Zwölf Balken. Sieben Männer. Ein Ofen.
Teil 3: Eine Stadt hilft
Die Karrenspur

Zunächst war das Folgen einfach. Im feuchten Lehm neben der Herberge waren die beiden Rillen so deutlich, als hätte jemand sie für Mummrich gezogen. Die Spur des zweiten Karrens war tiefer. An den Stellen, an denen seine Räder eingesunken waren, hatte sich das Wasser aus der Rinne in schmalen dunklen Bögen gesammelt.
Mummrich ging voraus. Crispus folgte dicht hinter ihm und hielt die Menschen am Rand des Weges. Die anderen kamen in einigem Abstand. Marcellus versuchte gleichzeitig zu gehen, die Umgebung zu beobachten und auf seine Wachstafel zu schreiben. Gelegentlich gelang ihm eines davon.
An der ersten Querstraße verschwand der Lehm unter festem Pflaster. Mummrich blieb stehen.
Vor einem Haus schüttete eine Frau einen Eimer Wasser in die Rinne. Es lief am Straßenrand entlang und nahm Staub, Gemüseblätter und eine einzelne Feder mit.
“Zwei Karren mit langen Balken?”, fragte Crispus.
Die Frau stellte den Eimer ab und zeigte nach Süden. “Vor einer Weile. Man hörte sie schon an der Ecke.”
“Sind sie dort abgebogen?”
“Sie fuhren in Richtung Amphitheater.”
Marcellus ritzte es in das Wachs. Mummrich sah der Rinne nach. Wo das Wasser die nächste Straße erreichte, hatte es sich um zwei flache Vertiefungen geteilt.
“Dort”, sagte er.
Sie gingen weiter. Die Karrenspuren erschienen, verschwanden auf den Steinplatten und tauchten in den unbefestigten Randstreifen wieder auf. Manchmal fand Mummrich einen hellen Span. Einmal zeigte sich an einer Hausecke eine frische Schramme, ungefähr auf der Höhe eines zu weit überstehenden Balkens.
“Langsam gefahren”, sagte Crispus.
“Und schlecht um die Ecke gekommen”, sagte Mummrich.
“Zwölf Balken auf zwei Wagen. Das war nicht für enge Straßen gedacht.”
Mummrich strich mit einem Finger über die Schramme. “Aber sie sind hindurchgekommen.”
Die Straße wurde breiter. Aus den Werkstätten kamen Hammerschläge, das Schaben einer Säge und der Geruch nach erhitztem Metall. An einer großen gepflasterten Kreuzung verlor sich die Spur vollständig.
Ein Lastträger erinnerte sich an die Balken, weil er mit seinem Korb hatte warten müssen. Ein Junge hatte zwei Karren gesehen. Der Mann an einem Getränkestand hatte nur einen gesehen, dafür aber einen mit Holz. Alle zeigten zum Amphitheater.
Von weiter südlich trug der Wind ein vielstimmiges Rufen herüber. Es kam nicht von einer Gefahr. Es klang eher nach Menschen, die erwarteten, dass jemand anderes für sie etwas Gefährliches tat.
Marcellus blickte von seiner Tafel auf. “Am Nachmittag beginnen die Gladiatorenkämpfe.”
Vor ihnen erschienen die Außenmauern des Amphitheaters. Menschen strömten zu den Eingängen. Händler trugen Körbe mit Brot, Nüssen und kleinen Tonbechern heran. Ein Mann hatte ein Gestell mit Sitzpolstern auf dem Rücken. Zwei Jungen liefen mit bemalten Tafeln zwischen den Wartenden hindurch und nannten Namen, von denen mindestens einer auf der Tafel anders geschrieben stand.
An einem Seitentor stand ein Wagen mit Brennholz und einer großen gewölbten Haube aus gebranntem Ton.
Crispus beschleunigte seinen Schritt. Mummrich blieb kurz stehen, sah auf den harten Boden unter seinen Füßen und folgte dann.
Das Amphitheater

Der Wagen stand quer vor dem Tor. Unter der Tonhaube lag eine Platte aus hellem Stein; daneben waren ein Kohlenbecken, zwei Säcke und mehrere Töpfe festgebunden. Ein Händler und sein Gehilfe versuchten, die Räder mit Holzkeilen so zu unterlegen, dass der Aufbau waagerecht stand.
Crispus trat zu ihnen. “Kam dieser Wagen von den Herbergshäusern?”
“Das Brennholz kam von dort”, sagte der Händler. “Warum?”
“Wir suchen zwei Karren mit zwölf Eichenbalken.”
Der Händler sah auf seine dünnen Scheite und dann auf die gewölbte Haube.
“Nun”, sagte Crispus. “Einen Wagen haben wir gefunden. Nur einen ganz anderen.”
Liora deutete auf die Tonhaube. “Ihr backt auf einem Wagen?”
“Wir heizen den Stein unter der Haube, ziehen die Glut zur Seite und schieben Teigfladen hinein”, sagte der Händler. “Öl, Käse, Kräuter darauf. Was gerade da ist.”
Faulmann betrachtete den Aufbau. “Ein Ofen, der zu den Hungrigen fährt.”
“Wenn die Hungrigen nicht vorher in der Arena verschwinden”, sagte der Händler.
Hinter ihm schwoll das Rufen an. Jemand schlug dreimal gegen eine Metallplatte. Die ersten Besucher drängten durch das Tor, ohne den Ofen eines Blickes zu würdigen.
