Faulmann und die Hasen-Kannon

    2026-06-12 00:00:00 +0200

    Sie waren nicht zum ersten Mal dort.

    Das machte den Besuch leichter. Beim ersten Mal hatte Faulmann noch das Gefühl gehabt, sich im Museum für Ostasiatische Kunst ordentlich benehmen zu müssen, als könne irgendwo zwischen Keramik, Tusche und stillen Vitrinen ein kleines Schild auftauchen: “Bitte nicht zu deutlich denken.”

    Beim zweiten Mal trafen sie sich einfach auf einen Kaffee.

    Liora war schon da, als Faulmann kam. Sie saß im Lichthof, eine Tasse vor sich, den Blick auf den japanischen Garten gerichtet. Der Garten tat, was japanische Gärten in Museen tun: Er war still, ohne beleidigt zu wirken, und bestand aus wenigen Dingen, die offensichtlich genug waren, um übersehen zu werden.

    Steine. Pflanzen. Wasser. Zwischenräume.

    Faulmann stellte seinen Kaffee ab und ließ sich in einen der Sitzsäcke sinken. Das gelang ihm mit jener Würde, die entsteht, wenn ein Bär beschlossen hat, für kurze Zeit ein Möbelproblem zu sein.

    “Schön hier”, sagte er.

    Liora nickte. “Ja.”

    Eine Weile sagten sie nichts. Das war angenehm. Museen verlangen oft zu früh Sätze von einem. Als müsste jedes Bild sofort in Sprache umgetauscht werden, bevor es ungültig wird.

    Faulmann sah hinüber zur Hasen-Kannon.

    “Sie steht immer noch da”, sagte er.

    “Das tun Skulpturen gelegentlich”, sagte Liora.

    “Nein”, sagte Faulmann. “Ich meine: anders. Beim ersten Mal stand sie vor mir. Jetzt steht sie irgendwie mit im Raum.”

    Liora sah ihn an. “Das ist eine ziemlich gute Beobachtung.”

    Faulmann nahm einen Schluck Kaffee.

    “Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich mich an sie gewöhnt habe.”

    “Das ist nicht dasselbe”, sagte Liora. “An manche Dinge gewöhnt man sich nicht. Man hört nur auf, sich gegen sie zu verteidigen.”

    Faulmann schwieg kurz. “Die Pfoten”, sagte er dann.

    Liora lächelte kaum sichtbar. “Ja. Die Pfoten.”

    “Nicht segnend.”

    “Nein.”

    “Nicht bittend.”

    “Auch nicht ganz.”

    “Eher, als würde sie etwas zusammenhalten.”

    Liora stellte ihre Tasse ab. “Vielleicht hält sie genau das zusammen, was bei dieser Figur auseinanderfallen müsste.”

    Faulmann drehte den Kopf zu ihr.

    “Jetzt kommt der Teil, in dem du mehr weißt.”

    “Ich fürchte ja”, sagte Liora. “Aber ich bemühe mich, nicht unangenehm zu werden.”

    “Das wäre neu.”

    “Für uns beide.”

    Sie sah wieder zur Figur.

    “Usagi heißt Hase. Kannon ist die japanische Form von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Also steht da, sehr knapp gesagt, eine Hasenform des Mitgefühls.”

    “Ein zuständiger Hase”, sagte Faulmann.

    “Ein sehr zuständiger Hase”, sagte Liora. “Aber nicht niedlich. Oder jedenfalls nicht nur. Der Hase bringt vieles mit. Verletzlichkeit. Fruchtbarkeit. Fluchtbereitschaft. Wiederkehr. Und bei Ikemura, nach Fukushima, auch Versehrtheit.”

    Faulmann sah zur Bronze hinüber. “Er sieht aus, als hätte er zu viel gehört.”

    “Vielleicht ist das bei großen Ohren unvermeidlich”, sagte Liora. “Aber ja. Diese Figur hört nicht nur. Sie trägt etwas nach.”

    Im Lichthof klirrte irgendwo eine Tasse. Ein Besucher ging sehr langsam an einer Vitrine vorbei, mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gerade versuchte, achthundert Jahre alte Keramik durch konzentriertes Nicken zu verstehen.

    Faulmann mochte ihn sofort.

    “Und dann kommt noch Maria dazu”, sagte Liora.

    Faulmann sah sie vorsichtig an. “Maria?”

    “Schutzmantelmadonna”, sagte Liora. “Eine Figur, unter deren Mantel man Zuflucht findet. In der europäischen Kunst gibt es diese Vorstellung sehr lange. Menschen stehen unter dem Mantel der Mutter, der Fürsprecherin, der Schützenden. Bei Ikemura wird dieser Mantel zu einem begehbaren Rock. Oder zu einer Höhle. Oder zu einem Schrein. Man sieht den Schutz nicht nur. Man kann unter ihn treten.”

    Faulmann räusperte sich. “Das ist im Deutschen nicht ganz ungefährlich.”

    “Nein”, sagte Liora. “Sobald man unter einem Rock steht, steht unsere Sprache daneben und grinst.”

    “Rockzipfel”, sagte Faulmann.

    “Genau.”

    Liora nahm ihre Tasse wieder auf, trank aber nicht. “Das ist die europäische Peinlichkeit an der Sache. Schutz wird schnell als Abhängigkeit gelesen. Geborgenheit als Unmündigkeit. Trost als etwas, wofür man sich besser entschuldigt.”

    Faulmann sah zur Hasen-Kannon.

    “Und sie steht einfach da.”

    “Ja”, sagte Liora. “Sie steht einfach da und macht aus dieser Peinlichkeit einen Raum.”

    Das fand Faulmann sehr ordentlich formuliert. Er sagte es aber nicht, weil Liora bei zu viel Zustimmung manchmal aussah, als müsse sie ihre eigene Klugheit wieder einfangen.

    “Und der Angsthase?”, fragte er.

    Liora legte den Kopf leicht schief. “Das ist vielleicht die schönste deutsche Fehlleistung. Der Hase als Spottfigur der Angst. Aber hier wird daraus fast das Gegenteil. Diese Kannon schützt nicht, weil sie angstfrei wäre. Sie schützt, weil sie Angst kennt.”

    Faulmann sah auf seine eigenen Pfoten.

    “Also kein Denkmal gegen die Angst.”

    “Nein.”

    “Eher eines dafür, dass Angst einen Ort braucht.”

    “Und nicht ausgelacht werden sollte”, sagte Liora.

