Captain Faulmann, Mummrich, Liora und Dachsbert beginnen ihren Ausflug nach Xanten.

Der Ausflug

Die Elektrokutsche erreichte den Parkplatz des Archäologischen Parks mit einhundertachtundvierzig Kilometern Restreichweite. Dachsbert betrachtete die Anzeige eine Weile.

“Das reicht nur knapp für die Rückfahrt”, sagte er.

Mummrich sah auf die flimmernde Luft über dem Parkplatz.

“Mit Klimaanlage?”

“Nein.”

Faulmann öffnete die Tür. Die Hitze kam herein.

“Dann laden wir vor der Rückfahrt”, sagte Liora.

Jenseits einer Hecke standen die ersten Mauern des Parks so hell in der Sonne, als seien sie erst am Morgen aus dem Boden gekommen. Auf dem Asphalt lag ein einzelnes trockenes Blatt. Es bewegte sich nicht. Sie hatten sich für den Besuch eigens römisch gekleidet.

Die Idee war einige Wochen zuvor an einem kühleren Abend entstanden. Damals hatte eine Tunika leicht, praktisch und der historischen Annäherung förderlich gewirkt. Nun zeigte sich, dass mehrere Lagen Leinen vor allem mehrere Lagen Leinen waren.

Liora trug eine schlichte hellbraune Tunika und einen blaugrauen Umhang, den sie bereits über den Arm gelegt hatte. Mummrich hatte sich für die kurze graugrüne Tunika eines Handwerkers entschieden. An seinem Gürtel hingen ein kleiner Hammer, eine Schnur und zwei Werkzeuge, deren Zweck er auf Nachfrage ausführlich hätte erklären können. Dachsberts helle Tunika zierte ein einzelner schmaler Purpurstreifen.

Er hatte lange darüber nachgedacht.

Liora hatte ihn am Morgen betrachtet.

“Sonst antikapitalistischer Kuttenrocker, heute in Amt und Purpur. Du machst dich ja doch noch, Dachsi.”

“Es ist nur ein schmaler Streifen”, hatte Dachsbert gesagt.

“Ein Schelm, wer Böses dabei denkt”, hatte Liora erwidert.

Faulmann hingegen trug eine gedeckt grüne Reisetunika, feste Sandalen und seine Schiebermütze. Für die Mütze hatte sich kein römischer Beleg finden lassen. Es hatte sich allerdings auch kein Beleg dafür gefunden, dass Captain Faulmann ohne sie aussah wie Captain Faulmann. Die Forschung musste also mit einer gewissen Lücke leben.

Vor ihnen zog eine Familie einen Handwagen mit zwei Kindern, drei Trinkflaschen und einer Menge Gepäck zum Eingang. Eines der Kinder drehte sich um und betrachtete Dachsbert.

“Bist du ein Römer?”, fragte es.

“Nicht hauptberuflich”, sagte Dachsbert.

Das Kind nickte. Die Antwort schien ihm nicht ungewöhnlicher als der Rest des Tages. An der Kasse hielt man die vier zunächst für Teilnehmer einer Führung. Die Teilnehmer selbiger Führung hielten sie für Beschäftigte des Parks und ein Beschäftigter des Parks fragte schließlich, ob sie zu einer Veranstaltung gehörten.

“Wir gehören hauptsächlich zusammen”, sagte Faulmann.

Man ließ sie hinein.

Hinter dem Eingang wurde der Parkplatz rasch unsichtbar. Der Weg führte zwischen Wiesen, Bäumen und wiederaufgebauten Mauern an den hoch aufragenden Wänden des Schutzbaus über den Ruinen der Großen Thermen vorbei. In der Ferne stand das Hafentor. Dächer ragten über Hecken. Auf einer offenen Fläche zeichneten niedrige Steinreihen die Grundrisse von Häusern nach, deren Bewohner seit Langem nicht mehr dort lebten. Mummrich blieb bereits an der ersten niedrigen Mauer stehen.

“Eine Latrine”, sagte er erfreut.

Liora sah auf die Steine am Wegesrand.

“Woher weißt du das?”

“Es steht auf der Tafel da vorne.”

“Ich hatte mit einer baulichen Erkenntnis gerechnet.”

“Ich prüfe Erkenntnisse gern an Tafeln.”

Sie warteten.

Ein Elektrobus des Parks fuhr langsam vorbei. Der Fahrer hob grüßend die Hand. Mummrich erwiderte den Gruß mit jener Aufmerksamkeit, die man einem Fahrzeug entgegenbrachte, dessen Sinn sich bei der zu erwartenden Sommerhitze unmittelbar erschloss. Die Sonne stand inzwischen hoch genug über dem Gelände, dass der Schatten der Bäume knapp neben die Bänke fiel. Offenbar war bei ihrer Aufstellung mit einer anderen Tageszeit gerechnet worden. Am Nordtor machten sie das erste gemeinsame Foto.

Dachsbert stellte sich gerade hin. Liora stand neben ihm und blickte zur Stadt. Mummrich war im letzten Augenblick wieder zur Mauer gegangen, weil er dort etwas entdeckt hatte. Faulmann schaute in die falsche Richtung.

Das Bild gelang entsprechend ausgezeichnet.

Sie gingen weiter.

In einem Garten wuchsen Kräuter in ordentlichen Beeten. Bienen bewegten sich zwischen den Blüten und machten von der historischen Anlage einen selbstverständlichen Gebrauch. Gelegentlich begegneten ihnen Menschen in moderner Sommerkleidung. Manche grüßten die vier. Andere fotografierten sie aus einiger Entfernung und taten anschließend so, als hätten sie das Gebäude dahinter gemeint.

