Faulmann und das Lied unter Aufsicht

    2026-07-18 00:00:00 +0200

    Am Donnerstag las Dachsbert die Zeitung seines Nachbarn.

    Das tat er häufiger. Die Zeitung kam am Donnerstagvormittag, der Nachbar jedoch erst am Abend. Dazwischen lag ein ruhiges Zeitfenster, das Dachsbert für eine nachbarschaftlich nicht vollständig ausgeschöpfte Ressource hielt.

    Er nahm die Zeitung nicht einfach mit. Dachsbert war ja kein Dieb. Er las sie auf der schönen Terrasse des Nachbarn und eignete sich lediglich ihren Inhalt an.

    Bei Regen wurde diese Unterscheidung vor allem juristisch interessant.

    An diesem Donnerstag blieb Dachsbert länger als gewöhnlich im Kulturteil hängen. Dort stand etwas über einen Musiker, einen Pianisten und ein Lied, das in einer politischen Fernsehsendung hätte aufgeführt werden sollen.

    Der Musiker hieß Daniel.

    Daniels waren gefährlich. Das wusste man spätestens seit der Löwengrube. Schon damals hatten die zuständigen Stellen Schwierigkeiten gehabt, angemessen mit ihnen umzugehen.

    In diesem Fall gab es keine Löwen. Es gab eine Senderleitung, einige Programmbestimmungen und eine kurzfristige Ausladung.

    Das Lied handelte von der Angst vor erstarkendem Faschismus. Es wollte Menschen ermutigen, sich zusammenzutun, Veranstaltungen zu organisieren, Strukturen zu untersuchen und sich nicht darauf zu verlassen, dass andere die Sache schon regeln würden.

    An einigen Stellen wurde das Lied undeutlicher. Es sprach von zu erwartenden Auseinandersetzungen, ließ mögliche Gegenwehr im Halbdunkel stehen und grüßte am Ende Personen, die mit schweren Angriffen auf Angehörige der äußersten Rechten in Verbindung gebracht wurden.

    Das große Fernsehhaus war zu der Auffassung gelangt, das Lied könne als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Die Redaktion der betroffenen Sendung sah das anders.

    Dachsbert faltete die Zeitung beinahe in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Der Kulturteil stand danach ein wenig hervor. Das war das übliche Risiko geteilter Bildung.

    Um zwölf Uhr vierzehn bestellte er einen Fernseher.

    Der Fernseher kam am Sonnabend.

    Er steckte in einem Karton, der so groß war, dass Dachsbert hinter ihm vollständig verschwand. Man sah nur seine Pfoten, einen Teil seines Rückens und gelegentlich den Lieferanten, der offenbar beschlossen hatte, keine Fragen zu stellen.

    “Kostenlos”, sagte Dachsbert, als der Karton endlich im Zimmer stand.

    “Der Fernseher?”, fragte Faulmann.

    “Der Fernseher und die Lieferung.”

    Mummrich klopfte gegen den Karton und begann hineinzukriechen, um die Anschlüsse zu untersuchen.

    “Wenn etwas kostenlos ist”, sagte er aus dem Verpackungsmaterial, “gehört meistens etwas anderes zum Lieferumfang.”

    Dachsbert hörte ihm nicht zu. Er brauchte den Fernseher für Dienstag.

    “Da kommt die Sendung”, erklärte er.

    “Welche Sendung?”, fragte Faulmann.

    “Die mit dem Lied, das nicht kommt.”

    “Was willst du dir an einem Auftritt ansehen, der nicht stattfindet?”

    “Genau das”, sagte Dachsbert.

    Liora wusste direkt was gemeint war und hatte das Lied wohl bereits gehört. Über weite Strecken sei es vorsichtig, beinahe fürsorglich. Es spreche zu Menschen, die sich allein und ungeschützt fühlten. Es erkläre ihnen, dass sie nicht allein bleiben müssten.

    “Das hat man früher gesellschaftliches Engagement genannt”, sagte Dachsbert.

    “Manches davon”, sagte Liora.

    “Eine Ermutigung also”, sagte Faulmann.

    Mummrich kam wieder aus dem Karton und ging zum Plattenschrank. Nach kurzem Suchen kam er mit einer abgenutzten Hülle zurück.

    “Eine Ermutigung haben wir schon.”

    Auf der Hülle war ein Wolf.1

    “Der Name klingt immerhin zuständig”, sagte Dachsbert.

    Mummrich legte die Platte auf. Sie knackte einige Male, bevor eine Stimme zu hören war.

    “Du, lass dich nicht verhärten”2, sagte Mummrich leise mit und hielt die Platte kurz an.

    Dachsbert wartete.

    “Und dann?”

    “Dann geht es darum, sich nicht verbittern, erschrecken und verbrauchen zu lassen.”

    “Das ist alles?”

    “Für manche Zeiten ist das ziemlich viel”, sagte Liora, die offenbar auch hier bestens Bescheid wusste. “Der Wolf hat das Lied damals für einen Freund gedichtet. Der durfte nicht veröffentlichen und nicht ausreisen. Er wurde überwacht und in seinem Haus weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Wolf selbst durfte zu dieser Zeit ebenfalls nicht mehr auftreten oder publizieren.”