Crispus sah die Straße zurück. “Dann sind unsere beiden vorher abgebogen.”
Mummrich sah zurück zur Straße. “Wir müssen zur letzten weichen Stelle zurück.”
Crispus wandte sich bereits um. “Geht voraus, Meister.”
Sie ließen das Amphitheater hinter sich. Der Händler rief ihnen nach, dass die ersten Fladen bald fertig seien. Faulmann sah noch einmal zurück, ging aber weiter.
Auf dem Rückweg wirkten die Aussagen weniger eindeutig. Der Lastträger hatte Balken gesehen, aber nicht, wohin sie gefahren waren. Der Mann am Getränkestand hatte Holz auf einem Wagen gesehen. Es war Brennholz gewesen. Der Junge hatte zwei schwere Karren gesehen, bevor die Straße zum Amphitheater abzweigte.
Sicher war nur ihre Richtung bis zur Abzweigung. Dahinter hatte sich Beobachtung in Vermutung verwandelt.
An der letzten Kreuzung kniete Mummrich wieder am Rand der Rinne. Das Wasser war inzwischen weitergelaufen und hatte den Lehm geglättet. Crispus stellte sich so, dass sein Schatten auf die Stelle fiel.
“Hier kamen drei Wagen vorbei”, sagte Mummrich.
Er zeigte auf die beiden flacheren Rillen, die geradeaus verliefen. “Der Ofenwagen.”
Dann folgte er mit dem Finger einer breiteren Vertiefung. Sie setzte etwas weiter außen an und bog in eine schmalere Querstraße ein. Daneben lag eine zweite, weniger tiefe Spur. In der Kurve hatte sich ein Rad bis an den steinernen Rand der Rinne geschoben. Ein heller Span klebte im feuchten Schmutz.
Crispus ging in die Hocke. “Der hintere wieder schwerer.”
Mummrich nickte.
“Beide?”, fragte Liora.
“Beide”, sagten Crispus und Mummrich gleichzeitig.
Sie sahen einander kurz an. Mummrich deutete in die Querstraße. “Dort entlang.”
Der Weg führte vom Amphitheater fort. Zwischen den Häusern wurde das Rufen der Zuschauer leiser. Die Spuren kreuzten zwei weitere Straßen und verliefen dann auf die Großen Thermen zu. Über den Dächern erschien der obere Rand ihrer Umfassungsmauer.
Auf dem breiten Platz vor der Anlage hielten die Wagen sich nicht zum Haupteingang. Ihre Spuren führten an der langen Front der Thermen vorbei und verschwanden hinter dem Gebäudekomplex.
Mummrich folgte ihnen. Crispus ging an seiner Seite und ließ ihn führen.
Die Wasserleitung
Hinter den Thermen bogen die Spuren in eine schmale Gasse ein, die an der äußeren Mauer der Anlage entlangführte. Der Boden war nicht gepflastert. In regelmäßigen Abständen lagen breite Steinplatten darin, Staub hatte sich in ihren Fugen gesammelt.
Liora betrachtete die Reihe der Platten. “Ich dachte, das Wasser kommt von der anderen Seite in die Thermen.”
“In den Speicher, ja”, sagte Marcellus. Er deutete mit dem Griffel auf die nächste Platte. “Hier sind wir bereits hinter dem Verteiler. Diese Leitung führt wieder in die Stadt.”
“Auch zu den kleinen Thermen?”
“Auch dorthin.”
Die beiden Karrenspuren verliefen neben den Platten.
Mummrich ging langsamer als zuvor. Der Boden war hier fester, doch die schweren Räder hatten an jeder weichen Stelle dunkle Ränder hinterlassen. In einem Abdruck zeigte er Crispus eine kurze gerade Kante, die das Rund der Radspur unterbrach.
“Das linke Rad des hinteren Wagens”, sagte er. “Die Felge ist dort ausgebessert. Der Abdruck begleitet uns seit der Herberge.”
Einige Schritte weiter blieb Crispus stehen und zeigte auf dasselbe Muster. “Wieder der hintere.”
Mummrich nickte. “Und noch immer schwerer.”
Eine breite Deckplatte war aus ihrer Fassung gehoben und an die Thermenmauer gelehnt worden. Jemand hatte den Kanal hier kontrolliert, ohne ihn aufzubrechen.
Crispus sah hinein. Unter ihnen lief das Wasser noch kräftig durch die gemauerte Leitung. Es war im Schatten fast schwarz, bewegte sich aber schnell genug, dass kleine Lichtpunkte an der Mauer entlangwanderten.
“Dann ist es durch den Speicher und den Verteiler gekommen”, sagte Dachsbert.
“Bis hierher”, sagte Mummrich.
Er kniete neben der Kontrollöffnung und prüfte den Mörtel am Rand. Das Mauerwerk war unbeschädigt. Unter den nächsten Steinplatten führte die geschlossene Leitung weiter an der Thermenmauer entlang.
“Der Bruch liegt weiter vorn”, sagte Crispus. “Dort verliert die Leitung ihr Wasser.”
Marcellus betrachtete die Strecke bis zum Seitentor. “Unter dem Wirtschaftshof kreuzt ein alter Entwässerungsgang. Wenn der Boden der Leitung dort abgesackt ist, läuft das Wasser nach unten ab.”
“Und in den kleinen Thermen bleibt nur das Rinnsal”, sagte Crispus.
“Secundus hatte den Abschnitt bereits eingegrenzt”, sagte Mummrich.
