Ein Fenster, acht Engel und zwei Sandwiches – Ein Kölner Tag eben

    2026-09-19 00:00:00 +0200

    Captain Faulmann und Keira zwischen MAKK, Dom und Offenbachplatz

    Als Keira das Museum betrat, saß Faulmann bereits auf einem seiner Lieblingsmuseumssofas in Köln.

    “Die Stadt ist voller Polizei”, sagte sie.

    “Ja”, sagte Faulmann. “Am Neumarkt treffen sich gerade eine Demonstration gegen Schwangerschaftsabbrüche und eine für das Recht, selbst darüber zu entscheiden. Außerdem werden heute Oper und Schauspielhaus wiedereröffnet.”

    Er rückte ein Stück zur Seite.

    “Ein Kölner Tag eben.”

    Keira setzte sich neben ihn und strich ihr olivgrünes Gefieder glatt. Ihre Kehle war gelb, die Bauchseite hellgrau, ihr Schnabel fein und spitz, und um ihre Augen lagen breite weiße Federringe.

    An der Kasse des MAKK hatte Faulmann kurz zuvor seine Jahreskarte für die Kölner Museen verlängert. Damit war für ein weiteres Jahr geregelt, dass er in Köln Gebäude betreten konnte, um sich dort unter anderem andere Gebäude anzusehen.

    Im Foyer des MAKK fehlte allerdings jemand.

    “Wo ist denn der Mercedes?”, fragte Faulmann einen der Aufseher.

    “Der ist in die Garage gefahren.”

    Gemeint war der Mercedes SL, der sonst wie ein Maskottchen vor der Dauerausstellung stand. Er hatte den beiden Architekturausstellungen Platz machen müssen. Die Generalvorfahrt der württembergischen Automarke mit Frauennamen gehörte damals offenbar noch nicht zur Serienausstattung.1

    Erst die Idee

    Die erste Ausstellung galt Oswald Mathias Ungers. Architektur als Idee war ein Titel, der zunächst ein wenig so klang, als könne man sich das Bauen sparen, sofern der Gedanke ordentlich genug ausfiel.

    Ungers hätte das vermutlich anders gesehen. Bei ihm begann Architektur mit Ordnung: mit Raum, Maß und Proportion, mit Kreis und Quadrat, mit Formen, die nicht zufällig irgendwo standen, sondern einander etwas zu sagen hatten.2

    Die Ordnung endete nicht an der Hauswand. Möbel, Kunst, Farben und Garten gehörten bei Ungers zum selben Entwurf. Ein Wohnhaus konnte als kleine Stadt gedacht werden, eine Bibliothek als schwarzer Würfel, in dessen Regalen das Wissen über Architektur aufgehoben war. Nicht Dekoration um ein Gebäude herum, sondern Teile desselben Gedankens.

    Bei seinem ersten Haus in der Kölner Belvederestraße wurde das ziemlich wörtlich. Wohn- und Arbeitsräume lagen um eine innere “Straße” und zwei Treppen. Von außen war nicht ohne Weiteres abzulesen, welcher Raum wofür gedacht war. Jeder folgte seiner eigenen Logik, gemeinsam bildeten sie eine kleine Stadt unter einem Dach.

    Später setzte Ungers einen Bibliothekskubus daneben. Von außen war er ein schwarzer Würfel aus Basaltlava, fast ohne Erzählung. Innen lagen in den Regalen seine Bücher zur Geschichte und Theorie der Architektur. Das Ausstellungsmaterial nannte sie das “Universum der Architektur”. Faulmann fand, dass ein Universum in einem Würfel zumindest den Vorteil hatte, nicht weiter expandieren zu müssen.

    Ein anderes eigenes Wohnhaus nannte Ungers das “Haus ohne Eigenschaften”. Sockel, sichtbares Dach, Fensterbänke und Bauschmuck waren weitgehend verschwunden. Übrig blieb eine helle, geometrische Form. Selbst das Weglassen war bei Ungers keine Leerstelle. Es war eine ziemlich genaue Tätigkeit.

    Faulmann betrachtete Pläne und Modelle. Häuser waren hier noch keine Orte, an denen jemand die Heizung zu hoch drehte oder im Treppenhaus ein Fahrrad abstellte. Sie waren zunächst Gedanken, denen man genug Material gegeben hatte, um draußen stehen zu können.

    Bei der Residenz des deutschen Botschafters in Washington musste diese Ordnung sogar ein Land vertreten. Ungers suchte nach einer architektonischen Form für Eigenschaften Deutschlands und hielt klassische Symmetrie und moderne Strenge in einem Gebäude zusammen. Auch Diplomatie brauchte offenbar zunächst einen Grundriss.

    In Karlsruhe machte er das Quadrat zum Grundmaß der Badischen Landesbibliothek. Ein Raster von drei Metern zieht sich durch den Bau; in seiner Mitte liegt ein quadratischer, von einer Kuppel überwölbter Lesesaal. Das Wissen lag dort nicht nur in Regalen. Es hatte einen geometrischen Mittelpunkt bekommen.3

    Der Mercedes hatte dafür vernünftigerweise die Garage aufgesucht.

    Dann der Blick

    In der zweiten Ausstellung waren die Gebäude längst gebaut. Hans Georg Esch hatte sie fotografiert: den Kölner Dom, Pompeji, das Chrysler Building, Bauten von Ungers, Hongkong, Beijing, Sanaa und den neuen Flughafen von Abu Dhabi. Unter seinem Blick wurden sie aus ihren Straßen und Städten gelöst und zu Bildern, die einander im Museum begegnen konnten.4

    Die Ausstellung war als Dialog angelegt. Mehr als zweitausend Jahre alte Straßen und Häuser in Pompeji trafen auf die Formen des noch nicht eröffneten Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der geografische Bogen reichte von Lappland bis Sydney und Beijing. Köln blieb trotzdem das Zentrum, nicht nur, weil das Museum dort stand. Immer wieder führten Eschs Bilder in die Stadt und zu den Bauten von Ungers zurück.

    Zwischen den großen Aufnahmen lagen Polaroids aus früheren Reisen. Kleine Einzelstücke aus einer Zeit, in der man das fertige Bild nicht schon vor der Aufnahme auf einem Bildschirm betrachten konnte. Esch hatte sie in Stapeln und Schachteln aufbewahrt. Jedes war nur einmal vorhanden, während die großen digitalen Bilder daneben längst ohne festes Ende vervielfältigt werden konnten.5

    An einer Wand öffnete sich Köln noch einmal.

    An dieser Stelle wirkte Eschs Aufnahme des Vierungsturms beinahe wie ein Fenster. Nur zeigte dieses Fenster nicht, was hinter der Wand lag. Der Dom stand von hier aus fast im rechten Winkel zur Blickachse. Das Bild öffnete eine Sichtachse, die der Raum selbst nicht hergab.

    Faulmann brauchte einen Moment, um zu verstehen, warum sich das Bild zugleich vertraut und unmöglich anfühlte.

    Einige von Eschs Bildern entstanden mit Drohnen. Was früher nur Vögel sehen konnten, erklärte das Ausstellungshandbuch, war inzwischen ein alltägliches Werkzeug der Architekturfotografie. Keira nahm die technische Erschließung ihrer Perspektive ruhig zur Kenntnis.

    Auf dem Turm standen acht Engel. Von unten sind sie kaum als einzelne Figuren zu erkennen. Auf Eschs Foto wirkten sie groß, schwer und überraschend technisch. Ihre Körper waren geometrisch, ihre Flügel wirkten wie schwere Konstruktionen.

    Keira betrachtete die acht metallischen Gestalten auf dem Vierungsturm.

    “Ein wenig Metropolis”, sagte sie. “Für Engel sehen sie bemerkenswert raumstationskompatibel aus.”

    Das war nicht einmal ganz zufällig. Die Engel gehören zur modernen, vom Art déco geprägten Neugestaltung des Vierungsturms. Erlefried Hoppe entwarf sie, Hubert Bruhs fertigte ihre Holzkerne. Jede Figur ist 4,10 Meter hoch, mit Blei verkleidet und wiegt mehr als zwei Tonnen.6

    Gleich daneben hing das Chrysler Building. Im Ausstellungshandbuch folgten beide Aufnahmen sogar unmittelbar aufeinander: der Kölner Vierungsturm als Nummer 62, das Chrysler Building als Nummer 63.7

    Art déco auf einer gotischen Kathedrale begegnete Art déco über den Straßen Manhattans. Dazwischen lag nur ein Stück Museumswand. Die Ausstellung hatte Köln und New York nicht näher zusammengerückt. Sie hatte lediglich den Abstand weggelassen.

    Vielleicht lag darin der eigentliche Unterschied zwischen einem Gebäude und seinem Bild. Ein Gebäude wurde entworfen und gebaut. Zur Ikone wurde es erst, wenn jemand einen Blick darauf fand, der sich wiederholen wollte. Der Dom stand schon lange in Köln. Diese acht Engel hatte Faulmann trotzdem erst an einer Museumswand richtig gesehen.

    Gebäude werden wieder Stadt

    Wenig später gingen Faulmann und Keira hinaus zum Offenbachplatz.

