Ein Fenster, acht Engel und zwei Sandwiches – Ein Kölner Tag eben

Als Keira das Museum betrat, saß Faulmann bereits auf einem seiner Lieblingsmuseumssofas in Köln.
“Die Stadt ist voller Polizei”, sagte sie.
“Ja”, sagte Faulmann. “Am Neumarkt treffen sich gerade eine Demonstration gegen Schwangerschaftsabbrüche und eine für das Recht, selbst darüber zu entscheiden. Außerdem werden heute Oper und Schauspielhaus wiedereröffnet.”
Er rückte ein Stück zur Seite.
“Ein Kölner Tag eben.”
Keira setzte sich neben ihn und strich ihr olivgrünes Gefieder glatt. Ihre Kehle war gelb, die Bauchseite hellgrau, ihr Schnabel fein und spitz, und um ihre Augen lagen breite weiße Federringe.
An der Kasse des MAKK hatte Faulmann kurz zuvor seine Jahreskarte für die Kölner Museen verlängert. Damit war für ein weiteres Jahr geregelt, dass er in Köln Gebäude betreten konnte, um sich dort unter anderem andere Gebäude anzusehen.
Im Foyer des MAKK fehlte allerdings jemand.
“Wo ist denn der Mercedes?”, fragte Faulmann einen der Aufseher.
“Der ist in die Garage gefahren.”
Gemeint war der Mercedes SL, der sonst wie ein Maskottchen vor der Dauerausstellung stand. Er hatte den beiden Architekturausstellungen Platz machen müssen. Die Generalvorfahrt der württembergischen Automarke mit Frauennamen gehörte damals offenbar noch nicht zur Serienausstattung.1
Erst die Idee
Die erste Ausstellung galt Oswald Mathias Ungers. Architektur als Idee war ein Titel, der zunächst ein wenig so klang, als könne man sich das Bauen sparen, sofern der Gedanke ordentlich genug ausfiel.
Ungers hätte das vermutlich anders gesehen. Bei ihm begann Architektur mit Ordnung: mit Raum, Maß und Proportion, mit Kreis und Quadrat, mit Formen, die nicht zufällig irgendwo standen, sondern einander etwas zu sagen hatten.2
Die Ordnung endete nicht an der Hauswand. Möbel, Kunst, Farben und Garten gehörten bei Ungers zum selben Entwurf. Ein Wohnhaus konnte als kleine Stadt gedacht werden, eine Bibliothek als schwarzer Würfel, in dessen Regalen das Wissen über Architektur aufgehoben war. Nicht Dekoration um ein Gebäude herum, sondern Teile desselben Gedankens.
Bei seinem ersten Haus in der Kölner Belvederestraße wurde das ziemlich wörtlich. Wohn- und Arbeitsräume lagen um eine innere “Straße” und zwei Treppen. Von außen war nicht ohne Weiteres abzulesen, welcher Raum wofür gedacht war. Jeder folgte seiner eigenen Logik, gemeinsam bildeten sie eine kleine Stadt unter einem Dach.
Später setzte Ungers einen Bibliothekskubus daneben. Von außen war er ein schwarzer Würfel aus Basaltlava, fast ohne Erzählung. Innen lagen in den Regalen seine Bücher zur Geschichte und Theorie der Architektur. Das Ausstellungsmaterial nannte sie das “Universum der Architektur”. Faulmann fand, dass ein Universum in einem Würfel zumindest den Vorteil hatte, nicht weiter expandieren zu müssen.
Ein anderes eigenes Wohnhaus nannte Ungers das “Haus ohne Eigenschaften”. Sockel, sichtbares Dach, Fensterbänke und Bauschmuck waren weitgehend verschwunden. Übrig blieb eine helle, geometrische Form. Selbst das Weglassen war bei Ungers keine Leerstelle. Es war eine ziemlich genaue Tätigkeit.
Faulmann betrachtete Pläne und Modelle. Häuser waren hier noch keine Orte, an denen jemand die Heizung zu hoch drehte oder im Treppenhaus ein Fahrrad abstellte. Sie waren zunächst Gedanken, denen man genug Material gegeben hatte, um draußen stehen zu können.
Bei der Residenz des deutschen Botschafters in Washington musste diese Ordnung sogar ein Land vertreten. Ungers suchte nach einer architektonischen Form für Eigenschaften Deutschlands und hielt klassische Symmetrie und moderne Strenge in einem Gebäude zusammen. Auch Diplomatie brauchte offenbar zunächst einen Grundriss.
