Der Sommerhonig ließ sich Zeit
Cpt. Faulmann radelt nach Kommern

Es war noch früh, als Cpt. Faulmann das Fahrrad in die Elektrokutsche lud. Die Luft hatte jene angenehme Kühle, die ein heißer Tag am Morgen manchmal vorübergehend hat. Auf den Straßen war wenig los. An den Ampeln stand man nicht im Verkehr, sondern nur für sich, was die Wartezeit deutlich übersichtlicher machte.
Bis Euskirchen fuhr der Strom. Danach sollte der Bär übernehmen.
Die Stadt war bereits wach, aber noch nicht mit besonderem Nachdruck. Cpt. Faulmann holte das Rad aus dem Wagen, befestigte die Taschen und prüfte kurz, ob alles dort saß, wo es später vermisst worden wäre. Dann rollte er los.
Der Morgen lag flach über den Feldern. Die Luft war klar, die Wege noch leer, und selbst die Sonne schien zunächst nur mitzufahren. Sie hielt sich etwas über den Dächern und tat so, als habe sie für diesen Tag keine besonderen Absichten.
Dann kam irgendwann Sinzenich. Zuerst die Burg. Sie stand noch vor dem Städtchen, und Cpt. Faulmann verlangsamte nicht nur, sondern bog eigens links ab.
Zur linken Seite lag ein Feld, auf dem ein alter Mähdrescher - vermutlich von Fahr - seinen Altenteil ein wenig zu sehr zum Anlass nahm, sich gehen zu lassen. Rost saß in den Blechen, Pflanzen wuchsen an Stellen, die der Hersteller nicht vorgesehen hatte. Die Ernte war für ihn offenkundig beendet, und über die weitere Verwendung des Feldes bestand zwischen Natur und Maschine noch Gesprächsbedarf.
Wenig später kam das Schlosstor in Sicht. Davor hatten die Besitzer einen kleinen Rastplatz eingerichtet: Tisch, Stühle und Blumenschmuck, freundlich hingestellt für Menschen, die nicht gleich weiterwollten. Es wirkte nicht wie ein offizieller Aufenthaltsbereich. Eher wie eine beiläufige Einladung, für die niemand ein Schild benötigt hatte.

Cpt. Faulmann stellte das Rad ab und sah eine Weile hinüber.
Alte Mauern besitzen die beruhigende Eigenschaft, dass sie nicht sofort beleidigt sind, wenn man nur kurz hinsieht. Sie werden aber auch nicht rot vor Scham, wenn man sie etwas länger betrachtet.
Wenig später lag eine alte Industriemühle am Weg. Eine Burg und eine Mühle noch vor dem Freilichtmuseum waren eine gute Vorbereitung auf den Tag. Die Gegend hatte eine famose Dramaturgie gezeigt. Cpt. Faulmann nahm sie, wie sie kam.
Bei Schloss Eicks hielt Cpt. Faulmann noch einmal an. Das Schloss lag hinter Wasser und Bäumen, ruhig genug, als müsse es nichts mehr darstellen. Das Licht war weich, die Schatten noch lang. Auf der anderen Seite stand ein großes Zelt. Darin war am Vortag offenbar eine Vermählung gefeiert worden - lange und, den zurückgebliebenen Spuren nach zu urteilen, nicht ohne gewisse Ausdauer. Das Fest war vorbei, aber das Zelt schien darüber noch nicht vollständig unterrichtet.
Cpt. Faulmann trank etwas und sah über das Wasser. Zwischen dem alten Schloss und den Resten der vergangenen Festgesellschaft lag ein stiller Morgen, der beiden ausreichend Platz ließ.
Als Cpt. Faulmann weiterfuhr, begann die Wärme langsam aus den Feldern aufzusteigen, mit diesem eigentümlichen Geruch irgendwo zwischen Milchsäuregärung und Geraniol-Frische. Noch war sie angenehm. Jene Sorte Sommermorgen, bei der man glaubt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, weil der Tag seine späteren Einwände noch zurückhält.
Kurz vor neun erreichte Cpt. Faulmann Kommern.
Der letzte Anstieg führte zunächst am großen Parkplatz entlang und dann noch einmal entschieden hinauf zum Eingang des LVR-Freilichtmuseums. Offenbar wollte das Museum vor dem Einlass kurz prüfen, ob seine Besucher auch körperlich hinreichend an der Vergangenheit interessiert waren.