    Nach vierzehn Jahren Sanierung öffneten die Bühnen Köln dort wieder ihre Türen. Opernhaus, Schauspielhaus, Kinderoper und Kleines Haus gehörten für ein Wochenende nicht nur denjenigen, die Karten oder einen Dienstplan besaßen, sondern auch jenen mit viel Geduld. Menschen standen auf dem Platz, warteten vor Eingängen, hörten Musik und reihten sich an Foodtrucks ein.8

    Die neuen Räume hätten Keira und Faulmann auch von innen besichtigen können. Die Schlangen vor den Eingängen verlangten jedoch sichtbar deutlich mehr Standhaftigkeit, als beide aufbringen wollten.

    Kurz zuvor hatten Faulmann und Keira noch Architektur betrachtet, die zur Idee und anschließend zum Bild geworden war. Nun standen sie zwischen Gebäuden, die wieder benutzt wurden.

    Eine kurze Strecke durch mehrere Küchen

    Rund um die wiedereröffneten Häuser standen Foodtrucks. Der Weg über den Offenbachplatz wurde dadurch geografisch etwas unübersichtlich.

    An einem Stand, dessen Name Faulmann später verloren ging, gab es lange, weiche Brioche-Sandwiches: eines mit Pulled Bœuf, eines mit Austernpilzen, dazu Cheddar oder Avocado und wunderbar eingelegte rote Zwiebeln. Nach einer kurzen Absprache bestellten Keira und Faulmann beide Varianten und teilten sie so, dass jeder eine Hälfte von jedem Sandwich bekam.

    Es war eine gute Anwendung des von Faulmann erfundenen Badischen Undsatzes (principium Badense coniunctionis): Bei Essensbestellungen darf jedes Entweder-oder grundsätzlich durch ein Und ersetzt werden.

    Bei Knödelfein folgte ein Rote-Bete-Knödel mit Ziegenkäsekern. Der Knödel war außen kräftig rot, innen hell und insgesamt erheblich weniger zurückhaltend, als Knödel sonst aufzutreten pflegen. Seine Herkunft lag gedanklich in den Alpen, auch wenn er an diesem Tag in Köln aus einem Foodtruck kam.9

    Danach gab es bei Beni Doubles ein weiches, frittiertes Fladenbrot mit würzigem Kichererbsencurry. Faulmann hatte das Gericht zunächst irgendwo in Lateinamerika verortet. Tatsächlich gehörte es zu den Doubles aus Trinidad und Tobago - karibischem Streetfood mit indischen Wurzeln.10

    Es war eine recht kurze Strecke von Washington über Manhattan und die Alpen bis nach Trinidad. Städte leisten sich solche Entfernungen gelegentlich, ohne sie auszuschildern.

    Kaffee, Kyjiw und die galaktische Personalakte

    Gegen fünf holte sich Faulmann bei Klee Kaffee einen Espresso. Keira bestellte denselben Grundgedanken mit erheblich mehr Milch. Der Kaffee kam aus einem Wohnwagen, was nach Brioche-Sandwiches, Knödeln, Frittierfladen und vierzehn Jahren Bühnensanierung als vergleichsweise überschaubare Konstruktion erschien.

    Am Stand entdeckte er eine kleine grüne Gestalt aus Star Wars.

    “Yoda”, sagte Faulmann.

    “Grogu”, sagte Keira.

    Es war keine Zurechtweisung. Nur eine sachgerechte Berichtigung der galaktischen Personalakte.

    Der Irrtum hatte nicht lange genug gestanden, um peinlich zu werden.

    Auf der Außenbühne begannen die Dakh Daughters. Weiß geschminkte Gesichter, schwarze Kleidung, Kontrabass, Schlagzeug, Keyboard und Gitarre. Die Musikerinnen aus Kyjiw nennen ihre Verbindung aus Theater, ukrainischer Musik, Punk und Literatur “Freak Cabaret”. Das traf es besser als die meisten ordentlichen Genrebezeichnungen.11

    Das Samstagsprogramm war vom Schauspiel Köln kuratiert. Die Dakh Daughters für die Wiedereröffnung einzuladen, war eine auffallend gute Entscheidung. Keine gefällige musikalische Tapete, sondern Künstlerinnen aus einer Stadt, deren Kultur gerade verteidigt werden musste. Chapeau!

    Bei einem früheren Besuch im Museum Schnütgen hatte Faulmann mittelalterliche Glasmalereien aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw gesehen. Wegen des Krieges waren sie vorübergehend in Köln untergebracht. Damals waren Kunstwerke aus Kyjiw als Gäste in die Stadt gekommen. Nun kamen die Stimmen selbst.

    Die Musik konnte im selben Stück streng, fremd, komisch und wütend werden. Sie schien nicht recht einzusehen, weshalb sie sich für eine dieser Möglichkeiten entscheiden sollte.

    Keira und Faulmann blieben stehen und setzten sich schließlich auf eine der neuen Steinbänke. Als der Kaffee ausgetrunken war, saßen sie noch ein paar Minuten dem Konzert lauschend da. Hinter ihnen lag das Museum mit seinem rückwärts blickenden Fenster. Der Mercedes stand irgendwo in einer Garage. Faulmanns Bauch brummte zufrieden im Takt, und seine Jahreskarte galt nun wieder ein ganzes Jahr.


    1. Die Daimler-Motoren-Gesellschaft, aus der Mercedes hervorging, stammte aus Cannstatt bei Stuttgart. Der Markenname geht tatsächlich auf den Vornamen Mercédès Jellineks zurück; ihr Vater Emil verwendete ihn zunächst als Pseudonym bei Autorennen. 1902 wurde Mercedes als Marke geschützt. 

    2. Die Ausstellung O.M. Ungers - Architektur als Idee läuft im MAKK vom 22. Mai bis 27. September 2026. Sie entstand anlässlich des 100. Geburtstags des Kölner Architekten. Das Faltblatt zur Ausstellung beschreibt Architektur, Design, Kunst und Landschaft ausdrücklich als zusammengehöriges Ganzes. 

    3. Das MAKK datiert Ungers’ Residenz des deutschen Botschafters in Washington auf die Jahre 1987 bis 1995. Die Badische Landesbibliothek beschreibt ihren Ungers-Bau mit Dreimeter-Raster, quadratischem Lesesaal und Kuppel. 

    4. Hans Georg Esch - Der architektonische Blick · epochal - global ist vom 11. Juni bis 27. September 2026 zu sehen. 

    5. Das Ausstellungshandbuch widmet sowohl Eschs Polaroids als auch seiner Drohnenfotografie eigene Abschnitte. Es beschreibt die Schau als Dialog zwischen Epochen, Kontinenten, dokumentarischem Auftrag und freier künstlerischer Fotografie. 

    6. Der heutige Vierungsturm wurde zwischen 1965 und 1973 nach einem Entwurf des Dombaumeisters Willy Weyres neu gestaltet. Die acht Engel bestehen aus bleiverkleidetem Lärchenholz. 

    7. Ausstellungshandbuch Hans Georg Esch - Der architektonische Blick · epochal - global, Werkverzeichnis, Nummern 62 und 63. 

    8. Das Eröffnungsfest der Bühnen Köln fand am 19. und 20. September 2026 statt. Das Programm verteilte sich über den Offenbachplatz sowie Opernhaus, Schauspielhaus, Kinderoper und Kleines Haus. Für die Besichtigung der neuen Räume waren teils Zeitslots oder Wartezeiten vorgesehen. 

    9. Knödelfein-Gründer Christoph Schrader lernte das Knödelrollen 2013 während eines Sommers auf der Adolf-Noßberger-Hütte in Österreich. Später entwickelte er daraus die heutige Knödelfein-Manufaktur. 

    10. Doubles bestehen traditionell aus zwei frittierten Bara und einem Kichererbsencurry namens Channa. Beni Doubles bringt dieses Streetfood in Köln auf Märkte und Veranstaltungen. 

    11. Die Dakh Daughters entstanden 2012 am unabhängigen Dakh-Theater in Kyjiw. Das Künstlerinnenkollektiv verbindet Musik, Schauspiel und Texte unter anderem ukrainischer Dichterinnen und Dichter. Seit dem Euromaidan ist seine Arbeit eng mit dem politischen und kulturellen Widerstand der Ukraine verbunden. Ihr Auftritt um 17 Uhr gehörte zum offiziell vom Schauspiel Köln kuratierten Samstagsprogramm

    Zwölf verschwundene Eichenbalken

    2026-09-13 10:01:00 +0200

    Captain Faulmann, Mummrich, Liora, Dachsbert und Centurio Crispus betrachten im Hafen die leere Lagerbucht mit zwölf roten Markierungen.

    Zwölf Balken

    Der leere Wagen gehörte der Legion.

    Das erkannte man an den eingebrannten Zeichen auf den Seitenbrettern und an den Soldaten, die darum herumstanden. Einige trugen nur Tunika, Gürtel und feste Schuhe. Ihre Schilde und Gepäckstücke lagen ordentlich unter einem Vordach. Auf dem Wagen befanden sich Seile, eiserne Klammern, zwei Hebelstangen und mehrere Rollen.

    Die Sonne stand inzwischen hoch über den Speichern. Unter den Arkaden waren die Schatten schmal geworden.

