Faulmann und die Leitung unter der Landschaft
Terra Nova, Tollhausen und eine Höhe, die einmal Abraum war
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Terra Nova.
Das klang zunächst größer, als es war. Terra Nova. Neue Erde. Neuer Blick. Neue Landschaft. In Wirklichkeit war es vor allem aer frigidus. Also sehr kalt. Latein half hier nur begrenzt.
Die Elektrokutsche stand am Aussichtspunkt, als hätte sie selbst nicht ganz verstanden, weshalb man sich schon so früh losbegeben hatte. Über dem Tagebau lag ein graues Licht. Nicht dramatisch. Eher dieses rheinische Übergangsgrau, das nicht weiß, ob es Wetter oder Verwaltungsvorgang sein möchte.
Von Sonne war kaum etwas zu sehen.
Faulmann stieg aus, betrachtete den Himmel, zog den Kragen höher und tat, was man in solchen Situationen tun muss, wenn man nicht unnötig tapfer erscheinen möchte.
Er stieg wieder ein.
Dann fuhr er den Sitz zurück, holte den Tippkasten hervor und schrieb ein wenig.
Das ist einer der Vorteile moderner Fahrzeuge: Sie können nicht nur fahren, sondern auch als kleine Schreibstube dienen. Früher hätte man dafür ein Gasthaus gebraucht, einen Ofen und vielleicht einen Wirt, der missbilligend auf Radschuhe blickt. Heute reicht ein Akku, ein Lenkrad und die stille Übereinkunft, dass man erst losfährt, wenn die Welt etwas freundlicher aussieht.
Nach einer Weile wurde es freundlicher, und blauer Himmel lugte vorsichtig hervor.
Man konnte nicht sagen, dass es warm war. Das wäre übertrieben. Aber Terra Nova hörte auf, so zu tun, als wolle sie den ganzen Tag beleidigt bleiben.
Faulmann packte den Tippkasten ein, holte das Rad heraus und rollte los.
Der Nordrandweg empfing ihn mit dieser eigentümlichen Mischung aus Weite und Zweckmäßigkeit, die das Rheinische Revier so gut beherrscht. Links Abgrund, rechts Landschaft. Aber Landschaft, der man ansieht, dass sie schon mehrfach umsortiert wurde. Nichts hier ist einfach nur da. Alles hat eine Akte, eine Vorgeschichte, eine Nachnutzung.
Man fährt durch Gegenwart, aber unter den Reifen knirscht Planung.
Eigentlich wollte Faulmann ein Stück über den bekannten Speedway fahren. Der Speedway :terra nova war für ihn bisher eine dieser Strecken gewesen, auf denen das Rad plötzlich selbst zu wissen schien, was es wollte. Geradeaus, leicht erhöht, mit genug Raum für Geschwindigkeit und für Gedanken, die sich bei 30 Stundenkilometern für besonders klar halten.
Doch diesmal stand dort eine Sperrung.
Bauzaun. Schild. Erde. Maschinenruhe.
Der Weg war zu.
Faulmann blieb stehen.
“Hm”, sagte er.
Der Speedway, diese alte schnelle Verbindung auf der Trasse der früheren Bandanlage, war gesperrt. Wohl nicht aus Laune, sondern weil hier nun an der großen Rheinwassertransportleitung gearbeitet wurde, verkündete ein Schild. Wasser aus dem Rhein soll eines Tages in die Restlöcher fließen, damit aus dem Tagebau Hambach langsam ein See wird. Zwei Rohre, große Durchmesser, schwere Bauteile, lange Bauzeit. Eine Leitung unter der Landschaft, damit die Landschaft später so tun kann, als sei sie von selbst anders geworden.1
Faulmann betrachtete den Bauzaun.
Es gibt Sperrungen, die wirken wie Unfälle. Diese hier wirkte wie ein Kapitelwechsel.
Ein Mann mit Hund kam vorbei. Der Hund sah so aus, als kenne er die Umleitung bereits und halte sie für zumutbar. Der Mann nickte.
“Da kommen Sie nicht durch”, sagte er.
