Faulmann und die Leitung unter der Landschaft

    2026-04-26 00:00:00 +0200

    Alt-Text: Captain Faulmann steht mit Fahrrad und Schiebermütze an einer gesperrten Radstrecke am Rand des Rheinischen Reviers. Im diesigen Morgenlicht blickt er über eine weite, vom Tagebau und Bauarbeiten geprägte Landschaft. Im Hintergrund sind Wald, Rohrleitungen, Maschinen und ferne technische Anlagen zu sehen. Links steht seine Elektrokutsche, rechts weisen Baustellenbarrieren und Umleitungsschilder auf den gesperrten Speedway hin.

    Terra Nova.

    Das klang zunächst größer, als es war. Terra Nova. Neue Erde. Neuer Blick. Neue Landschaft. In Wirklichkeit war es vor allem aer frigidus. Also sehr kalt. Latein half hier nur begrenzt.

    Die Elektrokutsche stand am Aussichtspunkt, als hätte sie selbst nicht ganz verstanden, weshalb man sich schon so früh losbegeben hatte. Über dem Tagebau lag ein graues Licht. Nicht dramatisch. Eher dieses rheinische Übergangsgrau, das nicht weiß, ob es Wetter oder Verwaltungsvorgang sein möchte.

    Von Sonne war kaum etwas zu sehen.

    Faulmann stieg aus, betrachtete den Himmel, zog den Kragen höher und tat, was man in solchen Situationen tun muss, wenn man nicht unnötig tapfer erscheinen möchte.

    Er stieg wieder ein.

    Dann fuhr er den Sitz zurück, holte den Tippkasten hervor und schrieb ein wenig.

    Das ist einer der Vorteile moderner Fahrzeuge: Sie können nicht nur fahren, sondern auch als kleine Schreibstube dienen. Früher hätte man dafür ein Gasthaus gebraucht, einen Ofen und vielleicht einen Wirt, der missbilligend auf Radschuhe blickt. Heute reicht ein Akku, ein Lenkrad und die stille Übereinkunft, dass man erst losfährt, wenn die Welt etwas freundlicher aussieht.

    Nach einer Weile wurde es freundlicher, und blauer Himmel lugte vorsichtig hervor.

    Man konnte nicht sagen, dass es warm war. Das wäre übertrieben. Aber Terra Nova hörte auf, so zu tun, als wolle sie den ganzen Tag beleidigt bleiben.

    Faulmann packte den Tippkasten ein, holte das Rad heraus und rollte los.

    Der Nordrandweg empfing ihn mit dieser eigentümlichen Mischung aus Weite und Zweckmäßigkeit, die das Rheinische Revier so gut beherrscht. Links Abgrund, rechts Landschaft. Aber Landschaft, der man ansieht, dass sie schon mehrfach umsortiert wurde. Nichts hier ist einfach nur da. Alles hat eine Akte, eine Vorgeschichte, eine Nachnutzung.

    Man fährt durch Gegenwart, aber unter den Reifen knirscht Planung.

    Eigentlich wollte Faulmann ein Stück über den bekannten Speedway fahren. Der Speedway :terra nova war für ihn bisher eine dieser Strecken gewesen, auf denen das Rad plötzlich selbst zu wissen schien, was es wollte. Geradeaus, leicht erhöht, mit genug Raum für Geschwindigkeit und für Gedanken, die sich bei 30 Stundenkilometern für besonders klar halten.

    Doch diesmal stand dort eine Sperrung.

    Bauzaun. Schild. Erde. Maschinenruhe.

    Der Weg war zu.

    Faulmann blieb stehen.

    “Hm”, sagte er.

    Der Speedway, diese alte schnelle Verbindung auf der Trasse der früheren Bandanlage, war gesperrt. Wohl nicht aus Laune, sondern weil hier nun an der großen Rheinwassertransportleitung gearbeitet wurde, verkündete ein Schild. Wasser aus dem Rhein soll eines Tages in die Restlöcher fließen, damit aus dem Tagebau Hambach langsam ein See wird. Zwei Rohre, große Durchmesser, schwere Bauteile, lange Bauzeit. Eine Leitung unter der Landschaft, damit die Landschaft später so tun kann, als sei sie von selbst anders geworden.1

    Faulmann betrachtete den Bauzaun.

    Es gibt Sperrungen, die wirken wie Unfälle. Diese hier wirkte wie ein Kapitelwechsel.

    Ein Mann mit Hund kam vorbei. Der Hund sah so aus, als kenne er die Umleitung bereits und halte sie für zumutbar. Der Mann nickte.

    “Da kommen Sie nicht durch”, sagte er.

    “Das ahnte ich”, sagte Faulmann.