    Faulmann betrachtete die Ausrüstung. “Für Soldaten haben sie erstaunlich viel Werkzeug”, sagte er.

    Marcellus sah ihn an. “Wie sollen sie sonst bauen?”1

    Am Kai lag ein flaches Lastschiff. Sein breiter Rumpf saß tief im Wasser; auf dem Deck standen nur noch wenige Amphoren. Zwei Männer rollten Taue zusammen. Hinter ihnen ragte ein hölzerner Ladekran über die Kaimauer. Ein Arbeiter drehte die Winde zurück, während ein anderer den Haken führte. Säcke, Amphoren und Holzkisten wurden unter die Arkaden der Speicher gebracht.

    Die Waren blieben nicht lange im Freien. Ein Schreiber prüfte Zeichen und Siegel, ritzte Mengen in eine Wachstafel und wies den Lastträgern die Lagerräume zu. Was über den Rhein in die Stadt kam, wurde am Hafen zunächst zu einer Zahl und anschließend wieder zu etwas Schwerem.

    Auf dem Boden einer leeren Lagerbucht lagen Rindenstücke, Holzspäne und zwei Querhölzer, auf denen bis vor kurzem etwas Schweres geruht hatte. An der Rückwand hatte jemand mit roter Farbe zwölf kurze Striche angebracht.

    Der Centurio deutete darauf. “Zwölf.”

    Der Hafenaufseher nickte. “Zwölf.”

    “Zwölf Eichenbalken.”

    “Das ist richtig.”

    “Wo sind sie?”

    “Nicht hier.”

    Der Centurio sah ihn eine Weile an. “Das hatte ich bereits aus ihrer Abwesenheit geschlossen.”

    Der Hafenaufseher war ein breiter Mann mit sonnenverbranntem Gesicht. Er hielt eine zusammengeklappte Wachstafel in der Hand. Offenbar hatte man ihm den Unterschied zwischen einer Erklärung und einer Wiederholung bislang nicht amtlich mitgeteilt.

    Neben ihm stand ein weiterer Mann mit zerknirschtem Gesichtsausdruck. Seine helle Toga war am Saum bereits mit Hafenstaub bedeckt. Zwei städtische Schreiber hielten sich in seiner Nähe auf. Einer schrieb mit. Der andere bemühte sich, nicht als derjenige auszusehen, der später erklären musste, weshalb zwölf Balken fehlten.

    Am Rand der Gruppe blieb Dachsbert stehen. “Wenn die Balken gestern entladen wurden”, sagte er, “wer hatte in der Nacht Zugang zu diesem Bereich des Hafens?”

    Der Centurio drehte sich um. “Wer fragt das?”

    Marcellus trat einen Schritt vor. “Dachsbertus. Der Ehrengast aus Rom, Inspizient der Provinz, angereist zu den Festtagen und den Spielen. Aus dem Geschlecht der Melesbertier, reisender Würdenträger, Aufseher über Nebenwege und vorläufiger Beauftragter für Besichtigungen.”

    Dachsbert sah Marcellus an. Marcellus hatte die Tafel am Tor sehr ordentlich geführt. “Den Inspizienten hatte ich nicht genannt”, sagte Dachsbert.

    “So lautete es in der Ankündigung”, sagte Marcellus.

    Der Mann mit dem zerknirschten Gesichtsausdruck kam ihnen entgegen. “Lucius Petronius Varro, Duumvir der Colonia.”

    Er legte kurz zwei Finger an die Brust. Dachsbert tat es ihm nach. “Einer von zweien”, erklärte Varro. “Gemeinsam mit dem Stadtrat verwalten wir die Angelegenheiten der Colonia.”

    “Dann seid Ihr für diese Angelegenheit nicht allein verantwortlich”, sagte Dachsbert.

    “Das ist gegenwärtig mein größter Trost.”

    Varro deutete auf die leere Lagerbucht. “Verzeiht dieses Durcheinander. Es handelt sich um einen kleinen Streit zwischen der Stadt und der Legion.”

    Dachsbert betrachtete die zwölf roten Striche an der Rückwand. “Lange Eichenbalken sind keine besonders kleine Form des Streits.”

    “Es handelt sich um Diebstahl”, sagte der Centurio.

    “Das ist bereits Teil des Streits”, sagte Varro.

    Er wandte sich Dachsbert zu. “Umso glücklicher trifft es sich, dass wir heute einen hochrangigen Würdenträger aus Rom hier haben.”

    “Ich besichtige die Stadt.”

    “Umso transparenter zeigt sich hier und gegenwärtig eines ihrer Probleme.”

    Liora sah ein wenig besorgt zu Varros Schreibern. Der zweite hatte nun ebenfalls den Griffel angesetzt.

    Dachsbert wandte sich wieder an den Centurio. “Wann wurden die Balken zuletzt gesehen?”

    “Gestern in der achten Stunde”, sagte der Centurio. “Heute sollten wir sie nach Vetera bringen.”

    Varro deutete auf ihn. “Marcus Flavius Crispus, Centurio der Legio XXX Ulpia Victrix.”

    Auf seinem Gürtel und den Metallbeschlägen des Wagens wiederholte sich das Zeichen der Dreißigsten Legion.

    “Eine Ulpische Legion in einer Ulpischen Colonia”, sagte Dachsbert.

    “Beide tragen den Namen Kaiser Trajans”, sagte Marcellus.

    “Er beschriftete wohl großzügig”, sagte Faulmann.

    “Die Balken waren für Arbeiten an unserem Lager bestimmt”, sagte Crispus.

    “Für Bauarbeiten?”, fragte Dachsbert.

    “Unser Lager baut und unterhält sich nicht selbst.”

    Faulmann sah noch einmal auf die Hebelstangen und Rollen. “Der Wagen hatte bereits einen Hinweis gegeben.”

    Der Hafenaufseher klappte seine Wachstafel auf. “Zwölf Eichenbalken, jeder achtzehn Fuß lang. Entladen gestern in der achten Stunde. In Bucht sieben auf Querhölzern gelagert. Der Zugang wurde versiegelt.”

    “Wer hat das Siegel gebrochen?”, fragte Dachsbert.

    “Ich”, sagte der Hafenaufseher.

    Crispus drehte sich langsam zu ihm um. “Ihr?”

    “Secundus hatte eine Vollmacht.”

    “Wer ist Secundus?”, fragte Liora.

    “Der leitende Wassermeister”, sagte Varro. “Er beaufsichtigt die Zuleitungen, Verteiler und öffentlichen Brunnen.”

    “Und offenbar den militärischen Holzbestand”, sagte Crispus.

    “Normalerweise nicht.”

    “Das beruhigt mich.”

    Mummrich war inzwischen in die Lagerbucht getreten. Er kniete neben einem der Querhölzer und betrachtete die Druckstellen. “Die Balken waren hier”, sagte er.

    Der Centurio verschränkte die Arme. “Danke.”

    “Ich bestätige nicht ihre frühere Anwesenheit. Ich sehe mir an, wie sie fortgebracht wurden.”

    Mummrich fuhr mit einer Pfote durch die Holzspäne. Dann betrachtete er die Spuren auf dem Boden. “Nicht getragen. Erst mit Hebelstangen angehoben, dann auf Rollen bis vor die Arkaden bewegt. Dort wurden sie auf zwei Karren verteilt.”

    Der Hafenaufseher nickte. “Genau so war es.”

    Crispus trat einen Schritt näher. “Ihr habt zugesehen?”

    “Ich habe geholfen.”

    Für einen Augenblick war nur das Knarren der Hafenwinde zu hören.

    “Ihr habt geholfen, Eigentum der Legion fortzuschaffen?”

    “Der Wassermeister hatte einen Notfall.”

    “Der Wassermeister hat vor allem mein Holz.”

    “Zum fraglichen Zeitpunkt hatte er vor allem eine amtliche Vollmacht.”

    Der Hafenaufseher reichte Varro eine verschnürte Doppeltafel. Der Duumvir prüfte den Siegelabdruck, löste die Schnur und klappte sie auf. Dann gab er sie Dachsbert.

    Die Buchstaben standen klein und dicht in der dunklen Wachsschicht. Dachsbert hielt die Tafel näher ans Licht. Liora trat neben ihn und neigte sie ein wenig, bis die eingeritzten Linien deutlicher hervortraten.

    Liora begann zu lesen. “Gefährliche Unterspülung an einer Leitung im südlichen Stadtgebiet. Zur sofortigen Sicherung werden schwere Balken, zwei Karren und Arbeitskräfte benötigt. Verzögerung gefährdet die Wasserversorgung und angrenzende Bauwerke.”

    “Wo?”, fragte Dachsbert.

    “Da steht nur: südliches Stadtgebiet.”

    Darunter befand sich Secundus’ Name.

    “Er hat das Holz nicht heimlich genommen”, sagte Liora.

    “Er hatte nicht meine Erlaubnis”, sagte Crispus.

    “Er hat aber hinterlassen, wer es genommen hat, warum und wohin es ungefähr sollte.”

    “Das ist ein ungewöhnlich gut dokumentierter Diebstahl”, sagte Faulmann.

    “Er hat eine Empfangsbestätigung ausgestellt”, sagte der Hafenaufseher.