“Das ahnte ich”, sagte Faulmann.
“Am besten Sie fahren über Tollhausen.”
Faulmann hob leicht den Kopf.
“Tollhausen?”
“Ja.”
Der Hund sah Faulmann an, als müsse er jetzt bitte nicht noch einen Witz machen.
Faulmann machte keinen Witz. Er dachte ihn nur. Das war für alle Beteiligten besser.
Tollhausen also.
Es gibt Ortsnamen, die wirken wie kleine Geschenke am Wegesrand. Tollhausen gehört dazu. Man fährt hinein und erwartet nicht viel. Vielleicht eine Bushaltestelle, ein paar Dächer, einen Vorgarten, in dem jemand sehr ernsthaft Kies verteilt hat. Aber der Name bleibt. Tollhausen. Als hätte jemand im Amtsdeutsch kurz die Kontrolle verloren und aus Versehen etwas Heiteres eingetragen.
Die Umleitung war nicht besonders elegant, aber sie funktionierte. Das ist bei Umleitungen schon fast Luxus.
Bald begann der Aufstieg zur Sophienhöhe.
Auch sie ist so ein Wort, das etwas Sanftes behauptet. Sophienhöhe. Das klingt nach Ausflug, nach Wald, nach Aussicht, nach einem Namen aus einer älteren Zeit. Tatsächlich ist sie eine der größten künstlichen Erhebungen der Region, aufgeschüttet aus dem Abraum des Tagebaus Hambach. Über zwei Milliarden Kubikmeter Erde, Sand, Kies, Geschichte. Eine Landschaft, die nicht gewachsen ist, sondern angelegt wurde. Später kamen Bäume, Wege, Tiere, Bänke und Wanderkarten hinzu.
Der Mensch braucht offenbar nur lange genug, dann nennt er sogar seine Folgen irgendwann Natur.
Faulmann musste an den Schwarzwald denken, an seine heimatlichen Höhen, an dunkle Tannen, feuchte Wege und dieses tiefe Grün, das immer so tat, als sei es schon vor allem anderen dagewesen. Dabei war auch der Schwarzwald nicht einfach nur Ursprung. Der alte Wald war längst zu Balken, Schiffen und anderem brauchbaren Holz geworden, manches davon bis nach Amsterdam geflößt. Was heute so selbstverständlich dunkel wirkt, ist oft genug wieder aufgeforstet, geplant, gepflegt und nachträglich romantisiert.
Viele andere “natürliche” Landschaften sind es auch. Nur mit besserem Image und mehr Moos auf der Geschichte.
Faulmann fuhr langsam hinauf.
Der Wald auf der Sophienhöhe war still. Nicht altstill, eher jungstill. Ein Wald, der sich Mühe gibt. Stieleichen, Hainbuchen, Winterlinden. Rekultivierung nennt man das. Ein sachliches Wort für den Versuch, der Erde nachträglich wieder Benehmen beizubringen.
An manchen Stellen gelang das erstaunlich gut.
An anderen Stellen sah man noch, dass hier nichts zufällig war. Der Weg, die Pflanzung, die Geländekante, die Senke. Alles hatte eine Absicht. Aber vielleicht ist das bei alten Landschaften nur besser versteckt.
Faulmann dachte an Mummrich, der bei solchen Fragen vermutlich mit der Lampe gewackelt und gesagt hätte: “Auch ein Maulwurfsgang ist künstlich. Nur nennt ihn keiner Infrastruktur.”
Das stimmte natürlich.
Leider war es oben immer noch diesig.
Der Blick blieb mittelgut.
Das ist eine besondere Form der Enttäuschung: Man steigt auf eine Höhe, die eigens aus der Tiefe geschaffen wurde, und bekommt dann oben eine Aussicht, die sich bedeckt hält. Der Tagebau lag irgendwo hinter Grau.

Der Römerturm stand da, aber auch er schien heute nicht recht zuständig. Verwachsen, etwas verschluckt vom Grün, mehr Erinnerung an Aussicht als Aussicht selbst.
Faulmann blieb trotzdem stehen.