Die Herberge

In der römischen Herberge war es merklich kühler. Sie traten in einen schattigen Hof. Eine Tür führte zu den Wirtschaftsräumen, eine andere zu den kleinen Bädern. Im vorderen Raum standen mehrere Amphoren in hölzernen Gestellen. Faulmann legte eine Pfote an eines der Gestelle.

“Sonst fallen sie um”, sagte Mummrich.

“Das tun Gefäße gelegentlich.”

“Diese besonders. Viele Amphoren haben keinen flachen Boden. Sie wurden für Transport und Lagerung in Halterungen gestellt oder angelehnt.”

Auf kleinen Schildern standen die Dinge, die darin aufbewahrt worden waren: Öl, Getreide, Most und Fischsauce.1 Die Formen der Gefäße unterschieden sich. Einige waren hoch und schmal, andere gedrungener. Liora betrachtete eine Amphore für Fischsauce.

“Man konnte offenbar oft schon an der Form erkennen, was aus welcher Gegend kam.”2

“Eine Verpackung mit Herkunft”, sagte Dachsbert.

“Und ohne Schraubverschluss”, sagte Faulmann.

In der Küche war ein Herd aus Stein aufgemauert. Auf der erhöhten Fläche hatte das Feuer gebrannt. Darunter lagerten Holzscheite. Einen Kamin gab es nicht. Der Rauch war durch das offene Fenster abgezogen.3 Mummrich beugte sich über die Herdkante.

“Man kochte auf der Glut oder stellte Gefäße auf kleine eiserne Gestelle. Die Arbeitshöhe ist gar nicht schlecht.”

Faulmann sah zum Fenster.

“Der Rauch musste nur noch zustimmen.”

Neben dem Herd standen einfache Holztische. Eine Treppe führte hinunter in den Keller. Im unteren Bereich waren noch Teile des ursprünglichen römischen Mauerwerks erhalten. In Wandnischen hätten Öllampen gestanden. Große Vorratsgefäße waren teilweise in den Boden eingelassen worden, damit sie kühl und sicher standen.4 Dachsbert ging drei Stufen hinunter und wieder hinauf.

“Ein ordentlicher Keller.”

“Du hast ihn kaum gesehen”, sagte Liora.

“Er hat eine Treppe und eine geregelte Vorratshaltung. Das genügt für einen ersten Eindruck.”

In den kleinen Bädern der Herberge blieb Mummrich erneut stehen. Hinter dem Heißbaderaum hatte sich der Heizraum befunden. Dort war Holz oder Holzkohle verbrannt worden. Die heiße Luft strömte unter dem erhöhten Fußboden hindurch und erwärmte Raum und Becken.

“Der Boden konnte so heiß werden, dass man Holzsandalen brauchte”, sagte er.

Faulmann betrachtete seine eigenen Sandalen.

“Unsere sind aus Leder.”

“Wir baden nicht”, sagte Mummrich. “Außerdem wird heute zum Glück nicht geheizt.”

Neben dem Warmwasserbecken stand eine große flache Steinschale. Sie hatte kühles Wasser zur Erfrischung enthalten. Liora strich über ihren Rand.

“Erst heizt man den ganzen Raum auf und stellt dann Wasser zum Abkühlen hinein.”

“Behaglichkeit ist manchmal eine geregelte Auseinandersetzung mit Gegensätzen”, sagte Dachsbert.

Im Speiseraum standen nachgebildete Schalen und Becher. Die Wände waren bemalt. Architektur, Säulen und ferne Landschaften setzten sich in der Malerei fort und ließen den Raum größer wirken, als er war. Faulmann sah auf eine gemalte Säule und dann auf die wirkliche Wand daneben.

“Die Säule trägt nichts.”

“Sie trägt zur Raumwirkung bei”, sagte Liora.

In einem Nebenraum stand ein breites gepolstertes Möbel. Vielleicht war es eine Liege. Vielleicht war “Sofa” auch nur das Wort, das nach mehreren Stunden in der Sonne am wenigsten nach wissenschaftlicher Anstrengung klang. Faulmann setzte sich.

“Wir wollen noch zu den Großen Thermen”, sagte Dachsbert.

“Wir sind in einer Herberge mit Thermen”, sagte Faulmann.

“Zu den großen.”

Faulmann nickte.

Die großen Thermen liefen nicht fort.

Mummrich setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und nahm den Becher, den Liora ihm reichte. Dachsbert setzte sich auf einen Schemel, wobei er darauf achtete, dass der Purpurstreifen nicht knitterte. Draußen ging jemand über den Hof. Sand knirschte unter Schuhen. Aus einem anderen Raum kam das leise Klappern einer Tür. Faulmann schob die Mütze etwas aus der Stirn. Die Polster waren nicht besonders weich. Sie waren nur weicher als der bisherige Tag.

Durch die offene Tür fiel ein schmales Rechteck aus Licht auf den Boden. Darin bewegten sich Staubteilchen. Eine Fliege kam herein, flog eine kleine Runde und verließ den Raum wieder. Sie hatte offenbar nur nachgesehen.

“Du schläfst doch jetzt nicht ein?”, fragte Liora.

“Nein”, sagte Faulmann.

Er schloss die Augen, um das besser beurteilen zu können.

Faulmann döst in der nachgebildeten römischen Herberge, während auch seine Freunde eine Pause machen.

Die Polster waren nur weicher als der bisherige Tag.

Im Hof sprach eine Frau mit ihren Kindern. Weiter entfernt fuhr der Elektrowagen noch einmal über den Weg. Sein Motor summte kurz hinter der Mauer und wurde leiser.