Mummrich stand auf und ging weiter. Jenseits der angehobenen Deckplatte wurden die Karrenspuren deutlicher. Zwischen den Rillen lagen die Abdrücke mehrerer Männer. An einer Stelle hatten sie alle geschoben; der Lehm war hinter ihren Sohlen aufgeworfen.
Am Ende der Gasse stand ein Seitentor der Thermen offen. Dahinter lag der Wirtschaftshof ungewöhnlich still.
Crispus beschleunigte seinen Schritt. Mummrich blieb bei den Spuren. Sie führten durch das Tor.
Die Großen Thermen
Die beiden Karren standen im Wirtschaftshof hinter dem Seitentor. Auf jedem lagen noch drei der langen Eichenbalken. Die sechs übrigen waren nicht zu sehen. Dort endeten die Spuren.
Nahe der Mitte des Hofes stand der alte Wartungszugang zum Entwässerungsgang offen. Seine schwere Abdeckplatte war zur Seite geschoben worden. Eine schmale, ausgetretene Steintreppe führte hinab; das Mauerwerk des Zugangs war unbeschädigt. Daneben standen Schaufeln, Körbe und zwei erloschene Lampen.
Secundus und seine Leute hatten den vorhandenen Zugang benutzt, um die abgesackte Wasserleitung an ihrer Kreuzung mit dem tiefer liegenden Gang von unten abzustützen.
Crispus nahm eine der Lampen, ließ sie neu entzünden und stieg hinab. Mummrich folgte ihm. Faulmann blieb dicht hinter ihnen.
Am Fuß der Treppe stand der erste Rahmen aus drei der abgeladenen Balken. Dahinter war der Gang breit genug, um gebückt darin zu gehen. Das Wasser aus der beschädigten Leitung lief breit über den Boden.
Nach beinahe hundert Fuß endete der Lichtschein an Erde, Ziegeln und gebrochenen Steinen. Zwischen dem Schutt lagen die Balken des zweiten Rahmens. Über ihnen drang Wasser aus dem beschädigten Gewölbe und suchte sich zwischen den Steinen seinen Weg. Für Menschen war der Gang vollständig versperrt.
Crispus trat näher. Mummrich hielt ihn mit einer Pfote zurück. “Vorsicht. Und Ruhe im Gang!”, rief Mummrich.
Seine Stimme lief zwischen den gemauerten Wänden bis zur Treppe. Oben wiederholte jemand: “Ruhe im Hof!”
Hinter ihnen verstummten die Stimmen. Crispus hob die Lampe. Faulmann atmete so leise, wie ein Bär in einem engen gemauerten Gang atmen konnte.
Mummrich schloss die Augen. Eine Pfote legte er an die Wand, die andere auf den Boden.
Zunächst war nur das Wasser zu hören. Dann kam aus dem Schutt ein dumpfer Schlag. Nach einer Pause folgte ein zweiter. Dann ein dritter. Darunter, kaum mehr als Atem zwischen den Steinen, glaubte Mummrich Stimmen zu hören.
Mummrich nahm einen losen Stein und klopfte dreimal gegen die Wand. Die Antwort kam schneller.
“Sie sind dahinter”, sagte er. “Einige Meter.”
Crispus ging in die Hocke und betrachtete den Einsturz. Der zweite Rahmen war seitlich weggeknickt. Mit ihm waren ein Teil des Gewölbes und der angrenzenden Wand eingebrochen. Das Wasser lief durch den Schutt weiter in den alten Entwässerungsgang.
Crispus stand auf. “Zuerst sperren wir das Wasser. Dann holen wir sie heraus.”
Im Hof zeigte ein dazugeeilter Thermenarbeiter zum Gebäude. “Der Schieber am Verteiler.”
“Schließt nur diesen Strang”, sagte Crispus. “Nicht den Zulauf zum Speicher.”
Der Mann lief mit zwei anderen davon. Crispus wandte sich an Marcellus.
“Holt meine Leute vom Hafen. Außerdem Seile, Rollenblöcke, Hebelstangen und Schaufeln.”
Dachsbert ergänzte: “Und Cassianus mit seinen Gesellen. Den Schmied ebenfalls.”
Marcellus steckte die Wachstafel in den Gürtel. “Wen zuerst?”
“Wer zuerst kommt, hilft zuerst”, sagte Crispus.
Marcellus schickte zwei Laufburschen los und lief mit einem dritten selbst zur Straße.
Liora hielt einen Badediener zurück. “Lampen, Tücher und Wasser zum Trinken. Dann öffnet das große Tor, damit die Hilfe den Weg sofort findet.”
Im Gang wurde das Rauschen schwächer. Der Schieber war geschlossen.
Gastfreundschaft mit Reichweite
Während Crispus die Rettung vorbereitete, verbreitete sich die Nachricht von den verschütteten Arbeitern in der Colonia. Noch bevor die Legionäre vom Hafen eintrafen, standen Körbe mit Brot und Obst, Krüge mit Wasser und zusammengerollte Tücher bereit. Immer mehr Handlanger kamen, um ihre Arbeitskraft anzubieten.
Die Händlerin, die unter der Portikus ihren Stand hatte, kam mit zwei Laufburschen in den Hof. Sie stellte ihren Korb an die Mauer, sah einmal zum geöffneten Zugang und einmal zum Tor.