    “Am besten Sie fahren über Tollhausen.”

    Faulmann hob leicht den Kopf.

    “Tollhausen?”

    “Ja.”

    Der Hund sah Faulmann an, als müsse er jetzt bitte nicht noch einen Witz machen.

    Faulmann machte keinen Witz. Er dachte ihn nur. Das war für alle Beteiligten besser.

    Tollhausen also.

    Es gibt Ortsnamen, die wirken wie kleine Geschenke am Wegesrand. Tollhausen gehört dazu. Man fährt hinein und erwartet nicht viel. Vielleicht eine Bushaltestelle, ein paar Dächer, einen Vorgarten, in dem jemand sehr ernsthaft Kies verteilt hat. Aber der Name bleibt. Tollhausen. Als hätte jemand im Amtsdeutsch kurz die Kontrolle verloren und aus Versehen etwas Heiteres eingetragen.

    Die Umleitung war nicht besonders elegant, aber sie funktionierte. Das ist bei Umleitungen schon fast Luxus.

    Bald begann der Aufstieg zur Sophienhöhe.

    Auch sie ist so ein Wort, das etwas Sanftes behauptet. Sophienhöhe. Das klingt nach Ausflug, nach Wald, nach Aussicht, nach einem Namen aus einer älteren Zeit. Tatsächlich ist sie eine der größten künstlichen Erhebungen der Region, aufgeschüttet aus dem Abraum des Tagebaus Hambach. Über zwei Milliarden Kubikmeter Erde, Sand, Kies, Geschichte. Eine Landschaft, die nicht gewachsen ist, sondern angelegt wurde. Später kamen Bäume, Wege, Tiere, Bänke und Wanderkarten hinzu.

    Der Mensch braucht offenbar nur lange genug, dann nennt er sogar seine Folgen irgendwann Natur.

    Faulmann musste an den Schwarzwald denken, an seine heimatlichen Höhen, an dunkle Tannen, feuchte Wege und dieses tiefe Grün, das immer so tat, als sei es schon vor allem anderen dagewesen. Dabei war auch der Schwarzwald nicht einfach nur Ursprung. Der alte Wald war längst zu Balken, Schiffen und anderem brauchbaren Holz geworden, manches davon bis nach Amsterdam geflößt. Was heute so selbstverständlich dunkel wirkt, ist oft genug wieder aufgeforstet, geplant, gepflegt und nachträglich romantisiert.

    Viele andere “natürliche” Landschaften sind es auch. Nur mit besserem Image und mehr Moos auf der Geschichte.

    Faulmann fuhr langsam hinauf.

    Der Wald auf der Sophienhöhe war still. Nicht altstill, eher jungstill. Ein Wald, der sich Mühe gibt. Stieleichen, Hainbuchen, Winterlinden. Rekultivierung nennt man das. Ein sachliches Wort für den Versuch, der Erde nachträglich wieder Benehmen beizubringen.

    An manchen Stellen gelang das erstaunlich gut.

    An anderen Stellen sah man noch, dass hier nichts zufällig war. Der Weg, die Pflanzung, die Geländekante, die Senke. Alles hatte eine Absicht. Aber vielleicht ist das bei alten Landschaften nur besser versteckt.

    Faulmann dachte an Mummrich, der bei solchen Fragen vermutlich mit der Lampe gewackelt und gesagt hätte: “Auch ein Maulwurfsgang ist künstlich. Nur nennt ihn keiner Infrastruktur.”

    Das stimmte natürlich.

    Leider war es oben immer noch diesig.

    Der Blick blieb mittelgut.

    Das ist eine besondere Form der Enttäuschung: Man steigt auf eine Höhe, die eigens aus der Tiefe geschaffen wurde, und bekommt dann oben eine Aussicht, die sich bedeckt hält. Der Tagebau lag irgendwo hinter Grau.

    Der Römerturm stand da, aber auch er schien heute nicht recht zuständig. Verwachsen, etwas verschluckt vom Grün, mehr Erinnerung an Aussicht als Aussicht selbst.

    Faulmann blieb trotzdem stehen.

    Man muss nicht alles sofort sehen, damit es da ist.

    Das Forschungszentrum Jülich lag auch im Dunst. Nicht weit weg, aber doch so, wie manche Orte im eigenen Leben liegen: ständig erwähnt, häufig gemeint, nie betreten.

    Faulmann musste daran denken, dass Jülich während seiner Universitätstage einer der verlässlichsten Kooperationspartner gewesen war. Es gab gemeinsame Projekte, Austauschformate, Protokolle, Besprechungen, Namen auf Papieren und diese eigentümliche Form akademischer Nähe, bei der man einen Ort fast besser über seine Menschen kennt als über seine Gebäude.

