Captain Faulmann kam aus der Stadt zurück, als der Nachmittag schon etwas ausgefranst war.

Sein Fahrrad knirschte über den schmalen Weg zum Waldtisch. Im Flaschenhalter hing eine halb leere Wasserflasche. Auf ihr klebte noch ein Rest Papier. Irgendetwas mit Demokratie. Man konnte es nicht mehr ganz lesen, was vermutlich kein gutes Zeichen war, aber auch kein völlig überaschendes.

Faulmann stellte das Rad an die Buche, nahm die Mütze ab und pfiff.

Nur die Melodie. Keinen Text. Eine alte, dunkle kleine Linie, die man sofort kannte, ohne gleich zu wissen, woher. Sie kam in Bögen, kehrte zurück, ließ Platz für andere Stimmen.1

Dachsbert fuhr hoch.

“Wehrt euch, leistet Widerstand!”, sang er, erstaunlich inbrünstig für jemanden, der kurz zuvor noch so ausgesehen hatte, als sortiere er bloß Zettel.

Die Krähen auf der Fichte schwiegen erschrocken. Das taten sie selten. Es war ihnen unangenehm.

Dachsbert sang nicht schön, aber mit einer Überzeugung, die Schönheit in diesem Moment auch etwas kleinlich wirken ließ. Er setzte noch einmal an, stärker, als stünde hinter dem Waldtisch ein Bauzaun, ein Wasserwerfer oder wenigstens ein sehr selbstzufriedener Pressesprecher.2

Faulmann sah ihn an.

“Das kam schnell.”

“Das sitzt noch”, sagte Dachsbert und räusperte sich. “Manche Dinge vergisst der Körper nicht. Sitzblockaden. Kalte Füße. Vollkornbrot von politisch zuverlässiger, aber kulinarisch schwieriger Herkunft.”

Liora legte den Kopf schräg.

“Das wundert mich jetzt gar nicht.”

“Was genau?”

“Alles daran.”

Dachsbert nahm das als Anerkennung. Oder als etwas, das nahe genug daran lag.

“Wyhl”, sagte er dann. “Brokdorf. Später die Friedensbewegung. Irgendwann sang man diese Melodie, und plötzlich war ein neuer Text da. Niemand hatte ihn beschlossen. Kein Antrag, keine Tagesordnung, kein Ausschuss für gemeinschaftliches Singen. Einer fing an, dann mehrere, dann alle.”

Er sah auf den Tisch, als läge dort noch die nasse Wiese von damals.

“Das war das Merkwürdige. Eine Melodie, die alle aus der Schule kannten, stand plötzlich am Bauzaun.”

“Heute habe ich einen anderen Text gehört”, sagte Faulmann.

Dachsbert sah auf.

“Wieder Protest?”

“Ja. Gegen Faschismus. Dieselbe Melodie. Andere Bedrohung. Andere Plakate. Ähnliche Gesichter, nur mit besseren Regenjacken.”3

“Die Melodie hat Ausdauer”, sagte Dachsbert.

“Mehr als manche politische Bildung”, sagte Liora.

Mummrich, der neben dem Tisch aus einem Maulwurfshügel ragte und dadurch wieder wirkte, als habe ihn jemand halb in eine Fußnote gesteckt, öffnete sein Notizbuch.

“Man sollte allerdings vorsichtig sein”, sagte er. “Der deutsche Text mit Wagen, Regen und goldenen Garben hat nicht gerade demokratische Wurzeln.”

Dachsbert seufzte.

“Ich ahnte, dass der Nachmittag noch schwierig wird.”

“Nur präzise”, sagte Mummrich. “Schwierig ist eine Nebenwirkung.”

Er rückte seine Brille zurecht.

“Die Melodie ist viel älter als der deutsche Erntetext. Aber dieser Text - Wagen anspannen, Regen, Garben holen - wird, soweit man ihn greifen kann, erst spät sichtbar. Ende der dreißiger Jahre. Arbeitsdienst, Arbeitsmaiden, Frauengruppen. Kein unbelasteter Acker.”4

Faulmann sah auf die Tischplatte.

“Also hat das Lied Gepäck.”

“Mit Wagen”, sagte Liora.

Mummrich nickte ernst.

“Und genau deshalb ist es interessant. Die Szene wirkt harmlos: Ernte, Wetter, Land. Aber eigentlich ist sie ein Kommando. Etwas ist gewachsen, aber noch nicht sicher. Der Wind treibt Regen heran. Jetzt muss gehandelt werden.”

Dachsbert murmelte den alten Erntetext an. Nur ein Stück. Genug, um den Wagen zu hören. Nicht genug, um so zu tun, als sei alles einfach.

“Das ist kein Idyll”, sagte Liora. “Das ist Logistik unter Wetterdruck.”5

“Ein sehr deutsches Genre”, sagte Dachsbert.

