Faulmann und das Lied unter Aufsicht
Eine Fernsehsache mit Dachsbert
Am Donnerstag las Dachsbert die Zeitung seines Nachbarn.
Das tat er häufiger. Die Zeitung kam am Donnerstagvormittag, der Nachbar jedoch erst am Abend. Dazwischen lag ein ruhiges Zeitfenster, das Dachsbert für eine nachbarschaftlich nicht vollständig ausgeschöpfte Ressource hielt.
Er nahm die Zeitung nicht einfach mit. Dachsbert war ja kein Dieb. Er las sie auf der schönen Terrasse des Nachbarn und eignete sich lediglich ihren Inhalt an.
Bei Regen wurde diese Unterscheidung vor allem juristisch interessant.
An diesem Donnerstag blieb Dachsbert länger als gewöhnlich im Kulturteil hängen. Dort stand etwas über einen Musiker, einen Pianisten und ein Lied, das in einer politischen Fernsehsendung hätte aufgeführt werden sollen.
Der Musiker hieß Daniel.
Daniels waren gefährlich. Das wusste man spätestens seit der Löwengrube. Schon damals hatten die zuständigen Stellen Schwierigkeiten gehabt, angemessen mit ihnen umzugehen.
In diesem Fall gab es keine Löwen. Es gab eine Senderleitung, einige Programmbestimmungen und eine kurzfristige Ausladung.
Das Lied handelte von der Angst vor erstarkendem Faschismus. Es wollte Menschen ermutigen, sich zusammenzutun, Veranstaltungen zu organisieren, Strukturen zu untersuchen und sich nicht darauf zu verlassen, dass andere die Sache schon regeln würden.
An einigen Stellen wurde das Lied undeutlicher. Es sprach von zu erwartenden Auseinandersetzungen, ließ mögliche Gegenwehr im Halbdunkel stehen und grüßte am Ende Personen, die mit schweren Angriffen auf Angehörige der äußersten Rechten in Verbindung gebracht wurden.
Das große Fernsehhaus war zu der Auffassung gelangt, das Lied könne als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Die Redaktion der betroffenen Sendung sah das anders.
Dachsbert faltete die Zeitung beinahe in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Der Kulturteil stand danach ein wenig hervor. Das war das übliche Risiko geteilter Bildung.
Um zwölf Uhr vierzehn bestellte er einen Fernseher.
Der Fernseher kam am Sonnabend.
Er steckte in einem Karton, der so groß war, dass Dachsbert hinter ihm vollständig verschwand. Man sah nur seine Pfoten, einen Teil seines Rückens und gelegentlich den Lieferanten, der offenbar beschlossen hatte, keine Fragen zu stellen.
“Kostenlos”, sagte Dachsbert, als der Karton endlich im Zimmer stand.
“Der Fernseher?”, fragte Faulmann.
“Der Fernseher und die Lieferung.”
Mummrich klopfte gegen den Karton und begann hineinzukriechen, um die Anschlüsse zu untersuchen.
“Wenn etwas kostenlos ist”, sagte er aus dem Verpackungsmaterial, “gehört meistens etwas anderes zum Lieferumfang.”
Dachsbert hörte ihm nicht zu. Er brauchte den Fernseher für Dienstag.
“Da kommt die Sendung”, erklärte er.
“Welche Sendung?”, fragte Faulmann.
“Die mit dem Lied, das nicht kommt.”
“Was willst du dir an einem Auftritt ansehen, der nicht stattfindet?”
“Genau das”, sagte Dachsbert.
Liora wusste direkt was gemeint war und hatte das Lied wohl bereits gehört. Über weite Strecken sei es vorsichtig, beinahe fürsorglich. Es spreche zu Menschen, die sich allein und ungeschützt fühlten. Es erkläre ihnen, dass sie nicht allein bleiben müssten.
“Das hat man früher gesellschaftliches Engagement genannt”, sagte Dachsbert.
“Manches davon”, sagte Liora.
“Eine Ermutigung also”, sagte Faulmann.
Mummrich kam wieder aus dem Karton und ging zum Plattenschrank. Nach kurzem Suchen kam er mit einer abgenutzten Hülle zurück.
“Eine Ermutigung haben wir schon.”
Auf der Hülle war ein Wolf.1
“Der Name klingt immerhin zuständig”, sagte Dachsbert.
Mummrich legte die Platte auf. Sie knackte einige Male, bevor eine Stimme zu hören war.
“Du, lass dich nicht verhärten”2, sagte Mummrich leise mit und hielt die Platte kurz an.
Dachsbert wartete.
“Und dann?”
“Dann geht es darum, sich nicht verbittern, erschrecken und verbrauchen zu lassen.”
“Das ist alles?”
“Für manche Zeiten ist das ziemlich viel”, sagte Liora, die offenbar auch hier bestens Bescheid wusste. “Der Wolf hat das Lied damals für einen Freund gedichtet. Der durfte nicht veröffentlichen und nicht ausreisen. Er wurde überwacht und in seinem Haus weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Wolf selbst durfte zu dieser Zeit ebenfalls nicht mehr auftreten oder publizieren.”
“Also auch ein Lied, das nicht gesungen werden durfte?”, fragte Dachsbert.
“Der Sänger durfte gar nicht singen”, sagte Mummrich. “Das war gründlicher.”
Liora drehte die Hülle um.
“Das ist wirklich nicht dasselbe”, sagte sie. “Damals wurde ein Künstler über Jahre aus der Öffentlichkeit entfernt. Hier fehlt ein einzelner Auftritt. Das neue Lied kann jeder hören der will.”
“Ich habe nicht gesagt, dass es dasselbe ist.”
“Du warst kurz davor.”