    Kolleginnen und Kollegen aus Jülich hatte er überall getroffen. In Konferenzräumen, in Zugabteilen, in stickigen Seminarräumen mit zu schwachem Kaffee, auf Tagungen, deren Namensschilder nach zwei Stunden schief hingen. In München, in Leuven, einmal vielleicht sogar in einem dieser Hotels, die auf der ganzen Welt gleich riechen: Teppichboden, Klimaanlage, leise Müdigkeit.

    Jülich war immer da gewesen. Nur Faulmann war nie dort gewesen. Das fiel ihm erst jetzt wieder richtig auf, oben auf der Sophienhöhe, mit dem Rad neben sich und dem Forschungszentrum als grauer Andeutung am Horizont.

    Manchmal, dachte er, bestehen Orte nicht aus Wegen, sondern aus Begegnungen, die von ihnen herkommen. Man trägt sie mit sich herum, ohne je den Eingang gesehen zu haben.

    Das ist natürlich unpraktisch für die Wegbeschreibung. Aber für Erinnerungen reicht es erstaunlich gut.

    Auf einer Bank saß ein alter Mann. Neben ihm lag ein Spazierstock. An seinen Schuhen klebte trockene Erde, als sei er schon länger unterwegs oder schon länger hier. Er blickte ebenfalls in Richtung Forschungszentrum.

    “Da drüben”, sagte er nach einer Weile, ohne Faulmann anzusehen, “da geht jetzt auch wieder einiges weg.”

    Faulmann nickte, obwohl er noch nicht wusste, was genau gemeint war.

    “Die Castoren”, sagte der Mann. “Nach Ahaus.”

    Dann schwieg er.

    Es war kein Gespräch, das eine lange Einleitung brauchte. Manche Themen liegen hier in der Landschaft wie alte Kabel im Boden. Man muss nur an der richtigen Stelle stehen, und jemand zeigt mit dem Finger.

    Der Versuchsreaktor in Jülich, der Kugelhaufen, die Brennelemente, die Zwischenlager, die Transporte. Ein technisches Erbe, das nicht verschwindet, nur weil eine Epoche endet. Es wird verpackt, gesichert, verladen, begleitet, bewacht und an einen anderen Ort gebracht, wo es weiterhin rumliegt.2

    Der alte Mann erzählte ruhig. Nicht empört. Eher müde informiert. Als habe er diese Dinge zu lange begleitet, um noch überrascht zu sein.

    “Früher war das alles Zukunft”, sagte er.

    Faulmann sah hinüber.

    “Das passiert öfter”, sagte er.

    Der Mann lächelte kurz.

    “Ja. Zukunft altert auch.”

    Dann saßen sie eine Weile nebeneinander und blickten auf das, was man durch den Dunst sehen konnte. Es war nicht viel.

    Beim Hinabfahren wurde es etwas heller. Nicht schön. Aber brauchbar.

    Faulmann rollte durch den Wald, vorbei an Wegen, die so ordentlich wirkten, als hätten sie selbst an einer Bürgerbeteiligung teilgenommen. Unten hielt er kurz am Inselsee.

    Inselsee.

    Er mochte diesen Namen sofort und misstraute ihm zugleich.

    Ein See ist schon Wasser. Eine Insel ist Land im Wasser. Ein Inselsee ist also ein Gewässer, das seine eigene Unterbrechung gleich mitdenkt. Vielleicht passte der Name deshalb hierher.

    In dieser Gegend war fast alles zugleich das eine und sein Gegenteil: Natur und Planung, Erinnerung und Neubau, Loch und künftiger See, Abraum und Aussichtspunkt.

    Der Inselsee lag still da und tat, als habe er mit alldem nichts zu tun. Das war sein gutes Recht.

    Weiter ging es Richtung Rurradweg. Die Landschaft wurde offener. Faulmann streifte Düren, ohne richtig anzukommen. Manche Städte kann man am Rand berühren, wie man im Vorbeigehen an eine Tischkante stößt. Kurz spürt man sie, dann ist man schon wieder weiter.

    Neben der neuen ICE-Strecke zog sich die Fahrt zurück in Richtung Ausgangspunkt. Schienen, Leitungen, Wege, Felder. Alles parallel, alles in Bewegung, alles auf seine Weise geführt.

    Irgendwo dort lag auch Manheim.

    Nicht das neue Manheim, sondern das alte. Oder das, was von ihm geblieben war. Faulmann war vor Jahren einmal dort gewesen, der alten A4 folgend, als solche Orte noch nach verbotenem Abzweig, nach Umweg und nach einer seltsamen Freiheit aussahen.

