Faulmann stand im Kirchenraum, aber eigentlich stand er vor einem Bildschirm.

Neben der Vitrine war das digitale Faksimile - ein Touchscreen, der so tat, als waere Glas keine Kategorie mehr. Seite um Seite. Wischen, warten, weiter. Fast intim, auf eine Art, die man sonst eher von Fahrkartenautomaten kennt.

Er blieb laenger dort als geplant. Nicht, weil er zielstrebig suchte, sondern weil dieses Buch nicht so gebaut ist, dass man es “fertig” bekommt. Psalmen, Stunden, Wiederholung. Ein Kreis, in den man eintritt, ohne zu wissen, wo man gerade landet.

Und irgendwann kam er im Kalenderteil in den Dezember.

Steinbock, dachte er automatisch.
So hat man es gelernt.
So steht es in jedem Tierkreis.

Aber hier stand kein Steinbock.

Oder nicht nur.

Das Tier hatte ein Horn, das zu klar war, um Zufall zu sein. Ein Einhorn - oder ein mutierter Steinbock, der beschlossen hatte, dass Dezember mehr sein darf als Astronomie.

Faulmann starrte kurz. Laenger, als es dem einhoernigen Steinbock angenehm gewesen waere, haette er empfinden koennen. Er mochte diese Momente, in denen ein Detail das Ganze kurz aus dem Takt bringt. Nicht, um zu provozieren, sondern um zu markieren: Hier passiert etwas anderes.

Im Mittelalter war das Einhorn nicht nur Fantasie. Es hatte eine biblische Karriere. Ein Wort, das eigentlich etwas anderes meinte - Re’em, vermutlich ein Wildstier - wurde in den Uebersetzungen zu “Unicornis”. Und ploetzlich war das Einhorn nicht erfunden, sondern bezeugt. Eine kleine philologische Verwechslung mit großer Bildfolge.

Und dann kam die Theologie dazu, wie sie gern kommt: nicht als Korrektur, sondern als Deutung. Das Einhorn, das nur von einer Jungfrau gezähmt werden kann. Reinheit, die nicht suesslich ist, sondern streng. Und Inkarnation - Dezember als Monat, der nicht nur zaehlt, sondern feiert.

Faulmann merkte, wie sich das alles seltsam gut einfuegte. Nicht als Beweis, eher als Logik des Mittelalters. Wenn der Dezember die Menschwerdung traegt, warum sollte er dann nicht auch das Tier tragen, das genau davon erzaehlt - in Bildern, nicht in Saetzen.

Er dachte kurz an die “Einhornhoerner”, die man spaeter als Beweise herumzeigte. Narwalzaehne, in Wahrheit. Materie, die Fantasie stabilisiert. Der Wal als stiller Lieferant der Gewissheit.

Faulmann wischte noch einmal zurueck.

Das Horn blieb, wo es war.

Nicht als Pointe.
Eher als Randentscheidung in einem Kalender, die mehr ueber die Mitte sagt als manche Predigt.

Er stand immer noch vor dem Bildschirm.
Hinter ihm lag das echte Buch, aufgeschlagen, unberuehrbar.

Und doch fuehlte es sich so an, als haette gerade etwas kurz den Platz getauscht.
Das Zentrum blieb heilig.

Aber der Rand - der Rand dachte lauter.

Faulmann zog die Muetze tiefer, obwohl er drinnen war.

Manchmal macht man solche Dinge, wenn man merkt, dass man laenger geblieben ist, als man geplant hatte.

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