    “Also auch ein Lied, das nicht gesungen werden durfte?”, fragte Dachsbert.

    “Der Sänger durfte gar nicht singen”, sagte Mummrich. “Das war gründlicher.”

    Liora drehte die Hülle um.

    “Das ist wirklich nicht dasselbe”, sagte sie. “Damals wurde ein Künstler über Jahre aus der Öffentlichkeit entfernt. Hier fehlt ein einzelner Auftritt. Das neue Lied kann jeder hören der will.”

    “Ich habe nicht gesagt, dass es dasselbe ist.”

    “Du warst kurz davor.”

    Dachsbert nahm das hin.

    “Aber die Lieder wollen etwas Ähnliches”, sagte Faulmann. “Sie wollen verhindern, dass die Angst das letzte Wort bekommt.”

    “Das ältere Lied verlangt allerdings, dass man dabei nicht hart wird”, sagte Liora.

    “Vielleicht war damals genug Härte vorhanden”, sagte Dachsbert.

    “Das ist was dran.”

    Das neue Lied wollte nicht nur trösten. Es wollte organisieren, recherchieren und vorbereiten. Dachsbert gefiel das. Trost fand er brauchbar, hielt ihn aber nicht in allen Fällen für eine ausreichende Infrastruktur.

    “Es sagt nicht ausdrücklich, dass jemand angegriffen werden soll”, sagte er.

    “Nein”, sagte Liora. “Aber es möchte auch nicht, dass die Andeutung überhört wird.”

    “Vielleicht braucht Ermutigung irgendwann Zähne.”

    “Vielleicht”, sagte Liora. “Aber dann sollte sie noch wissen, was sie damit tut.”

    Die Platte drehte sich weiter.

    “Das ältere Lied erinnert an etwas”, sagte Faulmann. “Man muss sich nicht nur gegen das wehren, was andere tun. Manchmal auch gegen das, was ihr Druck aus einem selbst macht.”

    Dachsbert sah auf den Plattenteller.

    “Das hätte man nach dem neuen Lied besprechen können.”

    “Das war vielleicht der ursprüngliche Plan”, sagte Liora.

    Faulmann fand es weiterhin möglich, den Schluss des neuen Liedes verantwortungslos zu finden, ohne das ganze Lied zu einem Gewaltaufruf zu erklären. Ebenso konnte man die Ausladung falsch finden, ohne jede Entscheidung über einen Sendeplatz gleich ein Verbot zu nennen.

    “Vielleicht ist der Schluss des Liedes schlecht”, sagte er. “Und die Ausladung trotzdem falsch.”

    “Das ist sehr unpraktisch”, sagte Dachsbert.

    “Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein”, sagte Liora.

    “Das ist der Grund, warum es einen größeren Fernseher braucht”, sagte Dachsbert selbstbewusst.

    Mummrich nahm die Platte vom Teller. “Leute aus einem westlichen Fernsehhaus haben den Wolf damals heimlich in seiner Wohnung gefilmt”, sagte er. “Weil er öffentlich nirgends auftreten durfte.”

    “Damals wollte das Fernsehen zeigen, was nicht gezeigt werden durfte?”, fragte Dachsbert.

    “Manchmal.”

    „Und heute erklärt es, warum etwas nicht gezeigt wird?“

    „Das ist ein ziemlich wilder Vergleich“, sagte Liora.

    „Ja“, sagte Mummrich. „Aber ein kleines Geschmäckle hat es schon.“

    „Das Lied wird ja nicht verschwiegen“, sagte Liora.

    „Nein“, sagte Mummrich. „Nur umsortiert. Aus einem Lied wird ein Gegenstand.“

    „Über den man sprechen kann“, sagte Liora. „Solange er nicht singt.“

    „Nicht einmal unter Aufsicht“, sagte Dachsbert und setzte den Fernseher auf den Tisch. “Vielleicht braucht Kunst manchmal eine Einordnung”, sagte er.

    “Bestimmt”, sagte Faulmann.

    “Aber vielleicht besser nicht anstelle der Kunst.”

    Faulmann steckte den Stecker noch nicht ein. Offenbar war es leichter, über Mut zu sprechen, wenn er zuvor in eine Pressemappe gelegt worden war. Das war nicht nichts. Aber es war etwas anderes.

    Neben der Fernbedienung lag ein Buch mit dem Titel „Überwachung für Anfänger“.

    Dachsbert behauptete, es habe kostenlos beigelegen.

