Faulmann und der Europatag im Verpackungsmaterial
Binnenmarkt, unwahrscheinliche Freundschaften und ein Gedanke mit Luft
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Dachsbert bemerkte den Europatag eher zufällig.
Er hatte am Morgen eine weitere kostenlose Lieferung erhalten - angeblich ein “multifunktionales Komfortsitzkissen für draußen”, wobei sich nach dem Auspacken herausstellte, dass es hauptsächlich ein gewöhnliches Kissen war, nur mit ungewöhnlich viel Selbstbewusstsein im Werbetext.
Das eigentliche Produkt interessierte ihn nach kurzer Zeit kaum noch.
Interessanter war das zerknüllte Zeitungspapier, das als Füllmaterial gedient hatte.
Zwischen Gartengeräten, einer halb zerrissenen Wetterkarte und dem Gesicht eines erstaunlich optimistischen Regionalpolitikers stand dort:
“Heute: Europatag.”
Dachsbert hielt inne.
“Komisch eigentlich”, sagte er.
“Dass sowas einfach vorbeigeht.”
Faulmann sah von seinem Kaffee auf.
“Was genau?”
“Na Europa eben. Offenbar wichtig genug für einen Gedenktag. Aber niemand scheint wirklich zu wissen, wie man dazu fühlt.”
Mummrich rückte seine Brille zurecht.
“Vielleicht ist das normal”, meinte er.
“Die wichtigsten Dinge wirken oft selbstverständlich, solange sie funktionieren.”
“Wie Kanalisation”, sagte Faulmann.
“Oder DNS”, ergänzte Mummrich.
Lioba dachte kurz nach.
“Europa klingt immer ein bisschen wie ein Verwaltungsgebäude”, sagte sie.
“Nicht wie etwas, das man liebt.”
“Niemand hat emotionale Nähe zum Binnenmarkt”, murmelte Dachsbert.
“Und trotzdem ist es angenehm, in Belgien einfach dieselbe Karte ans Lesegerät zu halten.”
Faulmann lächelte leicht.
“Eigentlich ist das Ganze ziemlich unwahrscheinlich.”
Jetzt hörten die anderen genauer zu.
Faulmann lehnte sich zurück.
“Man vergisst leicht, wie normal Krieg in Europa über sehr lange Zeit eigentlich war. Jahrhunderte lang haben sich hier Königreiche, Staaten, Fürstentümer und Imperien in wechselnden Kombinationen gegenseitig zerlegt. Eigentlich fast die gesamte Geschichte.”
“Europa war historisch betrachtet hauptsächlich ein Kontinent mit sehr guten Archiven für gegenseitige Katastrophen”, sagte Mummrich.
Lioba nickte langsam.
“Und dann kommen irgendwann Leute auf die Idee, dass man Kohle und Stahl vielleicht lieber gemeinsam verwaltet, statt sich damit weiter zu beschießen.”
Dachsbert sah auf den Zeitungsschnipsel.
“Schon seltsam, dass sowas überhaupt funktioniert hat.”
“Vor allem weil es mit einzelnen Leuten anfing”, sagte Faulmann. “Mit ziemlich eigensinnigen Leuten sogar.”
Darauf wurde es kurz still.
Dann landete ein Eichelhäher auf dem Waldtisch und blickte mit jener nervösen Würde in die Runde, die Eichelhäher für staatsmännisch halten.
Offenbar hatten die Eichelhäher das Gespräch bereits eine ganze Weile mitgehört.
Wie meistens im Wald, wenn irgendwo gleichzeitig Geschichte, Brot und leicht erhitzte Meinungen vorkamen.
Der Vogel legte den Kopf schief.
“Wir spielen jetzt etwas”, erklärte er.
“Jeder nennt seinen Lieblingseuropäer. Oder noch besser ein europäisches Politikerpaar.”
“Warum klingt das bei dir sofort wie ein schlecht organisierter Podcast?”, murmelte Dachsbert.
Der Eichelhäher ignorierte ihn souverän.
“Ich beginne”, sagte er.
“Monnet und Schuman. Ganz klar.”