    Damals hatte Alt-Manheim diesen Lost-Places-Vibe gehabt, den man nur genießen kann, wenn man nicht selbst dort gewohnt hat. Leere Häuser, stille Straßen, Vorgärten ohne Bewohner. Alles wirkte, als sei der Ort schon fort, nur die Mauern hatten die Nachricht noch nicht bekommen.

    Damals war noch vieles nicht entschieden.

    Vielleicht passte der Ort deshalb so gut dazu.

    Diesmal ließ Faulmann Manheim links liegen.

    Nicht aus Abneigung. Eher aus Vorsicht.

    Manches bleibt besser so, wie es war. Oder genauer: wie man es erinnert. Alt-Manheim steht noch immer da. Es musste dem Tagebau nicht mehr weichen. Und trotzdem ist es leer geworden.

    Gerettet, aber nicht zurückgekehrt.

    Auch das ist eine Art von Verlust.

    Nur mit anderer Beschilderung.

    Faulmann dachte an das Wasser, das einmal vom Rhein hierherkommen soll. An Rohre unter Wegen. An einen See, der noch keiner ist. An einen Berg, der aus einem Loch geboren wurde. An Transporte, die von Zukunft erzählen sollten und nun Vergangenheit verwalten.

    Vielleicht ist Strukturwandel gar kein großes Wort.

    Vielleicht ist es eher dieser Moment, in dem ein bekannter Radweg plötzlich gesperrt ist und ein Mann mit Hund sagt: “Fahren Sie über Tollhausen.”

    Und man fährt. Nicht, weil man die Richtung verstanden hat. Sondern weil es weitergehen muss, irgendwie.

    Am Ende stand die Elektrokutsche wieder am Aussichtspunkt. Der Himmel war heller geworden, ohne sich festzulegen. Faulmann verstaute das Rad, setzte sich hinein und blieb noch einen Moment sitzen.

    Auf dem Display stand irgendein Verbrauchswert.

    Draußen lag Terra Nova.

    Neue Erde.

    Noch ziemlich unfertig.

    Das konnte man ihr nicht vorwerfen.

    Es war schließlich früh am Tag - für Sie.

    1. Die Rheinwassertransportleitung soll Wasser aus dem Rhein in die Tagebaue Hambach und Garzweiler bringen. Der Speedway :terra nova ist seit März 2026 für die Bauarbeiten gesperrt; die Trasse dient unter anderem als Baustraße für große Rohrsegmente. Man könnte sagen: Erst fuhr hier die Kohle entlang, dann die Radfahrer, nun die Rohre. Landschaften wechseln ihre Nutzer offenbar nicht weniger häufig als Bahnsteige ihre Durchsage. 

    2. Gemeint sind die Castor-Transporte mit Brennelementen aus dem ehemaligen AVR Jülich nach Ahaus. Solche Transporte lösen das Endlagerproblem nicht, sie verlagern zunächst die Zwischenlagerung. Das ist technisch vermutlich korrekt, erzählerisch aber eher unbefriedigend. 

    Faulmann und die Elektrokutsche nach Stolberg

    2026-04-19 00:00:00 +0200

    Ein leicht melancholisches, gemaltes Bild: Ein ruhiger Bär mit Schiebermütze steht neben einem kleinen Fahrrad und blickt zu einer mittelalterlichen Burg hinauf, die auf einem Felsen über einer stillen Stadt liegt. Die Farben sind gedämpft, das Licht weich, die Szene wirkt ruhig und nachdenklich.

    Am Morgen nahm Faulmann die neue Elektrokutsche.

    So nannte er das Fahrzeug inzwischen, nicht weil es besonders poetisch gewesen wäre, sondern weil “neues Auto” nach zu viel Prospekt klang und “Elektroauto” immer so sprach, als wolle es gleich noch etwas über Ladeleistung erzählen. Sie fuhr sehr ordentlich, sehr leise und mit jener unaufdringlichen Selbstzufriedenheit, die neue Dinge oft haben, bevor der Alltag beginnt. Und sie fuhr fast von alleine - wie eine Kutsche eben.

    Es war früh, die Straßen noch Wege und keine Blechflüsse, und das Ziel Stolberg lag in dieser Entfernung, die für einen Ausflug gerade richtig ist: weit genug, dass man das Haus verlässt, und nah genug, dass man nicht gleich sein ganzes Leben mitnehmen muss.

    Das Rad lag hinten drin.

    Faulmann freute sich auf diesen Moment des Auspackens. Man kommt irgendwo an, klappt etwas auseinander, zieht Gurte los, richtet Lenker und Taschen - und plötzlich verwandelt sich Anfahrt in Bewegung. Das hat etwas Beruhigendes. Als müsste man sich vor Ort erst auf die richtige Größe bringen.

