Faulmann und die Elektrokutsche nach Stolberg
Burgfelsen, Nussecke und eine Stadt, die noch nicht ganz weiß, ob sie schon wieder da ist
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Am Morgen nahm Faulmann die neue Elektrokutsche.
So nannte er das Fahrzeug inzwischen, nicht weil es besonders poetisch gewesen wäre, sondern weil “neues Auto” nach zu viel Prospekt klang und “Elektroauto” immer so sprach, als wolle es gleich noch etwas über Ladeleistung erzählen. Sie fuhr sehr ordentlich, sehr leise und mit jener unaufdringlichen Selbstzufriedenheit, die neue Dinge oft haben, bevor der Alltag beginnt. Und sie fuhr fast von alleine - wie eine Kutsche eben.
Es war früh, die Straßen noch Wege und keine Blechflüsse, und das Ziel Stolberg lag in dieser Entfernung, die für einen Ausflug gerade richtig ist: weit genug, dass man das Haus verlässt, und nah genug, dass man nicht gleich sein ganzes Leben mitnehmen muss.
Das Rad lag hinten drin.
Faulmann freute sich auf diesen Moment des Auspackens. Man kommt irgendwo an, klappt etwas auseinander, zieht Gurte los, richtet Lenker und Taschen - und plötzlich verwandelt sich Anfahrt in Bewegung. Das hat etwas Beruhigendes. Als müsste man sich vor Ort erst auf die richtige Größe bringen.
Stolberg empfing ihn mit Frühlingsgrün, Hängen, Gassen, Stein, einer Burg oben und dem Gefühl, dass hier einmal vieles sehr pittoresk und davor sehr strukturiert gewesen sein muss: Wer oben sitzt, wer unten arbeitet, wer den Bach braucht, wer das Metall, wer den Handel. Die Burg steht auf einem Kalkfelsen über dem Vichtbachtal, eine dieser Anlagen, bei denen Geologie und Herrschaft sich offenbar vor langer Zeit auf eine Zusammenarbeit geeinigt haben. Später wurde sie zerstört, wieder aufgebaut, umgeformt und schließlich von einem Industriellen im Historismus noch einmal zu einer Art Mittelalter mit sehr langem Atem gemacht.
Faulmann hielt unten kurz an, sah hinauf und dachte, dass Burgen oft ein wenig unverschämt wirken. Jahrhunderte lang oben stehen und so tun, als sei das alles selbstverständlich.
Dann fuhr er weiter.
Ein paar Gassen hinauf, ein paar wieder hinunter. Nicht sportlich. So, wie man in fremden Orten fährt, wenn man nichts beweisen muss und einfach aufnehmen mag. Man schaut nach Schildern, nach Fenstern, nach Mauern, nach den Stellen, an denen etwas restauriert wurde, und nach den Stellen, an denen jemand offenbar irgendwann sagte: “Lassen wir das erst mal so.”
Die Altstadt wirkte schön und zugleich merkwürdig leise. Nicht tot. Aber auch nicht ganz wach. Als hätte sie beschlossen, noch zu überlegen, ob sich eine Rückkehr lohne. Stolberg leidet offensichtlich nach der Flut von 2021 noch immer sichtbar unter Schäden, Leerstand und langem Wiederaufbau. Das merkte man. Manche Häuser standen da wie nach einem zu langen Satz ohne Punkt. Andere wirkten, als hätten einige Mutige mit viel Geduld und wahrscheinlich zu wenig Budget wieder angefangen, an sie zu glauben.
Die letzten Meter zur Burg schob er das Rad ein Stück die Steigung hinauf. Nicht jede Höhe muss fahrend erledigt werden. Manchmal ist Schieben die passendere Form von Würde.
Oben war alles so, wie Burgen eben sind, wenn sie lange genug stehen durften: Mauern, Ausblicke, ein gewisser Ernst im Gestein, etwas eigensinniges Grün in den Mauerritzen und dazwischen der stille Verdacht, dass hier über Jahrhunderte hinweg Menschen sehr überzeugt von sich gewesen sein müssen. Faulmann fand das architektonisch interessant und charakterlich anstrengend.
