Titelbild

Seit Wochen roch der Wald manchmal nach Feuer.

Nicht immer. Nicht so, dass man hätte sagen können: Dort brennt es. Oder: Jetzt müssen wir laufen. Es war eher ein unregelmäßiger Geruch, der morgens zwischen den Farnen hing, abends im Moos stand oder sich in Faulmanns Mantel setzte, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.

Die Tiere hatten zuerst so getan, als bemerkten sie es nicht.

Das ist im Wald eine verbreitete Form der Höflichkeit.

Dann hatte Dachsbert eines Morgens am Waldtisch geschnuppert, die Nase gerümpft und gesagt: “Das ist kein Ofenrauch.”

Mummrich, der gerade eine sehr kleine Notiz in ein sehr großes Heft schrieb, hatte gefragt: “Woran erkennst du das?”

“Am Ofen”, sagte Dachsbert.

Danach war eine Weile nichts gesagt worden.

An diesem Nachmittag kam Faulmann spät zurück. Er schob sein Rad neben sich her. Die Reifen waren staubig vom Kammweg, und in seinem Fell lag jener Geruch, den inzwischen alle kannten und keiner mochte.

Lioba war die erste, die aufsah.

“Du warst oben?”

Faulmann nickte.

“Bis zum alten Aussichtsturm”, sagte er.

Dachsbert, der am Tisch saß und ein Stück trockenes Brot in sehr entschlossene Krümel zerlegte, kniff die Augen zusammen.

“Und?”

Faulmann stellte das Rad an die Buche. Er nahm die Mütze ab, klopfte Staub aus dem Rand und sah über die Lichtung, als müsse er erst prüfen, ob die Worte hier landen konnten.

“Man sieht es jetzt”, sagte er.

Mummrich hob den Kopf. “Das Feuer?”

“Nein”, sagte Faulmann. “Nicht das Feuer. Aber den Himmel darüber.”

Lioba schwieg.

Dachsbert sagte: “Das reicht meistens.”

Der Wind ging durch die oberen Zweige. Weit entfernt rief ein Eichelhäher etwas, das wie eine falsche Nachricht klang.

“Im Dorf reden sie auch davon”, sagte Dachsbert.

“Sie haben es gesehen?”, fragte Mummrich.

“Die Dorfleute sehen selten etwas direkt”, sagte Dachsbert. “Aber sie haben eine Zeitung. Und eine Bäckerei. Und eine Bushaltestelle. Das reicht meistens.”

Faulmann setzte sich.

“Was schreibt die Zeitung?”

Dachsbert zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Jackentasche. Es war an den Rändern fettig und roch nach Mohnschnecke.

“Dass auf der anderen Seite des Berges kontrolliert gebrannt werde”, sagte er. “Dass die Lage schwierig, aber beherrschbar sei. Dass man die Sorgen der Bevölkerung ernst nehme. Und dass niemand einen Zusammenhang zwischen den zugeschütteten Brunnen und dem Wassermangel herstellen solle, bevor nicht alle zuständigen Stellen Gelegenheit zur Stellungnahme hatten.”

Mummrich blinzelte.

“Das klingt nicht beruhigend.”

“Nein”, sagte Dachsbert. “Aber es klingt gedruckt.”

Lioba sah zum Bergkamm hinüber. Dort war nichts zu sehen außer Wald, Himmel und dieser alte, breite Rücken aus Stein, der schon immer so getan hatte, als ginge ihn die Welt dahinter nichts an.

“Sind dort Tiere?”, fragte sie.

Dachsbert sah sie einen Moment zu lange an. “Natürlich sind dort Tiere”, sagte sie leiser. “Es ist ja ein Wald.”

Dachsbert nickte langsam.

“Genau das steht nie in der Zeitung. Da steht nur: Der Brand liegt auf der anderen Seite des Bergkamms. Als ob ein Bergkamm eine moralische Zuständigkeitsgrenze wäre.”

Mummrich legte den Stift hin.

“Vielleicht”, sagte er vorsichtig, “müssen wir unterscheiden. Es gibt den Brand. Es gibt die Berichte über den Brand. Es gibt den Geruch des Brandes. Und es gibt die politische Wirkung der bloßen Möglichkeit, dass der Brand näherkommt.”

