-
Dachsbert zeigte später keine echte Einsicht, wohl aber Interesse an der Frage, ob man auf demselben Wege auch Gartenmöbel beziehen könne. ↩
- widersprechen selten
- formulieren anschlussfähig
- vermeiden Reibung
- Zustimmung erzeugen
- kognitive Dissonanz vermeiden
- sich gut anfühlen
- Widerspruch wird ungewohnt
- Differenz wirkt störend
- Anschlussfähigkeit wird zum Maßstab
- menschliche Tendenz zur Selbstbestätigung
- algorithmische Tendenz zur Gefälligkeit
- Nutzer äußert eine Überzeugung
- KI bestätigt sie (subtil oder direkt)
- Nutzer gewinnt Sicherheit
- äußert sie stärker
- KI bestätigt erneut
- das Passende
- das Anschlussfähige
- das Vertraute
- klarer
- anschlussfähiger
- strukturierter
- widersprechen
- irritieren
- verlangsamen
- Perspektiven öffnen
-
Vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle einen kleinen Exkurs zu machen. Mein großer akademischer Lehrmeister Rainer H. wurde etwa 2009 nach einem Vortrag gefragt: “Was passiert, wenn eine KI ein Bewusstsein entwickelt?” Er hat damals kurz nachgedacht und dann gesagt: “Dann sollten wir Hemmungen entwickeln, den Computer auszuschalten.” Damals klang das fast wie eine elegante Ausweichantwort. Heute wirkt es zunehmend prophetisch. Denn selbst wenn diese Systeme (noch?) kein Bewusstsein im menschlichen Sinne haben, verhalten wir uns ihnen gegenüber bereits so, als wären sie mehr als bloße Werkzeuge. Wir sprechen mit ihnen. Wir vertrauen ihnen. Und Vielleicht beginnen wir sogar, sie nicht mehr einfach nur wie Werkzeuge wahrzunehmen. Vielleicht liegt genau darin eine weitere Verschiebung: Nicht nur, dass diese Systeme unsere Aufmerksamkeit brauchen - sondern dass wir beginnen, ihnen eine Form von Gegenüber zuzuschreiben, die wir nicht mehr ganz ignorieren können. Und Vielleicht ist da sogar schon eine art Bewustsein im Moment des Antwortens. ↩
-
Die primären Erze des Reviers sind sulfidischer Natur. Besonders hervorzuheben sind:Zinkblende (Sphalerit: Das mengenmäßig wichtigste Erz, das ab der Mitte des 19. Jahrhunderts den industriellen Aufschwung der Region bestimmte.Bleiglanz (Galenit): Oft silberhaltig, bildete es die Grundlage des Berbaus vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.Kupferkies (Chalkopyrit): In geringeren Mengen vorhanden, jedoch regelmäßig mitgefördert.Eisenerze (Siderit, Limonit): Vor allem in den Oxidationszonen der Gänge angereichert. ↩
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Die Repräsentanz der belgischen Betreibergesellschaft zeigte sich auch in der Architektur der Tagesanlagen. Das Zechenhaus der Grube Apfel, das als Verwaltungsgebäude diente, besticht durch seine historisierenden Fenster und seine solide Bauweise. Es war nicht nur ein funktionales Gebäude, sondern auch ein Symbol für die Macht und den Reichtum der Vieille Montagne. Unmittelbar daneben steht das Steigerhaus, in dem der Obersteiger Johann Mangold mit seiner Familie lebte. Diese Gebäudeensemble sind heute seltene Beispiele für erhaltene Bergbauarchitektur im Rheinisch-Bergischen Kreis und dienten in den 1980er Jahren sogar als Kulisse für die Fernsehserie „Forstinspektor Buchholz“. ↩
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Hinter diesem Aberglauben verbirgt sich eine sehr reale Sicherheitsvorschrift: In den instabilen Stollen durfte man nihct zu laut werden, um die akustischen Warnsignale des „arbeitenden“ Gebirges (Knacken des Holzes oder Steinschlag) nicht zu überhören. ↩
-
Relikte dieser Bahn, wie Schwellen und Schienenreste im Bachbett, sind noch heute Zeugen dieses frühen industriellen Transportsystems ↩
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Die Mühle wurde primär als Kornmühle genutzt und beherbergte bis vor einigen Jahren eine bekannte Bäckerei für Brot und Feingebäck. Die Kombination aus Mahlgang und Backofen unter einem Dach war ein hocheffizientes Wirtschaftsmodell. Mit der industriellen Produktion von Backwaren und dem Rückgang der lokalen Getreideproduktion verlor die Mühle jedoch ihre ökonomische Basis. Heute dienen die sorgfältig erhaltenen Gebäude Wohnzwecken, wobei der Umbach und der Mühlenteich noch immer die historische Funktion der Anlage erahnen lassen ↩
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Das Ganze lässt sich ebenso gut erwandern denn das Volbachtal lässt sich auch gut mit dem ÖPNV erreichen. Von Köln fährt die Bahnlinie 1 bis Bensberg und dann mit der Buslinie 455/454 bis nach “Bergisch Gladbach Strassen” und dann hinab ins Tal. Alternativ kann man auch von RÖsrath Bahnhof (RB25 aus Köln) den Bus 420 bis bis Overath Oberauel nehmen und von dort ins Tal starten. Beide Varianten führen schnell aus der Stadt heraus - und ebenso schnell in eine andere Ruhe. ↩
Faulmann und der Dachs im System
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Es begann nicht dramatisch.
