Dachsbert hatte eine Bewässerungssteuerung bestellt. Sie lag auf dem Gartentisch, zwischen einer halbleeren Tasse Kaffee, drei Tonscherben und einem Schraubendreher, der aussah, als habe er schon bessere Tage gesehen.

“Kostenlos”, sagte Dachsbert.

Faulmann nickte vorsichtig. Bei Dingen, die kostenlos waren, nickte er mittlerweile vorsichtig. Es war eine neue Gewohnheit. Kostenlos war selten ein Preis. Meistens war es nur eine noch nicht ausgesprochene Form von erwartbaren Kopfschmerzen.

Seit der Sache mit dem gehackten Chatbot war Faulmann in dieser Frage empfindlich geworden. Nicht klüger. Nur langsamer im Nicken.

“Natürlich kostenlos”, sagte Dachsbert.

“Natürlich”, sagte Faulmann.

Die Kiste war klein, weiß und glatt. Sie hatte keine sichtbare Meinung. Das machte sie verdächtig. Auf der Packung stand etwas von intelligenter Gartenpflege, präziser Feuchtigkeitssteuerung und nachhaltiger Ressourcennutzung. Dachsbert hatte die Anleitung gelesen. Das war bei ihm nie ein gutes Zeichen. Dachsbert las Anleitungen nicht, um Dinge zu verstehen. Er las sie, um herauszufinden, an welcher Stelle sie anfing, ihn zu beleidigen.

“Sie braucht Internet”, sagte er.

“Die Bewässerung?”

“Ja.”

“Für Wetterdaten?”

“Auch.”

Faulmann sah zum Beet. Die Tomaten standen dort mit der stillen Würde von Pflanzen, die schon viel über Menschen wussten und wenig davon für hilfreich hielten.

“Und wofür noch?”

Dachsbert legte die Anleitung auf den Tisch.

“Sie muss mit einem Sprachmodell sprechen.”

Faulmann schwieg. Im Garten war es sehr still. Eine Amsel landete auf dem Zaun, sah die Kiste an und flog wieder weg. Man konnte es ihr nicht verübeln.

“Die Kiste”, sagte Dachsbert, “fragt also irgendwo im Internet nach, ob die Petersilie Durst hat.”

“Vielleicht formuliert sie es höflicher.”

“Das macht es nicht besser.”

Faulmann nahm die Anleitung und las ein paar Zeilen. Die Wörter waren alle freundlich. Das war das Problem. Sie standen da wie Menschen auf einer Messe, die einem erklärten, dass ein Abo eigentlich eine Beziehung sei.

“Und was stört dich daran?”, fragte Faulmann.

Dachsbert sah ihn an.

“Der Garten”, sagte er, “ist hier.”

Das war schwer zu widerlegen.

Später saß Dachsbert in der Laube und befragte die andere Kiste. Die andere Kiste war der kleine graue Rechner, auf dem er inzwischen alles fragte, was früher in den Zuständigkeitsbereich von Nachbarn, Bibliotheken oder unklugen Selbstversuchen gefallen war.

“Kann man das auch lokal machen?”, fragte er.

Die Kiste antwortete lange. Dachsbert las mit wachsender Verärgerung.

“Sie sagt, ich brauche eine gute Grafikkarte.”

“Für die Petersilie?”

“Für die Entscheidung über die Petersilie.”

“Das ist etwas anderes”, sagte Faulmann.

“Nein”, sagte Dachsbert.

Die Kiste empfahl außerdem Arbeitsspeicher, ein Modell, ein paar Installationsschritte, ein Repository, zwei Konfigurationsdateien und eine Haltung gegenüber Fehlermeldungen, die Dachsbert nicht besaß.

“Ich habe doch keinen Rechner für so etwas”, sagte Dachsbert.

Faulmann sagte nichts. Das war sein Fehler.

Am nächsten Nachmittag bemerkte Faulmann, dass sein Flugsimulator-Rechner nicht mehr unter dem Schreibtisch stand. Er bemerkte es nicht sofort. Zuerst bemerkte er nur eine ungewohnte Leere. Dann ein Kabel, das nirgendwohin führte. Dann den Staubumriss auf dem Boden. Es ist erstaunlich, wie vorwurfsvoll Staub sein kann, wenn etwas fehlt.