Dann schlug irgendwo Holz gegen Holz.

Einmal.

Nach einer Pause noch einmal.

Faulmann hörte Räder über festen Boden rollen. Nicht das weiche Geräusch kleiner Gummireifen. Diese Räder waren schwerer. Sie rumpelten über Steine, hielten an und setzten sich wieder in Bewegung. Jemand rief etwas, das er nicht verstand. Aus dem Hof kam der Geruch von Brot, Rauch und warmem Öl.

Faulmann dachte, dass der Park sich große Mühe mit den Geräuschen gab.

Dann dachte er eine Weile nichts mehr.

Das Nordtor

Der Torwächter hob die Hand.

“Dieser Wagen zuerst.”

Die vier werden am Nordtor der Colonia empfangen.

Am Nordtor genügt Dachsberts einzelner Purpurstreifen für ein Missverständnis.

Hinter ihnen knarrte ein schwerer Karren durch das Tor. Zwei Maultiere zogen ihn über die unebenen Steinplatten. Auf der Ladefläche standen Amphoren in einem Gestell aus Holz und Seilen. Ihre Spitzen steckten fest zwischen Querhölzern und Bündeln aus Stroh. Der Fuhrmann rief etwas. Ein Lastträger antwortete. Für eine Weile bestand das Nordtor hauptsächlich aus Rädern, Staub und Leuten, die einander im Weg standen.

Eines der Wagenräder geriet an den Rand der seitlichen Rinne. Der Fuhrmann zog am Zügel, das linke Maultier trat zur Seite, und der Wagen fand mit einigem Knarren wieder auf die Mitte der Straße. Faulmann trat in den Schatten des Tores. Es roch nach Stein, Tier und einem kleinen Feuer, auf dem in der Wachstube etwas gekocht wurde.

Mummrich legte eine Hand an das Mauerwerk. Neben dem Torbogen verlief ein tiefer rechteckiger Schacht in der Wand.

“Für den Sperrbalken”, sagte er.

Liora sah hinein.

“Der ganze Balken lag in der Mauer?”

“Wenn das Tor offen war. Zum Schließen zog man ihn quer hinter die Torflügel. Ein langer Balken ist nützlich, aber man möchte ihn nicht ständig im Durchgang herumliegen haben.”

“Das ist eine ordentliche Lösung”, sagte Faulmann.

Das Nordtor bestand nicht nur aus einer Öffnung in der Mauer. Zwei hohe Türme flankierten die Durchfahrten. Die breite Front sollte die Stadt schützen und zugleich zeigen, dass hinter ihr eine bedeutende Stadt lag. Liora ging einige Schritte zurück und betrachtete die ganze Front.

“Es soll Angreifer aufhalten und Besucher beeindrucken”, sagte sie.

“Ein Bauwerk mit Verteidigung und Außenwirkung”, sagte Dachsbert. “Das ist eine ordentliche Verbindung.”

Mummrich sah in die seitliche Wachstube und entdeckte dahinter eine schmale Treppe. Faulmann stellte sich unter einen der Torbögen und sah nach oben.

“Es hält Menschen auf”, sagte er.

“Das gehört bei einem Tor zu den zuverlässigeren Eigenschaften”, sagte Dachsbert.

Der Amphorenwagen war durch. Der Torwächter wandte sich nun den vier Besuchern zu. Er war ein schmaler Mann mit kurz geschnittenem grauem Haar. An seinem Gürtel hingen ein Messer, ein Schlüsselbund und eine kleine Wachstafel. Zunächst sah er Liora an, dann Faulmanns Mütze und schließlich Dachsbert.

Sein Blick blieb am Purpurstreifen hängen.

Der Torwächter richtete sich auf.

“Verzeiht”, sagte er. “Man hatte uns den Ehrengast aus Rom angekündigt. Aber nicht so früh.”

Dachsbert sah kurz an sich hinunter.

“Wir sind eben früher hier.”

Der Torwächter blickte durch den Torbogen auf die Straße hinter ihnen.

“Und am Nordtor.”

“Auch das”, sagte Dachsbert.

“Von Claudia Ara Agrippinensium kommend führt der gewöhnliche Weg aus dem Süden herein.”

“Wir haben offenbar einen anderen genommen”, sagte Faulmann.

Der Torwächter musterte Mummrich, Liora und Faulmann. Dann sah er hinter ihnen nach weiteren Personen, die sich dort nicht befanden.

“Euer Gefolge ist sehr klein.”

“Das ist nicht mein Gefolge”, sagte Dachsbert. “Das sind meine Freunde.”

Der Torwächter nickte langsam.

“Ihr reist bescheiden.”

“Wir hatten nicht vor, groß zu reisen”, sagte Faulmann.

Liora trat einen halben Schritt näher.

“Wen erwarten Sie eigentlich?”

Der Torwächter betrachtete sie. Offenbar war nicht die Frage ungewöhnlich, sondern die Form.

“Den Ehrengast aus Rom”, sagte er. “Zu den großen Festtagen und den Spielen.”

Liora sah Dachsbert an.

“Natürlich”, sagte sie.

Dachsbert strich seinen Purpurstreifen glatt. Er tat dies nicht aus Eitelkeit. Der Streifen hatte sich lediglich verschoben und war inzwischen offenbar in eine Angelegenheit verwickelt.

“Mein Name ist Dachsbertus”, sagte er. “Aus dem Geschlecht der Melesbertier, reisender Würdenträger, Aufseher über Nebenwege und vorläufiger Beauftragter für Besichtigungen.”