“Brot und Obst dorthin. Die Tücher daneben, aber nicht auf den nassen Boden”, sagte sie. “Du läufst zur Brotfrau. Du zur Garküche. Sagt ihnen, sie sollen schicken, was sich aus der Hand essen lässt. Und bringt auf dem Rückweg jeden mit, der einen Korb tragen kann.”
Die Laufburschen liefen.
Ein Mann kam mit zwei Wasserkrügen durch das Tor. Die Händlerin nahm ihm einen ab und zeigte zur Mauer. “Volle Krüge hier. Leere zurück auf die Straße. Sonst stolpert gleich jemand darüber.”
Nach wenigen Augenblicken wusste jeder, der den Hof betrat, wohin er mit Brot, Wasser, Tüchern oder einer freien Hand gehen sollte.
Liora beobachtete die Händlerin.
Ein Thermenbediensteter blieb mit einem Korb vor ihr stehen. “Wer hat Euch eigentlich zur Oberaufseherin gemacht, dass Ihr hier alle herumkommandiert?”
“Fragt mich später”, sagte die Händlerin. “Jetzt gehört der Korb zu den Tüchern.”
Liora ging zu Dachsbert. “Du erfindest doch Ämter”, sagte sie.
“Nur, soweit sie benötigt werden.”
Liora deutete mit dem Kinn zur Händlerin und flüsterte Dachsbert etwas ins Ohr.
Dachsbert beobachtete, wie ein weiterer Helfer mit einem Krug durch das Tor kam, von der Händlerin zur richtigen Mauer geschickt wurde und im Vorbeigehen einen leeren Korb mitnahm.
Dann trat er zu ihr. “Ich höre, Ihr kommandiert hier herum.”
Der Thermenbedienstete grinste breit.
Die Händlerin richtete sich auf. “Die Krüge standen im Weg, die Tücher lagen im Nassen, und die Körbe kamen überall und nirgends an. Ich wollte nur—”
“Ihr missversteht mich”, sagte Dachsbert. Er wartete, bis auch der Thermenbedienstete nicht mehr grinste.
“Kraft meines Amtes als Inspektor der Provinz, im Namen der Colonia und unter dem Schutz des Geschlechts der Melesbertier ernenne ich Euch hiermit zur städtischen Oberaufseherin für Nothilfe und Gastfreundschaft.”
Marcellus war inzwischen von der Straße zurückgekehrt. Als er gerade einen weiteren Laufburschen losschicken wollte, zog er die Wachstafel wieder aus dem Gürtel und schrieb es auf.
Die Händlerin sah Dachsbert einen Augenblick verblüfft an. Dann wandte sie sich wieder dem Thermenbediensteten zu. “Der Korb kommt zu den Tüchern.”
Er trug ihn zur Mauer.
“Du hast sie gerade in die Klientel deines Hauses aufgenommen”, sagte Liora.
Dachsbert sah zu Marcellus. Der nickte und schrieb weiter.
“Gilt das Amt nur für heute?”, fragte die Händlerin.
“Ich habe keine Befristung genannt”, sagte Dachsbert.
Die Händlerin nickte ebenfalls. “Und die Stadt ersetzt mir die Auslagen.”
Marcellus sah wieder zu Dachsbert.
“Schreibt auch das auf”, sagte Dachsbert.
Die neue Oberaufseherin der Colonia stellte sich neben Liora an das Tor und nahm die nächsten Lieferungen entgegen.
Schließlich rumpelte auch der Ofenwagen vom Amphitheater durch das große Tor. Der Händler führte das Zugtier, sein Gehilfe hielt beide Hände auf die Tonhaube.
“Die Zuschauer sind hinter den Toren verschwunden”, sagte der Händler. “Aber hier werden die Leute noch eine Weile Hunger haben.”
Die Oberaufseherin wies ihm einen Platz an der Hofmauer zu, weit genug vom Zugang und von den Tüchern entfernt. “Dort. Und jeder, der arbeitet, bekommt etwas.”
Der Händler sah sie an. Dann sah er zu Dachsbert.
“Sie hat das Amt”, sagte Dachsbert. Der Händler stellte den Wagen ab.
Crispus und Faulmann kamen in den Hof zurück. Mummrich blieb mit der Lampe vor dem Schutt sitzen und lauschte weiter. Die Klopfzeichen kamen unregelmäßig, aber sie kamen.
Die ersten Thermenarbeiter begannen, Wasser und Schlamm aus dem Zugang zu schöpfen. Andere trugen die sechs verbliebenen Balken von den Wagen. Crispus ließ vor dem eingestürzten Abschnitt einen neuen Rahmen setzen. Noch bevor er fertig war, trafen die ersten Legionäre vom Hafen ein.
Sie brachten Ausrüstung mit: Seile, eiserne Klammern, Hebelstangen und zwei Rollenblöcke. Von diesem Augenblick an waren die Balken Baumaterial.
Cassianus kam mit zwei Gesellen. Der Schmied folgte mit einem Korb voller Keile. Beide sahen in den Gang, sahen die vorhandenen Stützen und begannen zu arbeiten, ohne eine Erklärung abzuwarten.
“Der nächste Rahmen eine Handbreit davor”, sagte Cassianus.
Crispus nickte. “Und den nächsten erst, wenn der Schutt dort weg ist.”
“Das wollte ich gerade sagen.”
“Jetzt haben wir es beide gesagt.”
Vor dem Schutt setzte Crispus den Fuß des ersten Pfostens um zwei Fingerbreit zur Seite.
