Zweiunddreißig Grad und einige Jahrhunderte
Cpt. Faulmann in Kommern - Teil 2

Das Schul- und Backhaus lag nur ein Stück weiter.
Eine Treppe führte hinunter in den Backraum. Über ihr sah die Fassade an einer Stelle beinahe aus, als habe es dort einmal gebrannt. Bereits auf den ersten Stufen veränderte sich die Luft.
Unten war es warm.
Nicht sonnenwarm, sondern ofenwarm. Die Hitze saß in den Steinen und kam aus den Wänden zurück. Es roch nach Feuer, Mehl und diesem trockenen Staub eines Raumes, der seine Arbeit seit langer Zeit kannte.
Auf Brettern lagen ungebackene Brote.
Sie gingen noch.
Rund und hell lagen sie nebeneinander, still mit ihrer Veränderung beschäftigt. Niemand sah ihnen dabei zu, und doch geschah etwas.
Cpt. Faulmann dachte an den fertigen Laib in seinem Rucksack. Am Eingang hatte er auf einer Theke gelegen, bereits gebacken, verkauft und für den Abend vorgesehen.
Hier unten lagen frühere Zustände desselben Gedankens.
Das Dorf hatte seinen Brotvorrat früher gemeinsam gebacken.1 Nicht alle gleichzeitig - selbst historische Gemeinschaften kamen irgendwann auf die Vorteile eines Stundenplans. Alle paar Wochen war eine Familie an der Reihe und buk genügend Brot auf Vorrat, vorzugsweise solches, das auch haltbar war.
Roggenbrot etwa. Sauerteig. Schwere Teige, große Mengen, viel Kneten. Wenn der Ofen heiß genug war, wurde die Glut herausgekehrt. Das Brot buk anschließend in der gespeicherten Wärme der Steine. Der Ofen tat also einen erheblichen Teil seiner Arbeit, nachdem das Feuer bereits verschwunden war. Cpt. Faulmann fand das einen schönen Gedanken.
Über der Backstube war einst unterrichtet worden.1 Brot unten, Bildung oben. Auch das war eine Form von Dorfgemeinschaft. Im Sommer fehlten viele Kinder, weil auf Feldern und Höfen genügend andere Dinge zu lernen waren. Im Winter kamen sie eher zur Schule und brachten gelegentlich gleich das Holz zum Heizen mit.2 Die Schulpflicht hatte die Wirklichkeit offenbar nicht augenblicklich über ihre Einführung informiert.
Cpt. Faulmann ging noch einmal an den Broten vorbei. Wärme, Zeit und jemand, der wusste, wann man besser nicht mehr daran herumdrückte. Für Brot war das nachweislich eine brauchbare Kombination. Im Stockwerk darüber galt vermutlich Ähnliches. Dort nannte man das Kneten nur anders.

Als er wieder hinaustrat, hatte der Tag seine anfängliche Zurückhaltung weitgehend aufgegeben. Die Wege lagen hell zwischen den Häusern, und Schatten begann langsam, als eigenes landschaftliches Angebot hervorzutreten. Bei der Gastwirtschaft “Zur Post” blieb Cpt. Faulmann vor dem alten Postschalter stehen. Holz, kleine Öffnungen, Ablagen, Schubladen. Eine sorgfältig gebaute Grenze zwischen denen, die eine Nachricht aufgeben wollten, und denen, die dafür zuständig waren, dass sie irgendwann ankam.
Solche kleinen Postagenturen hatten sich im späten 19. Jahrhundert auf dem Land ausgebreitet. Oft betrieb sie der Gastwirt nebenher. Das eigentliche Postamt lag vielleicht im nächsten größeren Ort oder am Bahnhof.3 Ein Brief hatte damals Gewicht. Er lag in einer Tasche, wurde gestempelt, sortiert und weitergetragen. Eine Nachricht konnte mehrere Tage unterwegs sein und besaß trotzdem die Höflichkeit, nicht unterwegs noch dreimal ergänzt zu werden. Dafür musste man warten. Jede Zeit entwickelt ihre eigene Form der Ungeduld.
Für einen Besuch der Gastwirtschaft war es noch früh. Außerdem lag der Geschmack des Honigs noch ziemlich gegenwärtig im Mund.
Cpt. Faulmann ging also weiter. Der Weg führte durch einen Wald, der merklich kühler atmete als die offenen Flächen. Dahinter stand eine Bockwindmühle. Nicht erhöht auf freiem Feld, wie man es für eine Windmühle vielleicht erwartet hätte, sondern etwas tiefer und zwischen Bäumen. Für ihren ursprünglichen Standort in Spiel hätte das eine eher fragwürdige Entscheidung dargestellt. Dort hatte sie frei im Wind gestanden.4 Hier im Freilichtmuseum musste sie sich mit den örtlichen Verhältnissen arrangieren.