Liora sah ihn an.

“Seit wann heißt du Dachsbertus?”

“Seit wir an diesem Tor stehen”, sagte Dachsbert leise. “Es scheint mir eine Art Spiel zu sein. Die Leute geben sich außerordentlich viel Mühe.”

“Außerdem erfindest du Ämter.”

“Nur, soweit sie benötigt werden.”

Der Torwächter nickte verständnisvoll.

“Den Namen hat man uns auch nicht mitgeteilt.”

“Dann würden wir jetzt gern das Tor besichtigen”, sagte Dachsbert.

Der Torwächter sah auf die Durchfahrt, den Sperrbalkenschacht und Mummrich, der noch immer versuchte, in die Wachstube zu sehen.

“Das habt Ihr bereits getan.”

“Von oben”, sagte Dachsbert.

Der Torwächter schwieg kurz.

“Die oberen Räume gehören zum Dienstbereich.”

“Das klingt nach einem wichtigen Teil des Tores.”

“Sie sind für Besucher nicht zugänglich.”

Der Torwächter sah auf den einzelnen Purpurstreifen. Dann sah er zu dem zweiten Wächter in der Wachstube. Dieser schloss ohne besondere Eile eine Truhe mit Wachstafeln ab und legte einen Schlüssel unter seine Tunika.

“Gewöhnlich”, ergänzte der Torwächter.

Dachsbert nickte.

“Wir erwarten eine ungewöhnliche, aber geordnete Besichtigung.”

“Selbstverständlich”, sagte der Torwächter. Es klang, als sei eine Selbstverständlichkeit soeben gegen seinen ausdrücklichen Rat beschlossen worden.

Er öffnete die Tür zur Treppe.

“Bitte berührt nichts, was das Tor schließt, öffnet oder ein Signal gibt.”

Mummrich sah interessiert nach oben.

“Welche Einrichtungen geben Signale?”

“Keine”, sagte der Torwächter etwas zu schnell.

Die Treppe führte eng im Turm hinauf. Durch schmale Öffnungen fiel Licht auf die Stufen. Im oberen Wachraum standen eine Bank, ein Waffenständer und ein Tisch, von dem offenbar kurz zuvor mehrere Dinge entfernt worden waren. Von hier aus konnten die Wächter sowohl die Straße vor dem Tor als auch die Durchfahrten im Inneren beobachten.

Eine weitere Treppe führte auf den Wehrgang. Die Stadtmauer setzte sich zu beiden Seiten fort. Soldaten konnten sich auf ihr bewegen, ohne unten durch die Straßen gehen zu müssen. Unter ihnen lagen die beiden Torbögen, die schweren Torflügel und die Wachräume wie Teile einer einzigen Maschine. Mummrich beugte sich über die Brüstung.

“Von hier sieht man, ob ein Wagen zu breit ist, bevor er im Tor feststeckt.”

“Und ob jemand mit mehr Gefolge kommt, als angekündigt”, sagte Liora.

Der Torwächter sah über die Straße nach Norden. Offenbar hoffte er noch immer darauf. Auf der anderen Seite lag die Colonia vor ihnen. Gerade Straßen liefen zwischen roten Dächern und hellen Mauern hindurch. Links schimmerte der Rhein hinter den Speichern des Hafens. Weiter rechts lag das Amphitheater am Rand der Stadt.

Blick vom Nordtor über die Colonia mit dem Rhein auf der linken Seite.

Vom Wehrgang des Nordtors liegt die Stadt vor ihnen: links Rhein und Hafen, weiter rechts das Amphitheater.

“Die Stadtführung hat bereits begonnen”, sagte Liora.

Dachsbert betrachtete Forum, Hafen und Straßennetz.

“Das Tor ist als erster Punkt offiziell besichtigt.”

“Von wem?”, fragte Faulmann.

“Vom vorläufigen Beauftragten für Besichtigungen.”

Der Torwächter führte sie wieder hinunter. Er ging diesmal voran und blieb an jedem Treppenabsatz stehen, bis auch Mummrich ihn verlassen hatte. Ein junger Schreiber kam aus der Wachstube. Er trug eine rechteckige Wachstafel unter dem Arm und kaute auf einem Stück Brot. Der Torwächter sagte ihm leise etwas. Der Schreiber hörte auf zu kauen. Er zog einen Griffel hervor und ritzte einige Zeichen in die dunkle Wachsschicht.

“Die Villa ist vorbereitet”, sagte der Torwächter. “Das Bad wird geheizt. Der Verwalter erwartet Euch. Euer Gepäck kann vorausgeschickt werden.”

Er sah auf die kleinen Taschen der vier.

“Oder nachgeschickt.”

“Das ist unser Gepäck”, sagte Liora.

Der Torwächter nahm auch diese Auskunft als Zeichen besonderer Bescheidenheit hin.

“Wir besichtigen die Stadt.”

“Nach dem Bezug der Villa?”, fragte der Torwächter.

“Vorher.”

Der Schreiber hielt inne.

“Im vorgesehenen Ablauf steht zuerst die Villa”, sagte er.

“Dann ändern Sie den vorgesehenen Ablauf.”

Der Schreiber drehte den Griffel um. Sein hinteres Ende war breit und flach. Er strich damit über die zuletzt geschriebenen Worte, bis das Wachs wieder glatt war.

“Du hast das gelöscht?”, fragte Mummrich.

“Mit dem flachen Ende. Mit der Spitze schreibe ich.”

“Römische Verwaltung ist wiederverwendbar”, sagte Dachsbert.

