Ein brauner Bär in grüner Jacke und Schiebermütze steht mit einem Mountainbike am Waldrand; vor ihm führt ein Weg durch warmes Herbstlicht zu einem nebeligen, säulenförmigen Museumsgebäude in der Ferne.

Es gibt Jahre, die machen keinen Lärm. Sie machen eher Spuren. 2025 war so eins.

Am Anfang war viel Rad. Nicht aus sportlicher Erleuchtung, sondern aus bärischer Notwendigkeit: Wenn innen zu viele Stimmen reden, muss man raus. Also fuhr Faulmann los. Wie jedes Jahr. Erst kurz. Dann länger. Dann so, dass man unterwegs beginnt, die eigene Unruhe wie ein Tier zu erkennen: mal scheu, mal aggressiv, immer ein bisschen hungrig.¹

Manchmal ist eine Fahrt nur eine Fahrt. Und manchmal ist sie eine kleine Abmachung mit sich selbst: Du darfst heute alles denken — aber nicht alles gleichzeitig. Der Weg nimmt dann das Überflüssige ab, wie ein Ast, der am Ärmel zupft. Und irgendwann bleibt nur noch das Nötige übrig: Atem, Tritt, Blick. Der Rest läuft hinterher, wie ein Hund, der erst später versteht, dass er gerufen wurde.

Die erste Jahreshälfte roch nach Wind, Asphalt und dem milden Trotz, den man entwickelt, wenn Züge sich wie literarische Figuren beckettscher Machart gerieren: großer Auftritt, kein Erscheinen. Faulmann stand also viel auf Bahnsteigen rum, die so taten, als seien sie nur Beton — dabei waren es eigentlich kleine Prüfstände: Geduld, Würde, Temperament. Und irgendwo zwischen Verspätung und Weiterfahrt stellte sich eine einfache Erkenntnis ein, die nur unterwegs zuverlässig kommt:

Man kann sehr viel verlieren, ohne es zu merken — und sehr viel behalten, obwohl man’s nicht festhält.²

Im Sommer wurde das Denken wieder lauter. AI schob sich nicht nur als Spielzeug ins Bild, sondern auch als Spiegel: Was wird schneller? Was wird härter? Wer darf entscheiden, was „effizient“ heißt, wenn am Ende Menschen gemeint sind? Faulmann hatte nie die Neigung, Technik zu verteufeln — aber er hat eine feine Nase für den Moment, in dem ein System anfängt, sich selbst für Moral zu halten.³

Und dann kippte das Jahr. Nicht dramatisch. Eher wie ein Licht, das im Raum eine andere Richtung nimmt.

Plötzlich waren die Museen wieder da — als hätte die zweite Jahreshälfte beschlossen, innen weiterzugehen, wo das Draußen langsam aufhörte. Faulmann ging hinein, erst zögerlich, dann mit diesem ruhigen, ernsten Schritt, den Bären haben, wenn sie vorhaben, etwas wirklich anzuschauen. Museumsräume sind ja seltsame Orte: Sie tun so, als seien sie Vergangenheit, aber in Wahrheit ist es Gegenwart — nur in stiller. Man steht vor Bildern, die Jahrzehnte, Jahrhunderte alt sind, und merkt: Manche Dinge altern nicht. Manche Dinge kehren wieder. Und manche Dinge waren leider nie weg.⁴

In Museen ist die Zeit nicht weg, sie steht nur anders im Raum. Sie hängt nicht in Minuten, Stunden, Jahren, sondern in Abständen: zwischen Bild und Bild, zwischen Schulter und Rahmen, zwischen dem, was man weiß, und dem, was man plötzlich spürt.

Faulmann mochte diese Art von Stille. Nicht die feierliche — eher die, die einem erlaubt, Dinge wieder in voller Größe zu denken, ohne dass sofort jemand „Update“ dazu sagt.

