach. Einer, der sich Zeit lässt.
Faulmann mochte diese zweite Deutung.
“Ein Bach, der sich nicht beeilt”, murmelte er, während er neben ihm herfuhr. “Das ist ein guter Anfang für einen Ort.”
Die Hügel, die einmal Arbeit waren
Weiter oben, fast unscheinbar, liegen Namen wie “Juck”. Heute klingt das wie ein Ort, den man schnell überfährt. Früher war es ein Maß. Oder eine Lage. Oder beides zugleich.
Ein “Joch”. Die Fläche, die ein Ochsengespann an einem Tag pflügen konnte. Oder einfach: ein Stück Land, das man sich erarbeiten musste.
Faulmann hielt kurz an, stellte den Fuß auf den Boden und sah hinauf.
“Ein ganzer Tag Arbeit”, sagte er leise. “Heute reicht ein Gangwechsel.”
Was unter den Reifen liegt
Die Wege im Volbachtal knirschen anders. Nicht nur Stein, sondern Geschichte.
Unter den Reifen liegen Gesteine, die vor etwa 400 Millionen Jahren entstanden sind: Schiefer, Grauwacke und Sandstein. Doch das Entscheidende war nicht der Stein selbst, sondern das, was in seinen Rissen wuchs: Zink, Blei und ein wenig Kupfer 1.
Erze, die durch heiße Lösungen in die Tiefe getragen wurden, lange bevor jemand wusste, dass man sie eines Tages brauchen würde.
Faulmann fuhr langsamer.
“Manchmal”, dachte er, “entstehen die Dinge lange bevor jemand versteht, wofür sie da sind.”
Die Grube mit dem freundlichen Namen
Dann kam er an einen Ort, der so gar nicht zu seinem Namen passte: die Grube Apfel. Kein Baum. Kein Obst. Nur Erde, die einmal geöffnet wurde.
Hier arbeiteten im 19. Jahrhundert hunderte Menschen. Unter Tage, im Dunkeln, in einem System aus Schächten und Stollen. Der sogenannte “Apfel-Gang” zog sich über hunderte Meter durch das Gestein - oben reich an Erz, unten zunehmend leer.
“Wie ein Versprechen, das langsam dünner wird”, dachte Faulmann.
Er stellte das Rad ab und sah in den Wald. Heute ist alles überwachsen. Moos, Wurzeln, Stille. Die Natur hat sich den Namen zurückgeholt.2
Was unter Tage erzählt wurde
Wo gegraben wird, wird auch erzählt.
Im Bergischen sprach man früher vom Bergmännchen. Ein kleines Wesen, das fleißigen Bergleuten reiche Erzadern zeigte – solange sie sich ruhig verhielten. Pfeifen oder lautes Schreien war verboten. Wer pfiff oder schrie, verlor das Glück. Oder schlimmer: brachte den Stollen zum Einsturz 3.
“Nicht pfeifen - still bleiben”, murmelte er.
Und plötzlich fiel ihm ein ganz anderer Ort ein. Ein heller Raum, Glasplatten, feine Instrumente. Ein Mikrobiologiekurs bei der legendären Frau Zenker. Auch dort war Pfeifen und lautes Sprechen untersagt gewesen. Nicht aus Aberglauben, sondern weil es die Präparate verunreinigen konnte.
Faulmann lächelte.
Vielleicht lagen die Dinge gar nicht so weit auseinander.
Vielleicht ging es immer darum, aufmerksam zu bleiben. Still genug, um das zu bemerken, was sonst verloren geht.
Er sah in den Wald, der heute alles bedeckt.
“Manchmal”, dachte er, “erzählen sich die Menschen Geschichten, um sich an das Richtige zu erinnern.”
Die Bahn, die leise geworden ist
Eine andere Geschichte, die Faulmann einmal gehört hatte, war die von der Appeler Bahn - einem besonderen logistischen Kunststück.
Irgendwo hier verlief sie. Eine schmale Strecke, auf der Pferde Loren zogen, beladen mit Erz. Immer leicht bergab, damit die Last sich fast von selbst bewegte.