In Karlsruhe machte er das Quadrat zum Grundmaß der Badischen Landesbibliothek. Ein Raster von drei Metern zieht sich durch den Bau; in seiner Mitte liegt ein quadratischer, von einer Kuppel überwölbter Lesesaal. Das Wissen lag dort nicht nur in Regalen. Es hatte einen geometrischen Mittelpunkt bekommen.3
Der Mercedes hatte dafür vernünftigerweise die Garage aufgesucht.
Dann der Blick
In der zweiten Ausstellung waren die Gebäude längst gebaut. Hans Georg Esch hatte sie fotografiert: den Kölner Dom, Pompeji, das Chrysler Building, Bauten von Ungers, Hongkong, Beijing, Sanaa und den neuen Flughafen von Abu Dhabi. Unter seinem Blick wurden sie aus ihren Straßen und Städten gelöst und zu Bildern, die einander im Museum begegnen konnten.4
Die Ausstellung war als Dialog angelegt. Mehr als zweitausend Jahre alte Straßen und Häuser in Pompeji trafen auf die Formen des noch nicht eröffneten Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der geografische Bogen reichte von Lappland bis Sydney und Beijing. Köln blieb trotzdem das Zentrum, nicht nur, weil das Museum dort stand. Immer wieder führten Eschs Bilder in die Stadt und zu den Bauten von Ungers zurück.
Zwischen den großen Aufnahmen lagen Polaroids aus früheren Reisen. Kleine Einzelstücke aus einer Zeit, in der man das fertige Bild nicht schon vor der Aufnahme auf einem Bildschirm betrachten konnte. Esch hatte sie in Stapeln und Schachteln aufbewahrt. Jedes war nur einmal vorhanden, während die großen digitalen Bilder daneben längst ohne festes Ende vervielfältigt werden konnten.5
An einer Wand öffnete sich Köln noch einmal.
An dieser Stelle wirkte Eschs Aufnahme des Vierungsturms beinahe wie ein Fenster. Nur zeigte dieses Fenster nicht, was hinter der Wand lag. Der Dom stand von hier aus fast im rechten Winkel zur Blickachse. Das Bild öffnete eine Sichtachse, die der Raum selbst nicht hergab.
Faulmann brauchte einen Moment, um zu verstehen, warum sich das Bild zugleich vertraut und unmöglich anfühlte.
Einige von Eschs Bildern entstanden mit Drohnen. Was früher nur Vögel sehen konnten, erklärte das Ausstellungshandbuch, war inzwischen ein alltägliches Werkzeug der Architekturfotografie. Keira nahm die technische Erschließung ihrer Perspektive ruhig zur Kenntnis.
Auf dem Turm standen acht Engel. Von unten sind sie kaum als einzelne Figuren zu erkennen. Auf Eschs Foto wirkten sie groß, schwer und überraschend technisch. Ihre Körper waren geometrisch, ihre Flügel wirkten wie schwere Konstruktionen.
Keira betrachtete die acht metallischen Gestalten auf dem Vierungsturm.
“Ein wenig Metropolis”, sagte sie. “Für Engel sehen sie bemerkenswert raumstationskompatibel aus.”
Das war nicht einmal ganz zufällig. Die Engel gehören zur modernen, vom Art déco geprägten Neugestaltung des Vierungsturms. Erlefried Hoppe entwarf sie, Hubert Bruhs fertigte ihre Holzkerne. Jede Figur ist 4,10 Meter hoch, mit Blei verkleidet und wiegt mehr als zwei Tonnen.6
Gleich daneben hing das Chrysler Building. Im Ausstellungshandbuch folgten beide Aufnahmen sogar unmittelbar aufeinander: der Kölner Vierungsturm als Nummer 62, das Chrysler Building als Nummer 63.7
Art déco auf einer gotischen Kathedrale begegnete Art déco über den Straßen Manhattans. Dazwischen lag nur ein Stück Museumswand. Die Ausstellung hatte Köln und New York nicht näher zusammengerückt. Sie hatte lediglich den Abstand weggelassen.
Vielleicht lag darin der eigentliche Unterschied zwischen einem Gebäude und seinem Bild. Ein Gebäude wurde entworfen und gebaut. Zur Ikone wurde es erst, wenn jemand einen Blick darauf fand, der sich wiederholen wollte. Der Dom stand schon lange in Köln. Diese acht Engel hatte Faulmann trotzdem erst an einer Museumswand richtig gesehen.