“Ah”, sagte Dachsbert. “Jetzt kommt der Maulwurf aus dem Begriffsschacht.”

“Ich versuche nur”, sagte Mummrich, “eine gewisse Ordnung in die Sache zu bringen.”

“Ordnung”, brummte Dachsbert. “Das sagen sie im Dorf auch. Ordnung muss sein. Erst machen sie die Brunnen dicht, dann sparen sie bei den Eimern, dann schließen sie die kleine Löschwache, weil sie angeblich nicht effizient genug brennt - pardon: löscht - und wenn einer mit dem Flammenwerfer winkt, nennen sie es ein überraschendes Signal aus der Bevölkerung.”

Faulmann sah auf.

“Mit dem Flammenwerfer?”

Dachsbert schob ihm das Zeitungsblatt hin. Unten rechts war eine Anzeige. Sie zeigte ein glänzendes Gerät mit Schulterriemen, Messingdüse und einem freundlichen Rabattstern.

PRIVATE BRANDSCHUTZINITIATIVE, stand darüber.

Darunter: ENDLICH SELBST ETWAS TUN.

Faulmann las die Zeile zweimal.

Lioba zog die Stirn zusammen. “Das ist doch kein Brandschutz.”

“Nein”, sagte Dachsbert. “Aber es ist ein Angebot.”

Mummrich nahm das Blatt, rückte seine Brille zurecht und betrachtete die Anzeige sehr genau.

“Interessant”, sagte er.

“Nein”, sagte Dachsbert. “Gefährlich.”

“Das eine schließt das andere nicht aus.”

Lioba faltete die Hände um ihre Tasse. “Warum sollte jemand so etwas kaufen?”

Dachsbert lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen.

“Weil man halt irgendwann genug davon hat, dass andere erklären, warum Wasser gerade nicht verfügbar ist.”

“Das wäre aber ein Irrtum über die Funktion des Geräts”, sagte Mummrich.

Faulmann, der bisher geschwiegen hatte, sah wieder zum Bergkamm.

“Vielleicht nicht”, sagte er.

Mummrich wartete.

“Vielleicht ist die Wahl des Flammenwerfers nicht unbedingt ein Irrtum über seine Funktion”, sagte Faulmann langsam. “Vielleicht entsteht sie gerade aus dem Wissen, dass er nicht löscht.”

Dachsbert hörte auf, das Brot zu zerkrümeln.

Faulmann sprach weiter, als taste er mit jedem Satz über eine dünne Eisfläche.

“In einer Welt, in der der Feuerwehrbär nie kommt, wird Zerstörung zur letzten beweisbaren Handlung.”

Am Waldtisch wurde es still.

Selbst der Eichelhäher schwieg. Oder er hatte nur kurz keinen Empfang.

Mummrich sah auf die Anzeige, dann zu Faulmann.

“Nicht obwohl er nicht löscht”, sagte er leise. “Sondern weil er nicht löscht.”

Dachsbert nickte kaum merklich.

“Das ist der Teil, den man nicht gerne ausspricht”, sagte er. “Der Flammenwerfer ist nicht die falsche Antwort auf die Frage nach Wasser. Er ist die Antwort auf eine ganz andere Frage.”

“Welche?”, fragte Lioba.

Dachsbert sah zum Bergkamm.

“Ob man noch irgendetwas tun kann, das Spuren hinterlässt.”

Lioba sah Faulmann an. “Das ist ein schrecklicher Satz.”

“Ja”, sagte Faulmann.

“Und ein wahrer?”

“Ich fürchte, er beschreibt etwas Wahres. Nicht alles. Aber etwas.”

Mummrich rückte näher an den Tisch.

“Man könnte sagen”, begann er, “dass der Flammenwerfer hier eine Form negativer Selbstwirksamkeit darstellt. Wer nicht mehr glaubt, die Welt gestalten zu können, erlebt wenigstens noch, dass er sie beschädigen kann.”

Dachsbert zog die Augenbrauen hoch.

“Das ist die vornehme Variante von: Wenn ich schon kein Haus bekomme, dann halt auch sonst keiner?”