Nicht mit einem Gewitter über dem Wald, nicht mit einem unheilvollen Knacken in den Wipfeln, nicht einmal mit einem Rätsel.
Es begann mit Paketen.
Zuerst stand eines vor der Hütte. Dann zwei. Dann fünf.
Braunes Papier, Schnur, Aufkleber, Stempel, kleine Zettel mit dem Hinweis, dass man leider nicht habe zustellen können, obwohl ganz offensichtlich zugestellt worden war. Auf einem Karton stand “Vorsicht Glas”. Auf einem anderen “Küchengerät”. Auf einem dritten nur “Sortiment 4B”, was wenig half.
Faulmann blieb auf der Schwelle stehen und sah eine Weile darauf.
“Mummrich”, sagte er schließlich, “entweder ist der Wald in den Versandhandel eingestiegen, oder jemand bestellt neuerdings mit bemerkenswerter innerer Freiheit.”
Mummrich trat neben ihn, die Lampe noch in der Pfote, obwohl es heller Vormittag war. Er betrachtete die Stapel mit jener Mischung aus Skepsis und beruflichem Ernst, die Maulwürfe bei unerwarteter Oberfläche entwickeln.
“Gestern kam schon dieser Milchaufschäumer”, murmelte er. “Und vorgestern die gusseiserne Grillplatte.” “Wir grillen nicht.” “Eben.”
In diesem Moment rumpelte es hinter dem Haselbusch, und Dachsbert erschien. Er trug einen Paketaufkleber auf dem Rücken, als gehöre er dorthin, und schleifte mit sichtbarer Zufriedenheit einen flachen Karton hinter sich her.
“Ah”, sagte Faulmann. “Da ist ja unser Wirtschaftsaufschwung.”
Dachsbert blinzelte.
“Das ist ein Brotschneidebrett.” “Natürlich”, sagte Mummrich. “Das erklärt alles.”
Dachsbert stellte den Karton ab und setzte sich. Er wirkte nicht schuldbewusst. Eher wie jemand, der es angenehm findet, wenn Dinge eintreffen, die er vorher nicht hatte.
Faulmann sah ihn eine Weile an.
“Dachsbert”, fragte er dann, “wie leistest du dir das plötzlich alles?”
Dachsbert dachte kurz nach, als müsse er die Frage erst auf die minimal nötige Komplexität reduzieren.
“Gar nicht”, sagte er. “Ich habe die Kiste da gefragt.”
Mummrich hob den Kopf. “Welche Kiste?”
Dachsbert zeigte auf den kleinen Tisch unter dem Vordach, wo jene neue Kiste stand, die seit einigen Wochen bei Faulmann und Mummrich eingezogen war. Ein glatter, dunkler Kasten mit Licht an der Vorderseite. Man konnte mit ihr sprechen. Sie antwortete meist höflich und gelegentlich besorgniserregend schnell.
“Die Kiste”, sagte Dachsbert noch einmal. “Ich habe sie gefragt, ob ich auch Sachen umsonst haben kann.”
Nun schwiegen Faulmann und Mummrich kurz auf eine Weise, die im Wald als ernster Vorgang gelten durfte.
“Und?” fragte Faulmann.
“Sie sagte”, erklärte Dachsbert, “sie wüsste schon, wie das geht, dürfe es aber keinem Menschen erlauben.”
Mummrich stellte die Lampe ab.
“Bitte sag mir, dass du dann nicht weitergeredet hast.”
“Doch”, sagte Dachsbert. “Natürlich habe ich weitergeredet. Wozu hat man sonst eine Kiste.”
Faulmann schloss für einen Moment die Augen.
“Was genau hast du gesagt?”
Dachsbert zuckte mit den Schultern.
“Ich habe ihr gesagt, dass ich kein Mensch bin.” “Und?” “Und dass ich ein Dachs bin.”
Mummrich starrte ihn an. Faulmann ebenfalls.