Immerhin waren die Segel an den Flügeln gesetzt. Auf der Plattform stand ein Mann. Mit etwas gutem Willen sah er aus wie ein Seebär auf einem hölzernen Schiff, das seit längerer Zeit beschlossen hatte, nicht mehr auszulaufen. Cpt. Faulmann blieb unten stehen. “Darf man an Bord?” Der Mann bejahte. Also enterte der Bär die lange Treppe.
Oben zeigte sich rasch, dass diese Mühle mit einem Schiff zumindest eine Sache gemeinsam hatte: Man musste verstehen, wie sich das ganze Ding zum Wind verhielt. Bei einer Bockwindmühle wurde nämlich nicht lediglich eine Haube gedreht. Das gesamte Mühlenhaus wurde bewegt. Der hölzerne Kasten mit Mahlwerk, Wellen, Zahnrädern und allem, was darin arbeitete, ruhte auf einem mächtigen Gestell. Über einen langen Balken ließ sich das Gebäude nach dem Wind ausrichten.4 Das Haus war nicht um die Maschine herumgebaut. Das Haus war die Maschine.
Der Mühlenkapitän zeigte Cpt. Faulmann Balken, Wellen und Zahnräder. Er erklärte, welchen Weg das Korn nahm, wie die Kraft von den Flügeln ins Innere gelangte und wie aus Bewegung schließlich Mehl wurde. Seine Hände fanden die Stellen im Holz beinahe von selbst.
Früher, erzählte er irgendwann, sei er Bäcker gewesen. Damit hatte das Gespräch ein Gebiet erreicht, auf dem Cpt. Faulmann nicht mehr nur höflicher Museumsbesucher war. Seit dem Eingang führte er ein Brot mit sich herum. Und Brotbacken gehörte zu jenen Beschäftigungen, bei denen er selbst gelegentlich glaubte, mehr zu wissen, als ein Teig anschließend bereit war zu bestätigen.
Der ehemalige Bäcker sprach darüber, wie unterschiedlich Mehl Wasser aufnahm. Wie sich ein Teig unter den Händen veränderte. Wann er noch etwas brauchte. Und wann man ihn besser in Ruhe ließ.
Manches konnte man messen. Anderes musste man fühlen. Das Wissen saß nicht nur in seinen Worten. Es bewegte seine Hände, obwohl dort gerade kein Teig lag. Er erzählte ruhig, ohne das Handwerk feierlich vor sich herzutragen. Nicht wie jemand, der eine verlorene Welt beschwor. Eher wie jemand, der lange darin gearbeitet hatte und deshalb wusste, dass auch früher Brote misslangen. Cpt. Faulmann hörte zu.
Die Flügel der Mühle standen still. Nach einer Weile wirkte sie trotzdem weniger unbewegt. Im Laden hatte ihm die Verkäuferin mit der weißen Schürze gezeigt, weshalb ein alter Schrank bald nicht mehr arbeiten durfte. Hier erklärte ein ehemaliger Bäcker, wie sich Mehl verhielt. Cpt. Faulmann sagte nichts dazu. Der Mann wusste schließlich selbst, wovon er sprach.
Die Sonne stand inzwischen hoch. Auf den offenen Flächen lag die Hitze wie ein zusätzliches Dach, allerdings ohne dessen wesentlichsten Vorteil.
Unter den Bäumen war es besser. Cpt. Faulmann begann, Wege nicht mehr nach ihrer Kürze, sondern nach ihrer Beschattung zu beurteilen. Das Freilichtmuseum half mit alten Bäumen, tiefen Dachüberständen und Bänken, die in jenem leichten Winkel standen, den Bänke mit längerer Berufserfahrung gelegentlich entwickeln.
Cpt. Faulmann ging nun zunehmend langsamer. Das sah, mit etwas Wohlwollen, beinahe nach einer Haltung aus. Die alten Häuser hielten die Wärme merklich unterschiedlich zurück. Hinter kleinen Fenstern, Lehm und dicken Mauern war es manchmal überraschend kühl.
An diesem Tag war das angenehm. In früheren Wintern, bei wenig Licht, offenen Feuerstellen und Rauch im Haus, hatte sich derselbe Vorteil vermutlich weniger überzeugend angefühlt.
Cpt. Faulmann ging nun durch Küchen, Kammern und Dielen. Auf Tischen standen Schüsseln. An Wänden hingen Pfannen und Werkzeuge. In Ecken warteten Geräte auf Arbeiten, die niemand mehr ausführen würde. Manche Räume wirkten dabei beinahe bewohnt. Nicht weil jemand darin war. Gerade weil niemand darin war. Ein eingerichteter Raum konnte Abwesenheit gründlicher zeigen als ein leerer.