“Nicht auf die Fuge”, sagte Cassianus.
“Sonst drückt er die Mauer auseinander, statt das Gewölbe zu tragen”, sagte Crispus.
Cassianus betrachtete erst die Fuge und dann ihn. “Ihr habt schon mehr abgestützt als ein Zelt.”
“Lager, Straßen, Brücken.”
Einer der Gesellen reichte Crispus den nächsten Keil, ohne noch einmal zu Cassianus zu sehen.
Die Legionäre lösten die größeren Steine mit den Hebelstangen. Thermenarbeiter reichten sie in einer Kette nach draußen. Andere füllten nasse Erde in Körbe. Im Hof nahmen Menschen die Körbe entgegen, die vor wenigen Augenblicken noch nicht dort gewesen waren.
Dachsbert hielt das Seitentor frei und schickte die Neugierigen zum großen Tor. Die Oberaufseherin stellte Wasser, Tücher und Lampen an getrennte Plätze und sorgte dafür, dass leere Körbe zurück in den Gang gelangten. Liora wies neue Helfer der Kette zu. Marcellus trug Keile und Werkzeuge; seine Wachstafel blieb im Gürtel.
An der Hofmauer war der fahrbare Ofen inzwischen aufgeheizt. Der Händler hatte die Glut zur Seite geschoben. Der Teig ging zur Neige. Der Gehilfe teilte den Rest in immer kleinere Portionen und rollte die erste erheblich dünner aus als sonst.
“So hält der doch nicht”, sagte der Händler.
“Dicker reicht er nicht”, sagte der Gehilfe und rollte weiter.
Öl und Käse waren ebenfalls aufgebraucht. In den Töpfen auf dem Wagen blieben nur noch gesäuerter Rahm, Zwiebeln und Speck. Also bestrich der Händler den dünnen Boden mit dem Rahm und streute den Rest darüber.
Zu ihrer Überraschung hielt der Fladen zusammen. Er kam mit dunklen Blasen und knusprigem Rand vom heißen Stein. Der Händler brach ein Stück ab und probierte es. “Der ist besser.”
Der Gehilfe rollte den nächsten Boden aus. Bald wanderten die knusprigen Streifen von Hand zu Hand bis zu den Arbeitern im Gang.
“Wie nennt Ihr das?”, fragte Liora.
“Noch gar nicht”, sagte der Händler.
“Flammkuchen”, sagte Liora und nahm sich einen zweiten Streifen.
Der Händler nickte langsam. “Das schreibe ich mir auf.”1

Im Zugang arbeiteten Crispus und Cassianus von Rahmen zu Rahmen. Sie ließen nur so viel Schutt lösen, wie die nächste Stütze sichern konnte. Der Schmied trieb die Keile, bis das Holz das Gewicht des Gewölbes übernahm.
Mummrich bewegte sich vor ihnen. Wo der Gang niedriger wurde, ging er auf allen vieren weiter. Er prüfte die Fugen, lauschte in den Schutt und zeigte, an welcher Stelle die Klopfzeichen am deutlichsten waren.
Faulmann blieb am Zugang. Er nahm die gefüllten Körbe aus dem Gang entgegen und reichte leere zurück. Wenn ein schwerer Stein am Seil herausgezogen wurde, hielt er die Leine in der Mitte des Ganges, damit sie weder an den neuen Stützen noch am Mauerwerk scheuerte.
Die Arbeit kam voran. Langsam wurde aus dem verschütteten Ende wieder ein Gang.
Dann zählte Cassianus die verbliebenen Balken. “Der Rahmen hier braucht noch zwei”, sagte er. “Danach bleibt uns ein einziger Balken. Das reicht nicht bis zu ihnen.”
Crispus sah zur Öffnung. Die Klopfzeichen waren nun auch für ihn zu hören.
Er rief zwei seiner Legionäre zu sich. “Am Hafen liegt noch Holz auf dem Lastschiff. Stauholz, Ersatzspieren, alles, was sich als Stütze verwenden lässt.”
“Das gehört nicht der Legion”, sagte einer.
Crispus sah ihn an.
Die beiden Soldaten liefen los.
Dachsbert trat neben ihn. “Der Schiffseigner wird eine Erklärung verlangen.”
“Die bekommt er.”
“Von wem?”
“Von mir. Später.”
Die beiden Legionäre kehrten nicht allein zurück. Hafenarbeiter kamen mit ihnen. Auf ihren Schultern trugen sie Balken, flache Hölzer und zwei kurze Ersatzspieren, die das Lastschiff entbehren konnte. Hinter ihnen rollte der leere Wagen vom Hafen durch das große Tor. Das neue Holz wanderte von Hand zu Hand in den Gang.
Cassianus prüfte jedes Stück. Was stark genug war, wurde zur Stütze. Was zu kurz war, wurde untergelegt. Was sich nicht eignete, blieb an der Mauer und störte niemanden.
Als der nächste Rahmen stand, löste Mummrich mit den Pfoten Erde zwischen zwei Ziegeln. Ein dünner Luftzug strich über seine Schnurrhaare. Er hob die Pfote. Die Schaufeln schwiegen.
Crispus kniete sich neben ihn. Gemeinsam zogen sie einen lockeren Ziegel aus dem Schutt. Dahinter blieb ein schwarzer Spalt, kaum zwei Finger breit.
“Secundus!”, rief Crispus.
Zunächst kam nur ein Husten. Dann eine Stimme: “Hier.”