    Stolberg empfing ihn mit Frühlingsgrün, Hängen, Gassen, Stein, einer Burg oben und dem Gefühl, dass hier einmal vieles sehr pittoresk und davor sehr strukturiert gewesen sein muss: Wer oben sitzt, wer unten arbeitet, wer den Bach braucht, wer das Metall, wer den Handel. Die Burg steht auf einem Kalkfelsen über dem Vichtbachtal, eine dieser Anlagen, bei denen Geologie und Herrschaft sich offenbar vor langer Zeit auf eine Zusammenarbeit geeinigt haben. Später wurde sie zerstört, wieder aufgebaut, umgeformt und schließlich von einem Industriellen im Historismus noch einmal zu einer Art Mittelalter mit sehr langem Atem gemacht.

    Faulmann hielt unten kurz an, sah hinauf und dachte, dass Burgen oft ein wenig unverschämt wirken. Jahrhunderte lang oben stehen und so tun, als sei das alles selbstverständlich.

    Dann fuhr er weiter.

    Ein paar Gassen hinauf, ein paar wieder hinunter. Nicht sportlich. So, wie man in fremden Orten fährt, wenn man nichts beweisen muss und einfach aufnehmen mag. Man schaut nach Schildern, nach Fenstern, nach Mauern, nach den Stellen, an denen etwas restauriert wurde, und nach den Stellen, an denen jemand offenbar irgendwann sagte: “Lassen wir das erst mal so.”

    Die Altstadt wirkte schön und zugleich merkwürdig leise. Nicht tot. Aber auch nicht ganz wach. Als hätte sie beschlossen, noch zu überlegen, ob sich eine Rückkehr lohne. Stolberg leidet offensichtlich nach der Flut von 2021 noch immer sichtbar unter Schäden, Leerstand und langem Wiederaufbau. Das merkte man. Manche Häuser standen da wie nach einem zu langen Satz ohne Punkt. Andere wirkten, als hätten einige Mutige mit viel Geduld und wahrscheinlich zu wenig Budget wieder angefangen, an sie zu glauben.

    Die letzten Meter zur Burg schob er das Rad ein Stück die Steigung hinauf. Nicht jede Höhe muss fahrend erledigt werden. Manchmal ist Schieben die passendere Form von Würde.

    Oben war alles so, wie Burgen eben sind, wenn sie lange genug stehen durften: Mauern, Ausblicke, ein gewisser Ernst im Gestein, etwas eigensinniges Grün in den Mauerritzen und dazwischen der stille Verdacht, dass hier über Jahrhunderte hinweg Menschen sehr überzeugt von sich gewesen sein müssen. Faulmann fand das architektonisch interessant und charakterlich anstrengend.

    Auf einem Wehrgang kreisten drei Kinder um das Zentralgestirn, ihre sichtbar leicht genervte Mutter.

    Sie standen kurz an der Mauer, dann wieder ein paar Schritte weiter, dann doch wieder zurück. Der eine zeigte auf einen Turm und fragte, ob da früher Ritter gekämpft hätten.

    “Ja, bestimmt”, sagte die Mutter, ohne ganz hinzusehen.

    Der Junge sah noch einen Moment zur Burg, dann drehte er sich zu Faulmann.

    “Stimmt das?”

    Faulmann war verwirrt, war er gemeint? Er sah erst zur Mauer und dann in die Luft, als läge die Antwort vielleicht irgendwo dazwischen, und begann zu reden, bevor er ganz wusste, was.

    “Vermutlich nicht so oft”, sagte er schließlich. “Die haben wahrscheinlich eher gewartet.”

    “Gewartet?”

    “Und gefroren”, sagte Faulmann. “Und schlecht gegessen. Das Kämpfen war vermutlich nur der unangenehmste Teil.”

    Faulmann fand, er machte es mit jedem Wort schlimmer.

    Der Junge nickte, als sei das eine durchaus denkbare Enttäuschung.

    “Und dann gekämpft?”, fragte er.

    “Bestimmt auch”, sagte Faulmann. “Wäre ja sonst auch komisch.”

    Damit schien die Sache für einen Moment geklärt.

    Kurz darauf fragte eines der anderen Kinder, ob Ritter auch schlafen mussten.

    Faulmann antwortete, ein wenig aus Verlegenheit. Offenbar war er vorübergehend zuständig.

    Die Mutter sah kurz zu ihm herüber - ein Blick, der seine Zuständigkeit bestätigte und sich gleichzeitig ein wenig entschuldigte.

    So ging das noch eine Weile hin und her.

    Von dort oben jedenfalls sah Stolberg fast geordnet aus.