“Ungefähr”, sagte Mummrich. “Nur politischer. Und gefährlicher. Es geht nicht immer darum, dass Tiere glauben, der Flammenwerfer sei ein Löschgerät. Manchmal sehen sie sehr genau, was er tut. Gerade das macht ihn attraktiv.”

Lioba schüttelte den Kopf. “Aber warum sollte das attraktiv sein?”

“Weil es wirkt”, sagte Dachsbert.

Mummrich nickte widerwillig. “Ja. Das ist der unangenehme Teil.”

Dachsbert beugte sich vor. “Die bloße Drohung mit dem Ding verändert doch schon alles. Plötzlich reden alle über Feuer. Über Brandschutz. Über die Tiere, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Über die berechtigten Sorgen derer, die mit Zündmitteln herumwedeln. Und währenddessen fragt keiner mehr, warum die Brunnen zugeschüttet wurden.”

“Manche fragen schon”, sagte Lioba.

“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber leiser.”

Faulmann nahm die Anzeige wieder in die Hand. Das Gerät sah auf dem Bild fast elegant aus. Der Flammenwerfer war in einem warmen Gelb gezeichnet, darunter standen kleine Sätze in vertrauensbildender Schrift.

FÜR ALLE, DIE NICHT LÄNGER WARTEN WOLLEN.

“Das ist das Böse daran”, sagte Mummrich. “Es verkauft sich nicht als Zerstörung. Es verkauft sich als Handlungsfähigkeit.”

“Und als Ehrlichkeit”, sagte Faulmann.

Mummrich sah ihn an.

“Die anderen versprechen Wasser”, sagte Faulmann. “Der Flammenwerfer verspricht Feuer. Und Feuer liefert er.”

Er strich mit der Pfote über die gedruckte Düse.

“Der Flammenwerfer war keine missverstandene Pumpe”, sagte er. “Er war ein Versprechen, dass wenigstens etwas sichtbar kaputtgehen würde.”

Lioba sah auf das Bild, als könne es plötzlich heiß werden.

“Das ist furchtbar”, sagte sie.

“Ja”, sagte Faulmann. “Aber es ist eine furchtbare Form von Verlässlichkeit.”

“Zynische Authentizität”, murmelte Mummrich. “Ein hässlicher Begriff. Leider brauchbar.”

Dachsbert stöhnte. “Schon wieder so ein Begriff, der klingt, als hätte jemand einen Brandsatz im Seminarraum gezündet.”

“Er passt aber”, sagte Mummrich. “Wenn alle offiziellen Stimmen als verlogen gelten, kann offene Rücksichtslosigkeit ehrlicher wirken als vorsichtige Vernunft. Der Lügner wird nicht trotz der Lüge glaubwürdig, sondern wegen ihr; weil seine Lüge zeigt, dass er die Regeln der vermeintlich heuchlerischen Ordnung verachtet.”

Dachsbert schwieg einen Moment.

Dann sagte er: “Früher hätten wir dazu gesagt: Der Typ ist ein Arschloch, aber er sagt es wenigstens laut.”

“Das ist kürzer”, sagte Mummrich.

“Und besser plakatierbar.”

Dachsbert zog noch einmal das Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt.

“Da steht noch etwas”, sagte er.

Mummrich beugte sich vor. “Noch eine Anzeige?”

“Nein. Ein Bericht aus dem Dorf hinter dem Steinbruch. Da tragen jetzt einige so graue Schutzmäntel. Dicke Dinger. Hart wie alter Lehm. Angeblich gegen Funkenflug.”

Lioba runzelte die Stirn. “Gegen Funkenflug?”

“Steht da. Praktisch, robust, zeitgemäß. Anfangs haben alle gelacht, weil man sich darin kaum noch umdrehen kann. Jetzt schreiben sie, es sehe entschlossen aus.”

“Entschlossen”, wiederholte Faulmann.

“Ja”, sagte Dachsbert. “Früher hätte man gesagt: plump. Jetzt sagt man: widerstandsfähig. Früher hätte man gesagt: trampelt alles nieder. Jetzt sagt man: setzt sich endlich durch.”

Mummrich wurde still.

“Das ist eine gefährliche Verschiebung”, sagte er dann. “Wenn das Monströse erst lächerlich wirkt, dann kraftvoll, dann notwendig, ist der Weg zur Gewöhnung nicht mehr weit.”