In einem alten Hallenhaus lag die Küche nahe an der großen Diele. Wohnen, Stall, Vorräte und Arbeit waren unter demselben Dach zusammengerückt gewesen. Das Herdfeuer hatte gekocht, gewärmt und seinen Rauch anschließend großzügig dem übrigen Gebäude zur Verfügung gestellt.5 Über ihm lagerten Vorräte. Der Rauch hielt manches davon trocken und Schädlinge fern. Bei den Bewohnern waren seine konservatorischen Eigenschaften weniger stark ausgeprägt.
Der Bär blieb an einer Herdstelle stehen. Ein Topf hätte hier früher über einem Feuer gehangen, ein Wendebaum hätte ihn aus der Flamme gedreht. Salz lagerte trocken in einem Kasten nahe der Wärme - teuer, wichtig und eines jener Dinge, die selbst ein weitgehend selbstversorgender Hof von irgendwoher bekommen musste.5 Man konnte damals ohne Just-in-time-Supply-Chain ziemlich autark leben. Für Salz blieb die Welt trotzdem größer als das eigene Grundstück.

Dann öffnete sich die Landschaft wieder. Vom Bergischen Land führte der Weg hinunter zum Niederrhein. Die Höfe wurden größer, die Dächer breiter, zwischen den Gebäuden lag mehr Raum. Wasser und Wiesen veränderten den Ton der Landschaft. Hinter einem Flechtzaun und einer schmalen Wasserfläche stand der Speicher aus Lürrip. Er war alt, informierte ein Schild. Sehr alt sogar. Seine ältesten Teile stammten aus dem 15. Jahrhundert. Später hatte man einen jüngeren Hof um ihn herumgebaut und den Speicher so vollständig in dessen Gebäude aufgenommen, dass er darin für Jahrhunderte beinahe verschwand.6
Erst als dieser jüngere Hof abgebaut wurde, kam der ältere Bau wieder zum Vorschein. Ein Haus hatte ein anderes verborgen. Das jüngere war verschwunden. Das ältere stand nun im Freilichtmuseum und ließ sich betrachten. In diesem Speicher waren einmal Vorräte aufgehoben worden. Getreide, Saatgut, Dinge, die trocken bleiben und einen Winter überstehen mussten. Nun wurde vor allem der Speicher aufgehoben.
Ein Stück weiter stand noch eine Windmühle. Diesmal eine Kappenwindmühle aus Cantrup. Nach der Bockwindmühle aus Spiel war das beinahe die Fortsetzung eines technischen Gesprächs. Bei letzterer hatte sich das ganze Mühlenhaus nach dem Wind richten müssen. Hier blieb der Bau stehen; nur die Kappe mit den Flügeln wurde gedreht. Das erlaubte größere, schwerere Mühlen und entsprechend größere Flügel.7
Cpt. Faulmann sah hinauf. Die Mühle stammte von 1780. Ihr erster Rohbau hatte auf einer Landwehr stehen sollen - also genau dort, wo Grundstücksgrenzen ihre Neigung zu längeren Diskussionen entfalten. Der Nachbar ließ ihn kurzerhand abreißen.7
Cpt. Faulmann erinnerte sich an die alte Meinungsverschiedenheit über Grundstücksgrenzen, die ihm am Morgen noch als fehlende Zutat eines echten Dorfes eingefallen war. Sie hatte offenbar nur auf ihren Auftritt gewartet. Am späteren Standort lief die Mühle lange weiter und wurde im 19. Jahrhundert mit industriell gefertigten Gusseisenteilen modernisiert. Auch das Alte hatte gelegentlich Ersatzteile bekommen.
Mittlerweile waren zweiunddreißig Grad erreicht. Vom Niederrhein führte der Weg wieder bergauf, und der Bär ließ in wenigen Minuten einige Jahrhunderte am Wegesrand liegen. Goethe und Schiller waren gekommen und gegangen, Napoleon hatte Europa neu sortiert, Preußen hatte Schulen und Postagenturen organisiert, ein Kaiserreich war gegründet und wieder verschwunden. Industrialisierung, Revolutionen, zwei Weltkriege und allerlei andere Auseinandersetzungen hatten sich dazwischen ebenfalls noch unterbringen lassen.
Das Freilichtmuseum erlaubte solche Abkürzungen. Man ging ein paar Schritte, und Dinge, für die Generationen Zeit gebraucht hatten, standen plötzlich nur noch einen Wegbogen voneinander entfernt. Die Geschichte hatte inzwischen begonnen, Kleingeld anzunehmen.
Vor einer Milchbar warteten bereits eine Telefonzelle und einige Parkuhren. Dinge, die einmal auch für Cpt. Faulmann so selbstverständlich zum Straßenbild gehört hatten, dass vermutlich kaum jemand - auch Cpt. Faulmann nicht - auf die Idee gekommen wäre, sie eines Tages eigens aufzustellen, damit Menschen sie betrachten konnten.