Niemand hatte widersprochen, aber der Eichelhäher wirkte trotzdem zufrieden, als hätte er eine schwierige Debatte gewonnen.
“Warum die?”, meinte Lioba.
“Weil sie verstanden haben, dass Frieden nicht aus schönen Reden entsteht”, sagte der Eichelhäher.
“Sondern daraus, dass Frankreich und Deutschland ihre Kohle- und Stahlproduktion gemeinsam kontrollieren. Die gesamte frühe Montanunion war im Grunde der Versuch, Krieg organisatorisch unpraktisch zu machen.”
Mummrich nickte langsam.
“Das Faszinierende ist ja”, sagte er, “dass Monnet eigentlich nie der große Wahlpolitiker war. Mehr Netzwerker. Mehr Architekt. Er dachte in Institutionen. Schuman dagegen war derjenige, der die Idee öffentlich aussprach.”
“Wie bei vielen guten Dingen”, murmelte Faulmann.
“Einer denkt sie lange. Ein anderer spricht sie aus.”
Von oben kam ein Krächzen.
Die Krähe saß wieder auf ihrem Ast. Wie meistens, wenn Eichelhäher politische Meinungen entwickelten.
“Adenauer und de Gaulle”, sagte sie.
“Viel besser.”
“Natürlich”, seufzte der Eichelhäher.
“Jetzt kommt wieder große Symbolpolitik.”
“Zu Recht”, erwiderte die Krähe.
“Die beiden waren alte Männer aus Ländern, die sich jahrhundertelang gegenseitig verwüstet hatten. Und trotzdem beschlossen sie irgendwann: Jetzt reicht es.”
Sie spreizte leicht die Flügel.
“De Gaulle war stolz, schwierig und sehr französisch. Adenauer war stur, katholisch und ebenfalls schwierig. Eigentlich ideale Voraussetzungen für jahrzehntelange Feindschaft.”
“Und stattdessen entstand der Élysée-Vertrag”, sagte Lioba leise.
Die Krähe nickte zufrieden.
“Genau. Manchmal verändert ein gemeinsames Mittagessen die Welt mehr als eine Schlacht.”
Dachsbert dachte kurz nach.
“Ich nehme Schmidt und Giscard d’Estaing.”
Alle blickten ihn überrascht an.
“Was denn?”, sagte Dachsbert.
“Die beiden hatten etwas angenehm Sachliches. Zwei Männer, die nachts wahrscheinlich freiwillig Haushaltszahlen gelesen haben.”
“Sie haben die europäische Zusammenarbeit wirtschaftlich enorm vertieft”, sagte Mummrich.
“Währungssysteme stabilisiert, regelmäßige Gipfeltreffen etabliert. Vieles davon wirkt heute langweilig.”
“Was meistens bedeutet, dass es funktioniert hat”, meinte Faulmann.
Dachsbert dachte noch kurz weiter nach.
“Und Schäuble eigentlich auch”, sagte er dann.
“Nicht besonders poetisch vielleicht. Aber vermutlich einer der Leute, die Europa selbst dann noch verwaltet hätten, wenn ringsum schon alles leicht brennt.”
Die Krähe nickte langsam.
“Sehr deutsch”, sagte sie.
“Vor allem aber”, sagte Mummrich, “gehörte er zu jener Generation deutscher Politiker, die nach der Wiedervereinigung verstanden hatten, dass ein größeres Deutschland nur dann dauerhaft akzeptiert würde, wenn es sich noch stärker europäisch einbindet.”
Faulmann nickte.
“Deshalb auch dieses ganze Kerneuropa-Denken damals. Schäuble und Lamers. Die Idee, dass einige Länder vielleicht enger zusammenarbeiten müssen, damit das Ganze stabil bleibt.”
“Im Grunde ziemlich unromantisch”, murmelte Lioba.
“Ja”, sagte Faulmann.
“Aber Europa wurde erstaunlich oft von Leuten zusammengehalten, die lieber Akten ordneten als Fahnen schwangen.”
“Was vermutlich ohnehin die friedlichere Form von Patriotismus ist”, murmelte Mummrich.
Lioba strich mit dem Finger über den Tassenrand.