Auf einem Wehrgang kreisten drei Kinder um das Zentralgestirn, ihre sichtbar leicht genervte Mutter.
Sie standen kurz an der Mauer, dann wieder ein paar Schritte weiter, dann doch wieder zurück. Der eine zeigte auf einen Turm und fragte, ob da früher Ritter gekämpft hätten.
“Ja, bestimmt”, sagte die Mutter, ohne ganz hinzusehen.
Der Junge sah noch einen Moment zur Burg, dann drehte er sich zu Faulmann.
“Stimmt das?”
Faulmann war verwirrt, war er gemeint? Er sah erst zur Mauer und dann in die Luft, als läge die Antwort vielleicht irgendwo dazwischen, und begann zu reden, bevor er ganz wusste, was.
“Vermutlich nicht so oft”, sagte er schließlich. “Die haben wahrscheinlich eher gewartet.”
“Gewartet?”
“Und gefroren”, sagte Faulmann. “Und schlecht gegessen. Das Kämpfen war vermutlich nur der unangenehmste Teil.”
Faulmann fand, er machte es mit jedem Wort schlimmer.
Der Junge nickte, als sei das eine durchaus denkbare Enttäuschung.
“Und dann gekämpft?”, fragte er.
“Bestimmt auch”, sagte Faulmann. “Wäre ja sonst auch komisch.”
Damit schien die Sache für einen Moment geklärt.
Kurz darauf fragte eines der anderen Kinder, ob Ritter auch schlafen mussten.
Faulmann antwortete, ein wenig aus Verlegenheit. Offenbar war er vorübergehend zuständig.
Die Mutter sah kurz zu ihm herüber - ein Blick, der seine Zuständigkeit bestätigte und sich gleichzeitig ein wenig entschuldigte.
So ging das noch eine Weile hin und her.
Von dort oben jedenfalls sah Stolberg fast geordnet aus.
Unten am Fluss aber zeigte sich wieder dieses eigentümlich historisch Komplexe. Industriegeschichte, Kupfer, Messing, Zink, Fabriken, Flussläufe, Flutschäden, Wiederaufbau - eine Gegend, in der Stoffe und Zeiten sich gegenseitig nie ganz in Ruhe lassen. Selbst das Museum Zinkhütter Hof 1, auf einer Anhöhe gegenüber der Burg, erzählt die Genese der Region als eine Geschichte von Material, Arbeit und Bewegung. Das passte gut dazu, dass Faulmann ausgerechnet mit dem Rad unterwegs war. Manche Gegenden versteht man besser, wenn man sie nicht nur besichtigt, sondern mit eigener kleiner Mechanik durchquert.
Irgendwann war es Zeit für Kaffee.
Wieder in Stolberg saß er dann bei “OH SVENI YEAH”, was nach einem Namen klingt, der beschlossen hat, lieber erst einmal auffällig zu sein und sich später um Seriosität zu kümmern. Faulmann mochte das. Nicht alles muss ehrwürdig heißen. Sonst endet man noch in einem Café namens “Manufaktur Genusswerk”, und dort ist die Nussecke am Ende rechteckig und kostet sieben Euro zwanzig. Nach so viel Stein war ein Ort mit diesem Namen fast schon eine Form von Gegenwart.
Hier gab es Kaffee. Die sehr ausgewählt gekleidete Verkäuferin sagte, heute gebe es statt der auf dem Schild angepriesenen Auswahl zwischen Hefeschnecke, Muffin, diversen Macarons und weißer Nussecke nur Nussecke.
“Wunderbar”, sagte Faulmann. “Dann muss ich mich schon nicht entscheiden.”