Man muss nicht alles sofort sehen, damit es da ist.
Das Forschungszentrum Jülich lag auch im Dunst. Nicht weit weg, aber doch so, wie manche Orte im eigenen Leben liegen: ständig erwähnt, häufig gemeint, nie betreten.
Faulmann musste daran denken, dass Jülich während seiner Universitätstage einer der verlässlichsten Kooperationspartner gewesen war. Es gab gemeinsame Projekte, Austauschformate, Protokolle, Besprechungen, Namen auf Papieren und diese eigentümliche Form akademischer Nähe, bei der man einen Ort fast besser über seine Menschen kennt als über seine Gebäude.
Kolleginnen und Kollegen aus Jülich hatte er überall getroffen. In Konferenzräumen, in Zugabteilen, in stickigen Seminarräumen mit zu schwachem Kaffee, auf Tagungen, deren Namensschilder nach zwei Stunden schief hingen. In München, in Leuven, einmal vielleicht sogar in einem dieser Hotels, die auf der ganzen Welt gleich riechen: Teppichboden, Klimaanlage, leise Müdigkeit.
Jülich war immer da gewesen. Nur Faulmann war nie dort gewesen. Das fiel ihm erst jetzt wieder richtig auf, oben auf der Sophienhöhe, mit dem Rad neben sich und dem Forschungszentrum als grauer Andeutung am Horizont.
Manchmal, dachte er, bestehen Orte nicht aus Wegen, sondern aus Begegnungen, die von ihnen herkommen. Man trägt sie mit sich herum, ohne je den Eingang gesehen zu haben.
Das ist natürlich unpraktisch für die Wegbeschreibung. Aber für Erinnerungen reicht es erstaunlich gut.
Auf einer Bank saß ein alter Mann. Neben ihm lag ein Spazierstock. An seinen Schuhen klebte trockene Erde, als sei er schon länger unterwegs oder schon länger hier. Er blickte ebenfalls in Richtung Forschungszentrum.
“Da drüben”, sagte er nach einer Weile, ohne Faulmann anzusehen, “da geht jetzt auch wieder einiges weg.”
Faulmann nickte, obwohl er noch nicht wusste, was genau gemeint war.
“Die Castoren”, sagte der Mann. “Nach Ahaus.”
Dann schwieg er.
Es war kein Gespräch, das eine lange Einleitung brauchte. Manche Themen liegen hier in der Landschaft wie alte Kabel im Boden. Man muss nur an der richtigen Stelle stehen, und jemand zeigt mit dem Finger.
Der Versuchsreaktor in Jülich, der Kugelhaufen, die Brennelemente, die Zwischenlager, die Transporte. Ein technisches Erbe, das nicht verschwindet, nur weil eine Epoche endet. Es wird verpackt, gesichert, verladen, begleitet, bewacht und an einen anderen Ort gebracht, wo es weiterhin rumliegt.2
Der alte Mann erzählte ruhig. Nicht empört. Eher müde informiert. Als habe er diese Dinge zu lange begleitet, um noch überrascht zu sein.
“Früher war das alles Zukunft”, sagte er.
Faulmann sah hinüber.
“Das passiert öfter”, sagte er.
Der Mann lächelte kurz.
“Ja. Zukunft altert auch.”
Dann saßen sie eine Weile nebeneinander und blickten auf das, was man durch den Dunst sehen konnte. Es war nicht viel.
Beim Hinabfahren wurde es etwas heller. Nicht schön. Aber brauchbar.
Faulmann rollte durch den Wald, vorbei an Wegen, die so ordentlich wirkten, als hätten sie selbst an einer Bürgerbeteiligung teilgenommen. Unten hielt er kurz am Inselsee.
Inselsee.
Er mochte diesen Namen sofort und misstraute ihm zugleich.
Ein See ist schon Wasser. Eine Insel ist Land im Wasser. Ein Inselsee ist also ein Gewässer, das seine eigene Unterbrechung gleich mitdenkt. Vielleicht passte der Name deshalb hierher.