    “Für mein Holz?”

    “Er war sehr ordentlich.”

    Varro hob beschwichtigend die Hand. “Secundus besitzt die Befugnis, bei unmittelbarer Gefahr Material der Stadt einzusetzen.”

    “Das Material gehörte nicht der Stadt”, sagte Crispus.

    “Ob eine städtische Vollmacht für Holz gilt, das in einem städtischen Speicher liegt, aber der Legion gehört, ist sicher eine interessante Frage”, sagte Faulmann.

    “Genau”, sagte Crispus.

    “Mit ihr lassen sich Advokaten einige Monate beschäftigen. Für eine schnelle und praktische Untersuchung würde ich aber zunächst das Holz suchen.”

    Dachsbert nickte. “Die Eigentumsfrage wird vertagt.”

    “Von wem?”, fragte Liora.

    “Vom Inspizienten der Provinz.”

    Marcellus schrieb es auf.

    Varro betrachtete Dachsbert zufrieden. “Ich dachte, Ihr wünscht eine Stadtführung.”

    “Das tue ich.”

    “Ihr führt sie ungewöhnlich.”

    “Ich habe einige Fragen gestellt.”

    Marcellus prüfte seine Wachstafel. “Fünf”, bestätigte er.

    “Mehr als jeder andere”, sagte Varro.

    “Dann sollten wir jetzt zur Villa gehen”, sagte Dachsbert.

    “Einen Augenblick”, sagte Liora.

    “Wo sind Secundus und seine Leute jetzt?”

    Der Hafenaufseher zeigte die Straße hinauf. “Sie fuhren zurück in die Stadt. Zwei Karren, sechs Arbeiter. Secundus ging zu Fuß neben dem ersten.”

    “Wann?”

    “Kurz nach Sonnenaufgang.”

    “Und seitdem?”

    “Niemand hat ihn hier gesehen.”

    Liora sah die Straße hinauf. “Dann suchen wir nicht nur nach zwölf Balken.”

    Crispus folgte ihrem Blick. “Offenbar nicht.”

    Varro zog die Stirn kraus. “An der Schadstelle?”

    “Wir wissen nicht, wo die ist.”

    Crispus deutete auf die Wachstafel. “Dort steht südliches Stadtgebiet.”

    “Die Colonia hat ein ziemlich umfangreiches südliches Stadtgebiet”, sagte Varro.

    “Das ist eine Eigenschaft von Stadtgebieten”, sagte Faulmann. “Sie werden selten durch grobe Angaben kleiner.”

    Neben der Speicherfront floss Wasser aus einem steinernen Rohr in ein Becken. Crispus prüfte den Strahl.

    “Der Hafenbrunnen hat noch Druck.”

    “Das sagt wenig”, sagte Varro. “Nicht jede beschädigte Leitung versorgt jeden Brunnen.”

    “Dann suchen wir weiter südlich nach sinkendem Druck”, sagte Crispus. “Bis wir ihn finden, können sowohl der Notfall als auch der Vorwand wahr sein.”

    Mummrich war den Spuren vom Speicher aus gefolgt. Bald teilten sich die Rillen der beiden Karren. Zwischen ihnen lag ein langer Holzsplitter mit frischer Bruchkante. “Die Balken waren lang und schwer”, sagte er. “Die Karren konnten nur langsam fahren. Jemand muss sie gesehen haben.”

    “Viele haben sie gesehen”, sagte der Hafenaufseher. “Niemand wusste, dass man später besonders darauf achten sollte.”

    Liora nickte.

    Zeugen waren häufig erst im Nachhinein Zeugen. Vorher standen sie nur am Weg.

    Ein junger Lastträger trat zögernd aus der Gruppe am Kran. Er war vielleicht sechzehn und hatte ein Tau über der Schulter. “Sie wollten an der Garküche bei den Herbergshäusern anhalten”, sagte er.

    Alle sahen ihn an.

    “Woher weißt du das?”, fragte Liora.

    “Ich habe geholfen, die Balken auf dem hinteren Karren festzubinden. Einer der Arbeiter sagte, sie bräuchten Essen für den Tag. Die Garküche versorgt die Hafenarbeiter schon früh.”2

    “Oder sie brauchten Proviant für eine Reise”, sagte Crispus.

    “Mit zwölf Eichenbalken, zwei Karren und sechs Arbeitern?”, fragte Liora.

    “Eine schlechte Flucht ist immer noch eine Flucht.”

    “Sie ist nur leichter zu verfolgen”, sagte Faulmann.

    Liora sah zu Dachsbert.

    “Wir sollten wohl mit dem Wirt sprechen. Er kann uns sicher einige Fragen beantworten. Außerdem braucht der ermittelnde Ehrendachs einen Becher guten Mulsum auf die Pfote, um kriminalistisch zu denken.”3

    “Ich benötige weder einen neuen Titel noch Honigwein zum Denken”, sagte Dachsbert.

    “Den Titel hast du bereits”, sagte Liora.

    Varro gab Marcellus ein Zeichen. “Führe unseren Ehrengast zur Garküche und unterstütze ihn bei seiner Untersuchung.”

    “Ich habe keine Untersuchung übernommen”, sagte Dachsbert.

    “Das ist verständlich”, sagte Varro.

    “Dann sind wir uns einig.”

    “Vollständig.”

    Varro wandte sich ab.

    Liora trat näher an Dachsbert heran. “Er hat dir die Balken angehängt”, sagte sie leise.

    “Er kann sie mir nicht anhängen. Sie sind verschwunden.”

    “Sein Problem ist noch da.”

    Dachsbert sah Varro nach. “Schreiben Sie zumindest auf, dass ich vorläufig handle.”

    Marcellus ritzte einige Worte in seine Wachstafel. “Investigator maximus, vorläufig”, las er vor.

    Dachsbert strich seinen Purpurstreifen glatt.

    Am Kai wurde die nächste Amphore aus dem Lastschiff gehoben. Der Kran nahm ihr Gewicht langsam auf. Das Tau spannte sich, die Winde knarrte, und vier Männer führten das Gefäß mit kleineren Leinen vom Schiff zum Speicher.

    Der Hafen setzte seine Arbeit um die fehlenden Balken herum fort.

    Marcellus führte die vier zur Garküche.

    Die Garküche

    Die Garküche lag nur wenige Straßen vom Hafen entfernt an der Ecke eines Häuserblocks. Eine Reihe gemauerter Säulen trug das Dach über dem Gehweg. Darunter öffneten sich Werkstätten, Läden und Schankräume zur Straße. Händler hatten Körbe und niedrige Tische zwischen den Türen aufgestellt. Wer einkaufen wollte, konnte im Schatten bleiben. Wer verkaufen wollte, ebenfalls.

    “Eine praktische Form der Stadtplanung”, sagte Liora.

    “Eine teure Form des Regenschutzes”, sagte Faulmann.

    Die Garküche nahm nur einen einzelnen breiten Raum ein. Hinter einem gemauerten Herd standen Töpfe über der Glut. Auf einem Tisch lagen Brotfladen, Käse, Zwiebeln und Schalen mit Oliven. Der Wirt musste nichts erst aus einem Hinterzimmer holen. Sein Angebot befand sich dort, wo man es sehen, riechen und bestellen konnte.

    Vor dem Herd warteten zwei Lastträger mit Schüsseln. Ein Fuhrmann aß im Stehen. Am Hafen richteten sich Mahlzeiten weniger nach der Sonne als danach, wann ein Schiff entladen war.

    “Viele von ihnen arbeiten seit Sonnenaufgang”, sagte Marcellus. “Und die Herbergen versorgen nicht jeden, der am Hafen zu tun hat.”

    “Deshalb kommen sie hierher”, sagte Liora.

    Mummrich betrachtete die Töpfe.

    “Vor allem mit Dingen, die man nicht selbst kochen muss.”

    Der Wirt legte den beiden Lastträgern Brot zu ihren Schüsseln, nahm ihre Münzen und wandte sich der ungewöhnlich gekleideten Gruppe zu. Sein Blick blieb kurz an Dachsberts Streifen hängen.

    “Was darf ich dem Ehrengast bringen?”

    “Informationen”, sagte Dachsbert.

    “Und einen guten Mulsum”, sagte Liora. “Auf die Pfote.”

    Der Wirt stellte einen Tonbecher auf den Tisch. “Der Becher bleibt hier.”

    Liora sah Dachsbert an. “Die Antike ist beim Mitnehmen noch nicht sehr weit.”

    “Die Antike steht unmittelbar neben dir”, sagte Dachsbert.

    Marcellus hob seine Wachstafel. “Der Mulsum geht auf Rechnung der Stadt.”

    “Das verbessert ihn”, sagte der Wirt, holte einen geschmückten Krug und goss ein.

    In der Garküche lassen sieben einfache Portionen und eine ordentliche Abrechnung erste Zweifel an der Fluchtgeschichte entstehen.

    Dachsbert nahm einen kleinen Schluck. Der Wirt wartete.

    “Und?”, fragte Liora.

    “Es ist Wein mit Honig.”

    “Ein Anfang.”

    Crispus trat unter die Portikus. Er war ihnen vom Hafen gefolgt. Die Legion ließ ihre Balken offenbar nicht ohne Aufsicht suchen.