“Ich glaube, ich nehme Mitterrand und Kohl.”
Jetzt wurde es ruhiger.
“Weil die beiden eigentlich aus völlig unterschiedlichen politischen Traditionen kamen”, sagte sie.
“Und trotzdem dieses Bewusstsein hatten, dass Europa ohne deutsch-französische Verständigung wieder gefährlich werden könnte.”
“Verdun”, murmelte Faulmann.
Lioba nickte.
“Genau. Dieses Bild der beiden vor dem Beinhaus. Eigentlich nur zwei ältere Männer, die sich an den Händen halten. Aber hinter ihnen lagen Jahrhunderte europäischer Kriege.”
Selbst die Krähe schwieg kurz.
Mummrich rückte seine Brille zurecht.
“Ich nehme Delors und Veil”, sagte er schließlich.
Der Eichelhäher sah überrascht aus.
“Interessante Kombination.”
“Delors verstand, dass Europa mehr sein musste als nur ein Markt”, sagte Mummrich.
“Und Simone Veil erinnerte ständig daran, warum das alles überhaupt notwendig geworden war.”
Er schwieg kurz.
“Sie hatte Auschwitz überlebt. Das verändert vermutlich den Blick auf Nationalismus dauerhaft.”
Lioba sah eine Weile in den Wald.
“Und dann kamen irgendwann Länder dazu, die Europa nicht aus Überzeugung romantisch fanden”, sagte sie leise.
“Sondern weil sie wussten, wie die Alternative aussieht.”
Der Wald wurde stiller.
Man hörte nur das leise Knacken des Holzes im Morgenwind.
Der Eichelhäher räusperte sich wichtig.
“Man darf außerdem Spinelli nicht vergessen.”
“Oh Gott”, murmelte die Krähe.
“Jetzt wird es föderalistisch.”
“Zu Recht”, sagte der Eichelhäher streng.
“Spinelli schrieb das Ventotene-Manifest im faschistischen Exil. Während Europa sich selbst zerstörte, dachte er bereits darüber nach, wie man Nationalismus dauerhaft einhegen könnte.”
“Und Ursula Hirschmann schmuggelte das Manuskript”, ergänzte Lioba.
Mummrich nickte.
“Das vergisst man oft. Europa wurde nicht nur von Staatsmännern gebaut. Sondern auch von Leuten, die Texte versteckten, Netzwerke knüpften und Ideen am Leben hielten.”
Danach verlief das Gespräch langsam im Waldwind.
Nicht beendet.
Nur größer geworden.
Nach dem Frühstück machten sie einen kleinen Spaziergang über die Waldwege.
Das Licht hing kühl zwischen den Bäumen.
Am Rand der Lichtung kamen sie an William vorbei.
Oder an dem, was alle schon immer so genannt hatten.
Ein großer moosiger Hügel, der manche an eine eingewachsene Schildkröte erinnerte.
Niemand wusste genau, ob William hügelte, schlief oder einfach nur sehr lange dachte.
Hier war es still. Wie immer.
Niemand sagte etwas.
Faulmann nickte nur leicht in die Richtung. Mummrich zog kurz die Mütze. Dachsbert blieb einen Moment stehen, als hätte er beinahe eine Frage gestellt.
Dann gingen sie weiter.
Erst beim Mittagessen fiel es auf.
Faulmann schnitt gerade Brot, als er sagte:
“Komisch eigentlich. Europa merkt man vermutlich erst, wenn es fehlt.”
Mummrich sah sofort auf.
“Genau das habe ich vorhin auch gedacht.”
Lioba legte langsam die Gabel hin.
“Ich auch.”
Dachsbert runzelte die Stirn.
“Wie Luft”, sagte er leise.
“Ich musste die ganze Zeit an Luft denken.”
Dann wurde es still.
Nicht erschrocken.
Eher dieses vorsichtige Schweigen, das entsteht, wenn mehrere plötzlich merken, dass ein Gedanke vielleicht nicht ganz ihnen allein gehört.
Faulmann blickte hinaus zur Lichtung.
William lag dort unverändert im Moos.
Unbeweglich.
Schweigend.
Als hätte er mit all dem nichts zu tun.