Oben fand das Zweirad einen schattigen Platz. Die Taschen blieben am Rad, und hinter der Kasse begann eine Landschaft, in der Häuser aus verschiedenen Gegenden und Jahrhunderten nebeneinanderstanden, als hätten sie sich nach längerer Reise auf einen gemeinsamen Altersruhesitz verständigt.
Kaum hatte der Bär die Anlage betreten, roch es nach ofenfrischem Brot.
Beim Museumsbäcker lagen Laibe und Brezeln auf der Theke. Cpt. Faulmann kaufte ein Brot für den Abend und eine Brezel für jenen deutlich kürzeren Zeitraum, der unmittelbar nach dem Kauf begann.
Sie war noch warm.
Das Brot wurde sorgfältig im Rucksack verstaut. Die Brezel dagegen hatte von Anfang an weniger langfristige Aussichten. Cpt. Faulmann aß sie auf dem ersten Stück des Weges, während zwischen den Bäumen die ersten versetzten Höfe auftauchten.
Es gibt ausführliche kulturgeschichtliche Erklärungen dafür, weshalb Brot zu den Grundlagen menschlicher Zivilisation gehört. Eine warme Brezel erspart einem vorübergehend die Kenntnis dieser Erklärungen. Das Wesentliche versteht man auch so.
Mit ihrem letzten Stück erreichte Cpt. Faulmann die Baugruppe Westerwald und Mittelrhein.
Ein Schild erklärte, wo er sich nun befand. Geografisch weiterhin in Kommern, selbstverständlich. Vor ihm standen jedoch Häuser, Ställe und Scheunen, die aus verschiedenen Orten des rheinischen Westerwalds hierhergebracht worden waren. Das Museum hatte sie auf wenige Gehminuten zusammengerückt.
Ein echtes Dorf war das nicht.
Dafür fehlten die Bewohner, die Misthaufen, die zufälligen Anbauten und vermutlich mindestens eine alte Meinungsverschiedenheit über eine Grundstücksgrenze.
Aber die Häuser wussten noch ungefähr, wie ein solches Dorf ausgesehen hatte.

Sie standen nicht in einer ordentlichen Reihe. Zwischen ihnen verliefen Pfade, die sich krümmten, Höfe öffneten sich zur Straße, Dächer reichten weit herunter. Wohnhaus, Stall und Scheune gehörten sichtbar näher zusammen, als es heutige Bebauungspläne gewöhnlich vorsehen.
Das Museum zeigte damit keine vollständige Landschaft. Eher einzelne Sätze daraus, nebeneinandergestellt und mit Wegen verbunden.
Cpt. Faulmann ging langsam hindurch.
An manchen Stellen sah es beinahe so aus, als sei das Dorf nur für einen Moment still geworden. Dann tauchte hinter einem alten Hof ein moderner Museumsweg auf, und die Gegenwart räusperte sich.
Im Westerwald hatten Wald, Vieh und Holzkohle lange eng zusammengehört. Als die Eisenindustrie immer mehr Holzkohle verlangte, wurde aus dem Reichtum an Holz vielerorts ein Mangel, der weit über das Holz hinausging. Manche Menschen mussten gehen, einige bis nach Amerika.
Davon war hier wenig unmittelbar zu sehen. Ein Haus kann zeigen, wie jemand gewohnt hat. Es zeigt nicht ohne Weiteres, weshalb er fortging.
Dafür brauchte es ein Schild. Oder Imagination und Vorwissen.
Wenige Schritte weiter begann bereits der Mittelrhein.
Nicht der wirkliche Mittelrhein mit Fluss, steilen Hängen und Zügen, die am anderen Ufer verschwinden. Hier bestand er zunächst aus einem Winzerhof und zwei Kelterhäusern.
Das Museum hatte die Entfernung zwischen Westerwald und Rhein auf wenige Meter verkürzt. Landschaften, für die man draußen ein Fahrrad oder wenigstens einen Fahrplan gebraucht hätte, lagen hier hintereinander wie Kapitel in einem Buch.
Es war bequem. Und ein wenig irreführend.
Draußen hätten zwischen diesen Häusern Kilometer gelegen. Hier genügte eine Wegbiegung.
Der Winzerhof war noch nicht vollständig. An einigen Stellen blieb sichtbar, dass auch alte Welten erst wieder zusammengesetzt werden müssen.