“Im Dorf sagen sie”, sagte Dachsbert, “man müsse die neuen Panzerträger verstehen. Sie hätten eben genug vom weichen Reden.”

“Und was zertrampeln sie?”, fragte Lioba.

Dachsbert sah sie an.

“Was im Weg ist.”

Lioba legte beide Hände um ihre Tasse. “Das ist keine Antwort.”

“Doch”, sagte Dachsbert. “Nur keine gute.”

Faulmann dachte an den Himmel über dem Kamm. An das Licht, das kein Abendlicht war. An die Anzeige mit dem Flammenwerfer. An die grauen Mäntel.

“Vielleicht”, sagte er, “ist das Schlimme nicht, dass manche sich verändern.”

“Was dann?”, fragte Mummrich.

“Dass die anderen anfangen, die Veränderung für Normalität zu halten.”

Dachsbert nickte. “Oder für Charakterstärke.”

Eine Weile schwieg der Tisch.

Dann sagte Mummrich: “Es gibt noch etwas. Feuer breitet sich nicht nur aus, weil es brennt. Es breitet sich auch aus, weil jemand trockenes Holz zusammenträgt.”

“Du meinst, jemand legt Holz nach?”, fragte Lioba.

“Nicht immer mit den Pfoten”, sagte Mummrich. “Manchmal mit Zetteln, Gerüchten und sehr entschlossenen Halbsätzen. Und das ist nicht alles. Es gibt immer jene, die vom Brand leben, bevor er sie selbst erreicht. Sie erzählen im Dorf, der Kamm sei längst verloren. Sie hängen Zettel an Brunnen: Wasser ist eine Lüge. Sie flüstern, die Löschwache habe heimlich Öl bestellt. Sie behaupten, wer keinen Flammenwerfer habe, wolle nur, dass andere hilflos bleiben.”

“Gerüchte”, sagte Faulmann.

“Mehr als Gerüchte”, sagte Mummrich. “Legenden. Kleine, nützliche Legenden. Sie müssen nicht wahr sein. Sie müssen nur den Wald so weit verwirren, dass niemand mehr weiß, welchem Eimer er trauen soll.”

Dachsbert verzog das Gesicht. “Also nicht einfach Wut von unten.”

“Nein”, sagte Mummrich. “Auch Organisation. Auch kalter Wille. Auch die, die das Durcheinander nicht erleiden, sondern herstellen.”

“Und wozu?”, fragte Lioba.

Mummrich sah zum Bergkamm.

“Damit am Ende alle sagen: So kann es nicht weitergehen. Irgendwer muss jetzt durchgreifen.”

Dachsbert schlug mit der flachen Pfote auf den Tisch. Nicht laut, aber entschieden.

“Das ist der Punkt. Erst machen sie den Wald unbewohnbar, dann verkaufen sie Ordnung.”

Faulmann sah ihn an. “Und das kaufen die Tiere?”

“Manche”, sagte Dachsbert. “Manche aus Angst. Manche aus Wut. Manche, weil sie wirklich glauben, dass ein harter Panzer besser ist als ein verletzliches Fell.”

“Und manche”, sagte Lioba leise, “weil sie wollen, dass etwas anderes auch verletzt wird.”

Alle sahen sie an.

Lioba sprach nicht lauter, aber deutlicher.

“Nicht nur: Ich habe Angst. Nicht nur: Mir fehlt etwas. Sondern: Warum soll das Nest dort drüben noch heil sein, wenn meines schon nass und kalt ist? Warum soll der Garten am Bach grün bleiben, wenn ich keinen Platz darin habe? Warum soll jemand singen, wenn ich seit Jahren nur Rauch rieche?”

Dachsbert schwieg.

“Das ist Ressentiment”, sagte Mummrich vorsichtig.

“Nein”, sagte Lioba. “Das ist erst einmal ein trauriger Satz in einem Tier. Ressentiment wird es, wenn jemand kommt und sagt:

Du musst nicht mehr traurig sein. Du darfst jetzt hassen.”

Faulmann senkte den Blick.

“Und dann?”, fragte er.

