Sie waren nicht zum ersten Mal dort.

Das machte den Besuch leichter. Beim ersten Mal hatte Faulmann noch das Gefühl gehabt, sich im Museum für Ostasiatische Kunst ordentlich benehmen zu müssen, als könne irgendwo zwischen Keramik, Tusche und stillen Vitrinen ein kleines Schild auftauchen: “Bitte nicht zu deutlich denken.”

Beim zweiten Mal trafen sie sich einfach auf einen Kaffee.

Liora war schon da, als Faulmann kam. Sie saß im Lichthof, eine Tasse vor sich, den Blick auf den japanischen Garten gerichtet. Der Garten tat, was japanische Gärten in Museen tun: Er war still, ohne beleidigt zu wirken, und bestand aus wenigen Dingen, die offensichtlich genug waren, um übersehen zu werden.

Steine. Pflanzen. Wasser. Zwischenräume.

Faulmann stellte seinen Kaffee ab und ließ sich in einen der Sitzsäcke sinken. Das gelang ihm mit jener Würde, die entsteht, wenn ein Bär beschlossen hat, für kurze Zeit ein Möbelproblem zu sein.

“Schön hier”, sagte er.

Liora nickte. “Ja.”

Eine Weile sagten sie nichts. Das war angenehm. Museen verlangen oft zu früh Sätze von einem. Als müsste jedes Bild sofort in Sprache umgetauscht werden, bevor es ungültig wird.

Faulmann sah hinüber zur Hasen-Kannon.

“Sie steht immer noch da”, sagte er.

“Das tun Skulpturen gelegentlich”, sagte Liora.

“Nein”, sagte Faulmann. “Ich meine: anders. Beim ersten Mal stand sie vor mir. Jetzt steht sie irgendwie mit im Raum.”

Liora sah ihn an. “Das ist eine ziemlich gute Beobachtung.”

Faulmann nahm einen Schluck Kaffee.

“Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich mich an sie gewöhnt habe.”

“Das ist nicht dasselbe”, sagte Liora. “An manche Dinge gewöhnt man sich nicht. Man hört nur auf, sich gegen sie zu verteidigen.”

Faulmann schwieg kurz. “Die Pfoten”, sagte er dann.

Liora lächelte kaum sichtbar. “Ja. Die Pfoten.”

“Nicht segnend.”

“Nein.”

“Nicht bittend.”

“Auch nicht ganz.”

“Eher, als würde sie etwas zusammenhalten.”

Liora stellte ihre Tasse ab. “Vielleicht hält sie genau das zusammen, was bei dieser Figur auseinanderfallen müsste.”

Faulmann drehte den Kopf zu ihr.

“Jetzt kommt der Teil, in dem du mehr weißt.”

“Ich fürchte ja”, sagte Liora. “Aber ich bemühe mich, nicht unangenehm zu werden.”

“Das wäre neu.”

“Für uns beide.”

Sie sah wieder zur Figur.

“Usagi heißt Hase. Kannon ist die japanische Form von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Also steht da, sehr knapp gesagt, eine Hasenform des Mitgefühls.”

“Ein zuständiger Hase”, sagte Faulmann.

“Ein sehr zuständiger Hase”, sagte Liora. “Aber nicht niedlich. Oder jedenfalls nicht nur. Der Hase bringt vieles mit. Verletzlichkeit. Fruchtbarkeit. Fluchtbereitschaft. Wiederkehr. Und bei Ikemura, nach Fukushima, auch Versehrtheit.”

Faulmann sah zur Bronze hinüber. “Er sieht aus, als hätte er zu viel gehört.”

“Vielleicht ist das bei großen Ohren unvermeidlich”, sagte Liora. “Aber ja. Diese Figur hört nicht nur. Sie trägt etwas nach.”

Im Lichthof klirrte irgendwo eine Tasse. Ein Besucher ging sehr langsam an einer Vitrine vorbei, mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gerade versuchte, achthundert Jahre alte Keramik durch konzentriertes Nicken zu verstehen.

Faulmann mochte ihn sofort.

“Und dann kommt noch Maria dazu”, sagte Liora.

Faulmann sah sie vorsichtig an. “Maria?”

“Schutzmantelmadonna”, sagte Liora. “Eine Figur, unter deren Mantel man Zuflucht findet. In der europäischen Kunst gibt es diese Vorstellung sehr lange. Menschen stehen unter dem Mantel der Mutter, der Fürsprecherin, der Schützenden. Bei Ikemura wird dieser Mantel zu einem begehbaren Rock. Oder zu einer Höhle. Oder zu einem Schrein. Man sieht den Schutz nicht nur. Man kann unter ihn treten.”

Faulmann räusperte sich. “Das ist im Deutschen nicht ganz ungefährlich.”

“Nein”, sagte Liora. “Sobald man unter einem Rock steht, steht unsere Sprache daneben und grinst.”

“Rockzipfel”, sagte Faulmann.