In den Kelterhäusern standen unterschiedliche Pressen: eine mit senkrechter Spindel, die andere mit einem langen hölzernen Balken. Große Holzkonstruktionen für einen Vorgang, der sich recht knapp beschreiben ließ.
Trauben hinein, Druck darauf, Saft heraus.
Die Einzelheiten waren, wie so oft, umfangreicher.
Hacken, Lesekörbe, Bottiche und Weinheber gehörten ebenfalls dazu. Die Dinge standen dort nicht wie in einem beliebigen Gerätehaus. Sie waren so angeordnet, dass man noch erkennen konnte, wie viel Arbeit zwischen Weinberg und Weinglas gelegen hatte.
Das Haus aus Altenburg stand ebenfalls nicht mehr dort, wo es gebaut worden war. Altenburg selbst lag im nördlichen Westerwald. Das Haus dagegen stand seit seinem Abbau in den 1960er-Jahren im Freilichtmuseum, ohne Stall und Scheune, die ursprünglich zu ihm gehört hatten.
Es war also vollständig erhalten und zugleich nicht mehr vollständig. Das Gebäude stammte ungefähr aus der Zeit um 1700. Sein hölzernes Gerüst folgte noch einer älteren Bauweise, nach außen sollte es jedoch moderner wirken. Die Eckbalken waren unten kräftiger und wurden nach oben schmaler. So entstand der Eindruck sauber aufeinandergesetzter Stockwerke. Das Haus gab sich ein wenig fortschrittlicher, als es konstruktiv war. Ein Muster, das Cpt. Faulmann auch aus weniger historischen Zusammenhängen kannte.
In dem Haus standen alte Bienenkörbe. Sie gehörten nicht zufällig in diese Baugruppe. Honig war lange eines der wenigen verbreiteten Süßungsmittel gewesen, Wachs wurde für Kerzen gebraucht. Ein Bienenvolk lieferte Süße und Licht - zwei Dinge, die den Alltag deutlich verbesserten, ohne dass die Bienen deshalb als unkompliziert galten.
Weitere Körbe standen heute still zwischen den historischen Gebäuden. Keine Biene musste darin wohnen. Auch das war Museum: Man zeigte die Form einer Arbeit, während ihr Summen woanders stattfand. Ein Schild teilte mit, dass an diesem Tag die Schauimkerei geöffnet sei.
Cpt. Faulmann las den Hinweis. Eine geöffnete Schauimkerei absichtlich zu übergehen, wäre für einen Bären eine unnötig angestrengte Form der Selbstverleugnung gewesen. Er folgte dem Schild.
Die Schauimkerei lag nur ein kurzes Stück weiter. Dort standen die Honiggläser tatsächlich auf einem Tisch, ein Bienenvolk war in einer Art Schaukasten bei der emsigen Arbeit zu sehen, dazu zwei Imker beim Betrachten der Bienen.
Nachdem der Bär die kleinen Hautflügler gewürdigt hatte, wandte er sich der Frucht ihrer Arbeit zu. Helle Sorten neben dunklen, flüssige neben cremig gerührten. Nach all den versetzten Häusern, rekonstruierten Höfen und verkürzten Landschaften war dies plötzlich sehr gegenwärtiger Honig.
Der Imker erklärte, dass Frühjahrshonig häufig schnell fest werde. Manche Sorten kristallisierten so rasch, dass man früh mit dem Rühren beginnen müsse. Sommerhonig lasse sich oft länger Zeit, bilde später aber gern größere Kristalle. Ganz so ordentlich, erinnerte sich Cpt. Faulmann aus seinen Studien, hielten sich die Bienen allerdings nicht an den Kalender. Entscheidend war vielmehr, welche Blüten sie besucht hatten.
“Frühjahr” und “Sommer” waren für den Imker offenbar nützliche Begriffe, um seine Erfahrung zu operationalisieren.
Für eine Biene waren es vermutlich eher lose Verwaltungsvorschläge.
War Honig erst einmal hart geworden, musste man ihn jedenfalls vorsichtig erwärmen, erfuhr Cpt. Faulmann. Nicht stark, nur gerade so weit, dass er wieder nachgab. Danach wurde gerührt, bis sich die groben Kristalle in eine feinere, cremige Struktur verwandelten.
Der Imker sagte das ruhig und sachlich.
Es ging um Temperatur, Kristalle und den richtigen Zeitpunkt.
Man musste daraus keine Lebensphilosophie machen.