    Unten am Fluss aber zeigte sich wieder dieses eigentümlich historisch Komplexe. Industriegeschichte, Kupfer, Messing, Zink, Fabriken, Flussläufe, Flutschäden, Wiederaufbau - eine Gegend, in der Stoffe und Zeiten sich gegenseitig nie ganz in Ruhe lassen. Selbst das Museum Zinkhütter Hof 1, auf einer Anhöhe gegenüber der Burg, erzählt die Genese der Region als eine Geschichte von Material, Arbeit und Bewegung. Das passte gut dazu, dass Faulmann ausgerechnet mit dem Rad unterwegs war. Manche Gegenden versteht man besser, wenn man sie nicht nur besichtigt, sondern mit eigener kleiner Mechanik durchquert.

    Irgendwann war es Zeit für Kaffee.

    Wieder in Stolberg saß er dann bei “OH SVENI YEAH”, was nach einem Namen klingt, der beschlossen hat, lieber erst einmal auffällig zu sein und sich später um Seriosität zu kümmern. Faulmann mochte das. Nicht alles muss ehrwürdig heißen. Sonst endet man noch in einem Café namens “Manufaktur Genusswerk”, und dort ist die Nussecke am Ende rechteckig und kostet sieben Euro zwanzig. Nach so viel Stein war ein Ort mit diesem Namen fast schon eine Form von Gegenwart.

    Hier gab es Kaffee. Die sehr ausgewählt gekleidete Verkäuferin sagte, heute gebe es statt der auf dem Schild angepriesenen Auswahl zwischen Hefeschnecke, Muffin, diversen Macarons und weißer Nussecke nur Nussecke.

    “Wunderbar”, sagte Faulmann. “Dann muss ich mich schon nicht entscheiden.”

    Beides war sehr gut. Der Kaffee machte, was Kaffee morgens oder gegen Mittag in fremden Städten tun soll: Er brachte die inneren Möbel kurz wieder in Linie. Die Nussecke dagegen war von der etwas stilleren Sorte. Kein Backwerk, das Eindruck schinden wollte. Eher eines, das sagte: “Ich bin da. Das reicht.”

    Faulmann saß vor dem Fenster auf einer gemütlichen Bank und sah umher.

    Ein paar Leute gingen vorbei, einige zielstrebig, andere mit diesem leicht suchenden Gang, den Innenstädte hervorrufen, wenn sie einmal Einkaufsort waren und jetzt noch nicht entschieden haben, was sie stattdessen sein möchten. In diversen Texten über Stolberg war von Leerstand die Rede, aber auch von Förderprogrammen, Begrünung, Radwegen und dem Versuch, das Ganze nicht einfach aufzugeben. Das klang vernünftig. Städte müssen nicht glänzen. Aber sie sollten wenigstens den Eindruck machen, dass noch jemand mit ihnen rechnet. Hier jedenfalls schienen manche Kaufleute sehr engagiert. Ehrenwert und vorbildlich, dachte Faulmann.

    Collage aus drei Motiven: Links ein großer Baum, der zwischen alten Burgmauern in den Himmel wächst, unten Wurzeln im Stein. Oben rechts ein Tablett mit Kaffee, Nussecke und kleinem Glas, auf einem Tisch in einer ruhigen Altstadt. Unten rechts ein Turm der Burg Stolberg vor blauem Himmel. Drei ruhige Szenen zwischen Stein, Alltag und einem kurzen Moment Pause.

    Er trank aus, aß den letzten Rest Nussecke und dachte, dass Orte manchmal genau dann interessant werden, wenn sie nicht rund sind.

    Stolberg war nicht rund.

    Zu viel Vergangenheit für reine Gegenwart. Zu viel Beschädigung für Postkartenidylle. Zu viel Beharrlichkeit für Untergang. Es gibt Städte, die präsentieren sich. Und es gibt Städte, die sitzen einfach da und lassen einen selbst sehen.

    Dann stand er auf, ging wieder zur Elektrokutsche, verstaute das Rad und fuhr zurück.

    Hinter ihm blieb die Burg auf ihrem Felsen, die Stadt darunter und irgendwo zwischen Gassen, Baustellen, Kaffee und Familiengespräch dieser seltsame Rest, den man von Ausflügen manchmal mitnimmt.

    Nicht als Erkenntnis.

    Eher als leise Unordnung. Als hätten Vergangenheit und Gegenwart dort kurz vergessen, Abstand zu halten.