Im Garten stand der Rechner auf zwei Ziegelsteinen neben der Regentonne. Dachsbert hatte ihn mit der Bewässerungssteuerung verbunden. Außerdem mit einem alten Monitor, einer Mehrfachsteckdose, einem Netzwerkkabel, drei Adaptern und einem Gerät, dessen Zweck Faulmann nicht kannte, das aber sehr beschäftigt blinkte.

Faulmann blieb stehen.

“Du hast meinen Flugsimulator-Rechner ausgeborgt”, sagte er.

“Nur vorübergehend.”

“Er steht neben der Regentonne.”

“Der Standort ist thermisch günstig.”

Faulmann betrachtete die Anlage. Auf dem Monitor standen Zeilen, die so aussahen, als hätten sie im Prinzip eine Bedeutung, aber keine Lust, sie jetzt zu zeigen.

“Und läuft es?”

Dachsbert kratzte sich am Kopf.

“Im Prinzip ja.”

“Im Prinzip?”

“Die Kiste hat gesagt, welche Dateien ich ändern soll.”

“Welche Kiste?”

“Die andere.”

Faulmann sah von dem Rechner zur Laube, von der Laube zur Bewässerungssteuerung und dann zu Dachsbert.

“Du hast also eine künstliche Intelligenz gefragt, wie du eine künstliche Intelligenz lokal einrichtest, damit eine Bewässerungssteuerung keine künstliche Intelligenz im Internet fragen muss.”

Dachsbert nickte.

“So grob.”

“Und?”

“Es gab Abhängigkeiten.”

“Das ist bei künstlicher Intelligenz wohl üblich.”

“Nein”, sagte Dachsbert. “Ich meine echte Abhängigkeiten. Pakete.”

Faulmann nickte. Das war offenbar schlimmer.

Dann fiel Faulmann etwas auf.

“Er ist gar nicht an.”

Dachsbert nickte.

“Nein.”

“Mein Flugsimulator-Rechner steht neben der Regentonne, ist mit einer Bewässerungssteuerung verbunden und ist gar nicht an.”

“Das ist richtig.”

“Warum?”

Dachsbert kratzte sich wieder am Kopf. Dort musste inzwischen einiges jucken.

“Mir ist eingefallen, dass es nur um Bewässerung geht.”

“Das war vorher auch schon der Fall.”

“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber es war nicht in der richtigen Größe.”

“Die Bewässerung?”

“Das Modell.”

Faulmann sah den Rechner an. Es war ein sehr großer Rechner für eine Entscheidung, die am Ende offenbar ohne ihn getroffen wurde.

“Du nennst das klein?”, fragte Faulmann.

Dachsbert sah kurz zum Gehäuse.

“Verglichen womit?”

“Mit einem normalen Rechner.”

“Ach so”, sagte Dachsbert. “Ja. Nein.”

“Nein?”

“Für dich ist er groß. Für die Sache ist er klein.”

“Die Sache?”

“Das, womit die großen Modelle gemacht werden.”

Faulmann betrachtete seinen Flugsimulator-Rechner. Er hatte ihn bisher für ein beachtliches Stück Technik gehalten. Nun stand er neben der Regentonne und war offenbar gleichzeitig zu groß für den Garten und zu klein für die Welt.

“Es sieht aus, als würde mein Rechner gleich Möhren kontrollieren.”

“Radieschen”, sagte Dachsbert.

Auf dem Monitor standen weiter Zeilen. Das machte es nicht klarer. Nur fleißiger.

Dachsbert erklärte, dass Modelle groß sein konnten, aber nicht mussten. Dass manche Modelle kleiner waren als andere Modelle, die ohnehin schon kleiner waren als die großen Modelle, von denen alle redeten, als seien sie Bergwerke mit höflicher Stimme. Dass man für die Frage, ob ein Beet gegossen werden sollte, nicht unbedingt die gesammelte Weltliteratur, acht Programmiersprachen und eine Vorstellung von Vertragsrecht in mehreren Jurisdiktionen brauchte.

“Es reicht, wenn es merkt, dass die Erde trocken ist”, sagte Dachsbert.

“Das hätte auch ich gekonnt.”

“Du bist aber nicht per API erreichbar.”

“Das stimmt.”

“Außerdem bist du manchmal unterwegs.”

Faulmann dachte an seine Flugsimulatorflüge, bei denen er in schlechtem Wetter über virtuelle Alpen geflogen war, während im wirklichen Garten die Bohnen etwas näher am existenziellen Rand standen, als Bohnen das vermutlich mochten.