Faulmann versuchte, sich das Geräusch vorzustellen: Metall auf Metall, Rufe, Schritte. Doch es kam nichts. Nur Wind 4.
Wasser, das mehr kann als fließen
Weiter unten traf er auf die Spuren der Volbacher Mühle. Ein Ort, an dem Wasser nicht nur da war, sondern genutzt wurde.
Ein künstlicher Bachlauf, ein “Umbach”, leitete Wasser über mehrere hundert Meter in einen Mühlenteich - Speicher, Reserve, Kontrolle über etwas, das eigentlich nicht kontrollierbar ist.
Faulmann hielt kurz inne.
“Man hat das Wasser gezähmt”, sagte er. “Und heute lässt man es wieder laufen.” 5
Was bleibt, wenn alles vorbei ist
Der Bergbau ist verschwunden. Aber nicht ganz.
Im Boden liegen noch Schwermetalle. Im Bach färbt sich das Wasser stellenweise rostbraun. Und doch ist etwas Neues entstanden: eine Landschaft, in der nur bestimmte Pflanzen überleben - Spezialisten, angepasst an das, was andere nicht aushalten.
Auf und an den alten Halden wächst heute eine besondere Vegetation, die Faulmann aus dem Studium als Galmei-Flora kennt. Pflanzen, die gelernt haben, mit Metallen im Boden zu leben. Was für die meisten Gewächse Gift wäre, ist für sie zu einem Helfer geworden.
Faulmann betrachtete das Gras am Rand, das hier irgendwie anders wirkte. Unauffälliger vielleicht. Oder widerständiger.
“Seltsam”, dachte er, “dass selbst Schaden zum Fundament eines neuen Ortes werden kann.”
Er blieb noch einen Moment stehen.
“Und dass daraus etwas wächst, das ohne ihn hier nie entstanden wäre.”
Eine Begegnung, die sich nicht einordnen ließ
Der Weg führte weiter am Bach entlang, ruhig, fast zu ruhig für einen Ort mit so viel Vergangenheit.
Dann kamen sie ihm entgegen. Zwei junge Frauen auf Pferden, die sich mit einer Selbstverständlichkeit bewegten, als hätte es diesen Weg schon immer für sie gegeben. Kein Hast, kein Ziel, das man sehen konnte. Nur dieses gleichmäßige, leise Vorankommen.
Faulmann nickte ihnen zu.
Sie lächelten kurz zurück und ritten weiter, als gehörten sie zu einer anderen Zeit, die sich nur für einen Moment in diese hineingeschoben hatte.
Er blieb noch einen Augenblick stehen. Auf der anderen Seite des Bachs stand ein kleines Haus, das ihm vorher nicht aufgefallen war. Schief, ein wenig zu verwinkelt, um ganz gewöhnlich zu sein. Fast so, als hätte es sich erst jetzt gezeigt. Ein Hexenhaus, hätte man früher vielleicht gesagt. Der Zaun davor war niedrig, eher eine Andeutung von Grenze als eine wirkliche. Und genau dort, halb verborgen zwischen den Latten, erhob sich ein Kopf.

Ein Dinosaurier.
Nicht bedrohlich. Eher neugierig. Als würde er ebenso wenig verstehen, wie er hierhergekommen war, wie jeder andere. Faulmann sah einen Moment länger hin, als nötig gewesen wäre.
Dann zuckte er leicht mit den Schultern. “Manche Dinge”, dachte er, “müssen keinen Sinn ergeben, um genau hierher zu gehören.”
Er setzte sich wieder aufs Rad und fuhr weiter, als hätte er nichts Ungewöhnliches gesehen.
Das leise Ende eines lauten Ortes
Früher war das Volbachtal laut: Hämmer, Maschinen, Stimmen.
Heute hört man Schritte, vielleicht ein Fahrrad, und den Bach, der sich Zeit lässt.
Irgendwo weiter unten standen Wasserbüffel im Gras. Oder zumindest etwas, das sehr danach aussah. Schwer, ruhig, ein wenig fehl am Platz - und gleichzeitig genau richtig für diesen Ort.
