Faulmann und die Kugeln, die schon alles wussten
Ein zweiter Anlauf, ein Hefeteilchen und der leise Verkauf des Selbst
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Der erste Versuch war gescheitert. Zu viel Betrieb, zu wenig Blick. Also ein zweiter Anlauf. Diesmal mit etwas Puffer im System. Ein Kaffee im “Kopenhagen”, ein Hefeteilchen mit Topping, das mehr versprach als es halten musste. Man sitzt dort, schaut kurz auf die eigenen Hände, auf andere Tische, auf diese kleinen, unaufgeregten Szenen, die sich nicht anbieten, sondern einfach da sind. Vielleicht ist das schon eine Art Vorbereitung. Nicht auf die Kunst. Eher auf das, was sie einem später zurückgibt.
Dann hinein. Und gleich am Anfang liegen sie da.
Die Kugeln, die nichts erklären
Ganz schlicht. Keine große Inszenierung. Keine dramatische Geste. Kugeln auf dem Boden. Man könnte fast darüber hinwegsehen, wenn sie nicht sofort anfangen würden, zurückzuschauen.
Und gleichzeitig haben sie etwas Merkwürdiges. Man möchte sie fast ein kleines bisschen anstoßen. So wie einen Luftballon. Nur ganz leicht. Einfach, um zu sehen, was passiert. Man macht es natürlich nicht.
Es ist die Arbeit von Yayoi Kusama, aber sie tritt nicht als Werk auf. Eher als Zustand. Etwas, das passiert, sobald man in ihre Nähe kommt.
Man tritt einen Schritt heran und ist schon drin. Nicht metaphorisch. Ganz praktisch. Das eigene Bild taucht auf. Klein, rund, leicht verschoben. Nicht besonders schmeichelhaft, aber auch nicht aggressiv. Eher gleichgültig. Und gerade das macht es präzise.
Diese Kugeln tun nicht viel. Und gerade dadurch treffen sie ziemlich genau. Sie zeigen einen, ohne sich Mühe zu geben. Keine Perspektive, die man wählen kann. Kein Licht, das man optimiert. Keine Version, die man später noch einmal überprüft. Man ist einfach da.
Und dann sieht man sich. Und sieht sich noch einmal.
Es ist fast irritierend, wie wenig man hinzufügen muss, um darin die Gegenwart zu erkennen. Oder vielleicht auch nicht erkennen – eher wiederfinden.
Kusama hat das nicht illustriert. Sie hat es 1966 einfach hingestellt 1. Und es funktioniert.
1500 kleine Wiederholungen
Man sieht sich nicht nur einmal. Sondern mehrfach. Gleichzeitig. In leicht unterschiedlichen Varianten. Mal weiter hinten, mal am Rand, mal halb verschwunden. Das eigene Bild verliert ziemlich schnell die Eigenschaft, etwas Besonderes zu sein. Es wird ein Element unter vielen.
Und irgendwie kommt einem das bekannt vor. Nicht, weil man es schon einmal genau so gesehen hätte. Sondern eher als Gefühl. Diese Wiederholung, dieses leichte Verschieben, dieses Aufgehen in einer Fläche – das hat etwas, das man aus anderen Zusammenhängen kennt, ohne es genau festmachen zu können.
Man steht davor und denkt kurz, dass das eigentlich schon reicht.
Viele bleiben stehen. Viele schauen. Einige heben sofort das Telefon - fast wie eine zweite Reflexbewegung.
Man darf die Kunstwerke nicht berühren. Das scheint hier nicht in beide Richtungen zu gelten.
Narzissmus ohne Pose
Der klassische Narziss steht allein an einer Quelle 2. Hier sind es viele Kugeln. Und plötzlich ist das kein individueller Zustand mehr, sondern etwas, das sich verteilt. Jeder sieht sich. Und gleichzeitig ist man nicht allein damit.
Das Ganze kippt leicht. Das eigene Bild ist da, aber es gehört einem nicht mehr ganz 3.