Gebäude werden wieder Stadt
Wenig später gingen Faulmann und Keira hinaus zum Offenbachplatz.
Nach vierzehn Jahren Sanierung öffneten die Bühnen Köln dort wieder ihre Türen. Opernhaus, Schauspielhaus, Kinderoper und Kleines Haus gehörten für ein Wochenende nicht nur denjenigen, die Karten oder einen Dienstplan besaßen, sondern auch jenen mit viel Geduld. Menschen standen auf dem Platz, warteten vor Eingängen, hörten Musik und reihten sich an Foodtrucks ein.8
Die neuen Räume hätten Keira und Faulmann auch von innen besichtigen können. Die Schlangen vor den Eingängen verlangten jedoch sichtbar deutlich mehr Standhaftigkeit, als beide aufbringen wollten.
Kurz zuvor hatten Faulmann und Keira noch Architektur betrachtet, die zur Idee und anschließend zum Bild geworden war. Nun standen sie zwischen Gebäuden, die wieder benutzt wurden.
Eine kurze Strecke durch mehrere Küchen
Rund um die wiedereröffneten Häuser standen Foodtrucks. Der Weg über den Offenbachplatz wurde dadurch geografisch etwas unübersichtlich.
An einem Stand, dessen Name Faulmann später verloren ging, gab es lange, weiche Brioche-Sandwiches: eines mit Pulled Bœuf, eines mit Austernpilzen, dazu Cheddar oder Avocado und wunderbar eingelegte rote Zwiebeln. Nach einer kurzen Absprache bestellten Keira und Faulmann beide Varianten und teilten sie so, dass jeder eine Hälfte von jedem Sandwich bekam.
Es war eine gute Anwendung des von Faulmann erfundenen Badischen Undsatzes (principium Badense coniunctionis): Bei Essensbestellungen darf jedes Entweder-oder grundsätzlich durch ein Und ersetzt werden.
Bei Knödelfein folgte ein Rote-Bete-Knödel mit Ziegenkäsekern. Der Knödel war außen kräftig rot, innen hell und insgesamt erheblich weniger zurückhaltend, als Knödel sonst aufzutreten pflegen. Seine Herkunft lag gedanklich in den Alpen, auch wenn er an diesem Tag in Köln aus einem Foodtruck kam.9
Danach gab es bei Beni Doubles ein weiches, frittiertes Fladenbrot mit würzigem Kichererbsencurry. Faulmann hatte das Gericht zunächst irgendwo in Lateinamerika verortet. Tatsächlich gehörte es zu den Doubles aus Trinidad und Tobago - karibischem Streetfood mit indischen Wurzeln.10
Es war eine recht kurze Strecke von Washington über Manhattan und die Alpen bis nach Trinidad. Städte leisten sich solche Entfernungen gelegentlich, ohne sie auszuschildern.
Kaffee, Kyjiw und die galaktische Personalakte
Gegen fünf holte sich Faulmann bei Klee Kaffee einen Espresso. Keira bestellte denselben Grundgedanken mit erheblich mehr Milch. Der Kaffee kam aus einem Wohnwagen, was nach Brioche-Sandwiches, Knödeln, Frittierfladen und vierzehn Jahren Bühnensanierung als vergleichsweise überschaubare Konstruktion erschien.
Am Stand entdeckte er eine kleine grüne Gestalt aus Star Wars.
“Yoda”, sagte Faulmann.
“Grogu”, sagte Keira.
Es war keine Zurechtweisung. Nur eine sachgerechte Berichtigung der galaktischen Personalakte.
Der Irrtum hatte nicht lange genug gestanden, um peinlich zu werden.
Auf der Außenbühne begannen die Dakh Daughters. Weiß geschminkte Gesichter, schwarze Kleidung, Kontrabass, Schlagzeug, Keyboard und Gitarre. Die Musikerinnen aus Kyjiw nennen ihre Verbindung aus Theater, ukrainischer Musik, Punk und Literatur “Freak Cabaret”. Das traf es besser als die meisten ordentlichen Genrebezeichnungen.11
Das Samstagsprogramm war vom Schauspiel Köln kuratiert. Die Dakh Daughters für die Wiedereröffnung einzuladen, war eine auffallend gute Entscheidung. Keine gefällige musikalische Tapete, sondern Künstlerinnen aus einer Stadt, deren Kultur gerade verteidigt werden musste. Chapeau!