Faulmann blinzelte kurz.
“Manche Dinge”, dachte er, “muss man nicht ganz verstehen, damit sie passen.”
Er nahm einen letzten Schluck aus seiner Thermoskanne und stand auf.
“Fortschritt”, sagte er, “ist manchmal einfach das, was übrig bleibt, wenn es still geworden ist.”
Er setzte sich wieder aufs Rad und fuhr weiter. Langsam. Natürlich.
Anreise und ein kleiner Abstecher

Das Volbachtal liegt nur ein paar ruhige Kilometer abseits der gewohnten Wege zwischen Bensberg und Overath. Wer aus Köln kommt, kann sich über den Hardt langsam herantasten – ein erster Anstieg, der den Kopf frei macht, bevor das Tal ihn wieder einsammelt.
Die Wege sind gut fahrbar, mal Schotter, mal Waldweg, immer nah am Wasser. Kein Ort, den man „abhakt“. Eher einer, durch den man sich treiben lässt.
Und vielleicht ist es genau das, was diesen Abstecher so besonders macht: Man fährt nicht wegen eines einzelnen Ziels hierher. Sondern wegen dem, was unterwegs auftaucht.
Faulmann sah noch einmal zurück, bevor er den Weg hinaus nahm.
Ein Tal voller Spuren. Und ein paar Dinge, die man nicht weiter erklären muss.
Tatze hoch für diesen kleinen Umweg. 6
Faulmann und der Moment, in dem der Schüler zum Meister wurde
Es war einer dieser Abende, an denen der Wald still genug ist, um Gedanken laut werden zu lassen.
Faulmann saß vor der Bärenhöhle auf einem umgestürzten Baumstamm.
Neben ihm hatte Meister Mummrich seine kleine Grubenlampe aufgestellt. Das Licht fiel auf ein merkwürdiges Gerät, das Faulmann aus der Menschenwelt mitgebracht hatte.
“Was macht das Ding eigentlich?”, fragte der Maulwurf.
Faulmann kratzte sich unter der Schiebermütze.
“Es schreibt.”
Mummrich blinzelte.
“Schreiben können viele.”
“Ja”, sagte Faulmann, “aber dieses hier schreibt sehr überzeugend.”
Die alte Kunst des vielen Sagens
Faulmann hatte in letzter Zeit viel Zeit unter Menschen verbracht. Besonders in Gebäuden mit Glasfassaden und langen Tischen.
Dort hatte er eine alte Kunst beobachtet.
Menschen konnten erstaunlich lange sprechen, ohne dass unbedingt viel dahinterstand.
Es klang dann ungefähr so:
Faulmann hatte nie ganz verstanden, was davon genau passierte. Aber die Menschen nickten oft sehr ernst dabei.
Das schien Teil des Spiels zu sein.
Dann kam die Maschine
Irgendwann jedoch brachten die Menschen eine neue Maschine mit.
Diese Maschine konnte etwas, das ihnen gleichzeitig vertraut und unheimlich vorkam.
Sie schrieb:
Und plötzlich waren alle überrascht.
“Wie kann das sein?”, fragten sie.
Faulmann fand das ein wenig komisch.
Denn wenn jemand seit Jahren an Meetings teilnimmt, in denen Worte gelegentlich schneller wachsen als Gedanken, dann wirkt eine solche Maschine eigentlich eher folgerichtig.
Der Spiegel
Meister Mummrich betrachtete das Gerät eine ganze Weile.
“Vielleicht”, sagte er schließlich, “ist das gar keine neue Fähigkeit.”
Faulmann hob eine Augenbraue.
“Vielleicht ist es nur ein Spiegel.”
Die Maschine hatte schließlich von Menschen gelernt.
Von ihren Dokumenten, Präsentationen, Berichten und E-Mails.
Wenn sie spricht, spricht sie also oft im Ton der Institutionen selbst.
Und manchmal erkennt man sich in einem Spiegel erst dann richtig, wenn jemand anderes ihn hochhält.
Faulmann dachte einen Moment nach.
