- Radfahren ist die einzige Meditation, bei der man nebenbei noch Orte sammelt. Und Gegenwind-Argumente.
- Bahnsteige sind die stillen Kathedralen der Gegenwart: viel Warten, wenig Erlösung, sehr gute Akustik für Selbstgespräche.
- AI ist manchmal wie ein kluger Spiegel: Er zeigt dir nicht nur dein Gesicht, sondern auch deine Eile.
- Museen sind keine Vergangenheit. Museen sind Gegenwart im Kostüm — und manchmal mit Sicherheitsdienst.
- Vergänglichkeit ist kein Thema, sagt Faulmann. Vergänglichkeit ist die Grundeinstellung.
- „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist oft der Moment, in dem man genauer hinhören sollte. (Der Wald hört dann meistens schon.)
- Meister Mummrich ist nicht mystisch. Er ist nur gut informiert und nicht eitel genug, daraus Lärm zu machen.
- „Wach“ ist im Faulmann-Kosmos die höchste Tugend — knapp vor „Honigkuchen verfügbar“.
Was der Wald gehört hat - Darf sie das
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Der Zug war mit Faulmann (oder Faulmann mit dem Zug) schon auf dem Rückweg, dieser leicht ermüdete Zustand zwischen Ankommen und Noch-nicht-zu-Hause. Faulmann saß am Fenster, der Rucksack sicher verstaut, den ganzen Wagen für sich. Einer dieser Abende, an denen fast niemand sonst noch fährt. Es gibt vielleicht 2-3 dieser Abende im Jahr, und jedes Mal wirken sie wie ein kleines Versehen im Fahrplan der Welt.
Draußen zogen Bahnsteige vorbei wie halbfertige Gedanken.
Auf den Ohren lief so eine Art kennst du schon Playlist. Nichts Dramatisches. Eher Musik als Geländer, damit die eigenen Gedanken nicht so leicht von der Treppe fallen. Und dann begann eines der Lieder sich einzumischen. Nicht laut, nicht sofort. Erst wie ein Tonfall, der anders ist als der Rest, dann wie ein Satz, der nicht nur vorbei will.
Paula Carolina, Darf sie das.
Faulmann merkte schnell, warum etwas blieb. Resonanz. Denn der Bär mag sowas. Er lässt sich gern von Dingen erzählen, die es gar nicht gibt. Von Zuständen, die noch nicht beschlossen wurden. Von Welten, die für drei Minuten so tun, als hätten sie einen anderen Grundriss. Und wenn das dann auch noch auf einem fetzigen Beat passiert, umso besser. Der Wald ist nicht gegen Tanzbarkeit. Im Gegenteil, er ist gegen falschen Ernst und liebt es, wenn man seine Tatzen freudig mitwackeln lässt.
Die Utopie kam ohne Tarnung. Bezahlbare Wohnungen, kein Hass, kein Erklärenmüssen. Menschen, die morgens aufwachen, ohne schon müde zu sein von der Welt. Das alles nicht als Forderung, sondern als freche Behauptung. Als würde jemand sagen: Stell dir vor, das hier wäre normal. Nur kurz.
Der Refrain übertrieb so sehr, dass er sich schon wieder ehrlich macht. Dieses grelle Glück, bei dem man automatisch misstrauisch wird. Und sofort stellte sich die Frage, die sich immer stellt, wenn jemand zu sichtbar Freude hat: Darf sie das?
Der Wald kennt diese Frage gut. Er hört sie oft. Meist leise, meist mit gesenktem Blick. Aber hier kam die Antwort ohne Begründung. Ja. Ich habe Spaß. Punkt. Keine Fußnote, kein Anhang.
Faulmann lehnte den Kopf ans Fenster. Der Wagen war still, die Schienen machten ihr endloses Ja-ja-ja, und draußen flackerte Nacht über Industrie und Felder. Der Song machte die Welt nicht besser. Aber er zeigte, dass sie für einen Moment anders klingen kann.
Für Paula Carolina jedenfalls Tatzen hoch: eine Künstlerin, die sicher krass weiß, wie man ausgibt, du, da fällt dir nix mehr ein!
Der Wald hat das gehört.
Und er hat genickt.
Der Bär empfiehlt - eine Stelle, die blieb: NaiNai Bao
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Faulmann kam aus dem Rautenstrauch-Joest.
Nicht im Sinne von “fertig”, sondern in diesem Zustand, in dem der Kopf noch voll ist von Blicken, Geschichten, Entdeckungen. Dinge, die nicht einfach Dinge sind. Herkunft, Deutung, Kontext. Die leise Spannung zwischen Vitrine und Welt.