“Soweit sie aus Wachs besteht”, sagte Faulmann.

“Welche Führung wünscht Ihr?”, fragte der Torwächter.

“Eine durch die Stadt”, sagte Dachsbert.

“Welchen Teil?”

“Den vorhandenen.”

Der junge Schreiber sah auf seine Tafel. Für den vorhandenen Teil war dort erkennbar wenig Platz.

“Marcellus kennt die Wege”, sagte der Torwächter. “Er wird Euch führen und danach zur Villa bringen.”

Der Torwächter gab dem jungen Schreiber ein Zeichen. Marcellus steckte sein Brot ein und ging einige Schritte voraus.

“Die Villa liegt beim Forum”, sagte er. “Der kürzeste Weg führt dort entlang.”

“Wir nehmen nicht den kürzesten”, sagte Dachsbert.

Marcellus sah zurück zum Torwächter.

Der Torwächter hob beide Hände. Der Ehrengast war nun in der Stadt. Damit war er vorläufig ein städtisches Problem.

Sie gingen los. Durch das Tor führte eine breite Straße in die Stadt. Zwischen Fahrbahn und Hausfronten zog sich auf beiden Seiten eine überdachte Säulenhalle hin. Ihre Ziegeldächer warfen lange Streifen Schatten auf das Pflaster. Händler hatten Körbe, Amphoren und Stoffballen zwischen den Säulen aufgestellt. Die Wagen blieben in der Sonne. Faulmann trat unter das Dach.

“Ein Portikus”, sagte Marcellus. “Er schützt die offenen Läden und die Fußgänger vor Sonne und Regen.”

Faulmann sah auf die helle Fahrbahn.

“Der Regen ist heute der theoretische Teil.”

Hinter den Portiken standen schmale, langgestreckte Häuser. Ihre vorderen Räume waren vollständig zur Straße geöffnet. Ein Töpfer saß an seiner Scheibe, während hinter ihm Gefäße zum Trocknen standen. Nebenan verkaufte eine Frau Öl und getrocknete Hülsenfrüchte. Durch eine offene Tür sah man hinter dem Laden einen Hof, Wäsche und einen niedrigen Tisch, an dem ein Kind saß.

“Zu welchem Haus gehört der Portikus?”, fragte Mummrich.

“Zur Insula”, sagte Marcellus sichtlich verwirrt.

Mummrich sah die lange Häuserreihe hinunter.

“Zu allen?”

“Die Insula ist der ganze Baublock. Eine Insel zwischen vier Straßen.”

“Und was liegt darin?”, fragte Mummrich.

“Viele schmale Grundstücke nebeneinander.”

“Und hinter jedem Laden?”

“Werkstatt, Wohnräume, Hof. Manchmal ein Garten oder ein Lager.”

Mummrich sah zur gemeinsamen Säulenhalle zurück.

“Viele Häuser unter einem Dach.”

“Unter einem Portikus”, sagte Marcellus.

Liora blieb kurz stehen.

“Vorn das Geschäft, hinten das Leben.”

Die Händlerin schöpfte Öl aus einem großen Gefäß in den mitgebrachten Krug eines Kunden. Ohne aufzusehen sagte sie:

“Vorn ist auch Leben.”

Liora nickte.

“Das war ungenau.”

“Das ist meistens vorn.”

Vor ihnen ging Dachsbert neben dem Schreiber. Der Purpurstreifen war aus einiger Entfernung gut zu erkennen. Menschen wichen ihm aus oder grüßten. Ein vornehmer Gast wurde in einer römischen Stadt offenbar nicht nur empfangen. Er wurde bemerkt. Dachsbert erwiderte jeden Gruß. Nach einigen Grüßen begann er dabei nur noch knapp zu nicken.

“Er findet sich ein”, sagte Liora.

“Er ist höflich genug”, sagte Faulmann.

“Das eine schließt das andere nicht aus.”

Marcellus zeigte zum Forum, dessen Säulen über den Dächern zu sehen waren. Dort lagen die Basilika, die Amtsräume und die großen Tempelbezirke.

“Und der Hafen?”, fragte Dachsbert.

Marcellus deutete nach links.

“Dort unten. Er liegt nicht auf dem kürzesten Weg zur Villa.”

“Das hatten wir bereits festgestellt.”

Marcellus änderte schulterzuckend die Richtung.

Sie kamen nicht weit.

Unter dem Portikus blieb Marcellus vor einem Tuchladen stehen. Über der offenen Front hingen helle Tuniken an einer Stange. Daneben lagen gefaltete Stoffe in Rot, Blau, Braun und einem Weiß, das bei näherem Hinsehen eher die Farbe ungefärbter Wolle hatte. Marcellus betrachtete Faulmanns grüne Tunika, Mummrichs staubige Handwerkerkleidung und Lioras Reiseumhang.

“Vielleicht wünschen die Gäste frische Gewänder?”, fragte er.

“Wir sind eingekleidet”, sagte Faulmann.

“Für die Reise”, rutschte es Marcellus heraus.

Faulmann sah an sich hinunter.

“Die Reise hat sich darüber nicht beschwert.”

Der Tuchhändler war bereits aus seinem Laden getreten. Er sah Dachsberts Purpurstreifen und verbeugte sich knapp.

“Die Festtuniken für den Gast aus Rom und sein Gefolge?”

“Der Gast ist eingekleidet”, sagte Dachsbert.

Der Händler sah auf seinen Purpurstreifen.

“Der Gast schon.”

Er meinte die anderen drei.

“Das ist nicht mein Gefolge”, sagte Dachsbert.

Marcellus zog die Wachstafel hervor.