    1. Das Museum Zinkhütter Hof ist angenehm konkret. Es erklärt die Region nicht über große Behauptungen, sondern über das, was dort hergestellt, verarbeitet, bewegt und verdient wurde. Gezeigt werden vor allem vier Dinge: erstens Messing, das sogenannte “Stolberger Gold”, mit dem die Kupfermeister über lange Zeit den Wohlstand der Gegend prägten; zweitens Zink, also Verhüttung und Verarbeitung, bis hin zu Alltagsgegenständen aus gewalztem Zinkblech wie Gießkannen oder Badewannen; drittens die “Aachener Nadel”2, deren Produktion im 19. Jahrhundert mit 42 Fabriken und fast 5.000 Arbeitern eine weltweite Vormachtstellung erreichte; und viertens Mobilität - von der Erfindung des Sicherheitsfahrrads bis zu frühen Motorfahrzeugen der Firmen Cudell und Fafnir. Untergebracht ist das Ganze in einem Gebäudeensemble aus den 1830er Jahren, ursprünglich eine Glashütte für Tafelglas, also selbst schon Teil jener industriellen Geschichte, die es heute erklärt. Draußen steht zudem ein Schwungrad von über zehn Metern Durchmesser und rund 50 Tonnen Gewicht, was sehr zuverlässig daran erinnert, dass “Industriekultur” nicht nur ein Wort für Broschüren ist. Für Kinder gibt es außerdem den Museumszwerg Galminus, der Rohstoffe wie Galmei und Zinkerz etwas spielerischer einführt, als es die Chemie allein vermutlich leisten würde. 

    2. Für das maschinelle Nähen war eine kleine Verschiebung entscheidend: die Öse wanderte von hinten an die Spitze der Nadel. Erst dadurch ließ sich der Faden so führen, dass die Maschine überhaupt nähen konnte. Faulmann mochte solche Details. Sie tun wenig Aufhebens um sich und verändern trotzdem alles. 

    Faulmann und die Kugeln, die schon alles wussten

    2026-04-15 00:00:00 +0200

    Der erste Versuch war gescheitert. Zu viel Betrieb, zu wenig Blick. Also ein zweiter Anlauf. Diesmal mit etwas Puffer im System. Ein Kaffee im “Kopenhagen”, ein Hefeteilchen mit Topping, das mehr versprach als es halten musste. Man sitzt dort, schaut kurz auf die eigenen Hände, auf andere Tische, auf diese kleinen, unaufgeregten Szenen, die sich nicht anbieten, sondern einfach da sind. Vielleicht ist das schon eine Art Vorbereitung. Nicht auf die Kunst. Eher auf das, was sie einem später zurückgibt.

    Dann hinein. Und gleich am Anfang liegen sie da.

    Die Kugeln, die nichts erklären

    Ganz schlicht. Keine große Inszenierung. Keine dramatische Geste. Kugeln auf dem Boden. Man könnte fast darüber hinwegsehen, wenn sie nicht sofort anfangen würden, zurückzuschauen.

    Und gleichzeitig haben sie etwas Merkwürdiges. Man möchte sie fast ein kleines bisschen anstoßen. So wie einen Luftballon. Nur ganz leicht. Einfach, um zu sehen, was passiert. Man macht es natürlich nicht.

    Es ist die Arbeit von Yayoi Kusama, aber sie tritt nicht als Werk auf. Eher als Zustand. Etwas, das passiert, sobald man in ihre Nähe kommt.

    Man tritt einen Schritt heran und ist schon drin. Nicht metaphorisch. Ganz praktisch. Das eigene Bild taucht auf. Klein, rund, leicht verschoben. Nicht besonders schmeichelhaft, aber auch nicht aggressiv. Eher gleichgültig. Und gerade das macht es präzise.

    Diese Kugeln tun nicht viel. Und gerade dadurch treffen sie ziemlich genau. Sie zeigen einen, ohne sich Mühe zu geben. Keine Perspektive, die man wählen kann. Kein Licht, das man optimiert. Keine Version, die man später noch einmal überprüft. Man ist einfach da.

    Und dann sieht man sich. Und sieht sich noch einmal.

    Es ist fast irritierend, wie wenig man hinzufügen muss, um darin die Gegenwart zu erkennen. Oder vielleicht auch nicht erkennen – eher wiederfinden.

    Kusama hat das nicht illustriert. Sie hat es 1966 einfach hingestellt 1. Und es funktioniert.

    1500 kleine Wiederholungen

    Man sieht sich nicht nur einmal. Sondern mehrfach. Gleichzeitig. In leicht unterschiedlichen Varianten. Mal weiter hinten, mal am Rand, mal halb verschwunden. Das eigene Bild verliert ziemlich schnell die Eigenschaft, etwas Besonderes zu sein. Es wird ein Element unter vielen.

    Und irgendwie kommt einem das bekannt vor. Nicht, weil man es schon einmal genau so gesehen hätte. Sondern eher als Gefühl. Diese Wiederholung, dieses leichte Verschieben, dieses Aufgehen in einer Fläche – das hat etwas, das man aus anderen Zusammenhängen kennt, ohne es genau festmachen zu können.