    „Nun gut, liebe Leute“, sagte Dachsbert schließlich. „Trinkt aus, wir müssen gehen. Ich habe den Eindruck, auch andernorts werden wir heute noch ermutigt.3 Es liegt etwas in der Luft.“

    Der Platz, an dem das Lied fehlte

    1. Wolf Biermann erhielt 1965 in der DDR ein vollständiges Publikations- und Auftrittsverbot. Das Ministerium für Staatssicherheit überwachte anschließend seine Post, sein Telefon, seine Wohnung und seine persönlichen Kontakte. Während des Verbots wurde er von einem westdeutschen Fernsehmagazin heimlich in seiner Wohnung gefilmt. Nach einem Konzert in Köln wurde Biermann 1976 aus der DDR ausgebürgert. Siehe Deutsches Historisches Museum und Bundeszentrale für politische Bildung

    2. Biermann schrieb “Ermutigung” nach eigener Erinnerung im Frühjahr 1966 für seinen Freund Peter Huchel. Huchel lebte damals unter Überwachung und war mit einem Publikations- und Ausreiseverbot belegt. Das 1968 veröffentlichte Lied richtet sich gegen Verhärtung, Verbitterung, Angst und Resignation und wurde später zu einem gemeinschaftlich gesungenen Lied auf beiden Seiten der deutschen Grenze. Siehe Ute Elena Hamm, “Ermutigung (Du, lass dich nicht verhärten)” 

    3. Am 29. Mai 2026 veröffentlichten Die Toten Hosen auf dem Bonus-Coveralbum Alles muss raus! eine gemeinsam mit Wolf Biermann eingespielte Fassung von „Ermutigung“. Das Bonusalbum erschien zusammen mit Trink aus, wir müssen gehen!. Am Sonnabend, dem 18. Juli 2026 – dem Tag dieser Szene – spielte die Band im Kölner RheinEnergieSTADION im Rahmen der gleichnamigen Tour. Siehe Die Toten Hosen 

    Die Gießkanne mit Weltanschluss

    2026-06-26 00:00:00 +0200

    Dachsbert hatte eine Bewässerungssteuerung bestellt. Sie lag auf dem Gartentisch, zwischen einer halbleeren Tasse Kaffee, drei Tonscherben und einem Schraubendreher, der aussah, als habe er schon bessere Tage gesehen.

    “Kostenlos”, sagte Dachsbert.

    Faulmann nickte vorsichtig. Bei Dingen, die kostenlos waren, nickte er mittlerweile vorsichtig. Es war eine neue Gewohnheit. Kostenlos war selten ein Preis. Meistens war es nur eine noch nicht ausgesprochene Form von erwartbaren Kopfschmerzen.

    Seit der Sache mit dem gehackten Chatbot war Faulmann in dieser Frage empfindlich geworden. Nicht klüger. Nur langsamer im Nicken.

    “Natürlich kostenlos”, sagte Dachsbert.

    “Natürlich”, sagte Faulmann.

    Die Kiste war klein, weiß und glatt. Sie hatte keine sichtbare Meinung. Das machte sie verdächtig. Auf der Packung stand etwas von intelligenter Gartenpflege, präziser Feuchtigkeitssteuerung und nachhaltiger Ressourcennutzung. Dachsbert hatte die Anleitung gelesen. Das war bei ihm nie ein gutes Zeichen. Dachsbert las Anleitungen nicht, um Dinge zu verstehen. Er las sie, um herauszufinden, an welcher Stelle sie anfing, ihn zu beleidigen.

    “Sie braucht Internet”, sagte er.

    “Die Bewässerung?”

    “Ja.”

    “Für Wetterdaten?”

    “Auch.”

    Faulmann sah zum Beet. Die Tomaten standen dort mit der stillen Würde von Pflanzen, die schon viel über Menschen wussten und wenig davon für hilfreich hielten.

    “Und wofür noch?”

    Dachsbert legte die Anleitung auf den Tisch.

    “Sie muss mit einem Sprachmodell sprechen.”

    Faulmann schwieg. Im Garten war es sehr still. Eine Amsel landete auf dem Zaun, sah die Kiste an und flog wieder weg. Man konnte es ihr nicht verübeln.

    “Die Kiste”, sagte Dachsbert, “fragt also irgendwo im Internet nach, ob die Petersilie Durst hat.”

    “Vielleicht formuliert sie es höflicher.”

    “Das macht es nicht besser.”

    Faulmann nahm die Anleitung und las ein paar Zeilen. Die Wörter waren alle freundlich. Das war das Problem. Sie standen da wie Menschen auf einer Messe, die einem erklärten, dass ein Abo eigentlich eine Beziehung sei.

    “Und was stört dich daran?”, fragte Faulmann.

    Dachsbert sah ihn an.

    “Der Garten”, sagte er, “ist hier.”

    Das war schwer zu widerlegen.

    Später saß Dachsbert in der Laube und befragte die andere Kiste. Die andere Kiste war der kleine graue Rechner, auf dem er inzwischen alles fragte, was früher in den Zuständigkeitsbereich von Nachbarn, Bibliotheken oder unklugen Selbstversuchen gefallen war.

    “Kann man das auch lokal machen?”, fragte er.

    Die Kiste antwortete lange. Dachsbert las mit wachsender Verärgerung.

    “Sie sagt, ich brauche eine gute Grafikkarte.”

    “Für die Petersilie?”