Dann bot der Imker Cpt. Faulmann verschiedene Sorten zum Probieren an. Ein kleiner Löffel führte zum nächsten. Hell, dunkel, mild, kräftiger. Cpt. Faulmann bemühte sich um einen prüfenden Gesichtsausdruck, wie man ihn von Weinverkostungen kannte. Bei Honig wirkte er allerdings weniger wie ein Kenner und mehr wie ein Bär, der versuchte, seine Freude administrativ zu verbergen.
Die Verkostung weckte erwartungsgemäß den Wunsch nach einem eigenen Glas.
Bär blieb Bär, after all.
Cpt. Faulmann traf eine Wahl und griff nach seinem Bargeld.
Es reichte nicht.
Er zählte noch einmal. Nicht weil er an eine überraschende Geldvermehrung glaubte, sondern weil manche Tatsachen erst beim zweiten Zählen ihre endgültige Form erhalten.
Das Ergebnis blieb stabil.
So blieb der Sommerhonig zunächst beim Imker.
Cpt. Faulmann ging weiter, während das Glas auf dem Tisch stehen blieb. Es wirkte nicht, als habe es Eile.
Das passte zu dem, was er gerade darüber gelernt hatte.
Wenig später trat Cpt. Faulmann in den kleinen Dorfladen - und war plötzlich wieder zu Hause und irgendwie auch in der Vergangenheit.
Der Laden selbst war bereits eine kleine museale Erfindung. Das Haus stammte aus Großholbach bei Montabaur, aus dem frühen 18. Jahrhundert, und hatte in seinem früheren Leben nie einen Laden beherbergt. Das Freilichtmuseum hatte ihn später in der ehemaligen Stube eingerichtet, weil solche kleinen Geschäfte in den Dörfern tatsächlich häufig genau dort entstanden waren: in einem Wohnraum, der irgendwann zusätzlich Zucker, Kaffee, Seife und all jene Dinge aufnahm, die Hof und Garten nicht hervorbrachten. Auch die Scheune nebenan gehörte ursprünglich nicht dazu. Sie kam aus Langenscheid.
Das Freilichtmuseum war eben kein versetztes Dorf, sondern ein sorgfältig zusammengesetztes. Die Häuser erzählten ihre eigenen Geschichten und halfen sich gelegentlich gegenseitig bei der Darstellung.
Von alledem dachte Cpt. Faulmann in diesem Moment allerdings nicht.
Er war eben nicht mehr in Großholbach. Nicht im Freilichtmuseum. Nicht einmal in einem bestimmten Jahr.
Er war im Keller seines Elternhauses in Freiburg.
Der Geruch war sofort da: Holz, alte lackierte Flächen, Regale, Werkzeug und jene Vorräte, die lange aufgehoben wurden, weil ihr Wegwerfen eine Entscheidung verlangt hätte.
Es war kein besonders schöner Geruch und auch kein unangenehmer. Er gehörte einfach zu einem Raum, in dem Dinge nicht ständig erklären mussten, weshalb sie noch vorhanden waren.
Manche Erinnerungen kommen über Bilder zurück.
Andere nehmen den kürzeren Weg durch die Nase.
Cpt. Faulmann blieb gleich hinter der Tür stehen und atmete noch einmal ein, vermutlich in der leisen Hoffnung, sein Gedächtnis möge sich beim zweiten Versuch nicht korrigieren.
Tat es nicht.
Hinter dem Tresen stand die Verkäuferin in einer weißen Schürze mit feinen Verzierungen, passend zu der Zeit, die der Laden darstellen sollte.
Sie stand würdevoll zwischen den alten Regalen, mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die eigentlich weder Kostüm noch Rolle brauchte. Die helle Schürze, das dunklere Kleid darunter, die sorgfältige Art, wie sie sich im Raum bewegte - für einen Augenblick schien es, als habe der Laden nicht nur seine Waren, sondern auch die richtige Person dazu aufbewahrt.
Cpt. Faulmann sah vielleicht einen Moment länger hin, als für eine rein museale Bestandsaufnahme notwendig gewesen wäre.
Draußen war der junge Tag inzwischen etwas weitergezogen. Aber durch das Fenster flutete helles Morgenlicht in den Laden. Es stand ihr gut.
“Hier riecht es genau wie bei uns im Keller in Freiburg”, sagte Cpt. Faulmann schließlich etwas ungeschickt.
Sie lächelte, und damit wurde aus dem kleinen Fauxpas ein Gespräch.
Sie kannte den Geruch.