    Dachsbert stellte den Becher ab.

    “Der Wassermeister Secundus war heute Morgen hier.”

    “Ja.”

    “Mit sechs Arbeitern und zwei Karren.”

    “Auch das.”

    “Was haben sie gekauft?”

    Der Wirt griff unter den Tisch und holte eine zusammengebundene Wachstafel hervor. Zwischen offenen Rechnungen und einzelnen Strichen für bezahlte Becher fand er eine Zeile, die sauberer geschrieben war als die übrigen. “Sieben Portionen Brot, Käse und Zwiebeln. Für das prandium.”4

    “Sie haben hier gegessen?”, fragte Liora.

    “Nein. Ich habe alles in ein Tuch gepackt. Secundus sagte, sie würden keine Zeit verlieren wollen.”

    Crispus deutete auf die Tafel. “Proviant für einen Tag.”

    “Mittagessen”, sagte der Wirt.

    “Das spricht gegen eine längere Reise”, sagte Crispus. “Nicht gegen das, was sie für heute vorhatten.”

    “Der Verdacht lernt Maß zu halten”, sagte Faulmann.

    “Dafür untersucht man ihn.”

    Der Wirt drehte die Tafel herum. Neben der Bestellung stand ein Vermerk.

    Dachsbert schob die Tafel zu Liora. “Was steht dort?”

    Liora überflog die eingeritzten Zeilen. “Zu Lasten des Wasseramts.”

    “Secundus hat unterschrieben”, sagte der Wirt. “Er war sehr darauf bedacht, dass die Rechnung beim Wasseramt landet und nicht bei ihm.”

    “Er nimmt zwölf Balken der Legion”, sagte Crispus, “und achtet auf eine ordentliche Rechnung für sieben Zwiebeln.”

    Faulmann beugte sich über die Tafel. “Wer fliehen will, bezahlt seine Reiseverpflegung selten aus der Kasse des Arbeitgebers und hinterlässt Name, Amt und Anzahl der Mitreisenden.”

    “Da ist etwas dran”, sagte Crispus. “Aber der Verdacht bleibt, bis wir wissen, wohin die Balken gebracht wurden.”

    Dachsbert nickte.

    “Das ist präziser.”

    Liora sah den Wirt an. “Wie wirkten die Männer?”

    “Müde.”

    “Ängstlich? Gehetzt? Als würden sie nicht freiwillig mitfahren?”

    Der Wirt dachte nach. “Sie waren in Eile. Aber nicht auf der Flucht.”

    “Woran habt Ihr den Unterschied erkannt?”, fragte Dachsbert.

    “Mein Geschäft sind die Bäuche der Leute”, sagte der Wirt. “Da entwickelt man zwangsläufig ein gewisses Bauchgefühl. Ihr entschuldigt.”

    Dachsbert sah ihn an. “Das ist schwer zu prüfen.”

    “Außerdem ließ Secundus einem Zimmermann eine Nachricht schicken.”

    “Das ist besser.”

    Crispus betrachtete die Rechnung noch einen Augenblick. “Welchem Zimmermann?”

    “Cassianus. Seine Werkstatt liegt zwei Häuserblöcke weiter. Dann fragte er, ob der Schmied daneben bereits geöffnet habe.”

    “Warum?”

    “Das hat er nicht erklärt. Er ließ meinem Jungen eine Nachricht für beide mitgeben.”

    Dachsbert rückte den Becher beiseite. “Welche Nachricht?”

    “Der Zimmermann solle die lange Säge bereithalten. Der Schmied zwölf kräftige Eisenkeile.”

    Mummrich sah zu Crispus. “Eine lange Säge ist bei einer Flucht recht nutzlos.”

    “Nicht völlig”, sagte Crispus. “Man könnte die Balken kürzen, mit den Keilen spalten und das Holz verteilen. Aber eine Bestellung im eigenen Namen und auf Rechnung des Wasseramts ließe dafür bemerkenswert viele Zeugen zurück.”

    “Sie glauben also selbst nicht recht daran?”, fragte Liora.

    “Ich halte es für eine Möglichkeit, bis die Werkzeuge uns etwas Besseres sagen.”

    Faulmann zog eine Augenbraue hoch. “An Eurer Theorie schätze ich ihre Unabhängigkeit von den Tatsachen.”

    Crispus sah ihn an. “An Eurer schätze ich, dass Ihr noch keine habt.”

    “Das spart Pflege.”

    Dachsbert nahm den Mulsum wieder auf und trank den Becher leer. Dann stellte er ihn sorgfältig an dieselbe Stelle zurück. “Der Becher ist leer”, sagte er.

    “Und die Untersuchung?”, fragte Liora.

    “Sie hat jetzt eine Richtung.”

    “Hat der Mulsum geholfen?”

    “Schon”, sagte Dachsbert.

    Marcellus ritzte etwas in seine Tafel.

    “Was schreiben Sie?”, fragte Dachsbert.

    “Erste Amtshandlung des Investigator maximus: einen Becher ordnungsgemäß zurückgeführt.”

    “Streichen Sie das.”

    Marcellus unterstrich es.

    Der Wirt zeigte unter der Portikus die Straße hinauf. Zwei Häuserblöcke weiter lag der Werkhof des Zimmermanns. Dahinter stieg bereits der Rauch einer Schmiede über die Dächer.

    Die vier gingen voran. Crispus und Marcellus folgten ihnen.

    Hinter ihnen schrieb der Wirt die Rechnung für den Mulsum neben die sieben Portionen des Wasseramts. In der Garküche wurde selbst ein Rätsel zunächst zu einer Zeile in einer Wachstafel.

    Die Handwerker

    Der Werkhof begann dort, wo die Portikus endete. Zwischen den Häusern lag ein breiter, festgestampfter Platz. Holzspäne sammelten sich in den Rinnen, aus einer offenen Schmiede drang das regelmäßige Schlagen eines Hammers, und über mehreren Werkbänken standen einfache Dächer gegen Sonne und Regen.

    Mitten auf dem Platz hing ein Steinblock eine Handbreit über dem Boden. Das Seil, an dem er hing, lief in vier tragenden Strängen durch einen hölzernen Flaschenzug, bevor es zur Winde führte. Zwei Männer drehten sie langsam. Ein dritter hielt den Block mit einem Führungsseil davon ab, sich zu drehen.

    Mummrich blieb stehen.

    “Nicht darunter treten”, sagte der Zimmermann.

    “Das hatte ich nicht vor.”

    “Ihr habt so ausgesehen.”

    “Ich habe die Rollen gezählt.”

    “Das tun die meisten erst, wenn etwas reißt.”

    Mummrich betrachtete den Flaschenzug. “Mehr Seilweg, weniger Kraft.”

    “Und mehr Gelegenheit, das Seil in die falsche Richtung zu ziehen”, sagte der Zimmermann.

    Die Männer an der Winde sahen kurz zu ihm herüber.

    “Nicht ihr”, fügte er hinzu.

    Mummrich untersucht zugeschnittene Balken und Eisenkeile am römischen Bauplatz.

    Marcellus trat auf den Zimmermann zu. “Cassianus?”

    “Wenn es um den Stein geht: Er schwebt absichtlich.”

    “Es geht um zwölf Eichenbalken.”

    Cassianus sah zu Crispus, dann zu Dachsberts Streifen und schließlich zu Mummrich, der bereits vor einem Stapel frischer Holzabschnitte kniete. “Welcher von Euch fragt?”

    “Dachsbertus aus dem Geschlecht der Melesbertier”, begann Marcellus. “Ehrengast aus Rom, Inspizient der Provinz und vorläufiger Investigator maximus.”

    Cassianus deutete auf Mummrich. “Und der Rollenzähler?”

    “Meister Mummrich”, sagte Dachsbert.

    “Er unterstützt die Untersuchung.”

    Mummrich legte eine Pfote auf einen der kurzen Abschnitte. Das Holz war hell und feucht. Auf der Schnittfläche standen grobe Fasern, im Sägeschnitt klebte frisches Sägemehl. “Das ist Eiche”, sagte er.

    Crispus verschränkte die Arme. “Das wissen wir. Was wir noch nicht wissen, ist, ob der Abschnitt von unseren Balken stammt.”

    Mummrich strich über die frische Schnittfläche. “Dieser Abschnitt wurde heute Morgen abgesägt.”

    Cassianus nickte. “Das stimmt. Ich habe ihn abgesägt.”

    Crispus trat einen Schritt näher. “Die Balken der Legion?”

    “Die Balken, die der Wassermeister heute Morgen gebracht hat.”

    “Das waren die Balken der Legion.”

    “Dann hat die Legion sehr gerades und sehr gutes Holz.”

    “Was habt Ihr damit gemacht?”

    Cassianus zeigte auf drei Kreidestriche an der langen Wand des Werkhofs. Vom selben Ausgangspunkt aus kennzeichneten sie die bestellten Längen. “Vier Balken blieben in voller Länge. Vier wurden um drei Fuß gekürzt. Vier um sechs.”

    “Warum diese Maße?”, fragte Dachsbert.

    “Weil Secundus sie so wollte.”

    “Hat er gesagt, wofür?”

