Faulmann und das Fabel-Kastell
Kreuznaaf, das Naafbachtal und ein Haus mit zu vielen Namen
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Faulmann kam am späten Nachmittag von der Radtour zurück.
Er schob das Rad die letzten Meter bis zum Waldtisch, als hätte es unterwegs mehr gesehen als er selbst und müsse nun mit besonderer Rücksicht behandelt werden. Am Hinterrad klebte etwas Schlamm. An der Trinkflasche klebte etwas, das vielleicht Schlamm war, vielleicht aber auch eine Entscheidung gegen nähere Untersuchung.
Dachsbert sah auf.
“Und wo ging es hin?”
“Naafbachtal”, sagte Faulmann.
Dachsbert nickte.
“Und?”
“Schön”, sagte Faulmann.
Das war bei ihm kein kleines Wort.
Es war tatsächlich eine sehr gelungene Tour gewesen. Der Weg, der Bach, die alte Mühle, das ruhige Ineinander von Straße, Hang und Wasser. Auch das Rad hatte sich ordentlich benommen, was Faulmann nicht selbstverständlich fand.
Aber “schön” war als Beschreibung zu knapp. Es deckte die landschaftliche Ästhetik und die sportliche Zufriedenheit ab, ließ aber zugleich ahnen, dass da noch etwas anderes gewesen war.
Etwas, das nicht einfach am Wegesrand geblieben war.
Dachsbert wusste das und ließ die Stille arbeiten. Sie war dafür besser geeignet als die meisten Nachfragen.
Faulmann brühte sich einen Kaffee, setzte sich und wartete, bis auch der erste Schluck etwas gesagt hatte.
“Bei Kreuznaaf”, sagte er dann langsam, “steht doch dieses große Haus.”
“Das Schloss, das keins ist”, sagte Liora, die bisher schweigend am Waldtisch gesessen hatte.
“Genau.”
“Castell irgendwas”, sagte Dachsbert. “Oder Kastell. Oder Sonneck. Oder Steineck. Oder Geisterhaus. Ein Gebäude mit mehr Namen als gesunden Balken.”
Faulmann sah auf seine Hände.
“Ich kann mich irren”, sagte er. “Aber ich glaube, das Haus war letztes Jahr noch anders kaputt.”
Für einen Moment wurde es wieder still.
Das war im Faulwald nicht ungewöhnlich. Stille kam dort öfter vorbei und setzte sich ungefragt dazu. Meistens benahm sie sich besser als manche Gäste.
“Anders kaputt?”, fragte Mummrich.
“Ja”, sagte Faulmann. “Nicht nur verfallener. Offener. Schwarzer. Zerbrochene Scheiben. Als hätte jemand dem Haus eine letzte Ausrede genommen.”
Dachsbert verzog das Gesicht.
“Das klingt nach Feuer.”
“Das dachte ich auch.”
“Vielleicht”, sagte Faulmann, “habe ich letztes Jahr auch nicht richtig hingesehen.”
Liora blickte zu ihm.
Das tat sie manchmal, wenn ein Satz nicht sofort weitergeschoben werden sollte.
“Es gibt Gebäude”, sagte Faulmann, “die man nicht besucht. Man legt sie nur im Vorbeifahren irgendwo in sich ab. Und wenn man sie später wieder sieht, merkt man, dass das Bild dort drin inzwischen nicht mehr stimmt.”
Mummrich legte seine Zettel beiseite.
“Wir sollten das nachsehen.”
Dachsbert stöhnte.
“Natürlich sollten wir das. Ein Haus kann bei euch ja nicht einfach kaputt sein. Es muss sofort in Schichten, Phasen und Bedeutungsreste zerlegt werden.”
“Du könntest mit den Leuten reden”, sagte Faulmann.
Dachsbert richtete sich auf.
“Mit welchen Leuten?”
“Mit denen, die sagen: ‘Das weiß hier doch jeder’, und dann drei verschiedene Geschichten erzählen.”
Dachsbert nickte langsam.
“Das sind meine Leute.”
Mummrich klopfte sich Erde von den Pfoten.
“Ich gehe ins Tiefenarchiv.”
“Wie tief?”, fragte Dachsbert.
“So tief, bis die Quellen anfangen, sich gegenseitig zu widersprechen.”
“Also normal tief.”
Dachsbert stand ebenfalls auf.
“Ich könnte auch noch hinfahren”, sagte er. “Mir das mal aus der Nähe ansehen. Man muss ja wissen, worüber man redet.”
Liora, die bisher geschwiegen hatte, hob den Blick.
“Nein”, sagte sie.
Dachsbert blieb stehen.
“Nein?”