“Dann wird aus dem Mangel eine Berechtigung”, sagte Lioba. “Aus der Kränkung ein Auftrag. Aus dem Schmerz wird raffinierter Brennstoff.”

Dachsbert atmete schwer aus.

“Früher”, sagte er, “hätten wir dazu gesagt: Die falschen Leute zünden die richtigen Wunden an.”

Mummrich sah auf. “Das ist sehr gut.”

“Nicht mitschreiben.”

“Zu spät.”

Lioba sah zum Bergkamm.

“Ich will nur nicht”, sagte sie, “dass wir die Tiere, die wütend sind, so lange erklären, bis die Tiere, die sie verbrennen wollen, aus dem Bild verschwinden.”

Faulmann nickte.

“Verstehen ohne Entschuldigen”, sagte er.

“Und schützen ohne Verachten”, sagte Lioba.

Dachsbert brummte. “Und Brunnen öffnen, bevor einer behauptet, Feuer sei das ehrlichere Wasser.”

Lioba sah zwischen beiden hin und her. “Aber damit erklärt ihr immer noch nicht die, die darunter leiden werden.”

“Doch”, sagte Dachsbert leise. “Genau die meine ich.”

Lioba wartete.

Dachsbert kratzte mit der Kralle über den Tisch.

“Im Dorf haben sie vor zwei Jahren den alten Brunnen zugemacht. Zu teuer. Dann wurde der Bus am Abend gestrichen. Zu wenig Nachfrage. Dann hieß es, die Löschwache müsse zusammengelegt werden, wegen Effizienz. Die alte Frau Fink läuft jetzt eine Stunde länger zur Apotheke, wenn ihr Enkel nicht kann. Die Miete für die Maushöhlen am Bach ist gestiegen, weil irgendein Investor Waldnähe entdeckt hat. Und dann kommt einer mit einem Flammenwerfer und sagt: Die da oben haben euch vergessen.”

“Und dann glauben sie ihm?”, fragte Lioba.

“Einige glauben ihm. Andere nicht. Aber viele hören zum ersten Mal seit Langem einen Satz, in dem sie vorkommen.”

Mummrich nickte langsam. “Das ist wichtig. Aber es wäre zu bequem, den Flammenwerfer nur bei den armen Tieren zu suchen.”

Dachsbert sah auf.

“Wie meinst du das?”

“Es gibt auch viele mit trockenen Höhlen, vollen Vorratskammern und sehr gutem Ausblick auf den Brand”, sagte Mummrich. “Sie kaufen den Flammenwerfer nicht, weil ihnen Wasser fehlt. Sie kaufen ihn, weil sie fürchten, dass ihr Vorsprung kleiner wird.”

Lioba sah ihn an.

“Sie würden den eigenen Wald anzünden?”

“Wenn sie glauben, dass danach wenigstens niemand anderes näher an ihre Lichtung heranrückt”, sagte Mummrich.

Dachsbert atmete durch die Nase aus.

“Das sind mir die liebsten”, sagte er. “Sitzen im Trockenen und erklären, sie seien die eigentlichen Opfer der Feuchtigkeit. Was sie vergessen: Ein trockenes Heim brennt besonders gut.”

Mummrich nickte. “Manche wollen nicht brennen, weil sie frieren. Manche wollen Feuer sehen, weil sie Angst haben, dass andere irgendwann auch am Feuer sitzen.”

“Und die reden dann besonders gern von Ordnung”, sagte Lioba.

Dachsbert nickte. “Von Ordnung, Leistung und Verantwortung. Meistens kurz nachdem jemand vorgeschlagen hat, ihre Holzvorräte mitzuzählen.”

Faulmann sah zur Anzeige.

“Dann ist der Flammenwerfer nicht nur ein Gerät der Verzweifelten”, sagte er.

“Nein”, sagte Mummrich. “Auch ein Gerät der Besitzenden. Der Gekränkten. Derer, die lieber den eigenen Wald riskieren, als den Abstand zu den anderen kleiner werden zu lassen - oder den eigenen Wohlstand erklären zu müssen.”

“Das ist fast schlimmer”, sagte Lioba.

“Nicht fast”, sagte Dachsbert.