Faulmann lächelte schwach.

“Vielleicht deshalb die Beliebtheit.”

Liora hatte einen kleinen Zweig vom Tisch genommen und drehte ihn zwischen den Fingern. Nun legte sie ihn wieder hin.

“Und wenn man weiter zurückgeht”, sagte sie, “wird es nicht harmloser. Eher hungriger.”

“Hungriger?”, fragte Dachsbert.

“Die englische Fassung. ‘Hey ho, nobody home’. Frühe Neuzeit. Kanontradition. Da geht es nicht um Garben, sondern um Mangel. Kein Fleisch, kein Getränk, kein Geld. Ein Lied, das an Türen klopft.”6

Faulmann schwieg kurz.

“Also stand am Anfang nicht die Ernte.”

“Am Anfang stand ein leerer Topf”, sagte Liora.

Das blieb auf dem Waldtisch liegen.

Mummrich nickte anerkennend.

“Eine knappe, aber tragfähige Zusammenfassung.”

“Ich bemühe mich.”

“Erfolgreich.”

Dachsbert kratzte mit einer Kralle über das Holz.

“Das macht die Garben nicht weniger politisch.”

“Nein”, sagte Liora. “Eher mehr. Die deutsche Fassung verschiebt den Hunger nur. Nicht: Wir haben nichts. Sondern: Wir könnten etwas haben, wenn wir es rechtzeitig retten.”

Faulmann sah zum Himmel. Es war kein Regen zu sehen. Aber das bedeutete im Wald bekanntlich wenig.

“Und dann wurde aus dem Hunger noch eine Rose”, sagte Liora.

Dachsbert blinzelte.

“Wie bitte?”

“‘Rose, Rose’”, sagte sie. “Eine geglättete englische Variante. Plötzlich ist der leere Topf verschwunden, und es bleibt eine saubere kleine Melodie über Rose, Heirat und bürgerliche Harmlosigkeit.”7

“Ich misstraue allem, was zu sauber aus der Kulturgeschichte kommt”, sagte Dachsbert.

“Das ist einer deiner vernünftigeren Grundsätze”, sagte Liora.

“Also”, sagte Faulmann langsam, “erst Hunger. Dann Rose. Dann Garben. Dann Arbeitsdienst. Dann Schule. Dann Protest.”

“Und zwischendurch vermutlich viele Leute, die dachten, es sei einfach nur ein Lied”, sagte Mummrich.

“Das sind oft die gefährlichsten Lieder”, sagte Dachsbert. “Die einfachen.”

Faulmann pfiff die Melodie wieder an. Diesmal wurde sie nach einigen Takten heller, luftiger, fast französisch.

“Vent frais”, sagte er.

Liora lächelte sofort.

“Vent du matin.”

“Da ist derselbe Wind plötzlich freundlich”, sagte Faulmann. “Kühler Wind, Morgenwind, große Kiefern. Kein Regen, keine Garben, kein Wagen. Man geht hinaus und findet die Welt kurz vor dem Frühstück erfreulich.”

“Französisch kann selbst Zugluft besser anziehen”, sagte Dachsbert.

“Im Französischen ist der Wind Einladung”, sagte Liora. “Im Deutschen ist er Warnung. Im Englischen klopft jemand hungrig an. In der Rose-Fassung wird alles geglättet. Und im Protest wird daraus ein Ruf, zusammenzubleiben.”8

“Eine ziemlich beschäftigte Melodie”, sagte Faulmann.

“Man könnte sie zusammen singen”, sagte Liora.

Dachsbert sah misstrauisch auf.

“Was heißt zusammen?”

“Deutsch, französisch, englisch. Vielleicht ein Stück Rose. Ein Quodlibet. Keine Vorführung. Eher eine Waldprobe. Jede Stimme trägt eine andere Erinnerung derselben Melodie.”9

“International”, sagte Faulmann.

“Unübersichtlich”, sagte Dachsbert.

“Also international”, sagte Mummrich.

Ein Eichelhäher landete auf einem Ast über ihnen und machte ein Geräusch, das nicht Zustimmung bedeutete, aber auch nicht das Gegenteil. Bei Eichelhähern war das oft die genaueste Form von Teilnahme.

Die Krähen rückten auf der Fichte näher zusammen.

“Ich übernehme nicht Rose”, sagte Dachsbert.

“Niemand hat dich gebeten”, sagte Liora.

“Ich wollte nur frühzeitig klare Verhältnisse schaffen.”

Faulmann pfiff den Anfang.

Dachsbert fiel sofort wieder mit dem alten Protesttext ein, diesmal etwas leiser, aber immer noch mit jener Inbrunst, die irgendwo zwischen Bauzaun und schlechtem Vollkornbrot wohnte.

Liora setzte den Morgenwind dagegen, hell und ruhig.