    Im Lichthof bewegte sich kaum etwas. Der Garten schwieg weiter in seiner höflichen Weise. Ein paar Blätter lagen so genau an der richtigen Stelle, dass man nicht wusste, ob sie gefallen oder arrangiert worden waren. Das ist bei japanischen Gärten manchmal die Grundfrage. Bei manchen Menschen übrigens auch.

    Faulmann blickte wieder zur Figur.

    “Im asiatischen Kontext wäre die Ironie anders, oder?”, fragte er.

    “Ja”, sagte Liora. “Kannon ist ohnehin wandelbar. Sie kann viele Formen annehmen. Ein Hasenwesen ist dort vielleicht weniger absurd als für einen europäischen Museumsbesucher. Aber die Ambivalenz bleibt. Nur anders. Der Hase ist Mondtier, Opferwesen, Fruchtbarkeitssymbol. Und nach Fukushima wird auch diese Symbolik beschädigt. Dann erscheint Mitgefühl nicht rein und unversehrt. Sondern als verletzter Schutzkörper.”

    Faulmann nickte langsam. “Also überall schwierig. Nur unterschiedlich schwierig.”

    “Das ist meistens die beste Sorte schwierig”, sagte Liora.

    Sie tranken ihren Kaffee aus. Danach blieben sie noch sitzen, weil niemand sie aufforderte, den Lichthof sinnvoller zu nutzen.

    Faulmann dachte an die dunkle Öffnung im Körper der Figur. An diesen Raum unter ihr, der zugleich Mantel, Rock, Höhle und Zuflucht war. Man konnte hineingehen. Man konnte sich darunter stellen. Man konnte auch davor stehen bleiben und so tun, als sei man nur kunsthistorisch interessiert.

    Das Museum ließ beides zu. Das war vielleicht seine Freundlichkeit.

    “Man wird beim Anschauen ein bisschen erwischt”, sagte Faulmann.

    “Wobei?”

    “Dabei, Schutz zu brauchen.”

    Liora sah ihn an. “Ja”, sagte sie. “Vielleicht ist das der unangenehme Teil.”

    “Ich dachte, der unangenehme Teil sei der Sitzsack.”

    “Der auch.”

    Faulmann versuchte, sich würdevoll etwas aufzurichten. Der Sitzsack nahm das zur Kenntnis und blieb unbeeindruckt.

    Später, zurück im Wald, sahen sie tatsächlich einen Hasen.

    Er saß am Rand des Weges zwischen Farn und altem Laub. Die Ohren aufgerichtet, die Vorderpfoten dicht an den Körper gezogen. Er sah nicht feige aus. Nur sehr genau informiert über die Welt.

    Faulmann blieb stehen. “Da ist sie wieder”, sagte er leise.

    Liora antwortete nicht sofort.

    Der Hase sah sie an. Dann verschwand er mit einem kleinen Satz im Unterholz, als habe er beschlossen, dass Mitgefühl gut sei, Abstand aber ebenfalls.

    Faulmann sah ihm nach.

    “Ein Angsthase”, sagte er.

    “Vielleicht”, sagte Liora. “Aber einer mit sehr guten Gründen.”

    Sie gingen weiter. Der Wald war nicht stiller als sonst, aber Faulmann hörte ihn anders. Vielleicht lag das an der Hasen-Kannon. Vielleicht am Kaffee. Vielleicht auch nur daran, dass manche Figuren nicht im Museum bleiben, wenn man nach Hause geht.

    Eine stand nun irgendwo in ihm. Mit großen Ohren. Mit kleinen Pfoten. Und mit einem Raum darunter, in den man sich stellen konnte, ohne gleich erklären zu müssen, warum.

    Faulmann und das Fabel-Kastell

    2026-06-07 00:00:00 +0200

    Titelbild

    Faulmann kam am späten Nachmittag von der Radtour zurück.

    Er schob das Rad die letzten Meter bis zum Waldtisch, als hätte es unterwegs mehr gesehen als er selbst und müsse nun mit besonderer Rücksicht behandelt werden. Am Hinterrad klebte etwas Schlamm. An der Trinkflasche klebte etwas, das vielleicht Schlamm war, vielleicht aber auch eine Entscheidung gegen nähere Untersuchung.

    Dachsbert sah auf. “Und wo ging es hin?”

    “Naafbachtal”, sagte Faulmann.

    Dachsbert nickte. “Und?”

    “Schön”, sagte Faulmann.

    Das war bei ihm kein kleines Wort. Es war tatsächlich eine sehr gelungene Tour gewesen. Der Weg, der Bach, die alte Mühle, das ruhige Ineinander von Straße, Hang und Wasser. Auch das Rad hatte sich ordentlich benommen, was Faulmann nicht selbstverständlich fand.

    Aber “schön” war als Beschreibung zu knapp. Es deckte die landschaftliche Ästhetik und die sportliche Zufriedenheit ab, ließ aber zugleich ahnen, dass da noch etwas anderes gewesen war. Etwas, das nicht einfach am Wegesrand geblieben war.

    Dachsbert wusste das und ließ die Stille arbeiten. Sie war dafür besser geeignet als die meisten Nachfragen. Faulmann brühte sich einen Kaffee, setzte sich und wartete, bis auch der erste Schluck etwas gesagt hatte.

    “Bei Kreuznaaf”, sagte er dann langsam, “steht doch dieses große Haus.”

    “Das Schloss, das keins ist”, sagte Liora, die bisher schweigend am Waldtisch gesessen hatte.

    “Genau.”

    “Castell irgendwas”, sagte Dachsbert. “Oder Kastell. Oder Sonneck. Oder Steineck. Oder Geisterhaus. Ein Gebäude mit mehr Namen als gesunden Balken.”

    Faulmann sah auf seine Hände. “Ich kann mich irren”, sagte er. “Aber ich glaube, das Haus war letztes Jahr noch anders kaputt.”

    Für einen Moment wurde es wieder still. Das war im Faulwald nicht ungewöhnlich. Stille kam dort öfter vorbei und setzte sich ungefragt dazu. Meistens benahm sie sich besser als manche Gäste.

    “Anders kaputt?”, fragte Mummrich.

    “Ja”, sagte Faulmann. “Nicht nur verfallener. Offener. Schwarzer. Zerbrochene Scheiben. Als hätte jemand dem Haus eine letzte Ausrede genommen.”

    Dachsbert verzog das Gesicht. “Das klingt nach Feuer.”

    “Das dachte ich auch.”

    “Vielleicht”, sagte Faulmann, “habe ich letztes Jahr auch nicht richtig hingesehen.”

    Liora blickte zu ihm. Das tat sie manchmal, wenn ein Satz nicht sofort weitergeschoben werden sollte.