“Das wurde am Tor bereits geändert.”

“Was steht dort jetzt?”

Marcellus las nach.

“Freunde des Ehrengastes. Ungewöhnlich kleines Reiseaufkommen.”

Der Händler holte trotzdem drei helle Tuniken von der Stange. Sie bestanden aus einfachem Leinen und waren fast weiß, nur an den Säumen verlief eine schmale rötliche Einfassung. Eine Tunika war kürzer geschnitten, damit man darin arbeiten und gehen konnte, ohne ständig auf den Stoff zu treten. Der Händler hielt die kürzere Tunika vor Mummrich.

“Zwei Stoffbahnen”, sagte Mummrich.

“Zusammengenäht. Eine Öffnung für den Kopf, zwei für die Arme.”

“Das genügt?”

“Ein Gürtel kommt noch hinzu.”

“Und der Gürtel macht daraus Kleidung.”

“Der Gürtel macht aus vielem Kleidung”, sagte der Händler.

“Was geschieht mit meinen Werkzeugen?”, fragte Mummrich.

“Die trägt weiterhin der Gürtel.”

Mummrich nickte. Die neue Kleidung hatte die entscheidende Prüfung bestanden. Liora nahm die zweite Tunika und prüfte die Nähte. Faulmann bekam die dritte.

“Ich hatte nicht vor, mich auf einer Stadtführung umzuziehen”, sagte er.

“Dann ist es gut, dass der Laden an der Stadtführung liegt”, sagte Marcellus.

Hinter gestapelten Stoffballen stand ein hölzerner Wandschirm. Wenig später kamen Liora, Mummrich und Faulmann in den hellen Tuniken wieder hervor. Mummrich hatte seinen Werkzeuggürtel darübergelegt. Liora trug den blaugrauen Umhang weiterhin über dem Arm. Faulmann setzte als Letztes seine Mütze auf.

Unter einem langen Portikus erhalten Faulmann, Mummrich und Liora beim Tuchhändler ihre hellen Festtuniken.

Unter dem Portikus wird aus Reisekleidung ein städtischer Empfang.

Der Händler betrachtete sie zufrieden.

“Jetzt sieht man, dass Ihr zusammengehört.”

“Das sah man vorher auch”, sagte Liora.

“Jetzt sieht es formeller aus.”

Dachsbert öffnete seinen Lederbeutel.

Marcellus war schneller.

“Die Einkleidung gehört zum Empfang der Stadt.”

“Ich bezahle die Kleidung meiner Freunde.”

“Dann würde die Stadtkasse eine vorgesehene Ausgabe nicht tätigen.”

“Das klingt sparsam.”

“Es klingt vor allem nach einer Unregelmäßigkeit.”

Der Händler nickte ernst. Eine nicht getätigte Ausgabe war offenbar genauso erklärungsbedürftig wie eine getätigte.

“Die Stadt bezahlt die Tuniken”, sagte er. “Die rote Einfassung ist von mir.”

Marcellus prüfte die schmalen Säume genauer.

“Echter Purpur?”

“Nur sehr wenig.”

“Sehr wenig Purpur ist noch immer sehr viel Ausgabe.”

“Für die Stadt nicht”, sagte der Händler. “Die Einfassung ist von mir.”

Dachsbert betrachtete seinen eigenen Streifen und dann die roten Säume.

“Das sieht eher rot aus.”

“Purpur kann sehr rot sein”, sagte der Händler. “Violett ist nur eine seiner Möglichkeiten.”

Marcellus fragte leise nach dem Wert der Einfassungen. Der Händler nannte ihm eine Zahl. Marcellus sah auf die drei Tuniken.

“Die Einfassungen sind mehr wert als der ungefärbte Stoff.”

Dachsbert sah von den roten Säumen zu Marcellus.

“Die Stadt hat also den billigen Teil bezahlt.”

“Den flächenmäßig größeren”, sagte Marcellus.

“Warum?”, fragte Dachsbert an den Händler gewandt.

“Weil dann heute jeder sehen wird, wer sie gemacht hat.”

Liora strich über den roten Saum.

“Gastfreundschaft mit Reichweite”, sagte sie.

Den Satz würde sie wenig später noch einmal benötigen.

Die Reisekleidung wurde zu einem ordentlichen Bündel verschnürt. Marcellus wollte gerade einen Laufburschen heranwinken, doch Liora nahm es ihm ab.

“Das bleibt bei uns.”

“In der Villa könnte man das reinigen lassen”, sagte Marcellus.

“Wir kennen den weiteren Weg noch nicht.”

“Zum Hafen und anschließend zur Villa.”

“Wir kennen den weiteren Weg noch nicht”, wiederholte Liora und betonte das letzte Wort.

Helle Festkleidung und eine Stadtführung, die ausdrücklich nicht den kürzesten Weg nahm, waren nur für begrenzte Zeit miteinander vereinbar. Der Händler gab ihnen deshalb einen einfachen Tragebeutel. Sie legten das Bündel hinein und trugen es zum Hafen.

Die Straße fiel leicht zum Rhein hin ab. Unter den Steinplatten verliefen Abwasserkanäle. Vor einem Haus goss jemand einen Eimer Wasser in die offene Rinne am Straßenrand. Das Wasser nahm Staub, ein paar Blätter und einen einzelnen Kohlstrunk bis zum nächsten Ablauf mit. Faulmann sah ihnen nach.

“Die Straße wird gewaschen.”

“Und alles, was auf ihr liegt, an einen anderen Ort gebracht”, sagte Mummrich.

“Das ist eine verbreitete Form von Sauberkeit.”