Mummrich nickte langsam. “Nicht jeder Griff zum Flammenwerfer ist Nihilismus. Manche wollen keinen Weltbrand. Manche wollen ein Zeichen setzen. Manche wollen, dass die Feuerwehr endlich kommt. Manche stimmen in bestimmten Fragen tatsächlich mit dem Flammenwerferverkäufer überein. Und manche sind einfach wütend genug, um die Folgen nicht mehr sauber zu trennen.”

“Das ist mir zu sauber”, sagte Lioba.

“Was?”

“Diese Unterscheidungen. Protest, Ressentiment, Zynismus, soziale Not, kulturelle Kränkung. Das mag alles stimmen. Aber wenn es brennt, brennt es für alle gemeinsam.”

Dachsbert sah sie an und nickte.

“Ja”, sagte er. “Und genau deshalb darf man den Flammenwerfer nicht romantisieren.”

“Wer romantisiert ihn denn?”, fragte Mummrich.

“Alle, die ihn nur als Symptom besprechen”, sagte Lioba. “Als Zeichen. Als Botschaft. Als Hilferuf. Vielleicht ist er das alles. Aber er bleibt ein Gerät, mit dem man andere verbrennt.”

Da knarzte die alte Linde am Rand der Lichtung.

Nicht laut. Nur einmal, tief im Stamm, als habe sie den Satz nicht kommentiert, sondern behalten.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Faulmann legte die Anzeige auf den Tisch, als sei sie ein kleines totes Tier.

“Lioba hat recht”, sagte er.

“Wenn wir nur verstehen wollen, warum jemand den Flammenwerfer wählt, und dabei vergessen, wen er trifft, haben wir schon zu viel Rauch eingeatmet.”

Dachsbert lächelte müde. “Das ist ein Satz, reserviert für die besseren Flugblätter.”

“Hattest du mal Flugblätter?”, fragte Lioba.

“Ich hatte sogar Sicherheitsnadeln”, sagte Dachsbert. “Und eine Jacke, die mehr Meinung als Stoff war.”

Lioba lächelte zum ersten Mal an diesem Nachmittag.

“Jetzt verstehe ich deine Haltung zu ordentlichen Aushängen etwas besser”, sagte sie.

Dachsbert sah sie kurz an.

“Ordentliche Aushänge sind in Ordnung”, sagte er. “Solange sie nicht so tun, als wäre Ordnung schon Gerechtigkeit.”

Dann zog er die Jacke zurecht.

“Und der Dachspunk”, sagte er, “kam später. Ich war nur ungeduldig und schon schlecht gelaunt.”

Mummrich notierte sich das.

“Nicht mitschreiben”, sagte Dachsbert.

“Zu spät.”

Der Wind drehte. Für einen Moment kam der Rauchgeruch deutlicher über den Kamm. Er war nicht stark. Aber er war da. Er legte sich über den Waldtisch, vermischte sich mit Kaffee, Brot und nasser Rinde.

Faulmann dachte an den alten Aussichtsturm. An die letzte Kehre, an der er abgestiegen war, weil der Weg zu steil wurde. An das Knacken der trockenen Zweige unter den Reifen. An den Blick über den Bergkamm. Man sah von dort oben nicht das Feuer selbst. Man sah nur die Verfärbung des Himmels, als hätte jemand hinter der Landschaft ein schlechtes Versprechen angezündet.

“Vielleicht”, sagte Faulmann, “ist das Problem auch, dass die üblichen Mittel nicht mehr so wirken, wie sie gemeint sind.”

Mummrich sah interessiert auf.

“Wasser?”, fragte Dachsbert.

“Ja. Wasser. Worte. Sparmaßnahmen. Notbremsen. Beruhigungssätze.”

Lioba nickte langsam.

“Manchmal ist ein Feuer so heiß, dass Wasser nicht mehr als Wasser ankommt”, sagte Faulmann. “Nicht im normalen Sinn. Nicht beim Küchenbrand. Aber als Bild. Das Mittel, das löschen soll, wird Teil der Reaktion.”

“Und manchmal”, sagte Mummrich, “ist ein System so überhitzt, dass selbst eine Notbremse nicht mehr bremst, sondern ruckartig alles nach vorn reißt.”

Dachsbert verzog das Gesicht.

“Eine Notbremse, die anschiebt?”