Mummrich tauchte aus dem hinteren Beet auf. Er hatte Erde an der Weste und hielt ein Stück Kabel in der Hand, als habe er es dort unten gefunden, wo Kabel vermutlich auf natürliche Weise wachsen.

“Ich habe etwas Leitung”, sagte er.

Dachsbert nahm sie mit großer Selbstverständlichkeit entgegen.

“Woher?”

“Unter der alten Johannisbeere.”

“Da liegt Internet?”

“Da lag etwas”, sagte Mummrich. “Ich würde es nicht gleich Internet nennen. Es war eher ein Versprechen.”

Faulmann sagte nichts. Im Garten wurden Dinge möglich, für die es in Mietverträgen keine Worte gab.

Dachsbert schloss die Leitung an. Die kleine weiße Steuerung blinkte. Erst vorsichtig. Dann selbstbewusster. Dann in einem Rhythmus, der vermutlich laut Bedienungsanleitung “bereit” bedeutete, aber genauso gut “ich habe eure Schwächen verstanden” heißen konnte.

“Und jetzt?”, fragte Faulmann.

“Jetzt fragt sie ein kleineres Modell im Internet.”

“Du wolltest doch gerade nicht, dass sie das Internet benutzt.”

“Ja”, sagte Dachsbert. “Aber jetzt benutzt sie es weniger dumm.”

Faulmann ließ diesen Satz eine Weile im Garten stehen. Er war nicht falsch. Das machte ihn nicht angenehmer.

“Billiger”, sagte Dachsbert.

“Schneller”, sagte Mummrich.

“Und der Garten ist gut bewässert”, sagte Dachsbert.

Die Steuerung klickte. Ein dünner Wasserstrahl begann neben den Tomaten zu laufen. Nicht viel. Gerade genug, dass die Erde dunkler wurde.

Faulmann betrachtete die Tomaten. Sie sahen nicht beeindruckt aus. Pflanzen haben dafür keinen guten Gesichtsausdruck. Vielleicht ist das ihr größter Vorteil.

“Ich bin beeindruckt”, sagte Faulmann.

Dachsbert nickte, als habe er damit gerechnet, aber nicht darauf bestanden. Eine Weile hörten sie dem Wasser zu. Es war ein kleines Geräusch. Fast nichts. Die Art Geräusch, die man erst bemerkt, wenn die großen Geräte aufgehört haben, etwas zu wollen.

Dann sagte Dachsbert: “Das eigentlich Lustige ist ja, dass ich wahrscheinlich auch einfach hätte warten können.”

Faulmann sah zu ihm.

“Warten?”

“Bis es sich rechnet.”

“Das Gießen?”

“Nein. Der ganze Unsinn darum herum.”

Mummrich hob den Kopf. Dachsbert legte die Gießkanne ab und dachte kurz nach. Das tat er selten sichtbar. Meistens geschah es bei ihm unter der Oberfläche, wie bei Wurzeln oder alten Kabeln.

“Das Modell wird ja nicht kleiner”, sagte er. “Also nicht dieses Modell. Das bleibt, wie es ist. Aber die neuen Modelle werden dauernd größer. Und sobald die groß genug sind, sieht das, was gestern noch groß war, plötzlich klein aus.”

“Relative Kleinheit”, sagte Mummrich.

“Genau”, sagte Dachsbert. “Faulmanns Flugsimulator-Rechner ist ja auch schon klein.”

Faulmann sah zur Bewässerungssteuerung. Er ahnte, dass er das noch eine Weile hören würde.

“Der Garten muss also warten, bis die Rechenzentren seine Petersilie ökonomisch eingeholt haben.”

“So ungefähr”, sagte Dachsbert.

“Ein positiver Business Case für Schnittlauch.”

“Man muss mit der Zeit gehen.”

“Offenbar”, sagte Faulmann.

Das Wasser lief weiter. Die alte Gießkanne stand daneben und sagte nichts. Das war ihr gutes Recht. Sie war die einzige im Garten, die nie behauptet hatte, intelligent zu sein.

Dachsbert nahm sie schließlich doch in die Hand.

“Außerdem”, sagte er, “brauche ich gar keine Bewässerungssteuerung.”

“Nein?”

“Ich gieße ja von Hand.”

Er stand auf, ging zum Beet und goss die Tomaten.

Die Steuerung klickte beleidigt. Oder vielleicht klang sie nur so. Faulmann war sich nicht sicher. Bei neuen Geräten war das schwer zu unterscheiden.