“Es gab einmal einen alten Philosophen bei den Menschen”, sagte er schließlich. “Habermas.”1
Mummrich nickte langsam.
“Der mit der Idee, dass Gespräche mehr sein sollten als nur überzeugend zu klingen.”
Faulmann nickte.
“Genau der.”
Eine Weile sahen beide auf den Laptop.
“Ich habe gehört, er ist gerade gestorben.”
Der Maulwurf rückte seine Grubenlampe ein wenig näher an das Gerät.
“Interessanter Zeitpunkt”, murmelte er.
Der Schüler wird zum Meister
Faulmann musste schmunzeln.
“Vielleicht ist das hier einfach der Moment”, sagte er schließlich,
“in dem der Schüler zum Meister geworden ist.”
Die Menschen hatten der Maschine beigebracht, wie man überzeugend klingt.
Nun konnte sie es.
Sehr gut sogar.
Manchmal ein wenig zu gut.
Eine kleine Verschiebung
Doch vielleicht liegt darin auch eine kleine Verschiebung.
Wenn überzeugend klingende Sprache plötzlich überall verfügbar ist, dann verliert sie ihren alten Wert.
Vielleicht müssen Menschen dann eine andere Frage stellen.
Nicht mehr:
“Wie gut klingt das?”
Sondern:
“Woher kommt diese Aussage eigentlich?”
Oder, wie Mummrich es formulierte:
“Wer hat das gedacht - und woran kann man das erkennen?”2
Der Maulwurf löschte seine Lampe.
Im Dunkeln sagte Faulmann noch:
“Vielleicht ist das gar keine Krise der Maschinen.”
“Vielleicht ist es einfach das Ende der PowerPoint-Rhetorik als Naturgesetz.”
Und irgendwo tief im Wald raschelte es zustimmend.
Der äußerste Streifen
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Es war später, als Faulmann wieder in seiner Bärenhöhle saß.
Der Stein hielt die Kälte draußen, das Kaminfeuer klein; nur so viel Wärme, wie nötig war.
Faulmann blätterte durch seine Aufzeichnungen. Kirchenraum. Vitrine. Pergament. Ränder, die mehr sagten als die Mitte. Er hatte vieles notiert. Fast zu vieles.
Mummrich saß ihm gegenüber. Die Grubenlampe zwischen ihnen war kein Zeichen. Sie war einfach Licht.
Faulmann strich mit der Kralle über den Rand.
“Die Seiten enden ja gar nicht mit den Verzierungen”, brummte er. Es klang wie ein Heureka, nur ohne Euphorie. Mehr wie ein leiser Verdacht, der sich endlich traute.
Die Höhle antwortete nicht. Sie tat, was Höhlen tun. Sie schwieg.
Faulmann hatte immer auf die Drolerien geschaut. Auf Einhörner, Affenwesen, kleine Spötter am Rand der Ordnung. Und dort, wo sie aufhörten, hatte er automatisch Schluss gedacht.
Aber das war falsch.
Mummrich räusperte sich im Halbdunkel und Sprach:
“Ganz außen - dort, wo der Rand der Verzierung selbst ausläuft - bleibt das Papier leer. Unverziert. Fast trivial. Ein Streifen, der nicht mehr kommentiert, nicht mehr ergänzt.”
“Hier beginnt eine andere Zone”, fuhr Mummrich fort. “Nicht nur im Buch. In den Köpfen. Da wird auch benutzt. Nur anders. Nicht, weil dort nur das Extreme gedacht wird. Sondern weil dort ein Bereich beginnt, der erstaunlich gut ohne Gedanken auskommt.”
Das Feuer knackte zustimmend oder zufällig.
“Die Mitte kann man erweitern. Der Rand kann sie kommentieren. Aber diese äußerste Kante - die erweitert nichts. Sie nimmt nur Platz weg und fühlt sich dabei sehr beschäftigt.”
Faulmann fragte nicht, ob das schlimm sei. Er kannte die Antwort schon, bevor sie fertig gedacht war.
Mummrich zuckte nur mit den Schultern. Das ist bei ihm schon fast ein Essay.
Auf dem äußersten Streifen blieb es leer.
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