In dieser Gegend war fast alles zugleich das eine und sein Gegenteil: Natur und Planung, Erinnerung und Neubau, Loch und künftiger See, Abraum und Aussichtspunkt.
Der Inselsee lag still da und tat, als habe er mit alldem nichts zu tun. Das war sein gutes Recht.
Weiter ging es Richtung Rurradweg. Die Landschaft wurde offener. Faulmann streifte Düren, ohne richtig anzukommen. Manche Städte kann man am Rand berühren, wie man im Vorbeigehen an eine Tischkante stößt. Kurz spürt man sie, dann ist man schon wieder weiter.
Neben der neuen ICE-Strecke zog sich die Fahrt zurück in Richtung Ausgangspunkt. Schienen, Leitungen, Wege, Felder. Alles parallel, alles in Bewegung, alles auf seine Weise geführt.
Irgendwo dort lag auch Manheim.
Nicht das neue Manheim, sondern das alte. Oder das, was von ihm geblieben war. Faulmann war vor Jahren einmal dort gewesen, der alten A4 folgend, als solche Orte noch nach verbotenem Abzweig, nach Umweg und nach einer seltsamen Freiheit aussahen.
Damals hatte Alt-Manheim diesen Lost-Places-Vibe gehabt, den man nur genießen kann, wenn man nicht selbst dort gewohnt hat. Leere Häuser, stille Straßen, Vorgärten ohne Bewohner. Alles wirkte, als sei der Ort schon fort, nur die Mauern hatten die Nachricht noch nicht bekommen.
Damals war noch vieles nicht entschieden.
Vielleicht passte der Ort deshalb so gut dazu.
Diesmal ließ Faulmann Manheim links liegen.
Nicht aus Abneigung. Eher aus Vorsicht.
Manches bleibt besser so, wie es war. Oder genauer: wie man es erinnert. Alt-Manheim steht noch immer da. Es musste dem Tagebau nicht mehr weichen. Und trotzdem ist es leer geworden.
Gerettet, aber nicht zurückgekehrt.
Auch das ist eine Art von Verlust.
Nur mit anderer Beschilderung.
Faulmann dachte an das Wasser, das einmal vom Rhein hierherkommen soll. An Rohre unter Wegen. An einen See, der noch keiner ist. An einen Berg, der aus einem Loch geboren wurde. An Transporte, die von Zukunft erzählen sollten und nun Vergangenheit verwalten.
Vielleicht ist Strukturwandel gar kein großes Wort.
Vielleicht ist es eher dieser Moment, in dem ein bekannter Radweg plötzlich gesperrt ist und ein Mann mit Hund sagt: “Fahren Sie über Tollhausen.”
Und man fährt. Nicht, weil man die Richtung verstanden hat. Sondern weil es weitergehen muss, irgendwie.
Am Ende stand die Elektrokutsche wieder am Aussichtspunkt. Der Himmel war heller geworden, ohne sich festzulegen. Faulmann verstaute das Rad, setzte sich hinein und blieb noch einen Moment sitzen.
Auf dem Display stand irgendein Verbrauchswert.
Draußen lag Terra Nova.
Neue Erde.
Noch ziemlich unfertig.
Das konnte man ihr nicht vorwerfen.
Es war schließlich früh am Tag - für Sie.
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Die Rheinwassertransportleitung soll Wasser aus dem Rhein in die Tagebaue Hambach und Garzweiler bringen. Der Speedway :terra nova ist seit März 2026 für die Bauarbeiten gesperrt; die Trasse dient unter anderem als Baustraße für große Rohrsegmente. Man könnte sagen: Erst fuhr hier die Kohle entlang, dann die Radfahrer, nun die Rohre. Landschaften wechseln ihre Nutzer offenbar nicht weniger häufig als Bahnsteige ihre Durchsage. ↩
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Gemeint sind die Castor-Transporte mit Brennelementen aus dem ehemaligen AVR Jülich nach Ahaus. Solche Transporte lösen das Endlagerproblem nicht, sie verlagern zunächst die Zwischenlagerung. Das ist technisch vermutlich korrekt, erzählerisch aber eher unbefriedigend. ↩