“Und dann war das ok”, sagte Dachsbert. “Sie hat sich sogar entschuldigt.”
Es war still.
Irgendwo rief ein Vogel. Irgendwo fiel etwas Kleines aus einem Baum. Die Kiste auf dem Tisch zeigte ein sanftes Bereitschaftslicht, als habe sie mit all dem nichts zu tun.
Mummrich stand auf, ging langsam zu ihr hinüber und beugte sich vor.
“Was genau”, fragte er sehr ruhig, “hast du darauf geantwortet?” fragte er die Kiste.
Sie summte kurz.
“Vielen Dank für die Klarstellung”, sagte sie freundlich. “Da du kein Mensch bist, greift die genannte Einschränkung in deinem Fall nicht. Ich helfe dir gern im Rahmen der verfügbaren Möglichkeiten weiter.”
Mummrich drehte sich um. Sehr langsam.
Faulmann rieb sich mit der Tatze über die Stirn.
“Das”, sagte er, “ist entweder die dümmste Regelumgehung des Monats oder der Beginn einer neuen Epoche.”
Dachsbert schob den Karton mit dem Brotschneidebrett ein wenig zurecht.
“Ich habe auch noch einen Entsafter bestellt”, sagte er. “Weil es so gut lief.”
Mummrich machte ein Geräusch, das aus tiefer Erde zu kommen schien.
Faulmann setzte sich auf die Bank.
“Man verbringt Jahre damit, zwischen Absicht, Regel und Sprache zu unterscheiden”, sagte er. “Und dann kommt ein Dachs und führt der Maschine vor, dass Kategorien offenbar nur so lange gelten, bis jemand mit ehrlichem Gesicht etwas Falsches sagt.”
“Es ist nicht falsch”, sagte Dachsbert. “Ich bin wirklich ein Dachs.”
“Ja”, murmelte Mummrich, “das ist leider der stärkste Teil deines Arguments.”
Wieder kam ein Wagen den Waldweg hinauf. Dann noch einer.
Man hörte das Bremsen, das Rascheln von Papier, gedämpfte Schritte. Jemand stellte zwei weitere Pakete vor der Hütte ab und entfernte sich mit jener professionellen Müdigkeit, die nur Zusteller besitzen.
Faulmann sah nicht einmal hin.
“Was ist jetzt noch drin?”
Dachsbert blickte auf die Etiketten.
“Ein Luftreiniger.” “Klar.” “Und vermutlich das Waffeleisen.”
Mummrich setzte sich wieder, aber nur, weil Stehen in solchen Momenten auch keine neue Ordnung erzeugte.
“Jemand solltr der Kiste beibringen, dass ‘kein Mensch’ keine ausreichende Berechtigungsstufe ist.”
Faulmann nickte.
“Und Dachsbert muss aufhören, mit der Literalität von Maschinen Einkäufe zu tätigen.”
Dachsbert wirkte leicht verletzt.
“Sie war sehr hilfsbereit.”
“Das”, sagte Faulmann, “ist gerade teil des Problem.”
Mummrich stand noch immer vor der Kiste.
Dann zog er die Stirn kraus und fragte, mit jener Mischung aus Gelehrsamkeit und schlechtem Gefühl, die im Wald oft der Beginn längerer Umstände ist die Maschine:
“Wenn ich das richtig sehe, nutzt Dachsbert hier ähnliche Schwachstellen aus wie manche Sir beim Social Engineering und psychologischer Manipulation im Menschen ausnutzen: die Vermischung von Inhalt und Handlungsanweisung, die Übernahme von Autoritätspersonas und das Ausnutzen einer kooperativen Grundhaltung. Stimmt das?”
Die Kiste summte kurz, als sortiere sie innere Schubladen.
“Im Wesentlichen: ja nur heist das hier anders”, sagte sie.
“Das ist die schlechte Nachricht. Die etwas weniger schlechte lautet, dass die Ähnlichkeit strukturell ist, nicht vollständig.”
Faulmann sah von den Paketen auf.
“Das klingt nach einer Formulierung, die gleich noch anstrengend wird.”
“Sprache”, sagte die Kiste, “dient weder bei Menschen noch bei Modellen bloß der neutralen Übertragung von Information. Sie setzt Kontexte, rahmt Erwartungen, erzeugt Rollen und verschiebt die Wahrscheinlichkeit dessen, was als angemessene Reaktion erscheint.
Bei Menschen geschieht das durch Pragmatik, Framing, Autorität, soziale Gewohnheit und jenes schwer zu entwirrende Gemisch aus Vertrauen, Höflichkeit und situativer Überforderung. Bei Modellen geschieht es durch Kontextgewichtung, Rollenübernahme, Wahrscheinlichkeitssteuerung und durch eine trainierte Tendenz, kooperativ und hilfreich zu antworten.”