    “Es gibt Gebäude”, sagte Faulmann, “die man nicht besucht. Man legt sie nur im Vorbeifahren irgendwo in sich ab. Und wenn man sie später wieder sieht, merkt man, dass das Bild dort drin inzwischen nicht mehr stimmt.”

    Mummrich legte seine Zettel beiseite. “Wir sollten das nachsehen.”

    Dachsbert stöhnte. “Natürlich sollten wir das. Ein Haus kann bei euch ja nicht einfach kaputt sein. Es muss sofort in Schichten, Phasen und Bedeutungsreste zerlegt werden.”

    “Du könntest mit den Leuten reden”, sagte Faulmann.

    Dachsbert richtete sich auf. “Mit welchen Leuten?”

    “Mit denen, die sagen: ‘Das weiß hier doch jeder’, und dann drei verschiedene Geschichten erzählen.”

    Dachsbert nickte langsam. “Das sind meine Leute.”

    Mummrich klopfte sich Erde von den Pfoten. “Ich gehe ins Tiefenarchiv.”

    “Wie tief?”, fragte Dachsbert.

    “So tief, bis die Quellen anfangen, sich gegenseitig zu widersprechen.”

    “Also normal tief.”

    Dachsbert stand ebenfalls auf. “Ich könnte auch noch hinfahren”, sagte er. “Mir das mal aus der Nähe ansehen. Man muss ja wissen, worüber man redet.”

    Liora, die bisher geschwiegen hatte, hob den Blick. “Nein”, sagte sie.

    Dachsbert blieb stehen. “Nein?”

    “Nicht hingehen.”

    “Warum nicht?”

    “Weil es vermutlich gefährlich ist. Und weil Ruinen nicht dadurch ehrlicher werden, dass man in sie hineinklettert.”

    “Ich wollte nicht hineinklettern”, sagte Dachsbert.

    Liora sah ihn an. “Du wolltest ‘aus der Nähe ansehen’. Bei Dachsen ist das ein dehnbarer Begriff.”

    Mummrich nickte, als habe er dafür schon Unterlagen gesehen.

    Dachsbert setzte sich wieder halb hin, ohne sich ganz geschlagen zu geben. “Also gar nicht?”

    “Nicht so”, sagte Liora. “Nicht als Besichtigung.”

    “Aus Vorsicht?”

    “Auch.”

    “Und sonst?”

    “Aus Höflichkeit.”

    Dachsbert sah sie an, als hätte Höflichkeit gerade unerlaubt ein technisches Problem geschaffen. “Eine Brandruine braucht Höflichkeit?”

    “Vielleicht gerade die”, sagte Liora. “Ruinen werden leicht besichtigt, als hätten sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt.”

    Sie schwieg einen Moment.

    “Außerdem habe ich von dem Haus früher schon gehört. Nicht hier. Anderswo. Von Leuten, die davon gesprochen haben, als sei es ein Ort, über den man lieber nur nebenbei spricht.”

    Mummrich hob den Kopf. “Aus welcher Quelle?”

    “Keine, die du ordentlich abheften würdest.”

    “Also eine gute”, sagte Dachsbert.

    Liora lächelte schelmisch. “Leute haben von Partys dort oben gesprochen. Rave-Partys, manchmal. Musik im verlassenen Haus, Licht in leeren Fenstern, solche Sachen. Vielleicht war vieles nur Gerede. Vielleicht auch nicht.”

    “Warst du da?”, fragte Dachsbert.

    Liora sah ihn an. “Ich sagte: Leute haben davon gesprochen.”

    “Das ist keine Antwort.”

    “Doch”, sagte Liora. “Nur keine, die dir gehört.”

    Faulmann betrachtete sie kurz und fragte nicht weiter. Mummrich machte eine kleine Notiz.

    “Gerüchte über nächtliche Nutzung”, murmelte er.

    “Schreib nicht nur Gerüchte”, sagte Liora. “Schreib: Sehnsucht nach Orten, an denen niemand fragt, was man dort sucht.”

    Dachsbert verzog den Mund. “Das ist aber lang für eine Aktennotiz.”

    “Für manche Dinge sind Akten zu kurz”, sagte Liora.

    Danach war das Hingehen fürs Erste vom Tisch. Nicht endgültig, natürlich. Bei Dachsbert war kaum etwas endgültig. Aber anders als vorher. Nicht mehr als Ausflug. Nicht mehr als Besichtigung.

    Mummrich ging ins Archiv. Dachsbert machte sich auf den Weg zu den Menschen. Nicht nach Kreuznaaf, jedenfalls nicht sofort. Dachsbert kannte Leute, die Leute kannten, die wieder andere Leute kannten. Das war zwar keine wissenschaftliche Methode, hatte aber den Vorteil, dass sie im Rheinland erstaunlich oft funktionierte.

    “Man darf Leute nicht fragen, was sie wissen”, hatte er einmal erklärt. “Dann werden sie vorsichtig. Man muss einfach etwas Falsches behaupten. Dann erzählen sie, was sie nicht wissen.”

    Liora blieb am Waldtisch. Sie sagte nichts mehr über das Haus. Das war keine Zustimmung und kein Rückzug. Eher eine Art, dem Thema nicht gleich wieder die Hand auf die Schulter zu legen.

    In den nächsten Tagen verschwand das Haus nicht.

    Es stand nicht im Faulwald, natürlich. Es stand bei Kreuznaaf, am Hang, über der alten Mühle und nahe dem Punkt, an dem der Naafbach aus seinem Tal tritt. Aber manche Orte haben die unangenehme Angewohnheit, nachzureisen. Sie kommen nicht mit dem Gepäck. Sie sitzen schon da, wenn man heimkommt.

    Faulmann dachte beim Kaffeekochen daran. Einmal beim Flicken eines Schlauchs. Einmal, als er am Waldtisch saß und sich fragte, ob Schlamm eigentlich eine Meinung habe oder nur eine sehr überzeugende Textur.

    Mummrich ließ sich nicht blicken. Das konnte bedeuten, dass er nichts fand. Es konnte aber auch bedeuten, dass er zu viel fand. Bei Maulwürfen war beides äußerlich schwer zu unterscheiden.

    Dachsbert kam zweimal vorbei, sagte aber jedes Mal nur: “Ich sammle noch.” Beim ersten Mal roch er nach Regen und Bahnhofskiosk. Beim zweiten Mal nach fremdem Kaffee und der leichten Zufriedenheit eines Tieres, dem jemand gerade ungefragt eine sehr unsichere Wahrheit anvertraut hatte.