“Nicht hingehen.”
“Warum nicht?”
“Weil es vermutlich gefährlich ist. Und weil Ruinen nicht dadurch ehrlicher werden, dass man in sie hineinklettert.”
“Ich wollte nicht hineinklettern”, sagte Dachsbert.
Liora sah ihn an.
“Du wolltest ‘aus der Nähe ansehen’. Bei Dachsen ist das ein dehnbarer Begriff.”
Mummrich nickte, als habe er dafür schon Unterlagen gesehen.
Dachsbert setzte sich wieder halb hin, ohne sich ganz geschlagen zu geben.
“Also gar nicht?”
“Nicht so”, sagte Liora. “Nicht als Besichtigung.”
“Aus Vorsicht?”
“Auch.”
“Und sonst?”
“Aus Höflichkeit.”
Dachsbert sah sie an, als hätte Höflichkeit gerade unerlaubt ein technisches Problem geschaffen.
“Eine Brandruine braucht Höflichkeit?”
“Vielleicht gerade die”, sagte Liora. “Ruinen werden leicht besichtigt, als hätten sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt.”
Sie schwieg einen Moment.
“Außerdem habe ich von dem Haus früher schon gehört. Nicht hier. Anderswo. Von Leuten, die davon gesprochen haben, als sei es ein Ort, über den man lieber nur nebenbei spricht.”
Mummrich hob den Kopf.
“Aus welcher Quelle?”
“Keine, die du ordentlich abheften würdest.”
“Also eine gute”, sagte Dachsbert.
Liora lächelte schelmisch.
“Leute haben von Partys dort oben gesprochen. Rave-Partys, manchmal. Musik im verlassenen Haus, Licht in leeren Fenstern, solche Sachen. Vielleicht war vieles nur Gerede. Vielleicht auch nicht.”
“Warst du da?”, fragte Dachsbert.
Liora sah ihn an.
“Ich sagte: Leute haben davon gesprochen.”
“Das ist keine Antwort.”
“Doch”, sagte Liora. “Nur keine, die dir gehört.”
Faulmann betrachtete sie kurz und fragte nicht weiter.
Mummrich machte eine kleine Notiz.
“Gerüchte über nächtliche Nutzung”, murmelte er.
“Schreib nicht nur Gerüchte”, sagte Liora. “Schreib: Sehnsucht nach Orten, an denen niemand fragt, was man dort sucht.”
Dachsbert verzog den Mund.
“Das ist aber lang für eine Aktennotiz.”
“Für manche Dinge sind Akten zu kurz”, sagte Liora.
Danach war das Hingehen fürs Erste vom Tisch.
Nicht endgültig, natürlich. Bei Dachsbert war kaum etwas endgültig. Aber anders als vorher. Nicht mehr als Ausflug. Nicht mehr als Besichtigung.
Mummrich ging ins Archiv.
Dachsbert machte sich auf den Weg zu den Menschen. Nicht nach Kreuznaaf, jedenfalls nicht sofort. Dachsbert kannte Leute, die Leute kannten, die wieder andere Leute kannten. Das war zwar keine wissenschaftliche Methode, hatte aber den Vorteil, dass sie im Rheinland erstaunlich oft funktionierte.
“Man darf Leute nicht fragen, was sie wissen”, hatte er einmal erklärt. “Dann werden sie vorsichtig. Man muss einfach etwas Falsches behaupten. Dann erzählen sie, was sie nicht wissen.”
Liora blieb am Waldtisch.
Sie sagte nichts mehr über das Haus. Das war keine Zustimmung und kein Rückzug. Eher eine Art, dem Thema nicht gleich wieder die Hand auf die Schulter zu legen.
In den nächsten Tagen verschwand das Haus nicht.
Es stand nicht im Faulwald, natürlich. Es stand bei Kreuznaaf, am Hang, über der alten Mühle und nahe dem Punkt, an dem der Naafbach aus seinem Tal tritt. Aber manche Orte haben die unangenehme Angewohnheit, nachzureisen. Sie kommen nicht mit dem Gepäck. Sie sitzen schon da, wenn man heimkommt.
Faulmann dachte beim Kaffeekochen daran.
Einmal beim Flicken eines Schlauchs.
Einmal, als er am Waldtisch saß und sich fragte, ob Schlamm eigentlich eine Meinung habe oder nur eine sehr überzeugende Textur.
Mummrich ließ sich nicht blicken. Das konnte bedeuten, dass er nichts fand. Es konnte aber auch bedeuten, dass er zu viel fand. Bei Maulwürfen war beides äußerlich schwer zu unterscheiden.