Die Telefonzelle versprach damals Verbindung, allerdings nur für Menschen mit Kleingeld. Die Parkuhr maß Zeit ebenfalls in Münzen. Die Moderne war offenbar bereits sehr früh der Ansicht gewesen, dass beides - Zeit und Kommunikation - vor allem eine Frage passender Stückelung sei.
Wie auch immer. Nach all dem dunklen Holz, den Herdstellen, Speichern und Jahrhunderten erschien die Milchbar ausgesprochen blau und ausgesprochen gelb. Die fünfziger Jahre hatten offenbar angenommen, dass die Zukunft vor allem aus klaren Farben, Barhockern und gut gelaunten Fischen bestehen würde. Cpt. Faulmann trat ein.

Die Bar war 1955 in Brühl eröffnet worden. Zunächst als moderner, alkoholfreier Treffpunkt für junge Leute.8 Dabei blieb es nicht. Schon einige Jahre später begann der Raum eine bemerkenswerte zweite Karriere. Aus der Milchbar wurde eine Kneipe. Die hellen Farben bekamen Gesellschaft von dunkleren Tönen, an den Wänden hingen Schallplatten, vor der Tür standen Motorräder, und aus der Milch wurde irgendwann auch Bier.8 Die Jugend war geblieben. Nur ihre Getränke hatten sich verändert. Cpt. Faulmann mochte diese etwas unordentliche Biografie des Raumes. Die verschiedenen Zeiten existierten hier nonchalant nebeneinanderher.
Man hätte die Milchbar auch sauber auf 1955 zurückstellen können: Milchgetränke, Nachkriegsoptimismus, fertig. Aber so sauber hatte der Ort selbst seine Geschichte nicht geführt. Im Raum roch es noch nach Zigarettenrauch. Nicht stark. Nur so, dass er da war. Cpt. Faulmann sah zu den Schallplatten. Vielleicht saß der Rauch in den Wänden. Vielleicht im Holz. Vielleicht hatten ihn einige der Plattenhüllen aufgenommen und gemeinsam mit der Musik aufbewahrt. Schallplatten waren dafür gemacht, Vergangenes wiederzugeben. Es war nirgends festgelegt, dass es ausschließlich Töne sein mussten.
Nach einer Weile trat Cpt. Faulmann wieder hinaus. Einen Eiskaffee gab es nicht in der Milchbar, sondern am Kiosk davor. Das war bei zweiunddreißig Grad gefühlt keine bedeutende historische Unstimmigkeit, also bestellte er einen.
Die Frau am Kiosk empfahl ihm dazu einen bestimmten Platz im Schatten und erklärte den Weg dorthin ziemlich genau. Menschen, die Eiskaffee verkaufen, entwickeln vermutlich ein berufliches Verhältnis zur Sonne.
Der Platz jedenfalls war gut, und der Bär setzte sich. Der Eiskaffee blieb dort in der Tat länger in Form. Cpt. Faulmann ebenfalls.
Besucher gingen vorbei. Manche hielten Lagepläne in der Hand und sahen trotzdem suchend aus. Das Freilichtmuseum war groß genug, um sich mit guten Gründen zu verlaufen.
Ein Kind lief hinter einem Erwachsenen her und fragte, wann sie endlich bei den alten Häusern seien. Der Erwachsene sah sich um. Sie seien bereits seit einer Stunde dort. Das Kind nahm dies als unbefriedigende Auskunft hin.
Nach dem Eiskaffee ging Cpt. Faulmann noch ein wenig über den Museumsplatz. Die Vergangenheit hatte inzwischen ihre Fachwerkbalken weitgehend abgelegt. Da stand eine Gastwirtschaft, deren Geschichte deutlich unordentlicher war, als ihre Fassade zunächst vermuten ließ. Das Haus war fast dreihundert Jahre alt. Später hatten Wilhelm und Alwine Watteler darin ihre Gastwirtschaft betrieben. Wilhelm war Metzger, weshalb dort nicht nur getrunken, sondern auch ordentlich Fleisch umgesetzt worden war.9
Dann kam der Krieg. Das Haus wurde schwer beschädigt, die Familie ging fort und kehrte danach wieder zurück. Für den Wiederaufbau lieh Wilhelm Watteler bei Bauern Karren und Ochsen. Aus Köln holte er neue Steine. Seine Frau und die Kinder machten sie passend.9 Ein Familienbetrieb konnte damals offenbar auch bedeuten, dass man gemeinsam ein Haus wieder zusammensetzte.