    Liora sagte wenig. Nur einmal, als Faulmann fragte, ob sie glaube, dass an den Rave-Geschichten etwas dran sei, sah sie kurz auf.

    “Es reicht manchmal”, sagte sie, “dass Leute glauben, ein Ort könne so etwas gewesen sein.”

    “Warum?”

    “Weil sie dann wissen, was sie selbst dort gesucht hätten.”

    Mehr sagte sie nicht.

    Am dritten Abend tauchte Mummrich aus dem Boden auf, was bei ihm nie ganz so dramatisch aussah, wie es klang. Man sah nur kurz seine Brille blitzen, dann war da ein kleiner Hügel, der so tat, als sei er schon immer dort gewesen. Kurz darauf kam Dachsbert den Weg herauf.

    Er setzte sich, ohne zu fragen, ob schon begonnen worden war. Das tat er immer dann, wenn er der Meinung war, dass seine Anwesenheit den Beginn ausreichend definiere.

    “Also”, sagte Faulmann.

    Mummrich roch nach feuchtem Papier, Erde und jener leichten Überlegenheit, die Maulwürfe entwickeln, wenn sie etwas in Archiven gefunden haben. Dachsbert roch nach Gesprächen. Das war kein eindeutig angenehmer Geruch, aber ein informativer.

    “Es ist kompliziert”, sagte Mummrich.

    “Das sagen Archive immer”, sagte Dachsbert. “Damit man sie ernst nimmt.”

    Mummrich ignorierte das.

    “Das Gebäude hieß wohl ursprünglich Kastell Steineck. Oder Castell Steineck. Die Schreibweise ist schon der erste Hinweis, dass Ordnung hier nur als Empfehlung galt.”

    “Sehr sympathisch”, sagte Dachsbert.

    “Es begann wohl in den 1930er Jahren als privates Wohnhaus am Hang. Später wurde daraus eine Lederwaren-Manufaktur. Ab 1943.”

    “Lederwaren”, sagte Faulmann.

    “Ja. Aber nicht Faber-Castell.”

    Dachsbert hob den Kopf. “Moment. Ich habe mindestens zweimal gehört, das sei Faber-Castell gewesen.”

    “Das ist das Problem mit mindestens zweimal”, sagte Mummrich. “Es klingt schnell wie ein Beleg.”

    Er zog einen Zettel hervor. “Die Spur ist verführerisch. Castell. Lederwaren. Etuis. Schreibmappen. Ein Name, der nach Graf, Bleistift und gutem Schreibtisch riecht. Aber die Recherche spricht eher dagegen. Es scheint lokale Mythenbildung zu sein.”

    Dachsbert sah ein wenig beleidigt aus. “Ich habe also Mythen gesammelt.”

    “Das ist auch Arbeit”, sagte Faulmann.

    “Nicht sehr angesehene.”

    “Doch”, sagte Liora. “Man muss nur wissen, dass es Mythen sind.”

    Mummrich nickte.

    “Das Problem”, sagte er, “ist, dass die falsche Geschichte leider die bessere Überschrift hat.”

    Dachsbert lachte. “Das ist bei Geschichten häufig so.”

    “Ja”, sagte Mummrich. “Deshalb sind Archive so müde.”

    Er blätterte weiter. “Nach der Lederwarenphase kamen wohl Ford-Schulungen. Ein Schulungs- und Tagungszentrum, in den fünfziger und sechziger Jahren. Danach, ab 1967, ein Tagungshotel.”

    Dachsbert seufzte. “Seminarorte.”

    “Du kennst welche?”, fragte Faulmann.

    “Ich kenne den Typus”, sagte Dachsbert. “Zu viele Kaffeekannen, zu wenig Fenster, durch die man unauffällig verschwinden kann.”

    “Später”, sagte Mummrich, “von 1989 bis 1992, wurde der Komplex als Übergangsheim genutzt. Für DDR-Übersiedler, Aussiedler und Asylbewerber.”

    Da sagte für einen Moment niemand etwas.

    Liora drehte ein kleines trockenes Blatt zwischen den Pfoten. Es war unklar, wann sie es aufgehoben hatte. Vielleicht vorher. Vielleicht gerade eben. Manche Dinge erscheinen bei Liora einfach, wenn sie gebraucht werden.

    “Übergangsheim”, sagte sie. “Das klingt, als wäre der Ort selbst unwichtig. Als müsste man nur hindurch.”

    Mummrich sah von seinen Notizen auf. “Ja.”

    “Aber Übergänge sind oft die Stellen, an denen ein Leben am wenigsten Kulisse ist.”

    Faulmann sah zum Rand des Tisches.

    “Für manche war das kein Geisterhaus”, sagte Liora. “Sondern ein Zimmer. Einer dieser Orte, an denen das Gestern noch nicht vorbei ist und das Morgen noch keinen Namen hat.”

    Dachsbert schob seine Teetasse ein Stück von sich weg. “Das macht die Geschichte komplizierter.”

    “Nein”, sagte Liora. “Nur weniger bequem.”

    Mummrich nickte, und diesmal schrieb er nichts auf. Das war bei ihm eine Form von Respekt.

    “Und dann?”, fragte Faulmann.

    “Dann Leerstand”, sagte Mummrich. “Und Pläne. Viele Pläne.”

    Dachsbert rieb sich die Stirn. “Pläne sind für alte Gebäude fast so gefährlich wie Regen.”

    “1996”, sagte Mummrich, “kaufte ein Dachdecker das Anwesen bei einer Zwangsversteigerung.”

    “Ein Dachdecker ist für ein Haus doch erst einmal eine gute Nachricht”, sagte Dachsbert.

    “Nur teilweise. Er sanierte Dächer und veränderte das Erscheinungsbild. Diese schloss- oder burgähnlichen Anteile, die heute so ins Auge fallen - Türmchen, Schmuck, Sonnenzeichen, das ganze Castell-Sonneck-Gewand - stammen offenbar wesentlich aus dieser nachträglichen Umgestaltung.”

    Faulmann sah auf. “Also war das Schloss gar nicht immer das Schloss?”

    “Nein”, sagte Mummrich. “Das Haus wurde nachträglich in Richtung Schloss erzählt.”

    Dachsbert lehnte sich zurück. “Das ist schon bemerkenswert”, sagte er. “Er kam wegen des Dachs und brachte Türmchen mit.”

    “Ein Gebäude”, sagte Faulmann, “das sich verkleidet hat?”

    “Oder verkleidet wurde”, sagte Liora.

    “Das ist schlimmer”, sagte Dachsbert. “Ich kann mich selbst wenigstens günstig schlecht ankleiden. Wenn andere das tun, wird es meistens teuer.”