Zwischen den Häusern erschien für einen Moment der Rhein. Dahinter standen Masten und Rahen über den Dächern. Möwen kreisten über den Lagerhäusern. Auf dem Weg nach unten kamen sie an einem Stand vorbei, auf dem noch warme Brote unter einem Tuch lagen. Die Verkäuferin sah Dachsberts Purpurstreifen, dann Marcellus mit der Wachstafel.

“Der Gast aus Rom?”, fragte sie.

“Wir sehen uns nur die Stadt an”, sagte Dachsbert.

“Dann könnt Ihr bei der Besichtigung sicher eine kleine Stärkung vertragen.”

Sie legte vier kleine Brote in einen Korb. Danach nahm sie einen runden, flachen Kuchen aus einer Schale und legte auch ihn dazu.

“Libum”, sagte sie. “Mit Käse, Mehl und Ei. Heute Morgen auf Blättern gebacken.”

Dachsbert griff unter seine Tunika nach dem kleinen Beutel, den er für den Ausflug eingesteckt hatte. Die Verkäuferin schob seine Pfote beiseite.

“Der Empfang der Stadt.”

Marcellus setzte den Griffel an seine Wachstafel.

“Das Brot auf Rechnung der Stadt”, sagte er.

“Das Libum ist von mir”, sagte die Verkäuferin.

“Ich kann das selbst bezahlen”, sagte Dachsbert.

“Das ist nicht vorgesehen.”

“Im vorgesehenen Ablauf war auch die Villa zuerst vorgesehen.”

Marcellus dachte kurz nach.

“Dann ist es gut, wenn wenigstens das Frühstück im Ablauf bleibt.”

Die Verkäuferin nickte. Mit der römischen Verwaltung war leichter umzugehen, wenn sie einem gerade etwas abkaufte. Am nächsten Stand lagen Trauben, Feigen, Walnüsse und Oliven in flachen Körben. Die Händlerin hatte das Gespräch gehört. Sie füllte von allem etwas in kleine Schalen.

“Für den Ehrengast”, sagte sie.

“Für vier Personen”, sagte Dachsbert.

Die Händlerin sah Faulmanns Mütze, Mummrichs Werkzeuggürtel und Liora an.

“Dann sind es ungewöhnliche Ehrengäste.”

“Das versuchen wir seit dem Tor zu erklären.”

Sie legte noch Feigen dazu.

“Die Trauben sind von mir. Wenn man heute Mittag erzählt, der Gast aus Rom habe meine Trauben gegessen, ist das bis zum Abend ein besseres Geschäft als der Verkauf.”

Liora nahm die Schale.

“Gastfreundschaft mit Reichweite.”

“Gastfreundschaft ist die schönste Form von Reichweite, finde ich”, sagte die Händlerin.

Liora lächelte. “Den Satz nehme ich mit.”

“Dann reicht er noch weiter”, sagte die Händlerin.

“Quod erat demonstrandum”, sagte Liora.

Die Händlerin lachte. Liora lachte mit und blieb noch einen Augenblick am Stand, bevor sie den anderen folgte.

Der Korb wurde schwerer, obwohl Dachsbert nichts gekauft hatte. Bei einem Käsehändler blieb Mummrich stehen. Auf dem Tisch lagen ein Steinmörser, frische Kräuter, Knoblauch und ein weicher weißer Käse.

“Moretum”, sagte der Händler. “Frisch gemacht.”

Er gab Käse, Kräuter, Knoblauch und Salz in den Mörser, goss etwas Öl und einen Spritzer Essig dazu und begann alles mit dem Stößel zu zerreiben. Die Masse wurde grünlich und roch schon nach kurzer Zeit weiter, als sie zu sehen war. Mummrich beobachtete die Bewegung.

“Darf ich?”

Der Händler reichte ihm den Stößel.

“Ist die Mischung immer gleich?”, fragte Liora.

“Nur der Mörser”, sagte der Händler. “Der Rest richtet sich nach Garten und Haushalt.”

Der Knoblauch blieb dabei der Teil, der am wenigsten Bereitschaft zu Unauffälligkeit zeigte. Mummrich prüfte die Konsistenz.

“Noch etwas Öl.”

Der Händler goss nach.

“Du lässt dich rasch beschäftigen”, sagte Liora.

“Es ist ein Werkzeug mit einem klaren Zweck.”

“Den Mörser behaltet Ihr”, sagte der Händler laut genug, dass auch die Nachbarstände es hören konnten.

Marcellus schrieb auch das auf. Ein Weinhändler fügte schließlich noch einen Krug dazu.

“Mulsum”, sagte er. “Mit Honig. Und Wasser, bei der Hitze.”

Liora hob den Deckel und roch daran.

“Das ist Wein.”

“Mit Wasser”, sagte der Händler.

“Und Honig”, ergänzte Marcellus, als verbessere der zweite Zusatz den ersten amtlich.

Dachsbert sah auf Brot, Kuchen, Obst, Oliven, Moretum und den Krug.

“Wir wollten kein Festmahl.”

“Es ist ein Frühstück”, sagte Marcellus.

“Ein gewöhnliches ientaculum wäre schlichter”, fuhr Marcellus fort. “Brot, Käse, Oliven, Früchte und verdünnter Wein.”

Dieses Frühstück war nur deshalb nicht mehr schlicht, weil eine ganze Straße Gelegenheit bekommen hatte, an einem städtischen Ehrengast mitzuwirken. Am Hafen fanden sie zwischen einer kleinen Anlegestelle und einem Tempel einen ruhigen Platz. Marcellus lieh bei einer Schankstube ein gewebtes Tuch aus. Sie breiteten die Speisen darauf aus. Hinter ihnen lagen Boote am Kai. Vor dem Tempel gingen Händler, Lastträger und Kinder über den Platz.