Bei einem früheren Besuch im Museum Schnütgen hatte Faulmann mittelalterliche Glasmalereien aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw gesehen. Wegen des Krieges waren sie vorübergehend in Köln untergebracht. Damals waren Kunstwerke aus Kyjiw als Gäste in die Stadt gekommen. Nun kamen die Stimmen selbst.
Die Musik konnte im selben Stück streng, fremd, komisch und wütend werden. Sie schien nicht recht einzusehen, weshalb sie sich für eine dieser Möglichkeiten entscheiden sollte.
Keira und Faulmann blieben stehen und setzten sich schließlich auf eine der neuen Steinbänke. Als der Kaffee ausgetrunken war, saßen sie noch ein paar Minuten dem Konzert lauschend da. Hinter ihnen lag das Museum mit seinem rückwärts blickenden Fenster. Der Mercedes stand irgendwo in einer Garage. Faulmanns Bauch brummte zufrieden im Takt, und seine Jahreskarte galt nun wieder ein ganzes Jahr.
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Die Daimler-Motoren-Gesellschaft, aus der Mercedes hervorging, stammte aus Cannstatt bei Stuttgart. Der Markenname geht tatsächlich auf den Vornamen Mercédès Jellineks zurück; ihr Vater Emil verwendete ihn zunächst als Pseudonym bei Autorennen. 1902 wurde Mercedes als Marke geschützt. ↩
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Die Ausstellung O.M. Ungers - Architektur als Idee läuft im MAKK vom 22. Mai bis 27. September 2026. Sie entstand anlässlich des 100. Geburtstags des Kölner Architekten. Das Faltblatt zur Ausstellung beschreibt Architektur, Design, Kunst und Landschaft ausdrücklich als zusammengehöriges Ganzes. ↩
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Das MAKK datiert Ungers’ Residenz des deutschen Botschafters in Washington auf die Jahre 1987 bis 1995. Die Badische Landesbibliothek beschreibt ihren Ungers-Bau mit Dreimeter-Raster, quadratischem Lesesaal und Kuppel. ↩
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Hans Georg Esch - Der architektonische Blick · epochal - global ist vom 11. Juni bis 27. September 2026 zu sehen. ↩
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Das Ausstellungshandbuch widmet sowohl Eschs Polaroids als auch seiner Drohnenfotografie eigene Abschnitte. Es beschreibt die Schau als Dialog zwischen Epochen, Kontinenten, dokumentarischem Auftrag und freier künstlerischer Fotografie. ↩
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Der heutige Vierungsturm wurde zwischen 1965 und 1973 nach einem Entwurf des Dombaumeisters Willy Weyres neu gestaltet. Die acht Engel bestehen aus bleiverkleidetem Lärchenholz. ↩
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Ausstellungshandbuch Hans Georg Esch - Der architektonische Blick · epochal - global, Werkverzeichnis, Nummern 62 und 63. ↩
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Das Eröffnungsfest der Bühnen Köln fand am 19. und 20. September 2026 statt. Das Programm verteilte sich über den Offenbachplatz sowie Opernhaus, Schauspielhaus, Kinderoper und Kleines Haus. Für die Besichtigung der neuen Räume waren teils Zeitslots oder Wartezeiten vorgesehen. ↩
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Knödelfein-Gründer Christoph Schrader lernte das Knödelrollen 2013 während eines Sommers auf der Adolf-Noßberger-Hütte in Österreich. Später entwickelte er daraus die heutige Knödelfein-Manufaktur. ↩
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Doubles bestehen traditionell aus zwei frittierten Bara und einem Kichererbsencurry namens Channa. Beni Doubles bringt dieses Streetfood in Köln auf Märkte und Veranstaltungen. ↩
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Die Dakh Daughters entstanden 2012 am unabhängigen Dakh-Theater in Kyjiw. Das Künstlerinnenkollektiv verbindet Musik, Schauspiel und Texte unter anderem ukrainischer Dichterinnen und Dichter. Seit dem Euromaidan ist seine Arbeit eng mit dem politischen und kulturellen Widerstand der Ukraine verbunden. Ihr Auftritt um 17 Uhr gehörte zum offiziell vom Schauspiel Köln kuratierten Samstagsprogramm. ↩