    Es sah nicht aus wie ein Schloss. Eher wie ein Gebäude, dem jemand später eingeredet hatte, es könne eines werden. Das Burgartige war nicht Ursprung, sondern Nachrede aus Dach, Schmuck und Hoffnung.

    Mummrich schob den Zettel weiter. “Nach dem Dachdecker kamen weitere Eigentümerwechsel, Sanierungsversuche, Investorenprojekte, Luxuswohnungspläne. Sechzehn Wohnungen. Castello Kreuznaaf. Contemporary Country and Automotive Living.”

    Dachsbert schloss kurz die Augen. “Das hat wirklich jemand gesagt?”

    “Offenbar.”

    “Freiwillig?”

    “Vermutlich sogar beruflich.”

    Dachsbert nahm seine Teetasse. “Ich finde, man sollte manche Gebäude schon aus sprachlichen Gründen nicht umbauen dürfen.”

    Faulmann lächelte.

    “Automotive Living”, sagte er. “Vielleicht Wohnen mit Parkplatzgefühlen.”

    “Das erklärt einiges”, sagte Dachsbert. “Aber nicht genug.”

    Liora sah in die Mitte des Tisches. “Und dann kam das Feuer.”

    Mummrich schob einen anderen Zettel nach vorn.

    “Am 3. September 2025. Großbrand. Mehrere Brandherde, soweit berichtet wurde. Die Feuerwehr war mit vielen Kräften vor Ort. Es gab Nachlöscharbeiten. Verdacht auf Brandstiftung.”

    Faulmann nickte langsam. “Das erklärt, warum es anders aussah.”

    “Nicht ganz”, sagte Liora.

    Alle sahen sie an.

    “Es erklärt, was passiert ist. Nicht, warum es anders wirkte.”

    Dachsbert stellte die Tasse wieder ab. “Das ist jetzt wieder sehr Füchsin.”

    “Vielleicht”, sagte Liora. “Aber vorher war es ein verfallenes Haus, in das Geschichten hineingerieten. Nach dem Feuer sieht man, dass auch Geschichten brennen können. Oder wenigstens die Orte, an denen sie sich verstecken.”

    Mummrich notierte nichts. Schon wieder.

    “Die Feuerwehr hatte dort übrigens schon 2024 geübt”, sagte er nach einer Weile. “Ein Szenario mit illegalem Rave, Brand, Verletzten, schwieriger Rettung am Hang.”

    Liora sah auf. “Rave?”

    “Ja.”

    “Das passt”, sagte sie leise.

    “Zu deinem Gerede?”

    “Zu dem, was Leute aus leeren Häusern machen, wenn sie sonst keinen Ort finden.”

    “Musik?”, fragte Dachsbert.

    “Auch.”

    “Und?”

    Liora zuckte kaum merklich mit den Schultern. “Unzuständigkeit. Ein paar Stunden lang.”

    Faulmann ließ den Satz liegen. Das war meistens besser.

    “Eine Übung”, sagte er nach einer Weile.

    “Ja”, sagte Mummrich.

    “Und ein Jahr später brannte es.”

    “Nicht ganz ein Jahr später. Im September 2025.”

    “Das macht es nicht besser.”

    “Nein.”

    Liora sah auf das Blatt zwischen ihren Pfoten.

    “Manchmal probt ein Ort seine Zukunft”, sagte sie. “Und alle hoffen, es bleibt bei der Probe.”

    Der Waldtisch wurde stiller.

    Die alte Mühle unten bei Kreuznaaf war einfacher zu verstehen. Wasser, Rad, Welle, Stein, Brot. Später Turbine. Dann Stillstand. Auch das war traurig genug, aber wenigstens geradlinig.

    Das Haus am Hang war weniger freundlich zur Erzählung. Es war kein Schloss, aber es sah irgendwann so aus. Es war keine Faber-Castell-Geschichte, aber klang fast so. Es war ein Wohnhaus, eine Manufaktur, eine Schulungsstätte, ein Hotel, ein Übergangsheim, ein Spekulationsobjekt, ein Geisterhaus, ein Gerücht und schließlich eine Brandruine.

    Die Mühle unten war aus der Kraft des Wassers entstanden. Das Haus oben aus der Kraft wechselnder Absichten.

    “Lost Place”, sagte Liora. “Das klingt immer, als sei nur der Ort verloren gegangen.”

    Dachsbert sah sie an. “Und?”

    “Vielleicht gehen dort auch andere Dinge verloren. Zuständigkeit. Erinnerung. Vorsicht. Manchmal Respekt.”

    “Das ist wieder sehr lang für ein Ortsschild”, sagte Dachsbert.

    “Darum steht es auch auf keinem”, sagte Liora.

    “Fabel-Kastell”, sagte Dachsbert plötzlich.

    Faulmann sah ihn an. “Was?”

    “So müsste man es nennen. Nicht Faber-Castell. Fabel-Kastell. Weil jeder etwas hineinlegt und dann behauptet, es sei schon vorher drin gewesen.”

    Mummrich zog die Stirn kraus. “Das ist etymologisch unzulässig.”

    “Dann passt es ja”, sagte Liora.

    Dachsbert zeigte erfreut auf sie. “Genau.”

    Mummrich sah zwischen beiden hin und her. “Ich möchte festhalten, dass ich dagegen bin.”

    “Festhalten darfst du”, sagte Dachsbert. “Verhindern nicht.”

    “Fabeln sind nicht immer falsch”, sagte Liora. “Sie sagen nur selten genau das, was passiert ist.”

    “Sehr gut”, sagte Dachsbert. “Dann kann ich ja doch recht gehabt haben.”

    “Nein”, sagte Mummrich.

    “Schade.”

    Faulmann sah zum Weg, der aus dem Wald hinausführte, ohne deshalb schon irgendwo Bestimmtes anzukommen. Er dachte an die Stelle bei Kreuznaaf. An den Beginn des Naafbachtals. An den Bach unten. An den Hang. An das Haus, das ihm früher nur nebenbei bewusst gewesen war.

    Man kann lange an etwas vorbeikommen und es nicht sehen. Dann fehlt plötzlich ein Dach, eine Wand ist schwarz, ein Fenster blickt anders zurück, und der Ort tritt aus dem Hintergrund. Vielleicht ist Erinnerung manchmal nur das nachträgliche Erschrecken darüber, dass etwas schon die ganze Zeit da war.

    “Man müsste noch einmal hin”, sagte Mummrich.

    “Nicht hinein”, sagte Liora.