Dachsbert kam zweimal vorbei, sagte aber jedes Mal nur: “Ich sammle noch.”
Beim ersten Mal roch er nach Regen und Bahnhofskiosk.
Beim zweiten Mal nach fremdem Kaffee und der leichten Zufriedenheit eines Tieres, dem jemand gerade ungefragt eine sehr unsichere Wahrheit anvertraut hatte.
Liora sagte wenig.
Nur einmal, als Faulmann fragte, ob sie glaube, dass an den Rave-Geschichten etwas dran sei, sah sie kurz auf.
“Es reicht manchmal”, sagte sie, “dass Leute glauben, ein Ort könne so etwas gewesen sein.”
“Warum?”
“Weil sie dann wissen, was sie selbst dort gesucht hätten.”
Mehr sagte sie nicht.
Am dritten Abend tauchte Mummrich aus dem Boden auf, was bei ihm nie ganz so dramatisch aussah, wie es klang. Man sah nur kurz seine Brille blitzen, dann war da ein kleiner Hügel, der so tat, als sei er schon immer dort gewesen.
Kurz darauf kam Dachsbert den Weg herauf.
Er setzte sich, ohne zu fragen, ob schon begonnen worden war. Das tat er immer dann, wenn er der Meinung war, dass seine Anwesenheit den Beginn ausreichend definiere.
“Also”, sagte Faulmann.
Mummrich roch nach feuchtem Papier, Erde und jener leichten Überlegenheit, die Maulwürfe entwickeln, wenn sie etwas in Archiven gefunden haben.
Dachsbert roch nach Gesprächen.
Das war kein eindeutig angenehmer Geruch, aber ein informativer.
“Es ist kompliziert”, sagte Mummrich.
“Das sagen Archive immer”, sagte Dachsbert. “Damit man sie ernst nimmt.”
Mummrich ignorierte das.
“Das Gebäude hieß wohl ursprünglich Kastell Steineck. Oder Castell Steineck. Die Schreibweise ist schon der erste Hinweis, dass Ordnung hier nur als Empfehlung galt.”
“Sehr sympathisch”, sagte Dachsbert.
“Es begann wohl in den 1930er Jahren als privates Wohnhaus am Hang. Später wurde daraus eine Lederwaren-Manufaktur. Ab 1943.”
“Lederwaren”, sagte Faulmann.
“Ja. Aber nicht Faber-Castell.”
Dachsbert hob den Kopf.
“Moment. Ich habe mindestens zweimal gehört, das sei Faber-Castell gewesen.”
“Das ist das Problem mit mindestens zweimal”, sagte Mummrich. “Es klingt schnell wie ein Beleg.”
Er zog einen Zettel hervor.
“Die Spur ist verführerisch. Castell. Lederwaren. Etuis. Schreibmappen. Ein Name, der nach Graf, Bleistift und gutem Schreibtisch riecht. Aber die Recherche spricht eher dagegen. Es scheint lokale Mythenbildung zu sein.”
Dachsbert sah ein wenig beleidigt aus.
“Ich habe also Mythen gesammelt.”
“Das ist auch Arbeit”, sagte Faulmann.
“Nicht sehr angesehene.”
“Doch”, sagte Liora. “Man muss nur wissen, dass es Mythen sind.”
Mummrich nickte.
“Das Problem”, sagte er, “ist, dass die falsche Geschichte leider die bessere Überschrift hat.”
Dachsbert lachte.
“Das ist bei Geschichten häufig so.”
“Ja”, sagte Mummrich. “Deshalb sind Archive so müde.”
Er blätterte weiter.
“Nach der Lederwarenphase kamen wohl Ford-Schulungen. Ein Schulungs- und Tagungszentrum, in den fünfziger und sechziger Jahren. Danach, ab 1967, ein Tagungshotel.”
Dachsbert seufzte.
“Seminarorte.”
“Du kennst welche?”, fragte Faulmann.
“Ich kenne den Typus”, sagte Dachsbert. “Zu viele Kaffeekannen, zu wenig Fenster, durch die man unauffällig verschwinden kann.”
“Später”, sagte Mummrich, “von 1989 bis 1992, wurde der Komplex als Übergangsheim genutzt. Für DDR-Übersiedler, Aussiedler und Asylbewerber.”
Da sagte für einen Moment niemand etwas.
Liora drehte ein kleines trockenes Blatt zwischen den Pfoten. Es war unklar, wann sie es aufgehoben hatte. Vielleicht vorher. Vielleicht gerade eben. Manche Dinge erscheinen bei Liora einfach, wenn sie gebraucht werden.
“Übergangsheim”, sagte sie. “Das klingt, als wäre der Ort selbst unwichtig. Als müsste man nur hindurch.”