Der Narzissmus hier wirkt weniger wie Eitelkeit. Eher wie eine Eigenschaft der Situation. Etwas, das passiert, sobald eine Oberfläche beginnt, Dinge zurückzugeben.
Die Kugel ist dabei erstaunlich gleichgültig. Das Selfie ist höflicher. Und vielleicht ist genau diese Höflichkeit das eigentliche Problem.
Kontrolle, die kurz bleibt
Das Selfie wirkt auf den ersten Blick anders. Man hebt das Telefon, sucht den Winkel, entscheidet über den Moment. Für einen kurzen Augenblick scheint das Bild einem zu gehören.
Dann geht es weiter. Es taucht irgendwo auf, zwischen anderen. Wird gesehen, vielleicht bewertet, vielleicht auch einfach übersehen.
Und irgendwann ist es Teil von etwas, das größer ist als dieses eine Bild.
Die Kugeln sind da direkter. Man steht davor und sieht, wie das eigene Bild Teil eines Musters wird. Wie es sich vervielfältigt, verschiebt, verkleinert. Und wie es dabei ein wenig an Gewicht verliert. Ohne große Ankündigung.
Eine Ware, die keiner auspreist
Der Satz “Your Narcissism for Sale” wirkt heute fast zurückhaltend.
Damals lag das offen da. Heute passiert es leiser. Man macht sich sichtbar. Und damit ein Stück weit verfügbar. Nicht unbedingt bewusst.
Eher so, wie man kurz stehen bleibt, hinschaut, vielleicht ein Bild macht – und weitergeht.
Die Kugeln in Köln liegen einfach da. Sie verlangen nichts. Sie erklären nichts. Sie kommentieren nicht einmal.
Und vielleicht ist genau das das Beeindruckende.
Man steht davor, sieht sich, sieht sich noch einmal, ein bisschen anders, und merkt irgendwann, dass dieses Bild nicht bei einem bleibt.
Es gehört einem nur für einen Moment.
Man geht ein paar Schritte weiter. Hinter einem liegen die Kugeln noch immer da. Und irgendwo darin auch eine Version, die man nicht ganz mitgenommen hat. Oder vielleicht doch. Nur nicht so, wie man denkt.
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Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst kennt Momente von prophetischer Klarheit, in denen ein Werk die technologischen und psychologischen Strukturen einer fernen Zukunft mit einer Präzision vorwegnimmt, die erst Jahrzehnte später vollumfänglich fassbar wird. Ein solches Ereignis markiert der Auftritt der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama bei der 33. Biennale von Venedig im Jahr 1966. Ohne offizielle Einladung, jedoch unterstützt durch die finanzielle Hilfe von Lucio Fontana und die informelle Duldung des Biennale-Präsidenten, inszenierte Kusama auf dem Rasen vor dem italienischen Pavillon eine Installation, die das Fundament für eine radikale Kritik an der beginnenden Spektakelgesellschaft legte. Mit 1.500 spiegelnden Kunststoffkugeln schuf sie einen „kinetischen Teppich“, in dem sich die Umgebung, die Besucher und die Künstlerin selbst in einer unendlichen, verzerrten Wiederholung auflösten. ↩
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Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und daran zugrunde geht. Bei Kusama ist die Quelle vervielfacht. Man steht nicht allein davor. Und genau das verändert etwas. ↩
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Die Aufforderung “Your Narcissism for Sale” ist von einer tiefen Ironie geprägt. Sie unterstellt dem Betrachter nicht nur, narzisstisch zu sein, sondern auch, dass dieser Narzissmus so oberflächlich ist, dass er für einen geringen Betrag käuflich erworben werden kann. Kusama kritisiert damit eine Form der Eitelkeit, die heute durch digitale Geräte massiv verstärkt wird. Das Smartphone fungiert als der moderne “Schwarze Spiegel”, in dem wir ständig nach Bestätigung suchen. ↩