Im Josef-Haubrich-Hof blieb er kurz stehen. Wind. Beton. Menschen in Übergangsbewegung. Und dann: NaiNai Bao. Kein großes Aufheben, kein Konzept-Schwurbel sondern ein sehr klares Signal: Hier weiss jemand, was er tut. Teig. Füllung. Handgriff. Und sehr freundliches, zuvorkommendes Personal - nicht aufgesetzt, sondern aufmerksam auf die gute, ruhige Art, die einem erlaubt, noch einen Moment Bär zu sein, bevor man bestellt.¹
Das fühlte sich für Faulmann wie eine logische Fortsetzung an.
Im Museum schaut man auf Dinge im Kontext - Herkunft, Blick, Deutung, manchmal auch auf das Unbehagen, das bleibt. Und hier bekommt man etwas, das nicht ausgestellt wird, sondern passiert: warm und unmittelbar. Essen als Gegenwart.
Faulmann bestellte Pork Jiaozi mit Erdnusssauce. 16 Stück.
Saftig, ordentlich gefüllt, guter Biss. Die Sorte Jiaozi, bei der man merkt, dass jemand ein Verhältnis zum Teig hat. Und die Erdnusssauce erst. Nicht Beiwerk, sondern Plotrelevant: nussig, rund, leicht süßlich, aber mit genug Wumms, um klarzumachen, dass hier niemand “nur” nett sein will.²
Nach Nummer 8 dachte Faulmann kurz: “ok, jetzt nur noch aus Prinzip”.
Bei Nummer 16 wusste er: Prinzip kann hervorragend schmecken. Der Bär hält das für eine wichtige Einsicht.
Dazu Milky Oolong Tee. Weich, duftig, beruhigend.
Wie die letzte Vitrine im Museum, bei der man nicht mehr liest, sondern einfach nickt.³
Faulmann mag Orte, die kein großes Narrativ aufmachen, sondern eines einlösen. Kein Erzählen, sondern Tun. Handwerk ohne Pathos. Und ja: Das ist dann plötzlich doch wieder ethnologisch - nur nicht als Ausstellung, sondern als Praxis.
Fazit des Bären:
Sehr empfehlenswert. 5/5 Teigtaschen ;–)
¹ Freundlichkeit ohne Theater ist eine unterschätzte Kulturtechnik. Der Bär merkt sich sowas.
² Faulmann unterscheidet zwischen Sauce als Dekoration und Sauce als Argument. Dies hier eindeutig Kategorie 2.
³ “Milky” ist ein riskantes Wort. Hier meint es nicht Dessert, sondern Gelassenheit.
⁴ Der Josef-Haubrich-Hof ist ein Ort des Durchzugs. Gerade deshalb eignet er sich für einen sehr konkreten Halt.
2025: Ein Jahr mit Reifenprofil und Bilderstaub
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Es gibt Jahre, die machen keinen Lärm. Sie machen eher Spuren. 2025 war so eins.
Am Anfang war viel Rad. Nicht aus sportlicher Erleuchtung, sondern aus bärischer Notwendigkeit: Wenn innen zu viele Stimmen reden, muss man raus. Also fuhr Faulmann los. Wie jedes Jahr. Erst kurz. Dann länger. Dann so, dass man unterwegs beginnt, die eigene Unruhe wie ein Tier zu erkennen: mal scheu, mal aggressiv, immer ein bisschen hungrig.¹
Manchmal ist eine Fahrt nur eine Fahrt. Und manchmal ist sie eine kleine Abmachung mit sich selbst: Du darfst heute alles denken — aber nicht alles gleichzeitig. Der Weg nimmt dann das Überflüssige ab, wie ein Ast, der am Ärmel zupft. Und irgendwann bleibt nur noch das Nötige übrig: Atem, Tritt, Blick. Der Rest läuft hinterher, wie ein Hund, der erst später versteht, dass er gerufen wurde.
Die erste Jahreshälfte roch nach Wind, Asphalt und dem milden Trotz, den man entwickelt, wenn Züge sich wie literarische Figuren beckettscher Machart gerieren: großer Auftritt, kein Erscheinen. Faulmann stand also viel auf Bahnsteigen rum, die so taten, als seien sie nur Beton — dabei waren es eigentlich kleine Prüfstände: Geduld, Würde, Temperament. Und irgendwo zwischen Verspätung und Weiterfahrt stellte sich eine einfache Erkenntnis ein, die nur unterwegs zuverlässig kommt:
Man kann sehr viel verlieren, ohne es zu merken — und sehr viel behalten, obwohl man’s nicht festhält.²
Im Sommer wurde das Denken wieder lauter. AI schob sich nicht nur als Spielzeug ins Bild, sondern auch als Spiegel: Was wird schneller? Was wird härter? Wer darf entscheiden, was „effizient“ heißt, wenn am Ende Menschen gemeint sind? Faulmann hatte nie die Neigung, Technik zu verteufeln — aber er hat eine feine Nase für den Moment, in dem ein System anfängt, sich selbst für Moral zu halten.³
Und dann kippte das Jahr. Nicht dramatisch. Eher wie ein Licht, das im Raum eine andere Richtung nimmt.
