Faulmann sah das Plakat an einem Tag, der nichts Besonderes vorhatte.
Bahnhaltestelle, grauer Himmel, dieses kurze Stehen zwischen Liniennetz und Abfahrtszeiten. Sonderausstellung. Ein neu erworbenes Brevarium. Psalter und Stundengebet. Nordfrankreich, um 1300. Und ein Titel, der sich nicht wichtig machte: Glaube mit Humor.

Er ging weiter.

Aber der Gedanke blieb, wie ein lose hingelegtes Lesezeichen. Manche Einladungen wirken nicht sofort. Sie gehen erst ein paar Tage mit, ohne dass man es merkt.

An einem spaeteren Morgen machte er sich dann auf den Weg. Nicht aus Dringlichkeit, eher aus diesem sanften Zug, den Dinge entwickeln, wenn sie einen im richtigen Moment wieder einholen. Das Schnuetgen kannte er schon, war erst im fruehen Herbst dort gewesen. Den Ton des Hauses. Diese Ruhe, die nicht leer ist, sondern gesammelt.

Beim letzten Besuch hatte er Glas gesehen. Licht, Durchlaessigkeit. Und ploetzlich Freiburg, obwohl es nicht Teil der Ausstellung war. Ein Ort, der sich hineingeschoben hatte, weil Geschichten manchmal ihre eigenen Wege nehmen. Und dieses Wunder, das es nie gab, das trotzdem kurz im Raum stand. Nicht als Ereignis, sondern als Moeglichkeit. Als zweite Erzaehlung, die sich nicht durchsetzt, aber auch nicht verschwindet.

Diesmal fuehrte der Weg tiefer hinein, in einen Kirchenraum. Nicht einfach Ausstellung, eher Unterbringung. Als haette das Buch, um das es ging, einen Ort bekommen, der wusste, wie man ausstellt. In einer Vitrine lag das Brevarium aufgeschlagen. Pergament, Hand, Zeit. Psalmen und Gebete, gesetzt fast wie ein Terminkalender1.

Ein Psalter-Brevaium, las Faulmann, ist kein Buch fuer besondere Anlaesse. Es ist ein Buch fuer den Tag. Fuer Stunden. Fuer Wiederholung. Psalmen zum Lesen, Gebete, die den Rhythmus ordnen. Kein Anfang, kein Ende. Eher ein Kreis, in den man immer wieder eintritt2.

Neben der Vitrine konnte man ds Werk auf einem Touchscreen digital durchblaettern. Seite um Seite, ohne Glas dazwischen. Fast intim. Fast so, als duerfte man fuer ein paar Minuten in eine Rolle schluepfen, die aus Wiederholung besteht. Lesen, schauen, weiter, zurueck. Ein Moenchs Rollenspiel ohne Punkte und ohne Ziel. Nur diese stille Arbeit, sich Zeit zu lassen3.

Das Zentrum war klar, ordnend, fast streng in seiner Selbstverstaendlichkeit.

Und dann wanderte der Blick.

Nicht abrupt. Eher so, als wuerde etwas am Rand leicht ziehen. Als haette das Buch dort eine zweite Stimme, die nicht laut werden musste, um gehoert zu werden. Pflanzliche Ranken, die aus Initialen herauswuchsen, und in diesen Ranken: Welt. Nicht das Heilige, sondern das, was es zwischen Himmel und Erde noch so gibt.

Faulmann sah Tiere, die menschliche Dinge taten, als sei das die normalste Form von Kommentar. Ein Musikant, der nicht in den Chor passte. Ein Affe mit Dudelsack, der genau die Sorte Laerm in den Raum bringt, die man eigentlich draussen lassen will. Und gerade deshalb wirkte es so stark. Weil es nicht wie Spott daherkam, eher wie ein Ventil. Als duerfte man kurz ausatmen.

Dann wieder etwas ganz Einfaches. Haende im Teig. Brot, nicht als Symbol, sondern als Arbeit. Ein Ofen. Eine Bewegung, die man auch heute noch kennt, wenn man einmal in einer Kueche gestanden hat.