Dachsbert nahm das hin.
“Aber die Lieder wollen etwas Ähnliches”, sagte Faulmann. “Sie wollen verhindern, dass die Angst das letzte Wort bekommt.”
“Das ältere Lied verlangt allerdings, dass man dabei nicht hart wird”, sagte Liora.
“Vielleicht war damals genug Härte vorhanden”, sagte Dachsbert.
“Das ist was dran.”
Das neue Lied wollte nicht nur trösten. Es wollte organisieren, recherchieren und vorbereiten. Dachsbert gefiel das. Trost fand er brauchbar, hielt ihn aber nicht in allen Fällen für eine ausreichende Infrastruktur.
“Es sagt nicht ausdrücklich, dass jemand angegriffen werden soll”, sagte er.
“Nein”, sagte Liora. “Aber es möchte auch nicht, dass die Andeutung überhört wird.”
“Vielleicht braucht Ermutigung irgendwann Zähne.”
“Vielleicht”, sagte Liora. “Aber dann sollte sie noch wissen, was sie damit tut.”
Die Platte drehte sich weiter.
“Das ältere Lied erinnert an etwas”, sagte Faulmann. “Man muss sich nicht nur gegen das wehren, was andere tun. Manchmal auch gegen das, was ihr Druck aus einem selbst macht.”
Dachsbert sah auf den Plattenteller.
“Das hätte man nach dem neuen Lied besprechen können.”
“Das war vielleicht der ursprüngliche Plan”, sagte Liora.
Faulmann fand es weiterhin möglich, den Schluss des neuen Liedes verantwortungslos zu finden, ohne das ganze Lied zu einem Gewaltaufruf zu erklären. Ebenso konnte man die Ausladung falsch finden, ohne jede Entscheidung über einen Sendeplatz gleich ein Verbot zu nennen.
“Vielleicht ist der Schluss des Liedes schlecht”, sagte er. “Und die Ausladung trotzdem falsch.”
“Das ist sehr unpraktisch”, sagte Dachsbert.
“Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein”, sagte Liora.
“Das ist der Grund, warum es einen größeren Fernseher braucht”, sagte Dachsbert selbstbewusst.
Mummrich nahm die Platte vom Teller. “Leute aus einem westlichen Fernsehhaus haben den Wolf damals heimlich in seiner Wohnung gefilmt”, sagte er. “Weil er öffentlich nirgends auftreten durfte.”
“Damals wollte das Fernsehen zeigen, was nicht gezeigt werden durfte?”, fragte Dachsbert.
“Manchmal.”
„Und heute erklärt es, warum etwas nicht gezeigt wird?“
„Das ist ein ziemlich wilder Vergleich“, sagte Liora.
„Ja“, sagte Mummrich. „Aber ein kleines Geschmäckle hat es schon.“
„Das Lied wird ja nicht verschwiegen“, sagte Liora.
„Nein“, sagte Mummrich. „Nur umsortiert. Aus einem Lied wird ein Gegenstand.“
„Über den man sprechen kann“, sagte Liora. „Solange er nicht singt.“
„Nicht einmal unter Aufsicht“, sagte Dachsbert und setzte den Fernseher auf den Tisch. “Vielleicht braucht Kunst manchmal eine Einordnung”, sagte er.
“Bestimmt”, sagte Faulmann.
“Aber vielleicht besser nicht anstelle der Kunst.”
Faulmann steckte den Stecker noch nicht ein. Offenbar war es leichter, über Mut zu sprechen, wenn er zuvor in eine Pressemappe gelegt worden war. Das war nicht nichts. Aber es war etwas anderes.
Neben der Fernbedienung lag ein Buch mit dem Titel „Überwachung für Anfänger“.
Dachsbert behauptete, es habe kostenlos beigelegen.
„Nun gut, liebe Leute“, sagte Dachsbert schließlich. „Trinkt aus, wir müssen gehen. Ich habe den Eindruck, auch andernorts werden wir heute noch ermutigt.3 Es liegt etwas in der Luft.“
Der Platz, an dem das Lied fehlte
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Wolf Biermann erhielt 1965 in der DDR ein vollständiges Publikations- und Auftrittsverbot. Das Ministerium für Staatssicherheit überwachte anschließend seine Post, sein Telefon, seine Wohnung und seine persönlichen Kontakte. Während des Verbots wurde er von einem westdeutschen Fernsehmagazin heimlich in seiner Wohnung gefilmt. Nach einem Konzert in Köln wurde Biermann 1976 aus der DDR ausgebürgert. Siehe Deutsches Historisches Museum und Bundeszentrale für politische Bildung. ↩
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Biermann schrieb “Ermutigung” nach eigener Erinnerung im Frühjahr 1966 für seinen Freund Peter Huchel. Huchel lebte damals unter Überwachung und war mit einem Publikations- und Ausreiseverbot belegt. Das 1968 veröffentlichte Lied richtet sich gegen Verhärtung, Verbitterung, Angst und Resignation und wurde später zu einem gemeinschaftlich gesungenen Lied auf beiden Seiten der deutschen Grenze. Siehe Ute Elena Hamm, “Ermutigung (Du, lass dich nicht verhärten)” ↩
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Am 29. Mai 2026 veröffentlichten Die Toten Hosen auf dem Bonus-Coveralbum Alles muss raus! eine gemeinsam mit Wolf Biermann eingespielte Fassung von „Ermutigung“. Das Bonusalbum erschien zusammen mit Trink aus, wir müssen gehen!. Am Sonnabend, dem 18. Juli 2026 – dem Tag dieser Szene – spielte die Band im Kölner RheinEnergieSTADION im Rahmen der gleichnamigen Tour. Siehe Die Toten Hosen ↩