    Man steht davor und denkt kurz, dass das eigentlich schon reicht.

    Viele bleiben stehen. Viele schauen. Einige heben sofort das Telefon - fast wie eine zweite Reflexbewegung.

    Man darf die Kunstwerke nicht berühren. Das scheint hier nicht in beide Richtungen zu gelten.

    Narzissmus ohne Pose

    Der klassische Narziss steht allein an einer Quelle 2. Hier sind es viele Kugeln. Und plötzlich ist das kein individueller Zustand mehr, sondern etwas, das sich verteilt. Jeder sieht sich. Und gleichzeitig ist man nicht allein damit.

    Das Ganze kippt leicht. Das eigene Bild ist da, aber es gehört einem nicht mehr ganz 3.

    Der Narzissmus hier wirkt weniger wie Eitelkeit. Eher wie eine Eigenschaft der Situation. Etwas, das passiert, sobald eine Oberfläche beginnt, Dinge zurückzugeben.

    Die Kugel ist dabei erstaunlich gleichgültig. Das Selfie ist höflicher. Und vielleicht ist genau diese Höflichkeit das eigentliche Problem.

    Kontrolle, die kurz bleibt

    Das Selfie wirkt auf den ersten Blick anders. Man hebt das Telefon, sucht den Winkel, entscheidet über den Moment. Für einen kurzen Augenblick scheint das Bild einem zu gehören.

    Dann geht es weiter. Es taucht irgendwo auf, zwischen anderen. Wird gesehen, vielleicht bewertet, vielleicht auch einfach übersehen.

    Und irgendwann ist es Teil von etwas, das größer ist als dieses eine Bild.

    Die Kugeln sind da direkter. Man steht davor und sieht, wie das eigene Bild Teil eines Musters wird. Wie es sich vervielfältigt, verschiebt, verkleinert. Und wie es dabei ein wenig an Gewicht verliert. Ohne große Ankündigung.

    Eine Ware, die keiner auspreist

    Der Satz “Your Narcissism for Sale” wirkt heute fast zurückhaltend.

    Damals lag das offen da. Heute passiert es leiser. Man macht sich sichtbar. Und damit ein Stück weit verfügbar. Nicht unbedingt bewusst.

    Eher so, wie man kurz stehen bleibt, hinschaut, vielleicht ein Bild macht – und weitergeht.

    Die Kugeln in Köln liegen einfach da. Sie verlangen nichts. Sie erklären nichts. Sie kommentieren nicht einmal.

    Und vielleicht ist genau das das Beeindruckende.

    Man steht davor, sieht sich, sieht sich noch einmal, ein bisschen anders, und merkt irgendwann, dass dieses Bild nicht bei einem bleibt.

    Es gehört einem nur für einen Moment.

    Man geht ein paar Schritte weiter. Hinter einem liegen die Kugeln noch immer da. Und irgendwo darin auch eine Version, die man nicht ganz mitgenommen hat. Oder vielleicht doch. Nur nicht so, wie man denkt.


    1. Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst kennt Momente von prophetischer Klarheit, in denen ein Werk die technologischen und psychologischen Strukturen einer fernen Zukunft mit einer Präzision vorwegnimmt, die erst Jahrzehnte später vollumfänglich fassbar wird. Ein solches Ereignis markiert der Auftritt der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama bei der 33. Biennale von Venedig im Jahr 1966. Ohne offizielle Einladung, jedoch unterstützt durch die finanzielle Hilfe von Lucio Fontana und die informelle Duldung des Biennale-Präsidenten, inszenierte Kusama auf dem Rasen vor dem italienischen Pavillon eine Installation, die das Fundament für eine radikale Kritik an der beginnenden Spektakelgesellschaft legte. Mit 1.500 spiegelnden Kunststoffkugeln schuf sie einen „kinetischen Teppich“, in dem sich die Umgebung, die Besucher und die Künstlerin selbst in einer unendlichen, verzerrten Wiederholung auflösten. 

    2. Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und daran zugrunde geht. Bei Kusama ist die Quelle vervielfacht. Man steht nicht allein davor. Und genau das verändert etwas. 

    3. Die Aufforderung “Your Narcissism for Sale” ist von einer tiefen Ironie geprägt. Sie unterstellt dem Betrachter nicht nur, narzisstisch zu sein, sondern auch, dass dieser Narzissmus so oberflächlich ist, dass er für einen geringen Betrag käuflich erworben werden kann. Kusama kritisiert damit eine Form der Eitelkeit, die heute durch digitale Geräte massiv verstärkt wird. Das Smartphone fungiert als der moderne “Schwarze Spiegel”, in dem wir ständig nach Bestätigung suchen.