    “Zum Abstützen.”

    Crispus deutete auf die Holzabschnitte. “Das könnten noch immer verkäufliche Längen sein.”

    Cassianus sah ihn an. “Die abgesägten Stücke liegen dort.”

    Crispus folgte seinem Blick. Neben der Wand befanden sich acht kurze Abschnitte, sauber nach Länge gestapelt.

    Mummrich strich das Sägemehl von seiner Pfote. “Wer Holz stehlen will, lässt selten ausgerechnet die handlichsten Teile beim Zimmermann.”

    Crispus betrachtete den Stapel. “Dann spricht auch das gegen die Verteilung als gewöhnliche Holzfuhren.”

    Aus der Schmiede kam ein breitschultriger Mann. In einer Zange hielt er einen dunklen Eisenkeil. Er legte ihn zu fünf weiteren auf einen Tisch und tauchte die Zange in einen Wassereimer.

    “Schon sechs?”, fragte Cassianus.

    Der Schmied nickte.

    “Weitere Keile?”, fragte Dachsbert.

    “Secundus nahm zwölf aus meinem Vorrat mit”, sagte der Schmied. “Er rechnete damit, dass sie nicht reichen würden. Sobald die Grube offen war und er wusste, wie viele Stützen der Boden verlangte, wollte er mir einen Boten mit der genauen Zahl schicken.”

    “Wann?”, fragte Dachsbert.

    “Noch vor der Mittagsstunde.”

    “Ist der Bote gekommen?”, fragte Crispus.

    “Nein.”

    Dachsbert zeigte auf die neuen Keile. “Von derselben Form?”

    “Genau derselben.”

    Crispus nahm einen der Keile auf. “Zu flach zum Spalten?”

    “Und paarweise gearbeitet”, sagte Mummrich.

    Der Schmied nickte. “Je zwei gegeneinander. Man treibt sie unter eine Stütze, bis sie fest sitzt. Secundus wollte Eisen, weil der Untergrund nass ist.”

    Mummrich legte zwei Keile mit den Spitzen zueinander. “Zum Spalten müssten sie steiler sein. Diese hier heben und verspannen.”

    Crispus legte den Keil zurück. “Dann lag ich mit den Spaltkeilen falsch.”

    “Mit diesen”, sagte Mummrich.

    “Mit anderen untersuchen wir diesen Fall nicht.”

    Liora ging zu Cassianus. “Wie wirkten Secundus und seine Leute?”

    “In Eile.”

    “Das sagte der Wirt auch.”

    “Der Wirt beobachtet Bäuche. Ich beobachte Hände. Niemand zitterte. Niemand wurde bewacht. Zwei der Arbeiter haben mit mir über die Maße gestritten.”

    “Warum?”

    “Sie wollten einen Balken länger lassen. Secundus wollte ihn kürzer.”

    “Wer hat gewonnen?”, fragte Faulmann.

    Cassianus zeigte auf die acht Abschnitte. “Der Auftraggeber.”

    “Das spricht zumindest für einen gewöhnlichen Arbeitstag.”

    “Ein ungewöhnlich früher gewöhnlicher Arbeitstag”, sagte Cassianus.

    Cassianus deutete auf eine Ablage unter seinem Vordach. Dort lagen aufgerollte Seile und mehrere hölzerne Rollenblöcke. “Drei Seile und zwei Rollenblöcke”, sagte Cassianus.

    Crispus prüfte die Stärke eines der übrigen Seile. “Geliehen?”

    “Geliehen”, sagte Cassianus. “Rückgabe heute Abend.”

    “Das kann jeder versprechen.”

    “Nicht jeder hinterlässt dafür seine Werkzeuge als Pfand.”

    Cassianus zeigte auf eine Ledertasche neben der Werkbank. Darin steckten Messstäbe, ein Lot, ein Winkel und zwei eiserne Schreibgriffel. “Secundus ließ die Tasche ausdrücklich hier”, sagte Cassianus. “Damit ich weiß, dass er zurückkommt.”

    Liora betrachtete die Werkzeuge. “Ein Wassermeister ohne Messgerät?”

    “Er hatte noch eines bei sich. Er ist nicht unvernünftig.”

    “Nur gründlich ausgestattet”, sagte Faulmann.

    Crispus betrachtete noch einmal die Kreidemarken, die Keile und die Rollenblöcke. “Drei abgestufte Längen, Keile zum Verspannen und Rollen zum Absenken.”

    “Das beschreibt eine Baustelle”, sagte Mummrich.

    “Ja”, sagte Crispus. “Ob der Notfall echt ist, wissen wir noch nicht. Aber Secundus hat sich wie ein Wassermeister vorbereitet, nicht wie ein Holzdieb.”

    Dachsbert wandte sich an Cassianus. “In welche Richtung fuhren sie weiter?”

    “Nach Süden. An den kleinen Thermen der Herberge vorbei.”

    “Habt Ihr das gesehen?”

    “Einer der Arbeiter erwähnte sie. Er sagte nur, sein Becher stehe noch dort.”

    “Warum hatte ein Arbeiter des Wasseramts seinen Becher in den Thermen?”, fragte Dachsbert.

    “Das habe ich nicht gefragt.”

    Liora sah zu Crispus. “Er wollte also zurückkommen.”

    “Ja”, sagte Crispus. “Aber vorher wollte er sich beim Schmied melden. Diese Nachricht ist längst überfällig.”

    Dachsbert sah ihn an. “Dann suchen wir keinen Flüchtenden mehr.”

    “Nein. Wir suchen sieben Leute, die sich längst hätten melden müssen.”

    Marcellus setzte den Griffel an.

    “Was schreiben Sie?”, fragte Dachsbert.

    “Der Fluchtverdacht verliert an Tragfähigkeit.”

    Mummrich sah noch einmal zu den Keilen. “Das ist diesmal technisch zutreffend.”

    Dachsbert nickte. “Dann lassen Sie es stehen.”

    Cassianus zeigte auf einen schmalen Durchgang zwischen den Häusern. “Auf diesem Weg kommt Ihr direkt zu den kleinen Thermen.”

    Crispus ging als Erster hinein. Dachsbert, Liora, Faulmann und Marcellus folgten ihm.

    Hinter ihnen setzte sich der Steinblock wieder in Bewegung. Die Männer drehten die Winde, das Seil lief knarrend durch die Rollen, und die schwere Last stieg langsam nach oben.

    Mummrich blieb noch einen Augenblick stehen. “Vier tragende Seilstränge”, sagte er. “Theoretisch vierfache Kraftverstärkung.”

    Cassianus sah ihn zum ersten Mal anerkennend an. “Abzüglich Reibung.”

    “Die zieht immer mit.”

    “Ihr standet tatsächlich nur wegen der Rollen dort.”

    “Das hatte ich gesagt.”

    Dann folgte Mummrich den anderen zu den Thermen.

    Die kleinen Thermen der Herberge

    Die kleinen Thermen der Herberge waren warm und beinahe still.

    Das war das Erste, was Mummrich bemerkte.

    Ein Bad sollte plätschern.

    Vom Umkleideraum führte eine Tür in den Kaltbaderaum. Dahinter lagen, durch breite Bögen voneinander getrennt, der mäßig warme und der heiße Raum.5 In den Wänden befanden sich halbkreisförmige Nischen mit Becken. Der Boden war mit kleinen Steinplatten ausgelegt und unter Mummrichs Füßen spürbar warm.

    Liora blieb neben ihm stehen. “Wenn das Wasser ausbleibt, warum ist dann der Boden warm?”

    Der Betreiber des Bades kam ihnen entgegen, ein älterer Mann mit einer an der Schulter feuchten Tunika und einem zusammengefalteten Tuch in der Hand. “Das Feuer hinter dem Heißbad brennt weiter”, sagte er und deutete auf den Boden. “Die Platten stehen auf kleinen Ziegelpfeilern. Heiße Luft zieht darunter hindurch und dann in den Wänden nach oben. Den Wasserkessel heizt dasselbe Feuer. Neues Wasser bringt es allerdings keines herein.”

    Einer der wenigen Badegäste blickte aus dem hinteren Raum zu ihnen herüber.

    “Erklärt das meinen Gästen”, sagte der Badbetreiber.

    Faulmann betrachtete das fast leere Becken. “Ein Bad ohne Wasser ist hauptsächlich ein aufwendig beheizter Raum.”

    “Das habe ich ihnen erklärt. Es hat ihre Laune nicht verbessert.”

    Crispus trat an das runde Becken in der Wandnische. Aus einem steinernen Auslauf rann ein dünner Wasserfaden. Er löste sich kaum vom Rand und hinterließ eine dunkle Spur auf dem Kalk. “War das heute Morgen schon so?”, fragte er.

    “Nicht ganz so schwach.”

    “Secundus war hier?”

    “Vor Sonnenaufgang. Ich hatte gestern Abend beim Wasseramt gemeldet, dass unsere Becken langsamer nachlaufen. Heute Morgen kam er mit seinen sechs Leuten.”

    Dachsbert sah auf den Tisch in der Mitte des Raumes. Zwischen kleinen Ölfläschchen, Tüchern und einer flachen Schale stand ein schlichter Tonbecher. “Deshalb hatte der Arbeiter seinen Becher in den Thermen.”