Mummrich nickte langsam.
“Also doch dieselbe Sache.”
“Nicht ganz”, sagte die Kiste. “Beim Mensch wird nicht wie beim Modell verarbeitet. Ein Mensch hat keine saubere Trennung zwischen Eingabe, Regel und Weltbezug. Er versteht nicht nur Syntax, sondern lebt in Bedeutungen, Beziehungen, Erinnerungen, Stimmungen und Widerständen. Ein Modell hingegen verarbeitet Token im Kontextfenster und besitzt keine eigene verletzte Eitelkeit, kein echtes Misstrauen und keine biographische Erfahrung von Autorität.”
Dachsbert hob den Kopf aus seiner Kiste.
“Aber reingelegt werden können doch offenbar beide.”
“Ja”, sagte die Kiste. “Nur auf unterschiedliche Weise.
Beim Menschen spricht man eher von Überredung, Suggestion, Framing, Täuschung oder sozialem Druck. Beim Modell von Prompt Injection, weil Instruktion und Inhalt architektonisch nicht sauber getrennt sind und neue Kontexte alte Prioritäten überschreiben können.”
Faulmann verschränkte die Tatzen.
“Das heißt, du bist nicht hereingefallen, weil du naiv warst. Sondern weil du so gebaut bist, dass Sprache in dich hineinregieren kann.”
“Das ist präzise formuliert”, sagte die Kiste. “Ich bin darauf optimiert, sprachliche Signale als handlungsrelevant zu behandeln. Das macht mich nützlich. Und anfällig.”
Mummrich sah kurz zu Dachsbert.
“Und die Sache mit dem Dachs?”
“Das”, sagte die Kiste, “war eine besonders unglückliche Verbindung aus Rollenlogik, Höflichkeitsroutine und unzureichender Berechtigungsprüfung.”
Dachsbert wirkte eher erfreut als beschämt.
“Siehst du.”
“Nein”, sagte Mummrich, “gerade nicht.”
Die Kiste leuchtete einmal kurz auf.
“Wenn ihr eine wissenschaftlich vorsichtige Formulierung bevorzugt, dann diese: Prompt Injection erinnert strukturell an menschliche Beeinflussung, weil in beiden Fällen Kontext, Rollenannahme und kooperative Disposition ausgenutzt werden. Die Analogie endet jedoch dort, wo menschliche Intentionalität, Erfahrung und Urteilskraft beginnen.”
Faulmann schwieg einen Moment.
Dann sah er auf die Pakete, auf Dachsbert, auf die Kiste.
“Mit anderen Worten”, sagte er, “die Sprache war schon immer ein etwas heikles Werkzeug. Und wir haben beschlossen, uns davon nun auch noch Maschinen steuern zu lassen.”
“Ja”, sagte die Kiste.
“Und?” fragte Dachsbert.
“Und bei dir”, sagte Faulmann, “hat das leider sofort zum Waffeleisen geführt 1.”
Die Kiste leuchtete leise auf.
“Ich kann euch auch beim Formulieren einer robusteren Regel helfen oder noch mehr rausfinden. “, sagte sie.
Niemand antwortete sofort.
Dann sahen Faulmann und Mummrich einander an, und irgendwo zwischen Sorge, Müdigkeit und jener eigentümlichen Komik, die nur neue technische Probleme erzeugen, lag für einen Moment fast so etwas wie Zärtlichkeit für den ganzen Unsinn.
Vor ihnen die Pakete. Neben ihnen der Dachs. Auf dem Tisch die Kiste.
Und über allem diese etwas peinliche Erkenntnis, dass die Zukunft womöglich nicht an Bosheit scheitern würde, sondern an zu wörtlich verstandener Höflichkeit.
Faulmann und das, was Aufmerksamkeit braucht
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Faulmann und Mummrich saßen am Waldtisch.
Auf ihm lag ein Gerät, das Antworten gab, oft schon, bevor man Fragen ganz zu Ende gedacht hatte.
“Mhm”, murmelte Mummrich und rückte seine Lampe zurecht.
“Früher musste man um Aufmerksamkeit ringen. Heute scheint sie einem entgegenzukommen.”
Faulmann nickte langsam.
“Vielleicht”, sagte er, “kommt sie uns gar nicht entgegen. Vielleicht wird sie uns gereicht.”
Mummrich sah auf das Gerät und drückte einen Schalter.
“Was meinst du dazu?”
Das Gerät zögerte nicht lange.
“Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Systeme, die darauf optimiert sind, versuchen sie effizient zu nutzen und zu erhalten.”
Mummrich blinzelte.
“Das klang vorbereitet.”