Mummrich sah von seinen Notizen auf.
“Ja.”
“Aber Übergänge sind oft die Stellen, an denen ein Leben am wenigsten Kulisse ist.”
Faulmann sah zum Rand des Tisches.
“Für manche war das kein Geisterhaus”, sagte Liora. “Sondern ein Zimmer. Einer dieser Orte, an denen das Gestern noch nicht vorbei ist und das Morgen noch keinen Namen hat.”
Dachsbert schob seine Teetasse ein Stück von sich weg.
“Das macht die Geschichte komplizierter.”
“Nein”, sagte Liora. “Nur weniger bequem.”
Mummrich nickte, und diesmal schrieb er nichts auf.
Das war bei ihm eine Form von Respekt.
“Und dann?”, fragte Faulmann.
“Dann Leerstand”, sagte Mummrich. “Und Pläne. Viele Pläne.”
Dachsbert rieb sich die Stirn.
“Pläne sind für alte Gebäude fast so gefährlich wie Regen.”
“1996”, sagte Mummrich, “kaufte ein Dachdecker das Anwesen bei einer Zwangsversteigerung.”
“Ein Dachdecker ist für ein Haus doch erst einmal eine gute Nachricht”, sagte Dachsbert.
“Nur teilweise. Er sanierte Dächer und veränderte das Erscheinungsbild. Diese schloss- oder burgähnlichen Anteile, die heute so ins Auge fallen - Türmchen, Schmuck, Sonnenzeichen, das ganze Castell-Sonneck-Gewand - stammen offenbar wesentlich aus dieser nachträglichen Umgestaltung.”
Faulmann sah auf.
“Also war das Schloss gar nicht immer das Schloss?”
“Nein”, sagte Mummrich. “Das Haus wurde nachträglich in Richtung Schloss erzählt.”
Dachsbert lehnte sich zurück.
“Das ist schon bemerkenswert”, sagte er. “Er kam wegen des Dachs und brachte Türmchen mit.”
“Ein Gebäude”, sagte Faulmann, “das sich verkleidet hat?”
“Oder verkleidet wurde”, sagte Liora.
“Das ist schlimmer”, sagte Dachsbert. “Ich kann mich selbst wenigstens günstig schlecht ankleiden. Wenn andere das tun, wird es meistens teuer.”
Es sah nicht aus wie ein Schloss. Eher wie ein Gebäude, dem jemand später eingeredet hatte, es könne eines werden. Das Burgartige war nicht Ursprung, sondern Nachrede aus Dach, Schmuck und Hoffnung.
Mummrich schob den Zettel weiter.
“Nach dem Dachdecker kamen weitere Eigentümerwechsel, Sanierungsversuche, Investorenprojekte, Luxuswohnungspläne. Sechzehn Wohnungen. Castello Kreuznaaf. Contemporary Country and Automotive Living.”
Dachsbert schloss kurz die Augen.
“Das hat wirklich jemand gesagt?”
“Offenbar.”
“Freiwillig?”
“Vermutlich sogar beruflich.”
Dachsbert nahm seine Teetasse.
“Ich finde, man sollte manche Gebäude schon aus sprachlichen Gründen nicht umbauen dürfen.”
Faulmann lächelte.
“Automotive Living”, sagte er. “Vielleicht Wohnen mit Parkplatzgefühlen.”
“Das erklärt einiges”, sagte Dachsbert. “Aber nicht genug.”
Liora sah in die Mitte des Tisches.
“Und dann kam das Feuer.”
Mummrich schob einen anderen Zettel nach vorn.
“Am 3. September 2025. Großbrand. Mehrere Brandherde, soweit berichtet wurde. Die Feuerwehr war mit vielen Kräften vor Ort. Es gab Nachlöscharbeiten. Verdacht auf Brandstiftung.”
Faulmann nickte langsam.
“Das erklärt, warum es anders aussah.”
“Nicht ganz”, sagte Liora.
Alle sahen sie an.
“Es erklärt, was passiert ist. Nicht, warum es anders wirkte.”
Dachsbert stellte die Tasse wieder ab.
“Das ist jetzt wieder sehr Füchsin.”
“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber vorher war es ein verfallenes Haus, in das Geschichten hineingerieten. Nach dem Feuer sieht man, dass auch Geschichten brennen können. Oder wenigstens die Orte, an denen sie sich verstecken.”
Mummrich notierte nichts.
Schon wieder.
“Die Feuerwehr hatte dort übrigens schon 2024 geübt”, sagte er nach einer Weile. “Ein Szenario mit illegalem Rave, Brand, Verletzten, schwieriger Rettung am Hang.”