Crispus legte das Ohr an die Öffnung. “Wie viele?”
“Sieben.”
“Verletzt?”
“Einer kann nicht stehen. Die anderen können fluchen.”
Aus der Tiefe kam eine zweite Stimme. Sie sagte etwas, das die Einschätzung bestätigte.
“Wie steht eure Abstützung?”
“Ein Rahmen hält. Beim zweiten ist der linke Fuß weggerutscht.”
“Wie weit hinter dem Einsturz?”
“Sechs Schritte. Vielleicht sieben.”
“Könnt ihr von eurer Seite lösen?”
“Erde, ja. Die großen Steine nicht. Einer liegt auf unserem Querholz.”
Crispus sah zu Cassianus. Der Zimmermann zeigte auf eine kürzere Stütze und zwei Keile.
“Wir schieben euch zuerst eine Stütze durch”, sagte Crispus. “Links neben das Querholz. Erst wenn sie sitzt, bewegen wir den Stein.”
“Verstanden”, sagte Secundus.
Crispus blickte noch einmal in den schmalen Spalt. “Wir holen euch heraus.”
“Das wäre zweckmäßig.”
Von nun an gruben sie nicht weniger vorsichtig, aber sie mussten die Richtung nicht mehr suchen.
Mummrich erweiterte den Spalt mit den Pfoten. Cassianus ließ die kurze Stütze bis zu ihm vorreichen. Auf der anderen Seite zogen Secundus und seine Leute sie durch. Der Schmied gab zwei Keile hinterher.
“Spitzen nach außen”, rief er.
“Ich weiß, wie man Keile setzt”, kam Secundus’ Stimme zurück.
Crispus beugte sich zum Spalt. “Dann setzt sie.”
Zwei Schläge aus der Tiefe. Eine Pause. Zwei weitere. Das Gewölbe knirschte. Erde rieselte aus den Fugen.
“Nicht weiter”, sagte Mummrich.
Alle hielten still. Mummrich wartete, bis sich das Gewölbe beruhigt hatte, und gab erst dann ein Zeichen.
Die neue Stütze nahm das Gewicht auf. Danach ließ sich der größte Stein bewegen. Crispus beugte sich zum Spalt. “Könnt Ihr ihn sehen?”
“Seine Rückseite”, sagte Secundus. “Und das Querholz darunter.”
“Ich sehe das Seil und die Stützen. Ihr ruft Halt, wenn sich auf Eurer Seite etwas bewegt.”
“Und Ihr sagt, wann sie ziehen.”
Die Legionäre legten eine Schlinge um den Stein und führten das Zugseil zum Rollenblock am äußeren Stützrahmen. Zwei Männer hoben ihn mit den Hebelstangen gerade so weit an, dass zwei Bohlen daruntergeschoben werden konnten.
“Zug”, sagte Crispus. Vier Legionäre spannten das Seil. Der Stein glitt eine Handbreit zurück.
“Halt”, rief Secundus. Die vier Männer hielten gleichzeitig inne.
“Legion”, murmelte einer der Legionäre. Crispus sah ihn an. “Der Ton”, sagte der Mann.

Hinter dem Stein schabte Holz über Ziegel. “Das Querholz ist frei”, sagte Secundus nach einem Augenblick. “Weiter.”
Crispus hob die Hand. “Zug.”
Der Stein glitt waagerecht durch den Gang zurück. Faulmann hielt die Leine vom Mauerwerk fern, damit er sich nicht drehte und gegen die neuen Stützen schlug.
Hinter ihm wurde die Öffnung breit genug für Mummrich. Mummrich schob sich durch den Spalt.
Nasse Erde strich über seinen Rücken. Dann stand er im Gang hinter dem Einsturz. Eine Öllampe brannte zwischen den sieben Männern. Ihr Licht reichte gerade aus, um Gesichter, Schlamm und die Unterseite des Gewölbes voneinander zu unterscheiden.
Secundus lehnte an der Mauer. Er war älter, als Mummrich erwartet hatte. Graue Haare klebten an seiner Stirn. Ein Arbeiter neben ihm hielt sich den linken Arm. Ein anderer lag unter einer Decke. Sein Bein wurde von einem abgerutschten Querholz gegen den Boden gedrückt.
Mummrich kroch zu ihm. Das Holz ließ sich anheben, aber erst musste eine zweite Stütze neben den weggerutschten Rahmen.
Er wandte sich zum Spalt. “Wir brauchen noch eine Stütze”, rief Mummrich. “Links neben dem Verletzten. Danach kann das Querholz hoch.”
Crispus fragte nach der Länge. Mummrich maß am Mauerwerk und rief sie durch die Öffnung.
Oben im Hof sägte Cassianus eines der Hölzer vom Schiff zu. Das Stück wanderte durch die Kette in den Gang. Crispus und der Schmied reichten es bis zum Spalt. Mummrich und Secundus nahmen es entgegen.
Als die Stütze saß, hoben sie das abgerutschte Querholz an. Der verletzte Arbeiter unterdrückte sichtbar seinen Schmerz und zog das Bein frei.
Nun erweiterten die Helfer die Öffnung. Zwei weitere Stützen kamen hinzu. Lose Ziegel und Erde wanderten nach draußen. Aus einzelnen Handgriffen war längst eine Ordnung geworden. Befehle gingen durch den Spalt in beide Richtungen. Wer die nächste Gefahr sehen konnte, führte den nächsten Handgriff. Die Legionäre hielten die Rahmen unter Spannung. Cassianus und seine Gesellen richteten das Holz aus. Der Schmied trieb die Keile. Thermenarbeiter und Freiwillige trugen den Schutt fort. Liora hielt den Weg frei. Dachsbert schickte jeden, der eine Hand frei hatte, zu jemandem, der gerade eine Hand frei brauchte.