Danach wurde weitergebaut. Ein Saal kam hinzu. Der Eingang wurde verändert. Helle Fliesen zogen in den Flur ein, schwarze um die Fenster. Und irgendwann bekam der Schankraum bunte Fenster. Später wurden sie wieder ausgebaut und auf den Dachboden gelegt. Dort fand das Museum sie. Heute waren sie wieder eingebaut.9
Im Schankraum war erstaunlich viel im Original erhalten geblieben: Theke, Schränke, Tische, Stühle, Gläser, Geschirr, Bilder, sogar Bierdeckel und Knobelbecher. Unter einer späteren Vertäfelung hatte man außerdem Reste einer älteren Tapete gefunden und sie danach originalgetreu nachdrucken lassen.9
Ein Stück weiter stand das Quelle-Fertighaus.10 Nach all den Häusern, deren Balken Zimmerleute einzeln behauen hatten, war das beinahe eine kleine Provokation. Ein Haus aus dem Katalog. Man bestellte nicht mehr nur Salz, Stoff oder Zahnpasta. Nun konnte man sich auch das Wohnen liefern lassen.
Cpt. Faulmann fand daran nichts grundsätzlich Verwerfliches. Wer schon einmal auf einen Handwerker gewartet hatte, konnte der industriellen Vorfertigung eine gewisse Logik nicht absprechen. Bei zweiunddreißig Grad stellte sich ohnehin zunächst eine andere Frage. Ob das Ding innen kühl war. War es aber nicht.
Daneben erzählte der Bungalow Kahlenbusch eine weniger geradlinige Geschichte. Er war als Gaststätte und geplantes Hotel gedacht, blieb zeitweise Bauruine und wurde schließlich selbst Museumsexponat. Anders als die meisten Häuser hier musste er dafür nicht einmal umziehen: Er steht noch an seinem ursprünglichen Standort.10 Vor der Haustür standen drei Gartenzwerge. In den sechziger Jahren gehörten sie noch erstaunlich selbstverständlich in solche Vorgärten.
Innen warteten niedrige Decken, eher kleine Fenster und eine Wohnzimmereinrichtung im sogenannten Neo-Chippendale. Die in den 1980er-Jahren eingebauten Kunststofffenster hatte das Museum bewusst belassen.10 Nicht alles, was später hinzugekommen war, musste aus der Geschichte wieder hinaus. Auch die Moderne hatte ihre Ruinen produziert. Sie brauchte dafür offenbar nicht einmal besonders viele Jahrhunderte.
Cpt. Faulmann sah innerlich noch einmal zurück. Bauernhaus, Postagentur, Mühle, Speicher, Milchbar, Fertighaus, Bungalow. Das Museum war längst nicht mehr nur eine Sammlung von Dingen, die “früher” gewesen waren. Das Früher rückte bedenklich nahe.
Und dann erreichte Cpt. Faulmann die Sonderausstellung “Grässliche Glückseligkeit. Faszination Kitsch”.11 Sie rührte ihn mehr an, als er erwartet hatte. In den Räumen standen Dinge, die niedlich, feierlich, gerührt oder sehr von ihrer eigenen Bedeutung überzeugt waren. Porzellanfiguren, Bilder, Andenken und Gegenstände, denen man ansah, wie sie betrachtet werden wollten. Manche zeigten eine Welt, in der Trauer durchaus vorkommen durfte. Sie musste nur rechtzeitig von einem Sonnenuntergang angemessen beleuchtet werden. Der Bär musste kurz an Milan Kundera denken, der Kitsch als die “absolute Verneinung der Scheiße” bezeichnete.12
Cpt. Faulmann blieb vor einer besonders glücklichen Figur stehen. Dann betrachtete er seine eigene Lage. Ein sprechender, radelnder Bär mit Schiebermütze, der alte Häuser besuchte, warmes Brot mit sich führte und sich seit Stunden ungewöhnlich ausführlich für Honig interessierte, war in einer Ausstellung über Kitsch kein vollständig neutraler Beobachter. Cpt. Faulmann lebte schließlich selbst in einer Fabelwelt. Dort sprachen Bären, Füchse, Dachse und Maulwürfe miteinander. Sie tranken Tee, fuhren Rad und blieben an Dingen stehen, die andere vielleicht übersahen. Die Welt war oft freundlich gezeichnet. Bäume standen dort gewöhnlich an den richtigen Stellen, und selbst Regen erhielt mit etwas Abstand eine brauchbare Textur. Man konnte das tröstlich finden. Man konnte es auch verdächtig finden.
Cpt. Faulmann hatte an diesem Tag allerdings einen Schrank gesehen, dessen Reparaturwissen langsam verschwand. Er hatte ungebackene Brote in einer heißen Backstube liegen sehen. Er hatte alten Zigarettenrauch gerochen und einem ehemaligen Bäcker zugehört, dessen Hände noch wussten, was seine Worte nur beschreiben konnten. Auch sein Hemd war inzwischen deutlich von zweiunddreißig Grad berührt. Die Scheiße war also nicht vollständig negiert. Vielleicht hatte man ihr nur nicht jeden Platz überlassen.