“Genau.”

Liora nahm ihre Tasse wieder auf, trank aber nicht. “Das ist die europäische Peinlichkeit an der Sache. Schutz wird schnell als Abhängigkeit gelesen. Geborgenheit als Unmündigkeit. Trost als etwas, wofür man sich besser entschuldigt.”

Faulmann sah zur Hasen-Kannon.

“Und sie steht einfach da.”

“Ja”, sagte Liora. “Sie steht einfach da und macht aus dieser Peinlichkeit einen Raum.”

Das fand Faulmann sehr ordentlich formuliert. Er sagte es aber nicht, weil Liora bei zu viel Zustimmung manchmal aussah, als müsse sie ihre eigene Klugheit wieder einfangen.

“Und der Angsthase?”, fragte er.

Liora legte den Kopf leicht schief. “Das ist vielleicht die schönste deutsche Fehlleistung. Der Hase als Spottfigur der Angst. Aber hier wird daraus fast das Gegenteil. Diese Kannon schützt nicht, weil sie angstfrei wäre. Sie schützt, weil sie Angst kennt.”

Faulmann sah auf seine eigenen Pfoten.

“Also kein Denkmal gegen die Angst.”

“Nein.”

“Eher eines dafür, dass Angst einen Ort braucht.”

“Und nicht ausgelacht werden sollte”, sagte Liora.

Im Lichthof bewegte sich kaum etwas. Der Garten schwieg weiter in seiner höflichen Weise. Ein paar Blätter lagen so genau an der richtigen Stelle, dass man nicht wusste, ob sie gefallen oder arrangiert worden waren. Das ist bei japanischen Gärten manchmal die Grundfrage. Bei manchen Menschen übrigens auch.

Faulmann blickte wieder zur Figur.

“Im asiatischen Kontext wäre die Ironie anders, oder?”, fragte er.

“Ja”, sagte Liora. “Kannon ist ohnehin wandelbar. Sie kann viele Formen annehmen. Ein Hasenwesen ist dort vielleicht weniger absurd als für einen europäischen Museumsbesucher. Aber die Ambivalenz bleibt. Nur anders. Der Hase ist Mondtier, Opferwesen, Fruchtbarkeitssymbol. Und nach Fukushima wird auch diese Symbolik beschädigt. Dann erscheint Mitgefühl nicht rein und unversehrt. Sondern als verletzter Schutzkörper.”

Faulmann nickte langsam. “Also überall schwierig. Nur unterschiedlich schwierig.”

“Das ist meistens die beste Sorte schwierig”, sagte Liora.

Sie tranken ihren Kaffee aus. Danach blieben sie noch sitzen, weil niemand sie aufforderte, den Lichthof sinnvoller zu nutzen.

Faulmann dachte an die dunkle Öffnung im Körper der Figur. An diesen Raum unter ihr, der zugleich Mantel, Rock, Höhle und Zuflucht war. Man konnte hineingehen. Man konnte sich darunter stellen. Man konnte auch davor stehen bleiben und so tun, als sei man nur kunsthistorisch interessiert.

Das Museum ließ beides zu. Das war vielleicht seine Freundlichkeit.

“Man wird beim Anschauen ein bisschen erwischt”, sagte Faulmann.

“Wobei?”

“Dabei, Schutz zu brauchen.”

Liora sah ihn an. “Ja”, sagte sie. “Vielleicht ist das der unangenehme Teil.”

“Ich dachte, der unangenehme Teil sei der Sitzsack.”

“Der auch.”

Faulmann versuchte, sich würdevoll etwas aufzurichten. Der Sitzsack nahm das zur Kenntnis und blieb unbeeindruckt.

Später, zurück im Wald, sahen sie tatsächlich einen Hasen.

Er saß am Rand des Weges zwischen Farn und altem Laub. Die Ohren aufgerichtet, die Vorderpfoten dicht an den Körper gezogen. Er sah nicht feige aus. Nur sehr genau informiert über die Welt.

Faulmann blieb stehen. “Da ist sie wieder”, sagte er leise.

Liora antwortete nicht sofort.

Der Hase sah sie an. Dann verschwand er mit einem kleinen Satz im Unterholz, als habe er beschlossen, dass Mitgefühl gut sei, Abstand aber ebenfalls.

Faulmann sah ihm nach.

“Ein Angsthase”, sagte er.

“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber einer mit sehr guten Gründen.”

Sie gingen weiter. Der Wald war nicht stiller als sonst, aber Faulmann hörte ihn anders. Vielleicht lag das an der Hasen-Kannon. Vielleicht am Kaffee. Vielleicht auch nur daran, dass manche Figuren nicht im Museum bleiben, wenn man nach Hause geht.

Eine stand nun irgendwo in ihm. Mit großen Ohren. Mit kleinen Pfoten. Und mit einem Raum darunter, in den man sich stellen konnte, ohne gleich erklären zu müssen, warum.