    Der Badbetreiber folgte seinem Blick. “Nicht zum Baden.”

    “Das hatte ich gehofft”, sagte Dachsbert.

    In den Herbergsthermen wird der sinkende Wasserdruck erstmals sichtbar.

    Mummrich ging zum Becken und hielt eine Pfote unter den Auslauf. Dann prüfte er einen zweiten Zufluss im warmen Raum und einen dritten am hinteren Becken. “Alle drei sind schwach.”

    “Können nicht einfach die Leitungen hier verstopft sein?”, fragte Liora.

    “Eine vielleicht. Drei gleichzeitig eher nicht. Der Verlust liegt vor der Verteilung zum Bad.”

    Crispus sah auf das schmale Rinnsal. “Wenn eine Leitung Wasser in den Boden verliert, sinkt hier der Druck, bevor die Versorgung ganz ausfällt.”

    “Und der Boden wird an anderer Stelle immer weniger Boden”, sagte Mummrich.

    Crispus nickte. “Deshalb die Balken.”

    Der Badbetreiber nahm den Becher vom Tisch. “Einer von Secundus’ Arbeitern hat damit den Zulauf geprüft. Er hielt ihn unter den Auslauf und ich sollte langsam zählen, bis das Wasser die eingeritzte Linie erreichte.”

    Er zeigte eine feine Kerbe knapp unter dem Rand. “Als sie aufbrachen, wollte der Arbeiter ihn mitnehmen. Secundus sagte, er solle ihn hier lassen. Nach der Reparatur wollten sie auf dem Rückweg mit demselben Becher prüfen, ob der Zufluss wieder stärker war.”

    “Wie weit habt Ihr gezählt?”, fragte Dachsbert.

    “Bis vierundzwanzig.”

    Mummrich nahm den Becher und stellte ihn unter den Wasserfaden. “Zählt noch einmal.”

    Der Badbetreiber begann.

    Bei vierundzwanzig war der Becher etwas mehr als halb voll. Bei dreißig erreichte das Wasser die Kerbe noch immer nicht. Erst bei einundvierzig hob Mummrich ihn fort.

    “Vielleicht habt Ihr heute Morgen schneller gezählt”, sagte Faulmann.

    “Bestimmt nicht um die Hälfte”, sagte Crispus.

    Mummrich stellte den Becher auf den Tisch zurück. “Es ist keine genaue Messung. Aber sie muss nicht genau sein. Der Zufluss ist deutlich schwächer geworden.”

    Der Badbetreiber sah zu den Badegästen. “Wie lange bleibt uns?”

    “Bis wofür?”, fragte Dachsbert.

    “Bis gar kein Wasser mehr kommt.”

    Mummrich betrachtete die feuchte Spur unter dem Auslauf. “Das ist nicht die wichtigste Frist.”

    Crispus sah ihn an. “Wenn Secundus die Leitung freigelegt hat und der Boden weiter nachgibt, könnten die sieben unter ihrer eigenen Baustelle eingeschlossen sein.”

    Im Raum wurde es stiller, obwohl sich am Geräusch kaum etwas änderte.

    Liora nahm den Becher wieder in die Hand. “Als sie mit den Karren zurückkamen - haben sie da angehalten?”, fragte sie.

    “Nein. Sie waren nun auf dem Weg zur Schadstelle. Secundus rief nur, ich solle den Becher nicht fortstellen. Messen wollten sie erst wieder auf dem Rückweg.”

    “Hat Secundus gesagt, wo die Schadstelle liegt?”, fragte Crispus.

    “Nur, dass sie im südlichen Leitungsabschnitt sein müsse. Er wollte erst die Balken und Werkzeug holen. Als sie später mit den zwei Karren zurückkamen, sind sie nicht mehr hereingekommen.”

    “Ihr habt die Karren gesehen?”

    “Die ganze Straße hat sie gesehen oder zumindest gehört.”

    “Welche Richtung?”, fragte Dachsbert.

    Der Badbetreiber zeigte zur Seitentür. “Am Bad vorbei, dann nach Süden. An der nächsten Kreuzung in Richtung Amphitheater.”

    Crispus ging zur Tür und öffnete sie. Draußen lag ein schmaler Versorgungsweg zwischen der Herberge und dem nächsten Häuserblock. An seinem Rand verlief eine offene Rinne. Wasser aus den Thermen hatte den Staub stellenweise in dunklen Lehm verwandelt.

    Zwei breite Räderspuren zogen hindurch.

    Mummrich kniete sich daneben. In einer der Rillen lagen helle Holzspäne. Wenige Schritte weiter hatte sich die Kante eines Wagenrads tief in den weichen Boden gedrückt.

    “Zwei beladene Karren”, sagte er. “Der hintere schwerer als der vordere.”

    “Die langen Balken”, sagte Crispus.

    “Und die Spur ist jünger als das Wasser in der Rinne.”

    “Wie lange bleibt sie sichtbar?”, fragte Liora.

    Mummrich sah zum hellen Himmel. “Bis die Sonne den Lehm trocknet oder das nächste Rad darüberfährt.”

    Crispus trat auf die Straße. “Dann verlieren wir ab jetzt weder Zeit noch Spuren.”

    Marcellus hob seine Wachstafel. “Der Investigator maximus nimmt die Verfolgung auf.”

    “Wir verfolgen niemanden”, sagte Dachsbert. “Wir folgen einer Spur.”

    Marcellus setzte den Griffel an. “Das ist erheblich länger.”

    “Und erheblich richtiger”, sagte Crispus.

    Marcellus schrieb es.

    Der Badbetreiber blieb in der Tür stehen. Das zusammengefaltete Tuch hielt er nun mit beiden Händen fest. “Was soll ich dem Arbeiter sagen, wenn er zurückkommt?”

    Liora stellte den Becher behutsam an seinen Platz. “Dass Ihr ihn aufgehoben habt”, sagte sie ruhig. “Und dass Ihr auf ihn gewartet habt.”

    Der Badbetreiber nickte, aber seine Hände lockerten sich nicht. Er sah an Liora vorbei zu Crispus, der bereits auf der Straße stand. “Und wenn er nicht zurückkommt?”

    Crispus antwortete nicht sofort. Am Hafen hatte er auf sein Holz gezeigt und von Diebstahl gesprochen. Hinter ihm, im Bad, stand der Becher eines Arbeiters, den Secundus hatte stehen lassen, weil der Rückweg für ihn selbstverständlich gewesen war.

    “Ich habe dem Wassermeister Unrecht getan”, murmelte Crispus, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

    Marcellus ließ den Griffel sinken.

    Crispus wandte sich dem Badbetreiber zu. “Dann bringen wir ihn zurück.”

    Sie folgten den Karrenspuren nach Süden.


    ← Zu Teil 1: Ein Purpurstreifen genügt

    Weiter zu Teil 3: Die schönste Form von Reichweite →

    1. Römische Legionen waren nicht nur Kampfverbände. Sie errichteten Lager, Befestigungen, Straßen und Brücken und verfügten dafür über Handwerker und andere Fachleute. Bauinschriften und gestempelte Ziegel zeigen bis heute, welche Einheit an einem Bau beteiligt war. 

    2. Eine popina war eine einfache römische Garküche oder Schankwirtschaft. Sie versorgte vor allem Menschen, die unterwegs arbeiteten oder nicht zu Hause aßen, mit fertigen Speisen und Getränken. 

    3. Mulsum war kein Met, sondern mit Honig gesüßter Wein und wurde häufig zu Beginn einer Mahlzeit gereicht. Je nach verwendetem Wein und Honig konnte er durchaus einem Ehrengast angemessen sein. Ob eine kleine Garküche ausgerechnet eine besonders gute Mischung vorrätig hatte, blieb allerdings Lioras optimistische Annahme. 

    4. Das prandium war eine leichte Mahlzeit am späten Vormittag oder um die Mittagszeit, zwischen dem frühen ientaculum und der abendlichen cena. Es bestand häufig aus einfachen Speisen, die sich auch zur Arbeit mitnehmen ließen. 

    5. Der Badetrakt der Xantener Herberge bestand aus einem Kaltbadebereich (frigidarium) und einem beheizten Warmbadebereich, der wahrscheinlich in tepidarium und caldarium gegliedert war. Seitlich lagen der Umkleideraum (apodyterium) und das Kaltwasserbecken. Die heutige Rekonstruktion zeigt eine mögliche Nutzung der archäologisch nachgewiesenen Räume; nicht jede Einzelheit ihrer Ausstattung ist sicher. 

    Faulmann isst - Kothu unter dem Starfighter

    2026-09-06 00:00:00 +0200

    Faulmann entdeckt beim Kothu den Starfighter-Flügel im Anna Lakshmi

    Das Lakshmi liegt in der Thieboldsgasse, neben dem Lebensmittelgeschäft Tropical Foods. Draußen stehen Autos auf dem Pflaster. Über der Tür hängt ein rotes Schild, an der hellblauen Fassade sind einige Stellen heller ausgebessert als andere. Der Laden sieht nicht aus, als wolle er entdeckt werden. Er ist einfach da.