Faulmann hielt den Zugang frei und nahm den Männern Körbe und Werkzeug ab.
Als die Öffnung breit genug und stabil war, kamen zuerst die fünf Arbeiter heraus, die selbst gehen konnten. Einer nach dem anderen kroch durch den gesicherten Gang und stieg über die alten Stufen in den Hof. Liora führte sie zu den Tüchern und Wasserkrügen an der Mauer.
Der sechste Arbeiter konnte nicht auftreten. Cassianus ließ aus zwei Bohlen eine flache Trage binden und befestigte das Zugseil daran. Mummrich und Secundus hoben den Verletzten darauf. Als alles saß, hob Crispus die Hand.
Vier Legionäre zogen. Zwei Thermenarbeiter krochen neben der Trage und hielten sie gerade. Der Rollenblock knarrte, und der verletzte Mann glitt langsam waagerecht durch den Gang. An der engsten Stelle berührte seine Schulter den Stein. Alle hielten inne. Cassianus ließ die Trage um eine Handbreit versetzen.
Am Zugang lösten sie das Zugseil. Sechs Männer trugen die Trage über die Stufen in den Hof und legten sie auf den bereitgelegten Tüchern ab.
“Sechs”, sagte Liora.
Crispus kniete am Zugang. “Secundus. Jetzt Ihr.”
“Zuerst der Maulwurf.”
Mummrich arbeitete sich durch die Öffnung und den gesicherten Gang zurück. Am Zugang stieg er über die alten Stufen in den Hof. Secundus folgte als Letzter.
Liora sah zu den Männern an der Mauer und dann zu Secundus.
“Sieben.”
Die Legionäre ließen die Seile sinken. Cassianus prüfte nochmals die Stützen. Der Schmied sammelte die noch unbenutzten Keile ein und legte sie ordentlich neben den Korb.
Die Oberaufseherin brachte einen Krug Posca, Wasser mit einem Schuss saurem Wein. Einige Legionäre, Zimmerleute und Thermenarbeiter setzten sich auf Balkenstücke und an die Mauer. Es gab weniger Becher als Hände. Die Becher wechselten so oft die Hand, dass sie bald allen gemeinsam gehörten.
“Ihr schafft was weg, fast wie Bauleute”, sagte Cassianus anerkennend zu einem der Legionäre.
“Eure Gesellen setzen brauchbare Keile fast wie Legionäre”, sagte einer der Legionäre zurück.
Ein Geselle reichte seinen Becher dem Legionär. “Auf fast.”
Der Legionär trank. “Auf fast.”
Der Becher wanderte weiter zu einem der geretteten Arbeiter und von dort zu Secundus. Er trank einen halben Becher, gab ihn dem Soldaten, der am Zugseil gestanden hatte, und ging zum Zugang. Crispus wartete dort.
Eine Weile sahen sie schweigend in den Gang. Hinter den Stützen wurden Körbe weitergereicht. Der Schmied schlug einen Keil nach.
“Ihr baut ordentlich”, sagte Crispus.
“Wir hatten einen Wassermeister, der uns erklärte, wo eine Stütze stehen muss”, sagte Secundus. “Er erklärte es sehr laut.”
“Und Ihr seid als Letzter herausgekommen.”
“Ich bin mit sechs Männern hineingegangen. Mit weniger komme ich nicht wieder heraus.”
Crispus betrachtete ihn von der Seite. “Legion?”
“Sexta Victrix. Optio. Früher.”
“Tricesima Ulpia. Seit kurzem.”
“Ihr habt trotzdem nicht gehorcht.”
“Ihr wolltet mich vor dem Maulwurf hinausschicken.”
“Das war vernünftig.”
“Das war aussichtslos.”
Sie fassten einander mit der Rechten am Unterarm.
Dann zeigte Secundus in den Gang. “Der zweite Rahmen muss noch ersetzt werden, bevor wir die Leitung wieder öffnen.”
Crispus folgte seinem Finger. “Cassianus?”
Der Zimmermann nahm bereits Maß.
Dann machten sie weiter.
Die Großen Thermen liefen nicht fort
Holz schlug gegen Holz.
Einmal.
Nach einer Pause noch einmal.
Faulmann wartete darauf, dass der Schmied den nächsten Keil setzte. Stattdessen klapperte im Hof eine Tür.
Räder rollten über festen Boden. Ihr Rumpeln wurde leiser, bis nur noch das Summen eines Elektromotors blieb. Stimmen verloren sich hinter einer Mauer. Irgendwo lachte ein Kind.
Faulmann öffnete die Augen.
Durch die offene Tür fiel noch immer das schmale Rechteck aus Licht auf den Boden. Staubteilchen bewegten sich darin.
Liora stand vor ihm und hielt seinen Becher.
“Du schläfst doch jetzt nicht ein?”
“Nein”, sagte Faulmann. “Ich glaube, ich bin gerade damit fertig geworden.”
Er setzte sich auf. Die Mütze war ihm tief in die Stirn gerutscht. Mummrich saß noch immer im Schneidersitz auf dem Boden. Dachsbert strich seinen Purpurstreifen glatt.
