Es war einer dieser Tage am Waldtisch, an denen das neue Gerät mal wieder im Mittelpunkt stand.

Mummrich hatte es zwischen zwei Wurzeln abgestellt, leicht schief, als hätte es selbst kein rechtes Verhältnis zum Boden.

“Ich hab gelesen Sie finden jetzt Fehler”, sagte er und tippte gegen das Gehäuse.
“In Software, die seit Jahren läuft.”

Faulmann nickte.

“So wie du früher Dr. Mummrich”, murmelte er. “Nur ohne Prüfplan.”

Eine Weile sagte keiner etwas.
Im Hintergrund knackte Holz. Oder vielleicht war es nur die Leitung.

“Es hat schon etwas”, sagte Mummrich schließlich, “dass ausgerechnet Systeme, deren Verhalten man nicht vollständig vorhersagen kann, dabei helfen, andere Systeme berechenbarer zu machen.”

Faulmann sah auf das Gerät, dann wieder in den Wald.

“Fast so, als würde man jemanden fragen, der nicht sehr ordentlich ist, ob er einem beim Aufräumen hilft.”

“Und?”

“Manchmal sieht er Dinge, die man selbst schon lange übersieht.”

Mummrich schob die Lampe ein wenig näher heran.

“Im Grunde ist es wie ein Code Audit ohne Kontext”, sagte er. “Kein Regelwerk, kein vollständiges Modell - aber eine Art Gespür für semantische Bruchstellen.”

Faulmann zuckte leicht mit den Schultern.

“Vielleicht ist genau das der Punkt. Klassische Software scheitert oft an den Stellen, an denen jemand oder sogar viele zu sicher waren.”

Ein kurzer Wind ging durch die Blätter.

“Und die Kiste”, sagte Mummrich langsam, “ist sich nie ganz sicher, was sie annehmen soll.”

Faulmann lächelte kaum sichtbar.

“Es produziert Wahrscheinlichkeiten”, sagte er. “Und findet dabei Stellen, an denen jemand früher so getan hat, als gäbe es keine.”

Wieder Stille.

Irgendwo im Gerät lief ein Prozess weiter.
Oder mehrere. Man konnte es nicht genau sagen.

“Eigentlich interessant”, sagte Mummrich schließlich.
“Niemand hat je behauptet, dass es deterministisch ist.”

Faulmann nickte.

“Nein”, sagte er. “Das hat nie jemand zugesichert.”

Ein leises Rascheln ging durch die Blätter.

“Und trotzdem behandeln wir es oft so, als hätte es genau diesen Vertrag unterschrieben.”

Mummrich schob ein paar Krümel beiseite, die nicht wirklich da waren.

“Vielleicht, weil wir es gewohnt sind”, sagte er.
“Bei klassischer Software ist das ja anders. Da ist Determinismus keine merkwürdige Annahme, sondern eine stillschweigende Erwartung - fast schon eine Abmachung.”

Faulmann lehnte sich ein wenig zurück.

“Wie bei einer Brücke”, murmelte er.
“Man geht nicht jeden Tag hin und prüft neu, ob sie trägt.”

“Und wenn sie es einmal nicht tut, ist es ein Fehler.”

Faulmann sah kurz zu dem Gerät.

“Hier ist es umgekehrt”, sagte er.
“Es gibt keinen solchen Vertrag. Kein Versprechen auf Gleichheit. Und doch entsteht Irritation, weil wir es trotzdem erwarten.”

Ein leises Klicken aus dem Inneren des Geräts.
Oder Einbildung.

“Und dann wird es zum Vorwurf”, sagte Mummrich.
“Nicht deterministisch.”

Faulmann strich mit der Pfote über den Tisch, als würde er eine unsichtbare Linie nachziehen.

“Was ja stimmt”, sagte er. “Nur ist es eben kein gebrochener Vertrag.”

Eine Pause.

“Vielleicht eher ein falsch gelesener.”

Der Wind ging einmal durch die Zweige und ließ etwas fallen, das man nicht mehr genau zuordnen konnte.

“Und gleichzeitig”, sagte Mummrich langsam, “finden sie Dinge, die lange übersehen wurden.”

Faulmann sah kurz auf.

“Nicht, weil sie es besser wissen”, sagte er.
“Sondern weil sie viel schauen. Und schnell. Und vielleicht auch Dinge, die sonst niemand prüft.”

Mummrich nickte kaum merklich.

“Und weil sie keine starken Annahmen mitbringen, die früh alles in eine Richtung zwingen.”

Faulmann zog eine kleine Linie in den Staub, die gleich wieder verschwand.

“Sie prüfen nicht tiefer”, murmelte er.
“Sie prüfen breiter, wilder.”

Eine Pause.

“Und stolpern dabei über Dinge, an denen andere immer vorbeigelaufen sind.”

Das Gerät summte leise.

“Vielleicht ist auch der Gegensatz gar nicht so sauber”, sagte Mummrich nach einer Weile.
“Deterministische Software…”

Er ließ den Satz kurz hängen.

“…ist das ja oft nur auf dem Papier.”

Faulmann nickte.

“Undefined behavior”, sagte er.
“Timing. Nebenläufigkeit. Dinge, die niemand ganz zu Ende spezifiziert hat.”1

Ein leiser Wind ging durch die Äste.

“Determinismus ist oft eine Hoffnung mit guter Dokumentation.”

Mummrich schob die Lampe ein Stück tiefer.

“Vielleicht finden sie die Fehler nicht, weil sie weniger deterministisch sind”, sagte er.
“Sondern weil sie nicht so tun, als wäre alles vollständig verstanden.”

Faulmann sah noch einmal auf das Gerät, dann in den Wald.

“Das eine hält sich an den Plan.”

Eine kleine Pause.

“Das andere hat keinen. Oder hält sich nicht daran.”

Dann ließ er den Satz liegen.


  1. Ein Zustand, in dem ein System formal korrekt läuft und sich dennoch nicht ganz an die eigenen Erwartungen hält.