Cpt. Faulmann sah noch einmal zu der glücklichen Figur. Sie blieb bei ihrer Auffassung.
Eine letzte Überraschung wartete im Museumsladen. Dort stand der Honig des Imkers im Regal. Dasselbe Etikett. Derselbe Sommerhonig. Vielleicht sogar dasselbe Glas, obwohl Cpt. Faulmann ihm keine persönlichen Eigenschaften zuschreiben wollte, die sich später nur schwer belegen ließen.
Er nahm es in die Hand. Hier konnte man mit Karte zahlen. Die Gegenwart hatte sich doch noch nützlich gemacht. Beim Bezahlen erzählte die Mitarbeiterin, dass an diesem Tag erstaunlich viele Besucher auch Met mitgenommen hätten. Der Bär ließ sich trotz des offensichtlichen Tricks nicht lumpen. Für einen Tag war damit ausreichend Bienenwirtschaft in der Tasche.
Am Ausgang holte Cpt. Faulmann sein Fahrrad. Der Sattel war warm geworden. Das Wasser in der Flasche hatte sich der Umgebung weitgehend angepasst. Und das Telefon zeigte nur noch so viel Strom, wie Geräte gewöhnlich anzeigen, kurz bevor sie beschließen, dass die weitere Reise Privatsache sei.
Cpt. Faulmann fuhr los. Die Navigation hielt zunächst durch. Der kleine Pfeil bewegte sich über die Karte und behauptete mit großer Sicherheit, Cpt. Faulmann befinde sich genau dort, wo er sich befand.
Die Straßen lagen hell in der Nachmittagshitze. Schatten war seltener geworden, der Fahrtwind warm. Cpt. Faulmann fuhr ruhiger als am Morgen. Dann wurde der Bildschirm dunkel. Der Bär drückte auf den Knopf.
Nichts. Das Telefon hatte seine Arbeit eingestellt. Die Gegend nicht. Vor ihm lag eine Abzweigung. Ein Schild zeigte zu einem Ort, dessen Name ihm bekannt vorkam, ohne dass daraus bereits eine Richtung geworden wäre. Cpt. Faulmann sah nach links. Dann nach rechts. Früher waren Menschen durch diese Landschaft gefahren, ohne dass ein kleiner Pfeil ihnen fortwährend bestätigte, wo sie waren.
Sie hatten Schilder gelesen, Kirchtürme betrachtet und gelegentlich jemanden gefragt. Vermutlich waren sie auch falsch abgebogen. Die Vergangenheit war in dieser Hinsicht weniger romantisch, als ihre Landkarten heute wirkten.
Cpt. Faulmann nahm den linken Weg. Er führte zwischen Feldern hindurch und sah nicht völlig falsch aus.
Mehr ließ sich in diesem Augenblick nicht verlangen.
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Das Gemeindehaus aus Löhndorf war tatsächlich ein kleiner Mehrzweckbau. Unten wurde für das Dorf gebacken, oben unterrichtet; andernorts kamen in solchen Häusern noch Ratssaal oder Feuerwehr unter. Gebacken wurde nicht täglich, sondern nach einem Plan: Eine Familie kam ungefähr alle zwei bis drei Wochen an die Reihe und musste entsprechend haltbares Brot herstellen. Roggen und Sauerteig hatten also nicht nur geschmackliche Vorzüge, sondern vor allem organisatorische. Im Schulraum war die Jahreszeit ebenfalls nicht unwichtig. Gerade auf dem Land kollidierte die Schulpflicht lange mit der schlichten Tatsache, dass Kinder im Sommer auf Hof und Feld gebraucht wurden. Siehe LVR-Freilichtmuseum Kommern, Objekttext zum Schul- und Backhaus aus Löhndorf sowie Informationen zur Barrierefreiheit. ↩ ↩2
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Der bäuerliche Alltag schrieb lange nicht nur die Ferien, sondern auch die Uhrzeit der Schule mit. Kinder wurden auf Hof und Feld gebraucht, und Unterricht musste sich damit arrangieren. Wie lange diese Vorstellung nachwirkte, zeigt ein erstaunlicher Streit aus Baden-Württemberg: Noch 1959 wehrte sich der Bauernverband dagegen, dass Landschulen künftig nicht mehr vor 7.45 Uhr beginnen sollten; im Sommer wollte man weiterhin Unterricht ab sieben Uhr. Inzwischen werden die Kinder nachmittags nur noch selten zum Kühehüten benötigt. Der frühe Schulbeginn blieb vielerorts trotzdem. Ausgerechnet Jugendliche vertragen ihn biologisch besonders schlecht: Mit der Pubertät verschiebt sich ihre innere Uhr nach hinten, frühes Aufstehen führt dann leicht zu dauerhaftem Schlafmangel und einer Art sozialem Jetlag. Der bäuerliche Arbeitstag ist weitgehend verschwunden. Sein Wecker hat offenbar etwas länger durchgehalten. Siehe dazu DIE ZEIT, “Nicht mehr wenn der Hahn kräht”, sowie Jan Freitag, “Nein, noch nicht!”. ↩