“Wie lange?”, fragte Faulmann.
“Nicht lange”, sagte Liora.
Faulmann sah zur Tür. Im Hof sprach eine Frau mit ihren Kindern. Es roch nach warmem Stein und nach dem Staub eines sehr heißen Tages.
“Ich hätte jetzt gern Flammkuchen”, sagte er.
Liora sah ihn an. “Warum?”
Faulmann dachte darüber nach.
“Unerklärlicherweise.”
Dachsbert stand auf. “Wir wollten noch zu den Großen Thermen.”
Faulmann nahm den Becher und trank ihn leer.
Die Großen Thermen waren tatsächlich nicht fortgelaufen.
Der Weg zum Schutzbau war kürzer, als Faulmann erwartet hatte. Hinter den hohen modernen Wänden lagen die Mauern des römischen Bades offen unter dem Dach. Stege führten über Heizräume, Becken und die niedrigen Pfeiler, die einst den Fußboden getragen hatten. Wo früher Wasser, Feuer und Menschen durch das Gebäude geleitet worden waren, führten nun Geländer und Schilder durch das Museum.
Mummrich blieb an einem Modell der Anlage stehen. Er beugte sich so weit darüber, dass seine Nase beinahe das Glas berührte. Mit einer Kralle folgte er dem Weg des Wassers bis zu den Baderäumen und von dort weiter zu den Kanälen.
Liora zeigte auf einen Hof hinter dem Hauptgebäude. “Dort muss der Wirtschaftsbereich gewesen sein.”
Faulmann sah sie an. “Woher weißt du das?”
“Es steht auf der Tafel.”
Faulmann nickte. Er hatte mit einer anderen Art von Erkenntnis gerechnet.
Sie gingen weiter. Das Museum zeigte Steine, Werkzeuge, Gefäße und Dinge, die lange genug im Boden gelegen hatten, um einen eigenen Platz hinter Glas zu erhalten. Faulmann blieb noch einmal über den Mauern stehen und suchte nach dem schmalen Gang. Die Tafeln erklärten Heizräume, Wasserleitungen und die Wege der Badenden. Er las sie bis zum Ende. Von oben sah alles anders aus.
Mit Klimaanlage
Als sie den Park verließen, lag die Hitze noch immer über dem Asphalt. Die Elektrokutsche zeigte weniger Reichweite als am Morgen. Dachsbert betrachtete die Anzeige eine Weile. Dann fuhren sie zum Lidl-Parkplatz in Xanten.
Dachsbert trug noch immer seine Tunika mit dem schmalen Purpurstreifen, als er das Ladekabel aus der Säule zog. Zwischen Einkaufswagen, Familienpackungen und Menschen in kurzen Hosen erregte das inzwischen weniger Aufmerksamkeit, als zu erwarten gewesen wäre. Er steckte das Kabel ein. Die Elektrokutsche begann zu laden.
Mummrich beobachtete die steigende Zahl auf der Anzeige. Faulmann saß auf dem Beifahrersitz und dachte an sehr dünnen Teig, gesäuerten Rahm, Zwiebeln und Speck. Der Gedanke wurde nicht vernünftiger, nur genauer.
Schließlich zog Dachsbert den Stecker. Die Anzeige zeigte genug Reichweite für die Rückfahrt. Er prüfte es zweimal.
“Mit Klimaanlage?”, fragte Mummrich.
“Mit Klimaanlage”, sagte Dachsbert.
Liora lehnte sich zurück. Sie hatte das Nötige schon am Morgen gesagt. Dann fuhren sie los.
Diesmal reichte es.
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Dass Liora hier den Flammkuchen erfindet, ist selbstverständlich Faulmannsche und keine kulinarhistorische Überlieferung. Einen erstaunlich nahen, wenn auch rund zwölf Jahrhunderte jüngeren Verwandten besitzt die Szene jedoch am Bodensee: Ulrich Richentals Chronik des Konstanzer Konzils (1414–1418) berichtet von „fremden Bäckern“, die kleine Öfen auf Stoßkarren durch die Stadt fuhren und darin Pasteten, Brotringe, „brätschellen“ – Brezeln – und anderes Gebäck buken, teils gefüllt mit Huhn, Singvögeln, Fleisch oder Fisch und Gewürzen. Die Konstanzer Überlieferung macht aus diesen Fremden italienische Bäcker und aus dem Gebäck dünne, belegte Fladenbrote, welche die einheimischen Bäcker übernommen und als „Dinne“, „Dünne“ oder „Dünnele“ weitergeführt hätten. Dieser letzte Schritt steht so nicht ausdrücklich bei Richental; er ist lokale Überlieferung und keine gesicherte Stammtafel des Flammkuchens. Aber der fahrbare Ofen, der dünn ausgerollte Teig, der Belag und die vielen hungrigen Menschen besitzen damit einen fast verdächtig passenden historischen Nachhall. Der Nachbau eines solchen Backwagens ist in der SWR-Dokumentation Das Mittelalter im Südwesten – Konstanz: Stadt des Konzils mit Lena Ganschow zu sehen. Dass die Dokumentation hier eigens genannt wird, verdankt sie allerdings nicht allein ihrem rekonstruierten Backwagen: Faulmann war ein großer Lena-Ganschow-Fanboy. Richentals Chronik in der MGH-Edition, K-Version 57,3 · Die Dünnele-Überlieferung der Konzilstadt Konstanz · Die Dokumentation mit Lena Ganschow ↩