Frühstück am Hafen mit Brot, Moretum, Libum, Früchten und Mulsum.

Aus einem einfachen Frühstück wird ein öffentlicher Empfang, sobald Dachsberts Purpurstreifen daran teilnimmt.

Mummrich strich Moretum auf ein Stück Brot und reichte es Faulmann. Faulmann biss genüsslich hinein.

“Der Knoblauch ist gründlich.”

“Gut”, sagte Mummrich.

“Dann ist es gelungen.”

Das Libum war innen weich und schmeckte mehr nach Käse als nach Kuchen. Liora teilte es in vier Stücke. Dachsbert versuchte dabei erneut, Marcellus wenigstens die Auslagen zu erstatten. Marcellus las von der Wachstafel:

“Nicht nötig. Die Stadt bezahlt das Brot und den Mulsum. Der Käsehändler hat den Aufstrich gestiftet. Die Früchte sind Werbung. Das Libum ist Gastfreundschaft.”

“Und wer bezahlt das Tuch?”

“Niemand. Wir bringen es zurück.”

Dachsbert betrachtete die verschiedenen Zuständigkeiten auf dem Tuch.

“Das ist kein Frühstück. Das ist eine Verwaltungsangelegenheit.”

Faulmann nahm sich eine Olive.

“Dann sollten wir sie aufessen, bevor sie archiviert wird.”

Sie aßen, während am Kai Taue knarrten und Wasser gegen die Steine schlug. Menschen, bei denen sie zuvor etwas erhalten hatten, kamen auf ihrem Weg vorbei und sahen kurz herüber. Die Brotfrau hob die Hand. Die Obsthändlerin bemerkte zufrieden, dass ihre Trauben sichtbar oben in der Schale lagen. Als sie wieder aufstanden, war der Korb leichter und Marcellus’ Wachstafel voller. Liora öffnete das Bündel mit der Reisekleidung.

“Schon wieder umziehen?”, fragte Faulmann.

“Die hellen Tuniken waren für den Empfang und das Frühstück. Jetzt gehen wir zwischen Speichern, Wagen und Hafenarbeitern weiter.”

Faulmann betrachtete seine neue Tunika und dann den Staub auf dem Weg.

“Das ist ein überzeugender Einwand.”

Er zog die gedeckt grüne Reisetunika über. Mummrich folgte mit seiner kurzen graugrünen Handwerkerkleidung und legte den Werkzeuggürtel wieder außen herum. Liora schlüpfte in ihre hellbraune Tunika. Die neuen Festtuniken blieben darunter sauber. Dachsbert sah an seiner eigenen hellen Tunika hinunter.

“Und ich?”

Liora betrachtete seinen Purpurstreifen.

“Du bist der Ehrengast. Man muss dich weiterhin erkennen können.”

“Ich bin also die Kennzeichnung der Gruppe.”

“Eine vorläufige”, sagte Faulmann.

Vom Hafen kam lautes Rufen.

Eine Gruppe Soldaten zog einen leeren Wagen über das Pflaster. Ein zweiter stand quer vor einem Speicher. Arbeiter liefen zwischen Kai und Lagerhalle hin und her. Marcellus verlangsamte den Schritt.

“Die Speicher und den Ladekran kann ich Euch auch von hier erklären.”

Dachsbert ging weiter.

“Von dort versteht man sie vermutlich besser.”

Vor dem Speicher wartete ein Centurio. Hinter ihm war eine Lagerbucht leer, die es offenbar nicht sein sollte.

  1. Garum gehörte zu den verbreiteten Würzsaucen der römischen Küche. Dafür wurden kleine Fische oder Fischteile mit Salz fermentiert; die gefilterte Flüssigkeit würzte sehr unterschiedliche Speisen. Garum war dabei keine einheitliche Luxusware: Herkunft, Rezept und Qualität bestimmten den Preis. Produktionsstätten und Amphorenfunde zeigen, dass Fischsaucen über weite Strecken gehandelt wurden. 

  2. Amphoren waren keine beliebig geformten Behälter. Bestimmte Typen wurden in bestimmten Regionen für typische Waren hergestellt, etwa Wein, Öl oder Fischsauce. Form und Ton konnten deshalb auf Herkunft und wahrscheinlichen Inhalt hinweisen; Stempel und aufgemalte Aufschriften lieferten zusätzliche Angaben. Wiederverwendung war allerdings üblich, daher war die Form allein kein unfehlbares Etikett. 

  3. Das offene Herdfeuer ohne Schornstein begegnet uns auch im zweiten Teil des Kommern-Ausflugs. Dort zog der Rauch im Hallenhaus allerdings durch die große Diele und unter das Dach, wo er Vorräte trocken hielt und Schädlinge fernhielt. In der Xantener Herberge war der Weg zum Fenster kürzer - angenehm war er deshalb nicht unbedingt. 

  4. Ein antiker Kühlschrank ohne Kältemaschine: Keller hielten die Temperatur gleichmäßiger als Räume über der Erde, und in den Boden eingelassene Gefäße standen kühl und kippsicher. Ganz wörtlich darf man den Vergleich nicht nehmen - die Gefäße kühlten nicht aktiv, sondern nutzten die niedrigere und stabilere Bodentemperatur. Die Einrichtung der rekonstruierten Herberge veranschaulicht dabei eine aus römischen Kellern bekannte Form der Vorratshaltung.