    “Für die Entscheidung über die Petersilie.”

    “Das ist etwas anderes”, sagte Faulmann.

    “Nein”, sagte Dachsbert.

    Die Kiste empfahl außerdem Arbeitsspeicher, ein Modell, ein paar Installationsschritte, ein Repository, zwei Konfigurationsdateien und eine Haltung gegenüber Fehlermeldungen, die Dachsbert nicht besaß.

    “Ich habe doch keinen Rechner für so etwas”, sagte Dachsbert.

    Faulmann sagte nichts. Das war sein Fehler.

    Am nächsten Nachmittag bemerkte Faulmann, dass sein Flugsimulator-Rechner nicht mehr unter dem Schreibtisch stand. Er bemerkte es nicht sofort. Zuerst bemerkte er nur eine ungewohnte Leere. Dann ein Kabel, das nirgendwohin führte. Dann den Staubumriss auf dem Boden. Es ist erstaunlich, wie vorwurfsvoll Staub sein kann, wenn etwas fehlt.

    Im Garten stand der Rechner auf zwei Ziegelsteinen neben der Regentonne. Dachsbert hatte ihn mit der Bewässerungssteuerung verbunden. Außerdem mit einem alten Monitor, einer Mehrfachsteckdose, einem Netzwerkkabel, drei Adaptern und einem Gerät, dessen Zweck Faulmann nicht kannte, das aber sehr beschäftigt blinkte.

    Faulmann blieb stehen.

    “Du hast meinen Flugsimulator-Rechner ausgeborgt”, sagte er.

    “Nur vorübergehend.”

    “Er steht neben der Regentonne.”

    “Der Standort ist thermisch günstig.”

    Faulmann betrachtete die Anlage. Auf dem Monitor standen Zeilen, die so aussahen, als hätten sie im Prinzip eine Bedeutung, aber keine Lust, sie jetzt zu zeigen.

    “Und läuft es?”

    Dachsbert kratzte sich am Kopf.

    “Im Prinzip ja.”

    “Im Prinzip?”

    “Die Kiste hat gesagt, welche Dateien ich ändern soll.”

    “Welche Kiste?”

    “Die andere.”

    Faulmann sah von dem Rechner zur Laube, von der Laube zur Bewässerungssteuerung und dann zu Dachsbert.

    “Du hast also eine künstliche Intelligenz gefragt, wie du eine künstliche Intelligenz lokal einrichtest, damit eine Bewässerungssteuerung keine künstliche Intelligenz im Internet fragen muss.”

    Dachsbert nickte.

    “So grob.”

    “Und?”

    “Es gab Abhängigkeiten.”

    “Das ist bei künstlicher Intelligenz wohl üblich.”

    “Nein”, sagte Dachsbert. “Ich meine echte Abhängigkeiten. Pakete.”

    Faulmann nickte. Das war offenbar schlimmer.

    Dann fiel Faulmann etwas auf.

    “Er ist gar nicht an.”

    Dachsbert nickte.

    “Nein.”

    “Mein Flugsimulator-Rechner steht neben der Regentonne, ist mit einer Bewässerungssteuerung verbunden und ist gar nicht an.”

    “Das ist richtig.”

    “Warum?”

    Dachsbert kratzte sich wieder am Kopf. Dort musste inzwischen einiges jucken.

    “Mir ist eingefallen, dass es nur um Bewässerung geht.”

    “Das war vorher auch schon der Fall.”

    “Ja”, sagte Dachsbert. “Aber es war nicht in der richtigen Größe.”

    “Die Bewässerung?”

    “Das Modell.”

    Faulmann sah den Rechner an. Es war ein sehr großer Rechner für eine Entscheidung, die am Ende offenbar ohne ihn getroffen wurde.

    “Du nennst das klein?”, fragte Faulmann.

    Dachsbert sah kurz zum Gehäuse.

    “Verglichen womit?”

    “Mit einem normalen Rechner.”

    “Ach so”, sagte Dachsbert. “Ja. Nein.”

    “Nein?”

    “Für dich ist er groß. Für die Sache ist er klein.”

    “Die Sache?”

    “Das, womit die großen Modelle gemacht werden.”

    Faulmann betrachtete seinen Flugsimulator-Rechner. Er hatte ihn bisher für ein beachtliches Stück Technik gehalten. Nun stand er neben der Regentonne und war offenbar gleichzeitig zu groß für den Garten und zu klein für die Welt.

    “Es sieht aus, als würde mein Rechner gleich Möhren kontrollieren.”

    “Radieschen”, sagte Dachsbert.

    Auf dem Monitor standen weiter Zeilen. Das machte es nicht klarer. Nur fleißiger.

    Dachsbert erklärte, dass Modelle groß sein konnten, aber nicht mussten. Dass manche Modelle kleiner waren als andere Modelle, die ohnehin schon kleiner waren als die großen Modelle, von denen alle redeten, als seien sie Bergwerke mit höflicher Stimme. Dass man für die Frage, ob ein Beet gegossen werden sollte, nicht unbedingt die gesammelte Weltliteratur, acht Programmiersprachen und eine Vorstellung von Vertragsrecht in mehreren Jurisdiktionen brauchte.