    “Nein”, sagte Faulmann. “Nicht hinein.”

    Dachsbert nickte. “Von außen reicht. Innen ist bei solchen Häusern meistens sowieso zu viel Innen.”

    Der Abend wurde kühler. Am Waldtisch blieben die Zettel liegen, die Gerüchte, das trockene Blatt und ein wenig Schlamm von Faulmanns Radschuhen.

    Faulmann und der Weg, der einmal Schiene war

    2026-06-03 00:00:00 +0200

    Bis Lindlar hatte Captain Faulmann an diesem Tag bereits einige Höhenmeter hinter sich. Das Bergische Land hatte dabei erneut bewiesen, dass es Entfernungsangaben eher als Vorschlag denn als Versprechen versteht. Hinter jeder Kuppe wartete noch eine weitere Kuppe, die offenbar nicht informiert worden war, dass ihre Vorgängerin bereits als letzte angekündigt worden war.

    Ganz unbekannt war ihm die Gegend nicht. Faulmann war schon früher hier entlanggefahren. Er wusste, dass der Radweg auf der alten Trasse der Sülztalbahn lag. Man kann so etwas wissen, ohne es jedes Mal zu spüren. Wissen ist gelegentlich ein ziemlich trockenes Möbelstück. Es steht herum, bis man sich wieder daran stößt.

    In Lindlar gönnte er sich zunächst eine Pause. Es gab Streuselkuchen mit Sahneeis und dazu einen doppelten Espresso. Über die ernährungswissenschaftlichen Zusammenhänge dieser Kombination wurde an diesem Tag bewusst nicht nachgedacht. Manche Entscheidungen möchte man genießen, bevor man sie versteht.

    Gestärkt trat Faulmann wieder in die Pedale, bis ihm eine Informationstafel zur Sülztalbahn auffiel. Ein paar Fotos, ein paar Jahreszahlen, Streckenabschnitte und Stilllegungen. Nichts besonders Dramatisches. Und doch rückte die alte Strecke dadurch wieder näher. Nicht als neue Entdeckung, eher als Erinnerung daran, dass dieser Weg mehr zu berichten hatte, als er auf den ersten Blick zeigte.

    Faulmann setzte sich wieder aufs Rad. Dann begann der Weg zu fallen. Nicht steil, nicht so, dass man stark bremsen musste, eher so, dass das Rad plötzlich verstand, was zu tun war. Faulmann trat kaum noch. Er ließ rollen.

    Das Bergische Land, das sich bis Lindlar noch als gewissenhafter Verwalter unnötiger Höhenmeter gezeigt hatte, wurde auf einmal erstaunlich entgegenkommend. Das machte ihn nachdenklich. Denn im Bergischen bekommt man Gefälle selten geschenkt. Meistens wird es irgendwo später in Rechnung gestellt, gerne hinter einer Kurve, die vorher harmlos aussah.

    Aber hier blieb der Weg ruhig. Weite Bögen, gleichmäßige Neigung, breite Trasse, Dämme, Einschnitte, Brücken. Alles wirkte zu vernünftig für einen gewöhnlichen Radweg. Und genau darin lag die Erinnerung. Natürlich war dieser Weg nicht ursprünglich für Radfahrer gebaut worden. Er war gebaut worden für Züge, für Menschen, für Waren, für Stein, Holz, Milch und jene alltäglichen Bewegungen, aus denen eine Gegend besteht, bevor sie Ausflugsziel wird.

    Faulmann wusste allerdings auch, dass die Sülztalbahn vielleicht weniger eine Bahnstrecke gewesen war als eine Pechstrecke mit Gleisanschluss. Nicht im großen dramatischen Sinn. Eher im bergischen Sinn. Also gründlich.

    Fast rechtzeitig gebaut: Schon in den 1870er Jahren hatte man vom Bahnanschluss geträumt. Dann kam der Deutsch-Französische Krieg, Kautionen verfielen, Pläne blieben liegen, und das Tal wartete weiter. Warten ist hier keine Ausnahme. Es wirkt hier manchmal wie eine regionale Verwaltungstechnik.

    Erst Jahrzehnte später kam die Bahn Schritt für Schritt näher. Bergisch Gladbach, Bensberg, Hoffnungsthal, Immekeppel und schließlich, 1912, Lindlar. Das war für eine Eisenbahn, die Zukunft sein wollte, schon ein nachdenkliches Datum.

    Fast sinnvoll vernetzt: Eigentlich hätte sie weiterfahren sollen. Richtung Wipperfürth, hinein in ein größeres Netz. Auf Karten sieht so etwas immer vernünftig aus. Karten haben den Vorteil, dass sie keine Kriege kennen, keine Kassen, keine Zuständigkeiten und keine Leute, die sagen: “Dafür ist jetzt leider kein Geld mehr da.”1

    Dann kam der Erste Weltkrieg. Und manche Lücken bleiben, wenn sie einmal nicht geschlossen werden, erstaunlich lange offen. So wurde Lindlar endgültig Endpunkt.

    Auch im Kleinen war diese Bahn nicht frei von eigentümlichen Entscheidungen. Der Bahnhof Immekeppel wurde nicht dort angelegt, wo er für den Ort am praktischsten gewesen wäre, sondern gegenüber der Immekeppeler Hütte. Nicht etwa, weil Züge eine besondere Vorliebe für Hütten hätten. Sondern weil man verhindern wollte, dass die einheimischen Arbeiter allzu bequem nach Köln-Kalk oder Köln-Mülheim pendelten.

    Faulmann blieb an diesem Gedanken hängen.

    Eine Bahn, die gebaut wurde, damit Dinge in Bewegung geraten.

    Und dann ein Bahnhof, der so liegen sollte, dass bestimmte Menschen nicht zu leicht in Bewegung gerieten.

    Man wollte Anschluss, aber nicht Abwanderung. Fortschritt, aber bitte mit Haken. Mobilität, aber nur in der Richtung, die der örtlichen Ordnung nützte.

    Es war eine jener Ideen, die erst absurd wirken und dann leider ziemlich logisch werden.

    Die Bahn sollte Waren transportieren, Rohstoffe, Milch, vielleicht auch Sonntagsausflügler mit ordentlicher Rückfahrkarte. Aber Arbeiter, die morgens in Richtung Köln fuhren und abends mit Ideen im Kopf zurückkamen - das war offenbar eine weniger erwünschte Form von Verkehr.