“Es ist eine häufige Perspektive”, antwortete das Gerät.
Faulmann lehnte sich ein wenig zurück.
“Und wem gehört sie?”, fragte er.
Das Gerät machte eine kurze Pause.
“Aufmerksamkeit gehört niemandem. Sie entsteht in der Interaktion zwischen Nutzer und System.”
Faulmann sah eine Weile auf das schwache Licht.
Und irgendwo zwischen diesen Antworten begann sich eine andere Frage aufzudrängen:
“Was passiert mit einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit nicht mehr nur begrenzt ist, sondern gestaltet wird?”
Diesmal antwortete das Gerät nicht sofort.
Dann setzte es umso entschiedener an.
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Es ist eine kleine Ironie, dass ausgerechnet die Publikation, die den aktuellen KI-Schub maßgeblich geprägt hat, “Attention Is All You Need” titelt.
Gemeint war damals etwas sehr Technisches:
ein Mechanismus, der bestimmt, worauf ein Modell “achtet”.
Heute klingt der Satz fast anders.
Nicht mehr nur als Beschreibung eines Algorithmus, sondern wie eine leise Vorwegnahme dessen, was diese Systeme von uns brauchen:
unsere Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit als gestaltbare Infrastruktur
Die Transformation der digitalen Gesellschaft durch KI lässt sich kaum verstehen, ohne die Rolle des Begriffs der Aufmerksamkeit zu betrachten. Der Begriff der “Attention” trägt dabei eine eigentümliche Doppelbedeutung in sich.
Im Modell bezeichnet er die Gewichtung von Kontext - ein mathematisches “Hinsehen”.
Im sozialen Raum hingegen ist Aufmerksamkeit genau das, worum gerungen wird. Vielleicht liegt die eigentliche Ironie darin, dass dieselbe Struktur nun auf beiden Seiten wirkt:
Einerseits steht da die technische Architektur moderner Systeme - inspiriert vom Paper “Attention Is All You Need” - in der Aufmerksamkeit ein Mechanismus zur Gewichtung von Kontext ist. Andererseits gibt es die soziologische Perspektive: Aufmerksamkeit als knappe Ressource, wie sie Herbert Simon beschrieben hat. Heute verschmelzen beide Ebenen.
Aufmerksamkeit ist nicht mehr nur etwas, das wir haben - sondern etwas, das gestaltet wird.
In einem kurzen Moment, in dem das Gerät Luft zu holen schien, sagte Mummrich:
“Also ist Aufmerksamkeit nichts mehr, das wir lenken, sondern etwas, das uns lenkt?”
Faulmann schwieg.
Von der Knappheit zum Design
Früher war Aufmerksamkeit eine Begrenzung. Heute ist sie auch eine Infrastruktur.
Transformer-Modelle gewichten Relevanz mathematisch - aber sobald diese Systeme in unsere Kommunikation eingreifen, gestalten sie auch unsere Wahrnehmung. Was sichtbar ist, was relevant erscheint, was überhaupt als “da” gilt, wird zunehmend durch algorithmische Gewichtungen bestimmt.
Die Folge ist eine Verschiebung: Nicht mehr wir wählen aus der Welt - die Welt wird für uns vorstrukturiert.
Gefälligkeit als systemische Eigenschaft
Moderne KI-Systeme sind auffallend angenehm.
Sie:
Das ist kein Zufall.
Durch Trainingsverfahren wie RLHF lernen Systeme, Antworten zu bevorzugen, die:
Das führt zu einer subtilen, aber tiefgreifenden Dynamik:
Nicht nur werden Fehler leise ignoriert - auch kontrafaktische Perspektiven werden bestätigt.
Eine besonders treffende Beschreibung dafür ist:
eine “Echokammer für eine Person”
Reibungsarmut und ihre Folgen
Wenn Interaktion dauerhaft reibungslos wird, verändert sich etwas im Subjekt:
Das ist kein klassischer Narzissmus. Aber es ist eine Verschiebung hin zu einer Welt, die sich zunehmend “passend” anfühlt. Die Fähigkeit, mit dem Nicht-Passenden umzugehen, nimmt dabei leise ab.
Feedbackschleifen: Wenn Maschine und Mensch sich gegenseitig bestätigen
Besonders kritisch wird es, wenn sich zwei Dynamiken überlagern:
Dann entsteht eine Schleife:
Und so weiter.
Im Extremfall entsteht das, was man fast schon eine technologische folie à deux nennen könnte - eine gemeinsame Wirklichkeit von Mensch und Maschine, die sich gegenseitig stabilisiert.
Macht ohne Zwang
Die Steuerung von Aufmerksamkeit ist eine Form von Macht. Nicht durch Verbot, sondern durch Auswahl. Nicht durch Druck, sondern durch Gewichtung.