    “Es reicht, wenn es merkt, dass die Erde trocken ist”, sagte Dachsbert.

    “Das hätte auch ich gekonnt.”

    “Du bist aber nicht per API erreichbar.”

    “Das stimmt.”

    “Außerdem bist du manchmal unterwegs.”

    Faulmann dachte an seine Flugsimulatorflüge, bei denen er in schlechtem Wetter über virtuelle Alpen geflogen war, während im wirklichen Garten die Bohnen etwas näher am existenziellen Rand standen, als Bohnen das vermutlich mochten.

    Mummrich tauchte aus dem hinteren Beet auf. Er hatte Erde an der Weste und hielt ein Stück Kabel in der Hand, als habe er es dort unten gefunden, wo Kabel vermutlich auf natürliche Weise wachsen.

    “Ich habe etwas Leitung”, sagte er.

    Dachsbert nahm sie mit großer Selbstverständlichkeit entgegen.

    “Woher?”

    “Unter der alten Johannisbeere.”

    “Da liegt Internet?”

    “Da lag etwas”, sagte Mummrich. “Ich würde es nicht gleich Internet nennen. Es war eher ein Versprechen.”

    Faulmann sagte nichts. Im Garten wurden Dinge möglich, für die es in Mietverträgen keine Worte gab.

    Dachsbert schloss die Leitung an. Die kleine weiße Steuerung blinkte. Erst vorsichtig. Dann selbstbewusster. Dann in einem Rhythmus, der vermutlich laut Bedienungsanleitung “bereit” bedeutete, aber genauso gut “ich habe eure Schwächen verstanden” heißen konnte.

    “Und jetzt?”, fragte Faulmann.

    “Jetzt fragt sie ein kleineres Modell im Internet.”

    “Du wolltest doch gerade nicht, dass sie das Internet benutzt.”

    “Ja”, sagte Dachsbert. “Aber jetzt benutzt sie es weniger dumm.”

    Faulmann ließ diesen Satz eine Weile im Garten stehen. Er war nicht falsch. Das machte ihn nicht angenehmer.

    “Billiger”, sagte Dachsbert.

    “Schneller”, sagte Mummrich.

    “Und der Garten ist gut bewässert”, sagte Dachsbert.

    Die Steuerung klickte. Ein dünner Wasserstrahl begann neben den Tomaten zu laufen. Nicht viel. Gerade genug, dass die Erde dunkler wurde.

    Faulmann betrachtete die Tomaten. Sie sahen nicht beeindruckt aus. Pflanzen haben dafür keinen guten Gesichtsausdruck. Vielleicht ist das ihr größter Vorteil.

    “Ich bin beeindruckt”, sagte Faulmann.

    Dachsbert nickte, als habe er damit gerechnet, aber nicht darauf bestanden. Eine Weile hörten sie dem Wasser zu. Es war ein kleines Geräusch. Fast nichts. Die Art Geräusch, die man erst bemerkt, wenn die großen Geräte aufgehört haben, etwas zu wollen.

    Dann sagte Dachsbert: “Das eigentlich Lustige ist ja, dass ich wahrscheinlich auch einfach hätte warten können.”

    Faulmann sah zu ihm.

    “Warten?”

    “Bis es sich rechnet.”

    “Das Gießen?”

    “Nein. Der ganze Unsinn darum herum.”

    Mummrich hob den Kopf. Dachsbert legte die Gießkanne ab und dachte kurz nach. Das tat er selten sichtbar. Meistens geschah es bei ihm unter der Oberfläche, wie bei Wurzeln oder alten Kabeln.

    “Das Modell wird ja nicht kleiner”, sagte er. “Also nicht dieses Modell. Das bleibt, wie es ist. Aber die neuen Modelle werden dauernd größer. Und sobald die groß genug sind, sieht das, was gestern noch groß war, plötzlich klein aus.”

    “Relative Kleinheit”, sagte Mummrich.

    “Genau”, sagte Dachsbert. “Faulmanns Flugsimulator-Rechner ist ja auch schon klein.”

    Faulmann sah zur Bewässerungssteuerung. Er ahnte, dass er das noch eine Weile hören würde.

    “Der Garten muss also warten, bis die Rechenzentren seine Petersilie ökonomisch eingeholt haben.”

    “So ungefähr”, sagte Dachsbert.

    “Ein positiver Business Case für Schnittlauch.”

    “Man muss mit der Zeit gehen.”

    “Offenbar”, sagte Faulmann.

    Das Wasser lief weiter. Die alte Gießkanne stand daneben und sagte nichts. Das war ihr gutes Recht. Sie war die einzige im Garten, die nie behauptet hatte, intelligent zu sein.

    Dachsbert nahm sie schließlich doch in die Hand.

    “Außerdem”, sagte er, “brauche ich gar keine Bewässerungssteuerung.”

    “Nein?”