Beides war sehr gut. Der Kaffee machte, was Kaffee morgens oder gegen Mittag in fremden Städten tun soll: Er brachte die inneren Möbel kurz wieder in Linie. Die Nussecke dagegen war von der etwas stilleren Sorte. Kein Backwerk, das Eindruck schinden wollte. Eher eines, das sagte: “Ich bin da. Das reicht.”
Faulmann saß vor dem Fenster auf einer gemütlichen Bank und sah umher.
Ein paar Leute gingen vorbei, einige zielstrebig, andere mit diesem leicht suchenden Gang, den Innenstädte hervorrufen, wenn sie einmal Einkaufsort waren und jetzt noch nicht entschieden haben, was sie stattdessen sein möchten. In diversen Texten über Stolberg war von Leerstand die Rede, aber auch von Förderprogrammen, Begrünung, Radwegen und dem Versuch, das Ganze nicht einfach aufzugeben. Das klang vernünftig. Städte müssen nicht glänzen. Aber sie sollten wenigstens den Eindruck machen, dass noch jemand mit ihnen rechnet. Hier jedenfalls schienen manche Kaufleute sehr engagiert. Ehrenwert und vorbildlich, dachte Faulmann.
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Er trank aus, aß den letzten Rest Nussecke und dachte, dass Orte manchmal genau dann interessant werden, wenn sie nicht rund sind.
Stolberg war nicht rund.
Zu viel Vergangenheit für reine Gegenwart. Zu viel Beschädigung für Postkartenidylle. Zu viel Beharrlichkeit für Untergang. Es gibt Städte, die präsentieren sich. Und es gibt Städte, die sitzen einfach da und lassen einen selbst sehen.
Dann stand er auf, ging wieder zur Elektrokutsche, verstaute das Rad und fuhr zurück.
Hinter ihm blieb die Burg auf ihrem Felsen, die Stadt darunter und irgendwo zwischen Gassen, Baustellen, Kaffee und Familiengespräch dieser seltsame Rest, den man von Ausflügen manchmal mitnimmt.
Nicht als Erkenntnis.
Eher als leise Unordnung. Als hätten Vergangenheit und Gegenwart dort kurz vergessen, Abstand zu halten.
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Das Museum Zinkhütter Hof ist angenehm konkret. Es erklärt die Region nicht über große Behauptungen, sondern über das, was dort hergestellt, verarbeitet, bewegt und verdient wurde. Gezeigt werden vor allem vier Dinge: erstens Messing, das sogenannte “Stolberger Gold”, mit dem die Kupfermeister über lange Zeit den Wohlstand der Gegend prägten; zweitens Zink, also Verhüttung und Verarbeitung, bis hin zu Alltagsgegenständen aus gewalztem Zinkblech wie Gießkannen oder Badewannen; drittens die “Aachener Nadel”2, deren Produktion im 19. Jahrhundert mit 42 Fabriken und fast 5.000 Arbeitern eine weltweite Vormachtstellung erreichte; und viertens Mobilität - von der Erfindung des Sicherheitsfahrrads bis zu frühen Motorfahrzeugen der Firmen Cudell und Fafnir. Untergebracht ist das Ganze in einem Gebäudeensemble aus den 1830er Jahren, ursprünglich eine Glashütte für Tafelglas, also selbst schon Teil jener industriellen Geschichte, die es heute erklärt. Draußen steht zudem ein Schwungrad von über zehn Metern Durchmesser und rund 50 Tonnen Gewicht, was sehr zuverlässig daran erinnert, dass “Industriekultur” nicht nur ein Wort für Broschüren ist. Für Kinder gibt es außerdem den Museumszwerg Galminus, der Rohstoffe wie Galmei und Zinkerz etwas spielerischer einführt, als es die Chemie allein vermutlich leisten würde. ↩
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Für das maschinelle Nähen war eine kleine Verschiebung entscheidend: die Öse wanderte von hinten an die Spitze der Nadel. Erst dadurch ließ sich der Faden so führen, dass die Maschine überhaupt nähen konnte. Faulmann mochte solche Details. Sie tun wenig Aufhebens um sich und verändern trotzdem alles. ↩