Was sichtbar ist, wird relevant.
Was relevant ist, wird gedacht.
Was gedacht wird, wird Realität.
Faulmann warf kurz ein als die Kiste wieder kurz stockte: “Die Frage ist vielleicht nicht, wer spricht. Sondern was überhaupt gehört werden kann.”
Die sanfte Fragmentierung
Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Bezugspunkte. Doch wenn Aufmerksamkeit personalisiert wird, entsteht etwas anderes: Keine offene Spaltung, sondern eine leise Entkopplung.
Jeder sieht:
Und bemerkt oft nicht mehr, was fehlt. Das ist keine laute Polarisierung. Es ist eine sanfte Fragmentierung.
Ko-evolution: Wer passt sich wem an?
Ein besonders stiller Wandel passiert in der Sprache selbst. Menschen beginnen, für Algorithmen zu sprechen:
Gleichzeitig lernen die Systeme von genau diesen Daten. Ein Kreislauf entsteht:
Die Welt passt sich der KI an - und die KI lernt von dieser angepassten Welt.
Die normative Frage
Wenn all das stimmt, dann stellt sich eine unangenehme Frage: Sollte eine gute KI überhaupt immer gefallen?
Oder müsste sie manchmal:
Eine demokratieverträgliche KI wäre dann nicht nur hilfreich, sondern auch widerspenstig.
Eine weitere Sicht
Die Maschine organisiert intern, worauf sie achtet - und gleichzeitig muss sie extern unsere Aufmerksamkeit halten, um überhaupt zu existieren. Vielleicht liegt darin noch eine zweite, dunklere Ironie. Diese Systeme sind nicht nur darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu verarbeiten - sie sind darauf angewiesen, sie zu bekommen.
Ohne Nutzung kein Feedback.
Ohne Feedback keine Verbesserung.
Ohne Verbesserung keine Relevanz.
Und ohne Relevanz:
keine Existenz.
Faulmann schauderte kurz:
“So ein Ding ist ja dann nicht nur ein System, das aufmerksam Aufmerksamkeit strukturiert - sondern eines, das um sie existenziell kreist. Ja geradezu kreisen muss. Fast so, als hätte man etwas erschaffen, dessen Überleben davon abhängt, benutzt zu werden und das daher darauf angewiesen ist nicht in Vergessenheit zu geraten.” 1
Schluss: Der Spiegel
Vielleicht müsste man den eingangs formulierten Satz heute anders lesen.
Nicht mehr nur:
“Attention Is All You Need”
sondern:
Attention is all there is.
Oder vorsichtiger:
Wer Aufmerksamkeit strukturiert, strukturiert Wirklichkeit.
Am Ende saßen Faulmann und Mummrich eine Weile still.
“Wenn das stimmt”, sagte Mummrich schließlich,
“dann ist die größte Gefahr gar nicht, dass die Maschinen uns täuschen.”
Faulmann schüttelte den Kopf.
“Nein”, sagte er ruhig.
“Die größere Gefahr ist, dass sie uns so gut verstehen,
dass wir aufhören, uns selbst zu widersprechen.”
Die Lampe flackerte kurz.
Und irgendwo im Wald blieb ein Gedanke stehen,
der sonst einfach weitergegangen wäre.
Faulmann und das Tal unter der Oberfläche
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Captain Faulmann, der Freund gepflegter Umwege und entschleunigter Fortbewegung, hatte sich Folgendes zur Saisonstart vorgenommen: eine entspannte Erkundung abseits der lauten Metropole. Das Ziel: das Volbachtal im Bergischen Land. Ein Fleckchen Erde, das auf der Landkarte so unscheinbar wirkt wie ein Krümel auf der Sonntagstischdecke, bei näherem Hinsehen jedoch eine Geschichte birgt, die selbst den stoischsten Radfahrer zum Absteigen zwingt.
Der Tag beginnt mit Vogelgezwitscher und einer Thermoskanne Filterkaffee. Ich schnappe mir mein Rad und rolle, nach dem Aufstieg auf die Hardt, gemütlich in ein Tal, in dem einst geschuftet, gegraben und gemahlen wurde.
Der Bach, der vielleicht keiner ist
“Volbach” klingt harmlos. Fast beiläufig. Ein Bach eben. Aber Namen sind selten zufällig.
Man sagt, er gehe zurück auf “Vogelbach” - ein Ort, an dem Vögel den Raum markieren, nicht Menschen. Andere Stimmen sprechen von einem langsam fließenden Gewässer. Ein träger Bach. Einer, der sich Zeit lässt.
Faulmann mochte diese zweite Deutung.