    “Ich gieße ja von Hand.”

    Er stand auf, ging zum Beet und goss die Tomaten.

    Die Steuerung klickte beleidigt. Oder vielleicht klang sie nur so. Faulmann war sich nicht sicher. Bei neuen Geräten war das schwer zu unterscheiden.

    Faulmann und der Wagen unter Wetterdruck

    2026-06-14 00:00:00 +0200

    Captain Faulmann kam aus der Stadt zurück, als der Nachmittag schon etwas ausgefranst war.

    Sein Fahrrad knirschte über den schmalen Weg zum Waldtisch. Im Flaschenhalter hing eine halb leere Wasserflasche. Auf ihr klebte noch ein Rest Papier. Irgendetwas mit Demokratie. Man konnte es nicht mehr ganz lesen, was vermutlich kein gutes Zeichen war, aber auch kein völlig überaschendes.

    Faulmann stellte das Rad an die Buche, nahm die Mütze ab und pfiff.

    Nur die Melodie. Keinen Text. Eine alte, dunkle kleine Linie, die man sofort kannte, ohne gleich zu wissen, woher. Sie kam in Bögen, kehrte zurück, ließ Platz für andere Stimmen.1

    Dachsbert fuhr hoch.

    “Wehrt euch, leistet Widerstand!”, sang er, erstaunlich inbrünstig für jemanden, der kurz zuvor noch so ausgesehen hatte, als sortiere er bloß Zettel.

    Die Krähen auf der Fichte schwiegen erschrocken. Das taten sie selten. Es war ihnen unangenehm.

    Dachsbert sang nicht schön, aber mit einer Überzeugung, die Schönheit in diesem Moment auch etwas kleinlich wirken ließ. Er setzte noch einmal an, stärker, als stünde hinter dem Waldtisch ein Bauzaun, ein Wasserwerfer oder wenigstens ein sehr selbstzufriedener Pressesprecher.2

    Faulmann sah ihn an.

    “Das kam schnell.”

    “Das sitzt noch”, sagte Dachsbert und räusperte sich. “Manche Dinge vergisst der Körper nicht. Sitzblockaden. Kalte Füße. Vollkornbrot von politisch zuverlässiger, aber kulinarisch schwieriger Herkunft.”

    Liora legte den Kopf schräg.

    “Das wundert mich jetzt gar nicht.”

    “Was genau?”

    “Alles daran.”

    Dachsbert nahm das als Anerkennung. Oder als etwas, das nahe genug daran lag.

    “Wyhl”, sagte er dann. “Brokdorf. Später die Friedensbewegung. Irgendwann sang man diese Melodie, und plötzlich war ein neuer Text da. Niemand hatte ihn beschlossen. Kein Antrag, keine Tagesordnung, kein Ausschuss für gemeinschaftliches Singen. Einer fing an, dann mehrere, dann alle.”

    Er sah auf den Tisch, als läge dort noch die nasse Wiese von damals.

    “Das war das Merkwürdige. Eine Melodie, die alle aus der Schule kannten, stand plötzlich am Bauzaun.”

    “Heute habe ich einen anderen Text gehört”, sagte Faulmann.

    Dachsbert sah auf.

    “Wieder Protest?”

    “Ja. Gegen Faschismus. Dieselbe Melodie. Andere Bedrohung. Andere Plakate. Ähnliche Gesichter, nur mit besseren Regenjacken.”3

    “Die Melodie hat Ausdauer”, sagte Dachsbert.

    “Mehr als manche politische Bildung”, sagte Liora.

    Mummrich, der neben dem Tisch aus einem Maulwurfshügel ragte und dadurch wieder wirkte, als habe ihn jemand halb in eine Fußnote gesteckt, öffnete sein Notizbuch.

    “Man sollte allerdings vorsichtig sein”, sagte er. “Der deutsche Text mit Wagen, Regen und goldenen Garben hat nicht gerade demokratische Wurzeln.”

    Dachsbert seufzte.

    “Ich ahnte, dass der Nachmittag noch schwierig wird.”

    “Nur präzise”, sagte Mummrich. “Schwierig ist eine Nebenwirkung.”

    Er rückte seine Brille zurecht.

    “Die Melodie ist viel älter als der deutsche Erntetext. Aber dieser Text - Wagen anspannen, Regen, Garben holen - wird, soweit man ihn greifen kann, erst spät sichtbar. Ende der dreißiger Jahre. Arbeitsdienst, Arbeitsmaiden, Frauengruppen. Kein unbelasteter Acker.”4

    Faulmann sah auf die Tischplatte.

    “Also hat das Lied Gepäck.”

    “Mit Wagen”, sagte Liora.

    Mummrich nickte ernst.

    “Und genau deshalb ist es interessant. Die Szene wirkt harmlos: Ernte, Wetter, Land. Aber eigentlich ist sie ein Kommando. Etwas ist gewachsen, aber noch nicht sicher. Der Wind treibt Regen heran. Jetzt muss gehandelt werden.”