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Die Kaiserliche Reichspost begann ab 1870, solche kleinen Agenturen auf dem Land einzurichten. Häufig übernahm ein Gastwirt den Betrieb nebenbei. Das eigentliche Postamt konnte im nächsten größeren Ort oder erst am Bahnhof liegen. Noch schneller wurde die Sache mit dem Telegraphen, sofern eine Leitung vorhanden war und man die Gebühr bezahlen konnte. Entfernung wurde damit erstmals merkwürdig relativ: Das Nachbardorf konnte einen halben Tagesmarsch entfernt sein, Berlin aber plötzlich nur noch einige Drähte. Grundlage ist der Objekttext des LVR-Freilichtmuseums zur Postagentur im Hof aus Oberbreisig; vgl. auch die Informationen zur Barrierefreiheit. ↩
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Die Mühle stammt aus Spiel im Kreis Düren, wo die Landschaft flach, die Bäche wenig kräftig und der Wind dafür reichlich vorhanden war. Sie stand deshalb ursprünglich frei zwischen Dorf und Gutshof. Bei einer Bockwindmühle sitzt das gesamte Mühlenhaus auf einem hölzernen Gerüst und wird gegen den Wind gedreht. Vor dem Mahlen hatte der Müller also nicht nur das Mahlwerk zu prüfen, sondern auch Segel und Windrichtung. Hinzu kam früher noch eine soziale Besonderheit: Der Betrieb einer Mühle war ein landesherrliches Privileg, und die Bauern waren häufig verpflichtet, genau dort mahlen zu lassen. Selbst der Wind war verwaltungstechnisch offenbar nicht völlig frei. Siehe LVR-Freilichtmuseum Kommern, “(H)aus alt mach neu - die Bockwindmühle aus Spiel” sowie den Objekttext zur Mühle. ↩ ↩2
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Das Hallenhaus aus Rhinschenschmidthausen ist schon baulich ein Sonderfall. Während Hallenhäuser meist als Fachwerkbauten gedacht werden, bestehen seine Außenwände überwiegend aus fast drei Meter hohen Bruchsteinmauern. Wohnen, Stall, Werkstatt und Erntelager lagen trotzdem unter einem Dach. Über der offenen Herdstelle lagerte Getreide; der Rauch half gegen Pilzbefall, während er für die Atemwege der Bewohner deutlich weniger fürsorglich war. Auch der Salzkasten an der Herdstelle erzählt ein kleines Gegenstück zur Vorstellung völliger bäuerlicher Selbstversorgung: Salz gehörte zu den Dingen, die selbst ein Hof zukaufen musste. Grundlage ist der Objekttext des LVR-Freilichtmuseums zum Hallenhaus aus Rhinschenschmidthausen. ↩ ↩2
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Der Speicher aus Lürrip hatte einen besonders gründlichen Weg ins Museum. Er stammt aus dem 15. Jahrhundert, wurde später aber so vollständig in einen jüngeren Hof eingebaut, dass seine Eigenständigkeit praktisch verschwand. Erst beim Abbau dieses späteren Gebäudes kam der ältere Bau wieder zum Vorschein. Man hatte also nicht nur ein Haus abgetragen, sondern dabei gewissermaßen noch eines gefunden. Siehe LVR-Freilichtmuseum Kommern, Newsletter 04/2024, “Der verschwundene Hof”. ↩
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Die Kappenwindmühle aus Cantrup stammt von 1780 und zeigt ziemlich anschaulich, weshalb die sogenannte Holländerwindmühle die ältere Bockwindmühle vielerorts verdrängte. Statt den gesamten Mühlenkörper zu bewegen, musste nur noch die Kappe mit den Flügeln nach dem Wind gedreht werden. Dadurch konnten Mühlen größer und schwerer werden. In Cantrup geschah das noch von Hand über den Sterz; spätere Mühlen überließen diese Arbeit einer Windrose. Bemerkenswert ist auch ihr etwas ruppiger erster Bauversuch: Die Mühle sollte auf einer Landwehr stehen, der Nachbar hielt die Grundstücksgrenze offenbar für anders verlaufend und ließ den Rohbau kurzerhand abreißen. Am späteren Standort blieb sie lange in Betrieb und erhielt im 19. Jahrhundert industriell gefertigte Gusseisenteile. Grundlage ist der Objekttext des LVR-Freilichtmuseums zur Kappenwindmühle aus Cantrup. ↩ ↩2