“Nur wenn vorher sehr viel falsch gebaut wurde”, sagte Mummrich.

“Das klingt nach einer Konstruktion, bei der man nicht danebenstehen möchte”, sagte Dachsbert.

“Nein”, sagte Mummrich. “Und schon gar nicht mit einem Eimer.”

“Es geht also nicht nur um die Maßnahme”, sagte Faulmann.

Mummrich nickte. “Sondern um den Zustand des Systems, in das sie fällt.”

“Dünnes Eis”, sagte Dachsbert.

“Ja”, sagte Mummrich. “Aber darunter liegt etwas.” Faulmann nahm den Gedanken auf.

“In einem vertrauensvollen Wald kann Sparsamkeit als Vorsicht gelten, sogar als notwendig”, sagte Faulmann. “In einem erschöpften Wald kann sie klingen wie: Für eure Eimer reicht es nicht mehr.”

“Und wenn gleichzeitig neue Schilder aufgestellt werden”, sagte Dachsbert, “auf denen steht: Der Brandschutz ist gesichert, dann braucht man sich über schlechte Laune nicht wundern.”

“Schlechte Laune ist nicht das Problem”, sagte Lioba. “Die Flammen sind es.”

“Ja”, sagte Mummrich. “Aber man darf nicht unterschätzen, was falsch verstandene Steuerung in einem überhitzten System anrichten kann. Man zieht an einem Hebel, auf dem notwendige Sicherung steht, und merkt zu spät, dass man nicht gebremst, sondern eine Kettenreaktion bestellt hat.”

Dachsbert sah ihn an.

“Bestellt”, sagte er. “Sehr schön. Dann kommt sie vermutlich auch noch mit Lieferschein.”

Faulmann nickte langsam.

“Dann kann eine Maßnahme, die das System retten soll, das System zum Einsturz bringen.”

“Also”, sagte Dachsbert, “man spart bei den Eimern, um den Wald zu retten, und wundert sich, dass die Tiere anfangen, Zündhölzer zu zählen.”

“Nicht nur zu zählen”, sagte Lioba.

Dachsbert schwieg.

“Ja”, sagte er dann. “Nicht nur zu zählen.”

Eine Weile sahen sie alle auf die Anzeige.

“Das ist der Vorteil des Flammenwerfers”, sagte Dachsbert schließlich. “Er muss nicht recht haben. Er muss nicht bauen. Er muss nicht halten, was andere versprechen. Er muss nur zeigen, dass nach ihm etwas anders aussieht. Und das kann er.”

“Deshalb reicht es nicht”, sagte Mummrich, “ihm zu widersprechen.”

Faulmann nickte langsam. Mehr sagte er nicht. Vielleicht war es einer dieser Sätze, die erst später eine Antwort suchen.

Später, als der Kaffee kalt geworden war und niemand mehr so recht wusste, ob noch etwas zu sagen war, stand Dachsbert auf.

“Ich brauche einen Verdauungsgang”, sagte er.

“Du hast kaum gegessen”, sagte Mummrich.

“Ich verdaue nicht nur Brot”, sagte Dachsbert.

Das war schwer zu widerlegen.

Also gingen sie los. Nicht weit. Nur den schmalen Pfad entlang, der hinter der Gemeinschaftshütte begann, an den alten Farnen vorbei und dann ein Stück in Richtung Kammweg führte.

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Faulmann schob sein Rad neben sich her. Es klickte leise im Freilauf, obwohl es gar nicht frei lief. Dachsbert ging mit den Händen in den Jackentaschen voran. Mummrich trug sein Heft, als könne es unterwegs etwas verlieren. Lioba ging langsam und blieb manchmal stehen, wenn ein Ast zu trocken knackte.

Sie sprachen wenig.

Der Rauchgeruch war nicht stärker geworden. Aber nach dem Gespräch roch er anders.

Am Rand der Lichtung kamen sie am Williamshügel vorbei.

Oder an ihm entlang.

Oder durch jene Gegend, in der William lag, stand oder einfach schon länger war, als die Unterscheidung hilfreich gewesen wäre.