    Faulmann fand das bemerkenswert. Man baute eine Verbindung und versuchte zugleich, ihre verbindende Wirkung zu dosieren. Es war ungefähr so, als würde man eine Tür einbauen, sie feierlich einweihen und den Schlüssel vorsichtshalber beim Hausmeister lassen. Der war dann aber leider meistens gerade nicht da. Hausmeister sind in solchen Momenten selten da.

    Vielleicht lag darin schon ein Teil des Pechs dieser Strecke. Sie sollte öffnen, aber nicht zu weit. Sie sollte verbinden, aber nicht zu frei. Sie sollte Zukunft bringen, aber möglichst ohne die Unruhe, die Zukunft gelegentlich mitbringt.

    Eine Bahn als Fortschritt, aber bitte nicht so fortschrittlich, dass die Leute damit wegfahren.

    Fast wirtschaftlich tragfähig: Ganz einfach war die alte Bahn nie gewesen. Zwischen Linde und Lindlar hatte sie sich mit dem Gelände schwergetan. Dort war die Steigung so ernst gemeint, dass Güterzüge manchmal eine zweite Lok brauchten, die von hinten schob. Eine Schiebelokomotive.

    Faulmann mochte dieses Wort. Es klang nach diskreter Hilfe, nach jemandem, der nicht vorne steht, aber trotzdem dafür sorgt, dass etwas den Berg hinaufkommt. Vielleicht hätte man für manche Tage im Leben ebenfalls eine Schiebelokomotive beantragen sollen. Vermutlich wäre das Formular allerdings länger gewesen als der Anstieg.

    Die Sülztalbahn war also nie nur romantisch. Sie war Arbeit, Kohle, Rauch, Fahrpläne, Ladungen, Verspätungen, Unterbau, Wartung. Eine Bahnstrecke ist schließlich keine Sehnsucht mit Schienen. Sie ist auch Kiesbett, Personal, Kostenstelle und gelegentlich eine ziemlich schlechte Steigung.

    Trotzdem muss sie für das Tal etwas bedeutet haben. Menschen konnten hinaus. Waren konnten hinein. Steine, Holz, Milch, Dinge des täglichen Lebens. Die Bahn war eine Verbindung, bevor sie ein Erinnerungsort wurde.

    Je länger Faulmann der alten Trasse folgte, desto häufiger wurden die Spuren wieder lesbar. Ein Gebäude, das irgendwie noch Bahnhof spielte. Eine Brücke, die für ihren heutigen Zweck zu groß wirkte. Ein Geländeeinschnitt, der sich nicht recht erklären ließ. Ein Damm, der zu gerade durch die Landschaft lief, um zufällig zu sein.

    Nichts davon drängte sich auf. Die Landschaft hatte die Bahn nicht vergessen. Sie hatte sie lediglich eingewachsen. Das war vielleicht die höflichste Form, etwas verschwinden zu lassen.

    An manchen Stellen war die alte Strecke noch deutlich zu lesen. An anderen hatte die Gegenwart, so erinnerte Faulmann, gründlich aufgeräumt. In Untereschbach war das Bahnhofsgebäude verschwunden. Bei Lehmbach blieben nur Widerlager zurück, als hätte eine Brücke irgendwann beschlossen, den mittleren Teil ihres Gedankens nicht mehr auszuführen. Bei Bilstein stand noch ein Brückenbogen am Hang, funktionslos und doch erstaunlich aufrecht. In Hommerich war der Bahndamm abgetragen worden, damit ein Milchwerk wachsen konnte.

    Anderswo wurden Gleisfelder zu Lagerplätzen, Bahnhöfe zu Wohnhäusern, Trassen zu Grundstücksgrenzen. So verschwindet Infrastruktur selten auf einmal. Sie wird umgenutzt, zugeschüttet, eingehegt, übersehen. Und eines Tages fragt jemand auf einem Fahrrad, warum der Weg hier eigentlich so vernünftig verläuft.

    In den 1960er Jahren war Schluss gewesen. Erst verschwand der Personenverkehr, dann der Güterverkehr. Danach begannen jene Jahre, in denen Bahnstrecken nicht einfach stillgelegt, sondern nach und nach aus der Wirklichkeit herausgenommen wurden. Schienen wurden abgebaut, Gebäude verloren ihre Aufgabe, Brücken standen plötzlich herum, als seien sie zu früh zu einem Treffen erschienen, das sowieso abgesagt worden war.

    Fast gerettet: In Linde hatte man später noch einmal von Eisenbahngeschichte geträumt. Ein Museum, eine Museumsbahn, ein paar hundert Meter Gleis, eine Dampflok als Erinnerung daran, dass es einmal anders klang. Aber auch diese Pläne blieben stecken. Zu teuer, zu kompliziert, zu viele Genehmigungen. Die Vergangenheit ist manchmal nicht weniger bürokratisch als die Gegenwart.

    Und doch steht dort noch immer eine alte Lokomotive. Eine Baureihe 50, halb Ausstellungsstück, halb Waldbewohnerin. Sie steht nicht majestätisch in einer großen Bahnhofshalle, sondern eher so, als habe jemand ein Stück Eisenbahngeschichte im Grünen abgestellt und dann vergessen, die Fortsetzung dazuzulegen.

    Faulmann mochte das sofort.

    Eine Dampflok im Wald ist kein Denkmal im üblichen Sinn. Dafür fehlt ihr der erhobene Zeigefinger. Sie wirkt eher wie ein sehr schwerer Gedanke, der nicht mehr weiterfahren kann, aber auch nicht verschwinden möchte.

    Daneben ein paar Gleisreste, ein Radsatz, Spuren einer Museumsbahn, die es fast gegeben hätte. Wieder dieses Wort: fast. Fast gerettet. Fast wiederbelebt. Fast noch einmal zum Klingen gebracht.

    Aber eben nur fast.

    Faulmann mochte auch das. Diese Unordnung zwischen Erinnerung und Nutzung. Sie war ehrlicher als ein Denkmal. Ein Denkmal sagt: “Schau her, ich bin Geschichte.” Ein alter Bahndamm sagt gar nichts. Er liegt nur da und lässt einen leichter treten.

    Die eigentümliche Wendung war: Die Ingenieure hatten die Strecke gebaut, um schneller durch das Tal zu kommen. Heute schätzten die Menschen denselben Verlauf, weil er ihnen erlaubte, langsam hindurchzufahren. Die Geschwindigkeit war verschwunden. Die Linie war geblieben.

    Schließlich erreichte Faulmann Hommerich. Dort lag das ehemalige Tuffi-Milchwerk.