    Dachsbert murmelte den alten Erntetext an. Nur ein Stück. Genug, um den Wagen zu hören. Nicht genug, um so zu tun, als sei alles einfach.

    “Das ist kein Idyll”, sagte Liora. “Das ist Logistik unter Wetterdruck.”5

    “Ein sehr deutsches Genre”, sagte Dachsbert.

    Faulmann lächelte schwach.

    “Vielleicht deshalb die Beliebtheit.”

    Liora hatte einen kleinen Zweig vom Tisch genommen und drehte ihn zwischen den Fingern. Nun legte sie ihn wieder hin.

    “Und wenn man weiter zurückgeht”, sagte sie, “wird es nicht harmloser. Eher hungriger.”

    “Hungriger?”, fragte Dachsbert.

    “Die englische Fassung. ‘Hey ho, nobody home’. Frühe Neuzeit. Kanontradition. Da geht es nicht um Garben, sondern um Mangel. Kein Fleisch, kein Getränk, kein Geld. Ein Lied, das an Türen klopft.”6

    Faulmann schwieg kurz.

    “Also stand am Anfang nicht die Ernte.”

    “Am Anfang stand ein leerer Topf”, sagte Liora.

    Das blieb auf dem Waldtisch liegen.

    Mummrich nickte anerkennend.

    “Eine knappe, aber tragfähige Zusammenfassung.”

    “Ich bemühe mich.”

    “Erfolgreich.”

    Dachsbert kratzte mit einer Kralle über das Holz.

    “Das macht die Garben nicht weniger politisch.”

    “Nein”, sagte Liora. “Eher mehr. Die deutsche Fassung verschiebt den Hunger nur. Nicht: Wir haben nichts. Sondern: Wir könnten etwas haben, wenn wir es rechtzeitig retten.”

    Faulmann sah zum Himmel. Es war kein Regen zu sehen. Aber das bedeutete im Wald bekanntlich wenig.

    “Und dann wurde aus dem Hunger noch eine Rose”, sagte Liora.

    Dachsbert blinzelte.

    “Wie bitte?”

    “‘Rose, Rose’”, sagte sie. “Eine geglättete englische Variante. Plötzlich ist der leere Topf verschwunden, und es bleibt eine saubere kleine Melodie über Rose, Heirat und bürgerliche Harmlosigkeit.”7

    “Ich misstraue allem, was zu sauber aus der Kulturgeschichte kommt”, sagte Dachsbert.

    “Das ist einer deiner vernünftigeren Grundsätze”, sagte Liora.

    “Also”, sagte Faulmann langsam, “erst Hunger. Dann Rose. Dann Garben. Dann Arbeitsdienst. Dann Schule. Dann Protest.”

    “Und zwischendurch vermutlich viele Leute, die dachten, es sei einfach nur ein Lied”, sagte Mummrich.

    “Das sind oft die gefährlichsten Lieder”, sagte Dachsbert. “Die einfachen.”

    Faulmann pfiff die Melodie wieder an. Diesmal wurde sie nach einigen Takten heller, luftiger, fast französisch.

    “Vent frais”, sagte er.

    Liora lächelte sofort.

    “Vent du matin.”

    “Da ist derselbe Wind plötzlich freundlich”, sagte Faulmann. “Kühler Wind, Morgenwind, große Kiefern. Kein Regen, keine Garben, kein Wagen. Man geht hinaus und findet die Welt kurz vor dem Frühstück erfreulich.”

    “Französisch kann selbst Zugluft besser anziehen”, sagte Dachsbert.

    “Im Französischen ist der Wind Einladung”, sagte Liora. “Im Deutschen ist er Warnung. Im Englischen klopft jemand hungrig an. In der Rose-Fassung wird alles geglättet. Und im Protest wird daraus ein Ruf, zusammenzubleiben.”8

    “Eine ziemlich beschäftigte Melodie”, sagte Faulmann.

    “Man könnte sie zusammen singen”, sagte Liora.

    Dachsbert sah misstrauisch auf.

    “Was heißt zusammen?”

    “Deutsch, französisch, englisch. Vielleicht ein Stück Rose. Ein Quodlibet. Keine Vorführung. Eher eine Waldprobe. Jede Stimme trägt eine andere Erinnerung derselben Melodie.”9

    “International”, sagte Faulmann.

    “Unübersichtlich”, sagte Dachsbert.

    “Also international”, sagte Mummrich.

    Ein Eichelhäher landete auf einem Ast über ihnen und machte ein Geräusch, das nicht Zustimmung bedeutete, aber auch nicht das Gegenteil. Bei Eichelhähern war das oft die genaueste Form von Teilnahme.

    Die Krähen rückten auf der Fichte näher zusammen.

    “Ich übernehme nicht Rose”, sagte Dachsbert.

    “Niemand hat dich gebeten”, sagte Liora.

    “Ich wollte nur frühzeitig klare Verhältnisse schaffen.”

    Faulmann pfiff den Anfang.