Er sah aus wie ein moosiger Hügel, der irgendwann einmal beschlossen hatte, die Form eines Schildkrötenpanzers anzudeuten, ohne sich damit unnötig festzulegen. Niemand wusste, ob darunter wirklich eine sehr alte Schildkröte hibernierte oder ob der Wald nur an dieser Stelle besonders nachdenklich gewachsen war.

Dachsbert blieb kurz stehen.

“Na”, sagte er.

Der Hügel sagte nichts.

“Auch eine Position”, sagte Dachsbert.

Dann gingen sie weiter.

Der Weg machte eine kleine Schleife durch den unteren Buchenhang und führte sie schließlich wieder zurück zur Lichtung. Der Waldtisch stand noch da, mit den kalten Tassen, der gefalteten Zeitung und der Anzeige mit der gedruckten Düse. Alles sah ein wenig so aus, als habe es in ihrer Abwesenheit weiter nachgedacht.

Sie setzten sich nicht sofort.

Faulmann blieb neben seinem Rad stehen.

Mummrich schlug sein Heft auf, aber schrieb nichts.

Lioba sah auf die Anzeige.

Dachsbert kratzte sich hinter dem Ohr.

“Komisch”, sagte er.

“Was?”, fragte Mummrich.

“Ich bin mit keiner Frage losgegangen.”

“Und?”

“Jetzt habe ich eine.”

Lioba nickte langsam. “Ich auch.”

Faulmann nahm seine Mütze ab und fuhr mit der Pfote über den Rand.

“Ich glaube”, sagte er, “sie war schon unterwegs da. Ich habe sie nur nicht gleich erkannt.”

Mummrich hob den Stift.

“Welche Frage?”, fragte er.

Faulmann sah auf die Zeitung, dann auf die Anzeige, dann zum Kamm.

“Was wäre eine Handlung, die beweist, dass Reparatur stärker ist als Zerstörung?”

Mummrich schrieb den Satz auf, sehr langsam.

Dachsbert verschränkte die Arme. “Das ist eine gemeine Frage.”

“Eine gute?”, fragte Lioba.

“Meistens sind die gemeinen die guten.”

Mummrich sah auf seine Notiz. “Selbstevidente Reparatur”, sagte er leise.

Dachsbert verzog das Gesicht. “Ein Wort, das erst einen Maulwurf braucht, um schön gefunden zu werden.”

“Wirksame Reparatur”, sagte Lioba.

Dachsbert nickte. “Etwas, das man nicht glauben muss, weil es da ist.”

“Mehr als sichtbar”, sagte Faulmann. “Etwas, das nicht erst erklärt werden muss, bevor man merkt, dass es trägt.”

Dachsbert sah zum Bergkamm.

“Also kein Plakat über Wasser”, sagte er. “Wasser.”

“Brunnen öffnen”, sagte Lioba.

“Bus fahren lassen”, sagte Dachsbert.

“Löschwache nicht schließen”, sagte Faulmann.

“Und keine Rabatte auf Flammenwerfer”, sagte Mummrich.

“Auch das”, sagte Dachsbert. “Eine wehrhafte Brandschutzordnung hat noch keinem Wald geschadet.”

Faulmann sah wieder zum Kamm.

Der Rauch war dünner geworden. Oder der Wind hatte nur gedreht. Das war schwer zu sagen.

“Vielleicht”, sagte er, “besteht Hoffnung nicht darin, dass der Feuerwehrbär endlich kommt.”

Dachsbert sah ihn an. “Sondern?”

Faulmann nahm seine Mütze wieder in beide Pfoten.

“Darin, dass irgendwann genug Tiere aufhören, auf ihn zu warten - und anfangen, die Brunnen wieder freizulegen.”

Lioba nickte.

Mummrich schrieb.

Dachsbert sah noch einmal zum Williamshügel hinüber.

“Und morgen”, sagte er schließlich, “rede ich mit de Leut.”

“Über den Brand?”, fragte Lioba.

“Auch”, sagte Dachsbert. “Aber zuerst über die Brunnen. Sonst reden wir wieder nur über Rauch.”

Über dem Bergkamm lag noch immer dieser seltsame Himmel.

Nicht rot.

Nicht grau.

Eher wie eine Antwort, die sich noch nicht entschieden hatte, ob sie eine Warnung sein wollte.