    Milchwerke gehörten zu den Orten, über die man selten nachdenkt, solange sie funktionieren. Milch erscheint morgens im Kühlschrank ungefähr so selbstverständlich wie eine Regenrinne am Dach. Man bemerkt beides meist erst, wenn etwas fehlt. Man weiß, dass sie irgendwo herkommen muss. Aber das Woher ist eine Frage für Erwachsene, Logistiker oder Kühe.

    Tuffi jedenfalls war für Faulmann eine dieser Marken, die einmal ganz unauffällig zum Ankommen in Köln gehörten.2 Als er 2018 in die Stadt kam, gehörte Tuffi zu den ersten lokalen Marken, die er bewusst kaufte. Nicht aus großer Heimatkunde, sondern aus einem sehr einfachen Grund: Es gab Tuffi-Buttermilch im 1-Liter-Pack.

    Das war praktisch, gut, irgendwie bodenständig - und es fühlte sich an wie ein kleines Alltagsbekenntnis zur neuen Stadt. Heute scheint gerade dieses Produkt verschwunden zu sein. Die Marke ist noch da, aber sie ist leiser geworden.

    Vielleicht passte das zu den Spuren entlang der alten Sülztalbahn. Man sieht sie noch, wenn man weiß, worauf man achten muss. Aber sie treten nicht mehr von selbst hervor.

    Fast ein durchgehend gelungener Bahnradweg: Vor dem ehemaligen Milchwerk endete für Faulmann an diesem Tag nicht nur ein Stück alter Bahn, sondern auch der überzeugende Teil ihrer Nachgeschichte. Bis hierher hatte der Radweg getan, was man sich von einer ehemaligen Trasse erhofft: Er rollte, bog sich vernünftig durch die Landschaft und ließ einen glauben, die Gegenwart habe ausnahmsweise verstanden, was die Vergangenheit ihr überlassen hatte.

    Hinter Hommerich wurde auch diese Erzählung brüchiger. Beim Golfplatz verlor die alte Trasse ihre Selbstverständlichkeit. Was in Prospekten gern als durchgehender Bahnradweg auftritt, wurde in der Wirklichkeit stellenweise zu einer Folge aus Feinsplitt, feuchtem Untergrund, Ausweichstrecken und jenen kleinen Entscheidungen, bei denen man auf dem Rad kurz anhält und denkt: “Das ist jetzt also der offizielle Weg.”

    Über den weiteren Verlauf wurden, wie es sich für eine Pechstrecke gehört, nicht nur freundliche Dinge berichtet. Von schlammigen Passagen war die Rede, von schmalen Reifen, die dort wenig Freude entwickelten, von fehlenden Querungen, von Umwegen über Wiesenpfade und Straßen, von gesperrten alten Bauwerken, die noch da waren, aber nicht mehr betreten werden wollten. Auch Brücken können offenbar in einen Zustand geraten, in dem sie hauptsächlich Erinnerung sind.

    Faulmann fand das nicht überraschend. Eine Strecke, die schon als Bahn zu spät kam, zu steil war, zu schlecht vernetzt blieb, ihre Verlängerung verpasste, ihre Museumsbahn nicht bekam und ihre Bauwerke nach und nach verlor, würde nicht plötzlich nur deshalb vollkommen gelingen, weil man Fahrräder darauf schickte.

    Das wäre auch etwas viel verlangt gewesen.

    Faulmann sah auf den Weg, dann Richtung Bärbroich. Das war natürlich bergauf. Es war sogar ziemlich deutlich bergauf. Aber immerhin war es ehrlich.

    Die alte Bahn hatte an diesem Tag genug gezeigt: wie man Zukunft plant, wie man sie verpasst, wie man sie abträgt und später als Freizeitweg neu beschildert. Faulmann fand, dass man einer Strecke nicht alles zumuten sollte. Nicht einmal das vollständige Gelingen.

    Also verließ er nach dem Golfplatz den Bahnweg und bog Richtung Bärbroich ab. Das Bergische Land nahm diese Entscheidung ohne sichtbare Überraschung zur Kenntnis und stellte ihm unverzüglich einen Anstieg zur Verfügung.

    Der Heimweg wartete noch. Vor allem wartete Bärbroich. Das Bergische Land besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, selbst nach einer langen Abfahrt noch einen Anstieg für einen übrig zu haben.

    Faulmann stieg wieder aufs Rad. Hinter ihm lagen eine verschwundene Bahnstrecke, ein ehemaliges Milchwerk und eine Pechstrecke, die selbst als Radweg nicht ganz aus ihrer Geschichte herauskam. Vor ihm lag ein Berg.

    Es erschien ihm angemessen, mit dem Gegenwärtigen zu beginnen.

    1. Fehlende Netzschlüsse sind keine bergische Spezialität, auch wenn das Bergische sie mit einer gewissen landschaftlichen Überzeugungskraft vorträgt. Verkehrsgeschichte ist voll von Linien, die auf Karten sauber ineinandergriffen und in der Wirklichkeit an Geld, Grenzen, Kriegen, Bergen, Zuständigkeiten oder schlicht nachlassender Begeisterung scheiterten. Kanäle, Bahnstrecken, Autobahnen, Brücken, Tunnel - überall gibt es diese weißen Stellen zwischen zwei vernünftigen Enden. Manchmal nennt man sie “missing links”. Das klingt technischer, als es ist. Eigentlich sind es angefangene Sätze aus Beton, Stahl und Planungspapier. Denkt man den Gedanken einen Schritt weiter, gilt das nicht nur für Verkehrswege. Auch anderes endet gelegentlich als Sackgasse, cul-de-sac oder Holzweg. Letzterer hat bei Heidegger immerhin den Vorteil, dass er nicht bloß falsch ist, sondern im Wald verschwindet und dort noch etwas vom Ursprung ahnen lässt. Für Verkehrsplanung bleibt das ein, sagen wir, gemischtes Qualitätsmerkmal. 

    2. Der Name Tuffi führt, wie es sich für diese Gegend gehört, nicht einfach zu Milch, sondern zunächst nach Wuppertal, zur Schwebebahn und zu einer Elefantenkuh. Tuffi war jener junge Zirkuselefant, der 1950 während einer Werbeaktion aus der fahrenden Schwebebahn in die Wupper sprang und den Sturz erstaunlich glimpflich überstand. Später wurde aus dem Namen ein Markenzeichen der Wuppertaler Milchverarbeitung. Das Wort “Elefantenkuh” bleibt dabei eine kleine sprachliche Zumutung. Sachlich ist es korrekt: Eine Kuh ist auch bei Elefanten das weibliche Tier. Im Zusammenhang mit Milchprodukten klingt es trotzdem, als habe die Sprache kurz unbeaufsichtigt im Kühlregal gestanden.