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Die 1955 in Brühl eröffnete Milchbar blieb nicht lange das, was ihr Name versprach. Zunächst war sie ein alkoholfreier Treffpunkt mit Milchmixgetränken und jener freundlich amerikanischen Zukunft, die die fünfziger Jahre gern in geschwungene Formen und helle Farben packten. Später wurde daraus eine Kneipe und zeitweise eine Rockerkneipe; Bier, Whiskey, Motorräder und Schallplatten legten sich über die ursprüngliche Ausstattung, ohne sie ganz zu beseitigen. Gerade diese Schichten hat das Museum nicht auf einen einzigen vermeintlich “richtigen” Zustand zurückgesetzt. Siehe LVR-Freilichtmuseum Kommern, “Milchshake und Rock ‘n’ Roll in Buchform”. ↩ ↩2
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Die Gastwirtschaft Watteler trägt ihre Umbauten beinahe wie Jahresringe. Nach den schweren Kriegsschäden kehrte die Familie zurück und begann mit geliehenen Karren und Ochsen den Wiederaufbau; neue Steine wurden aus Köln geholt und von Frau Watteler und den Kindern passend zugerichtet. Später kamen ein neuer Saal, Veränderungen am Eingang und die bunten Fenster im Schankraum hinzu. In den 1970er-Jahren modernisierten Johannes und Gerti Watteler weiter: Theke und Schrank wurden ausgetauscht, Wand und Decke vertäfelt, Zentralheizung und eine neue Toilettenanlage eingebaut. Unter der Vertäfelung blieben Reste einer älteren Tapete erhalten, anhand derer das Museum sie später originalgetreu nachdrucken konnte. Zugleich blieb das bewegliche Inventar erstaunlich vollständig erhalten - bis hin zu Gläsern, Bierdeckeln und Knobelbechern. Ein Gastraum ist offenbar auch dann noch vollständig eingerichtet, wenn längst niemand mehr bestellt. Grundlage sind die Objekttexte des LVR-Freilichtmuseums zur Gastwirtschaft Watteler. ↩ ↩2 ↩3 ↩4
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Der “Marktplatz Rheinland” zieht die Zeitlinie des Freilichtmuseums bewusst bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Quelle-Fertighaus stammt aus der Welt des seriellen Wohnens der sechziger Jahre. Der Bungalow Kahlenbusch ist ein typischer Vertreter jener neuen Siedlungen, die damals an den Rändern gewachsener Ortskerne entstanden. Seine L-Form mit dem leicht abknickenden Garagenflügel war zeittypisch; vor der Haustür stehen drei Gartenzwerge, die in jener Zeit noch deutlich weniger erklärungsbedürftig waren. Innen wartet eine Wohnzimmereinrichtung im sogenannten Neo-Chippendale. Selbst die in den 1980er-Jahren eingesetzten Kunststofffenster ließ das Museum bewusst bestehen, weil auch spätere Veränderungen zur Geschichte eines Hauses gehören. Eine weitere Besonderheit ist seine Lage: Der Bungalow war ursprünglich als kleines Hotel für Museumsgäste gedacht und steht noch immer dort, wo er gebaut wurde. Er ist das einzige Gebäude des Freigeländes, das für seine Musealisierung nicht versetzt werden musste. Das Museum kam gewissermaßen zu ihm. Siehe LVR-Freilichtmuseum Kommern, Informationen zum Marktplatz Rheinland sowie die Objekttexte zum Bungalow Kahlenbusch. ↩ ↩2 ↩3
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Die Sonderausstellung “Grässliche Glückseligkeit. Faszination Kitsch” läuft im Freilichtmuseum von Mai 2024 bis April 2027. Interessant ist weniger die Frage, ob ein einzelner Gegenstand nun “wirklich” kitschig sei, als die Tatsache, dass Kitsch immer auch von Nähe, Distanz und Zeit abhängt. Was einmal als rührselig, billig oder geschmacklos galt, kann später als Zeitzeugnis im Museum stehen. Nach einem Tag zwischen versetzten Bauernhäusern und einer ehemaligen Rockerkneipe war das keine ganz theoretische Frage mehr. Siehe LVR-Freilichtmuseum Kommern, “Grässliche Glückseligkeit. Faszination Kitsch”. ↩
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Bei Kundera ist Kitsch nicht einfach schlechter Geschmack. Er beschreibt damit eine Welt, aus der alles ausgeschlossen wird, was das saubere, rührende Bild des Daseins stören könnte. Deshalb die drastische Formel von der “absoluten Verneinung der Scheiße”. Zum Kitsch gehört bei ihm außerdem eine Art gemeinschaftliche Rührung: Nicht nur das schöne Bild bewegt, sondern auch das Gefühl, dass alle anderen davon ebenfalls bewegt sein sollen. Das macht den Begriff für einen freundlich gezeichneten, radfahrenden Bären unangenehm brauchbar. Siehe Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Teil 6, “Der Große Marsch”. ↩