Verlust und Vergänglichkeit prägten 2025 wie ein tiefer Ton, den man nicht abschaltet. Nicht als Pathos — eher als diese nüchterne Nähe: Dinge verschwinden. Menschen fehlen. Pläne verlieren ihren Sinn. Und trotzdem geht man am nächsten Tag einkaufen, macht Kaffee, fährt los, schaut weiter. Vanitas ist nicht das große Wort, Vanitas ist das kleine Faktum: „Alles hat ein Ende, und manchmal merkt man’s erst im Rückblick.“⁵

Vergänglichkeit klingt immer wie ein Thema für kluge Abende. In Wahrheit ist es eher eine Wetterlage: Man geht raus und merkt, dass es kälter ist, obwohl der Kalender etwas anderes vorsieht. Faulmann sagt dann nur: „Tja. Wird wohl so.“ Und genau in diesem Satz steckt alles: Trotz, Annahme — und ein bisschen Zärtlichkeit, die aber nicht geschniegelt, sondern schnoddrig auftreten will.

Dazu kamen gesellschaftliche Entwicklungen, die man auch erst für Wetter hält, bis man merkt, dass es Klima ist. Autoritarismus ist wohl selten ein einzelner Knall — er ist oft ein Gespräch, das schrittweise weniger Widerspruch verträgt. Ungerechtigkeit ist nicht immer eine Schlagzeile — manchmal ist sie ein Alltag, der sich für normal ausgibt. Faulmann merkte das, wie er Dinge immer merkt: nicht als Theorie, sondern als Unruhe im Fell.⁶

Man gewöhnt sich erschreckend schnell an sowas. Erst kippt ein Tonfall, dann kippt ein Satz, dann steht eine Tür offen, die früher sicher verschlossen war — und irgendwann tut man so, als hätte man sie nie gebraucht, und baut sie aus. Faulmann hat dafür keinen großen Begriff. Er hat nur dieses kurze Innehalten, dieses Brummen, das viel mehr ist als Unmut: ein inneres „Moment mal“, das die Welt für einen Augenblick wieder prüfbar macht.

Und genau da bekam der Wald mehr Personal.

Meister Mummrich trat deutlicher hervor: ein Maulwurf, der wirkt, als hätte er ein Archiv im Kopf und eine Taschenlampe fürs Ungesagte. Er sagt selten viel, aber wenn er etwas sagt, bleibt es hängen — wie ein Kletten-Satz am Hosenbein. Dachsbert tauchte auf mit seiner dachsigen Mischung aus Melancholie und praktischer Moral. Und Liora kam als Blick, der nicht tröstet, sondern klärt. Keine neuen „Helden“, eher neue Arten, wach zu bleiben.⁷

So floss 2025 am Ende zusammen: Draußen die Strecke, drinnen die Bilder, dazwischen die Fragen. Und unter allem dieses leise, hartnäckige Prinzip, das Faulmann nie als Prinzip bezeichnen würde:

Nicht einschlafen im allzu Warmen.

Zum Schluss brummte der Captain, wie er immer brummt, wenn ein Jahr nicht „gut“ oder „schlecht“ war, sondern einfach wirklich: „War eins von den echten.“ Dann goss er Tee nach. Und guckte kurz, ob draußen noch alles steht.⁸

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Fußnoten

  1. Radfahren ist die einzige Meditation, bei der man nebenbei noch Orte sammelt. Und Gegenwind-Argumente.
  2. Bahnsteige sind die stillen Kathedralen der Gegenwart: viel Warten, wenig Erlösung, sehr gute Akustik für Selbstgespräche.
  3. AI ist manchmal wie ein kluger Spiegel: Er zeigt dir nicht nur dein Gesicht, sondern auch deine Eile.
  4. Museen sind keine Vergangenheit. Museen sind Gegenwart im Kostüm — und manchmal mit Sicherheitsdienst.
  5. Vergänglichkeit ist kein Thema, sagt Faulmann. Vergänglichkeit ist die Grundeinstellung.
  6. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist oft der Moment, in dem man genauer hinhören sollte. (Der Wald hört dann meistens schon.)
  7. Meister Mummrich ist nicht mystisch. Er ist nur gut informiert und nicht eitel genug, daraus Lärm zu machen.
  8. „Wach“ ist im Faulmann-Kosmos die höchste Tugend — knapp vor „Honigkuchen verfügbar“.