Dann, ein Spiel. Ein Ball. Koerper, die sich drehen, werfen, laufen. Ein Moment von Freizeit, so klein gemalt, als koenne er sich gleich wieder verstecken. Und doch war er da. Nicht am Rand der Welt, sondern am Rand eines Psalms.

Und Mischwesen. Halb Tier, halb Mensch, halb Fantasie. Nicht schoen im gefaelligen Sinn, eher frei. Als haette der Illuminator hier ausprobiert, wie weit man gehen darf, bevor die Ordnung protestiert. Vielleicht auch, um sich selbst zu erinnern, dass Ordnung nicht alles ist.

Faulmann merkte, dass er laenger bei diesen Dingen blieb als beim Zentrum. Das Zentrum verlangte Ehrfurcht. Der Rand verlangte Aufmerksamkeit. Und etwas anderes: eine Art Zustimmung dazu, dass Andacht nicht steril sein muss. Dass man beten kann und trotzdem weiss, wie ein Dudelsack klingt. Dass man Psalmen liest und trotzdem Hunger hat. Dass man die Welt nicht abschneiden kann, ohne sich selbst mit abzuschneiden, auch oder vielleicht gerade im Mittelalter4.

Zwischen den Gebeten tauchten immer wieder diese Randwelten auf. Humor, Alltag, Uebertreibung. Sie machten das Zentrum nicht kleiner. Eher menschlicher. Als wuesste das Buch selbst, dass Andacht Luft braucht. Dass man sie sonst nicht lange (er)traegt5.

Faulmann kam dabei ein Gedanke. Kein fertiger, eher einer, der sich langsam formte:

Vielleicht wird am Rand ehrlicher gedacht als im Zentrum - weil der Rand die Mitte nicht nur schmueckt, sondern aufschliesst, verschiebt, widerspricht und damit erst lesbar macht.

Als er den Kirchenraum verliess, war scheinbar wenig geschehen. Aber etwas war mitgegangen. Eine Art Erkenntnis, dass man Einladungen nicht sofort folgen muss. Manche brauchen Randzeit. So wie dieses Buch sie sich genommen hat.

Draussen war es Winterlicht, kuehl und klar.
Faulmann zog die Muetze tiefer und ging noch nicht nach Hause.
Sein Magen grummelte.
Der Wald wuerde warten muessen.
Denn ohne dass er es wusste, lag die naechste Einladung bereits direkt vor ihm.

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Fussnoten

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  1. Im Kalenderteil des Buches gibt es ein Tier, das dort eigentlich nicht hingehoert. Dezember, Steinbock – und doch etwas anderes. Ein Detail, das zu gross ist fuer eine Fussnote und spaeter einen eigenen Weg bekommt. 

  2. Ein Psalter-Brevaium ist kein Buch fuer besondere Tage. Es ist ein Arbeitsbuch der Zeit. Psalmen, Lesungen und Gebete strukturieren den Tag der Chorherren Stunde fuer Stunde. Man liest nicht von vorne nach hinten, sondern kehrt immer wieder ein. Ein Kreis, kein Weg. Dieses Brevarium entstand um 1300 in Nordfrankreich, in der Abtei St. Martin in Laon. Diese Region praegte auch die Koelner Kunst jener Zeit. Der Blick nach Paris war keine Abkehr, sondern eine Erweiterung 

  3. Dass man das Arenberg-Psalter-Brevier heute digital durchblaettern kann, ist kein Widerspruch zur Handschrift. Es ist fast eine zeitgemaesse Form des Wiederholens. Seite um Seite. Lesen, schauen, zurueck. 

  4. Der Rand mittelalterlicher Handschriften ist kein leerer Raum. Er ist Denkraum. Dort darf auftauchen, was im Zentrum keinen Platz hat: Spiel, Witz, Uebertreibung, Zweifel. Kunsthistorisch nennt man diese Figuren Drolerien. 

  5. Humor im mittelalterlichen Glauben ist kein Bruch mit der Andacht. Er ist ihre Entlastung. Lachen am Rand ist kein Spott, sondern Atem.