Plötzlich waren die Museen wieder da — als hätte die zweite Jahreshälfte beschlossen, innen weiterzugehen, wo das Draußen langsam aufhörte. Faulmann ging hinein, erst zögerlich, dann mit diesem ruhigen, ernsten Schritt, den Bären haben, wenn sie vorhaben, etwas wirklich anzuschauen. Museumsräume sind ja seltsame Orte: Sie tun so, als seien sie Vergangenheit, aber in Wahrheit ist es Gegenwart — nur in stiller. Man steht vor Bildern, die Jahrzehnte, Jahrhunderte alt sind, und merkt: Manche Dinge altern nicht. Manche Dinge kehren wieder. Und manche Dinge waren leider nie weg.⁴
In Museen ist die Zeit nicht weg, sie steht nur anders im Raum. Sie hängt nicht in Minuten, Stunden, Jahren, sondern in Abständen: zwischen Bild und Bild, zwischen Schulter und Rahmen, zwischen dem, was man weiß, und dem, was man plötzlich spürt.
Faulmann mochte diese Art von Stille. Nicht die feierliche — eher die, die einem erlaubt, Dinge wieder in voller Größe zu denken, ohne dass sofort jemand „Update“ dazu sagt.
Verlust und Vergänglichkeit prägten 2025 wie ein tiefer Ton, den man nicht abschaltet. Nicht als Pathos — eher als diese nüchterne Nähe: Dinge verschwinden. Menschen fehlen. Pläne verlieren ihren Sinn. Und trotzdem geht man am nächsten Tag einkaufen, macht Kaffee, fährt los, schaut weiter. Vanitas ist nicht das große Wort, Vanitas ist das kleine Faktum: „Alles hat ein Ende, und manchmal merkt man’s erst im Rückblick.“⁵
Vergänglichkeit klingt immer wie ein Thema für kluge Abende. In Wahrheit ist es eher eine Wetterlage: Man geht raus und merkt, dass es kälter ist, obwohl der Kalender etwas anderes vorsieht. Faulmann sagt dann nur: „Tja. Wird wohl so.“ Und genau in diesem Satz steckt alles: Trotz, Annahme — und ein bisschen Zärtlichkeit, die aber nicht geschniegelt, sondern schnoddrig auftreten will.
Dazu kamen gesellschaftliche Entwicklungen, die man auch erst für Wetter hält, bis man merkt, dass es Klima ist. Autoritarismus ist wohl selten ein einzelner Knall — er ist oft ein Gespräch, das schrittweise weniger Widerspruch verträgt. Ungerechtigkeit ist nicht immer eine Schlagzeile — manchmal ist sie ein Alltag, der sich für normal ausgibt. Faulmann merkte das, wie er Dinge immer merkt: nicht als Theorie, sondern als Unruhe im Fell.⁶
Man gewöhnt sich erschreckend schnell an sowas. Erst kippt ein Tonfall, dann kippt ein Satz, dann steht eine Tür offen, die früher sicher verschlossen war — und irgendwann tut man so, als hätte man sie nie gebraucht, und baut sie aus. Faulmann hat dafür keinen großen Begriff. Er hat nur dieses kurze Innehalten, dieses Brummen, das viel mehr ist als Unmut: ein inneres „Moment mal“, das die Welt für einen Augenblick wieder prüfbar macht.
Und genau da bekam der Wald mehr Personal.
Meister Mummrich trat deutlicher hervor: ein Maulwurf, der wirkt, als hätte er ein Archiv im Kopf und eine Taschenlampe fürs Ungesagte. Er sagt selten viel, aber wenn er etwas sagt, bleibt es hängen — wie ein Kletten-Satz am Hosenbein. Dachsbert tauchte auf mit seiner dachsigen Mischung aus Melancholie und praktischer Moral. Und Liora kam als Blick, der nicht tröstet, sondern klärt. Keine neuen „Helden“, eher neue Arten, wach zu bleiben.⁷
So floss 2025 am Ende zusammen: Draußen die Strecke, drinnen die Bilder, dazwischen die Fragen. Und unter allem dieses leise, hartnäckige Prinzip, das Faulmann nie als Prinzip bezeichnen würde:
Nicht einschlafen im allzu Warmen.
Zum Schluss brummte der Captain, wie er immer brummt, wenn ein Jahr nicht „gut“ oder „schlecht“ war, sondern einfach wirklich: „War eins von den echten.“ Dann goss er Tee nach. Und guckte kurz, ob draußen noch alles steht.⁸