Liora sah auf.
“Rave?”
“Ja.”
“Das passt”, sagte sie leise.
“Zu deinem Gerede?”
“Zu dem, was Leute aus leeren Häusern machen, wenn sie sonst keinen Ort finden.”
“Musik?”, fragte Dachsbert.
“Auch.”
“Und?”
Liora zuckte kaum merklich mit den Schultern.
“Unzuständigkeit. Ein paar Stunden lang.”
Faulmann ließ den Satz liegen.
Das war meistens besser.
“Eine Übung”, sagte er nach einer Weile.
“Ja”, sagte Mummrich.
“Und ein Jahr später brannte es.”
“Nicht ganz ein Jahr später. Im September 2025.”
“Das macht es nicht besser.”
“Nein.”
Liora sah auf das Blatt zwischen ihren Pfoten.
“Manchmal probt ein Ort seine Zukunft”, sagte sie. “Und alle hoffen, es bleibt bei der Probe.”
Der Waldtisch wurde stiller.
Die alte Mühle unten bei Kreuznaaf war einfacher zu verstehen. Wasser, Rad, Welle, Stein, Brot. Später Turbine. Dann Stillstand. Auch das war traurig genug, aber wenigstens geradlinig.
Das Haus am Hang war weniger freundlich zur Erzählung.
Es war kein Schloss, aber es sah irgendwann so aus.
Es war keine Faber-Castell-Geschichte, aber klang fast so.
Es war ein Wohnhaus, eine Manufaktur, eine Schulungsstätte, ein Hotel, ein Übergangsheim, ein Spekulationsobjekt, ein Geisterhaus, ein Gerücht und schließlich eine Brandruine.
Die Mühle unten war aus der Kraft des Wassers entstanden.
Das Haus oben aus der Kraft wechselnder Absichten.
“Lost Place”, sagte Liora. “Das klingt immer, als sei nur der Ort verloren gegangen.”
Dachsbert sah sie an.
“Und?”
“Vielleicht gehen dort auch andere Dinge verloren. Zuständigkeit. Erinnerung. Vorsicht. Manchmal Respekt.”
“Das ist wieder sehr lang für ein Ortsschild”, sagte Dachsbert.
“Darum steht es auch auf keinem”, sagte Liora.
“Fabel-Kastell”, sagte Dachsbert plötzlich.
Faulmann sah ihn an.
“Was?”
“So müsste man es nennen. Nicht Faber-Castell. Fabel-Kastell. Weil jeder etwas hineinlegt und dann behauptet, es sei schon vorher drin gewesen.”
Mummrich zog die Stirn kraus.
“Das ist etymologisch unzulässig.”
“Dann passt es ja”, sagte Liora.
Dachsbert zeigte erfreut auf sie.
“Genau.”
Mummrich sah zwischen beiden hin und her.
“Ich möchte festhalten, dass ich dagegen bin.”
“Festhalten darfst du”, sagte Dachsbert. “Verhindern nicht.”
“Fabeln sind nicht immer falsch”, sagte Liora. “Sie sagen nur selten genau das, was passiert ist.”
“Sehr gut”, sagte Dachsbert. “Dann kann ich ja doch recht gehabt haben.”
“Nein”, sagte Mummrich.
“Schade.”
Faulmann sah zum Weg, der aus dem Wald hinausführte, ohne deshalb schon irgendwo Bestimmtes anzukommen.
Er dachte an die Stelle bei Kreuznaaf. An den Beginn des Naafbachtals. An den Bach unten. An den Hang. An das Haus, das ihm früher nur nebenbei bewusst gewesen war.
Man kann lange an etwas vorbeikommen und es nicht sehen.
Dann fehlt plötzlich ein Dach, eine Wand ist schwarz, ein Fenster blickt anders zurück, und der Ort tritt aus dem Hintergrund.
Vielleicht ist Erinnerung manchmal nur das nachträgliche Erschrecken darüber, dass etwas schon die ganze Zeit da war.
“Man müsste noch einmal hin”, sagte Mummrich.
“Nicht hinein”, sagte Liora.
“Nein”, sagte Faulmann. “Nicht hinein.”
Dachsbert nickte.
“Von außen reicht. Innen ist bei solchen Häusern meistens sowieso zu viel Innen.”
Der Abend wurde kühler.
Am Waldtisch blieben die Zettel liegen, die Gerüchte, das trockene Blatt und ein wenig Schlamm von Faulmanns Radschuhen.
Unten bei Kreuznaaf lief der Bach weiter.
Das Haus blieb am Hang.
Mehr war an diesem Abend nicht zu ordnen.