    Dachsbert fiel sofort wieder mit dem alten Protesttext ein, diesmal etwas leiser, aber immer noch mit jener Inbrunst, die irgendwo zwischen Bauzaun und schlechtem Vollkornbrot wohnte.

    Liora setzte den Morgenwind dagegen, hell und ruhig.

    Mummrich suchte die englische Hungerzeile, fand sie beim zweiten Versuch und war darüber sichtbar erleichtert.

    Der Eichelhäher warf eine schräge, glänzende Stimme darüber. Die Krähen kamen einen Takt zu spät, aber mit großem Ernst. Es klang, als hätten sie die Molltonart erfunden und seien enttäuscht, dass andere sie auch benutzten.

    Für einen Moment war es kein Lied mehr aus einer Zeit.

    Es war ein kleines Durcheinander aus Hunger, Ernte, Rose, Regen, Widerstand und Wind. Nicht schön im üblichen Sinn. Eher brauchbar. Wie ein alter Wagen, der noch einmal anrollt, obwohl niemand ihm das ganz zugetraut hätte.

    Dann verstummten sie.

    Der Wald hörte noch ein wenig weiter.

    Dachsbert sah auf seine Zettel. Auf einem stand “Rauch”. Auf einem stand “Windrichtung”. Auf einem stand nur “hm”.

    “Man sollte”, sagte er, “die Vögel beim nächsten Mal vorher einweisen.”

    “Nein”, sagte Liora.

    Faulmann setzte die Mütze wieder auf.

    Irgendwo jenseits des Bergkamms war der Rauch noch nicht ganz verschwunden. Aber für einen Augenblick hatte er Gegenwind bekommen.

    1. Die Melodie gehört zu einer Familie von Kanons, die weit älter ist als der deutsche Text. In der Recherche führt die Spur nach England, zu Rundgesängen der Frühen Neuzeit. Es ist also eine dieser Melodien, die schon unterwegs waren, bevor jemand glaubte, sie gehörten einem bestimmten Schulbuch. 

    2. Die Protestfassung “Wehrt euch, leistet Widerstand” wurde besonders mit der westdeutschen Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre verbunden, unter anderem im Umfeld von Wyhl, Brokdorf, Grohnde und Gorleben. Wie bei vielen Demonstrationsliedern ist die genaue Urheberschaft schwer zu greifen. Das passt leider gut zu Liedern, die plötzlich allen gehören. 

    3. Die Melodie blieb auch nach der Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung politisch verwendbar. Aus dem Atomkraftwerk konnten andere Bedrohungen werden: Raketen, Rassismus, Faschismus, Milliardengräber. Der Kanon ist dabei weniger wählerisch als die Geschichte, was nicht unbedingt ein Trost ist. 

    4. Der deutsche Erntetext “Hejo, spann den Wagen an” ist quellenkritisch nicht so alt, wie er oft wirkt. Sichere Belege führen in die späten 1930er Jahre, unter anderem in Liederbücher aus dem Umfeld von Reichsarbeitsdienst, Arbeitsmaiden und Frauengruppen. Daraus folgt nicht, dass jede spätere Verwendung verdächtig wäre. Aber es folgt, dass Harmlosigkeit hier kein Naturzustand ist. 

    5. Die Ernteszene erzählt nicht vom Säen, nicht vom Wachsen und auch nicht vom Fest nach getaner Arbeit. Sie setzt genau in dem Moment ein, in dem das Gewachsene noch verloren gehen kann. Die Garben sind gebunden, aber noch nicht geborgen. Ein Lied über Sicherung also. Das klingt weniger romantisch, ist aber vermutlich wahrer. 

    6. Die englische Fassung “Hey ho, nobody home” ist mit der Tradition der Catches und Heischelieder verbunden. Der Text handelt von Mangel: kein Fleisch, kein Getränk, kein Geld. Der Gesang ist hier nicht Dekoration, sondern Bitte. Oder, weniger freundlich gesagt: eine musikalisch anständige Art, Hunger mitzuteilen. 

    7. “Rose, Rose” gilt als spätere, geglättete englische Variante derselben Melodiefamilie. Wo vorher Mangel, Trinken, Geld und soziale Bedürftigkeit hörbar waren, erscheint nun eine bürgerlichere, sauberere Szene. Kulturgeschichte hat gelegentlich die Angewohnheit, erst aufzuräumen und dann zu behaupten, es sei immer so ordentlich gewesen. 

    8. “Vent frais, vent du matin” ist die französische Variante, in der der Wind nicht als Bedrohung erscheint, sondern als frische, fast heitere Naturerfahrung. Im Deutschen treibt der Wind Regen über das Land. Im Französischen weht er durch große Kiefern. Man muss Nationen nicht aus Liedern erklären. Aber manchmal drängen sie sich ein wenig auf. 

    9. Ein Quodlibet verbindet verschiedene Melodien oder Texte, die gleichzeitig gesungen werden können. Bei dieser Melodiefamilie liegt das nahe, weil mehrere Fassungen strukturell verwandt sind. Im Wald ist das natürlich etwas riskanter, weil Krähen selten auf Einsatzzeichen achten.