Faulmann isst - Kothu unter dem Starfighter
Eine Stelle, die mehrere Leben behalten hat

Das Lakshmi liegt in der Thieboldsgasse, neben dem Lebensmittelgeschäft Tropical Foods. Draußen stehen Autos auf dem Pflaster. Über der Tür hängt ein rotes Schild, an der hellblauen Fassade sind einige Stellen heller ausgebessert als andere. Der Laden sieht nicht aus, als wolle er entdeckt werden. Er ist einfach da.
Faulmann ging hinein und setzte sich an einen der runden Tische. Darauf lag eine geblümte Decke unter einer durchsichtigen Kunststofffolie. Die Stühle ringsum hatten sich offenbar nicht auf ein gemeinsames Modell einigen müssen.
Eine freundliche Frau, nicht mehr ganz jung, brachte die Speisekarte. Faulmann bestellte gemischte Pakora und ein Lamm-Kothu.
“Auch scharf?”, fragte sie.
“Ein bisschen”, sagte Faulmann.
Sie nickte und ging schon in Richtung Küche. Nach zwei Schritten drehte sie sich noch einmal um.
“Also nicht für mich scharf”, sagte sie und lachte.
Faulmann sah ihr nach. Dann lehnte er sich ein wenig zurück und hob den Blick.
Über ihm hing ein Flugzeugflügel.
Er sah kurz wieder auf den Tisch und dann noch einmal nach oben. Der Flügel war weiterhin da. Blankes, vernietetes Metall, ein schwarzes Tatzenkreuz der Bundeswehr auf der Unterseite, viel zu groß für den schmalen Gastraum und gleichzeitig so selbstverständlich darin, als gehöre er zur Decke.
Das war selbst für Köln ungewöhnlich.
Es war ein Tragflügel der Lockheed F-104G Starfighter. Die F-104 hatte ungewöhnlich kleine und dünne Tragflächen. Ihre Vorderkanten waren nur ungefähr 0,4 Millimeter stark - so scharf, dass sie am Boden mit Schutzleisten abgedeckt werden mussten, damit sich niemand daran verletzte. In Deutschland kannte man das Flugzeug allerdings auch unter einem weniger glänzenden Namen: Witwenmacher.1
Faulmann hatte “ein bisschen” bestellt. Der Flügel entsprach offenbar eher dem Geschmack der Frau.
Früher befand sich in denselben Räumen die Pilot Lounge. Die Bar eröffnete im Dezember 2005 und nahm das Fliegen recht wörtlich. Der Flügel hing schon damals hier. In Schaukästen lagen Fliegertrophäen, die Cocktails hießen “Iron Eagle” und “Top Gun Trophy”, und unter den Gästen fanden sich laut einer alten Lokalbeschreibung Hobbyflieger, Modellbauer und Stewardessen.
Die Pilot Lounge verschwand. Der Starfighter blieb.
Faulmann betrachtete nun den Rest des Raumes genauer. Leuchtstoffröhren hingen an den Wänden. Auf einem Sims versammelten sich hinduistische Gottheiten, Buddhafiguren, der heilige Franziskus, Mutter Teresa und ein paar Flaschen. Das wirkte nicht wie ein nachträglich ausgedachtes Einrichtungskonzept. Es war eher das, was entsteht, wenn ein Ort lange genug Dinge aufnehmen und behalten darf.
Dann kamen die gemischten Pakora. Verschiedene Stücke in gewürztem Kichererbsenteig, frittiert, unregelmäßig und gerade deshalb sehr überzeugend. Pakora müssen nicht so aussehen, als seien sie von einer Maschine geprüft worden. Es genügt, wenn sie heiß ankommen und man nach dem ersten bereits weiß, dass der Teller nicht lange ein Problem darstellen wird.
Danach kam das Lamm-Kothu.
Kothu ist ein sri-lankisches Gericht aus Fladenbrot, das auf einer heißen Platte klein gehackt und mit Gemüse, Ei, Gewürzen und, je nach Bestellung, Fleisch vermischt wird. In Sri Lanka gehört der Rhythmus der beiden Metallklingen zum Gericht: Man hört Kothu oft, bevor man es sieht. Das Brot verliert dabei seine bisherige Form, nimmt Sauce und Gewürze auf und wird zu etwas Neuem, ohne ganz aufzuhören, Brot zu sein.
Faulmann fand das vernünftig. Das Kothu bestand nicht aus sauber getrennten Beilagen. Das Brot, das Gemüse, die Gewürze und das Lamm waren miteinander vermischt, ohne dabei zu einer gleichförmigen Masse zu werden. Man bekam in jedem Bissen etwas anderes, aber nie etwas ganz Fremdes.
Das Lamm-Kothu war sehr gut. Würzig, warm und von jener sättigenden Art, bei der man langsamer weiterisst, aber nicht ernsthaft ans Aufhören denkt. Kein Essen, das auf dem Teller viel Abstand zwischen den Bestandteilen lässt. Hier war alles bereits miteinander bekannt gemacht worden.