    Faulmann ging hinein und setzte sich an einen der runden Tische. Darauf lag eine geblümte Decke unter einer durchsichtigen Kunststofffolie. Die Stühle ringsum hatten sich offenbar nicht auf ein gemeinsames Modell einigen müssen.

    Eine freundliche Frau, nicht mehr ganz jung, brachte die Speisekarte. Faulmann bestellte gemischte Pakora und ein Lamm-Kothu.

    “Auch scharf?”, fragte sie.

    “Ein bisschen”, sagte Faulmann.

    Sie nickte und ging schon in Richtung Küche. Nach zwei Schritten drehte sie sich noch einmal um.

    “Also nicht für mich scharf”, sagte sie und lachte.

    Faulmann sah ihr nach. Dann lehnte er sich ein wenig zurück und hob den Blick.

    Über ihm hing ein Flugzeugflügel.

    Er sah kurz wieder auf den Tisch und dann noch einmal nach oben. Der Flügel war weiterhin da. Blankes, vernietetes Metall, ein schwarzes Tatzenkreuz der Bundeswehr auf der Unterseite, viel zu groß für den schmalen Gastraum und gleichzeitig so selbstverständlich darin, als gehöre er zur Decke.

    Das war selbst für Köln ungewöhnlich.

    Es war ein Tragflügel der Lockheed F-104G Starfighter. Die F-104 hatte ungewöhnlich kleine und dünne Tragflächen. Ihre Vorderkanten waren nur ungefähr 0,4 Millimeter stark - so scharf, dass sie am Boden mit Schutzleisten abgedeckt werden mussten, damit sich niemand daran verletzte. In Deutschland kannte man das Flugzeug allerdings auch unter einem weniger glänzenden Namen: Witwenmacher.1

    Faulmann hatte “ein bisschen” bestellt. Der Flügel entsprach offenbar eher dem Geschmack der Frau.

    Früher befand sich in denselben Räumen die Pilot Lounge. Die Bar eröffnete im Dezember 2005 und nahm das Fliegen recht wörtlich. Der Flügel hing schon damals hier. In Schaukästen lagen Fliegertrophäen, die Cocktails hießen “Iron Eagle” und “Top Gun Trophy”, und unter den Gästen fanden sich laut einer alten Lokalbeschreibung Hobbyflieger, Modellbauer und Stewardessen.

    Die Pilot Lounge verschwand. Der Starfighter blieb.

    Faulmann betrachtete nun den Rest des Raumes genauer. Leuchtstoffröhren hingen an den Wänden. Auf einem Sims versammelten sich hinduistische Gottheiten, Buddhafiguren, der heilige Franziskus, Mutter Teresa und ein paar Flaschen. Das wirkte nicht wie ein nachträglich ausgedachtes Einrichtungskonzept. Es war eher das, was entsteht, wenn ein Ort lange genug Dinge aufnehmen und behalten darf.

    Dann kamen die gemischten Pakora. Verschiedene Stücke in gewürztem Kichererbsenteig, frittiert, unregelmäßig und gerade deshalb sehr überzeugend. Pakora müssen nicht so aussehen, als seien sie von einer Maschine geprüft worden. Es genügt, wenn sie heiß ankommen und man nach dem ersten bereits weiß, dass der Teller nicht lange ein Problem darstellen wird.

    Danach kam das Lamm-Kothu.

    Kothu ist ein sri-lankisches Gericht aus Fladenbrot, das auf einer heißen Platte klein gehackt und mit Gemüse, Ei, Gewürzen und, je nach Bestellung, Fleisch vermischt wird. In Sri Lanka gehört der Rhythmus der beiden Metallklingen zum Gericht: Man hört Kothu oft, bevor man es sieht. Das Brot verliert dabei seine bisherige Form, nimmt Sauce und Gewürze auf und wird zu etwas Neuem, ohne ganz aufzuhören, Brot zu sein.

    Faulmann fand das vernünftig. Das Kothu bestand nicht aus sauber getrennten Beilagen. Das Brot, das Gemüse, die Gewürze und das Lamm waren miteinander vermischt, ohne dabei zu einer gleichförmigen Masse zu werden. Man bekam in jedem Bissen etwas anderes, aber nie etwas ganz Fremdes.

    Das Lamm-Kothu war sehr gut. Würzig, warm und von jener sättigenden Art, bei der man langsamer weiterisst, aber nicht ernsthaft ans Aufhören denkt. Kein Essen, das auf dem Teller viel Abstand zwischen den Bestandteilen lässt. Hier war alles bereits miteinander bekannt gemacht worden.

    Der Raum machte es ähnlich. Geblümte Tischdecken und Leuchtstoffröhren. Sri-lankisches Kothu und indische Pakora. Lakshmi, Buddha, Franziskus und Mutter Teresa. Daneben der Lebensmittelladen mit Okra, Kochbananen und Dingen aus mehreren Kontinenten. Und über allem ein übrig gebliebener Flügel aus einer deutschen Fliegerbar.

    Auch der Name hatte sich nicht auf eine Form festlegen müssen. Im Internet heißt der Laden inzwischen meistens Anna Lakshmi. Draußen steht davon nichts. Auf dem Schild über der Tür steht nur Lakshmi. Auch ältere Kölner Texte kennen ihn unter diesem Namen. Das zusätzliche Anna scheint erst später in sein digitales Leben geraten zu sein.2

    Ausgerechnet Annalakshmi, zusammengeschrieben, gibt es tatsächlich: So heißt eine internationale Kette vegetarischer Restaurants. Ihr Name verbindet annam, Essen oder Nahrung, mit Lakshmi, der Göttin des Wohlstands und der Fülle. Mit dem Kölner Restaurant hat die Kette nichts zu tun. Die semantischen Konstituenten ihres Namens - Nahrung und Fülle - vielleicht schon eher.

    Trotzdem sah es aus, als habe jemand den Namen dieser Kette an einer für deutsche Augen einleuchtenden Stelle getrennt. Aus Annalakshmi wurde Anna Lakshmi.

    Ein Leerzeichen hatte eine Frau erfunden. Ein Restaurantführer glaubte später sogar zu wissen, dass die Besitzerin Anna hieße.

    Nichts davon war geglättet worden, damit es besser zusammenpasste.

    Es passte auch so.

    Für den Feinschmecker ist das hier sicher nicht der richtige Laden. Das muss es auch gar nicht sein. Unter einem Starfighter-Flügel, auf einer geblümten Tischdecke unter Kunststofffolie, hätte ein sorgsam mit der Pinzette gesetztes Blättchen gewirkt, als wolle jemand einen Splitter entfernen.

    Im Wald wurde schließlich auch wenig einzeln angerichtet. Moos, Rinde, Blätter und Erde lagen beieinander, ohne sich deshalb erklären zu müssen. Mischung war nicht das Gegenteil von Ordnung. Nur eine Ordnung, die keinen freien Tellerrand brauchte.

    Faulmann verstand, weshalb man hier wiederkam. Das Essen schmeckte, die Portion machte satt, der Preis blieb freundlich und die Frau behandelte den nächsten Besuch nicht wie eine Möglichkeit, sondern wie etwas, das vermutlich ohnehin geschehen würde.

    Die Stühle konnten sich derweil weiter uneinig sein.

    Als Faulmann ging, stand die Frau wieder vorn im Restaurant.

    “Bis zum nächsten Mal”, sagte sie freundlich.

    Es klang nicht wie eine Verabschiedung, die man eben sagte. Eher wie eine kleine Vereinbarung, von der Faulmann bisher nur noch nichts gewusst hatte.

    Er blickte noch einmal zur Decke.

    Der Flügel hing noch dort.

    Er schien von diesem Plan schon länger zu wissen.

    1. Die F-104 entstand 1954 als leichter Schönwetter-Abfangjäger. Die Bundeswehr machte daraus ein Mehrzweckflugzeug, das auch als Jagdbomber und Aufklärer, bei schlechtem Wetter und im Tiefflug eingesetzt werden sollte. Von 916 eingesetzten Starfightern gingen 292 durch Unfälle verloren; 116 Piloten starben. Der Volksmund nannte das Flugzeug Witwenmacher oder fliegender Sargnagel. Die Ursachen lagen nicht in einem einzigen Fehler. Zu ihnen gehörten Probleme bei der Einführung, Trainingsdefizite, mangelhafte Wartung und technische Schwierigkeiten. Vieles wurde später durch Umrüstungen und Verbesserungen behoben. Das Deutsche Museum beschreibt diese Geschichte ausführlicher. 

    2. Die Namensspur verläuft nicht geradeaus. Ein Kölner Kulinarik-Stadtplan von 2015 und der Kölner Stadt-Anzeiger von 2018 nennen das Restaurant Lakshmi; der Stadt-Anzeiger nennt die Betreiberin Saraswalthy Thiru. Auch koeln.de und Tripadvisor bleiben bis heute bei Lakshmi. Seit mindestens 2020 findet sich daneben Anna Lakshmi, zunächst bei einer Bestell-App, später auch bei Mit Vergnügen, im Magazin der Kölner Museen und bei Falstaff. Dort wurde aus dem Namenszusatz schließlich sogar die “Besitzerin Anna”. Der Name wurde also nicht einfach geändert. Er hat sich online verzweigt.