Wahrscheinlich komme er vom alten Lack, meinte sie. Manche Oberflächen behielten so etwas über viele Jahrzehnte bei.
Cpt. Faulmann sah sich um. Das klang plausibel genug. Der Keller in Freiburg besaß einst jedenfalls eine beachtliche Sammlung alter lackierter Dinge.
Das Haus war aus Großholbach ins Freilichtmuseum gekommen.
Der Laden war erst hier eingerichtet worden.
Der Freiburger Keller hingegen war erst vor Kurzem in Cpt. Faulmanns Erinnerung umgezogen.
Und trotzdem standen für einen Augenblick alle drei im selben Raum.
Er ging langsam zwischen den Regalen hindurch. Gläser, Schachteln und Dosen standen dort, alte Verpackungen, kleine Waren, Dinge des täglichen Bedarfs.
Ein solcher Laden hatte also ergänzt, was Hof, Garten und Vieh nicht hergaben. Seine Auswahl war klein; niemand musste zwischen achtundzwanzig beinahe identischen Zahnpasten entscheiden. Dafür gab es manches überhaupt nicht. Cpt. Faulmann betrachtete die Reihen. Merkwürdigerweise sah weniger Auswahl in einem alten Holzregal trotzdem oft hübscher aus.
Dann zeigte ihm die Verkäuferin einen verglasten Ladenschrank.

Es war einer jener Momente, in denen ein Gespräch plötzlich an einem Detail hängenblieb, das man ohne den Hinweis vermutlich übersehen hätte. Zwischen Holz und Glas begann die alte Verbindung zu zerfallen. Kein gebrochenes Brett, keine fehlende Tür, kein Schaden, der einen Raum sofort veränderte. Nur eine schmale Fuge, deren Material langsam aufgab.
Man musste schon ziemlich genau hinschauen.
Cpt. Faulmann schaute ziemlich genau hin.
Es gebe kaum noch jemanden, erklärte die Verkäuferin, der eine solche Verbindung passend erneuern könne. Deshalb werde der Schrank künftig vermutlich nur noch Ausstellungsstücke aufnehmen. Für den normalen Gebrauch sei er inzwischen zu empfindlich.
Das war eine sehr explizite Form des Ruhestands. Der Schrank durfte bleiben. Nur arbeiten sollte er besser nicht mehr.
Dabei sah er weiterhin vollkommen nach Schrank aus. Die Türen waren da. Das Glas war da. Die Beschläge waren da. Nur jene kleine Verbindung, von der die meiste Zeit niemand etwas wissen musste, wurde müde.
Cpt. Faulmann und die Verkäuferin standen eine Weile davor und betrachteten Rahmen, Profile und Übergänge. Sie kamen darüber ins Gespräch, wie viel Sorgfalt manchmal in Dingen steckte, die kaum jemand bemerkte, solange sie funktionierten. Und irgendwann waren sie sich ziemlich einig, dass gerade solche Einzelheiten etwas Wunderbares haben konnten.
Es war ein merkwürdig inniger Augenblick für die Betrachtung einer alten Schrankfuge.
Aber vielleicht musste nicht jede Form von Romantik einen Sonnenuntergang besitzen.
Manchmal reichten Glas, Holz und jemand, der sich vor langer Zeit Mühe gegeben hatte.
Der Moment verging bald wieder.
Zurück blieb ein wenig Melancholie.
Nicht, weil früher alles besser gewesen wäre.
Auch damals hatte es schiefe Regale, nachlässige Handwerker und Schrauben gegeben, die nach getaner Arbeit übrig blieben. Die Menschheit hatte das Improvisieren schließlich nicht erst mit dem Akkuschrauber erfunden.
Aber dieser Schrank war ordentlich gemacht.
Die Sorgfalt war offenbar. Sie hielt das Glas.
Noch.
Wenn man ihn künftig nur ausstellte, würde er vermutlich länger erhalten bleiben. Er würde dann allerdings auch nicht mehr ganz das tun dürfen, weshalb man ihn einmal gebaut hatte. Etwas zu bewahren konnte wohl auch bedeuten, es aus seinem eigentlichen Leben herauszunehmen.
Cpt. Faulmann ließ den Gedanken beim Schrank.
Dort war er gut aufgehoben.
Teil 2 folgt. Darin: ein heißer Backofen, eine Bockwindmühle, zweiunddreißig Grad - und die etwas heikle Frage, wie kitschfrei ein radelnder Bär eigentlich sein kann.