Der Raum machte es ähnlich. Geblümte Tischdecken und Leuchtstoffröhren. Sri-lankisches Kothu und indische Pakora. Lakshmi, Buddha, Franziskus und Mutter Teresa. Daneben der Lebensmittelladen mit Okra, Kochbananen und Dingen aus mehreren Kontinenten. Und über allem ein übrig gebliebener Flügel aus einer deutschen Fliegerbar.
Auch der Name hatte sich nicht auf eine Form festlegen müssen. Im Internet heißt der Laden inzwischen meistens Anna Lakshmi. Draußen steht davon nichts. Auf dem Schild über der Tür steht nur Lakshmi. Auch ältere Kölner Texte kennen ihn unter diesem Namen. Das zusätzliche Anna scheint erst später in sein digitales Leben geraten zu sein.2
Ausgerechnet Annalakshmi, zusammengeschrieben, gibt es tatsächlich: So heißt eine internationale Kette vegetarischer Restaurants. Ihr Name verbindet annam, Essen oder Nahrung, mit Lakshmi, der Göttin des Wohlstands und der Fülle. Mit dem Kölner Restaurant hat die Kette nichts zu tun. Die semantischen Konstituenten ihres Namens - Nahrung und Fülle - vielleicht schon eher.
Trotzdem sah es aus, als habe jemand den Namen dieser Kette an einer für deutsche Augen einleuchtenden Stelle getrennt. Aus Annalakshmi wurde Anna Lakshmi.
Ein Leerzeichen hatte eine Frau erfunden. Ein Restaurantführer glaubte später sogar zu wissen, dass die Besitzerin Anna hieße.
Nichts davon war geglättet worden, damit es besser zusammenpasste.
Es passte auch so.
Für den Feinschmecker ist das hier sicher nicht der richtige Laden. Das muss es auch gar nicht sein. Unter einem Starfighter-Flügel, auf einer geblümten Tischdecke unter Kunststofffolie, hätte ein sorgsam mit der Pinzette gesetztes Blättchen gewirkt, als wolle jemand einen Splitter entfernen.
Im Wald wurde schließlich auch wenig einzeln angerichtet. Moos, Rinde, Blätter und Erde lagen beieinander, ohne sich deshalb erklären zu müssen. Mischung war nicht das Gegenteil von Ordnung. Nur eine Ordnung, die keinen freien Tellerrand brauchte.
Faulmann verstand, weshalb man hier wiederkam. Das Essen schmeckte, die Portion machte satt, der Preis blieb freundlich und die Frau behandelte den nächsten Besuch nicht wie eine Möglichkeit, sondern wie etwas, das vermutlich ohnehin geschehen würde.
Die Stühle konnten sich derweil weiter uneinig sein.
Als Faulmann ging, stand die Frau wieder vorn im Restaurant.
“Bis zum nächsten Mal”, sagte sie freundlich.
Es klang nicht wie eine Verabschiedung, die man eben sagte. Eher wie eine kleine Vereinbarung, von der Faulmann bisher nur noch nichts gewusst hatte.
Er blickte noch einmal zur Decke.
Der Flügel hing noch dort.
Er schien von diesem Plan schon länger zu wissen.
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Die F-104 entstand 1954 als leichter Schönwetter-Abfangjäger. Die Bundeswehr machte daraus ein Mehrzweckflugzeug, das auch als Jagdbomber und Aufklärer, bei schlechtem Wetter und im Tiefflug eingesetzt werden sollte. Von 916 eingesetzten Starfightern gingen 292 durch Unfälle verloren; 116 Piloten starben. Der Volksmund nannte das Flugzeug Witwenmacher oder fliegender Sargnagel. Die Ursachen lagen nicht in einem einzigen Fehler. Zu ihnen gehörten Probleme bei der Einführung, Trainingsdefizite, mangelhafte Wartung und technische Schwierigkeiten. Vieles wurde später durch Umrüstungen und Verbesserungen behoben. Das Deutsche Museum beschreibt diese Geschichte ausführlicher. ↩
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Die Namensspur verläuft nicht geradeaus. Ein Kölner Kulinarik-Stadtplan von 2015 und der Kölner Stadt-Anzeiger von 2018 nennen das Restaurant Lakshmi; der Stadt-Anzeiger nennt die Betreiberin Saraswalthy Thiru. Auch koeln.de und Tripadvisor bleiben bis heute bei Lakshmi. Seit mindestens 2020 findet sich daneben Anna Lakshmi, zunächst bei einer Bestell-App, später auch bei Mit Vergnügen, im Magazin der Kölner Museen und bei Falstaff. Dort wurde aus dem Namenszusatz schließlich sogar die “Besitzerin Anna”. Der Name wurde also nicht einfach geändert. Er hat sich online verzweigt. ↩