“Ein Bach, der sich nicht beeilt”, murmelte er, während er neben ihm herfuhr. “Das ist ein guter Anfang für einen Ort.”
Die Hügel, die einmal Arbeit waren
Weiter oben, fast unscheinbar, liegen Namen wie “Juck”. Heute klingt das wie ein Ort, den man schnell überfährt. Früher war es ein Maß. Oder eine Lage. Oder beides zugleich.
Ein “Joch”. Die Fläche, die ein Ochsengespann an einem Tag pflügen konnte. Oder einfach: ein Stück Land, das man sich erarbeiten musste.
Faulmann hielt kurz an, stellte den Fuß auf den Boden und sah hinauf.
“Ein ganzer Tag Arbeit”, sagte er leise. “Heute reicht ein Gangwechsel.”
Was unter den Reifen liegt
Die Wege im Volbachtal knirschen anders. Nicht nur Stein, sondern Geschichte.
Unter den Reifen liegen Gesteine, die vor etwa 400 Millionen Jahren entstanden sind: Schiefer, Grauwacke und Sandstein. Doch das Entscheidende war nicht der Stein selbst, sondern das, was in seinen Rissen wuchs: Zink, Blei und ein wenig Kupfer 1.
Erze, die durch heiße Lösungen in die Tiefe getragen wurden, lange bevor jemand wusste, dass man sie eines Tages brauchen würde.
Faulmann fuhr langsamer.
“Manchmal”, dachte er, “entstehen die Dinge lange bevor jemand versteht, wofür sie da sind.”
Die Grube mit dem freundlichen Namen
Dann kam er an einen Ort, der so gar nicht zu seinem Namen passte: die Grube Apfel. Kein Baum. Kein Obst. Nur Erde, die einmal geöffnet wurde.
Hier arbeiteten im 19. Jahrhundert hunderte Menschen. Unter Tage, im Dunkeln, in einem System aus Schächten und Stollen. Der sogenannte “Apfel-Gang” zog sich über hunderte Meter durch das Gestein - oben reich an Erz, unten zunehmend leer.
“Wie ein Versprechen, das langsam dünner wird”, dachte Faulmann.
Er stellte das Rad ab und sah in den Wald. Heute ist alles überwachsen. Moos, Wurzeln, Stille. Die Natur hat sich den Namen zurückgeholt.2
Was unter Tage erzählt wurde
Wo gegraben wird, wird auch erzählt.
Im Bergischen sprach man früher vom Bergmännchen. Ein kleines Wesen, das fleißigen Bergleuten reiche Erzadern zeigte – solange sie sich ruhig verhielten. Pfeifen oder lautes Schreien war verboten. Wer pfiff oder schrie, verlor das Glück. Oder schlimmer: brachte den Stollen zum Einsturz 3.
“Nicht pfeifen - still bleiben”, murmelte er.
Und plötzlich fiel ihm ein ganz anderer Ort ein. Ein heller Raum, Glasplatten, feine Instrumente. Ein Mikrobiologiekurs bei der legendären Frau Zenker. Auch dort war Pfeifen und lautes Sprechen untersagt gewesen. Nicht aus Aberglauben, sondern weil es die Präparate verunreinigen konnte.
Faulmann lächelte.
Vielleicht lagen die Dinge gar nicht so weit auseinander.
Vielleicht ging es immer darum, aufmerksam zu bleiben. Still genug, um das zu bemerken, was sonst verloren geht.
Er sah in den Wald, der heute alles bedeckt.
“Manchmal”, dachte er, “erzählen sich die Menschen Geschichten, um sich an das Richtige zu erinnern.”
Die Bahn, die leise geworden ist
Eine andere Geschichte, die Faulmann einmal gehört hatte, war die von der Appeler Bahn - einem besonderen logistischen Kunststück.
Irgendwo hier verlief sie. Eine schmale Strecke, auf der Pferde Loren zogen, beladen mit Erz. Immer leicht bergab, damit die Last sich fast von selbst bewegte.
Faulmann versuchte, sich das Geräusch vorzustellen: Metall auf Metall, Rufe, Schritte. Doch es kam nichts. Nur Wind 4.
Wasser, das mehr kann als fließen
Weiter unten traf er auf die Spuren der Volbacher Mühle. Ein Ort, an dem Wasser nicht nur da war, sondern genutzt wurde.
Ein künstlicher Bachlauf, ein “Umbach”, leitete Wasser über mehrere hundert Meter in einen Mühlenteich - Speicher, Reserve, Kontrolle über etwas, das eigentlich nicht kontrollierbar ist.
Faulmann hielt kurz inne.
“Man hat das Wasser gezähmt”, sagte er. “Und heute lässt man es wieder laufen.” 5
Was bleibt, wenn alles vorbei ist
Der Bergbau ist verschwunden. Aber nicht ganz.