Mummrich suchte die englische Hungerzeile, fand sie beim zweiten Versuch und war darüber sichtbar erleichtert.

Der Eichelhäher warf eine schräge, glänzende Stimme darüber. Die Krähen kamen einen Takt zu spät, aber mit großem Ernst. Es klang, als hätten sie die Molltonart erfunden und seien enttäuscht, dass andere sie auch benutzten.

Für einen Moment war es kein Lied mehr aus einer Zeit.

Es war ein kleines Durcheinander aus Hunger, Ernte, Rose, Regen, Widerstand und Wind. Nicht schön im üblichen Sinn. Eher brauchbar. Wie ein alter Wagen, der noch einmal anrollt, obwohl niemand ihm das ganz zugetraut hätte.

Dann verstummten sie.

Der Wald hörte noch ein wenig weiter.

Dachsbert sah auf seine Zettel. Auf einem stand “Rauch”. Auf einem stand “Windrichtung”. Auf einem stand nur “hm”.

“Man sollte”, sagte er, “die Vögel beim nächsten Mal vorher einweisen.”

“Nein”, sagte Liora.

Faulmann setzte die Mütze wieder auf.

Irgendwo jenseits des Bergkamms war der Rauch noch nicht ganz verschwunden. Aber für einen Augenblick hatte er Gegenwind bekommen.

  1. Die Melodie gehört zu einer Familie von Kanons, die weit älter ist als der deutsche Text. In der Recherche führt die Spur nach England, zu Rundgesängen der Frühen Neuzeit. Es ist also eine dieser Melodien, die schon unterwegs waren, bevor jemand glaubte, sie gehörten einem bestimmten Schulbuch. 

  2. Die Protestfassung “Wehrt euch, leistet Widerstand” wurde besonders mit der westdeutschen Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre verbunden, unter anderem im Umfeld von Wyhl, Brokdorf, Grohnde und Gorleben. Wie bei vielen Demonstrationsliedern ist die genaue Urheberschaft schwer zu greifen. Das passt leider gut zu Liedern, die plötzlich allen gehören. 

  3. Die Melodie blieb auch nach der Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung politisch verwendbar. Aus dem Atomkraftwerk konnten andere Bedrohungen werden: Raketen, Rassismus, Faschismus, Milliardengräber. Der Kanon ist dabei weniger wählerisch als die Geschichte, was nicht unbedingt ein Trost ist. 

  4. Der deutsche Erntetext “Hejo, spann den Wagen an” ist quellenkritisch nicht so alt, wie er oft wirkt. Sichere Belege führen in die späten 1930er Jahre, unter anderem in Liederbücher aus dem Umfeld von Reichsarbeitsdienst, Arbeitsmaiden und Frauengruppen. Daraus folgt nicht, dass jede spätere Verwendung verdächtig wäre. Aber es folgt, dass Harmlosigkeit hier kein Naturzustand ist. 

  5. Die Ernteszene erzählt nicht vom Säen, nicht vom Wachsen und auch nicht vom Fest nach getaner Arbeit. Sie setzt genau in dem Moment ein, in dem das Gewachsene noch verloren gehen kann. Die Garben sind gebunden, aber noch nicht geborgen. Ein Lied über Sicherung also. Das klingt weniger romantisch, ist aber vermutlich wahrer. 

  6. Die englische Fassung “Hey ho, nobody home” ist mit der Tradition der Catches und Heischelieder verbunden. Der Text handelt von Mangel: kein Fleisch, kein Getränk, kein Geld. Der Gesang ist hier nicht Dekoration, sondern Bitte. Oder, weniger freundlich gesagt: eine musikalisch anständige Art, Hunger mitzuteilen. 

  7. “Rose, Rose” gilt als spätere, geglättete englische Variante derselben Melodiefamilie. Wo vorher Mangel, Trinken, Geld und soziale Bedürftigkeit hörbar waren, erscheint nun eine bürgerlichere, sauberere Szene. Kulturgeschichte hat gelegentlich die Angewohnheit, erst aufzuräumen und dann zu behaupten, es sei immer so ordentlich gewesen. 

  8. “Vent frais, vent du matin” ist die französische Variante, in der der Wind nicht als Bedrohung erscheint, sondern als frische, fast heitere Naturerfahrung. Im Deutschen treibt der Wind Regen über das Land. Im Französischen weht er durch große Kiefern. Man muss Nationen nicht aus Liedern erklären. Aber manchmal drängen sie sich ein wenig auf. 

  9. Ein Quodlibet verbindet verschiedene Melodien oder Texte, die gleichzeitig gesungen werden können. Bei dieser Melodiefamilie liegt das nahe, weil mehrere Fassungen strukturell verwandt sind. Im Wald ist das natürlich etwas riskanter, weil Krähen selten auf Einsatzzeichen achten.