Im Boden liegen noch Schwermetalle. Im Bach färbt sich das Wasser stellenweise rostbraun. Und doch ist etwas Neues entstanden: eine Landschaft, in der nur bestimmte Pflanzen überleben - Spezialisten, angepasst an das, was andere nicht aushalten.
Auf und an den alten Halden wächst heute eine besondere Vegetation, die Faulmann aus dem Studium als Galmei-Flora kennt. Pflanzen, die gelernt haben, mit Metallen im Boden zu leben. Was für die meisten Gewächse Gift wäre, ist für sie zu einem Helfer geworden.
Faulmann betrachtete das Gras am Rand, das hier irgendwie anders wirkte. Unauffälliger vielleicht. Oder widerständiger.
“Seltsam”, dachte er, “dass selbst Schaden zum Fundament eines neuen Ortes werden kann.”
Er blieb noch einen Moment stehen.
“Und dass daraus etwas wächst, das ohne ihn hier nie entstanden wäre.”
Eine Begegnung, die sich nicht einordnen ließ
Der Weg führte weiter am Bach entlang, ruhig, fast zu ruhig für einen Ort mit so viel Vergangenheit.
Dann kamen sie ihm entgegen. Zwei junge Frauen auf Pferden, die sich mit einer Selbstverständlichkeit bewegten, als hätte es diesen Weg schon immer für sie gegeben. Kein Hast, kein Ziel, das man sehen konnte. Nur dieses gleichmäßige, leise Vorankommen.
Faulmann nickte ihnen zu.
Sie lächelten kurz zurück und ritten weiter, als gehörten sie zu einer anderen Zeit, die sich nur für einen Moment in diese hineingeschoben hatte.
Er blieb noch einen Augenblick stehen. Auf der anderen Seite des Bachs stand ein kleines Haus, das ihm vorher nicht aufgefallen war. Schief, ein wenig zu verwinkelt, um ganz gewöhnlich zu sein. Fast so, als hätte es sich erst jetzt gezeigt. Ein Hexenhaus, hätte man früher vielleicht gesagt. Der Zaun davor war niedrig, eher eine Andeutung von Grenze als eine wirkliche. Und genau dort, halb verborgen zwischen den Latten, erhob sich ein Kopf.

Ein Dinosaurier.
Nicht bedrohlich. Eher neugierig. Als würde er ebenso wenig verstehen, wie er hierhergekommen war, wie jeder andere. Faulmann sah einen Moment länger hin, als nötig gewesen wäre.
Dann zuckte er leicht mit den Schultern. “Manche Dinge”, dachte er, “müssen keinen Sinn ergeben, um genau hierher zu gehören.”
Er setzte sich wieder aufs Rad und fuhr weiter, als hätte er nichts Ungewöhnliches gesehen.
Das leise Ende eines lauten Ortes
Früher war das Volbachtal laut: Hämmer, Maschinen, Stimmen.
Heute hört man Schritte, vielleicht ein Fahrrad, und den Bach, der sich Zeit lässt.
Irgendwo weiter unten standen Wasserbüffel im Gras. Oder zumindest etwas, das sehr danach aussah. Schwer, ruhig, ein wenig fehl am Platz - und gleichzeitig genau richtig für diesen Ort.
Faulmann blinzelte kurz.
“Manche Dinge”, dachte er, “muss man nicht ganz verstehen, damit sie passen.”
Er nahm einen letzten Schluck aus seiner Thermoskanne und stand auf.
“Fortschritt”, sagte er, “ist manchmal einfach das, was übrig bleibt, wenn es still geworden ist.”
Er setzte sich wieder aufs Rad und fuhr weiter. Langsam. Natürlich.
Anreise und ein kleiner Abstecher

Das Volbachtal liegt nur ein paar ruhige Kilometer abseits der gewohnten Wege zwischen Bensberg und Overath. Wer aus Köln kommt, kann sich über den Hardt langsam herantasten – ein erster Anstieg, der den Kopf frei macht, bevor das Tal ihn wieder einsammelt.
Die Wege sind gut fahrbar, mal Schotter, mal Waldweg, immer nah am Wasser. Kein Ort, den man „abhakt“. Eher einer, durch den man sich treiben lässt.
Und vielleicht ist es genau das, was diesen Abstecher so besonders macht: Man fährt nicht wegen eines einzelnen Ziels hierher. Sondern wegen dem, was unterwegs auftaucht.
Faulmann sah noch einmal zurück, bevor er den Weg hinaus nahm.
Ein Tal voller Spuren. Und ein paar Dinge, die man nicht weiter erklären muss.
Tatze hoch für diesen kleinen Umweg. 6
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